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Rezensionen verfasst von
Marcus Tesch
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Heilung, Zeichen der Herrschaft Gottes
Heilung, Zeichen der Herrschaft Gottes
von Wolfgang J. Bittner
  Broschiert

4.0 von 5 Sternen Gott heilt auch heute noch, 5. Januar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Mit dieser Wiederauflage des Buches aus dem Jahr 1984 hat der Neufeld-Verlag der Gemeinde einen großen Dienst erwiesen. Sehr pointiert und konzentriert beleuchtet der Autor Wolfgang Bittner, zuletzt Beauftragter der Evangelischen Kirche von Berlin/ Brandenburg, das Thema "Heilung" aus biblischer und kirchenhistorischer Sicht. Dass es dabei nur um die groben Linien geht und manches holzschnittartig bleibt, tut aber der Grundaussage des Buches keinen Abbruch.

Heilung, so die Grundthese Bittners, sei als Grundauftrag an die Kirche neben den Dienst der Verkündigung (und der Diakonie) ergangen. Dieser Auftrag Jesu, wie er sich insbesondere in den Evangelien zeigt, sei heilsgeschichtlich niemals zurückgenommen worden. So berichte die Apostelgeschichte ebenso von Heilung wie die Briefliteratur des Neuen Testaments. Kirchengeschichtliche Zeugnisse bis hinein in unsere Zeit bezeugten Heilungsgeschehen und das nicht nur abseits der großen Linien, sondern ganz klar auch im Hauptstrom der Kirche.

Insbesondere den Pietismus macht Bittner für die Haltung verantwortlich, die sich bis heute in vielen Gemeinden erhalten hat: Die Bitte um Heilung sei der Bitte um das geduldige Ertragen des Leides gewichen. Man sehe nicht mehr die Heilung als Zeichen der angebrochenen Herrschaft Gottes an. Vielmehr sei Krankheit nun zu ertragen und als pädagogische Maßnahme Gottes verstanden. Für Bittner mischen sich darin eine sehr individualistische angelegte Herzensfrömmigkeit mit dem alten Leib-Seele-Dualismus und einem mechanistischen Weltbild. Im Neuen Testament dagegen bedeute der Anbruch des Reiches Gottes auch, dass Heilungen an Leib und Seele geschähen.

Neben Luther sind es vor allem die beiden Blumhardts, Vater und Sohn, die exemplarisch für den Heilungsdienst der Gemeinde im Horizont des Reiches Gottes stehen und gleichzeitig Zeugen erfahrener Heilung sind. Positiv nimmt Bittner die Neuerweckung des Heilungsdienstes innerhalb der charismatischen Bewegung auf, sieht dort allerdings die Gefahr, dass die Heilung ausschließlich als Gabe einzelner verstanden wird und nicht als Auftrag der gesamten Gemeinde.

Grundsätzlich müsse auch heute noch um des Auftrags Jesu und der angebrochenen Herrschaft Gottes Willen um Heilung gebetet und Heilung erwartet werden. Hier gesteht nun auch Bittner allerdings ein, dass Heilung nicht der "Normalfall" ist, sondern sich dem unverfügbaren Wirken Gottes verdankt. Heilung sei keine Technik, sondern sie werde geschenkt. Was dies für die Praxis bedeutet, wird dann noch kurz entfaltet.

Ein gut lesbares Buch, das den Horizont erweitert und Freude macht, mit dem Wirken des lebendigen Gottes zu rechnen. An der einen oder anderen Stelle wäre sicher noch eine Vertiefung nötig gewesen. Jedenfalls werde ich persönlich wieder um Heilung beten und nicht nur darum, die Krankheit ertragen zu können.


Zürcher Bibel - dunkelblau: (ohne Einleitungen und Glossar)
Zürcher Bibel - dunkelblau: (ohne Einleitungen und Glossar)
von Zurcher Bibel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,70

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Bibel für die einsame Insel, 13. August 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Über die Übersetzung der Zürcher Bibel habe ich schon anderer Stelle geschrieben.Bibelausgaben, TVZ Theologischer Verlag : Zürcher Bibel, m. farbigem Bild- und Informationsteil Hier geht es mir nur um diese Ausgabe. Ich habe sie mir zusätzlich bestellt, weil sie, anders als die meisten übrigen Ausgaben der neuen Zürcher Bibel, den Text in zwei Spalten bietet. Leider fehlt dieser Ausgabe zwar das Glossar im Anhang. Außerdem fehlen die bibelwissenschaftlichen Einleitungen in die jeweiligen Bücher des AT und NT. Ansonsten halte ich aber diese Ausgabe für besonders empfehlenswert, insbesondere auch wegen ihres sehr günstigen Preise. Ich persönlich halte die zweispaltige Ausgabe für lesefreundlicher und habe mir deshalb noch diese zweite Ausgabe der Zürcher Bibel bestellt. Für die Erläuterungen schaue ich dann in die andere Ausgabe.

Die Übersetzung selbst ist von überragender Qualität und ein Kompromiss für alle, die zwar eine klassische Bibelübersetzung wünschen, die sich nahe an den Wortlaut hält, aber keine altertümelnde Sprache verwendet. Von allen aktuellen Übersetzungen der ganzen Bibel würde ich jedem als erste Ausgabe die Zürcher Bibel empfehlen, sozusagen als die Übersetzung, die ich mit auf eine einsame Insel mitnehmen würde, wenn ich nur eine auswählen dürfte. Besser geht kaum, höchstens anders.


Inspiration and Incarnation: Evangelicals and the Problem of the Old Testament
Inspiration and Incarnation: Evangelicals and the Problem of the Old Testament
Preis: EUR 11,44

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Was macht die Bibel zu etwas Besonderem?, 25. Juli 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
In Deutschland mag man die Diskussion, wie sie Peter Enns in seinem Buch führt, etwas belächeln. Seine Fragestellung ist allerdings in den USA und einigen Kreisen auch hierzulande durchaus virulent: Wenn die Bibel wirklich Gottes Wort ist, warum enthält sie dann scheinbar innere Widersprüche. Warum gibt es so viele Paralleltexte aus der Umwelt des Alten Testaments? Warum zitieren die Autoren des NT die Schriften des AT scheinbar so willkürlich?

Peter Enns' Buch funktioniert auf dem Hintergrund der streng konservativen evangelikalen Szene in den USA, wo jeder Buchstabe des Gotteswortes für bare Münze genommen wird. Enns, der selbst als Professor für Altes Testament aus einem solchen theologischen Hintergrund stammt und lange Zeit an einer Hochschule solcher Prägung unterrichtete, versteht seine Ausführungen als ehrliche Aufarbeitung der auch in der Bibel nicht zu leugnenden Fakten.

Seine Hauptthese: Man muss die Bibel als (inspiriertes) Gotteswort zwar ernst nehmen, sie aber in der Zeitbedingtheit ihrer Entstehung stehen lassen. Enns deutet in seinem Buch auf die zahlreichen Hinweise, die diese kulturelle und soziologische Bedingtheit der Schrift deutlich werden lassen. Das gibt Raum für die Akzeptanz der Evolution (statt eines Festhaltens einer Sechs-Tage- Schöpfung) und einer späten Entstehung des Pentateuch (statt des Festhaltens an der mosaischen Verfasserschaft). Dabei geht es Enns darum, seine evangelikale Herkunft nicht zu leugnen, sie aber dialogfähig mit der übrigen exegetischen Wissenschaft und darüber hinaus mit anderen kirchlichen Traditionen zu halten.

Einzigartig ist die Bibel nicht auf Grund einer verborgenen mystischen Weisheit und auch nicht wegen einer offensichtlichen durchgängigen Lehre. Enns sieht den Sinn der Bibel darin (und damit auch ihrer Inspiration, die er nicht leugnet!), in der Entfaltung des göttlichen Dramas auf Christus hinzuweisen. Diesen Ansatz grenzt er bewusst von einem christologischen Verständnis des AT ab, das Christus auf jeder Seite auch der hebräischen Bibel finden will. Vielmehr ist Christus das Ziel alles Verstehens und von ihm her erklären sich alle Texte des AT, auch wenn sich kein offensichtlicher Bezug auf ihn darin findet.

Nun, das mag in Deutschland nur ein müdes Lächeln hervorrufen. In Amerika bedeutete die Veröffentlichung dieser Schrift aber für Enns den Rauswurf aus seinem konservativen calvinistischen Seminar. Der Evangelikalismus duldet gerne alle möglichen Obskurantismen, für seine kreativen und dialogbereiten Köpfe hat er allerdings leider nur solche Lösungen parat und zeigt damit seine fundamentalistische Fratze.

So wie sich das Buch von Enns an die nachdenklichen und denkenden Evangelikalen in Amerika richtet, so wäre zumindest wünschenswert, wenn durch die Lektüre dieses Buches zumindest einige davon abgehalten würden, ihren persönlichen Jesus- Glauben an eine fundamentalistische Ideologie zu hängen.


Martin Luther: Rebell in einer Zeit des Umbruchs
Martin Luther: Rebell in einer Zeit des Umbruchs
von Heinz Schilling
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Für alle, die mehr wissen wollen..., 18. Juli 2013
...ist dies eine hervorragend geschriebene und in ihrem Urteil sehr gut abwägendende und begründete Biographie zum Reformator Martin Luther.

In den mehr als 600 Seiten geschriebener Text (knapp 100 Seiten sind für Anmerkungen und Literaturverzeichnis reserviert) stellt Heinz Schilling zunächst das historische Umfeld dar, bevor er sich dem Leben und Wirken des Reformators widmet. Auf knapp 30 Seiten gibt es zum Schluss dann noch einmal eine historische Einordnung des Wittenbergers.

Herausragend an diesem Buch ist der angenehme Schreibstil. Das Buch ist ein echter Page-Turner, obwohl immer wieder Zitate in mehr oder weniger unbereinigtem Luther-Deutsch einfließen. Die Person und das Handeln Luthers werden nachvollziehbar dargestellt. Man spürt dem Autor eine kritische Sympathie mit dem Theologen immer wieder ab. Das gilt gerade auch im Blick auf die kritischen Seiten Luthers, die angemessen dargestellt und bewertet werden, freilich nicht ohne auf den historischen Hintergrund hinzuweisen. Weder protestantische Heldenverehrung, noch neuprotestantische Absetzbewegung machen dieses Buch aus, sondern vielmehr der Blick des Historikers, der hier und da dann doch auch Gegenwärtiges kommentiert - dies aber wirklich selten.

Für wen empfiehlt sich dieses Buch? Sicher nicht für den, der mal schnell einen Überblick über Luther gewinnen will. 600 Seiten wollen schon gelesen sein. Wohl aber für alle, die es in Kauf nehmen, all die unzähligen Details mitzunehmen, die Schilling anbietet, ohne dass der Leser jemals den roten Faden verlieren würde.

Diese Biographie verdient es nicht nur um ihres Themas willen, sondern auch um ihrer selbst willen unbedingt gelesen zu werden.


Fürchtet euch: Roman
Fürchtet euch: Roman
Preis: EUR 9,99

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Große amerikanische Literatur, 18. Juli 2013
Rezension bezieht sich auf: Fürchtet euch: Roman (Kindle Edition)
Ich kann die von einigen Rezensenten geübte Kritik an dem Buch "Fürchtet euch" von Wiley Cash sehr gut nachvollziehen, denke aber, dass sie einer völlig falschen Erwartungshaltung entspringt. Denn obwohl es hier um einen, bzw. zwei Todesfälle geht, ist dieser Roman absolut kein "Thriller", nicht einmal ein "Krimi" im herkömmlichen Sinne. Da ich persönlich auch gerne Krimis lese, will ich dies bewusst nicht als Abwertung des Genre verstanden wissen.

Das Beklemmende,oder wenn man will der "Thrill" dieses Buches besteht also gar nicht im Schauder einer ungelösten grauenhaften Tat,sondern vielmehr in der detaillierten Beschreibung des Umfelds, die diese zuließ, ja sogar förderte. Und hier ist einfach nur absolut beeindruckend, wie Wiley Cash in seinem Erstling eine solche beklemmende Atmosphäre einer kleinen religiösen Gemeinschaft in irgendeinem amerikanischen Provinznest beschreibt.

Die Entscheidung, das Geschehene aus der Perspektive unterschiedlicher Personen zu erzählen, war vollkommen richtig. Damit bekommen die Schilderungen etwas Authentisches, das geradezu schreit: So war es. Keine distanzierte psychologische Rationialisierung, kein neutraler Blick von außen, sondern das Böse, das sich in Gestalt des Lichtes zeigen will und damit umso böser ist, wird dadurch in seiner Verwerflichkeit immer deutlicher.

Mir ging es so, dass mich dieses Buch automatisch in seinen Bann gezogen hat. Der toll gestaltete Umschlag trug seinen Anteil dazu bei. Vor allem aber war es der durch und durch erzählerisch unverstellte Zugang zum Geschehen, der mich beeindruckt hat.

Andere fanden das langweilig? Merkwürdig, aber gleichzeitig nachvollziehbar, wenn sie in diesem Roman etwas anderes erwarteten als herausragende amerikanische Literatur. Leicht und spannend zu lesen, aber keine leichte Kost! Keine eindimensionale Erzählung,sondern komplexe Wirklichkeit in einfacher Sprache. So fern und doch so nah.

Dieses Buch kann ich ohne Einschränkung empfehlen.


The Bible Made Impossible: Why Biblicism Is Not a Truly Evangelical Reading of Scripture
The Bible Made Impossible: Why Biblicism Is Not a Truly Evangelical Reading of Scripture
von Christian Smith
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,70

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Warum die Bibeltreuen der Bibel nicht treu sind!, 28. Juni 2013
Das Buch von Christian Smith ist eine Offenbarung. Leider, das sei hier ausdrücklich betont, gibt es davon noch keine deutsche Übersetzung. Jedoch, auch wenn es sich auf die amerikanische Situation bezieht, können wir in Deutschland aus den Beobachtung des Soziologen der renommierten amerikanischen Universität von Notre Dame sehr viel lernen. In Amerika hat Smith mit seiner Veröffentlichung eine heftige Debatte ausgelöst und sich mit dem fundamentalistischen Establishment insbesondere der rechtsgerichteten refomierten Evangelikalen angelegt.

Worum geht es? Zunächst ist die Überschrift dieser Rezension so etwas wie der Versuch, den Titel ins Deutsche zu übersetzen. Was Smith als "Biblicist" bezeichnet, lässt sich im Deutschen nur sehr ungenau als biblizistisch wiedergeben. Smith bezeichnet damit eine Haltung bestimmter Kreise zur Bibel und deren Auslegung derselben. In einer Charakterisierung dieser Haltung umschreibt er neun Kriterien, wobei diese noch durch eine letzte sozusagen allumfassende zehnte These ergänzt werden. Als "Biblicist" bezeichnet Smith eine solche Haltung, die die Bibel als ein umfassendes Handbuch für alle Glaubens- und Lebenswahrheiten ansieht oder als Gebrauchsanweisung für die täglichen Fragen des Lebens. Diese Haltung ist sehr eng verbunden mit einem Verständnis, das die Bibel als inspiriert und als irrtumslos in allen ihren Aussagen betrachtet. Smith macht aber deutlich, dass er den Gedanken einer Inspiration gar nicht ablehnt und dass er die Diskussion um den Begriff der "Irrtumslosigkeit," die insbesondere in Amerika geführt wird, für fruchtlos hält.Trotzdem liegt es nahe, diese beiden Begriffe durchaus auf der Linie von "Biblicist" zu sehen.

Für meine Begriffe ist aber die deutsche Entsprechung dazu der Begriff "bibeltreu", wie er sich in den letzten 25 Jahren immer mehr unter deutschen Evangelikalen ausgebreitet hat. Bibeltreue wird dort zum Markenzeichen einer besonderen Rechtgläubigkeit, die ebenfalls häufig mit dem Bekenntnis zur absoluten Irrtumslosigkeit verbunden ist. Bibeltreue Auslegungen, bibeltreue Seminare, Bibelschulen und Ausbildungsstätten, bibeltreue Gemeinden sprießen wie Pilze aus dem Boden. Ein ganzer Sektor besonders evangelikaler Literatur behandelt die biblische Sicht von Mann und Frau, der Entstehung der Welt (und damit der Ablehnung der Evolution), der Bibelauslegung selbst und vielen praktischen Fragen wie dem Umgang mit dem Geld oder der Seelsorge.

Diese Form der "Biblicist", der sogenannten "bibeltreuen" Auslegung führt Christian Smith regelrecht vor. Und er macht deutlich, dass ein solches Verständnis der Bibel sich ad absurdum führt. Das ist im Übrigen genau die Stärke des Buches, dass sie nicht als ein Angriff von außen zu betrachten ist (der Autor ist selbst im Sumpf einer evangelikalen Subkultur groß geworden), sondern auf die Unhaltbarkeit der Position hinweist.
Die Grundannahme der derart beschriebenen Position ist, dass es EIN biblisches Weltbild gebe, eine widerspruchsfreie Auffassung von allen Fragen, angefangen von der nach Gott bis hin zum Beispiel nach der biblisch vorgeschriebenen Kleidung. Diese müsse man nur nach gründlichem Studium der Heiligen Schrift herausfinden und zusammensetzen. Smith vergleicht dies mit dem Basteln eines Puzzles. Man schüttet den Karton mit den vielen Teilen aus und setzt dann diese zu einem großen harmonischen Bild zusammen. So tun es seiner Meinung auch die bibeltreuen Fundamentalisten. Und genau das funktioniert nicht - im Gegenteil, der Bibel wird damit sogar ein Bärendienst erwiesen und führt die Personen, die sich daran halten in unauflösbare Aporien.

Dabei, und das ist der Schlüssel zum Verständnis, argumentiert Smith gerade nicht aus der Sicht von draußen, sondern von drinnen. Als Soziologe fragt er nicht zuerst nach der reinen Lehre, sondern nach dem praktischen Verhalten, das dieser Sicht entspringt. Seine Grundfrage: Wenn die Heilige Schrift tatsächlich eine einheitliche und harmonische Sicht der Welt vertritt, die sich durch sorgfältige Exegese ableiten lässt, warum gibt es dann unter den Bibeltreuen nahezu zu jeder theologischen und praktischen Frage unzählbar verschiedene und teilweise sogar unvereinbare Antworten? Warum gibt es Bibeltreue, die aus der Bibel die Kindertaufe ableiten und andere, die nur die Erwachsenemtaufe für biblisch halten? Warum gibt es Gemeinden, in denen Frauen die lehrende Tätigkeit untersagt ist und andere, die die Mitarbeit von Frauen geradezu als biblisch gefordert betrachten? Warum gibt es bibeltreue Friedenskirchen, die Gewalt komplett ablehnen (Bergpredigt) und andere, die sich besonders für die Tätigkeit beim Militär einsetzen? Warum vertreten einige vehement die (doppelte) Prädestination als biblisch, während andere die freie Entscheidung für Jesus lehren? Von den zahlreichen unterschiedlichen Endzeit- Szenarios ganz zu schweigen! Und dies alles unter dem gemeinsamen Dach der Bibeltreue. Mit der Folge, dass sich, zumindest in den USA, die einen Bibeltreuen von den anderen abgrenzen und eine neue Gemeinde oder Kirche gründen, weil die ursprüngliche ihnen nicht bibeltreu genug ist? Ganz zu schweigen davon, dass manche klare Aufforderungen Jesu (Fußwaschung, Verkauf des eigenen Besitzes u.a.) von den Bibeltreuen gerade nicht befolgt werden.

Schon Zeugnisse früherer Zeiten, die Smith benennt, zeugen von der Problematik, dass gerade das Bekenntnis zur eigenen Bibeltreue nicht zur Klarheit und zur Einheit, sondern im Gegenteil zu Spaltung und Separatismus geführt habe. Aus dem Sola Scriptura der Reformation sei ein Solo Scriptura geworden, das in Wahrheit gar keine evangelikale oder besser vielleicht evangelische Auslegung der Schrift mehr ist. Die Bibel werde unmöglich gemacht, oder in meinen Worten: Die Bibeltreuen sind der Bibel gerade nicht treu!

Die Gralshüter der reinen Lehre, so entnehmen wir es dem Nachwort der später aufgelegten Taschenbuchausgabe, haben zwar durchaus giftig auf dieses Argument reagiert, aber nicht wirklich versucht, es zu entkräften. Es ist auch nicht zu entkräften. In meiner eigenen persönlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen fundamentalistischen Bibelverständnisses war dies Argument auch ein wesentliches. Anderes kamen dazu. Aber hier ist den sogenannten Bibeltreuen auf dem eigenen Feld die Waffe aus der Hand geschlagen, mit der sie sich trotzig immer wieder zu Wort melden, um ihre biblische Sicht der Dinge zu vertreten.

Die Bibel, so Smith, ist mehrdeutig und hat unterschiedliche Stimme. Ihre Einheit besteht nicht in einer widerspruchsfreien "Lehre", sondern darin, dass sie in allen ihren Teilen auf das Evangelium von Jesus Christus bezogen ist. In ihm und in der Verheißung des endgültigen Heils findet sie ihre Mitte und ihr Ziel. Das gibt Freiheit, die Bibel nicht als ein Gesetzbuch, eine Gebrauchsanweisung oder gar als ein Lexikon zu lesen, sondern sie ist von Christus, dem einen Wort Gottes, her zu verstehen. Ambivalenz ist kein bedauernswerter Zustand, sondern Teil der Offenbarung selbst. Smith knüpft darum an Karl Barths Verständnis von Offenbarung an. Hier müsste die Diskussion seiner Thesen selbst dann fortgeführt werden. Es deckt sich m.E. aber auch an Texten der Bibel selbst, wenn z.B. Paulus Exegese betreibt und dann doch Christus und das versöhnende Heilshandeln Gottes an ihm zum Mittelpunkt seiner Auslegung macht.

Getroffene Hunde bellen! So auch in diesem Fall. Christian Smith benennt ganz offen die verwundbare Seite einer vermeintlich bibeltreuen Exegese, die letztlich in den Fragestellungen der Aufklärung und des Positivismus hängen geblieben ist und Antworten aus dem 19. Jahrhundert gibt. Leider, auch das ein trauriges Fazit aus dem Buch, ist es gerade die christliche Literatur, die sich an Laien richtet, die insbesondere durch solches Verständnis geprägt ist. In Deutschland trifft dies vielleicht in besonderer Weise zu, da sich die Bibeltreuen noch mehr als in den Vereinigten Staaten zu einer Minderheitenkultur entwickelt haben, die die akademische Auseinandersetzung scheut und sich lieber im eigenen Bereich der ständigen gegenseitigen Selbstvergewisserung bewegt. Insofern wäre es wünschenswert, wenn dieses Buch, auf deutsche Verhältnisse angepasst, auch in unserem Land und in unserer Sprache erscheinen würde.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 16, 2013 9:30 PM CET


Kopf an Kopf
Kopf an Kopf
Preis: EUR 8,49

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unvoreingenommen - gut!, 19. Mai 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Kopf an Kopf (MP3-Download)
Silly kannte ich bisher nicht. Ich habe das Album "Kopf an Kopf" aus Neugier über einen Streamingdienst gehört und die Musik hat mir auf Anhieb sehr gut gefallen: Eingängige aber niemals langweilige Melodien, ansprechende lebensnahe Texte, und insgesamt 15 Stücke. Ich fand's gut. So gut, dass ich mir sogar direkt Karten für das Silly- Konzert besorgt habe.

Nun ist es sicher Geschmackssache, ob einem Musik gefällt oder nicht. Die Mehrheit hier vergibt ja auch viele Sterne. Mir ist nur aufgefallen, dass die meiste Kritik von Leuten kommt, die einen irgendwie gearteten Anspruch an Silly haben, der aus der Vergangenheit oder sonstwo herrührt.Ich kann das schlecht beurteilen, da ich kein altes Silly- Album kenne und mich die alte DDR- Musik auch überhaupt nicht interessiert. Ich höre die Musik ja heute und will nicht in alter Ostalgie schwelgen. Und da kann ich nur sagen: Hut ab! Das ist mal ne schöne Scheibe, ehrlich, schnörkellos, emotional und eingängig.Gut, dass man ihr die Vergangenheit nicht abspürt. Die wollen doch gar keine "Ostband" sein, und das finde ich persönlich absolut in Ordnung.
Übrigens war auch das Konzert mit Silly klasse!


Jesus von Nazaret - Was er wollte, wer er war
Jesus von Nazaret - Was er wollte, wer er war
von Gerhard Lohfink
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Jesus- Buch der Extraklasse, 3. Mai 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Gleich zu Beginn muss ich bekennen: Dieses Jesus- Buch hat mich unheimlich bereichert, sowohl intellektuell als auch spirituell. Ich kann von keinem anderen Jesus- Buch sagen, dass es mich so begeistert hätte wie dieses, von den vier Evangelien einmal abgesehen.

Der renommierte katholische Neutestamentler entfaltet die Botschaft Jesu und sein Handeln von der Verkündigung der Herrschaft Gottes her. Dies führt zu ganz erstaunlichen Überlegungen und gibt der Person Jesu eine neue und, wie ich finde, zutiefst neutestamentlich begründete Relevanz. Weil im deutschen Sprachraum vorrangig Bücher mit zweifelhaftem historischen Interesse an Jesus veröffentlicht werden oder aber solche, die ein erbauliches Ziel verfolgen, ist festzustellen, dass in Verkündigung und Leben der Kirche und Gemeinden die Person Jesu als Mensch unerklärlich blass bleibt. Darin finden sich liberale und pietistische Theologen und Exegeten wieder, dass für sie aus dem Leben Jesu wenig verwertbares übrig bleibt. Jesus war aber kein letztlich in der Geschichte verschwommen überlieferter Lehrer und er war auch nicht nur der Erlöser einer vermeintlich sich auf Paulus gründenden rein soteriologischen Theologie. Er hat in Israel gelebt, hat zu Israel gesprochen und ist den Weg bewusst bis zum Ende gegangen, der ihm durch die Verkündigung der Gottesherrschaft in Israel auferlegt war.

Auch in der englischsprachigen Literatur finden sich neuerdings einige ähnliche Ansätze wie bei Lohfink, z.B. bei N.T. Wright oder Scot McKnight. Sie nehmen die Evangelien historisch ernst, lesen sie kritisch, aber eben auch kritisch gegenüber den eigenen Voraussetzungen und kommen dann zu einem lebendigen Bild von einem Jesus, der mit dem Gottesreich nicht nur die himmlische Seligkeit durch seinen Opfertod verkündigte, sondern die Erfüllung des Willens Gottes in seiner neuen Welt.

Plötzlich machen die Evangelien wieder einen Sinn und sind nicht nur Vorgeschichte für die Paulusbriefe, wie sie vor allem eine lutherisch bestimmte Sicht des NT nahelegen. Dieser Jesus, wahrhaft Gott und wahrhaft Mensch, bekommt nun endlich Fleisch und Blut und macht Mut, nicht nur die Ewigkeit zu ersehnen, sondern auch den Willen Gottes, wie er für das Gottesvolk unter der Herrschaft Gottes gelten soll, konkret zu leben.

Herrschaft Gottes deutet Lohfink nicht als Reich Gottes, sondern als dynamisches Geschehen und sieht es, darin sicher ganz katholischer Theologe als ein sakramentales Geschehen. Das ist aber durchaus nachvollziehbar. Auch seine Ausführungen zum Thema Wunder und in Analogie zum Thema Auferstehung sind durchaus nachdenkenswert, denn sie deuten das Wunder nicht als rein natürliches Geschehen, genauso wenig aber als Aufhebung des Natürlichen, sondern als wunderbare Entfaltung des Potentials des Geschöpflichen. Und in der Tat, die Wunder Jesu sind ja auch keine "Tricks", sondern Erneuerung und Verwandlung. Sie dienen nicht der Legitimation des Anspruchs Jesu, sondern der Durchsetzung von Gottes heilsamer Herrschaft - das ist ein Unterschied. Die Argumentation ist, das ist Lohfinks Herkunft geschuldet, thomistisch. Aber auch hier die Rückfrage: Ist sie deshalb falsch?

Auch seine Ausführungen zum Thema "Sühne" gehört für mich zum Bedachtesten und Tiefsinnigsten, was ich bisher gelesen habe. Es ist immer wieder erstaunlich, wie es Gerhard Lohfink gelingt, die flache Interpretation des NT zu überwinden, ohne in fundamentalistische Denkstrukturen zu fallen.

Schlicht, ich bin begeistert. Sehe wiederum viele Berührungspunkte zum Ansatz von N.T. Wright, stelle aber fest, dass sich beide offensichtlich, zumindest laut Auskunft des Stichwortverzeichnisses, noch nicht entdeckt haben. Egal, die Lektüre dieses Jesus- Buches ist jedenfalls ein wirklicher Genuss und Gewinn.


Göttliches Feuer: Roman
Göttliches Feuer: Roman
Preis: EUR 16,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Spannender Blick in die Zeit Johannes Calvins, 13. Februar 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Göttliches Feuer: Roman (Kindle Edition)
Dieser gut geschriebene Roman des Niederländers Frans Willem Verbaas eröffnet einen spannenden Blick in die Zeit der Reformation. Verbass nimmt den Leser mit in eine Welt der radikalen Änderungen, Verwirrungen und Gefahren.
Im Mittelpunkt steht der junge französische Tuchhändlersohn Henri de la Mare, der am Vorabend der Genfer Reformation die Bekanntschaft reformatorischer Kreise um Johannes Calvin in Paris macht. Angesteckt und begeistert von den neuen Ideen, die nach Freiheit schmecken, lässt er sich auf den neuen Weg des Glaubens ein und wird zum Pfarrer in Genf.

Bald kommt auch Johannes Calvin nach Genf. Seine Anwesenheit wird zu einer großen Herausforderung für den jungen de la Mare und für die ganze Stadt. Der charismatische und gleichzeitig außerordentlich strenge Calvin fasziniert und stößt ab. Ein Konflikt ist unausweichlich.

Dieser Roman ist wohlgemerkt KEIN Calvin- Roman. Der Genfer Reformator ist zwar eine prägende Gestalt innerhalb der Geschichte, die uns Verbaas erzählt. Hauptfigur des Buches ist aber der Pfarrer Henri de la Mare. Die Einführung der Reformation in Genf und die Auseinandersetzung mit den Folgen derselben bildet die Folie, auf der diese durchaus mitreißend geschriebene und sehr plastische Erzählung aufgezeichnet ist.

So gesehen ist "Göttliches Feuer" indirekt schon lebendiges Szenarium, bei dem die Figuren jener Zeit, ob historisch verbürgt oder "nur" fiktiv zu sprechen beginnen. Insbesondere die Schilderung der stets drohenden Pest und die Folgen für die Menschen, sowie die politischen Bedrohungen der Stadt Genf, sind sehr eindrücklich und bleiben im Gedächtnis. Die Person des Henri de la Mare mit ihren inneren Kämpfen und Entwicklungen, der zunehmende Konflikt mit Calvin, sind nachvollziehbar. Auch die persönliche Seite der Erzählung erreicht die Leser.

Insgesamt allerdings darf man den Roman von Verbaas nicht als Calvin- Roman verstehen - das sei noch einmal ausdrücklich betont! Verbaas ist auch kein Chronist der Ereignisse. Sein Buch ist vielmehr eine Art persönlicher Auseinandersetzung mit der Theologe Calvins. Immer wieder, so scheint es, treten autobiographische Elemente in der Person de la Mares hervor. Insbesondere der Konflikt zwischen einer stringenten Theologie und dem täglichen Leben mit seinen Problemen, die Faszination an der Reinheit der Lehre und die damit oft nicht lösbaren seelsorglichen Fragen, sowie die Findung der Rolle eines Pfarrers (Predigers) werden dabei immer wieder beleuchtet.

Dieser niemals langweilige Roman ist faszinierend geschrieben und verdient m.E. eine klare Empfehlung.


Heidelberger Katechismus-Brevier
Heidelberger Katechismus-Brevier
von Matthias Freudenberg
  Broschiert
Preis: EUR 4,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Passend, griffig und pointiert, 4. Februar 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Heidelberger Katechismus-Brevier (Broschiert)
Dieses kleine Brevier zum Heidelberger Katechismus ist eine großartige Fundgrube für Bibelstellen, Gesangbuchversuche und kurze Ausführungen zu Grundgedanken der jeweiligen (ausgesuchten) Fragen und Antworten. Die Texte sind allesamt passend, griffig und pointiert.Sie helfen dabei, den Text der reformatorischen Bekenntnisschrift heute zu verstehen. Das Büchlein ist jeden seiner knapp fünf Euro wert.


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