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Rezensionen verfasst von
Heinrich

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Kim und Struppi: Ferien in Nordkorea
Kim und Struppi: Ferien in Nordkorea
Preis: EUR 12,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Amüsant, doch bedingt informativ, 21. Juli 2014
Ich habe mir spontan dieses Buch vor meiner jüngsten Korea-Reise gekauft, da es überraschenderweise neben den Reiseführern stand, die ich in einer Spezial-Buchhandlung durchblätterte. Ein Reiseführer ist dies bestimmt nicht; vom Genre her ist es ein eigenwilliger Mix, aber das stört mich nicht. Es ist eher eine anekdotische Reise-Reportage, bei der der Autor wenig Scheu hat, viel von sich selbst zu reden - und von seiner Reisepartnerin. Das ist oft amüsant, manchmal auch etwas penetrant und gelegentlich naiv. Wesentlich interessanter (aus meiner Sicht) sind die Schilderungen der Begegnungen mit (mehr oder minder) normalen Nordkoreanern. Einiges kam mir bekannt vor von meinen Reisen nach Südkorea; etwa die Angewohnheit, Fremde, mit denen man sich nicht verständigen kann, schlicht zu ignorieren. Das war einer der Punkte, wo ich mir dachte, das etwas mehr Vorbereitung dem Autor nicht geschadet hätte. Wenn er mal in (Süd-)Korea gewesen wäre, so hätte ihn die Sitte nicht überrascht, an der Tür die Schuhe auszuziehen; er hätte sich auch nicht den Fauxpas geleistet, dies mit japanischen Sitten zu vergleichen. Auch das Fehlen von Stadttauben muss man nicht darauf zurückführen, dass die Nordkoreaner diese womöglich fangen und essen; in koreanischen Städten (jedenfalls in denen, die ich kenne) begegnet man eher Elstern denn Tauben.

Viel ist im Buch vom Fotografieren die Rede. Angesichtsdessen ist es schade, dass der Band relativ wenige und kleine Farbbilder enthält. Insgesamt war dieses Buch aber eine interessante Ergänzung zu meinem Korea-Bild. Und vielleicht lässt man mich auch mal nach Nordkorea rein ...


be.ez LE reporter Air 11 Tasche für MacBook Air 27,9 cm (11 Zoll) Black/Safran
be.ez LE reporter Air 11 Tasche für MacBook Air 27,9 cm (11 Zoll) Black/Safran
Preis: EUR 40,86

3.0 von 5 Sternen Gut, nicht perfekt, 16. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ich habe mir diese Tasche für mein 11-Zoll-Apple-MacBook Air besorgt, und dieses passt auch perfekt da hinein. Wenn man allerdings zusätzlich etwa das Netzteil und eine normal große Maus mit unterbringen will, dann beult sich die Tasche schnell recht unschön aus. Sie kann aber noch problemlos geschlossen werden dank des sehr breiten Klett-Verschlusses; tatsächlich braucht es fast schon zu viel Kraft, um die Tasche zu öffnen. Praktisch für Papiere, Blöcke etc. die breiten Taschen mit Reisverschluss an der Vorder- und Rückseite. DINA4-Blätter passen allerdings nicht rein!

Die Tasche ist nicht ganz billig; daher hätte ich mir als zusätzliche Option gewünscht, dass der Gurt abnehmbar ist und ein Handgriff dran wäre.

Noch ein Hinweis für eventuelle Spontan-Rezensenten: Als die Tasche bei mir ankam, fiel mir zuallererst der penetrante Gummi-Geruch auf, den das Teil verströmte. Der gab sich allerdings, nachdem ich die Tasche ca. 2 Wochen offen in der Ecke stehen ließ.

Fazit: Die Tasche lässt ein paar Wünsche offen, aber sie sieht gut aus, erfüllt ihren Zweck und hat zwei längere Reisen problemlos mitgemacht.


Der Mohnblumenberg (Studio Ghibli Blu-ray Collection) [Blu-ray]
Der Mohnblumenberg (Studio Ghibli Blu-ray Collection) [Blu-ray]
DVD ~ Goro Miyazaki
Preis: EUR 23,99

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Bewegende Geschichte, 25. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Was hier schon gesagt wurde, kann ich nur unterstreichen: Ja, dieser Film kommt sicher nicht an die besten Filme von Studio Ghibli heran, also "Prinzessin Mononoke" und "Chihiro". Es ist eher ein stiller Film mit einer Geschichte aus dem japanischen Alltag, vergleichbar "Stimme des Herzens" oder "Only yesterday"; wem diese Filme gefielen, dem wird aich der "Mohnblumenberg" zusagen.

Und um noch etwas zu unterstreichen, was mit bei Filmen von Hayao Miyazaki (der hier das Drehbuch schrieb) immer positiv auffiel: Während sonst Frauen und Mädchen in Animes oft arg klischeehaft dargestellt werden, steht im "Mohnblumenberg" wieder eine starke, selbstbewusste (junge) Frau im Zentrum, nämlich die Oberschülerin Umi (im Film zumeist Mer genannt): Denn so nebenbei 'schmeißt' sie in der Abwesenheit ihrer Mutter und nach dem Tod ihres Vaters auch noch die Familien-Pension.

Die Animation ist im charakteristischen Ghibli-Stil gehalten. Highlight war hier meinem Eindruck nach die Wiedergabe des Inneren des Clubhauses, um dessen geplanten Abriss sich ein Teil des Plots dreht. Liebenswert!

Für die Maßstäbe dieser Edition sind die Extras relativ großzügig: Neben den (fast schon üblichen) Storyborads gibt es noch ein etwa 20minütiges Interview mit dem Regisseur (nur eine Einstellung, wie oft bei Animes) sowie ein etwa ebenso langer Streifzug durch Yokohama mit Bildern von früher und heute, begleitet allerdings nur von Untertiteln; daneben noch ein Musik-Video und die üblichen Trailer.


Wenn die Demokratie zusammenbricht: Warum uns das demokratische Prinzip in eine Sackgasse führt
Wenn die Demokratie zusammenbricht: Warum uns das demokratische Prinzip in eine Sackgasse führt
Preis: EUR 11,99

0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Reaktionärer Mist, 11. April 2014
Normalerweise lasse ich mir nach der Lektüre etwas Zeit, ehe ich eine Rezension schreibe (oder auch nicht). Diesmal aber nicht; gerade eben erst habe ich das Buch zur Seite gelegt, und der einzige Grund dafür, dass ich es nicht in den Müll werfe, ist der, dass es nur geliehen ist (Gott sei Dank)! Was mich an diesem Buch ärgert, sind folgende Punkte:
1. Der fröhlich-offenherzige reaktionäre Ansatz,
2. Die Arroganz der Autoren, die offenbar die große Mehrheit - vor allem aber ihre Leser! - für unglaublich dämlich halten,
3. Die jämmerliche Machart des Buches.

Zuerst zu Punkt 3, weil er der Offensichtlichste ist: Als Wissenschaftler bin ich's gewohnt, wissenschaftlich zu arbeiten. Aber was finde ich, wenn ich an das Ende dieses (recht dünnen) Bändchens blättere? Keine Literaturangaben, keine Quellen, nur Werbung für ein paar weitere Publikationen jenes zweifelhaften Verlages. Ach ja, und ein paar aus dem Zusammenhang gerissene Zitate. Auch diese ohne Quellenangaben, also auch nicht zu überprüfen. Indiskutabel! Jeder Professor hätte das einem Studenten im ersten Semester mit vollem Recht um die Ohren geklatscht.

Zu Punkt 2: Die plumpe Argumentationsweise hat am elegantesten Schopenhauer in seiner "eristischen Dialektik" skizziert: Man muss nur den anzufechtenden Standpunkt weit genug überspitzen, um ihn (besser gesagt, die überspitze Variante) mit scheinbarer Leichtigkeit als absurd zu enttarnen. 'Gute' Beispiele sind fast alle der 13 "Mythen der Demokratie", die die Autoren 'entlarven'. Etwa Mythos 2: "In einer Demokratie herrscht das Volk". Hier wäre es eigentlich angebracht, Paine's "Rights of Man" zu zitieren, der sehr sauber zwischen dem parlamentarischen, also repräsentativen System und dem demokratischen Prinzip unterscheidet. Aber solch feinsinnige Differenzierungen sind nicht Sache der Autoren. Oder Mythos 3, "Die Mehrheit hat (immer) recht". Wer hätte das je in dieser Ausschließlichkeit behauptet? Aber so geht es weiter; stets wird der rhetorische Holzhammer geschwungen. Für wie blöd muss man seinen Leser halten? Zitat gefälligst? Etwa seite 17: "Parlamentarische Demokratie, behaupten wir, ist ungerecht, führt zu Bürokratie und Stillstand, untergräbt Freiheit, Unabhängigkeit und Unternehmergeist und führt unweigerlich zu Zwietracht, Übergriffen, Trägheit und Verschwendung." Holla! Deshalb leben wir im demokratischen Euopa, in der ach so bürokratischen EU vermutlich auch in Krieg, Chaos und Elend; wir alle versuchen nach Afrika zu fliehen, in die glücklichen Diktaturen, oder wenigstens nach Russland, zu dem dynamischen Putin, oder noch besser nach China ... Ist mir schlecht! Und gleich auf der nächsten Seite, da kommt's fast noch besser: "Demokratie ist also per Definition ein kollektivistisches System. Es ist Sozialismus durch die Hintertür." Das hätte Berlusconi nicht besser sagen können; möge er in Unfrieden ruhen! Sozialismus als Schreckgespenst; zieht das etwa noch wo?

Das bringt mich zu Punkt 1: Der neoliberale Mundgeruch, der einem aus diesem Band entgegen haucht, ist nur zu offensichtlich; ganz klar wird das in Teil III, "Auf dem Weg zu einem neuen politischen Ideal". Das Heilmittel ist das gleiche, mit dem die neoliberal inspirierten Thatcher und Reagan in den 80ern ihre Länder ruiniert haben: "Dezentralisierung und individuelle Freiheit." Klingt nett, oder? Auf gut Deutsch heißt das: Eine vom Staat ungegängelte Wirtschaft, die die Menschen mit allen Mitteln ausquetschen kann. Offensichtlich wird das auf Seite 44, wo man den Zeiten um 1870 nachweint, als der Staat sich noch weitgehend aus der Wirtschaft raus hielt, sich höchstens um Außenpolitik und ähnliches kümmerte. Als 99 % der Menschen rechtlos waren, im Elend lebten, an Seuchen und Überarbeitung krepierten, während 1 % in Luxus lebte. Geradezu peinlich offensichtlich wird der reaktionäre Ansatz des Buches auf S. 160: "Wie dies [d.h. Dezentralisierung] funktionieren könnte, kann am Beispiel der sogenannten Sonderwirtschaftszonen wie Shenzhen gesehen werden [...] Dubai hat ebenfalls solche Freihandelszonen eingerichtet, wo wenige Handels- und Arbeitsregulierungen existieren. Solche wirtschaftlich freien Zonen könnten ein Modell für politisch freie Zonen sein, wo die Menschen mit verschiedenen Formen von Regierungsführung experimentieren könnten." China, wo die Städte in ihrem eigenen Dreck ersticken, und Dubai als Modelle!? Zufällig war ich vor ein paar Monaten in Dubai, einem Land, wo eine schmale Schicht in unglaublichem, dekadentem Luxus schwelgt, während eine quasi rechtlose Schicht von de-facto-Arbeitssklaven die eigentliche Arbeit erledigt. Ich danke auch schön für solch eine Perspektive!

Fazit: Ich will nicht bestreiten, dass unsere Demokratie Defizite hat. Aber wer - außer einigen Schreiberlingen, die sich mutmaßlich von irgendwelchen Unternehmen aushalten lassen - wünscht sich schon eine Rückkehr in den Manchester-Kapitalismus?
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 19, 2014 10:30 PM MEST


Cool Bananas ShockProof Pouch Notebooktasche für Apple MacBook Air bis 29,5 cm (11,6 Zoll) schwarz
Cool Bananas ShockProof Pouch Notebooktasche für Apple MacBook Air bis 29,5 cm (11,6 Zoll) schwarz
Wird angeboten von KF-TRENDSTORE
Preis: EUR 21,95

4.0 von 5 Sternen Passt - fast ..., 4. März 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Nachdem ich mit der Tasche des gleichen Herstellers für mein altes MacBook sehr zufrieden war, habe ich mir für mein neues MacBook Air das passende Modell zugelegt - wobei das mit dem "passend" relativiert werden muss. Denn das Air-Book ist bekanntlich hinten dicker als vorne, was aber bei dieser Tasche nicht berücksichtigt wird; somit schlackert das Notebook ein wenig in der Tasche. Ansonsten ist die Haptik, die Optik und die Handhabbarkeit aber ebenso angenehm wie bei meinem Vorgänger-Modell; die Polsterung ist angenehm leicht, aber effektiv.


Dvorak (Deluxe Edition)
Dvorak (Deluxe Edition)
Preis: EUR 22,99

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Empfehlung mit Einschränkungen, 11. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Dvorak (Deluxe Edition) (Audio CD)
Es ist mittlerweile fast 25 Jahre her, dass ich mir meine erste CD zulegte: Seinerzeit Schuberts letzte Sinfonien, auch mit den Berliner Philharminikern, seinerzeit freilich noch unter Karajan. Interessanterweise fiel mir bei der hier zu besprechenden Aufnahme etwas Ähnliches auf wie bei jener Erst-CD: Die beeindruckend präzise, fast überdeutliche, aber auch irgendwie akademisch trockene Spielweise jenes Orchesters. Leider fehlt mir das Fachwissen, um das klarer zu benennen; auch weiß ich nicht, ob es am Ort der Aufnahme liegt, an der Aufnahmetechnik oder eben tatsächlich am Orchester; es ist ein rein subjektiver Eindruck, der sich aber bei mir über ein Vierteljahrhundert verfestigt hat. Für Brahms' Violinkonzert wäre die hier gegebene Besetzung vermutlich ideal gewesen; für Dvoraks Violinkonzert aus seiner 'slawischen', tänzerischen Phase ist eine eher trockene, nüchterne Interpretation sicher nicht ideal. Zum Vergleich habe ich mir gleich danach eine andere Aufnahme des gleichen Stückes angehört: Ein Konzert vom 10. November 2013 mit Frank-Peter Zimmermann und dem NDR-Sinfonieorchester unter Alan Gilbert. Was zuerst auffällt: Zimmermann & Co. brauchen nur gut 29 Minuten; Mutter & Co. immerhin 34! Auch ansonsten musizierte man in Hamburg schwungvoller als in Berlin, auch wenn man dafür offenbar einige Ungenauigkeiten in Kauf nimmt.

Da seinerzeit im Geschäft die Deluxe-Version dieser Aufnahme nur 5 oder 6 Euro teurer war als die normale CD, habe ich mir auch gleich die Ausgabe mit der DVD zugelegt. Leider verschwieg die (ansonsten sehr schön gestaltete) Box (oder eher Buch), in welchem Tonformat die DVD aufgenommen war; eigentlich indiskutabel! Dementsprechend enttäuscht war auch ich, dass die DVD nur Stereo-Ton aufwies. Offenbar wurde hier nur eine Aufnahme verwendet, die für die Digital Concert Hall der Philharmoniker gemacht worden war, und diese bietet ja leider auch nur Stereo. Wenn man aber damit leben kann und einem der Stil der Philharmoniker zusagt, dann ist diese Aufnahme ein klarer Kauftipp. Gegen das Spiel der Solistin kann ich eigentlich nichts vorbringen, außer dass sie sich zu sehr dem Stil des Orchesters anpasste. Was die Interpretation angeht, so gefiel mir ihre Aufnahme des Mendelssohn-Konzertes (Mendelssohn (Digi-Pack)) deutlich besser - und da hatte die beiliegende DVD sogar DTS-Ton. Es geht doch!


Erzählungen
Erzählungen
von Anton P Cechov
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,00

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Meistererzählungen, 29. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Erzählungen (Taschenbuch)
Für meine erste Reise nach Russland hielt ich es für passend, mir diesen handlichen Tschechow-Band einzustecken. Eine gute Wahl, denn bei dieser Sammlung wäre der Titel "Meistererzählungen" wirklich mal angemessen gewesen. Und da sich auf Amazon keine Inhaltsangabe findet, hiert für die Kenner eine Liste der Geschichten: Austern/ Wanka/ Das Glück/ Wolodja/ Krankensaal Nr. 6/ Der Student/ Anna am Halse/ Das Haus mit dem Mezzanin/ Der Mensch im Futteral/ Stachelbeeren/ Von der Liebe/ Ein Fall aus der Praxis/ Herzchen/ Die Dame mit dem Hündchen/ In der Schlucht/ Der Bischof. Hilfreich auch das sich anschließende knappe Nachwort von Ludolf Müller, das kurze Erläuterungen zu jeder Geschichte und zum Leben des Autors bietet.

Würde Tschechow seine Geschichten heute veröffentlichen, so würde mancher Kritiker ihm vielleicht "Show, don't tell!" entgegen rufen. Tatsächlich reduziert er im Verlauf seiner (viel zu kurzen) Schriftsteller-Laufbahn die äußere Handlung immer mehr zugunsten von Charakter- und Stimmungsbildern. Aus jedem dieser Bilder spricht jedoch nicht nur die ebenso genaue wie illusionslose Kenntnis seiner russischen Heimat, sondern vor allem die Empathie und die Menschenliebe Tschechows. Auch wenn viele der Charaktere am Ende der Geschichten sterben: Bei mir werden sie lebendig bleiben.


F
F
Preis: EUR 19,99

16 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen "Literatur ist nicht dafür da, die Wahrheit zu sagen ..., 14. September 2013
Rezension bezieht sich auf: F (Kindle Edition)
... Literatur ist dafür da, zu lügen." Dieses (sinngemäße) Zitat von Vargas Llosa nimmt auch Daniel Kehlmann für sich in Anspruch. Wie die meisten Aphorismen, so steht auch dieser irgendwo zwischen Banalität und Blödsinn, aber zu Kehlmanns "F" passt er recht gut: Denn hier wird nicht nur gelogen, d.h. gedichtet, sondern es geht auch um Lügner, und zwar mit einer erstaunlichen Ausschließlichkeit. Der Roman dreht sich um die Mitglieder der Familie Friedland: Vater Arthur, die Söhne Martin, Eric und Iwan und letztlich Erics Tochter Marie. Dabei benutzt Kehlmann einen Kunstgriff, wie er ihn auch bei "Vermessung der Welt" und "Ruhm" angewandt hat, nämlich den Perspektivwechsel: Das erste Kapitel wird in der dritten Person erzählt, aber hauptsächlich aus der Sicht des Vaters. Es folgen drei Kapitel für die Söhne, alle aus der Ich-Perspektive erzählt, und ein Kapitel (eigentlich drei kurze) aus der Sicht der Tochter, nun wieder in der dritten Person. Zwischen Martins und Erics Kapitel ist noch eine kurze, kuriose Familienchronik der Friedlands eingefügt.

Den Großteil des Buches nehmen die drei Kapitel von Martin, Eric und Iwan ein, und sie spielen weitgehend an einem Tag, den 8.8.2008, kurz vor dem Ausbruch der Finanzkrise. Da die Brüder einander begegnen, sind ihre Erzählstränge miteinander verknüpft; was nach dem Kapitel aus Martins Sicht noch unverständlich scheint, wird etwa durch die folgenden Erzählungen seiner (Halb-)Zwillings-Brüder nach und nach erhellt. Das ist raffiniert und geschickt gemacht, und es wäre wohl mal ein interessantes Experiment, jene drei Kapitel in umgekehrter Reihenfolge zu lesen. Allerdings werde ich das kaum machen, denn wieder einmal ist bei mir der Eindruck zurückgeblieben, dass Kehlmann seine eigenen Figuren im Speziellen und Menschen im Allgemeinen schlichtweg zuwider sind. Auch "F" ist von einem erschreckenden, alles durchdringenden Zynismus geprägt: Die drei Brüder sind Lügner und Betrüger; ihr Vater sowieso, und auch die halbwüchsige Tochter fängt schon damit an. Höchstens Martin, der Priester, scheint deswegen ein schlechtes Gewissen zu haben, aber warum eigentlich? Schließlich glaubt er nicht an Gott! "Sehen Sie der Wahrheit ins Gesicht." apelliert er an einen Gläubigen im Beichtstuhl. "Sie werden nie glücklich sein. Aber das macht nichts. Man kann auch so leben." (S. 96) Welch ein Zuspruch! Auch sein Bruder Iwan ist nicht besser: "Lügen musst du. Du denkst, die Leute durchschauen dich, aber keiner durchschaut irgendwen." (S. 183) "Es ist die Kunst selbst, als heiliges Prinzip, die es leider nicht gibt. Es gibt sie ebensowenig wie Gott, wie das Ende der Zeiten, die Ewigkeit und die himmlischen Heerscharen. Es gibt nur Werke, unterschiedlich in Machart, Form und Wesen, und es gibt das Sturmgeflüster der Meinungen über sie." (S. 278) Oder, noch kürzer: "Was dahin ist, ist dahin." (S. 139)

Nun kann man natürlich einwenden, dass hier Kehlmanns Charaktere sprechen, nicht der Autor. Aber es ist leicht, ähnliche Zitate vom Autor selbst anzuführen: "Die Welt ist schlecht und ungerecht, ihr Zustand katastrophal und ihre Geschichte solch absurden Zufällen ausgeliefert wie jeder einzelne Lebenslauf." (Dankesrede WELT-Literaturpreis) Oder: "Warum man schreibt. Das Peinliche ist, daß man es wirklich nicht weiß. Vor zwanzig Jahren war es leicht, da hätte man antworten können, um die Welt ein bißchen besser zu machen, um zu kämpfen, damit die Menschen es irgendwann verstehen, um zu wirken, so wenig es auch ist. Das war natürlich immer schon Unsinn ..." (Diese sehr ernsten Scherze)

Dass Kehlmanns Charaktere auch Kehlmanns Weltsicht widerspiegeln, ist im Grunde auch banal, aber hier schon sehr auffällig. Ich wäre für etwas Abwechslung dankbar gewesen - auch, was den Stil betrifft. Denn auch wenn die drei Brüder in den Ich-Kapiteln unterschiedliche erzählerische Schwerpunkte setzen (Iwan, der Maler, ist offensichtlich eher optisch veranlagt), so sprechen sie doch weitgehend im gleichen Tonfall. Das gleiche Unvermögen, den eigenen Stil zu variieren, fand sich auch schon in "Ruhm". Glücklicherweise hat der Autor inzwischen den ermüdenden Tick mit der indirekten Rede aus der "Vermessung der Welt" aufgegeben.

Um gleich bei letzterem Buch zu bleiben, ohne den ich (wie wohl die meisten Leser) den Namen Kehlmann kaum kennen würden: Bei allem, was man bemängeln kann an jenem Buch, bot es interessante Szenerien, originelle Dialoge und eine intelligente, wohldurchdachte Handlung. Auch "F" enthält eine Reihe kluger, auch witziger Dialoge und Szenen, etwa das gemeinsame Essen von Martin und Eric. Von Handlung kann aber kaum die Rede sein: Die drei Brüder werden präsentiert, ihre gegenwärtige Lage wird skizziert, während sie bemüht sind, jenen heißen Sommertag hinter sich zu bringen. Das dürfte mit Kehlmanns Ansatz beim Schreiben dieses Buches zu tun haben: "Ich wollte wirklich anders an diesen Roman herangehen ... Ich wollte in dem Fall wirklich von den Figuren ausgehen und sehen, wohin sich das entwickelt." (Im Gespräch, Ö1) Nun, viel hat sich an Handlung nicht entwickelt, und gegen Schluss greift Kehlmann zu einem Kniff, mit dem sich viele Autoren behelfen, wenn sie mit ihren Figuren nichts mehr anzufangen wissen oder nicht weiterkommen: Er lässt einen der Hauptcharaktere sterben. Die Sterbeszene ist übrigens erzählerisch virtuos, wenn sie mich auch an eine Operndiva erinnerte, die erst noch zehn Minuten singt, nachdem sie auf der Bühne erdolcht wurde.

Fazit: Ein kluges Buch, aber auch erschreckend zynisch. Angesichts der angeführten Zitate macht es wohl nicht viel Sinn, zu fragen, warum Kehlmann gerade dieses Buch schrieb. Wollte er seinen Beitrag zur derzeitigen Wirtschaftskrise liefern, solange diese noch (?) nicht vorbei ist? Wollte er das Portrait (s)einer Generation zeichnen? Die drei Brüder sind um 1970 geboren; Kehlmann ist Jahrgang 75. Das erste Kapitel spielt 1984, aber den Ton jener Zeit hat der Autor nicht getroffen - wenn er es denn versucht hat. Ein wichtiges Requisit bildet der Rubik-Würfel, aber man merkt, dass Kehlmann diesen selbst nie lösen konnte - was er im obigen Interview auch einräumt. Wer, wie ich, jemals halbwegs mit dem Würfel umgehen konnte, der weiß, dass man den Ursprungszustand nicht auf die Weise herstellt, dass man die 6 Seiten nacheinander wieder ordnet. Solche unstimmigen Details stören, wenn es auch kein Vergleich ist mit den vielen Fehlern in der "Vermessung der Welt."


Die Barke des Re - Das Geschenk des Osiris -: Erster Teil der Roman-Trilogie aus dem alten Ägypten
Die Barke des Re - Das Geschenk des Osiris -: Erster Teil der Roman-Trilogie aus dem alten Ägypten

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ausflug ins Alte Ägypten, 13. Juli 2013
Passend zur altägyptischen Kultur, die sich über Jahrhunderte, ja Jahrtausende kaum zu wandeln schien, entfaltet sich der Plot in "Die Barke des Re" eher gemächlich. Nach und nach werden die Hauptcharaktere eingeführt, allen voran der (spätere) Pharao Ramses VII und dessen Jugendfreund Amunhotep. Es folgen freilich noch jede Menge Nebenfiguren; daher ist das Namensverzeichnis am Ende des Textes durchaus hilfreich, um den Überblick zu behalten.

Der Hauptstrang des Plots wird von zwei Intrigen gesponnen: Einer im Tempel des Osiris in Abydos, bei der der Schatzmeister Ipuwer als Strippenzieher fungiert, sowie einer zwischen den Holzhändlern Ibiranu und Senbi. In letztere wird eine Sklavin namens Satra verwickelt, die sich im Verlauf der Geschichte zu einer der wichtigsten Figuren entwicklelt. Darum herum wird sozusagen ein Breitband-Gemälde des Lebens im Alten Ägypten gemalt, gesehen freilich zumeist aus der Perspektive der Oberschicht. Das Leben der einfachen Bauern, die ja den Großteil des Volkes gebildet haben, kommt dagegen nur am Rande vor. Die Schicht der Sklaven wird hauptsächlich von der Figur der Satra vertreten, wobei diese offenbar eine eher untypische Vertreterin ihrer Klasse ist.

Jene Figur umgibt etwas Mysteriöses, und nach und nach deutet sich an, dass sie nicht nur aus einem fremden Land stammt, sondern womöglich auch aus einer anderen Zeit. Ich nehme an, das klärt sich noch in den nächsten beiden Bänden.

Was die anderen Charaktere betrifft, so merkt man ihnen an, dass sie der Autorin sie im Laufe der Arbeit immer vertrauter geworden sind. Das kommt deren Lebensnähe zugute; es sind nicht einfach nur Abziehbilder oder Klischeebilder, sondern eben Charaktere. Allerdings hatte ich auch den Eindruck, dass die Autorin ihren Hauptfiguren im Grunde ein gutes Dasein wünscht. Daher gestaltet sich etwa das Familienleben von Ramses VII derart harmonisch, dass es fast schon langweilig ist. Sollte es innerhalb des 'Harems' wirklich keine Eifersucht gegeben haben? Keinen Neid unter den Kindern? Keine Konkurrenz etwa zum Onkel? Satra dagegen scheint das Unglück geradezu anzuziehen, so dass man sich wundert, das sie das Ende des Buches überhaupt überlebt.

Aber sie steht schließlich unter dem Schutz von Osiris persönlich! Dass dieser mehrmals als göttliche Erscheinung auftritt, hat mich anfangs bei einem ansonsten eher realistischen Roman frappiert. Aber wenn etwa in "Quo Vadis" Jesus auftreten darf, warum dann nicht auch Osiris in einem Roman, der in Ägypten spielt?

Insgesamt gesehen, lohnt sich dieser Ausflug ins Alte Ägypten auf jeden Fall - wenn ich mich auch erst in die eher langsame Gangart der Geschichte einlesen musste. Aber es läuft sich eben schlecht in Nilschlamm, und bei der Hitze da unten ... Worauf das Ganze hinauslaufen soll, ist für mich noch nicht absehbar, aber schließlich sollen wir ja noch die beiden Folgebände lesen - was ich wohl auch tun dürfte!


Inferno: Thriller
Inferno: Thriller
Preis: EUR 8,49

80 von 109 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Lasst alle Hoffnung fahren!, 17. Juni 2013
Rezension bezieht sich auf: Inferno: Thriller (Kindle Edition)
Von Dan Brown kannte ich vorher nur „Sakrileg“ („The Da Vinci Code“). Etwas ähnliches habe ich mir auch für „Inferno“ erwartet: Einen flott geschriebenen Thriller, der uns an einige malerische Schauplätze führt, geführt von Robert Langdon, Dan Browns Alter Ego und Held wider Willen. Die Plot-Idee in „Sakrileg“ mag haarsträubend und unhistorisch gewesen sein, doch wenn man sie als solche akzeptierte, funktionierte das Buch als Thriller – mit gewissen Einschränkungen, auf die ich hier nicht eingehen werde.

Schon die Leseprobe wirkte auf mich teils wie ein schlechtes Dan-Brown-Imitat. Kurioserweise hatte der Kritiker der New York Times einen ähnlichen Eindruck: „The early sections of “Inferno” come so close to self-parody that Mr. Brown seems to have lost his bearings“ (NY Times, 12. Mai 2013).

Dieser Eindruck besserte sich bei mir im Laufe des Buches nicht; im Gegenteil. Eines hat „Inferno“ freilich gemein mit „The Da Vinci Code“: Nämlich den unpassenden Titel! Letzteres Buch hätte korrekterweise „The Leonardo Code“ heißen sollen: „Da Vinci“ ist einfach eine Herkunftsangabe, kein Nachname. Man spricht ja beispielsweise auch nicht vom „Von Nazareth-Evangelium“, sondern vom Jesus-Evangelium, und der neue Papst nennt sich nicht „Von Assisi“, sondern Franziskus.

„Inferno“ müsste nun eigentlich „Purgatorio“ heißen (siehe dazu unten), aber entweder war das Autor und Verlag nicht griffig genug, oder Dan Brown hat die „Göttliche Komödie“ von Dante Alighieri schlichtweg nicht gelesen oder nicht verstanden. Denn wie sich der Plot von „Sakrileg“ an den Werken von Leonardo da Vinci entlang hangelt, so dient in „Inferno“ Dantes episches Gedicht als ‚Aufhänger’ für Langdons kulturhistorische Schnitzeljagd.

(Von hier an seien alle vorgewarnt, die das Buch noch nicht kennen und sich die erhoffte Spannung nicht nehmen lassen wollen; ich werde nun auf Details des Plots eingehen!)

Zur Handlung: Mit Kapitel 1 wacht Robert Langdon in Florenz im Krankenhaus auf. Er leidet unter Amnesie; wie bzw. warum er von Harvard nach Florenz gekommen ist, weiß er nicht mehr. Somit muss er innerhalb der nächsten 24 Stunden nicht nur seine eigenen Schritte rekonstruieren, sondern auch ein grauenvolles Komplott entschlüsseln, das ein mysteriöses Superhirn gesponnen hat. Und damit Langdon trotz seiner Amnesie weiß, dass „die Zeit drängt“, beginnt das Ganze mit einem unheilverheißenden Alptraum des Protagonisten.

Indem Langdon nach und nach dahinter kommt, was er an dem „lost Weekend“ gemacht hat und was eigentlich vor sich geht, wird die Geschichte der eigentlichen Verschwörung hauptsächlich von hinten nach vorne erzählt. Das ist recht geschickt gemacht von Dan Brown: Einerseits dient dies natürlich dem Spannungsaufbau und -erhalt; andererseits werden damit auch klaffende Lücken in der Logik des Plots verschleiert. Daher hier ein knapper Abriss des Plots in chronologischer Folge: Der Schweizer Bertrand Zobrist – reich, exzentrisch und genial – plant, die (vermeintliche) Überbevölkerung der Menschheit zu reduzieren. Um ein Mittel dafür zu entwickeln, taucht er für ein Jahr unter. Dies ermöglicht ihm – gegen Bezahlung – das „Konsortium“, eine kriminelle Organisation unter der Leitung des „Provost“. Als eine Art Leibwächterin fungiert eine Killerin namens Vayentha. Unbemerkt vom Rest der Welt, entwickelt Zobrist ein Virus, das ein Drittel der Menschheit unfruchtbar macht. Darüber schreibt er einen Brief an Sienna Brooks, eine Anhängerin und einstige Geliebte. Diese will die Freisetzung des Virus verhindern, weiß aber nicht, dass diese in Istanbul erfolgen soll. Dies verschweigt auch das Bekenner-Video, welches das Konsortium für Zobrist verbreiten soll.

Noch vor seinem Abtauchen hatte Zobrist versucht, die WHO-Chefin Elizabeth Sinskey von seinen Zielen zu überzeugen. Diese hat stattdessen eine weltweite Fahndung nach Zobrist in Gang gesetzt. Kurz vor der geplanten Ausstrahlung des Videos, aber bereits nach der Freisetzung des Virus kommen die Agenten der WHO Zobrist auf die Spur. Dieser begeht Selbstmord. Von dem Virus weiß noch niemand, und als Hinweis, um Zobrists Plänen auf die Spur zu kommen, haben Sinskey und ihre Agenten nur eine Art Projektor in der Hand, der eine Darstellung von Dantes „Inferno“ zeigt.

Um diese Spur zu deuten, fliegt Sinskey in die USA, um Langdon um Rat zu fragen. Der löst dieses erste Rätsel rasch, und zusammen fliegt man zurück nach Florenz. Dort führen die nächsten Spuren Langdon zur ‚Totenmaske’ von Dante, die er aus dem Museum entwendet. Dies entgeht dem Konsortium nicht. Es schickt Vayentha aus, um zu verhindern, dass Langdon und die WHO Zobrist auf die Spur kommen. Als Langdon sich weigert, die Seiten zu wechseln, wird ihm ein Mittel verabreicht, das die Amnesie auslöst. Um sein Vertrauen zu gewinnen bzw. Langdon unwissentlich fürs Konsortium anstatt für Sinskey arbeiten zu lassen, wird ihm vorgespielt, dass er eine Schusswunde erlitten haben und die Agenten der WHO für das Konsortium arbeiten. Vor allem aber soll ihm Sienna zur Seite stehen. Infolge seines Verschwindens glaubt Sinskey wiederum, Langdon habe tatsächlich die Seiten gewechselt.

All diese Informationen werden erst im letzten Drittel des Romans enthüllt; erst an dieser Stelle setzt die eigentliche Handlung von „Inferno“ ein, die dann innerhalb von gut 24 Stunden abgewickelt wird. Es folgt also die kulturhistorische Schnitzeljagd nach bewährten Brown’schen Muster, die Langdon und Sienna – samt Verfolger – von Florenz nach Venedig und Istanbul führt. Diese setze ich hier als bekannt voraus. Aber, wie obige Zusammenfassung zeigt: Diese ganze Schnitzeljagd ist völlig sinnlos! Ja, mehr noch: Das war von Anfang an so gedacht! Denn Zobrist will seine Tat nicht anlässlich der Freisetzung des Virus verkünden, sondern zu einem Zeitpunkt, an dem sich dieses bereits über die ganze Welt ausgebreitet haben wird!

Spätestens an dieser Stelle des Romans hatte ich den Eindruck, vom Autor schlichtweg verarscht zu werden. Denn, um dies nochmals zu unterstreichen: Die Hinweise für jene Schnitzeljagd werden ja von Zobrist selbst ausgestreut! Wozu!? Warum will er Sinskey jenen Projektor zu einem Zeitpunkt zukommen lassen, zu dem sich das Virus bereits weltweit verbreitet hat? Zobrist steht ja zu seiner Tat, ja, er ist sogar stolz darauf! Warum sagt er nicht einfach: ‚Ich habe einen Virus freigesetzt, der jeden Dritten von euch unfruchtbar macht. Wenn ihr mir nicht glaubt: Seht einfach nach, in Istanbul, in der antiken Zisterne!’ Aber nein; stattdessen eine Reihe dunkler Hinweise. Selbst Sienna, obwohl Anhängerin von Zobrist, verliert irgendwann die Geduld: „“Das macht keinen Sinn!“, sagt sie unruhig. „Nehmen wir an, Zobrist hat tatsächlich heimlich etwas auf die Rückseite der Totenmaske [Dantes] geschrieben. Und dann hat er sich die Mühe gemacht, den kleinen Projektor zu bauen, um damit auf die Maske hinzuweisen ... warum hat er dann nicht eine deutlichere Botschaft hinterlassen? [...]“ (Kapitel 56. Ich beziehe mich auf die eBook-Ausgabe und führe daher die Kapitelnummern als Belege an.)

Eine gute Frage! In Kapitel 17 erklärt Zobrist gegenüber dem Provost die Rolle des Projektors: „“Mehr ein Dorn in ihrer [d.h. Sinskeys] Seite ... Ein kleiner geistreicher Stachel, gefertigt aus einem Knochen. Sie wird feststellen, dass es sich um einen Plan handelt, eine Karte ... ihren persönlichen Vergil, den Führer in ihre private Hölle.““

Also ist die ganze Schnitzeljagd ein einziger, elaborierter, sadistischer Scherz? Aber wie soll der wirken, wenn Sinskey ja erst ganz zum Schluss erfährt, was Zobrist eigentlich getan hat? Und wie soll Zobrist all diese Hinweise eigentlich gelegt haben? Ist er quer durch Florenz, Venedig und Istanbul gereist, während er doch angeblich abgetaucht war? Und während er zugleich jenes Virus entwickelte und züchtete, ganz allein, vermutlich in seinem Badezimmer?

Aber der wahre Grund für die Schnitzeljagd ist nur allzu klar: Sie dient als Vorwand, um Robert Langdon in die Geschichte einzubinden und ihn nach bewährtem Muster auf die Reise zu schicken. Und praktischerweise ist er, der Kulturhistoriker, nun plötzlich auch Dante-Experte! Und selbstverständlich findet sich kein besserer Dante-Experte in Florenz selber, ja, nicht einmal in Europa, nein, Robert Langdon muss her, und so eilt man von Florenz nach Harvard und zurück, wohl wissend, dass „die Zeit drängt“!

Und was hat nun eigentlich Dante mit jenem Plot zu tun? Die verblüffende Antwort: GAR NICHTS! Dantes „Göttliche Komödie“ ist nur Zobrists Lieblingswerk, ja, er meint gar: „Dieses Buch wurde für mich geschrieben.“ (Kap. 17) Denn: „Der Weg zum Paradies führt direkt durch die Hölle, wie Dante uns gelehrt hat.“ (Kap. 31) Oder, ebenfalls von Zobrist: „Um das Paradies zu erreichen, muss der Mensch durch das Inferno.“ (Kap. 10)

Hierauf bezieht sich der Titel des Buches. Als Paradies sieht Zobrist offenbar seine ‚schöne neue Welt’, bevölkert von einer Art Übermensch; als Inferno die Reduzierung der Bevölkerung um ein Drittel wie weiland bei der Pest im 14. Jahrhundert.

Diese Zitate zeigen freilich, dass Zobrist (und damit wohl auch Brown) nicht viel Ahnung von der Sache hat: Denn wer im Inferno – also in der Hölle – drin ist, kommt da selbstverständlich nicht mehr raus! Was gemeint sein dürfte, ist das Purgatorio, also das Fegefeuer, das bei Dante eher mit Läuterungsberg übersetzt werden sollte: Durch dieses müssen die Verstorbenen durch, die nicht in der Hölle landen, aber auch nicht sofort ins Paradies kommen. Wie so viele heute, weiß Brown nicht zwischen Hölle und Fegefeuer zu unterscheiden.

Betreibt Brown einfach nur hemmungsloses Name-dropping, oder hat er sich wirklich mit der „Göttlichen Komödie“ auseinandergesetzt? Auf jeden Fall zitiert er nur sehr sparsam aus dem Werk, und das vorangestellte Motto („Die heißesten Orte der Hölle sind reserviert für jene, die in Zeiten moralischer Krisen nicht Partei ergreifen.“) ist nicht von Dante, sondern von Brown selber. (Man beweise mir das Gegenteil! Ich habe es jedenfalls nicht im Text gefunden.) Selbst jener Hinweis, den Zobrist auf Dantes ‚Totenmaske’ hinterlässt, ist ein schwaches Dante-Imitat.

Die Dante-Thematik dient Brown aber sowieso nur als Aufhänger für Langdons kulturhistorische Schnitzeljagd. Wichtig scheint dem Autor die Thematik zu sein, der sich Bertrand Zobrist verschrieben hat: Die sogenannte Überbevölkerung. Weite Teile des Buches sind Debatten und Erörterungen über dieses Thema gewidmet. Auffallend dabei: Es werden nur Argumente aufgelistet, die das Bevölkerungswachstum bzw. -explosion als Gefahr schildern, als Bedrohung, die mit mathematischer Sicherheit auf uns zukomme. Browns Liebslings-Vokabel: Exponentielles Wachstum bzw. geometrische Progression. Dies illustriert Brown bzw. Zobrist in Kapitel 22 mit einem bekannten Bild: Man nehme ein Blatt Papier, zerreiße es, lege beide Hälften aufeinander, zerreiße dies wieder, lege die vier Viertel aufeinander, zerreiße sie, und so fort. Mit jedem Schritt wird der Stapel also doppelt so dick. „Unser Stapel Papier würde [bei einer Papierstärke von 0,1 mm] nach nur fünfzig Verdoppelungen ... beinahe bis zur Sonne reichen.“

Rein mathematisch, stimmt das von der Größenordnung her (ca. 110 Millionen Kilometer bei einem Sonnenabstand von 150 Millionen Kilometer). Natürlich wäre dieser ‚Stapel’ dann auch etwa 10-16 m dünn: Das ist ein Millionstel des Durchmesser eines Atoms! Ein unpassendes Bild also, um die Gefahren des Bevölkerungswachstums zu illustrieren; aber dies nur nebenbei.

Als Kronzeuge wird Thomas Robert Malthus zitiert, der bereits vor gut 200 Jahren vor den Gefahren des Bevölkerungswachstums warnte. Freilich verschweigt uns Brown, dass Malthus seinerzeit auf eine maximale Erdbevölkerung von einer Milliarde Menschen kam. Robert Langdon seinerseits, der angebliche Harvard-Professor, könnte zur Widerlegung eine Studie des örtlichen Center for Population Studies zitieren, wonach die Erde bequem 40 Milliarden Menschen (!) ernähren könnte. Er könnte auch erwähnen, dass die Weltbevölkerung gar nicht exponentiell wächst, da die Wachstumsrate kontinuierlich fällt. Er könnte anführen, dass einige Szenarios erwarten, dass die Weltbevölkerung nur bis auf 8 bis 10 Milliarden steigt, um dann sogar zu sinken.

Langdon tut es nicht; stattdessen lässt Brown seine (und Sinskeys) Gegenargumente wie die Ausflüchte von naiven Gutmenschen klingen, die von den brillanten Köpfen Zobrist und Brooks mühelos widerlegt werden.

Sympathisiert Brown also mit den Zielen seines ‚Schurken’ Zobrist? Befürwortet auch er eine Reduzierung der Bevölkerung – wenn auch nicht mehr durch Seuchen und Völkermord, sondern durch schmerzlose Sterilität? So viel Zynismus will ich dem Autor dann doch nicht unterstellen. Eher dürfte er ein Thema gesucht (und gefunden?) haben, das – ähnlich wie seinerzeit bei „Sakrileg“ – gut ist für Kontroversen, für Publicity und somit letztendlich für den Absatz seines Buches.

Man kann diese Message ignorieren oder auch akzeptieren. Ich könnte sie Brown sogar verzeihen, falls sein Buch ansonsten wenigstens handwerklich ordentlich gearbeitet wäre.

Weit davon entfernt!

Ich schätze gut geschriebene Thriller durchaus, habe etwa einiges von John Grisham und Michael Crichton durchaus mit Vergnügen gelesen. Deren Niveau erreicht „Inferno“ nie; selbst hinter „Sakrileg“ bleibt das Buch zurück. Die Gründe dafür sind vielfältig. Wo anfangen ... Am besten mit jenem bereits erwähnten großen Twist, bei dem Langdon (und mit ihm der Leser) erfährt, dass er den Großteil des Buches über unbewusst für die falsche Seite gearbeitet hat. Ich weiß es durchaus zu schätzen, wenn der Leser vom Autor in die Irre geführt wird. Meisterin dieser Disziplin war natürlich Agatha Christie; man nehme nur „Zeugin der Anklage“. Aber auch J.K. Rowling gelang es mustergültig, den Leser über 7 Potter-Bände Sand in die Augen zu streuen, was die wahre Rolle von Prof. Snape betrifft.

Ein Handlungs-Twist muss gut konstruiert, glaubhaft und nachvollziehbar sein. Gut konstruiert hat Brown seine große Wendung, doch baut sie auf allzu vielen Zufällen auf, um glaubhaft zu sein: Die scheinbare Narkotisierung von Dr. Sinskey, die nur eine harmlose Medikamentation war; die scheinbare Krankheit von Ferris, die sich als harmloser Bluterguss erweist; das Auftreten von Vayentha und Agent Brüder, die immer gerade noch rechtzeitig unterbrochen werden, ehe sie ihre wahre Rolle enthüllen können; die wahrlich geniale Schauspielerei von Sienna, die immer wieder wider besseres Wissen „erschrickt“, verwundert dreinblickt und sich unwissend stellt. Besonders in letzterem Fall erweist sich die von Brown präferierte Erzählperspektive als problematisch: Stets schreibt er aus der auktorialen Erzählsituation heraus, und dabei hört er den Charakteren auch ab und an beim Denken zu. Aber selbst dabei verraten die Figuren ihre wahre Rolle nicht – bis es dem Autor passt, versteht sich.

Und selbst wenn man all dies akzeptiert, so verheddert sich Brown dennoch ab und an in seinem eigenen Konstrukt. Siehe etwa die Rolle von Vayentha: In Kapitel 82 enthüllt der Provost, dass sie bei jenem (scheinbaren!) Anschlag auf Langdon in Kapitel 2 und 4 nur mit Platzpatronen geschossen habe. Wie sind dann aber folgende Beschreibungen zu verstehen: „Draußen prasselte ein Kugelhagel gegen das Metall der Tür“; „Das Prasseln von schallgedämpften Schüssen [...] hielten an“, und noch einmal: „Kugeln prasselten gegen den massiven Türknauf.“ Mal ganz abgesehen von dem dünnen Vokabular klingt das eher, als habe die Angreiferin mit einer Maschinenpistole geschossen – und zwar mit echten Kugeln. Und ähnliches wiederholt sich in Kapitel 48: Hier will Vayentha Langdon wohl beweisen, dass sie nur Platzpatronen in der Waffe hat. Und dennoch: „Noch während sie abdrückte, wandte sie den Kopf ... und als sich der Schuss löste, wusste sie, dass sie Langdon verfehlt hatte.“ Kann man jemanden verfehlen, wenn man gar keine Kugeln in der Waffe hat? Nun, bei Brown geht das!

Aber gut, kommen wir jetzt zu Browns vermeintlicher Paradedisziplin, dem Aspekt, der ihn von anderen Thriller-Autoren abhebt: Dem kulturellen Zierrat, dem bildungsbürgerlichen Bombast, um es böse auszudrücken. „Alle Werke der Kunst und Literatur in diesem Roman existieren wirklich. Die wissenschaftlichen und historischen Hintergründe sind wahr.“ protzt Brown in der kühn mit „Fakten“ betitelten Vorbemerkung. Und wie üblich, ist dem Autor dabei das Beste gerade gut genug. Diesmal geht es nach Florenz, Venedig und Istanbul, in den Palazzo Vecchio, den Markusdom und die Hagia Sophia, um nur die prominentesten Stationen zu nennen. (Das hat stets auch den Vorteil, dass jeder von uns da schon ein Bild vor Augen hat, so dass Brown nicht auf seine bescheidenen Beischreibungs-Talente angewiesen ist.) Und was kommt Langdon in den Sinn, als er Florenz’ prächtige Piazza della Signoria betritt? „Zusammen [...] sind es mehr als ein Dutzend entblößter Penisse, die den geneigten Besucher des Palazzo willkommen heißen.“ (Kapitel 34) Ich würde das ja für eine Parodie des prüden US-Touristen halten, wenn nicht das Buch ansonsten völlig humorfrei wäre.

Nachgezählt habe ich jedenfalls nicht – und damit zurück zu den „Fakten“. Browns Verkündigung seiner eigenen Unfehlbarkeit wird durch sein eigenes Werk widerlegt. Ein Fehler erschien mir dabei freilich derart krass, dass ich ihn selbst Brown nicht zutrauen mochte: Bei dem bereits erwähnten Bild mit dem 50-fach gefalteten Blatt erklärt Zobrist die Berechnung der ‚Stapeldicke’ wie folgt: „Ein Zehntel Millimeter hoch Fünfzig.“ Und wie um zu unterstreichen, dass dies kein Flüchtigkeitsfehler war, wird dies (wie so vieles) gleich nochmals wörtlich wiederholt. Darauf schlug ich im Original nach, und siehe da, dort war es korrekt: „One-tenth of a millimeter times two to the fiftieth power“. Ein ähnlich krasser Übersetzungsfehler findet sich in Kapitel 69: Dort wird aus „the home church of Antonio Vivaldi“ plötzlich „das Geburtshaus von Antonio Vivaldi“. Ersteres war zwar nicht ganz richtig (die heutige Pietà-Kirche, auf die sich Brown offenbar bezieht, wurde erst nach Vivaldis Tod erbaut), aber zumindest nicht ganz falsch wie die deutsche Version. Derartige Schnitzer dürften auf den Zeitdruck und die skurrilen Umstände zurückzuführen sein, unter denen die Übersetzung zustande kam: Die beiden deutschen und weitere Übersetzer wurden bei Mailand in einer Art Bunker ‚interniert’ und praktisch von der Außenwelt abgeschirmt, während sie zu Beginn dieses Jahres an der Übersetzung arbeiten. Als hätten sie irgendetwas von Wert verraten können ...

Ansonsten liste ich im Folgenden nur die krassesten der Irrtümer Browns auf, über die ich auf Anhieb gestolpert bin.

• Kapitel 15: Wagner hat kein Werk geschrieben, das sich auf Dantes Inferno bezieht.

• Kapitel 18: Die Società Dante Alighieri (di) Vienna: Offenbar verwechselt Brown sie mit der deutschen Dante-Gesellschaft. Letztere hat tatsächlich das Ziel, Person und Werk von Dante Alighieri zu erforschen. Erstere widmet sich „der Pflege und Verbreitung der italienischen Sprache und Kultur“ (Zitat Homepage), ähnlich wie die deutschen Goethe-Institute. Die Società Dante Alighieri würde somit auch keine solche Konferenz veranstalten, wie sie Brown schildert. Und selbst wenn: Ich kann nicht nachvollziehen, warum die Zuhörer in Wien den gesamten Vortrag über stehen sollten ...

• Kapitel 26: Die allererste Oper wurde nicht im Amphitheater im Park des Palazzo Pitti aufgeführt. Tatsächlich wurde die zweite Oper von Jacopo Peri im Jahre 1600 im Palazzo selber uraufgeführt.

• Kapitel 32: Jener Mord auf dem Ponte Vecchio war sicher nicht die Ursache des Konfliktes zwischen Ghibellinen und Guelfen; bestenfalls der Auslöser.

• Kapitel 37: Die angebliche Totenmaske Dantes gilt den meisten Experten als nicht authentisch. Darauf deutet schon die völlig unübliche Darstellung des Poeten mit halboffenen Augen hin.

• Kapitel 68: Die zweite Erwähnung meiner Heimatstadt Wien; der zweite massive Schnitzer: Langdon behauptet, er habe Klimts Gemälde „Der Kuss“ bei einer Ausstellung im Ca’ Pesaro in Venedig gesehen. Sehen wir einmal davon ab, dass diese Bemerkung nichts zur Handlung beiträgt: Wie Leonardo da Vincis „Mona Lisa“ niemals Paris verlässt, so verlässt „Der Kuss“ niemals Wien. Entweder verwechselt Brown das besagte Gemälde mit Klimts „Judith“, das tatsächlich im Ca’ Pesaro hängt, oder er erinnert sich an die Klimt-Ausstellung des Jahres 2012 im Museo Correr – wo „Der Kuss“ freilich auch nicht zu sehen war.

• Kapitel 69: Die berüchtigten Bleikammern befinden sich nicht im sogenannten neuen Gefängnis Venedigs neben dem Dogenpalast, sondern unter dem Dach des Dogenpalastes selber. Hätten Langdon bzw. Brown Casanovas Bericht von der Flucht aus den Bleikammern, den sie erwähnen, auch gelesen, so wüssten sie das.

• Kapitel 70: Die beiden Säulen auf der Piazzetta Venedigs haben nie ein „Zeremonientor“ oder etwas in der Art gebildet. Tatsächlich gilt es unter Venezianern als unglückbringend, zwischen den Säulen durch zu gehen.

• Kapitel 71: Die Pferderasse der Friesen wurde nicht „erst vor wenigen Jahren“, sondern vor ziemlich genau 100 Jahren vor dem Aussterben bewahrt. „Equus robustus“ ist auch kein anderer Name für die Friesen, sondern die Bezeichnung einer ausgestorbenen Pferdegattung, von denen einige ev. Vorfahren der modernen Pferde (Equus caballus) bzw. der Friesen waren. Wie Brown darauf kommt, dass diese nordeuropäischen Pferde einem antiken griechischen Bildhauer als Modell gedient haben könnten, kann ich nicht nachvollziehen.

• Kapitel 75: Die korrekte lateinisierte Form des Dogennamens „Enrico Dandolo“ ist „Henricus Dandulus“, nicht „Henricus Dandolo“; siehe die Inschriften auf Münzen und Gemälden und der nächste Punkt.

• Die Platte in der Hagia Sophia mit der Aufschrift „Henricus Dandolo“ markiert nicht das Grab des Dogen. Dieser wurde zwar mutmaßlich in der (seinerzeitigen) Kirche bestattet, doch wurde sein Grab später zerstört. Die heutige Gedenkplatte oder Kenotaph stammt erst aus dem 19. Jahrhundert; daher auch die inkorrekte Inschrift.

• Kapitel 90: Liszt Dante-Symphonie sieht zwar im letzten Satz einen Chor vor. Dort wurden aber keine Textpassagen aus der „Göttlichen Komödie“ verwendet, sondern der lateinische Text des Magnificat.

Besonders viele Fehler fielen mir somit in den Venedig-Kapiteln auf. Das mag daran liegen, dass ich mich dort besser auskenne als in Florenz oder Istanbul. Es mag auch eine andere Ursache haben: Ich habe den Verdacht, dass Brown den Abschnitt über Venedig – und vor allem den über Istanbul – relativ spät und dementsprechend schlampig(er) verfasst hat; vermutlich hat er irgendwann gemerkt, dass er mit Florenz allein keinen angemessen dicken Wälzer zustande kriegt. Daher wurde Langdon durch die Inschrift auf der ‚Totenmaske’ über den Hinweis auf Enrico Dandolo völlig unmotiviert erst nach Venedig, dann nach Istanbul gelotst. In seinen Danksagungen erwähnt Brown zwar viele Italiener, aber keine Türken. Das könnte den ziemlich peinlichen Fehler mit dem ‚Grab’ Dandolos erklären, der einem ortskundigen Fremdenführer sicher nicht passiert wäre. Offenbar hat Brown die Informationen über Dandolo direkt Wikipedia entnommen: Dort findet sich auch der von Langdon erwähnte Stich von Gustave Doré, zusammen mit der wortwörtlich zitierten, aber falschen Bild-Unterschrift.

Würde man die Wege der Protagonisten nachvollziehen, so würde man zweifellos noch weitere Fehler finden. Einige Punkte erscheinen mir besonders fragwürdig. So genügt etwa ein Blick auf die Decke des Saales der 500 im Palazzo Vecchio, um zu erahnen, dass jene Flucht von Langdon und Sienna über den Dachboden kaum so nicht funktionieren haben kann, wie sie Brown schildert. Ohne dies vor Ort nachgeprüft zu haben, kann ich dessen seriöserweise aber nicht sicher sein.

Nun behaupte ich nicht, der erste zu sein, der bei Brown auf Unstimmigkeiten gestoßen ist; einige Punkte werden auch auf den Rezensionen auf Amazon erwähnt oder in diversen Zeitungs-Kritiken. (Ich empfehle die köstliche Kritik im Daily Telegraph.) Eine übliche Antwort von Kommentatoren war dann: „Es ist doch nur ein Roman! Und was ist mit der künstlerischen Freiheit?“

Ich hätte nichts dagegen, wenn Brown gelegentlich – falls es der Story dient – die Fakten etwas beugt und zurechtbiegt. Aber in der Vorbemerkung leugnet er ja explizit, dies zu tun. Und während er sich bei „Sakrileg“ als Kirchenkritiker gab, so wird Brown nun zum Demographie-Experten: „I talked to a lot of scientists who are also concerned about it and I came to understand that overpopulation is the issue to which all of our other environmental issues are tied.“ (BBC-Interview, 20. Mai 2013)

Also hat Bertrand Zobrist recht mit seiner Lösung? „I always try to choose the grey area and argue both sides," Brown says. "If I've done my job, you close this book saying 'Oh my God, what an enormous problem, and there is no simple solution, and I kind of see Zobrist's point.'“

Wie bereits gesagt: Browns Argumentation in dieser Sache ist im Gegenteil einseitig. Weiß er, dass von den Thesen Malthus’ eine direkte Linie zur ‚Lehre’ der Eugenik und der Rassenhygiene führt?

Wie gesagt, vermute ich in der Wahl dieser Thematik eher kommerzielles Kalkül. Dennoch kann jene Ideologie, die Zobrist und Brooks in „Inferno“ vertreten (immerhin zwei vorgebliche Genies!), bei manchen der Millionen Leser auf fruchtbaren Boden fallen. So veröffentlichte 1926 Hans Grimm ein Buch, in dem die (angebliche) Überbevölkerung bzw. Raumnot in Deutschland thematisiert wurde. Es hieß „Volk ohne Raum“, wurde Schullektüre im NS-Staat, und wir wissen ja, wie es weiterging ...

Aber die meisten Leser werden „Inferno“ gewiss als reine Unterhaltungslektüre konsumieren. Ich will auch Brown nicht unterstellen, dass er irgendwelche radikalen Ideologien verbreiten will. Gelegentlich (oder eigentlich sehr oft) bricht bei ihm bzw. seinem Alter Ego Robert Langdon zwar der (Ober-)Lehrer durch, aber ich habe den Verdacht, dass seine wichtigsten Inspirationsquellen kulturgeschichtlich eher, sagen wir, umstritten sind. So erwähnt Langdon beiläufig beim Betreten des Markusplatzes eine Szene aus dem Bond-Film „Moonraker“, die dort spielt. Zur Erinnerung: In jenem Film plant Hugo Drax, ein genialer Milliardär (und Schweizer?) die Züchtung einer menschlichen ‚Superrasse’ auf einer Raumstation, während der Rest der Menschheit auf der Erde durch Gift vernichtet werden soll. Gewissermaßen also ein ideologischer, wenn auch radikaler Vorgänger von Bertrand Zobrist.

Eine andere potentielle Quelle kam mir in den Sinn, als ich kürzlich durch die Comic-Abteilung meiner Lieblings-Buchhandlung streifte. Als ich dort die klassischen Donald-Duck-Geschichten von Carl Barks sah, fiel mir ein, dass Brown in „Sakrileg“ ja Walt Disney erwähnt. In Kapitel 61 vergleicht er ihn gar mit Leonardo da Vinci: „Beide Männer waren begnadete Künstler.“ Zwei der wenigen Eigenheiten, die der Leser über Robert Langdon erfährt, haben mit Disney zu tun: Seine Mickymaus-Uhr, deren (verübergehenden) Verlust er in „Inferno“ mehrfach bedauert, und dass „Zeichentrickfilme von Walt Disney [Langdons] erste Begegnung mit der Magie von Form und Farbe gewesen“ seien. Hat womöglich auch Dan Brown in seiner Jugend die Disney-Comics gelesen, in denen Carl Barks und andere Zeichner die Familie Duck gerne auf Abenteuer in die weite Welt schickten? Hat dies womöglich – bewusst oder unbewusst – auch sein Schreiben beeinflusst? Mit Robert Langdon als eine Art Daniel Düsentrieb der Kulturgeschichte? Falls jedenfalls jemand je auf die schräge Idee gekommen wäre, Carl Barks ein Szenario für einen Bond-Film entwerfen zu lassen, es hätte dabei etwas ähnliches herauskommen können wie „Inferno.“ Nur so ein Gedanke ...

Soll ich mich noch zum Stil von Brown äußern? Aber ich glaube, diese Kritik ist schon lang genug, und auf dem Fach gibt es kompetentere Kritiker.

Angesichts all dessen muss man vielleicht froh sein, dass Dan Brown nicht mehr als Lehrer für Englisch arbeiten muss. Und glücklicherweise sind seine Bücher meines Wissens nach auch noch nirgends Schullektüre, so dass man sie ja nicht lesen muss ...
Kommentar Kommentare (24) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 28, 2014 7:45 AM MEST


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