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A. Rieble
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Legenda aurea - Goldene Legende: Legendae Sanctorum - Legenden der Heiligen. Lateinisch - Deutsch
Legenda aurea - Goldene Legende: Legendae Sanctorum - Legenden der Heiligen. Lateinisch - Deutsch
von Jacobus de Voragine
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 228,00

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen eine bahnbrechende Neuübersetzung, 21. Februar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wenn es von der Legenda Aurea in der Vergangenheit viele falsche Vorstellungen gegeben hat, so ermöglicht die vorliegende lateinisch-deutsche Gesamtausgabe, die von dem Baseler Altphilologen Bruno Häuptli übersetzt und wissenschaftlich kommentiert wurde, eine Neubewertung. Denn die Wirkung der bisherigen Übersetzung des Gesamtwerks (1917-1921) durch Richard Benz litt unter einem absichtlich gewählten altertümlichen Deutsch.
Der Autor der Legenda Aurea, Jacobus de Voragine (1230-1298), entstammte einer aristokratischen Familie aus Genua. Als Dominikanermönch wurde er 1266 Prior von Asti und 1267 zum Ordensprovinzial von Oberitalien gewählt. Auf Wunsch seiner Heimatstadt Genua war er bereit, sich 1292 zum Erzbischof weihen zu lassen.
Über die Entstehung der Legenda Aurea schreibt Häuptli: "Aus dem Umfang und der Komplexität seines Hauptwerks zu schließen, gingen jahrelange Vorarbeiten voraus, die er, offenbar im Auftrag des Ordens und, wie neuere Untersuchungen nahelegen, mit Unterstützung durch ein Redaktorenteam, neben den Aufgaben als Lektor und als Prior, so daß er das Werk zwischen 1263 und 1266 abschließen konnte."
Die Legenda Aurea ist ein ehrgeiziges Unterfangen. Sie ist alles andere als eine Sammlung von Heiligenlegenden mit erbaulicher Zielsetzung. Als Ordensbruder von Thomas von Aquin, den er von Ordensversammlungen her gekannt haben mußte, schuf Jacobus de Voragine (JV) analog zu dessen Summa theologica gewissermaßen eine Summa liturgica. Die LA ist demnach ein ausgesprochen gelehrtes Werk von umfassendem Anspruch. Im Prolog legt JV den Sinn der vier Hauptzeiten des liturgischen Jahres in streng numerierten Untergliederungen dar. Die Heiligenbiographien sind innerhalb dieses Rahmens verfaßt, insofern ihr Gedächtnis an wiederkehrenden Tagen des Kirchenjahres gefeiert wurde. Dabei wurden auch neueste Heilige berücksichtigt: Thomas Becket (1118-1170), Franz von Assisi (1181-1226), Elisabeth von Thüringen (1207-1237).
Die LA hat scholastisch-rationalen und systematischen Charakter. Hinsichtlich der Heiligenbiographien ging es JV darum, die frühesten Quellen aufzufinden und diese, soweit es seiner erzählerischen Konzeption entsprach, wörtlich zu übernehmen. Auf diese Weise wurden theologische und rhetorische Vorzüge spätantiker Literatur bis um 900 Jahre ins mittelalterliche Bewußtsein hinaufgehoben und durch kongeniales Verständnis angeeignet. Eine besondere Anziehungskraft üben die Dialoge zwischen christlichen Heldenfiguren und heidnischen Gegnern aus.
Will man für Heiligenlegenden der LA den Begriff Erbauungsliteratur nicht ablehnen, sondern positiv werten, so besteht sie darin, dem Leser Ideale vollkommener Nachfolge Jesu Christi vorzustellen. Der Leser wird sich daran auferbauen, daß Gott in heiligmäßigen Männern und Frauen Wunderbares wirken kann.
Die beiden Dünndruckbände bereiten bibliophile Freude. Die Einleitungskapitel vermitteln eindrucksvoll die umfangreiche Forschungsarbeit, die Bruno Häuptli für diese Ausgabe leistete und die für weitere Studien und Übersetzungen der Legenda Aurea einen bedeutenden internationalen Maßstab setzt.


Das blaue Mal
Das blaue Mal
Preis: EUR 0,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Plädoyer gegen Rassismus, 26. Februar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das blaue Mal (Kindle Edition)
Thema dieses Romans ist die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung in den USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts, besonders in den Südstaaten. Prof. Rudolf Zeller, Botaniker an der Universität Göttingen, der einen wohlhabenden Plantagenbesitzer und Blumenzüchter in Georgia besucht, wird mit allen Vorurteilen der herrschenden Schicht gegen die Schwarzen konfrontiert. Er widerspricht so gut er kann. Er lernt ein 15-jähriges Mulattenmädchen Karola kennen, mit der er sich auf nächtlichen Spaziergängen trifft. Die eifersüchtige Gastgeberin bringt Karola in Lebensgefahr, aus der sie Zeller rettet, indem er mit ihr nach New York flieht. Als sie dort nach der Geburt eines Sohnes stirbt, kehrt Zeller mit Sohn Carletto nach Europa zurück und erhält einen Lehrstuhl an der Universität Wien.

Die Handlung wechselt unvermittelt vom Vater zum inzwischen 22-jährigen Sohn. Der Leser erfährt an späterer Stelle, daß der Vater starb, als Carlo 16 Jahre alt war, und daß ein Freund Zellers die Vormundschaft übernahm.

Nach dem idealistisch-romantischen ersten Teil der Geschichte wundert sich der Leser, daß er es nun mit einem eitlen, dem Luxus zugetanen und wenig tauglichen jungen Mann zu tun hat. Man kommt zu dem bekannten Schluß, die Romanhandlung "wirkt konstruiert". Tatsächlich besteht jedes fiktionales Werk aus Konstruktionen, genauer, aus Prämissen, auf denen sich die Darstellung menschlicher Wirklichkeit aufbaut. Vom Leser wird erwartet, daß er diese Prämissen als gegeben annimmt, daß er sich also in eine gewisse Illusion des Als-ob begibt, die ihm ermöglicht, das aus den Prämissen hervorgehende reale Geschehen in seiner sachlichen und psychologischen Glaubwürdigkeit zu beurteilen.
Manche Prämisse schwingt allerdings beständig als "konstruiert", also als unglaubhaft mit. In dem Roman ist es die Zumutung an den Leser zu glauben, daß Carlos Aussehen niemand von seinen Bekannten auf den Gedanken bringt, daß er einen afrikanischen Erbanteil besitzt. Dieser ist am bläulichen Halbmond an der Wurzel der Nägel zu erkennen. Es ist auch kaum denkbar, daß Carlo niemandem von seinem familiären Hintergrund erzählt. Etwaige Hemmungen diesbezüglich werden nicht thematisiert.

In dem Roman DAS BLAUE MAL besteht die oberste Konstruktion in der Idee, daß das Ende der Handlung in den Anfang zurückkehrt, daß also der Sohn zurück zu seinen Wurzeln findet. Deswegen muß er in seiner europäischen Heimat gehörigen Schiffbruch erleiden, um in der Ausreise nach Amerika den letzten Strohhalm ergreifen zu können. Nach verbummeltem Studium, erfolglosen Bewerbungen und von Schulden verfolgt, hat Carlo in seiner heimlichen Verlobten Lisi Ortner, die von ihrem Onkel nach New York geholt wurde, eine Anlaufstelle.

Natürlich ist Carlo nicht ohne ideale Eigenschaften. Als Student ist er einem Fechtklub beigetreten, er ist athletisch, verfügt über Körperkräfte, die man ihm nicht zutraut, und er ist fremsprachenbegabt.

In der Neuen Welt gilt Carlo zu seinem Entsetzen als Nicht-Weißer. Nun erkennt plötzlich jeder Mißgünstige, daß er ein "Terzerone" ist, jemand, dessen einer Elternteil ein Mischling ist. Seine Lisi verleugnet ihn.
Zwei fehlorientierte rassische Verhaltensweisen werden einander gegenübergestellt: Wie Schwarze sich nach der weißen Farbe sehnen, so wehrt sich Carlo dagegen, sich mit den schwarzen Brüdern zu solidarisieren. Dies gelingt am Ende des Romans: In einem Holzfällercamp lehrt er Neger lesen und schreiben, und die gebildete Lehrerin Jane bekennt sich selbstbewußt zu ihrer schwarzen Farbe und zu einer gleichwertigen Intelligenz mit den Weißen. Der Roman beginnt und endet mit einer Liebesverbindung.

So kompromißlos sich der Autor Hugo Bettauer auch gegen Rassendiskriminierung einsetzt, man erkennt dennoch, daß er mit einer angemessenen Einschätzung der afrikanischen Mentalität und Intelligenz ringt. Bettauer ist ein vorzüglicher Erzähler, beschreibt realitätsnah Dinge, Örtlichkeiten, Milieus und Stimmungen. Situationen humanen und inhumanen Verhaltens sind glaubwürdig und eindrucksvoll geschildert.

Eine zeitgeschichtliche Einbettung der Handlung fehlt. Denn Carlo müßte während des Ersten Weltkriegs aufgewachsen sein. Die von Bettauer geschilderten Fälle von Diskriminierungen müßten mit den Erkenntnissen historischer Forschung verglichen werden. Wenn sie stimmen, kann man sie zur Veranschaulichung heranziehen.

Hugo Bettauer wurde selbst Opfer fanatischer Intoleranz. 1925 wurde er von einem Wiener Nationalsozialisten durch fünf Schüsse getötet.


Langenscheidt Handwörterbuch : Englisch-Deutsch (Langenscheidt Handwörterbücher)
Langenscheidt Handwörterbuch : Englisch-Deutsch (Langenscheidt Handwörterbücher)
Preis: EUR 18,99

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Unbefriedigend für Kindle umgesetzt, 21. Februar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Von Langenscheidt Lexika ist man Qualität gewohnt, man erwartet sie auch von vorliegender Kindle Version. Zur Bewertung ist zweierlei zu bedenken:

1. Welchen Stellenwert besitzt die Ausgabe des gebundenen Handwörterbuchs innerhalb der Größenreihe der Englischlexika?
2. Wie ist die Lexikographie der Buchausgabe für den Kindle umgesetzt?

ZU 1.: Das Handwörterbuch ist eine verschlankte Version des Großwörterbuchs. Dabei will man möglichst viel spezielles Vokabular erhalten, andererseits alles Entbehrliche streichen. Zum Opfer fielen hauptsächlich veranschaulichende Beispiele, sodaß von manchen Einträgen, besonders Verben, nur eine jeweils in Klammer gesetzte Bereichsbezeichnung und die deutsche(n) Bedeutung(en) übrig blieben. Der Vorteil dieser spartanischen Lösung ist eine schnellere Orientierung. Zu den Streichungen gehört auch eine große Zahl von ADVERBIEN.

Zu 2: Das Handwörterbuch wurde für den Kindle nach schematischen Gesichtspunkten umgearbeitet. Binnenstichwörter wurden zu regulären Stichwörtern. So findet man etwa unter dem Eintrag FACE LEVEL weitere 15 Binnenstichwörter. Auf diese Weise wird der Platz gespart, den man für Spezialwörter braucht.

Über diese schematische Umwandlung von Binnenstichwörtern in Hauptstichwörter hinaus hat Langenscheidt wenig elektronische Bemühungen investiert. Die Minimalanforderung wurde zunächst erfüllt: Die Endungen -ing und -ed der Verben, die Endungen -s der Substantive und Verben, und (i)er der Komparative werden den Grundformen zugeordnet.
Unbefriedigend ist, daß bei unregelmäßigen Formen lediglich auf die Grundform verwiesen wird, z.B. von TOLD auf TELL. Zum Stichwort TELL gelangt man erst, wenn man auf "Vollständige Datei anzeigen" tippt (PW1) oder über "Mehr" (PW2) das Wörterbuch öffnet. Man findet dann TOLD unterstrichen und in einem weiteren Schritt gelangt man zum Stichwort.

Völlig übersehen haben die Bearbeiter zweiteilige Stichwörter: Kein Verb mit Flexion oder irregulärer Form wird erkannt. Z.B. das phrasal verb DROP IN wird in den Formen DROPs IN und DROPPed IN nicht angezeigt. Substantive im Plural werden meistens erkannt, manche jedoch nicht : BLIND SPOTs, BLIND DATEs und DROP CURTAINs werden angezeigt, jedoch nicht BLIND STITCHes, BLIND SHELLs und DROP SEATs, auch nicht der Plural RUNNERs-UP, dafür fehlerhaftes RUNNER-UPs. Die Nachschlagefunktion für die so bedeutende Wortschatzgruppe der phrasal verbs und für viele zweigliedrige Substantive Wörtern fällt somit weitgehend aus.

Wie bereits erwähnt, sind Adjektiv-Adverbien im Handwörterbuch ziemlich sparsam vertreten. Bei CAREFUL-ly oder PLEASANT-ly wird der Nachschlagende im Stich gelassen.

Unangenehm ist, daß bei der Anzeige der vollständigen Definition alle Wörter außer dem Hauptstichwort einförmig grau dargestellt sind. Erst wenn man einige Seiten blättert, kehrt die gewohnte Darstellungsweise zurück.

Angesichts der Programmierdefizite ist der Preis für das Handbuch zu hoch und die Lesefreude gemindert. Einzig die hohe Zahl von 270 000 Stichwörtern vermag die Anschaffung zu rechtfertigen. (Collins 191 000, Pons 195 000)

Die Konkurrenzlexika zum Langenscheidt Handwörterbuch sind das Collins Concise English-German Dictionary und das PONS Wörterbuch Englisch-Deutsch sowie die beiden einsprachigen Oxford Lexika. Das Oxford English Dictionary auch in der Grundform keine phrasal verbs an, das New Oxford American Dictionary lediglich das verbale Hauptstichwort.
Unregelmäßige Verbformen werden in beiden Lexika zweigeteilt verwaltet: Über einen Pfeil auf dem Anzeigefeld kann man zum Grundverb gelangen. In der Mitte des Feldes wird die Zahl der Einträge (2+) angezeigt.

Am besten schneidet das PONS Wörterbuch Englisch-Deutsch Advanced ab. Es entspricht in allem dem Großwörterbuch, das 2001 erstmals erschien. Es erkennt fast alle Flexionen von phrasal verbs. Von den 22 phrasal Verbs von PUT werden die flektierten Formen mit OFF, OUT, TOGETHER und UP nicht angezeigt.
Das Adverb MANIACAL-ly wird dem Substantiv MANIAC mit dem Binneneintrag MANIACAL zugeordnet, ohne daß die Adverbform selbst vorhanden ist. UNABATED-ly wird jedoch nicht angezeigt, obwohl UNABATED ein Stichwort ist.
PONS bietet einigermaßen das an Programmierung, was man als Standard erwarten darf.
Das Collins Dictionary verhält sich hinsichtlich der phrasal verbs wie das Langenscheidt Lexikon. Zweigliedrige Substantive werden im Plural allesamt nicht angezeigt.

Ob es weitere und noch etwas differenziertere Programmentwicklungen über das hinaus geben wird, was im Augenblick PONS bietet, ist abzuwarten.

Die Annehmlichkeit der Benutzung mehrerer Wörterbücher im PW1 wurde in seinem Nachfolger PW2 leider fallen gelassen.


Vita Sancti Martini / Das Leben des Heiligen Martin: Lateinisch / Deutsch
Vita Sancti Martini / Das Leben des Heiligen Martin: Lateinisch / Deutsch
von Gerlinde Huber-Rebenich
  Broschiert
Preis: EUR 4,00

5.0 von 5 Sternen Verdienstvolle Veröffentlichung, 22. Januar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die 5 Punkte gehen in erster Linie an Prof. Dr. Gerlinde Huber-Rebenich, die es "einem interessierten Lesepublikum" (S.125) ermöglicht, die Lebensgeschichte des heiligen Martin von Tours, die Sulpicius Severus um 396 verfaßt hat, in einer preiswerten zweisprachigen Reclam Ausgabe kennenzulernen. Die vorzügliche Übersetzung hält sich eng am Text. Den zahlreichen Anmerkungen am Ende des Textes folgt eine Gliederung des Inhalts und übersichtliche Literaturhinweise. Besonders wertvoll ist das Nachwort, worin die Verfasserin die neueren wissenschaftlichen Forschungen und Erkenntnisse zusammenfaßt. Die hinzugefügten Fußnoten verweisen allerdings häufig nur auf wissenschaftliche Literatur, die der Leser erst beschaffen müßte. Z.B. werden Unstimmigkeiten der Chronologie, die zu zwei differierenden Geburtsjahren führen, 316 oder 336, nicht näher erläutert.

---------------FORM UND INHALT------------------

Um die verhältnismäßig kurze Monographie des Sulpicius angemessen zu würdigen, sollte der Leser zwei innere Haltungen miteinander verbinden und gegenseitig durchdringen, die der Wissenschaft und die des christlichen Glaubens. Beide beanspruchen rationales Denken für sich. Beiden Haltungen entsprechen die literarischen Prinzipien FORM und INHALT.

Die Altphilologin Gerlinde Huber-Rebenich wird der wissenschaftlichen Betrachtungsweise durch folgende Gliederung ihres Nachworts gerecht:
A. Der Autor: Sulpicius Severus
B. Der Protagonist: Martin
----I. Der historische Martin
---II. Das Martinsbild des Literaten Sulpicius Severus
------ 1. Das literarische Programm des Sulpicius Severus
------ 2. Das Martinsbild des Sulpicius Severus
C. Rezeption der Vita und weitere Martinsschriften

Formal arbeitet Huber-Rebenich über Sulpicius Severus folgendes heraus:
- Vorbild für S.S. ist die Vita des ägyptischen Mönchs Antonius, verfaßt von Athanasius.
- Sein Bestreben ist, eine christliche Historiographie zu begründen. Widmungsbrief und Prolog stellen eine ars poetica der christlichen Kunstprosa dar. In wörtlichen Anklängen bezieht sich S.S. dort auf die Prologe der Komödie Andria des Terenz und der Coniuratio Catilinae des Sallust. Der Aufbau der Vita lehnt sich an die Kaiserbiographien des Sueton an. "Er macht sich das Erbe der Antike untertan, um es wirksam zur Propagierung des christlichen Glauben zu benutzen." (S.110)
- Adressaten seiner Monographie sind die "provinziellen Eliten des Westens". (S.106)
- Er verteidigt Martin gegen seine aristokratischen Bischofskollegen, die ihm früheren Kriegsdienst und übetriebenes Asketentum vorwerfen.

Aus den genannten Umständen ergibt sich für H.-R. eine "Stilisierung" seines Martin, dem er "systematisch ... die Züge von Propheten, Aposteln, Märtyrern und Bekennern verleiht und damit verschiedene anerkannte Modelle von Heiligkeit integriert." (S.118) Der Begriff "Stilisierung", der mehrmals verwendet wird, ist geeignet, dem Leser Vorbehalte gegenüber dem Wahrheitsgehalt der hagiographischen Schrift einzuflößen. Allerdings räumt H.-R. dem Verfasser ein, die Faktizität der Ereignisse einer 'höheren Wahrheit' (S.104) unterzuordnen.

Es ist von H.-R. nicht zu erwarten, daß sie in den für sie abgesteckten Rahmen literarischer Analyse Glaubensaspekte einbezieht. Sie bewahrt stets die Haltung wissenschaftlicher Sachlichkeit. Dem Glaubenden reicht diese jedoch nicht aus. Welchen Bezug zu Martin von Tours, dem Patron Frankreichs und einer der bedeutendsten Symbolfiguren des Christentums, sollte der Glaubende idealer Weise gewinnen?
Die Betrachtungsweise des Glaubens ist zunächst vom Grundsätzlichen anzugehen und dann auf den Verfasser S.S. anzuwenden.

....................................DIE PERSPEKTIVE DES GLAUBENS .....................

--------------------------------- VOLLKOMMENHEIT -----------

Der Christ ist zu einem vollkommenen Leben in der Nachfolge Jesu Christi berufen. Es gibt viele Stufen der Vollkommenheit. Ein heiliger Mensch zeichnet sich dadurch aus, daß er entschlossener und radikaler den Weg des Evangeliums geht. Ein Heiliger ist wie Jesus Christus selbst für jeden Christen ein nachahmenswertes Vorbild im Glauben.
Nach den Worten Jesu werden seine Werke auch von seinen Jüngern vollbracht werden, wenn ihr Glaube stark ist (Joh 14,12-14; Mk 16,17f; Lk 10,19). Martin von Tours ist einer der Ausnahmeheiligen, die schon während ihrer Lebenszeit durch Wunder im ganzen Land berühmt werden. Dieser Umstand bildet den Ausgangspunkt der literarischen Berufung des S.S.

----------------------------SULPICIUS SEVERUS ----------------

___________________________ Frühe Lebenszeit ______________

Sulpicius Severus wurde um 355 als Sproß eines vermögenden aquitanischen Adelsgeschlechts geboren. In Bordeaux erhielt er Rhetorikunterricht und machte als Anwalt Karriere. Mit seinem Freund Paulinus (ca. 353-431), dem späteren Bischof von Nola und dem Politiker und Dichter Ausonius (310-393) stand er in geistigem Austausch. Nach dem frühen Tod seiner Gattin veräußerte seinen Besitz und führte auf seinem Landgut, das er behalten hatte, ein asketisches Leben.
S.S. war von Haus aus Christ. Er hatte keine Schwierigkeiten, wie auch wir heute, sein Christsein mit dem Studium der klassischen lateinischen Schriftsteller zu vereinbaren. Die durch sie vermittelte geistige und sprachliche Bildung hielt er für wertvoll und erhaltenswert. Wir können annehmen, daß er eine hohe ideale Gesinnung besaß wie etwa der moralisch denkende Historiker Sallust, von dem noch zu sprechen sein wird.
Als Angehöriger der Aristokratie war er über die geistige und religiöse Lage des Landes auf dem laufenden. Von Martin war er gewiß bald sehr beeindruckt und wird ab einem bestimmten Zeitpunkt Partei für ihn gegen seine bischöflichen Gegener ergriffen haben. Das Jahr 385, in dem der als Häretiker angeklagte Priszillian hingerichtet wurde, obwohl Martin für ihn eingetreten war, könnte eine entscheidende Wegmarke seines inneren Verhältnisses zu dem Bischof von Tours gewesen sein. Priszillian vertrat wie Martin einen asketischen Lebensstil. Irgendwann nach 390 "brannte er darauf, Martins Lebensgeschichte aufzuschreiben" (25,1).
____________________ Seine Vision von Martin_______________
Sulpicius erkannte, daß Martin eine christliche Ausnahmeerscheinung war, ein zweiter Christus für die gallische Nation. Er machte eine "Pilgerreise" zu dem Bischof von Tours, um seine innere Vorstellung von ihm zu vervollständigen. Drei Dinge scheinen ihm, wie auch für uns Nachvollziehende, Martins Lebenslauf zu bestimmen:
1. Seine frühe göttliche Berufung (2,2)
2. Sein Mut, mit 10 Jahren gegen den Willen der Eltern um Aufnahme in die Kirche zu bitten (2,3)
3. Seine Absicht im Alter von 12 Jahren, ein Eremitendasein zu führen, d.h., auf eine weltliche Laufbahn zu verzichten und sich der Kontemplation des Göttlichen zu widmen (2,4)
Diese drei Bestimmungsfaktoren stellt Sulpicius in verdichteter Form an den Anfang der Vita. Seine außergewöhnliche Heiligkeit erlangte Martin durch die Konsequenz und dem Mut, seine ursprünglichen Intentionen zu verwirklichen.

________________________ Literarische Umsetzung _________________
************************ Vorbereitung **************************
Um seiner literarischen Aufgabe gerecht zu werden, folgt Sulpicius seinem Vorbild in der Besitzlosigkeit nach. Dies erfordert von ihm MUT, sein väterliches Erbe auszuschlagen. Nun setzt er seine literarischen Fähigkeiten ein, um dem "homini inlitterato" (25,8) ein bleibendes Denkmal zu setzen. Mit dieser sicherlich nicht herabsetzenden Bezeichnung meint Sulpicius erstens, daß Martin keine akademische Ausbildung genossen hatte und zweitens, daß er nichts Schriftliches verfaßte, das der Nachwelt erhalten bliebe.

Gewaltiger Antrieb für sein Vorhaben ist der Historiker Sallustius Crispus und sein Traktat über Catilina aus folgenden Gründen:
1. Sallust beklagt, daß Heldentaten der frühen römischen Geschichte nicht oder zu wenig gewürdigt wurden, weil es keine fähigen Historiker gab, die sie aufschrieben (Kap.8). Diesen Fehler aber würde Sulpicius begehen, wenn "die Verdienste eines so großen Mannes verborgen blieben" (Widmung 5). Er wolle sich bemühen, "daß der, den es nachzuahmen gilt, nicht unbekannt bliebe" (1,6).
2. Dem absoluten Bösewicht und Heiden steht ein Christ und außergewöhnlicher Heiliger gegenüber.
3. Sulpicius kann einen persönlichen Schlußstrich ziehen in seinem Konflikt zwischen antikem und christlichen Geist. Das Christentum verkörpert höhere Werte als das Römertum, Glaube steht höher als Beredsamkeit (Widmung 3). Es ist unverkennbar, daß sich Sulpicius gewaltsam von Sallust losreißt. Er setzt sich nicht ehrlich mit ihm auseinander. Sallusts zentraler Begriff Ruhm (gloria) wird als nichtig (inanis) bezeichnet. Während Sallust erst in Analogie zu den Tatmenschen Ruhm auch für den darstellenden Historiker beansprucht, bezieht ihn Sulpicius primär auf den Literaten. Hektor und Sokrates werden in einen Topf geworfen (1,3). Alles Tun bezieht sich für den Christen nun "auf jenes selige und ewige Leben" (1,2). Mit einem symbolträchtigen ersten Satz, parallel zu Sallust 2,8 verabschiedet sich Sulpicius von der heidnischen Antike:
S.S.: Plerique mortales, studio et gloriae saeculari inaniter dediti, ...
Sehr viele Sterbliche, weltlichem Streben und Ruhm eitel hingegeben, ...
Sallust: Multi mortales, dediti ventri atque somno, indocti incultique vitam sicuti peregrinantes transigere.
Viele Sterbliche, dem Bauch und dem Schlaf hingegeben, gehen ungebildet und ungesittet wie Herumirrende durchs Leben.
Der Ausdruck "studio et gloriae saeculari inaniter dediti" erscheint als eine parodistisch enthüllende Herabstufung auf die Begriffe "ventri atque somno".

************************ Durchführung **************************
Im Widmungstext an seinen Bruder drückt Sulpicius seine Befürchtung aus, es könnte ihm an sprachlicher Gewandtheit fehlen, um seinem literarischen Vorhaben gerecht zu werden. Das ist sicher nicht als bloße captatio benevolentiae zu verstehen. Schon Sallust betont in der coniuratio, den geschichtlichen Taten müsse eine gleichwertige literarische Darstellung entsprechen (facta dictis exsequenda sunt 3,2). Tatsächlich konnte Sulpicius nicht erwarten, seinem Stilvorbild gleichzukommen. Vor allem verlangte seine Abkehr von antik-heidnischen Denkmustern, etwas ganz Neues zu schaffen. Als neues Stilvorbild konnten besonders die Evangelien dienen.
Sulpicius ist daran gelegen, seine Darstellung nicht zu lang werden zu lassen. Was es an Berichtenswertem und Denkwürdigem zu berichten gäbe, wird durch drei Umstände eingeschränkt: 1. Erstens, er hat nicht alles in Erfahrung bringen können, was bekannt ist, 2. Martin hat vieles für sich behalten, 3. aus dem, was er, Sulpicius, erfahren hat, ist eine Auswahl zu treffen, um im Leser keinen Überdruß hervorzurufen. (1,7-8)

Sulpicius überlegt, worin Martins Heiligkeit im Innersten besteht und wie er sie am überzeugendsten darstellt. Er findet zweierlei heraus: 1. Niemand tritt mehr durch Wunderheilungen und sogar Totenerweckungen hervor als er. 2. Je heiliger jemand ist, umso mehr ist er Zielscheibe des Widerpartes Gottes, des Teufels. Als geweihter Exorzist ist er dessen Angriffen besonders ausgesetzt. Diese beiden außerordentlichen Wirkungsbereiche stellt Sulpicius daher in den Mittelpunkt seiner Lebensbeschreibung. Demgegenüber spielen weder Kirchenpolitik, administrative Maßnahmen oder Unterweisungen der Gläubigen eine Rolle.

Gerlinde Huber-Rebenich legt nahe (S.109), daß sich Sulpicius die Gliederung von Suetons Kaiserviten in einen chronologischen, einen systematischen und einen privaten Teil zu eigen machte. Demnach ist die Vita Martini eingeteilt in die Kapitel 1-10, 11-24 und 25-27. Die Kapitel 11-20 behandeln Wunderzeichen, die Kapitel 21-24 Auseinandersetzungen mit dem Teufel. Aber leitmotivisch wird auch im ersten Teil von Wundern und einer Begegnung mit dem Teufel berichtet. Der Teufel kündigt ihm an: "Wohin auch immer du gegen und was immer du unternehmen magst, der Teufel wird sich dir entgegenstellen." (6,2)

Die Kürze der Darstellung und Martins Demut ist Grund dafür, daß Sulpicius den Heiligen nur fünfmal in knapper direkter Rede sprechen läßt: Alle fünf Fälle erweisen die machtvolle Wirkung seines Mutes: Zuerst, als er vor einer Schlacht seinen Kriegsdienst aufkündigt und den Vorwurf der Feigheit mit dem Angebot beantwortet, waffenlos den Feinden gegenüberzutreten (4,3-5): Diese ergeben sich kampflos. In den anderen drei Direktreden tritt er in Ausübung seines Exorzistenamtes dem Teufel selbst gegenüber (6,2; 17,6; 22,5; 24,7) und verjagt ihn.
Angemerkt sei hier, daß der Name MARTINUS bedeutet, dem Kriegsgott MARS anzugehören. Von daher gewinnt seine Aussage vor Kaiser Julian "Christi ego miles sum" - "Ich bin der Soldat Christi" eine konnotative Bedeutung.

Die einzelnen Episoden sind sorgfältig ausgearbeitet, zum Teil interaktiv durch die lebhafte Beteiligung anderer Personen. Nach oder vor Episoden stehen zusammenfassende Aussagen, etwa daß fast kein Kranker zu Martin kam, "der nicht zugleich seine Gesundheit zurückerlangt hätte" (16,1) oder daß er meistens die Bauern durch "heilige Predigt" dazu brachte, ihre heidnischen Tempel selbst zu zerstören (15,4).
Als Erzähler nimmt Sulpicius eine rühmende Grundhaltung ein, die jedoch nicht aufdringlich wirkt. Synonym zu Martinus (64x) verwendet er vir sanctus (4x), vir sanctissimus (2x), sanctus episcopus, vir beatus (7x), vir beatissimus, magistri beati. Die Übersetzerin konnte sich nicht durchringen, auch beatus mit heilig wiederzugeben, denn selig hat leicht andere subjektive Konnotationen.
In den Kapiteln 25-27 äußert sich Sulpicius am persönlichsten über den Heiligen und seinen Charakter, dem Inhalt nach gleich, doch eindringlicher als im Einleitungskapitel 1, wodurch Anfang und Schluß eine konsequente Übereinstimmung bilden. Was Sulpicius am Ende sagt, ist geeignet, auch den Leser zu Nachahmung des Heiligen zu bewegen: "An Martin ist alles viel zu groß, als daß es sich in Worte fassen ließe" (26,3). Sein Denken und Tun war "stets auf den Himmel gerichtet" (26,2). Äußerste Demut und unablässiges Gebet kennzeichnen ihn: Als Sulpicius Martin besuchte, wusch dieser ihm die Füße (25,3). Er "ließ auch beim Lesen, oder wenn er etwas anderes tat, im Geist nie vom Gebet ab" (26,3). Das Gebet waren seine Waffen (16,7).
Ein weiterer herausragender Charakterzug Martins ist seine Sanftmut und Milde: "Niemand sah ihn jemals erzürnt, niemand aufgebracht" (27,1), "keinen verurteilte er, keinen verdammte er, keinem vergalt er Böses mit Bösem" (26,5). Seine Kleriker konnten ihn ungestraft kritisieren.

Auffällig ist, daß im gesamten Text nur eine Bibelstelle angeführt: Nachdem Martin dem Bettler die Hälfte seines Mantels gegeben hat, träumt er in der folgenden Nacht, Jesus selbst habe das geschenkte Kleidungsstück getragen. Sulpicius kommentiert diesen Traum mit den Worten: "Was immer ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan" (3,4). Durch diese Zurückhaltung zeigt Sulpicius, daß er in Martin die Verkörperung des Evangeliums selbst sah, das nur aus seinen Taten sprechen sollte. Auf diese Weise bleibt Suspicius dienend im Hintergrund.

In einer Hinsicht kann ich Huber-Rebenich nicht folgen: Sie meint, Sulpicius orientiere sich am ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther 12,28, um in Martin alle Gnadengaben des Heiligen Geistes darzustellen: Apostelamt, Prophetie, Krankenheilung, Zungenrede. Natürlicher ist es, das verschiedenartige Wirken Jesu selbst als Orientierungsmaßstab anzunehmen. Es geht hier um eine grundsätzliche Denkperspektive, wie sich an den drei berichteten Totenerweckungen zeigen läßt. Der erste Erweckte ist ein Katechumene seiner Mönchsgemeinschaft (Kap.7), der zweite ein Sklave, der sich erhängt hat (Kap.8). Schließlich erweckt und heilt er ein Mädchen anläßlich einer Reise nach Trier. Nach seiner Ankunft fleht ihn der Vater des Mädchens an, sie zum Leben zu erwecken, sie lebe nur noch im Geist, im Körper sei sie schon gestorben.
Auch gemäß den Evangelienberichten erweckt Jesus zwei Männer (Jüngling von Naim, Lazarus) und ein Mädchen (Tochter des Jairus) von den Toten. Nun könnte die Vermutung angestellt werden, Sulpicius habe mit Absicht diese Parallelität hergestellt, um Martins Christusähnlichkeit hervorzuheben. Die Perspektive des Glaubens folgt jedoch einer anderen Logik: Gott lenkt in weiser Vorsehung seine Kirche und die Geschicke eines jeden Einzelnen. Sankt Martin und Sulpicius sind also Werkeuge seiner Vorsehung, der sich die Christusnähe der gewirkten Wunder verdankt. Inwiefern Sulpicius dabei eine größere Auswahl von Erweckungswundern zu Gebote stand und wie weit ihm die Parallelität bewußt war, wissen wir nicht. Das Wunder, das Martin in der Kaiserstadt Trier wirkt, weist über seine Diözese hinaus auf den größeren Rahmen der westlichen Reichshälfte hin. An das genannte Wunder schließen sich im übrigen noch zwei weitere an.

Erwähnenswert sind erzählerische Mittel, die Spannung erzeugen und sogar unterhaltsam wirken, indem Sulpicius verschiedenen Gruppen von Akteuren und Zuschauern mit einbezieht. Als Beispiel sei eine Missionsbegebenheit angeführt: Die Bewohner eines Dorfes ließen zwar die Zerstörung ihres Tempelheiligtums zu, aber leisteten Widerstand bei der Fällung einer ihnen heiligen Kiefer. Auf Vorschlag eines Dorfbewohners ließ sich Martin an einen Pfahl binden, um den Leuten zu beweisen, daß sein Gott ihn beschütze. Daraufhin begannen die Bewohner mit wahrhaftigem Heidenspaß (cum ingenti gaudio laetitiaque) die Kiefer zu fällen, die unweigerlich auf Martin fallen mußte. Schon neigte sie sich gefährlich auf ihn zu. Die begleitenden Mönche erbleichten. Im letzten Augenblick erhebt Martin sein Kreuz und schwups - schnellte die gefällte Kiefer in die Gegenrichtung und hätte beinahe die Zuschauer auf der anderen Seite getroffen.


Monsieur Nicolas' Abenteuer im Lande der Liebe (Ein Erotik Klassiker): Retif de la Bretonne war ein Gegner der "Grausamkeit des Marquis de Sade" und kämpfte für "Freude am Sex"...
Monsieur Nicolas' Abenteuer im Lande der Liebe (Ein Erotik Klassiker): Retif de la Bretonne war ein Gegner der "Grausamkeit des Marquis de Sade" und kämpfte für "Freude am Sex"...
Preis: EUR 0,99

4.0 von 5 Sternen Authentisch, 21. Januar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Nicolas Restif de la Bretonne (1734-1806) war ein Zeitgenosse von Giacomo Casanova (1725-1797) und hat wie dieser etwa zur selben Zeit um 1795, umfangreiche Memoiren geschrieben. Während Casanova viele Länder Europas bereiste, lebte Restif zeitlebens in Frankreich.

Der französische Titel von Restifs Memoiren, Monsieur Nicolas ou le coeur devoilé - Monsieur Nicolas oder das enthüllte Herz, bekundet die Absicht des Verfassers, einen unverfälschten Bericht seines Lebens zu liefern, wovon der Leser einen überzeugenden Eindruck gewinnen kann.

Die Kindle-Ausgabe reicht lediglich bis zum Restifs 19. Lebensjahr (1753). Ursprünglich für den kirchlichen Dienst vorgesehen, lebt er eine Zeitlang im Pfarrhaushalt seines älteren Bruders (aus erster Ehe), wird von diesem jedoch wegen mangelnder Ernsthaftigkeit zum Bauernhof seines Vaters zurückgeschickt. Im nahegelegenen Auxerre beginnt er eine Druckerlehre. Eindrucksvoll schildert er seine Erlebnisse mit seinen Arbeitskollegen, denen gegenüber er sich durchsetzen muß.

Schon früh wird durch seine Umgebung sein Geschlechtstrieb geweckt. Seine Liebeserlebnisse zeugen von seiner Empfänglichkeit für weibliche Schönheit. Das Mädchen Jeannette Rousseau verehrt er als unerreichbares Ideal, das ihn sein ganzes Leben begleitet. Jahre später, nach der Trennung von seiner Frau Agnès Lebecque, möchte er Jeannette heiraten, die jedoch bereits gestorben ist.

Obwohl Restif viel von seinen inneren Zuständen verrät, enthält er sich meistens weitergehender moralischer oder philosophischer Reflexionen, verzichtet also auf moralische Rechtfertigungsversuche.

Die 15-jährige Julie und die viel ältere Marguerite, Haushälterin des Bruders, werden von Restif schwanger, er sieht sie jedoch niemals wieder, was der Leser im Fall Marguerites besonders bedauern mag. Die 18-jährige Madelon aus Auxerre, die von ihm ebenfalls schwanger ist, möchte er heiraten, aber sie kommt durch einen rätselhaften Unfall ums Leben.

Angesichts seiner vielen Affären ist es erstaunlich, daß Restif in seinem 42-bändigen Werk "Zeitgenossinnen" aufklärerische Ideale in Erziehung und Ehe vertritt und volkserzieherisch wirken möchte. Die Kindle-Ausgabe "Zeitgenossinnen" enthält eine kleine Auswahl von Erzählungen, die bisweilen ein erstaunlich hohes Ethos der Figuren erkennen lassen.


Ich bin Malala: Das Mädchen, das die Taliban erschießen wollten, weil es für das Recht auf Bildung kämpft
Ich bin Malala: Das Mädchen, das die Taliban erschießen wollten, weil es für das Recht auf Bildung kämpft
von Malala Yousafzai
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

5.0 von 5 Sternen Bewundernswert, 29. Dezember 2013
Das Buch ist klar und in sich stimmig aufgebaut und entspricht dem Ehrgeiz Malalas, Politikerin statt Lehrerin oder Ärztin zu werden, wie es den üblichen Zielen von Mädchen entspricht. Die Zusammenarbeit mit der Journalistin Christina Lamb ist hervorragend gelungen.
Der Leser erhält über das Buch verteilt wertvolle Kenntnisse über die Geschichte Pakistans, vom Gründer Jinnah über die Diktatoren Zia ul Haq und Musharraf zu Benazir Bhutto und Asif Zardari, über die verhängnisvolle Rolle des Geheimdienstes ISI und das Versagen der Militärs. Geschildert werden auch die Umstände der Tötung Osama Bin Ladens und der Verurteilung der Christin Asa Bibi.

Malalas Heimat ist das Swat, bewohnt vom Stamm der Paschtunen. Es hatte lange einen autonomen Status. Aus Unzufriedenheit mit dem Nationalstaat wählte man eine islamistische Partei an die Regierung, die den Taliban ermöglichten, die Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen.

Vor diesem Hintergrund kämpft Malalas Vater für freien Bildungszugang. Unter großen Entbehrungen gelingt es ihm, in der Hauptstadt Mingora eine Schule für Mädchen und Jungen zu errichten. Die Taliban erzwingen für Januar 2009 die Schließung aller Mädchenschulen. Um diese Zeit wird von Malala ein Video aufgezeichnet, das in den USA gezeigt wird. Vor dem Eingreifen des Militärs einige Monate später werden die Bewohner Mingoras zum Verlassen der Stadt aufgefordert. Die Taliban werden militärisch besiegt, sind aber weiterhin ein Drohpotential, das nicht beseitigt wird. Seit Anfang 2011 erhält Malalas Vater Morddrohungen. Sie werden nicht an ihm, sondern an Malala vollzogen. Der Schuß verletzt nicht Malalas Gehirn, ihre Rettung verdankt sie insbesondere der zufälligen Anwesenheit zweier britischer Ärzte in Rawalpindi, die die Intensivversorgung übernehmen, bis sie nach Birmingham gebracht wird. Ihre Gesundheit wird zu 86 Prozent wiederhergestellt. Die medizinischen Kosten von 200 000 Pfund übernimmt der pakistanische Staat.

Großen Raum nehmen die Familienbeziehungen ein. Entgegen der allgemeinen Einstellung pakistanischer Männer ist Malalas Vater beim ersten Anblick seiner Tochter in sie verliebt, wie es heißt. Nach ihr kommen noch zwei Brüder. Auffällig ist die islamische Frömmigkeit der Familie. Vater und Tochter nehmen eine eher selbständige Haltung gegenüber dem Koran ein, die analphabetische Mutter die von ihrer Erziehung übernommene. Man erhält den Eindruck einer persönlichen Gottesbeziehung. Malala bekräftigt dies am Ende des Buches: "I love my God. I thank my Allah. I talk to him all day."

Die deutsche Übersetzung liest sich flüssig, enthält jedoch einige Schlampereien, wie z.B. eine falsche Jahreszahl, 3. Januar 2003 statt 2009 oder eine fehlende Null bei der Bevölkerungszahl 300 000 von Karachi am Beginn des pakistanischen Staates. Zweimal werden Sätze an späterer Stelle wiederholt. Eigenartig hört sich folgendes an: "Ich schwatzte mit Moniba, der Weisen und Lieben, die nunmal meine Freundin ist" für "I was talking to Moniba, my wise, nice friend".


Weisungen aus dem Jenseits?: Der Einfluss mystizistischer Phänomene auf Ordens- und Kirchenleitungen im 19. Jahrhundert
Weisungen aus dem Jenseits?: Der Einfluss mystizistischer Phänomene auf Ordens- und Kirchenleitungen im 19. Jahrhundert
von Otto Weiß
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Geschichtliche Aufarbeitung, 20. November 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Von einem "gut gehüteten Geheimnis", wie es die Kurzbeschreibung formuliert, kann nicht die Rede sein, sondern die Geschichte von angeblichen Seherinnen - im Buch ist nur von zweien die Rede - ist schlicht und einfach bisher nicht aufgearbeitet worden. Genau diese Aufarbeitung hat sich der Redemptorist Otto Weiß aus Gars zur Aufgabe gemacht. Denn die Anfänge der bayerischen Redemptoristen sind untrennbar mit der "Visionärin" ALOYSIA BECK (1822-1879) aus Altötting verbunden; weil sie sich für etwas Besonderes hielt, nannte sie sich LOUISE. Ihr Vater war Gerichtsarzt und Apotheker. Schon als Kind glaubte sie, Engel und Heilige zu sehen. Bei den Englischen Fräulein in Burghausen erhielt sie ihre Ausbildung. Nach ihrer Rückkehr mit 19 Jahren wollte sie Nonne werden, aber ihr Vater verhinderte ihren Wunsch durch ein sachlich falsches ärztliches Gutachten. Sie unterstellte sich der Führung des Redemptoristen Franz Ritter von BRUCHMANN (1798-1867), der im selben Jahr mit weiteren sechs Patres in Altötting angelangt war. Nach kurzer Ehe und dem Tod seiner Frau Juliane hatte er die geistliche Laufbahn eingeschlagen. Nachdem Louise ab 1845 von Dämonen gequält worden war, gegen die Exorzismen eingesetzt wurden, erschien ihr Anfang 1847 Bruchmanns verstorbene Frau Juliane als "Schutzgeist", die fortan Botschaften und Weisungen an das Medium Louise gab. Daraus entstand die "HÖHERE LEITUNG", der sich die Patres und hochgestellte Personen unterstellten. Der markanteste Anhänger war Kardinal Karl August Graf von Reisach (1800-1869), Erzbischof von München und Freising, der im Gegensatz zum zuständigen Bischof Hofstätter (1805-1875) von Passau Louise Becks Visionen für echt anerkannte. Reisach gehörte zu den katholischen Bischöfen, die die Zukunft der deutschen Kirche in enger Loyalität zum Papst in Rom sichern wollten. Über die damalige Lage der deutschen Kirche und der Bischöfe gibt der Autor sachkundige Auskunft. Nach Konflikten mit der bayerischen Regierung wurde Reisach 1855 nach Rom berufen und zum Kardinal ernannt. In Rom wandte er indirekt oder direkt seine Gunst einer weiteren Visionärin im Kloster SANT'AMBROGIO zu, worüber der Kirchenhistoriker Hubert Wolf aus Münster die spektakuläre Abhandlung "Die Nonnen von Sant'Ambrogio" 2013 verfaßt hat.

Im Interesse einer grundlegenden Aufarbeitung eines historischen Kapitels des Redemporisten berichtet Otto Weiß über zahlreiche Einzelheiten, die dem Leser wenig Zusatzeinsichten bieten. Er betont, daß er die Phänomene nur aus der Sicht des Historikers, nicht aber des Psychologen, Tiefenpsychologen und Parapsychologen untersucht. Trotzdem hätte er auf diesem Gebiet etwas mehr Klarheit schaffen können. Nach Abschluß der Lektüre wird der Leser zwar nicht an der Unechtheit der Visionen zweifeln, aber auch Louise Beck nicht glattweg als Betrügerin betrachten.

Die Leitung der "Höheren Leitung" ging später auf Carl Erhard SCHMÖGER (1819-1883) über. Gegen die "Höhere Leitung" duldet er keinen Widerspruch. Unter seiner Gewissenstyrannei hat besonders Johannes Baptist SCHÖFL (1814-1899), ein Mitstreiter der ersten Stunde, zu leiden, nach dem er nicht mehr an die Echtheit der Visionen glauben konnte, sondern sie als "Teufelswerk" betrachtete. Besonders "das Geheimnis im Geheimnis" erfüllt ihn mit Abscheu. Worin dieses Geheimnis bestand, darüber drückt sich auch Otto Weiß eigenartig umständlich aus. Nach jahrelangen Gewissensqualen tritt Schöfl schließlich aus dem Orden aus und erhält eine Pfarrstelle innerhalb der Diözese München-Freising.

Nach dem Tod der Seherin und Schmögers entschwindet die "Höhere Leitung" wie ein böser Spuk aus der Geschichte der Redemptoristen.

Die zweite genannte Seherin ist Maria von Mörl (1812-1868) bei Kaltern in Südtirol. Sie war Louise Beck bei mehreren Begegnungen und in Briefwechseln sehr zugetan, was der "Höheren Leitung" zusätzliches Ansehen verschaffte.

Im Internet sind über Louise Beck keine seriöse Informationen zu erhalten. Daher ist dieses Buch jedem zu empfehlen, der Verläßliches über sie wissen will.


Die Nonnen von Sant'Ambrogio: Eine wahre Geschichte
Die Nonnen von Sant'Ambrogio: Eine wahre Geschichte
Preis: EUR 14,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eine bewegende Geschichte, 5. November 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Als 1998 das Archiv der Kongregation für die Glaubenslehre geöffnet wurde, suchte der Kirchenhistoriker Hubert Wolf gezielt nach dem nur vage bekannten Fall Sant'Ambrogio und fand "etwa zwei laufende Meter Konvolute sowie im Kloster konfiszierte Dokumente und Bücher". Er läßt den Leser auf 448 Textseiten nacherleben, was sich ihm selbst enthüllte, als er sich Schritt für Schritt durch die Prozeßakten hindurcharbeitete. Der Autor verwendet in seiner wissenschaftlichen Forschungsarbeit erzählerische Elemente, indem er, wo es ihm angebracht schien, die Geschehnisse von der Perspektive der Hauptakteure darstellt, der Prinzessin Katharina von Hohenzollern-Sigmaringen, ihres Cousins Erzbischof Hohenlohe und besonders des Untersuchungsrichters Sallua. Im Prozeßverlauf werden einige Dutzend Zeugen und vier Angeklagte vernommen und die relevantesten Aussagen teils wörtlich dokumentiert. Die berichteten Geschehnisse werden begleitet durch kirchengeschichtliche Hintergrunderklärungen, was den spannungsvollen Gang der Lektüre merklich abbremst.

Am Anfang steht ein Aufsehen erregendes Heilungswunder, das 1796 der franziskanischen Nonne Maria Agnese Firrao (1754-1854) tatsächlich oder scheinbar widerfuhr. Zehn Jahre später gründet sie eine kontemplative Klostergemeinschaft mit strengen Regeln. Die Nonnen werden bis zur endgültigen Schließung des Klosters 1859 durch Jesuiten betreut, die sich nach Wiederzulassung des Ordens neu formieren. Wiederum zehn Jahre später wird die Klostergründerin wegen "angemaßter Heiligkeit" verurteilt, das Kloster aufgehoben.

Jedoch drei Jahre später dürfen die Nonnen zurückkehren. Diese glauben weiterhin an die Unschuld ihrer Gründerin und nehmen verbotenerweise Kontakt zu ihr auf. Als besonderer Förderer der Gemeinschaft erweist sich Kardinal Genga, der spätere Papst Leo XII.

Die Klostergemeinschaft enthält ein Virus der Verderbnis, das die Gründerin an ihre Nachfolgerin Maddalena weitergegeben hat. Es ist ein lesbisches Ritual, das als "Sukzessionsmodell" (S.289) den Fortbestand der Klostergemeinschaft sichern soll. Das Lusterleben des weiblichen Orgasmus wird mystisch überhöht. Es ist Ersatz für echte religiöse Ergriffenheit und mystische Vermählung, die z.B. von der heiligen Katharina von Siena überliefert ist (S.160f.). Religiöse Hingabe kann auf ehrgeiziger Nachahmung dessen beruhen, was nur Demut gewährt wird, sie entspringt und dient narzißtischer Selbstliebe und kann zu autosuggestiven Verhaltensweisen führen, die echten mystischen Phänomenen täuschend ähnlich sind.

Opfer dieses Systems wird die 13-jährige Maria Ridolfo, die spätere Novizenmeisterin und Vikarin Maria Luisa. Sie wird 1845 von der Äbtissin Maria Maddalena gemäß dem "System Sant'Ambrogio" durch einen Akt der "Purifizierung" mißbraucht. Bald darauf hat sie die erste "Vision". Es heißt zwar nach einer ihrer Aussagen, sie habe dadurch "Macht ausüben" wollen (S.274), aber - vom Autor nicht bemerkt - dürfte eher zutreffen, was sie in verleumderischer Absicht auf eine Mitschwester projizierte, nämlich, daß sie sich vor deren sexuellen Nachstellungen durch vorgestellte Träume schützen wollte. Ihr Beichtvater habe diese Träume jedoch sogleich als echte Visionen bezeichnet. Zum System Sant'Ambrogio gehört auch der "außerordentliche Segen", der vom Beichtvater unter anderem einen Zungenkuß verlangt. Maria Luisa lernt dieses System aus Schriften der Gründerin noch näher kennen und will es selbst anwenden.

Maria Luisa wird 1854 zur Novizenmeisterin und 1857 zur Madre Vicaria (S.154f.) gewählt. Ihre Machtausübung eskaliert 1858, in dem Jahr, als Prinzessin Katharina in das Kloster eintritt. Als es zu einer Konfrontation zwischen beiden um Wahrheit und Lüge kommt, versucht die Novizenmeisterin, Katharina durch Gift aus dem Weg zu räumen. Katharina kann im folgenden Jahr aus dem Kloster entkommen und erstattet Anzeige vor dem Inquisitionsgericht. Damit nimmt der Prozeß seinen Gang.

Den zweite Schwerpunkt nach Maria Luisa bildet der zweite Beichtvater Giuseppe Peters. Er heißt eigentlich Josef Kleutgen (1811-1883) und ist Spitzentheologe, den Papst und Kardinäle brauchen, um die Neuscholastik als offizielles philosophisches System der Kirche durchzusetzen und Alternativen zu verhindern. Warum er sein Pseudonym, das er in früheren Jahren in der Schweiz zu seinem Schutz angenommen hatte, auch in Rom gebraucht, ist seltsam, weswegen Wolf die Frage stellt, ob sich Kleutgen nicht zwei Identitäten gibt wie Dr. Jekyll and Mr. Hyde (S.336). Er duldet und fördert den Kult um die Gründerin Firrao und die Novizenmeisterin, deren Reizen und erotischen Wünschen gegenüber er auf verlorenem Posten steht, zumal er wegen einer früheren intimen Beziehung kaum als Beichtvater von Nonnen geeignet erscheint.

Maria Luisa legt unter Tränen ein volles Geständnis ab und ist bereit, ihre Strafe anzunehmen: "Ich suche nur nach Vergebung und Seelenheil" (S.303). Es ist traurig, daß sich nach einigen Jahren ihr Verstand und Persönlichkeit zerrütteten.

Kleutgen wurde als letzter im Jahr 1861 verhört. Hubert Wolf gelangt zu dem Schluß, der Untersuchungsrichter Sallua "kam ihm mit seinen Argumenten letztlich nicht bei" (S.357). Es ist kaum vorstellbar, daß Sallua erst bei seiner Vernehmung dessen wahre Identität erfuhr, wie es dem Leser erscheinen mag, dem Wolf einen erzählerischen Überraschungseffekt vorführen will. Vermutlich hat Sallua den scholastisch und rhetorisch geschulten Jesuiten unterschätzt und sich dessen Argumentationsebene aufzwingen lassen. Kleutgen kam mit einer milden Strafe davon und war später maßgeblich an der Formulierung des Unfehlbarkeitsdogmas des Papstes auf dem 1. Vatikanischen Konzil beteiligt.

Der Autor hat zu einzelnen Personen chronologische Daten sorgfältig dokumentiert, aber nicht zu den Ereignissen der entscheidenden Jahre 1856 bis 1858. Der Leser muß sich aus den vielen Aussagen der Nonnen selbst eine Chronologie erstellen. Besonders der Einfluß Kardinal Reisachs (1800-1869) auf die Tätigkeit von Peters in Sant'Ambrogio und ihre Beziehungen zueinander werden nicht ganz klar. Sicher ist, daß Ende 1856 Peters von seiner Aushilfstätigkeit als Beichtvater zum offiziellen zweiten Beichtvater aufrückte, nach Aussagen von Nonnen auf Wunsch Maria Luisas (S.172). Nach weiteren Aussagen war Peters in Sant'Ambrogio seit "zehn Jahren" tätig (S.149), also seit etwa 1850.
Wegen der genannten chronologischen Unklarheiten vergebe ich nur vier Sterne.

Kardinal Reisach dürfte nicht weniger als Kleutgen an die himmlischen Kontakte Maria Luisas geglaubt haben. Schon als Erzbischof von München hatte er sich der Leitung der dubiosen Visionärin Louise Beck (1822-1879) aus Altötting unterstellt, mit der die Anfänge der bayerischen Redemptoristen untrennbar verknüpft sind. Ausführlich mit ihr befaßt sich der Redemptorist Otto Weiß in "Weisungen aus dem Jenseits?", 2011.


Die Bibelfälscher: Wie wir um die Wahrheit betrogen werden
Die Bibelfälscher: Wie wir um die Wahrheit betrogen werden

14 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Abrechnung, 20. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Klaus Berger bezeichnet sein Buch als einen "Aufschrei" und "planctus Germaniae" (Klage Germaniens) gegen die Verirrungen der deutschen Exegeten. Er rechnet mit seiner Zunft ab. Von dieser streitbaren und emotionalen Grundintention ist die Darstellungsform zu verstehen. Sie ist weniger systematisch als kompilatorisch angelegt, eignet sich daher zum Nachschlagen einzelner Punkte. Zum reich gegliederten Inhaltsverzeichnis kommen im Text noch weitere Unterüberschriften hinzu.
Bergers Kritik an der Exegese ist detailliert, an den Exegeten jedoch pauschal, insofern man nur wenige Namen erfährt. Sie beschränkt sich auf den deutschen Sprachraum.

Bergers Stil ist eigenwillig, kommt dem Verstehenswunsch des Lesers nicht unbedingt entgegen. Er gibt teilweise seinen eigenen theologischen Gedankenimpulsen nach, ohne sich darum zu kümmern, ob sich der Leser auf seiner jeweiligen Gedankenebene bewegen kann. Daher bekommt das Werk notwendigerweise eine subjektive Note mit Überlegungen, mit denen man sich nicht immer anfreunden kann.
Aus den Ausführungen des Autors wird deutlich, daß die geheimen Steuerungskräfte einer sich verirrenden Exegese aus dem Überlegenheitsdünkel, dem Neid und dem Rechtfertigungsbedürfnis des Protestantismus gegenüber der katholischen Kirche entspringen (S.213, 220). Aus Luthers "Freiheit eines Christenmenschen" und der "sola scriptura" machte man zwei zusammenpassende Zündungskabel. Letzteres Prinzip verstand man als Ermächtigung, den Ursprungsworten der neutestamentlichen Autoren kriminalistisch (S.15, 92) auf die Spur zu kommen, ihnen von einer überlegenen Warte des Bewußtseins ihre wahre Bedeutung zu geben, die den einfältigen Menschen vieler Jahrhunderte zuvor offenbar verborgen blieben.
Natürlich ist Klaus Berger auch Exeget von eigenen Gnaden. Er leugnet nicht die Existenz von Teufel und Dämonen, denen eine personale Natur zukomme (S.182), aber die Dämonen, die Jesus aus besessenen Menschen austrieb, seien "Totengeister" (S.22f, 25), was immer auch darunter zu verstehen sein mag.

Das erste Kapitel von I. Hinführung ist betitelt "Alles Lug und Trug". Gemeint ist die Auffassung radikaler Bibelkritik. Wenn nun tatsächlich nichts mehr vom Glauben früherer Generationen übrig bleibt, kann man die Bedeutung auch umkehren. Statt daß ich mir die vielen Uminterpretationen mit ihren Begründungen als neue Wahrheiten mühsam merke, glaube ich das als Wahrheit, was die Autoren der NT aussagen wollten, und bezeichne meinerseits die Prämissen der gemeinten Exegeten als "Lug und Trug". Ich besitze "Herders Theologischer Kommentar zum Neuen Testament", stattliche 10 Bände. Von den Autoren Joachim Gnilka (Matthäus), Rudolf Pesch (Markus), Heinz Schürmann (Lukas, unvollständig) und Rudolf Schnackenburg (Johannes) flößt nur Schürmann Vertrauen ein. Diese Autoren verfügen über enorme Fachkenntnisse, aber sie haben so gut wie keine Ahnung von Textanalyse und Erzählerhaltung. Die Persönlichkeiten der Evangelisten sind lediglich abstrakte Größen. Die Prämissen der exegetischen Urteile sind entweder von vorne herein unreflektiert oder, wenn reflektiert, nicht weiter hinterfragte Axiome. Einzelerklärungen ergehen sich teilweise ins Uferlose, ohne am Ende an ein Prinzip rückgebunden zu werden.

Teil III seines Buches nennt Berger "Exegese der Zukunft". Ich konnte für mich leider nicht viel Substantielles finden. Mit zwei übergeordneten Gesichtspunkten, die mir wichtig erscheinen, hat er sich überhaupt nicht auseinandergesetzt, a) mit der Bedeutung des Alten Testaments und b) mit der Gemeinschaft der Kirche und ihrem gelebten Glauben durch die Jahrhunderte.
a) Mir ist nicht bekannt, daß die Exegeten, die vom christlichen Glauben nichts mehr übriggelassen haben, mit dem Alten Testament ähnlich verfahren wären. Nun ist aber das Alte Testament die Grundlage für das Leben und die Lehre Jesu sowie des Glaubensbewußtseins seiner Jünger und aller zeitgenössischen Juden. Man sollte demnach keinem Exegeten etwas glauben, der sich nicht über die religiöse Wirklichkeit des Alten Testaments eine klare Vorstellung gebildet hat.

b) Die katholischen Exegeten nach dem zweiten Weltkrieg witterten Morgenluft. Endlich konnten sie nach Herzenslust Exegese betreiben und meinten, diese als echte Wissenschaft erweisen zu können, wenn sie bei Null anfingen, also die Glaubenslehre außer Acht ließen. Die Diskrepanz zwischen ihren Ergebnissen und dem gelebten Glauben der Jahrhunderte mit dem Glaubensbekenntnis als Grundlage schien sie keineswegs zu beunruhigen. Sie kamen in ihrem wissenschaftlichen Stolz gar nicht auf den Gedanken, daß, wenn ihre Ergebnisse von der Glaubenslehre abwichen, es daran liegen konnte, daß sie methodische Fehler begingen. Daß es ein definierbares Verhältnis zwischen Exegese und Glaubenslehre geben müsse, schoben sie einfach beiseite. Sie ignorierten, daß unzählige Menschen in die Nachfolge Jesu getreten waren und durch ein aufopferungsvolles Leben ein Vorbild der Heiligkeit gegeben hatten. Sie blieben beim "Wanderprediger" stehen und fanden nicht den Anschluß an die Gegenwart der Kirche, dessen Haupt der auferstandene Christus ist. Die Exegese der Zukunft kann also nur darin bestehen, sowohl die Wirklichkeit des alttestamentlichen Glaubens als auch die christliche Glaubenslehre als wissenschaftliche Grundlage zu erschließen und exegetische Fragestellungen an sie rückzubinden.

Von protestantischer Exegese ist kein Gesamtkonzept zu erwarten. Sie hängt kirchenhistorisch gesehen in der Luft. Sie muß mit drei Bällen jonglieren, der Zeit vor Luther und der Zeit nach Luther in der eigenen Kirchengeschichte und der lateinischen Kirche. Klaus Berger hält ihre Vorherrschaft für beendet.
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Casanova - Geschichte meines Lebens: Komplettausgabe aller 6 Bände (Erotik bei Null Papier)
Casanova - Geschichte meines Lebens: Komplettausgabe aller 6 Bände (Erotik bei Null Papier)
Preis: EUR 0,99

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen phantastische Erzählung eines realen Lebens, 15. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Mir mißfällt das aufreizende Cover, das einseitig auf Casanovas Frauengeschichten abzielt. Die Übersetzung von Heinrich Conrad stammt von der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert. Mit Ausnahme einiger weniger Ausdrücke (jd. die Spitze bieten = mit jd. mithalten, Gold statt Geld, Düte statt Tüte, Püppchen statt Baby) macht sie keinen veralteten Eindruck. Der Text ist vom Projekt Gutenberg übernommen, enthält daher fast keine Rechtschreibfehler.

Die Übersetzung der ebook-Version, die etwa 4500 Seiten umfaßt, ist eine Bearbeitung des 19. Jahrhunderts. Passagen, die damaligem sittlichem Gefühl zu weit gingen, wurden ausgelassen oder abgeschwächt. Eine vollständige Übersetzung wurde erst 1960-1962 von Heinz von Sauter angefertigt.
Casanova erweist sich als ein geistvoller, intellektuell brillianter Erzähler, der dem heutigen Leser erkennen läßt, auf welch niedrigem Niveau sich heutige Gesprächskultur bewegt. Im Leben selbst zu Späßen und Schabernak aufgelegt, liebt er es, viele Situationen aus einem erheiternden Blickwinkel darzustellen.

Als Achtjähriger nach Padua in Ausbildung gebracht, entwickelt sich Giacomo Casanova zu einem Wunderkind an intellektueller Auffassungskraft und Gedächtnis. Seine besondere Vorliebe gilt der Dichtung. Horaz, Ariost und andere Dichter zitierte er auswendig. Aus dem Stegreif konnte er Verse bilden. Mit 15 Jahren erhielt er die vier niederen Weihen, die ihm eine Aussicht auf eine kirchliche Laufbahn eröffneten. Ein Jahr später war er Doktor des weltlichen und kanonischen Rechts. Im Alter von 19 Jahren befindet er sich im Dienst des Kardinals Acquaviva in Rom, konversiert geistreich mit dem Papst und anderen hohen Personen, stolpert aber über eine Entführungsaffäre, in der er Hilfsdienste leistet. Von da an beginnt sein unstetes Leben, das ihn durch viele Länder Europas führt. Ein Beschäftigungsangebot des Preußenkönigs schlägt er aus, zwei weitere Möglichkeiten in Polen und Spanien scheitern an Zwischenfällen. Seine letzten Lebensjahre von 1785-1798 verbringt er im Dienst des Grafen Waldstein auf Schloß Dux in Böhmen. Dort verfaßt er seine Memoiren.

Seine menschliche Vergänglichkeit und sein erlöschendes Leben vor Augen, hat Casanova als einzigen Schatz seine Erinnerungen übrig, die er wahrheitsgemäß erzählen will, um so dem Sinn seines Lebens einen letzten Dienst zu erweisen. Besonders die Argumentationen vieler Dialoge vermitteln einen authentischen Eindruck von Glaubwürdigkeit, auf die wir angewiesen sind, wenn wir uns über die verschiedenen Seiten von Casanovas Charakter klar werden wollen.
Im Vorwort, mit dem man beginnen sollte, faßt er seine Lebenserkenntnisse und Ansichten zusammen. Im Erzähltext wird manches wieder aufgegriffen, meist nur in kurzen Reflexionen. Er spricht öfter von seinem guten Geist (13mal) oder bösem Geist (24mal), denen er gefolgt ist. Ein wichtiges Prinzip ist ihm die stoische Devise "Sequere Deum" - Folge (dem) Gott: "Überlasse dich dem, was das Schicksal dir bietet, sofern du nicht eine starke Abneigung dagegen empfindest" - entsprechend der Erfahrung des Philosophen Sokrates, der von seinem Daimon vor Falschem gewarnt, aber selten zu etwas Richtigem ermahnt wurde. Im Vorwort bekennt denn auch Casanova, sein einziges System im Leben, wenn es überhaupt eines sei, habe darin bestanden, sich von Wind und Wellen treiben zu lassen.

Zwei Zitate sollen Zeugnis von seiner Selbsterkenntnis geben:
1. Eine glückliche Beziehung hatte er zu seiner kurzzeitigen Haushälterin Dubois, die er am Ende an Herrn Lebel abtrat. Nachdem er abschließend ihre Vorzüge gewürdigt hat, bemerkt er: "Hätte ich mich mit einer Frau verheiratet, die es verstanden hätte, mich geschickt zu lenken, ohne daß ich ihr Regiment bemerkt hätte, so hätte ich mich um mein Vermögen bekümmert, hätte Kinder gehabt und stände jetzt nicht allein und arm in der Welt da." Hier wird erkennbar, daß Casanova von der Frau eine Initiative erwartet, die eigentlich er egreifen müßte. So macht er sich letztlich von der Frau abhängig. Es fehlt ihm die Entschlußkraft, eine dauerhafte Verbindung vorzuschlagen. In der Retrospektive des Erzählers entschuldigt er sein Versagen mit der Willkür des Schicksals, z.B. als er 1760 mit der 15-jährigen Rosalie von Nizza nach Genua abreist: "Ich dachte, daß Rosalie mir bis an das Ende meines Lebens angehören und ich nicht mehr das Bedürfnis empfinden würde, von einer Schönen zur anderen zu eilen. Mein Schicksal hatte es anders mit mir beschlossen, und gegen das Schicksal läßt sich nichts machen."

2. Bei seinem Besuch in Wolfenbüttel verbringt er acht glückliche Tage in der dortigen Bibliothek. In diesem Zusammenhang bemerkt er: "Heute sehe ich, daß nur einige ganz unbedeutende Umstände hätten zusammenwirken brauchen, damit ich in dieser Welt ein wahrer Weiser statt eines wahren Toren gewesen wäre."

Dank seiner intellektuellen Vielseitigkeit und phänomenalen Kombinationsfähigkeiten vermochte Casanova, sich auf einer gesellschaftlich hohen Ebene zu bewegen, die ihm von Geburt nicht zufiel. Letztlich galt er der Adelsgesellschaft als Sohn von Schauspielern, einer nicht gesellschaftsfähigen Berufsgruppe. Durch Gewinnspiele, kabbalistische Orakel und Horoskope sowie finanzielle Unterstützung dreier venezianischer Freunde bestritt der vagabundierende Abenteuer seinen anspruchsvollen Lebensstil.

Casanovas Besitz von okkulten Schriften und seine Zugehörigkeit zur Freimaurerei waren Anlässe für seine Haft unter den Bleidächern in Venedig. Seine spektakuläre Flucht, die ihm durch genaueste Planung und todesmutige Ausführung gelang, machten ihn in ganz Europa bekannt. In Paris erlangte er Zugang zu höchsten Regierungskreisen und wurde mit einigen politischen Aufgaben betraut.

Casanova wurde am bekanntesten durch seine Liebesabenteuer. Im Vorwort erklärt er, er sei für die Frauen geboren.
Casanova beurteilt Frauen nach schön und häßlich. Er liebte nur die schönen, geistvollen bzw. verständig naiven. Er glaubt, Frauen größere Liebesgenüsse gewähren zu können als andere Männer. In Zusammenhang mit seinem Verhältnis zu Bellino-Teresa bemerkt er: "Ich hatte immer die Schwäche, vier Fünftel meines eigenen Genusses in der Wonne zu finden, die ich dem reizenden Wesen verschaffte, dem ich mein Glück verdankte."

Casanovas Liebesabenteuer folgen meist demselben Muster: Er verliebt sich in eine Schönheit, deren sinnliches Begehren er durch verliebtes Reden, durch Gesten und Handlungen weckt. Er möchte um der Liebe willen lieben und geliebt werden. Die sich steigernde Leidenschaft der Gefühle strebt schließlich unaufhaltsam ihrer höchsten Erfüllung in der geschlechtlichen Vereinigung zu. Durch sie erfährt die Geliebte ekstatisches Lebensglück und erblüht zu voller Schönheit. Für Casanova waren diese Taten der Liebe unverzichtbares Lebenselixier, was ihm etwa bitter abging, als ihm seine "kleine Frau" C.C. durch ihren Klosteraufenthalt entzogen war. Diese Art der Liebe ist selbstvergessen, augenblicksbezogen und bindungslos, sie duldet keine Vorbehalte, die Casanova als religiöse oder konventionelle Vorurteile bezeichnet. Casanova nimmt kühn und unbedenklich vorweg, was andere abwartend der Ehe vorbehalten. Gefühle in ihrer Übermacht scheinen ein Eigenrecht zu besitzen und der Bindung durch gesellschaftliche Regeln überlegen zu sein und üben so eine fast unüberwindliche Verführungskraft aus.
Drei Äußerungen Casanovas sollen seine Einstellung zur Ehe veranschaulichen:

1. Zu Beginn seiner Laufbahn als "Soldat Amors" wirbt er erfolglos um Angela Tosello, die ihn zwar zu lieben behauptet, aber ihre Gunst nicht vor der Ehe gewähren will. Ihre Freundinnen Nanetta und Martina zeigen Verständnis für diese Haltung. Darauf sagt Casanova: "Sie denkt nur an sich selber; denn da sie weiß, was ich leide - könnte sie wohl so handeln, wenn sie mich um meiner selbst willen liebte?" Casanova macht also seine Person zum alleinigen Rechtfertigungsgrund der Liebeshingabe. Er gesteht dies hinsichtlich der Nonne von Chambery ein: "Ich konnte mir aus meinen Gefühlen kein Verdienst mehr machen; ich hatte mich in diese neue M.M. leidenschaftlich verliebt, und die Liebe macht sehr selbstsüchtig; denn bei allen Opfern, die wir dem Gegenstand unserer Leidenschaft bringen, denken wir nur an uns selber."

2. Gegenüber der Portugiesin Pauline, die Casanova 1762 in London kennenlernt, bezeichnet er die Ehe als "das Grab der Liebe".

3. Nach der Trennung von Rosalie beginnt Casanova, deren Bedienstete Veronika als Nachfolgerin zu umwerben. Diese jedoch hält an Grundsätzen ehelichen Denkens fest. Es entspinnt sich folgender Dialog:
C.: Ich muß Ihnen sagen, daß ich entschlossen bin, mich niemals zu verheiraten, bevor ich nicht der Freund meiner Frau geworden bin.
V.: Das heißt: erst wenn Sie nicht mehr ihr Liebhaber sind?
C.: Ganz recht.
V.: Sie wollen da enden, wo ich beginnen will.

Den Gewissenszwiespalt zwischen religiöser Bindung und freier Liebeshingabe löst die Spanierin Ignazia nach längeren Kämpfen pragmatisch: Sie sagt zu Casanova: "Meine Leidenschaft für dich ist nur eine vorübergehende Verirrung." Ihre Liebeserfahrung wird sie gegenüber ihrem künftigen Ehemann, der nicht welterfahren wie Casanova ist, selbstbewußter und unabhängiger machen. Sie heiratet im folgenden Jahr.

Geht man davon aus, daß sich Liebe in lebenslanger Dauer wesenhaft verwirklicht, ist Casanovas Auffassung der Liebe als Usurpation des Augenblicks zu bezeichnen.

Casanova ist gegenüber Frauen sicherlich selbstsüchtig, aber auch fürsorglich. Er hält sich zugute, den meisten zu ihrem Glück verholfen zu haben. Dieses besteht in der Regel im ruhigen Hafen der Ehe. Besondere Hilfsbereitschaft zeigt er z.B. gegenüber der Apothekerfrau aus Montpellier, die sich von einem betrügerischen Glücksspieler hatte umgarnen lassen und durch halb Europa reiste. Casanova trifft sie in Leipzig krank und verzweifelt. Er sorgt für ihre Gesundung, reist mit ihr nach Wien und gibt ihr Mittel zur Heimreise. Er sucht sie einige Jahre später in Montpellier auf und fühlt Genugtuung, daß sie mit ihrem Ehemann ausgesöhnt lebt. Ohne seine Geldquellen, sagt Casanova, hätte vieles Gute nicht tun können.

Bei mehreren Mädchen und Frauen gelangt Casanova nicht zum Ziel seiner Wünsche. Diese sind Angela, Frau F., die Roman, Manon, Esther, Veronika, Armilliana. Ihnen gemeinsam ist, daß Casanova Zeit und Mühe aufgewendet hat, um sie sich geneigt zu machen. In zwei Fällen der Verweigerung jedoch glaubte er, ohne längere Vorbereitung sein Ziel erreichen zu können, bei MERCI und der CHARPILLON.

1. MERCI ist die Nichte eines Huthändlers in Spa, bei dem er Quartier gefunden hat. Die Nichte ist ernst und nicht zu Gesprächen aufgelegt. Ihre Schlafstätte grenzt an der Casanovas an. Nach einigen Tagen stattet er ihr morgens einen Besuch an ihrem Bett ab und greift unter die Bettdecke. Im selben Augenblick, so erzählt Casanova, "erhielt ich einen Faustschlag auf die Nase, so daß ich tausend Sterne sah. Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß ich ex abrupto jede Lust verlor, zärtlich zu sein."

2. Die Verweigerung der CARPILLON bringt Casanova zu solcher Verzweiflung, daß er sich in die Themse gestürzt hätte, wenn nicht "sein guter Geist" einen Freund des Wegs geführt hätte, um ihn daran zu hindern. Zum Verständnis dieser dramatischen Geschichte sind einige Vorkenntnisse erforderlich:
a) Casanova hat ein Haus in London gemietet. Er möchte eine Mieterin, "die englisch und französisch spricht, und weder bei Tage noch bei Nacht Besuche empfängt." und bringt ein Plakat an. Ganz London amüsiert sich darüber. Casanova nimmt die Portugiesin Pauline an, die es nach England verschlagen hat und fast mittellos bis zur Aufforderung zur Rückkehr nach ihrer Heimat warten muß. Es entwickelt sich eine glückliche Liebesbeziehung zwischen beiden.
b) Die (Marianne) Charpillon, 17 Jahre alt, lebt 1763 seit vier Jahren mit Mutter, Großmutter und deren zwei Schwestern in London. Sie wurden aus Bern wegen Prostitution ausgewiesen und hielten sich einige Jahre in Paris auf. Dort trifft Casanova die Dreizehnjährige vor einem Laden und kauft ihr einen Ohrschmuck, der ihrer Tante (= Großtante) zu teuer ist. Finanzielle Schwierigkeiten veranlassen die Truppe, nach London weiterzuziehen.
c) Der venezianische Gesandte Morosini übergibt in Marseille dem nach England aufbrechenden Casanova einen Brief an die Charpillon, den er bestellen soll, wenn er sie fände.

Anläßlich einer Einladung wird Casanova von der Charpillon angesprochen, die sich an ihn von Paris her erinnert. Er übergibt ihr den Brief des venezianischen Gesandten. Vier Informationen weisen auf das kommende Verhängnis voraus:
a) Aus seiner Adresse erkennt sie, daß er "jener Italiener" ist, "der den Zettel aushängte". Sie hätte sich gerne einen Spaß gemacht, diese Wohnung zu mieten, um ihn verliebt zu machen und ihn "dann entsetzliche Qualen erdulden zu lassen".
b) Aber ihre Mutter sei dagegen gewesen.
c) Casanova bejaht ihre Frage, ob er aus der Identität der unbekannten Dame ein Geheimnis mache.
d) Die Charpillon lädt sich und ihre Tante zum Mittagessen am nächsten Tag ein.
Rückblickend bemerkt Casanova: "Diese Sirene hatte, schon ehe sie mich kannte, daran gedacht, mich unglücklich zu machen."

Casanova ist von Mariannes Schönheit hingerissen. Mit Schrecken erkennt er, daß sie das Bild Paulines in seiner Seele verdrängt. Er steht unter dem Zwang seines eigenen Systems: Wenn eine (junge) Frau Kriterien der Schönheit und des Geistes ausreichend erfüllt, ist es ihm nicht möglich, sie nicht in Besitz nehmen zu wollen. Denn, wie er im Vorwort erklärt: "Der Kultus der Sinneslust war mir immer die Hauptsache." Die erweckte Sinneslust ist aber nicht abstellbar, sondern muß durch sexuellen Vollzug gelöscht werden. Wegen ihres früheren Verhältnisses zu Morosini glaubt er, sie sei käuflich und es werde ihm leicht gelingen, sie zu besitzen.

Durch Goudar, einen zwielichtigen Charakter, erfährt Casanova, daß die Charpillon vor 16 Monaten die Geliebte Morosinis wurde und nach dessen einjährigem Aufenthalt einige weitere hochgestellte Liebhaber hatte. Es ist zu vermuten, daß das nunmehr 17 Jahre alte Mädchen sich in einer Phase befindet, in der sie stärker ihren eigenen Willen gegen Liebhaber und vielleicht auch ihrem Anhang von vier Frauen und drei zuhälterischen Schmarotzern zur Geltung bringen möchte. Von Lord Pembroke, mit dem er sich angefreundet hat, erfährt Casanova, daß sie ihm bereits ein Schnippchen geschlagen hat. Auf seine Bemerkung, er würde sie das nächste Mal erst hinterher bezahlen, antwortete sie: "Pfui, von Bezahlung spricht man nicht." Vielleicht lehnt sich die Charpillon gegen eine Bestimmung permanenter Prostitution auf. Sie möchte zumindest, daß auch ihre persönlichen Gefühle auf ihre Rechnung kommen. Casanova ist sich nicht klar, daß er die epigonenhafte Doublette des venezianischen Gesandten ist. Denn dieser hatte ihr ein ganzes Häuschen zur Verfügung gestellt mit der gleichen Bedingung wie auf Casanovas Plakat, daß sie keinen Besuche empfangen dürfe. Diese Tatsache dürfte sie dazu gereizt haben, sich bei Casanova zu melden.

Casanova denkt nicht daran, sich in die Situation des Mädchens hineinzuversetzen. Er rechnet mit einer "Entzauberung" ihrer Reize, sobald er sie besessen habe, "was nicht lange dauern kann". Nach seiner erfüllenden Beziehung mit Pauline nimmt er nicht die Mühe auf sich, durch verliebte Reden und geduldiges Warten sie sich geneigt zu machen. Nachdem sie schon zahlreiche Liebhaber gehabt hat, geht ihm die Achtung vor ihrer Person ab. Außerdem ist sie von den Absichten ihrer Familie abhängig.

Marianne Charpignon hingegen fühlt sich in ihrem Anspruch auf Achtung und aufrichtiger Zuneigung bestärkt durch die Bemerkung Casanovas, er verdanke der Dame, die bei ihm gewohnt habe, eine seiner "süßesten Erinnerungen". Neid und Eifersucht mögen in der Charpillon erwachen, zumal Casanova nicht bereit ist, sie in sein Geheimnis einzuweihen und so ein erstes Vertrauensverhältnis zustande zu bringen.
Das Mädchen treibt ein doppeltes Spiel, das sich nicht vereinbaren läßt: Sie erwartet von Casanova Rücksichtnahme und Zuneigung, gleichzeitig bittet sie um ein Darlehen von 100 Guineen. Casanova seinerseits ist sich wohl nicht bewußt, daß er es hier nicht, wie in den meisten übrigen Fällen, mit einer Ersteroberung zu tun hat. Er ist unerfahren auf diesem Terrain und wird so Opfer seiner sinnlichen Leidenschaften. Wie weit die kommenden Verweigerungen abgekartetes Spiel sind oder Schutzbehauptungen der Charpillon, ist schwer zu entscheiden. Das Unglück beginnt, als ihre "Lieblingstante" ihn ermuntert, ihre Nichte zu besuchen, die erkältet sei und im Bett liege. Sie nimmt jedoch gerade ein Bad, Casanova kommt hinzu, weigert sich jedoch auf ihre Aufforderung hin sie zu verlassen.
Casanova läßt sich auf einen absurd anmutenden Wunsch der Charpillon ein: Er solle ihr vierzehn Tage den Hof machen und keine Gefälligkeit von ihr erwarten, dann würde sie ihm gehören. Für Casanova bedeuten die vierzehn Tage notwendigerweise abwarten, um in den ersehnten Sinnengenuß zu kommen. Denn die eingegangene Bedingung schließt allmählich wachsende Zuneigung und gegenseitiges Vertrauen aus, die doch für die Vereinigung von Leib und Seele nach Casanovas eigener Überzeugung erforderlich sind. Die Carpillon hat nicht unrecht, wenn sie in einer Situation als Casanovas Ziel "die Befriedigung seiner tierischen Lust" bezeichnet. Es mag theatralisch klingen, aber doch einer inneren Sehnsucht entsprechen, wenn sie sagt: "Sie können mir's glauben: ich schäme mich, wenn ich daran denke, daß ich stets nur aus Gefälligkeit geliebt habe. Ich Unglückliche! Ich fühle mich zur Liebe geschaffen und ich habe einen Augenblick geglaubt, Sie seien der Mann, den mein guter Stern nach England geführt habe, um mich durch wahre Liebe glücklich zu machen."

Nach Ablauf der vierzehn Tage überläßt Casanova die Entscheidung über den vorgesehenen Ort der Liebesnacht der Mutter der Charpillon, statt sie in sein eigenes Haus mitzunehmen. Sie verweigert sich ihm und er schlägt sie grün und blau. Die Mutter habe die Verweigerung von ihr verlangt. Nun mußte wirklich jede Zuneigung zerstört sein. Aber die Charpillon fesselt ihn weiterhin und verweigert sich ihm zwei weitere Male. Als er eines Abends nach längerem Warten vor ihrem Haus eintritt und entdeckt, daß sie mit ihrem Friseur geschlechtlich verkehrt, verliert er den Rest seiner Beherrschung, schlägt alles zusammen, was er an Mobiliar trifft. Er läßt sich von falschen Nachrichten täuschen, die Charpillon läge im Sterben, und beschließt sich das Leben zu nehmen. Am Abend desselben Tages bemerkt er die Charpillon munter beim Tanzen.
Eine nicht unwesentliche Rolle an der Tragödie spielt der genannte Goudar, dem Casanova unbegreiflich viel Vertrauen entgegenbringt. Denn durch seine eifrigen Dienste ritt er ihn nur noch tiefer in sein Verderben.
Die Niederlage war beiderseitig: Casanova hatte ein halbes Vermögen für die Charpillon ausgegeben. Er konnte sich trösten, daß sie sich seinen Bemühungen unwürdig erwiesen hatte. Die Charpillon konnte sich nicht genügend von ihrem Anhang frei machen, sie erhob zu hohe Ansprüche für sich und Casanova und machte sich durch die Friseurszene unglaubwürdig. Sie war später mit einem Tommy Panton, Sohn eines Pferdezüchters, liiert und hatte von ihm einen Sohn. Von 1773-1777 nahm sie der Politiker John Wilke in Beschlag, mit dem sie bald Meinungsverschiedenheiten hatte und der sich nach einem heftigen Streit von ihr trennte. Von da an verlieren sich ihre Spuren. (Quelle: Judith Summers, Casanova's Women)
Man kann nicht umhin, Mitleid und eine gewisse Sympathie mit Marianne Charpillon zu empfinden, die Opfer einer parasitären Clique war.

Nach seiner Niederlage gegen die Charpillon setzte Casanova seine Ersteroberungen nach dem bekannten Muster fort.

Unter den zahlreichen Liebesgeschichten wird jeder Leser andere bevorzugen. Ich selbst empfinde eine gewisse Vorliebe oder Schwäche für MARCOLINA.


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