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frida "mollykatz"

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Eiszeit: Ein neuer Fall für Carol Jordan und Tony Hill (Knaur TB)
Eiszeit: Ein neuer Fall für Carol Jordan und Tony Hill (Knaur TB)
von Val McDermid
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Tony Hill und Carol Jordan sind zurück - Oder: Am Ende schmilzt das Eis., 20. November 2014
Nach den physischen und psychischen Verwüstungen des Rachefeldzuges von Jacko Vance in „Vergeltung“ war man als Leserin fast geneigt zu glauben, dass Tony Hill und Carol Jordan nicht mehr zurückkehren werden.
Aber Val McDermid hat zum Glück ihre Protagonisten nicht losgelassen. Dennoch ist jetzt alles anders: Das MIT Sonderermittlungsteam ist aufgelöst, Carol Jordan nicht mehr DCI und aus dem Blickfeld der anderen verschwunden. Tony Hill ist nicht mehr Profiler, nur noch Teilzeit-Psychiater, Paula McIntyre ist aufgestiegen zum Detective Sergeant, dafür aber einem anderen Polizeiteam zugeordnet.
Während Tony und Carol unabhängig voneinander ihre Wunden lecken, geht ein Killer in Bradfield um. Einer, der Frauen entführt und brutalst zu Tode prügelt. Das rückt Paula in das Zentrum der Ermittlungen, dient sie doch jetzt im Team von DCI Alex Fielding als deren direkte Assistentin.
Alex Fielding ist zwar Profi, aber eine, die nicht die Gabe hat, hinter die Dinge zu schauen. Und so gerät durch eine oberflächliche Kette von „Beweisen“ und falschen Schlussfolgerungen Tony unter Verdacht, der gesuchte Mörder zu sein. Zum Glück für Tony ermittelt Paula, die indirekt dadurch betroffen ist, dass eine Arbeitskollegin ihrer Lebensgefährtin auch dem Mörder zum Opfer fällt, auf eigene Faust und hinter dem Rücken ihrer neuen Chefin.
Paula gelingt es, Carol – die sich in der Wohn-Scheune ihres von Vance ermordeten Bruders regelrecht verschanzt hat – mit ins Boot der Ermittlungen zu ziehen, um Tony zu entlasten. Carol gibt zwar immer noch Tony die Schuld für den Tod von Bruder und Schwägerin, will aber, dass Gerechtigkeit walten soll. Dafür schließt sie sogar einen Deal mit der toughen Anwältin Bronwen Scott, ihrer Nemesis aus früheren Fällen.
Während Carol im Hintergrund zusammen mit Paula und Stacey Chen aus der alten Truppe ermittelt und die richtigen Verbindungen herstellt, hat der Mörder bereits sein drittes Opfer in der Mangel. In die Psyche und in die Motive dieses pathologischen Frauenhassers möchten wir gar nicht weiter eintauchen, aber Val McDermid erspart uns Lesern wie immer nichts. Als besonders bedrückend finde ich die Intensität des Ausgeliefertseins und der Ausweglosigkeit aus der Perspektive des 2. Opfers Bev McAndrew beschrieben. Wir wissen, dass Bev sterben wird, aber der Weg dahin drückt einem beim Lesen etwas die Luft ab.
Tony Hill wirkt ohne Carol Jordan verlorener denn je, wie ein waidwundes Reh, das nur von Carol noch errettet werden kann. Carol Jordan andererseits ist schroffer und abweisender als alles, was wir bisher von ihr kennengelernt haben. Der Verlust ihres Bruders lässt sie wüten gegen sich, die Welt, und in erster Linie gegen Tony. Erst als sich beider Wege wieder kreuzen, schmilzt die Eiszeit zwischen beiden langsam, aber doch stetig.
Paula McIntyre (die ich schon immer sehr geschätzt habe) hat in dieser Folge der Tony Hill/Carol Jordan-Reihe ihren ganz großen Auftritt. Hin-und hergerissen zwischen der Loyalität zu Tony und Carol und der Integration in das neue Team wählt sie doch den richtigen Weg, als sie den Irrweg ihrer neuen Chefin erkennt.
Val McDermid ist keine, die davon überzeugt ist, dass Frauen immer die bessere Hälfte der Welt sind. DCI Alex Fielding gehört eindeutig zu den Frauen, die zur schlechteren Hälfte zu zählen sind. Eine von Beginn an unsympathische, unbelehrbare Figur, deren Karriere am Ende verdient einen gehörigen Knick erleidet.
Es wird weitergehen mit Tony Hill und Carol Jordan, soviel steht fest. In welchen Zusammenhängen werden wir sehen. Wir freuen uns schon darauf.


The Paying Guests
The Paying Guests
von Sarah Waters
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 20,30

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein großer literarischer Wurf - Sarah Waters at her best, 10. November 2014
Rezension bezieht sich auf: The Paying Guests (Gebundene Ausgabe)
Nach der bitteren Enttäuschung von „Little Stranger“ - ich konnte und wollte das Buch einfach nicht zu Ende lesen – hat Sarah Waters mit ihrem neuesten Roman „The Paying Guests“ zu gewohnter erzählerischer Stärke zurückgefunden. „The Paying Guests“ hat mich von Beginn an in seinen Bann gezogen, ein Roman, den man kaum aus den Händen legen kann, sobald man ihn angefangen hat.
Vor dem Hintergrund der englischen Nachkriegsgesellschaft des 1. Weltkrieges erzählt Sarah Waters eine Geschichte von Liebe und Passion, Lügen und Geheimnissen, eine dunkle Romanze, in der Intensität ein wenig wie „Fingersmith“, wenn auch vom Inhaltlichen her nicht vergleichbar.
Vom ersten Moment an, in dem Frances Wray – die Vermieterin – und Lilian und Leonard Barber – die Mieter – aufeinander treffen, spürt man, dass sich zwischen Frances und Lilian ein Sturm der Gefühle entwickeln wird. Insbesondere Frances, mit ihrer Mutter als Rumpffamilie aus den Verheerungen des Krieges zurückgeblieben, dazu sind die finanziellen Mittel fast erschöpft, steckt in einer Zwischenwelt der alten Konventionen und dem Umbruch einer in ihren sozialen Grundfesten erschütterten Gesellschaft fest.
Ohne Beruf eigentlich chancenlos, versucht sie der Mutter zuliebe, den äußeren gesellschaftlichen Anschein aufrechtzuerhalten. Aber die Lage ist so prekär wie das Haus marode. Die „upper class“ hat abgewirtschaftet und die neue aufsteigende Klasse der Angestellten ist dabei, zu übernehmen. Die Repräsentanten dieser neuen Klasse sind Leonard und Lilian, er, der das Geld nach Hause bringt, allerdings weitaus mehr als sie, die finanziell von ihm abhängig ist.
Dass Frances lesbisch ist, erfährt der Leser eher nebenbei. Was für eine dysfunktionale Beziehung Lilian und Leonard führen, zeichnet die Autorin in Szenen einer Ehe aus dem befangenen Blickwinkel von Frances nach, die dann schon längst auf dem Weg ist, sich in Lilian zu verlieben. Interessanterweise ist es dann aber Lilian, die die Initiative ergreift, nicht die verzagte Frances, die schon einmal auf ihr Glück verzichtet hatte.
Dass Sarah Waters zu den wenigen Autoren/-innen gehört, die Erotik sinnlich erfahrbar machen können, hat sie ja schon hinlänglich bewiesen. Auch „The Paying Guests“ steht da in nichts zurück, so dass auch eine Spülküche ein Ort heftigster sexueller Erfüllung sein kann, ohne dass dem Leser dabei peinlich zumute wird.
Himmel und Hölle sind allerdings zwei Seiten der gleichen Medaille und nach dem 7. Himmel der Liebe finden sich Frances und Lilian ohne Vorankündigung zumindest in der Vorhölle wieder. Was dort geschieht, zerreißt fast das Band zwischen den Beiden. Man leidet als Leser/-in unweigerlich mit, natürlich kann Unrecht nicht Recht sein, aber letztendlich haben beide Frauen auch keine große Wahl.
Alles in allem ist „The Paying Guests“ ein großer literarischer Wurf, dessen Intensität man sich nicht entziehen kann. Man liebt und leidet mit den Protagonistinnen, man fürchtet die Konsequenzen und ist am Ende doch froh, dass das Ende nicht das Ende ist. So sollte Literatur sein.


Student Of The Year [DVD] [UK Import]
Student Of The Year [DVD] [UK Import]
DVD ~ Siddharth Malhotra
Wird angeboten von Bollywood
Preis: EUR 11,49

4.0 von 5 Sternen Unterhaltsam, mit mehr als schwulem Subtext, 8. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Student Of The Year [DVD] [UK Import] (DVD)
College-Filme sind ja immer wieder ein beliebtes Sujet. Karan Johar hat es mit seinem Klassiker „Kuch Kuch Hota Hai“ selbst vorgemacht. Und so erinnern einige Nebenfiguren in „Student of the Year“ tatsächlich entfernt an „Kuch Kuch Hota Hai“, aber das war es dann auch mit der Ähnlichkeit.
Nein, „Student of the Year“ geht in eine andere Richtung. Ich habe selten einen indischen Film mit einem derart schwulen Subtext gesehen. Dass Karan Johar homosexuell ist, ist in der Bollywood-Gemeinde ein offenes Geheimnis, ohne dass er je selbst sich dazu bekannt hätte (wäre auch tödlich für seine Karriere). Sein indirektes coming-out aber hat er genau mit diesem Film hingelegt.
Nicht nur, dass der Schulleiter (einfach gut: Rishi Kapoor), der nicht verhehlt, unglücklich in seinen (verheirateten) Coach (Ronit Roy) verliebt zu sein, offen schwul ist, nein, da werden junge Männerkörper zelebriert wie in einem Gay Movie. Die Story ist vordergründig heterosexuell – erst Feinde, dann allerbeste Freunde, bis die Freundschaft an der Konkurrenz um die gleiche Frau (Alia Bhatt als Shanaya) und in Folge am „Student of the Year“-Contest zerbricht. Tatsächlich aber sind Frauen in diesem Film nur Nebensache und die Liebesgeschichte funktioniert auch nicht wirklich. Warum sollte auch Shanaya Interesse haben an zwei Jungs, die eigentlich in erster Linie sich selbst haben, mit ihren schmachtenden Blicken und Umarmungen, die mehr als nur kumpelhaft sind?
Ich hege überhaupt den Verdacht, dass die beiden männlichen Hauptdarsteller – Siddharth Malhotra als Abhimanyu und Varun Dhawan als Rohan– beide in ihrer ersten Filmrolle – vor allem auch wegen ihres guten Aussehens und ihres gestählten Körperbaus ausgewählt wurden. Karan Johar gibt ihnen – insbesondere im zweiten Teil des Film während des Wettbewerbs – genug Gelegenheit, ihre vorzugsweise halbbekleideten muskelgestählten Körper zu zelebrieren. Darunter leidet allerdings etwas die schauspielerische Strahlkraft der beiden, auch wenn man natürlich zugute halten muss, dass dies der Erstlingsfilm für beide war.
Auch für Alia Bhatt, die ja mittlerweile ein Rising Star am indischen Filmhimmel ist, war „Student of the Year“ der Erstlingsfilm. Bhatt aber – die mich in diesem Film ein wenig an die junge Alicia Silverstone in „Clueless“ erinnert – spielt beide Jungs locker an die Wand, obwohl ihr Part im Vergleich sehr viel kleiner ist. Dass sie am Ende bei dem zukünftigen Banker bleibt, ist der Konvention geschuldet. Realistischer wäre gewesen, beide in den Wind zu schießen, aber hier geht es ja nicht um realistisches Kino.
„Student of the Year“ wäre aber kein Karan Johar-Film, wenn er nicht zugleich einen hohen Unterhaltungswert hätte. Und so ist der Film zwar nicht der ganz große Wurf, aber 2  Stunden pure Entspannung, mit Witz und auch ein bisschen Drama dabei. Und das ist sicherlich nicht das Schlechteste, was man über einen Karan-Johar-Film sagen kann.


Spiel der Zeit: Roman
Spiel der Zeit: Roman
von Ulla Hahn
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Lommer jonn" zum 3. und leider letzten Mal, 8. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Spiel der Zeit: Roman (Gebundene Ausgabe)
„Dat Hildejad“, Hildegard „Hilla“ Palm ist zurück. Mit „Spiel der Zeit“ legt Ulla Hahn nun den dritten Teil ihrer Trilogie um „dat kenk vonne Prolete“ („Das verborgene Wort“, „Aufbruch“) vor.
„The times are changing“ singt Bob Dylan und die Rolling Stones „We can’t get no satisfaction“ dazu. Wir schreiben die Jahre 1967 und 1968. Ein Hauch von Aufruhr geht durch die immer noch von alten Nazis und vor allen Dingen den alten Eliten regierte in Restauration erstarrte Bundesrepublik.
Hildegard wohnt nunmehr als stud.phil. im katholischen Studentinnen-Kolleg in Köln und kommt mit dem Geld aus dem „Honnefer Modell“ grad eben so über die Runden. Sie, die noch immer unter den Folgen der Gruppen-Vergewaltigung („die Nacht auf der Lichtung“ in „Aufbruch“) leidet, hat große Probleme, sich anderen Menschen zu öffnen. Einzig mit Gretl, ihrer strengst katholischen Zimmernachbarin, schließt sie engere Freundschaft.
Dennoch: Ulla Hahn lässt ihre Protagonistin nicht allzu lange allein in den Seminaren und Vorlesungen zurück. Mit Hugo Breidenbach, Spross aus altem kölschen Klüngel und Geldadel (eine bis auf zwei Figuren schreckliche Sippe), trifft sie die Liebe ihres jungen Lebens. Da treffen nicht nur zwei Versehrte – Hugo hat einen Buckel und ist der Außenseiter der Familie – aufeinander, sondern auch zwei Seelenverwandte, die sich geradezu symbiotisch verschlingen.
Indes, in Zeiten des Aufruhrs ist auch das Private politisch und so werden beide hineingezogen in den Aufbruch von Teilen der Studentenschaft, die im Resultat zwar nicht zur Revolution, aber zu relevanten gesellschaftlichen Umbrüchen in der bundesrepublikanischen Gesellschaft führte.
Ulla Hahn dekliniert alles durch: Schienenblockaden gegen die Fahrpreiserhöhungen der KVB, Ostermarsch durch das Ruhrgebiet mit seiner bereits sterbenden Zechenlandschaft, Proteste gegen den Krieg in Vietnam. Sit-ins und Teach-Ins, politische Diskussionen statt Vorlesungen, auch im nicht ganz so revolutionären Köln löst der SDS (Sozialistische Deutsche Studentenbund) den RCDS (Ring Christlich-Demokratischer Studenten) im ASTA ab. Marx, Mao und „Ho-Ho-Ho-Chi-Minh“ und nebenher wird auch noch die profunde Nazi-Vergangenheit so manch professoraler Autorität entlarvt.
Und mit Lilo, der leicht exzentrischen Hippie-Tante Hugos und derem jungen amerikanischen Lover ziehen Flower Power, die „freie Liebe“ und haschisch-getränkte Bewusstseinserweiterung in Hildegards und Hugos Leben ein.
In all diesen Wirrnissen, Auf-und Umbrüchen ist Hildegard zwar mittendrin, aber im Herzen doch nur halb dabei. Sie ist inmitten der privilegierten Studentenschaft eben das ewige „kenk vonne Prolete“, das Scheine machen muss, um sich das Geld aus dem „Honnefer Modell“ zu verdienen.
Ulla Hahn zeigt sich auch in „Spiel der Zeit“ als flüssige Erzählerin, der es mit leichter Hand gelingt, Zeitgeschichte mittels privater Lebensgeschichte lebendig und spannend und vor allem atmosphärisch zu vermitteln. Für alle diejenigen Leser und Leserinnen, die diese Jahre miterlebt haben, hat „Spiel der Zeit“ wie die beiden Vorgänger-Romane daher einen hohen Wiedererkennungswert und für alle jüngeren Leser/-innen einen hohen zeitgeschichtlichen Wert.
1967/68 bedeutete ja nicht nur Aufbegehren gegen die verkrusteten gesellschaftlichen Strukturen, sondern auch das Beharren darauf. Wem sind heute noch der Kuppelei-Paragraph, „Engelmacherinnen“ mit Abtreibungen auf dem Küchentisch, die damaligen Verhältnisse in der Psychiatrie oder die Auswirkungen des §175 wirklich noch gegenwärtig, um nur einige weitere Themen aus „Spiel der Zeit“ zu nennen? Und so reißt der Roman viele gesellschaftliche Themen an, die uns heute schon so fern erscheinen, aber gerade mal etwas mehr als über 40 Jahre erst her sind.
Während allerdings Hildegard ihren intellektuellen Horizont im geistigen Diskurs mit Hugo weitet und schärft, scheint mir dieser ein wenig zu ideal geraten zu sein. Wo gibt es schon einen Mann so völlig ohne Fehl und Tadel und absoluter geistiger Brillianz? Das nimmt dieser Figur leider unnötig an Tiefenschärfe.
Ulla Hahn verabschiedet sich von Hildegard und Hugo mit deren Verlobung. Na dann: Glückwunsch und „Lommer jonn!“


HIGHWAY [BOLLYWOOD MOVIE] [Includes Special Features]
HIGHWAY [BOLLYWOOD MOVIE] [Includes Special Features]
DVD ~ Randeep Hooda
Wird angeboten von Bollywood
Preis: EUR 11,49

5.0 von 5 Sternen Visuell betörendes Road Movie-2-Personenkammerspiel, eine Perle des aktuellen indischen Films, 17. Oktober 2014
Ein visuell betörendes Road Movie, darin eingebettet ein 2-Personen-Kammerspiel, unterlegt mit einem ebenso betörenden Soundtrack von Meisterkomponist A.R. Rahman, das alles macht „Highway“ zu einer Perle des aktuellen indischen Films und sicherlich zu einem der besten Filme des Jahres 2014.

Regisseur Imtiaz Ali („Jab We Met“, „Love Aaj Kal“), der zuletzt mit „Rockstar“ eher unter seinen Möglichkeiten blieb, hat hier alles richtig gemacht: Ein tolles Drehbuch (von ihm selbst), sehr gut ausgewählte Darsteller (Alia Bhatt, Randeep Hooda), ein Kameramann (Anil Mehta), der weiß, wie man visuelle Akzente setzt, und ein Komponist (A.R. Rahman), der zu den perfekten Bildern den perfekten Sound schafft.

Veera Tripothi (Alia Bhatt), Mädel aus reichstem Hause, und Mahabir Bhati (Randeep Hooda), Schwerverbrecher und Outlaw, könnten unterschiedlicher nicht sein. Dennoch finden sie zueinander in dieser Zwangsgemeinschaft, zwei verletzte, sensible Seelen, die auf dieser ungewöhnlichen Reise ihre Seelenverwandtschaft zueinander entdecken.

Die Entführung von Veera war nicht geplant, ein Zufallsprodukt eines Überfalls, bei dem Veera und ihr Verlobter zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Mahabir nimmt aber mit, was er mitnehmen kann, und warum nicht damit den superreichen Vater des Mädchens erpressen?

Die Flucht mit der jungen Frau im Gepäck entwickelt sich für Mahabir aber anders als geplant. Veera, anfangs verstört, entwickelt ungeahnten Überlebenswillen. Mahabir, der sie erst sehr grob behandelt (aber nicht sexuell belästigt!), ringt sie widerwillig, aber zunehmend mehr Respekt vor ihrem Widerstand ab. Der Wendepunkt ist eine Polizeikontrolle irgendwo im Nirgendwo. Wäre es jetzt ein leichtes für Veera, Mahabir zu verraten, tut es sie es dennoch nicht.

Stattdessen geschieht etwas völlig anderes, unerwartetes. Der extreme Druck lässt Veeras altes Trauma aufbrechen. Und indem sie Mahabir unaufgefordert die Geschichte des frühen Missbrauchs durch ihren Onkel und das Vertuschen des Geschehens durch die Mutter erzählt, lösen sich in ihr alte Bindungen und die Angst auf und machen sie bereit, sich zu völlig neuen Ufern aufzumachen. Mahabir seinerseits sieht sich durch Veeras Offenbarung mit seinem eigenen Trauma konfrontiert. War er doch auch einst ein kleiner Junge, der am Beispiel seiner Mutter miterleben musste, was Menschen, insbesondere Frauen, geschieht, die am unteren Rand der Gesellschaft leben.

Die durchreisten Landschaften entsprechen diesem Entwicklungsprozess: Vom urbanen Dschungel Delhis über die staubig-trockenen Straßen Haryanas, durch die Salzwüste Rajasthans, hinein in die fruchtbaren Ebenen des Punjab und dann hoch hinaus in das Hochgebirge Himachal Pradeshs und schlussendlich Kaschmirs. Im Hochgebirge findet Veera Freiheit und neue Bestimmung zugleich, im Hochgebirge will Mahabir sie gehen lassen, aber sie will ihre neu gewonnene Freiheit zusammen mit Mahabir auskosten.

Nein, ein Happy End gibt es nicht, aber wenn auch die Reise eine ohne Wiederkehr für Mahabir ist, ist das Ende der Reise nicht das Ende des Films. Zurück allein in Delhi macht Veera in ihrer Familie reinen Tisch, konfrontiert den Onkel mit dem Missbrauch und alle anderen mit all den Lügen drumherum.

Ein schönes, versöhnliches Schlussbild: Veera, die selbstbestimmt an einer „hill station“ ein kleines Unternehmen betreibt, überblendend in eine Traumszenerie, ein kleines Mädchen und ein kleiner Junge Hand in Hand über eine Bergwiese laufend.

Man sitzt ein wenig atemlos vor diesem Film, von dessen Bildern und dessen Story man sich kaum lösen kann, und bedauert es, dass ein solcher Film außer auf der diesjährigen Berlinale und einem Screening auf einem Bollywood-Festival leider keine weitere Chancen bekommen hat, in hiesigen Kinos gezeigt zu werden. Allein Anil Mehtas einfallsreiche Kameraführung wäre dies schon wert gewesen. Natürlich nicht zu vergessen die hervorragenden Schauspielerleistungen, insbesondere von Alia Bhatt, die so jung wie sie ist, so ausdrucksstark ihre Rolle beherrscht. Im Zusammenspiel natürlich mit Randeep Hooda, der es mit nuanciertem Spiel schafft, dem Outlaw all unsere Sympathien zu verschaffen.

Über die nuancierte Kameraführung und dem nuancierten Spiel legt A.R. Rahman seine nuancierte Musik, kein wabernder Klangteppich – wie leider so häufig in den indischen Filmen neueren Datums - sondern ein Soundtrack, der wunderbar Form und Inhalt des Films unterstreicht und betont zugleich.

Mit „Highway“ hat Imtiaz Ali seinen bisher besten Film geschaffen. Das wird nicht leicht zu toppen sein.


QUEEN [BOLLYWOOD MOVIE DVD] [2014] [Includes Bonus Features]
QUEEN [BOLLYWOOD MOVIE DVD] [2014] [Includes Bonus Features]
DVD ~ Kangana Ranaut
Wird angeboten von Bollywood
Preis: EUR 11,49

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Coming-of-Age eines Punjabi-Girls auf Hochzeitsreise, aber ganz ohne Hochzeit, 17. Oktober 2014
Man nehme: Einen Regisseur, der aus der Regie-und Produktionsschmiede von Anurag Kashyap kommt, eine ehrgeizige junge Schauspielerin – Kangana Ranaut – die viel mehr sein will, als nur die Stichwortgeberin für den – im schlimmsten Fall bereits zu alten – Superhero, und ein sehr gutes Drehbuch, das witzig, aber nicht albern oder überdreht, eine Art Coming-of-Age-Story mit einer durch und durch sympathischen Anti-Heldin erzählt.

Herausgekommen ist der Film „Queen“, frisch, modern, jung, auch frech dabei, keine Minute langweilig und ein schönes Beispiel dafür, wie erfrischend und anregend indisches Kino heute sein kann.

Rani (= engl. „queen“) wird von Vijay (Rajkummar Rao in seiner bisher unsympathischsten Rolle), ihrem Ehemann in spe, zwei Tage vor der Hochzeit sitzengelassen. Eine Katastrophe für das höchst konservative, sehr traditionell erzogene Punjabi-Mädchen, für das der Höhepunkt ihres Lebens in eben dieser Hochzeit besteht.

Wäre da nicht die bereits schon bezahlte Hochzeitsreise, die Rani entgegen aller Erwartungen dennoch antritt. Erstes Ziel: Paris, die Hauptstadt der Liebenden, die der unbeholfenen Rani wie zum Hohn an jeder Ecke zu begegnen scheinen. Rani, die anfangs völlig naiv im Pariser Großstadtdschungel fast untergeht, wird „gerettet“ durch die flotte Vijayalakshmi (Lisa Haydon), indisch-europäisch stämmige Hotelangestellte und alleinerziehende Mutter. Rani lernt von ihr auf die harte Tour, dass sie mehr ist als ein rückständiges indisches Mädchen und vor allen Dingen einen eigenen Willen besitzt.

Next Stop: Amsterdam. Im Youth Hostel muss sich Rani das Zimmer mit drei Männern teilen, Oleksander (Mish Boyko) aus Russland, Taka (Jeffrey Ho) aus Japan und Timy (Joseph Guitobh) aus Frankreich. Was anfangs für sie völlig unmöglich ist, wird allmählich für sie völlig normal. Rani wächst an den Herausforderungen des Lebens, des Alltags und fremder Kulturen und über sich hinaus. Am Ende dieses Prozess, der eine tiefe Freundschaft zu den jungen Männern und sogar einen heftigen Flirt mit einem italienischen Restaurantbesitzer miteinschließt, ist sie erwachsen und in der Lage, selbstständig ihr Leben in die Hand zu nehmen, vor allen Dingen auch Entscheidungen zu treffen, die ihr gut tun.

Denn Vijay, dem sie zunächst nicht „cool“ genug war, um sie zu heiraten, ist ihr hinterher gereist, um sie von einem erneuten Versuch zu überzeugen. Vijay erweist sich hier als der wahre Zurückgebliebene, ein selbstsüchtiges, unreifes Muttersöhnchen, das sie bezeichnenderweise daheim zurück in Indien in seine Schranken weist.

„Queen“ ist unbestritten ein wichtiger Höhepunkt in Kangana Ranauts bisheriger schauspielerischer Karriere. Sie spielt die Rani genau auf den Punkt, man merkt, wie ihr das Projekt am Herzen liegt, ohne dass sie selbst dabei schauspielerisch überzieht. Sie lässt aber auch dem übrigen Ensemble genug Raum, sich in Szene zu setzen.

„Queen“ ist witzig, warmherzig, sentimental, manchmal auch ein wenig traurig, vor allem Mut machend für alle jungen indischen Frauen, die selbstbestimmt und selbstständig ihr Leben führen wollen. So modern „Queen“ inhaltlich ist, so modern, dem internationalen Kino verbunden, ist auch das Visuelle an „Queen“. Das mag dem einen oder anderen Fan des traditionellen indischen Kinos nicht gefallen, aber „Queen“ beweist – und das als Komödie (!) – wie fortgeschritten indisches Kino heute sein kann und will.


2 STATES [BOLLYWOOD] [OFFICIAL 2 DISC COLLECTORS EDITION]
2 STATES [BOLLYWOOD] [OFFICIAL 2 DISC COLLECTORS EDITION]

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Punjabi Boy meets Tamil Girl - Da ist der culture clash schon vorprogrammiert, 17. Oktober 2014
Wer schon einmal den Norden und den Süden Indiens bereist hat, dem werden auch bei oberflächlichster Betrachtung die enormen sozio-kulturellen Unterschiede aufgefallen sein: Ein Land, aber zwei Regionen so unterschiedlich wie Feuer und Wasser.

Punjabi-Boy meets Tamil-Girl: Da ist der „culture clash“ einfach schon vorprogrammiert. „2 States“ macht aus dem Zusammenprall der unterschiedlichen Kulturen eine erstaunlich leise Komödie, jedoch mit ernsten Untertönen. Krish (Arjun Kapoor) und Ananya (Alia Bhatt) begegnen sich an der Uni. Schnell wird aus beiden ein Liebespaar, irgendwann steht die Frage im Raum: Wie sagen wir es unseren Eltern?, vor allem, wenn man heiraten möchte. Diese Frage ist in der indischen Kultur immer noch fundamental, nicht nur bei einer Liebesheirat, sondern besonders auch, wenn beide Partner verschiedenen Kulturkreisen (Religion+ Kaste inbegriffen) entstammen.

Und da haben Krish und Ananya nicht so gute Karten. Ist er nämlich einziger Spross einer Punjabi-Familie, in der von Mutter Kavita (Amrita Singh) die Punjabi-Werte wie ein Bollwerk voreinander hergetragen werden, während Ananya aus einer tamilischen Brahmanen-Familie stammt, somit allein der Kaste nach sozial weit über Krish steht. Die Swaminathans (Shiv Kumar Subramaniam als Vater, Revathy als Mutter Swaminathan) sind ebenfalls stolze, aber eher zurückhaltende Vertreter ihrer Kultur.

Das kann nicht gut gehen, und geht es auch nicht. Während es Krish, der aus Liebe nach Chennai gezogen ist, gelingt, sich langsam, aber beharrlich die Sympathien von Ananyas Eltern zu erarbeiten, scheitert Ananya an Kavita, die es nicht schafft, über ihren Schatten zu springen, völlig. Kavita verachtet die „Madrasis“, wie sie sie respektlos nennt. Sie klammert sich stattdessen an die von ihr völlig überhöhte Punjabi-Kultur, um ihren eigenen „Makel“ – nämlich die dysfunktionalen Familienverhältnisse - zu überdecken. Befindet sich doch ihre eigene Familie seit Jahren im Niedergang, Krishs Vater (Ronit Roy) ist ein Loser, der seine beruflichen Misserfolge mit Alkohol betäubt und seine Familie tyrannisiert.

Bei einem gemeinsamen Familienurlaub kommt es denn auch zum Eklat und zum Bruch zwischen Ananya und Krish, der nicht das Rückgrat und den Mut besitzt, sich gegen seine Mutter durchzusetzen. Schlimmer noch, er fällt Ananya übel in den Rücken, was diese ihm nicht durchgehen lassen kann und will, ist sie zwar einerseits gehorsame Tochter, aber doch andererseits selbstbewusst und selbstständig genug. Am Ende richtet es dann ausgerechnet der Loser-Vater, dem das Glück seines Sohnes wichtiger ist als die kulturelle Rechthaberei.

„2 States“ erzählt dies alles, den Finger in diverse Wunden legend, aber doch ohne den Finger zu erheben. Regisseur Abishek Varman findet einen leichten Ton für sein ernstes Anliegen, ohne in Plattitüden abzugleiten. Dabei helfen ihm sowohl witzige Sidekicks als auch die durchweg sehr guten Darsteller/-innen, allen voran als starke Frauengestalten Amrita Singh in der undankbaren Rolle der allzu hartleibigen Punjabi-Mutter und Alia Bhatt als sehr selbstwusste Ananya, die sich im Zweifelsfall auch gegen ihren Lover Krish entschieden hätte.

In „2 States“ prallen außerdem – wie im real existierenden Indien - Moderne und Tradition aufeinander, ohne dass der Film aber zu der einen oder anderen Seite seine Gewichtung setzen würde. Die Botschaft des Films ist: Tariert das vernünftig miteinander aus. Und: Keine Kultur ist besser oder schlechter als die andere.


Cocktail - DVD - All Regions - Saif Ali Khan - Deepika Padukone - Bollywood [UK Import]
Cocktail - DVD - All Regions - Saif Ali Khan - Deepika Padukone - Bollywood [UK Import]
DVD ~ Saif Ali Khan
Wird angeboten von Bollywood
Preis: EUR 11,49

2.0 von 5 Sternen Trotz prominenter Besetzung nur langweilig, 17. Oktober 2014
Cocktail st trotz prominenter Besetzung (Deepika Padukone, Saif Ali Khan) leider nur langweilig. Und mit 139 Minuten viel zu lang geraten. Boy meets Girl meets Girl kann spannend sein, ist hier aber völlig vorhersehbar und visuell nur mäßig in Szene gesetzt.

Saif Ali Khan als Gautam ist wieder einmal in der Rolle als großer, nicht erwachsen werden wollender Junge unterwegs, was offensichtlich ein Grundproblem indischer Männer ist, hier aber besonders peinlich wirkt, weil die Filmfigur einerseits anfangs genau genommen ein Frauenbelästiger ist, und Saif Ali Khan andererseits schon des Öfteren bewiesen hat, dass er darstellerisch auch ganz anders kann.

Deepika Padukone als vorgeblich so moderne Veronica entspricht doch wiederum nur dem Klischee westlicher Lebensart, in dem Frauen in gewagten Outfits vor allen Dingen Party machen. Veronica lebt von den dicken Schecks ihres reichen Vaters und tut auch sonst nicht viel. Immerhin hat sie ein weiches Herz und nimmt in einer Notsituation Meera auf.

Diana Penty als Meera ist wiederum auch so ein klischeebehaftetes armes indisches Hascherl, das in der großen fremden bösen Stadt (die Handlung spielt vorwiegend in London) lernen muss, dass der arrangierte indisch-englische Ehemann (Randeep Hooda) nur scharf auf ihre Mitgift war und das ganze als einen Deal betrachtet hat: Ihr Geld für ihn gegen eine Aufenthaltserlaubnis für sie.

So steht sie schneller auf der Straße als sie gucken kann. Wie der Zufall so spielt, trifft sie auf die mitleidige Veronica, die ihr nicht nur eine Übernachtungscouch anbietet, sondern mehr als einen Blick auf die ihr so fremde westliche Lebensart. Also raus aus dem Salwaar Kameez, rein in den Minirock, nein, fangen wir erstmal mit einer Jeans an.

Gautam kommt ins Spiel, als Veronica ihn öffentlich vorführt, weil er vorher am Flughafen aufs lächerlichste Meera angemacht hat. Gautam und Veronica haben dann gelegentlich Sex miteinander, Gautam zieht zu den Mädels in eine 3er WG und lernt dann die Vorzüge (?) der bodenständigen Meera kennen, obwohl die ihn erst heftig ablehnt.

Als Gautams Mutter (Dimple Kapadia) aus Indien anreist und ihren Sohn unbedingt verheiraten will, schiebt Gautam Meera vor, obwohl er nach wie vor mit Veronica schläft. Es kommt so vorhersehbar, wie es kommen muss: Meera entdeckt ihre Gefühle für Gautam, Veronica entdeckt plötzlich auch tiefere Gefühle für Gautam, und der steckt in der Klemme, weil er sich einerseits in Meera verliebt hat, andererseits aber zu Veronica tiefe Freundschaft hegt. Ein Riesenkrach treibt die Freunde auseinander, aber am (traditionellen) Ende, das dann bezeichnenderweise in Indien spielt, haben sich alle wieder lieb und Gautam darf seine Meera heiraten, ohne Veronica zu verlieren.

Der Film verliert sich so zunehmend ins Klischee und man mag kaum glauben, dass das Drehbuch von Imtiaz Ali stammt, der selbst immerhin so schöne bis erstklassige Filme wie „Jab We Met“ „Love Aaj Kal“ und „Highway“ gedreht hat, und die Kameraführung der renommierte Anil Mehta („Veer-Zaara“, „Jab Tak Hai Jaan“ u.a.) inne hat.

Der einfallslose Disco-Sound von Pritam (der ohnehin nicht zu meinen bevorzugten Komponisten gehört) tut auch noch seinen Anteil dazu, dass man zunehmend weghört und –sieht anstatt dabeizubleiben.

Einzig netter Sidekick ist Boman Irani als Gautams Onkel Randhir (der übrigens mit einer Engländerin verheiratet ist, was seine Schwester, Gautams Mutter, augenscheinlich auch nicht billigt), der bei dem oft überzogenen Spiel der anderen noch relativ dezent auftritt.

Der Film war in Indien ein box-office-Erfolg, mir unverständlich, aber Inder ticken nun mal anders. Wahrscheinlich hat dann doch die Liebe zu dem traditionellen Mädchen den Ausschlag gegeben, obwohl genau das die vorgebliche Modernität des Films ad absurdum führt (sorry, Deepika).


GULAAB GANG [BOLLYWOOD]
GULAAB GANG [BOLLYWOOD]
DVD ~ Madhuri Dixit
Wird angeboten von Bollywood
Preis: EUR 11,49

2.0 von 5 Sternen Gute Absicht, aber schwache Ausführung, 17. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: GULAAB GANG [BOLLYWOOD] (DVD)
„Gulaab Gang“ ist ein Paradebeispiel dafür, dass gute Absichten und gute Hauptdarstellerinnen noch keinen guten Film ausmachen.

1. Die gute Absicht

Frauenverachtung, Vergewaltigung, häusliche Misshandlungen, Feminizid sind (nicht nur) in Indien allgegenwärtig und äußerst wichtige Themen, die auch die indische Filmindustrie immer mal wieder aufnimmt. Vorbild für „Gulaab Gang“ ist die real existierende „Gulabi Gang“, eine stetig wachsende Bewegung von Frauen vornehmlich in Nordindien, die gegen Gewalt gegen Frauen in all ihren Schattierungen vorgeht. Das besondere Merkmal dieser Frauen ist ihr rosafarbener Sari, daher „gulabi“ = „rosa“. „Gulaab Gang“ nimmt also die inhaltliche Thematik der „Gulabi Gang“ auf, jedoch rein fiktional.

2. Die guten Darstellerinnen

Was den Film ein wenig rettet, sind die prominenten und gut bis ausgezeichnet agierenden Hauptdarstellerinnen: Madhuri Dixit und Juhi Chawla. Madhuri Dixit (als Rajjo) schlägt sich als Anführerin der „Gulaab Gang“ tapfer, allerdings hätte ich mir bei ihr oft mehr Härte und ein offensiveres Auftreten gewünscht.

Juhi Chawla als ihre politische Gegenspielerin Sumitra Devi spielt dagegen lustvoll ihre Karte der durch und durch Bösen aus und damit Madhuri leider auch öfter an die Wand. Juhi ist „the devil in disguise“, eine, die lächelnd alle in den Untergang treibt, die sich ihr in den Weg stellen oder einfach mal anderer Meinung sind. Ich glaube, Juhi Chawla hat es genossen, hier mal einen durch und durch bösen Charakter spielen zu dürfen.

3. Die mäßig bis schlechte filmische Umsetzung

Ich frage mich, was den Regisseur Soumik Sen geritten hat, diesen Film im Stil der 90iger Jahre zu inszenieren: Ein Drehbuch, das deutliche Löcher hat, eine über weite Strecken unbeholfene Inszenierung, völlig überzogene, bisweilen stümper- bis lachhaft inszenierte Action, bis auf Madhuri und Juhi Figuren, die vor allen Dingen im Klischee zuhause sind, beschädigen das Thema des Films nicht unerheblich. Die ziemlich unmotiviert eingestreuten Tanzszenen dienen zudem in erster Linie dazu, die Tanzkunst Madhuris zu zeigen, anstatt die Handlung voran zu treiben.

Ich bin mir sicher, dass all dies der Regisseur nicht beabsichtigt hat, aber es hätte ihm gut getan, wenn er sich einmal in der aktuellen heimischen Filmproduktion umgesehen hätte, wie man wichtige und aktuelle Themen auch anders, vor allen Dingen auch moderner zum Publikum transportieren kann.


Sense and Sensibility
Sense and Sensibility
von Joanna Trollope
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Komplex geschrieben, den Austenschen Impetus gut getroffen., 1. September 2014
Rezension bezieht sich auf: Sense and Sensibility (Taschenbuch)
Nun hat sich also Joanne Trollope im Rahmen des Austen-Projekts an „Sense & Sensibility“ gewagt. Und sie hat – ähnlich wie Val McDermid es mit „Northanger Abbey“ getan hat – „Sense & Sensibility“ auf eine moderne Plattform gehoben, ohne den universellen Kern sowohl der Geschichte als auch der handelnden Personen anzutasten.

Geld und ein ungerechtes Testament haben auch im 21. Jahrhundert nichts von ihrer Bedeutung verloren, und so finden sich auch die modernen Dashwood-Frauen von den Ferrars aus Norland Park vertrieben und im Barton Cottage in Devonshire zur Miete wieder.

Allerdings ist der soziale Abstieg nicht so groß wie bei Jane Austen, und die Dashwoods sind auch nicht allein auf die Gönnerschaft von Sir John Middleton, den Trollope in einen erfolgreichen Industriellen verwandelt, angewiesen.

Immerhin können, sollen und dürfen Frauen heutzutage für ihren Lebensunterhalt arbeiten, auch wenn allein der Gedanke daran sowohl Mrs Dashwood, hier Belle genannt, als auch der sensiblen Marianne Schauder den Rücken hinunter treibt.

Insbesondere Marianne, die bei Jane Austen tatsächlich sympathischer wirkt, weil man ihr ihre Empfindsamkeit leichter abnimmt, ist bei Trollope über weite Strecken ein unproduktiver, egozentrischer, bisweilen sehr egoistisch wirkender Charakter, der lange Zeit außer den eigenen überspannten Erwartungen und Empfindungen nichts von dem wahrnimmt, was in der Realität um ihn herum passiert.

So kann sie natürlich auch nicht den geerdeten Colonel William „Bill“ Brandon wahrnehmen, seines Zeichen Irak-Kriegsveteran mit sozialem Gewissen, der sich um die Gestrandeten und Junkies kümmert.

Stattdessen stürzt sie sich Hals über Kopf in das Liebesdrama mit dem nicht völlig schlechten, aber total verantwortungslosen John Willoughby, hier „Wills“ genannt, mit dem sie – im Gegensatz zu Austens Marianne – Sex haben darf, was ihr am Ende aber nichts nützt, weil sie doch nur von Wills schwer gedemütigt als Lachnummer auf Youtube landet und sein Verhalten sie völlig in die Depression abstürzen lässt.

Social Media und das modernste IT-Equipment sind natürlich jederzeit präsent, insbesondere auch bei Teenager Margaret, der jüngsten der Dashwood-Schwestern, schwer pubertierend, aber zwischendurch lichte und vernünftige Momente habend, was sie nicht nur eine Plage sein lässt.

Elinor „Ellie“ Dashwood ist auch bei Trollope ein typischer Austenscher „sense“-Charakter geblieben. So sehr „Vernunft“, dass es schon manchmal die Leserin schmerzt. Ellie hat sämtliche Päckchen zu tragen: Sie geht als einzige arbeiten, um das Familieneinkommen zu sichern, ist der emotionale Schuttabladeplatz für alle anderen Dashwoods und auch noch höchst unglücklich in ihren Schwager Edward Ferrars verliebt, von dem sie ob dessen mangelnder Entscheidungskraft fast schon hintergangen wird.

Joanne Trollope demonstriert in ihrer modernen Version von „Sense & Sensibility“ aber nicht nur an den Dashwoods, mit welcher Leichtigkeit sich Austensche Charaktere in die Moderne versetzen lassen.

Mutter Ferrars und Tochter Fanny sind eiskalte und knallharte Geschäftsfrauen, bei denen nur das Geld zählt und die über Leichen gehen, während der jüngere Sohn/Bruder Robert ein Party-Freak ist (bei Trollope organisiert er Großevents), der sein Schwul-Sein (Trollope) hinter einer Scheinehe mit Lucy Steele versteckt, die ihrerseits nur scharf auf das Geld der Familie ist und Edward schnellstens fallen lässt, als der enterbt wird.

Edward, der Außenseiter der Familie, ist schon so „soft“, dass es fast weh tut, ein liebes, aber trotzdem Weichei, das erst im letzten Moment die Kurve bekommt, als Lucy Steele ihm nämlich die Entscheidung abnimmt.

Nett, chaotisch und manchmal auch nervig sind die Middletons und Jennings mit ihren jeweiligen Anhängen, die von finanziellen Sorgen befreit, fröhlich an der Oberfläche des Lebens segeln, die Anteil nehmen, aber nicht wirklich in die Tiefe dabei gehen.

Sie alle tragen jene menschliche Eigenheiten mit sich, die sich wohl nie verändern werden, egal, ob wir in der Kutsche unterwegs sind oder im modernsten Hochgeschwindigkeitszug.

Und so gilt für Joanna Trollopes Version von „Sense & Sensibility“ das gleiche, was ich bereits bei Val McDermids „Northanger Abbey“ konstatiert habe: Die Protagonisten/-innen sind 21. Jahrhundert, handeln aber nicht viel anders als ihre Verwandten aus dem frühen 19. Jahrhundert. So sehr modern sie sich geben, so sehr schwebt der Austensche Impetus über allen.


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