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Rezensionen verfasst von
Dr. Klaus Miehling "klausmiehling" (Freiburg)
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Goodbye Lenin Piano Works
Goodbye Lenin Piano Works
von Tiersen Yann
  Taschenbuch

1.0 von 5 Sternen Tiefpunkt, 16. Dezember 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Goodbye Lenin Piano Works (Taschenbuch)
Von allen mir bisher bekannten Klaviersammlungen der einschlägigen zwischen Pop, Klassik und Minimalismus angesiedelten Filmkomponisten ist das der Tiefpunkt. Ich kenne den Film „Goodbye Lenin“ nicht. Es mag sein, dass dafür solche Musik gewünscht war, und eine Filmmusik, zumal wenn sie Hintergrundmusik sein soll, erfordert andere Gesetze als eine „Hinhör“-Musik. Doch hatten Tiersens Stücke zu „Amélie“ noch die eine oder andere nette Melodie, so sind fast alle der hier versammelten Stücke von einer so abstossenden Primitivität und Hässlichkeit, dass man sie nicht einmal als Kitsch bezeichnen kann: einfalls- und gefühllos aneinandergereihte Muster, als hätte ein Computerprogramm aus einem eingegebenen Takt jeweils ein ganzes Stück erzeugt. Eine wie auch immer geartete Harmonielehre scheint dem Komponisten sowieso unbekannt zu sein.

Die Noten werden in dieser Ausgabe durch entsprechend hässliche ganzseitige Schwarzweißfotos ergänzt, die vermutlich aus dem Film stammen. Das Notenbild ist weit auseinandergezogen und erzeugt unnötige Blätterstellen, die bei der Kürze der Stücke (allerdings sind sie nicht kurz, wenn man alle Wiederholungen spielt) fast alle vermeidbar gewesen wären.

Es tut weh, dass man damit Geld verdienen kann, und dass Schüler immer wieder solche Musik hören und aufführen wollen. (Als Pianist muss ich so etwas für den Eurythmieunterricht kaufen und spielen.) Ohne die zugehörigen Filme wäre diese Musik nichts. Es bleibt der Trost, dass es nur Klaviermusik ist, ohne verzerrte E-Gitarren oder aggressives Schlagzeug. Einen Schaden richtet sie aber doch an: Sie verdirbt den Geschmack.


Islam ist Barmherzigkeit: Grundzüge einer modernen Religion
Islam ist Barmherzigkeit: Grundzüge einer modernen Religion
von Mouhanad Khorchide
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,99

12 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Gut gemeinter Versuch, 16. Dezember 2014
Der Autor, der in Beirut und Wien islamische Theologie studiert hat und an der Universität Münster lehrt, versucht für den Islam das nachzuholen, was die europäische Aufklärung schon vor 250 Jahren für das Christentum geleistet hat.

Khorchide argumentiert, man müsse zwischen Mohammeds Aussagen (und wohl auch Handlungen) als Prophet einerseits und als Mensch andererseits unterscheiden (S. 130). Ebenso dürften Koranverse, die sich auf historische Ereignisse beziehen, nicht als „universale Imperative“ interpretiert werden (S. 165). „Beim Koran handelt es sich keineswegs um einen Monolog Gottes, der an die Menschen gerichtet ist, sondern um einen Dialog zwischen Gott und den Menschen […] Der Koran als Diskurs kann nur auf diskursive Weise verstanden werden“ (S. 172).

So weit so gut. Diese Ansicht kann man teilen oder auch nicht. Wissenschaftlich beweisen lässt sie sich ebensowenig wie fundamentalistische Sichtweisen. Gläubige sind immer gezwungen, Widersprüche und Ungereimtheiten in den „heiligen“ Schriften zu verdrängen, und jeder tut das auf seine Weise. Im Koran wie auch in der Bibel ist für jeden etwas dabei: für den blutrünstigen Fanatiker ebenso wie für den friedfertigen Gutmenschen, der auch noch die andere Wange hinhält. Anders als die Bibel hat der Koran aber kein Neues Testament, das die Blutrünstigkeit des Alten ablösen konnte. Und anders als Jesus Christus, dessen einzige überlieferte Gewalttat das Umstoßen der Händlertische im Tempel war, führte Mohammed Kriege und rief zum Abschlachten der Gegner auf.

Die Bemühungen des Autors sind lobenswert, aber er gerät an zwei offenbar unüberwindbare Grenzen: Das eine ist die Taqiyya, die Erlaubnis, Ungläubige zu belügen und zu betrügen; ein wesentlicher Grund für das Misstrauen, das Muslimen entgegengebracht wird – aber kein Wort darüber im ganzen Buch! Das andere ist die Unterschlagung einer Aussage in einem der „zehn Gebote“ des Koran. Khorchide zitiert das Gebot zweimal, jedesmal mit Auslassungspunkten (S. 86 u. 124): „Und tötet kein Leben, das Gott verwehrt hat ...“
Schon der Nebensatz „das Gott verwehrt hat“ verlangt nach einer Erklärung, die Khorchide nicht gibt. Auf einer islamischen Netzseite ist das Gebot wie folgt übersetzt: „Und tötet nicht den Menschen, den Gott für unantastbar erklärt hat, es sei denn“ – jetzt folgt die Auslassung – „bei vorliegender Berechtigung.“
Wen aber hat Gott für unantastbar erklärt? Und „bei vorliegender Berechtigung“ darf man selbst diesen töten? Das scheint eher ein Tötungsgebot mit kleinen Einschränkungen als ein Tötungsverbot zu sein! Dem kann Khorchide nichts entgegensetzen.

Wer freilich den Koran nicht kennt, für den wirkt Khorchides Buch beruhigend. Es liest sich über weite Strecken wie das Werk eines christlichen Theologen, der über die Bibel spricht, zumal Khorchide statt „Allah“ meistens „Gott“ schreibt. Das beinhaltet aber auch die Gefahr, dass das Gewaltpotenzial des Islam von den westlichen Politikern und Wählern weiterhin unterschätzt wird.

Natürlich ist zu wünschen, dass sich Khorchides Islamverständnis durchsetzt. Das kann aber nur geschehen, wenn diese Religion ebenso wie das moderne Christentum eine quasi unverbindliche und eklektizistische Haltung gegenüber ihrer grundlegenden Schrift einnimmt: „Damit sich das Befreiungspotenzial des Koran entfalten kann, darf man nicht an seinem Wortlaut kleben“ (S. 202).
Es sieht aber nicht danach aus. Dass Khorchide, entgegen den Beteuerungen unserer Politiker, keineswegs den „normalen“ Islam repräsentiert, zeigt die Kritik, die er von Islamverbänden in Deutschland erfahren hat. Der Koordinationsrat der Muslime verfasste ein Gegengutachten, und die Türkisch-Islamische Union forderte seine Absetzung als Institutsleiter. Insofern besteht ein Verdienst von Korchides Buch nicht zuletzt darin, dass die Wölfe ihren Schafspelz fallen gelassen haben. Der Islam bleibt eine gefährliche Religion.


RAUCHMELDER M.BATTERIE FA20
RAUCHMELDER M.BATTERIE FA20
Wird angeboten von schnaeppchen24/7
Preis: EUR 7,25

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen So ein Schrott!, 23. November 2014
Rezension bezieht sich auf: RAUCHMELDER M.BATTERIE FA20 (Werkzeug)
Ich brauchte zwei, weil meine Wohnung über 50 qm hat. Beide haben schon nach wenigen Monaten einen Fehlalarm produziert, und demzufolge musste kurze Zeit später schon die Batterie gewechselt werden. Sobald ich nun bei einem die neue Batterie anschließe, blinkt er, und nach einigen Sekunden geht der Alarm los. Ich kann ihn also nicht mehr verwenden.


Deutschland von Sinnen: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer
Deutschland von Sinnen: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer
von Akif Pirincci
  Broschiert
Preis: EUR 17,80

21 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Sachbuch und Satire, 26. Oktober 2014
Das Buch bewegt sich zwischen Sachbuch und Satire – als was soll man es bewerten? Auf Belege und Statistiken verzichtet der Autor weitgehend, was er freilich insofern tun kann als er allgemein bekannte Zustände kritisiert. Allerdings wüsste man schon gerne, ob z.B. die Aussage, die Soziologie hätte in den Achtzigern behauptet, man könne durch staatliche Transferleistungen den Mann als Ernährer „mental entmannen“ (S. 128), belegbar oder nur gut ausgedacht ist.

Im Gegensatz zu Thilo Sarrazin, der einige der Themen schon zuvor behandelt hat, ist Pirinçci kein Sozialdemokrat, sondern ein Liberaler. Er fordert für eine Übergangszeit von zehn Jahren einen einheitlichen Steuersatz von 5 Prozent, der ausreichen sollte, wenn sich der Staat auf seine eigentlichen Aufgaben, allen voran die Garantie innerer und äußerer Sicherheit, beschränkt; danach sollen Steuern ganz abgeschafft und durch „privatrechtliche Geschäfte“ ersetzt werden (S. 110). Pirinçci stellt damit die heilige Kuh der sozialen Marktwirtschaft in Frage, die uns seit Bestehen der Bundesrepublik als einzig wahre Gesellschaftsordnung verkauft wird. Der jahrzehntelangen Gehirnwäsche stellt er die nüchterne Erkenntnis gegenüber: „Der Staat kann logischerweise gar nicht sozial sein, weil er ja, bevor er 'sozial' agiert, dafür jemandem anderen etwas wegnehmen, ergo asozial agieren muß. […] Desgleichen verhält es sich mit dem Wort Solidarität. Zwar scheinen es viele vergessen zu haben, aber Solidarität ist etwas Freiwilliges und meint nicht einen Akt mit vorgehaltener Pistole“ (S. 108). Geht es wirklich ganz ohne Steuern, und sollte wirklich alles, also auch Polizei, Justiz und Militär der Privatwirtschaft überlassen werden? Und wie zahlt ein Staat ohne Steuern seine astronomischen Schulden zurück? Darauf allerdings hat Pirinçci eine radikale Antwort: Gar nicht; „der Staat kann das“ (S. 109).Tatsächlich haben das nicht wenige Länder zumindest mit einem großen Teil ihrer Schulden so gemacht (Griechenland, Argentinien, viele afrikanische Staaten), und vielleicht wird es tatsächlich so kommen. Gerecht wäre es nicht; in Bundeswertpapiere scheint Pirinçci jedenfalls nicht investiert zu haben.

Wenn der Autor fordert, alle nach 1975 geschriebenen Umweltgesetze zu streichen (S. 112), schüttet er das Kind mit dem Bade aus. Als er mit seiner Familie nach Deutschland kam, waren die Flüsse hierzulande stinkende Kloaken, an deren Oberfläche tote Fische trieben. Möchte er dahin zurück?
Gänzlich indiskutabel ist Pirinçcis unverhohlener Aufruf zur Steuerhinterziehung (S. 125). Unser Steuersystem ist zwar ungerecht, doch eine Gerechtigkeit in der Ungerechtigkeit liegt wenigstens noch darin, dass Menschen mit gleichen Einkommens- und Lebensverhältnissen gleich besteuert werden. Wer Steuern hinterzieht, verschafft sich damit einen ungerechtfertigten Vorteil und betrügt die ehrlichen Steuerzahler. Es ist erstaunlich, dass Pirinçci zwar wegen seiner islamkritischen Äußerungen, meines Wissens aber nicht wegen dieser Aufforderung zu einer Straftat angezeigt wurde.

Ein weiteres Kapitel besteht in einem Rundumschlag gegen das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Die Kritik am allgemeinen Rundfunkbeitrag ist nachvollziehbar, aber ich bezweifle, dass sich durch Abschaffung der öffentlich-rechtlichen Sender die Programmqualität verbessern würde.
Das schwächste Kapitel ist jedoch das „Über die Frauen“, in welchem es vor allem darum geht, was älteren Frauen (wie seiner Ex-Freundin, die ihn nach langer Partnerschaft verlassen hat) bei der Partnersuche widerfährt; oder vielmehr, wie sich das der Autor in seiner Fantasie ausmalt. Das passt in eine Männer-, ja vielleicht sogar in eine Frauenzeitschrift, erscheint aber im Kontext der großen allgemeingesellschaftlichen Probleme, mit denen sich das Buch sonst auseinandersetzt, deplaziert, auch wenn es vermutlich als eine Art „Gender-Mainstreaming“-Kritik gedacht sein soll. Zu diesem Thema gibt es in „Deutschland von Sinnen“ freilich auch andere, zugleich ernsthaftere wie unterhaltendere Bemerkungen.

Das Buch ist amüsant zu lesen, auch wenn einem mancher Lacher ob der unfassbaren Zustände, die hier durch den Kakao gezogen werden, im Hals stecken bleibt. Wenn man sich von der oftmals vulgären Sprache und den Übertreibungen nicht abschrecken lässt, entdeckt man gute Rezepte, wie Deutschland seine Zukunft bewältigen kann. Wo Sarrazin mahnend den Zeigefinger hebt, da packt Pirinçci seine Leser an den Schultern und schüttelt sie durch. Manche werden das brauchen.
Kommentar Kommentare (44) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 24, 2014 7:51 AM CET


Der neue Tugendterror: Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland
Der neue Tugendterror: Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland
von Thilo Sarrazin
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

88 von 93 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vernunft statt Ideologie, 29. August 2014
Die einzige Schwäche dieses Buches ist sein Titel. Tugenden sind definitionsgemäß etwas Positives und können somit nicht mit Terror in Verbindung gebracht werden. Im Grunde handelt es sich um den Terror der politischen Korrektheit, aber vielleicht ist dieser Begriff schon auf zu vielen Buchtiteln zu lesen, so dass man lieber darauf verzichten wollte. Zwar ist auch Korrektheit etwas Positives, aber das Adjektiv „politisch“ relativiert dies ebenso wie „soziale Gerechtigkeit“ keine Gerechtigkeit ist.

Wie Sarrazin gut nachvollziehbar darlegt, resultieren die politische Korrektheit bzw. der sogenannte Tugendterror aus der linken Dominanz in den Medien. Umfragen unter Journalisten belegen schon seit den 1970er Jahren, dass sich etwa drei Viertel von ihnen politisch links einordnen; das durch die Medien vermittelte Meinungsklima ist dementsprechend. Diese Schieflage kommt daher, dass politisch links eingestellte Menschen eher missionarischen Eifer entwickeln und Berufe ergreifen, in denen sie ihre Meinung öffentlich verbreiten bzw. direkt auf gesellschaftliche Entwicklungen Einfluss nehmen können: Pädagogen, Theologen, Juristen, Psychologen, Soziologen – und eben Journalisten. Die Mehrzahl der Bevölkerung wiederum neigt dazu, sich der vermeintlichen Mehrheitsmeinung anzuschließen (was sich durch psychologische Experimente belegen lässt), und so driftet die ganze Gesellschaft immer mehr nach links, ohne viel darüber nachzudenken. Dies betrifft auch die etablierten Parteien. Der sozialliberale Sarrazin mag sich in der SPD der 1970er Jahre noch heimisch gefühlt haben; weshalb er dieser Partei bis heute treu geblieben ist, ist ein Rätsel, das er in diesem Buch nicht auflöst. An anderer Stelle sagte er wohl, dass gerade diese Partei Leute wie ihn gebrauchen könne; doch kann man seinetwegen SPD wählen, wenn die Partei einen entgegengesetzten Kurs fährt? Selbst in der CDU würde er inzwischen zum „rechten“ Flügel gehören.

Dabei ist Sarrazin jenseits des Links-Rechts-Schemas vor allem eines: ein Mann der Vernunft.
Seine intellektuelle Überlegenheit lässt ihn die Schmähkritik seiner Gegner mit bewundernswertem Gleichmut zitieren und deren Substanzlosigkeit bloßstellen. Die „Fallstudie“ der Reaktionen auf „Deutschland schafft sich ab“ ist aber nur eines von sechs Kapiteln. Sarrazin führt uns auch um Jahrhunderte in der Menschheitsgeschichte zurück und zeigt, dass der „Tugendterror“ als Unterdrückung unliebsamer Meinungen und Wahrheiten ein altes Mittel der Politik darstellt. Ein weiteres Kapitel ist der „Sprache als Instrument des Tugendterrors“ gewidmet, unter anderem mit den bekannten grotesken Beispielen der Zensur von Kinderbüchern und der „geschlechtergerechten“ Ausdrucksweise.

Im umfangreichsten, sechsten Kapitel stellt Sarrazin „vierzehn Axiome des Tugendwahns im Deutschland der Gegenwart“ auf, d.h. gutmenschliche Glaubenssätze, die er zunächst aus der Sicht ihrer Befürworter erläutert (was ihm mit nur ganz wenig Polemik gelingt), und denen er dann „die Wirklichkeit“ gegenüberstellt. Hier wird besonders deutlich, dass es bei der Debatte um nichts Geringeres als um Lüge und Wahrheit, Vernunft und Unvernunft geht. Die Politik des „Tugendterrors“ ist auf Lügen gegründet, wobei sich einfältigere seiner Vertreter wohl auch selbst belügen. Die halbwegs intelligenten freilich kennen die Fakten. Sie betreiben wissentlich den Ruin und die Vernichtung Deutschlands, fördern Chaos und Kriminalität. Sarrazin hat das vor die Augen der Öffentlichkeit gebracht, und deshalb hasst man ihn.

Mit seinen Büchern hat Thilo Sarrazin mehr für unser Land getan (mit Betonung auf „für“!) als alle Minister und Abgeordneten zusammen. Ein Rezept, wie in der Politik Ideologie durch Vernunft ersetzt werden kann, gilt es allerdings noch zu finden.
Kommentar Kommentare (15) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 18, 2015 11:15 PM CET


Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit
Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit
von Steven Pinker
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wie man aus der Vergangenheit für die Zukunft lernt, 11. August 2014
Steven Pinker hat nichts Geringeres unternommen, als anhand aller auffindbaren Daten und Schätzungen auf über eintausend Seiten (plus knapp zweihundert für Anmerkungen und Register) die Entwicklung der Gewalt in der Menschheitsgeschichte nachzuzeichnen und die äußeren Umstände wie auch die menschlichen Triebkräfte zu untersuchen, die Gewalt fördern (die „inneren Dämonen“) beziehungsweise hemmen (die „besseren Engel“). Er tut das mit so viel Akribie, Abwägung und Objektivität, dass ein Widerspruch zwecklos erscheint. Die fünf „inneren Dämonen“ sind: Gewinnstreben („räuberische oder ausbeuterische Gewalt“, S. 17), Herrschaftsstreben, Rache, Sadismus und Ideologie; die vier „besseren Engel“: Empathie, Selbstbeherrschung, Moralgefühl und Vernunft.

Pinkers grundlegende Feststellung: Die Gewalt hat im Laufe der Menschheitsgeschichte in exponentiellem Maß abgenommen. In kleineren Zeiträumen betrachtet war es natürlich ein Auf und Ab, doch langfristig zeigt sich eine dramatische Abnahme. Sowohl in der Steinzeit als auch in neuzeitlichen primitiven Kulturen, die Anthropologen im 20. Jh. untersuchen konnten, war/ist die Mordrate um ein vielfaches höher als in den zivilisierten Gesellschaften. Auch fordern Stammeskriege gemessen an der Bevölkerungszahl weit mehr Opfer als moderne zwischenstaatliche Kriege einschließlich der vernichtenden Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts. Im Mittelalter wiederum waren die Mordquoten höher als in der frühen Neuzeit, und in den letzten Jahrhunderten sanken sie weiter. Der wesentliche Grund dafür ist der Zivilisationsprozess. Ein großer Teil der Morde bestand von je her aus Racheakten. Wo aber ein funktionierender Staat das Gewaltmonopol beansprucht und eine Bestrafung von Verbrechern in Aussicht stellt, ist Rache überflüssig geworden. Die Bestrafungen des Staates wiederum sind seit dem 18. Jh. immer weiter von körperlicher Gewalt (Folter, Verstümmelung, Todesstrafe) hin zu Geld- und Haftstrafen abgerückt.
Eine weitere Rolle im Zivilisationsprozess spielte die Erfindung des Buchdruckes. Schriften wie Friedrich von Spees „Cautio criminalis“ gegen die Hexenprozesse und Cesare Beccarias „Dei delitti e delle pene“ für eine Humanisierung des Strafrechts konnten eine breite Wirkung entfalten. Romane eröffneten ihren Lesern die Möglichkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und Empathie zu entwickeln.
Zu den Gründen für einen langfristigen Rückgang der Gewalt gehört auch, was Pinker die „Revolution der Rechte“ nennt: Seit dem 19. Jahrhundert erstritten sich unterdrückte Bevölkerungsgruppen, die besonders häufig Opfer von Gewalt waren, gleiche Rechte wie die „normalen“ Bürger: Ethnische Minderheiten, Frauen, Kinder, Homosexuelle; und zuletzt folgten die Tierrechte. Damit ging auch die Gewalt gegen diese Gruppen zurück.

Wie man das im jahrtausendelangen Zivilisationsprozess Erworbene wieder gefährden kann, zeigt die Entwicklung der westlichen Gesellschaften seit den 1950er/60er Jahren, als die Gewalt- und die allgemeine Kriminalitätsrate entgegen der vorigen Entwicklung wieder dramatisch anstiegen: In den USA beispielsweise verzweieinhalbfachte sich die Mordquote, die Zahl der Verbrechen insgesamt stieg in nur zehn Jahren um 135 Prozent. In Deutschland, so sei hinzugefügt, verdreifachte sich die Zahl der registrierten Straftaten bis in die 1990er Jahre.
Pinker spricht von einer „Entzivilisation“ und entlarvt die Popkultur und ihre Verbreitung durch die Massenmedien als Schuldige: „Ganz ähnlich wie eine unzufriedene Bevölkerung, die sich nur dann in der Masse stark fühlt, wenn sie sich zu einer Demonstration zusammenfindet, so sahen auch die geburtenstarken Jahrgänge, wie junge Leute ihres Schlages im Publikum der Ed Sullivan Show zur Musik der Rolling Stones einen draufmachten; sie wussten, dass alle anderen jungen Menschen in Amerika das Gleiche taten, und sie wussten, dass die anderen wussten, dass sie es wussten“ (S. 173f). Die Popkultur führte zu einer „Abwertung des Establishments“ mit dem „Nebeneffekt, dass die aristokratische und bürgerliche Lebensweise, die im Laufe der Jahrhunderte weniger gewalttätig geworden war als die der Arbeiter- und Unterschicht, an Ansehen verlor. Die Werte sickerten jetzt nicht mehr von oben nach unten, sondern sie stiegen von der Straße nach oben, ein Prozess, den man später als 'Proletarisierung' oder 'Herunterdefinieren der sittlichen Kriterien' bezeichnete. Diese Strömungen wirkten der Welle der Zivilisation entgegen, und das wurde in der Populärkultur jener Epoche zelebriert“ (S. 175).
Nun kommt auch wieder die Selbstbeherrschung als wichtiges Regulativ zur Sprache, das von der Popkultur ausgehebelt wurde: „Spontaneität, Selbstverwirklichung und das Ablegen von Hemmungen wurden zu Kardinaltugenden“ (S. 175f). Wir sollten das auch im Hinblick auf unsere „Bildungsreformen“ bedenken: Lernen als Spaßveranstaltung, wo man nicht stillsitzen muss und die Schüler den Lernstoff selbst auswählen, sind nicht dazu geeignet, Selbstbeherrschung zu üben. Jedenfalls darf bei allem Reformierungseifer das Einüben dieser unverzichtbaren Tugend nicht zu kurz kommen. Pinker erwähnt auch jene inzwischen wohlbekannte Studie, wonach die Selbstbeherrschungsfähigkeit von Kindern (der Verzicht auf den sofortigen Verzehr einer Süßigkeit, um später dafür zwei zu erhalten) deren Lebenserfolg – und auch deren Gewalt- und Kriminalitätsneigung – vorherzusagen vermag.
Pinker illustriert die Rolle der Popkultur mit Beispielen aus Filmen und Musiktexten. Neben der Selbstbeherrschung wurden auch die „gesellschaftliche Einbindung“ zugunsten einer Verantwortungs- und Rücksichtslosigkeit sowie das Konzept von Ehe und Familie angegriffen.
„Die Ära, in der die Lockerung der Selbstbeherrschung in jüngerer Zeit am stärksten verherrlicht wurde, waren sicher die verbrechensanfälligen 1960er Jahre: Mach dein Ding, hieß es damals, lass' die Sau raus, Hauptsache, es fühlt sich gut an, auf ins Abenteuer. Besonders deutlich wird die Zügellosigkeit in Musikfilmen aus jener Zeit“ (S. 903).
„Und dann gab es natürlich die Drogen“ (S. 176). Auch die, das erwähnt der Autor nicht explizit, setzt es aber wohl als Allgemeinwissen voraus, kamen erst über die Popkultur und das Vorbild der populären Musiker zu ihrer weiten Verbreitung.

Die Mediengewalt wirkt sogar über die Alltagskriminalität der westlichen Gesellschaften hinaus. So zitiert Pinker eine Beobachtung aus dem liberianischen Bürgerkrieg (1989 – 96), wonach sich die Kämpfer „nach Helden in gewalttätigen amerikanischen Actionfilmen“ kleideten und sich entsprechende Namen gaben.

In den 1990er Jahren gelang es in den USA, die Gewaltraten wieder zu senken, indem geeignete polizeiliche und juristische, also „zivilisierende“ Maßnahmen ergriffen wurden. In Europa dagegen brachte man den dramatischen Anstieg lediglich auf hohem Niveau zum Stehen, denn hier sperrt man sich bis heute gegen einen stärkeren Staat, während die Popkultur weitermacht wie bisher: „Die Popkultur lotet immer neue Tiefen der Einfalt aus“ (S. 953). Die größten Erfolgsaussichten für eine Reduzierung von Gewalt und Kriminalität bestünden also bei einer Kombination aus polizeilichen, juristischen und anti-popkulturellen, medienpolitischen Maßnahmen. Die Humanisierung ist mit ihrer Scheu vor einer konsequenten und angemessenen Bestrafung von Verbrechen und mit der Gewährung fast grenzenloser Freiheiten für die Medien gewissermaßen über ihr Ziel hinausgeschossen, so wie auch die Revolution der Rechte in manchen Bereichen zu den grotesken und im Ergebnis wieder ungerechten Auswüchsen der „politischen Korrektheit“ geführt hat (auch dazu gibt Pinker einige Beispiele).

An der heute noch herrschenden kriegerischen Gewalt sind überproportional muslimische Staaten beteiligt, die den Zivilisationsprozess nicht mitvollzogen haben: „An den Gesetzen und Praktiken vieler muslimischer Staaten scheint die humanitäre Revolution vorbeigegangen zu sein. […] Gewalt ist in der islamischen Welt nicht nur durch religiösen Aberglauben legitimiert, sondern auch durch eine übermäßig stark entwickelte Kultur der Ehre“ (S. 540). An einen „Kampf der Kulturen“ will Pinker allerdings nicht glauben, da sich „ein allzugroßer Anteil des Blutvergießens auf der Welt […] innerhalb der islamischen Staaten und zwischen ihnen“ ereignet (S. 543). Indes hat zumindest in Europa eine falsche Einwanderungspolitik dazu geführt, dass dort ein Kampf der Kulturen immer deutlicher wird und angesichts der unterschiedlichen Reproduktionsraten der christlichen Europäer einerseits und der muslimischen Einwanderer andererseits Schlimmstes befürchten lässt. Die naive Erwartung, dass sich die Einwanderer spätestens in den Folgegenerationen der europäischen Kultur anpassen werden, hat sich als falsch herausgestellt.
Tatsächlich kann sich unter ethnischen Gruppen eine Neigung zu Gewalt sogar genetisch durchsetzen, wenn gewalttätige Männer eine höhere Fortpflanzungschance haben als friedliche – und dies ist bedauerlicherweise in vielen Kulturen der Fall; insbesondere in polygamen und solchen, bei denen sich Frauen den Sexualpartner nicht aussuchen können. „Wenn solche Zahlenverhältnisse über viele Generationen hinweg bestehen bleiben, begünstigen sie eine genetische Neigung zu der Bereitschaft und Fähigkeit, zu töten“ (S. 908) Wer vor diesen einfachen Tatsachen aus ideologischer Verblendung (Ideologie – einer der „inneren Dämonen“) die Augen verschließt, muss das teuer bezahlen.

Verblüffenderweise sind die relativen Todesraten mit der technischen Entwicklung des Waffenarsenals tendenziell nicht etwa gestiegen, sondern gesunken. Pinker erklärt das damit, dass aus dem größeren Vernichtungspotenzial eine gesteigerte Scheu zum Einsatz der Waffen resultiert. Tatsächlich ist das bereits seit dem ersten Weltkrieg verfügbare Giftgas nur äußerst selten eingesetzt worden, und die Atombombe überhaupt nur zweimal – und seitdem ist ein ganzes Menschenalter vergangen. Das Prinzip der militärischen Abschreckung scheint also weitgehend zu funktionieren.
Zur Vermeidung von Kriegen hat auch der innerstaatliche Handel beigetragen: Güter lassen sich durch Handel einfacher und vorteilhafter erwerben als durch Kriegszüge.
Die Befürchtung, in Zukunft würden vermehrt Kriege um Ressourcen geführt werden, teilt Pinker nicht: „Die destruktivsten Gewaltausbrüche des letzten halben Jahrtausends bezogen ihre Triebkraft nicht aus einem Mangel an Ressourcen, sondern aus Ideologien wie Religion, Revolution, Nationalismus, Faschismus und Kommunismus“ (S. 1000f).

Pinkers Bilanz ist eine vorsichtig optimistische – zu Recht, wenn man in Jahrhunderten und Jahrtausenden denkt. Für uns gegenwärtige Menschen mit unserer kurzen Lebensspanne kann sich das anders darstellen. Innerhalb der westlichen Gesellschaften sind die dominierende Popkultur und die Vermischung mit gewaltaffineren fremden Kulturen das größte Problem, während in globalem Maßstab nach dem weitgehenden Zusammenbruch des Kommunismus der Islamismus die größte Bedrohung darstellt, wie sich gerade jetzt wieder durch den von Greueltaten gepflasterten, quasi mittelalterlichen Eroberungsfeldzug des „Islamischen Staates“ (ISIS) erweist.

Möge insbesondere jener „bessere Engel“ Vernunft die Politiker dazu bringen, effektive Maßnahmen gegen Gewalt im Inneren wie gegen Gewalt von außen zu ergreifen! Pinkers Buch weist dafür den Weg.


Was kann und darf Kunst?: Ein ethischer Grundriss
Was kann und darf Kunst?: Ein ethischer Grundriss
von Dagmar Fenner
  Taschenbuch
Preis: EUR 24,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Auch Kunst braucht eine Ethik, 5. August 2014
Mit diesem Buch knüpft die Autorin an das Thema ihrer umfangreichen und theorielastigen Dissertation „Kunst – jenseits von Gut und Böse?“ (2000) an.

Von der Freiheit der Kunst ist viel die Rede, während Kritik an Kunst als anrüchig und totalitär gilt. Doch muss nicht jede Freiheit auch ihre Grenzen haben? Dagmar Fenner zeigt auf, dass auch die Kunst eine Ethik braucht (es geht hier um Bildende Kunst ebenso wie um Darstellende, um Musik und um Literatur). Auch für Kunst müssen moralische Fragen gestellt werden, auch Künstler müssen Verantwortung übernehmen. Schließlich muss auch die Frage nach Sinn und Nutzen der Kunst gestellt werden, vor allem im Hinblick auf ihre Förderung mit Steuergeldern.

Diese Fragen werden unter Verwendung größtenteils aktueller Literatur der letzten Jahre abwägend und, soweit das bei ethischen Fragen möglich ist, objektiv behandelt; empirisch verwertet die Autorin Aussagen zeitgenössischer Künstler und Rezipienten.

Wer über Ethik der Kunst schreibt, kommt nicht umhin, den Kunstbegriff zu definieren. Die Definition „Kunst ist, was der Kunstbetrieb zur Kunst erklärt“, wird als unzulässiger Zirkelschluss entlarvt; es verwundert allerdings, dass die mindestens ebenso geläufige Definition „Kunst kommt von Können“ nicht einmal erwähnt wird. Bekannte Beispiele der Avantgarde, allerdings nur aus der Bildenden Kunst, wie Duchamps Urinal oder Beuys' Badewanne werden erörtert, ohne dass Fenner Partei dafür oder dagegen ergreift. Es ist schade, dass die diplomierte Musikerin nicht auch auf umstrittene Komponisten der Avantgarde wie etwa John Cage eingeht. Schließlich entscheidet sie sich für die folgende Begriffsbestimmung (S. 28): „Kunst meint die Gesamtheit menschlicher Hervorbringungen und Gestaltungen sowie der entsprechenden Tätigkeiten, die selbstzweckhaft und in symbolischer Form menschliche Welt- und Selbstverhältnisse zur Darstellung bringen und diesbezüglich den Rezipienten eine bedeutungsoffene Mitteilung machen.“ Dies ist nun ein sehr weiter Kunstbegriff, der als Gegenstand der Ethik jedoch insofern seine Berechtigung hat als er auch zweifelhafte Elaborate nicht von einer ethischen Beurteilung ausnimmt.

Die Aussage „Auch ein Künstler muss nicht nur in Werkbereich Verantwortung wahrnehmen, sondern auch im Wirkbereich, das heißt bezüglich der Wirkung seiner Kunstwerke auf die Rezipienten“ (S. 152), führt zu einem schwächeren Teil des Buches. Der Standpunkt „Wenn die suggestive Wirkung sich vorwiegend aus der fehlenden Medienkompetenz oder jugendlichen Unreife einzelner Rezipienten speist, würde dies die Produzenten von ihrer Verantwortung entlasten“ (S. 194) wäre im Zeitalter der Massenmedien zu hinterfragen. Kann man jemanden von seiner Verantwortung entlasten, der weiß, dass seine Produkte Millionen von Rezipienten erreichen können, von denen eine in absoluten Zahlen gewiss nicht unerhebliche Menge tatsächlich unreif und nicht hinreichend medienkompetent ist? Auch die Behauptung, die Forschung tappe hinsichtlich der „negativen Wirkungen von gewalthaltiger Popmusik“ und von „gewalthaltigen Computerspielen […] noch im Dunkeln“ (S. 201) ist nicht haltbar. Offenbar ist Fenner das Buch „Violent Video Game Effects on Children and Adolescents“ (2007) von Craig A. Anderson et al. entgangen, welche gezeigt haben, dass die scheinbar widersprüchlichen Forschungsergebnisse schlicht darauf beruhen, dass zwar bei den wenig realistischen Computerspielen der Anfangszeit kaum negative Effekte festgestellt wurden, dass jedoch bei neueren Spielen die Effektstärke auf gewalttätiges Verhalten so hoch ist wie bei fast keinem anderen untersuchten Parameter.

Im Falle der Musik sind es nur wenige, in der Regel schlecht durchgeführte Studien, die keine Gefahr durch aggressive Musik festzustellen glauben. Zwar erwähnt die Autorin mein Buch „Gewaltmusik – Musikgewalt“ (2006), scheint sich jedoch nicht bis zu den dort aufgelisteten Studien durchgearbeitet zu haben. (Es sei hinzugefügt, dass der entsprechende Teil im Nachfolgeband „Gewaltmusik. Populäre Musik und Werteverfall“ (2010) stark erweitert wurde.) Der Artikel „Psychology of Heavy Metal Music“ von Jennifer Copley, auf den sich Fenner beruft, gibt die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien teilweise verfälscht wieder.

Immerhin konzediert Fenner, dass „gemäß der Habitualisierungs-These beim wiederholten Hören impizite Werte, Ideale oder Menschenbilder mittransportiert werden“ könnten (S. 202). Allerdings scheint ihr nicht bewusst geworden zu sein, dass die größte Gefahr nicht von den Liedtexten, sondern von der Aggressivität des Klanges ausgeht, so dass dieser für eine Ethik so zentrale Aspekt – auch im Hinblick auf die Diskussion gesetzlicher Regularien – außen vor bleibt.

Abschließend erörtert die Autorin die Bedeutung von Kunst und die Berechtigung ihrer staatlichen Förderung, wobei sie nach Abwägung verschiedener pro- und contra-Argumente keinen klaren Standpunkt einnimmt, soweit man nicht ihre abschließende zustimmende Erwähnung kunstpädagogischer Programme als einen solchen deuten will.

Trotz der genannten Mängel ist es verdienstvoll, dass die Autorin Künstler von ihrem hohen Ross einer vorgeblich unangreifbaren Narrenfreiheit herabholt. „Auch sie [die Künstler] tragen im positiven Sinn eine ethische Verantwortung hinsichtlich einer 'besseren Welt', also in Bezug auf eine Verbesserung der menschlichen Lebensqualität und der Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen“ (S. 246). Oder, wie es einst der Komponist Robert Schumann knapper formuliert hatte: „Die Gesetze der Moral sind auch die der Kunst.“


Worship bis zum Abwinken: Bekenntnisse eines ehemaligen Lobpreisleiters
Worship bis zum Abwinken: Bekenntnisse eines ehemaligen Lobpreisleiters
von Dan Lucarini
  Taschenbuch
Preis: EUR 3,90

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen!, 28. Juli 2014
Darf man populäre Musik im Gottesdienst einsetzen? Diese Frage ist in den USA ebenso umstritten wie hierzulande. Die erste Auflage des Buches erschien 2002 unter dem Titel „Why I left the Contemporary Christian Music Movement“ und wurde noch im gleichen Jahr ins Deutsche übersetzt. Im Englischen steht der Begriff „worship“ („Lobpreis“) im religiösen Zusammenhang für Gottesdienste mit Musik auf der Grundlage populärer Stile wie Jazz, Pop und Rock. Die Musik selbst wird unter dem Begriff „Contemporary Christian Music“ zusammengefasst, dessen Abkürzung „CMM“ auch in der deutschen Version des Buches verwendet wird.

Lucarini war Rockmusiker und wurde mit 23 Jahren zum gläubigen Christen: „Durch Gebet, Bibelstudium und Verantwortlichkeit gegenüber Mitchristen bewirkte der Herr Jesus, dass ich mich von Rockmusik, Drogen, Zigaretten, Alkohol und sexueller Unmoral abwandte, wovon mein Leben vorher geprägt war“ (S. 15). Zunächst war er jedoch Lobpreisleiter einer Gemeinde, und es dauerte über ein Jahr, bis ihn der Einfluss seiner Ehefrau und das Studium der Bibel zur endgültigen Abkehr von der Rockmusik brachten. Lucarini erkannte, auf welch tönernen Füßen die Argumente für CCM standen, die auch in Deutschland gerne vorgebracht werden. Die wesentlichen sind zwei: Man müsse sich den Menschen anpassen, und Musik sei sowieso wertneutral – „amoralisch“ schreibt der Übersetzer, was zunächst irritiert, bis der Begriff später erläutert wird.

Der Autor hält dagegen, als Christ müsse man die Musik zuerst an Gott ausrichten, nicht am Geschmack der Menschen, und Musik sei eben keineswegs wertneutral: „Als wir die Rockmusik (samt allen ihren musikalischen Abkömmlingen) in die Gemeinde importierten, luden wir mit ihr zusammen einen Geist der Unmoral ein, der untrennbar mit dieser Musik verbunden ist. [...] Diese Stile haben das Potential, die Moral jedes Christen zu verderben, für so stark sich dieser Christ auch hält“ (S. 35). Als ehemaliger Rockmusiker spricht Lucarini aus Erfahrung: „Die CCM-Musiker wurden Vorbilder für verschiedenste Arten von Unmoral: aufreizende Kleidung, rebellische Ausdrucksweise, unschickliche Schwärmerei von jungen Mädchen für verheiratete Männer, lüsterne[s] Interesse an 'sexy' Frauen seitens erwachsener Männer“ (S. 102).

Etwas unsicher zeigt sich der Autor bei der Frage, weshalb die populären Musikstile eine negative Wirkung ausüben. Während er zunächst aus dem Verhalten typischer Rockhörer schließt: „Rockmusik und ihre Abkömmlinge haben die Macht, in unserem Fleisch und unsere[n] Gedanken irgendetwas anzuregen. Dieses irgendetwas muss förderlich sein für die genannten unmoralischen Dinge“ (S. 58), so scheint ihm die Verbindung später eine mehr zufällige zu sein: „Selbst wenn wir annehmen, dass die 'Schuld aufgrund von Assoziation' der Rockmusik verblasst, wird sie dann aber nicht immer noch dieselbe aufreizende Wirkung auf das Fleisch haben? Ich denke, niemand kann voraussagen, ob und wann das eintrifft“ (S. 94). Doch natürlich lässt sich sehr wohl voraussagen, denn dies ist ihr ureigenstes Wesen.

Natürlich befragt Lucarini auch die Bibel; zwar mit weniger Ausführlichkeit als andere christliche CCM-Kritiker, doch das Wesentliche erkennend: „Ich bin heute überzeugt, dass Gott unsere Anbetung nicht annehmen wird, wenn sie mit Musikstilen dargebracht wird, die auch von Heiden bei ihrem sündigen Treiben verwendet werden. Wenn ich mich hier irre, warum ging Gott dann so schonungslos im Gericht mit Israel um, als das Volk […] heidnische Rituale ausführte?“ (S. 48) CCM bewirke keine Ehrfurcht vor Gott, sondern verleite bestenfalls zu dem Irrglauben, man könne so weitermachen wie bisher. Dies entspricht freilich der allgemeinen Tendenz in den großen christlichen Konfessionen, wie auch der deutsche Herausgeber in seinem Nachwort treffend bemerkt: „Sogar an ganz harmlos wirkenden Liedern wird das deutlich: 'Ja du bist du, das ist der Clou' ist ein typisches Beispiel dafür, wie der Mensch erhoben wird und für Gott lediglich die Rolle eines 'kosmischen Psychotherapeuten' bleibt, der uns Selbstwert vermittelt“ (S. 123).

Ein weiteres Argument Lucarinis lautet: CCM spaltet die Gemeinde. „Es gibt kein biblisches Gebot, Christen aus der Gemeinde zu ekeln, um den Weg für moderne Musik freizumachen“ (S. 66).

Auf Belege durch wissenschaftliche Studien (die es gibt!) verzichtet der Autor; seine auf Beobachtung und gesundem Menschenverstand beruhenden Argumentation ist dennoch überzeugend. Wer Ohren hat zu hören, der höre!


The Lord of the Rings: The Motion Picture Trilogy (Big Note)
The Lord of the Rings: The Motion Picture Trilogy (Big Note)
von Howard Shore
  Musiknoten
Preis: EUR 14,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen große Noten, schlechte Bearbeitung, 19. Juli 2014
Zugegeben, beim Kauf war mir nicht klar, was der Zusatz "Big Note" sagen will. Jetzt weiß ich es: Es sind tatsächlich "große Noten", mit dem Nachteil, dass man trotz der Kürze der Stücke häufig blättern muss. Ein Vergleich mit der "Piano - Vocal"-Ausgabe zeigt, dass die Stücke noch mehr vereinfacht, teilweise auch in leichtere Tonarten transponiert sind. Hier wie dort sind die Bearbeitungen schlecht gemacht, offenbar mit heißer Nadel gestrickt von Leuten, die keine echte musikalische Ausbildung genossen haben (oder dies mit plumpen Satzfehlern zu verbergen wissen). Hauptsache, man kann bei einer möglichst großen Zielgruppe möglichst schnell Kasse machen ...


The Classical Revolution: Thoughts on New Music in the 21st Century (Modern Traditionalist Classical Music)
The Classical Revolution: Thoughts on New Music in the 21st Century (Modern Traditionalist Classical Music)
von John Borstlap
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 55,51

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schönheit statt Zerstörung, 19. Juli 2014
Dieser Band eröffnet eine von Walter Simmons herausgegebene neue Reihe zu moderner traditionalistischer klassischer Musik. Während sich bisherige Schriften dieser Geisteshaltung auf die Kritik an der Avantgarde konzentrierten, so verspricht diese Reihe eine Beschäftigung mit der jahrzehntelang unterdrückten Alternative.

Borstlaps Kritik richtet sich in erster Linie gegen atonale Musik; dabei zeigt er sich diplomatisch, indem er ihr den Kunstwert nicht abspricht. Er nennt sie „sonic art“ (entsprechend dem deutschen Begriff „Klangkunst“), sagt jedoch, dass es sich eben nicht um „Musik“ handle: „Klang als solcher unterscheidet sich von Musik, denn Musik transformiert Klang in emotionalen, seelischen Ausdruck; sie geht weit über seine physikalische Präsenz hinaus, während die Klangkunst dort stehenbleibt“ (S. 39 – alle Zitate von mir übersetzt). Tatsächlich wäre Klangkunst bzw. Atonalität vor dem 20. Jahrhundert schwerlich als „Musik“ bezeichnet worden, und es ist das gute Recht des Autors, eine Erweiterung des Musikbegriffes nicht zu akzeptieren. Ich würde mich dagegen eher der Erweiterung des Kunstbegriffes verweigern, aber durchaus von Musik im Sinne gestalteten Klanges reden. Neben dieser neuen Musik oder Nicht-Musik kritisiert Borstlap auch die „Minimal Music“, die zwar „oft recht nett klingt“, während aber „ihre Ausdrucksmöglichkeiten sehr beschränkt sind und sich ihre Effekte mit der Dauer abnutzen“ (S. 4).

Der „modernism“, also die atonale Musik, „ist seiner tiefsten Natur nach ein totalitäres, auf den Kopf gestelltes Glaubenssystem, künstlich, antihumanistisch, antizivilisatorisch, und unbeabsichtigt ein passender Ausdruck der totalitären Gesellschaften, die Europa im vorigen Jahrhundert zerrissen haben“ (S. 8). Das „Klassische“ dagegen ist „ein dynamisches Konzept, eine Idee des Wiedererschaffens einer großen Kunstform, eine der größten Gaben an die Menschheit. 'classical music' ist demnach als ein Begriff zu verstehen, der die westliche Kunstmusik von ihren frühesten Anfängen mit dem gregorianischen Gesang bis zum Ausbruch des Modernismus im 20. Jahrhundert“ (S. 11). Dabei ist die Schönheit („beauty“) „eine normale, wenn nicht stets die wichtigste Zutat“ (S. 121).

Belege für die Absurditäten der Avantgarde (Borstlap verwendet den Begriff nicht, aber bei uns ist er geläufig) gibt es in diesem Buch weniger als in anderen, doch ein aktueller Fall sei herausgegriffen: Da ließ ein Komponist seine Kinder auf dem Keyboard herumklimpern, speiste es in ein Notensatzprogramm und schickte es an einen niederländischen Kulturfonds, der ihm dafür 3.000 Euro überwies (S. 4) und (wie man in einem Youtube-Video erfährt) gleich noch den Auftrag für eine Oper erteilte. Kein Wunder, dass Borstlap für solche „Experten“ nicht viel übrig hat: „Die 'Experten'-Komittees […] bestanden meist aus Leuten, die in klassischer Musik nicht mehr zu hören vermögen als ein Haustier – Spezialisten, die nicht die Musik hören, sondern nur die Töne, die sie produziert (S. 61)“. Wenn überhaupt, möchte man hinzufügen, kommt es doch vor allem auf wichtigtuerisch-kompliziert aussehende Partituren und ideologisches Begleitgeschwafel an.
Getroffene Hunde bellen, und so wurde das Buch auch prompt in der „Neuen Zeitschrift für Musik“, dem selbsternannten „Leitmedium für zeitgenössische Musik“, verrissen; nicht ohne beiläufige Schmähkritik an Borstlaps eigenen Kompositionen, die übrigens überhaupt nicht konservativ klingen, wohl aber Musik sind statt „sonic art“.

Borstlap ist bei weitem nicht der einzige klassische moderne Komponist. Im Anhang stellt er zehn weitere vor, denen aber jeweils nur wenige Zeilen gewidmet werden. Auch wären Notenbeispiele, auf die in diesem Buch leider zur Gänze verzichtet wurde, hier besonders wünschenswert gewesen. Dass man über die eigentlichen Protagonisten der „klassischen Revolution“, über ihre Schwierigkeiten und vereinzelten Erfolge kaum etwas erfährt, ist der einzige Minuspunkt dieses Buches; angesichts der Erwartungen, die der Titel weckt, kein ganz geringer, und deshalb vergebe ich nur vier „Sterne“. Zwar kann man sich im Weltnetz weiter informieren, doch ein Teil der potenziellen Leser hat diese Möglichkeit nicht.

Ohne das Weltnetz wäre kaum zu ahnen, wieviele klassische zeitgenössische Komponisten es tatsächlich gibt, auch wenn sie sich oft mit künstlich erzeugten Klangbeispielen behelfen müssen, um ihre Musik vorzustellen. Denn noch ist die Avantgarde-Lobby mächtig: „Wo aber sind die Musikfestivals, die eine Plattform für neue klassische Musik mit Konzerten, Debatten, Erkundungen, Seminaren bieten? Wo ist der öffentliche Raum, der von den Fackelträgern eines neuen musikalischen Jahrhunderts erhellt werden kann?“ (S. 119). Eine Frage, die unbeantwortet bleibt.

„The Classical Revolution“ ist ein schöner Titel, aber eine Revolution wird es vermutlich nicht geben. Wahrscheinlicher ist, was sich dank des weitgehend unzensierten Mediums Weltnetz bereits andeutet: ein allmählich wachsendes Interesse an klassischer zeitgenössischer Musik, und eine Rehabilitierung jener Komponisten des 20. Jahrhunderts, die sich der Avantgarde verweigert haben. Hier wäre etwa Walter Braunfels zu nennen, dem diese Ehre bereits zuteil wurde; freilich vor allem deshalb, weil er als „Halbjude“ bei den Nationalsozialisten unerwünscht war. In einer Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, die nicht nach politischen, sondern nach künstlerischen Gesichtspunkten zu schreiben wäre, würde die von der Politik und der Kulturförderung aufgeblähte Avantgarde nicht mehr als eine kuriose Fußnote sein.

„Wenn jemals ein wirklich großer Komponist erscheinen würde […], würde er genau all jene Kräfte und Mittel der Meisterschaft anwenden wollen, welche die Kunstform anbieten kann; und nur in der Vergangenheit würde er sie finden, und unvermeidlicherweise würden sie sich alle auf die Möglichkeiten der Tonalität beziehen und somit auf die innere Welt menschlicher Erfahrung. Das letzte was er sein wollte, wäre 'modern' in dem Sinn, wie es im letzten Jahrhundert formuliert wurde“ (S. 54).
Solche Komponisten sind nicht ausgestorben; man muss sie nur entdecken. Dazu allerdings müssten die tonangebenden Gremien mit Leuten besetzt werden, die das Zufallsgeklimper von Kindern von richtiger Musik unterscheiden können.

Dem Buch und den weiteren Bänden der Reihe „Modern Traditionalist Classical Music“ ist auch ein deutscher Übersetzer und Verleger zu wünschen, denn nirgends dürften solche Botschaften wichtiger sein als hierzulande. „Der Schatten des Holocaust sollte nach einer Periode der Trauer die Schönheit nicht länger daran hindern, wiederzuerstehen und zur Heilung der europäischen/westlichen Zivilisation beizutragen. […] Wenn wir der Klangkunst erlauben, Musik zu sein, vollenden wir das Zerstörungswerk, das Hitler und Stalin in Gang gesetzt haben“ (S. 123). Damit verdeutlicht Borstlap, dass ästhetische und moralische Belange nicht voneinander zu trennen sind. Die „klassische Revolution“ ist nicht nur wünschenswert; sie ist notwendig.


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