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Rezensionen verfasst von
Charlie W. "Charlie W." (Hamburg)

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The Help
The Help
von Kathryn Stockett
  Taschenbuch
Preis: EUR 6,70

4.0 von 5 Sternen Gelungen, 7. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: The Help (Taschenbuch)
"The Help" beleuchtet ein nicht sehr lange zurückliegendes Kapitel der amerikanischen Geschichte: die Rassentrennung in den Südstaaten der USA, die offiziell 1964 aufgehoben wurde. Der Roman setzt kurz davor ein, am Anfang der 1960er Jahre.

Drei Ich-Erzählerinnen erzählen abwechselnd vom alltäglichen Rassismus in Jackson, Mississipi: eine junge weiße Frau, Skeeter, und zwei schwarze Dienstmädchen, die resignierte Aibileen und die cholerische Minny. Skeeter möchte ein Buch über die Zustände in ihrer Heimatstadt schreiben und braucht dazu die Hilfe von Aibileen und Minny. Die Stimmen dieser beiden Frauen sind das Außergewöhnlichste an "The Help". Kathryn Stockett gibt sie so glaubhaft wieder, als hätte sie Interviews mit diesen Frauen geführt.

Überhaupt nimmt man Stockett das meiste ab, was sie schreibt. Als Autorin besitzt sie ein feines Gespür für zwischenmenschliche Situationen. Hier liegt die Spannung ihres Romans, in den alltäglichen Dingen, im Umgang der Menschen miteinander, in den Ängsten und Hoffnungen der Figuren. Der Handlung fehlt diese Spannung. Als Leser fiebert man nur episodenweise mit, doch das bleibt die einzige Schwäche dieses Romans.


L'Assommoir
L'Assommoir
von Emile Zola
  Taschenbuch
Preis: EUR 3,96

5.0 von 5 Sternen Einer der besten Romane aller Zeiten, 7. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: L'Assommoir (Taschenbuch)
"L'Assommoir" erzählt die Geschichte der Waschfrau Gervaise, die sich in den Pariser Arbeitervierteln des 19. Jahrhunderts eine bescheidene Existenz aufbaut. Gervaise heiratet und eröffnet eine eigene Wäscherei, doch das Glück ist nur von kurzer Dauer.

Émile Zola hat viele Meisterwerke geschrieben: "Thérèse Raquin", "Nana", "Germinal", "La Bête Humaine" sind über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt. Doch Zolas bester Roman ist unübersetzbar. "L'Assommoir", der für seinen Autor den Durchbruch bedeutete, lebt von seiner Sprache, der Sprache der Pariser Arbeiter im 19. Jahrhundert. Zola war der erste, der sich traute, in dieser einfachen, oft vulgären Sprache zu schreiben. Für den Leser bedeutet das, tief in die Pariser Elendsviertel einzutauchen und Gervaises Absturz hautnah mitzuerleben.

Es ist nur wenigen Autoren gelungen, ihre Figuren so glaubhaft und lebendig darzustellen wie Zola in "L'Assommoir". Zola findet das Drama im Alltäglichen, in den kleinen Zufällen, in den Eigenarten der Menschen. In Verbindung mit seinem unglaublichem schriftstellerischen Talent verleiht dieser Realismus "L'Assommoir" eine atemberaubende Wucht, die kein anderer Roman erreicht.


I Capture the Castle
I Capture the Castle
von Dodie Smith
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,60

5.0 von 5 Sternen Märchenhaft, 7. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: I Capture the Castle (Taschenbuch)
Ich wusste nach wenigen Seiten, dass ich ein neues Lieblingsbuch in den Händen hielt. Die Stimmung, die Dodie Smith in ihrem ersten Roman entwirft, ist einmalig. Ich würde sie als eine Mischung aus Jane Austen und Harry Potter ohne Zauberei beschreiben.

Der Roman spielt in den 30er Jahren in der englischen Provinz, ist realistisch geschrieben und es kommen keine Fabelwesen darin vor, trotzdem hat "I Capture the Castle" etwas Märchenhaftes an sich. Das liegt vielleicht daran, dass Smith ihre Geschichte nicht in England, sondern in den USA schrieb. 1948 lebte sie seit einigen Jahren dort und vermisste ihre Heimat. In "I Capture the Castle" entwirft sie ein ideales England, das sich aus den Romanen der Brontë-Schwestern, viktorianischer Schauerliteratur und eben Jane Austens Welt zusammensetzt.

Die exzentrische, aber bettelarme Familie Mortmain lebt in einem halb verfallenen Schloss. Die 17-jährige Cassandra schreibt einen Sommer lang Tagebuch, um ihre schriftstellerischen Fähigkeiten zu verbessern. Sie beobachtet und kommentiert das Treiben ihrer Familie: ihres Vaters, der als Eremit im Torhaus des Schlosses lebt; ihrer Stiefmutter, die gerne nackt durch den Wald spaziert; ihrer älteren Schwester Rose, die von einem reichen Ehemann träumt. Cassandras Kommentare sind witzig und geistreich und funkeln vor Sprachwitz, wie man es sonst nur von Oscar Wilde oder - nochmal - Jane Austen kennt.

Am Anfang des Romans ist Cassandra ein Kind, dann lernt sie die Liebe kennen und mit ihr die Eifersucht, den Streit und überhaupt das Leben außerhalb des Schlosses. Ohne es zu merken, wird sie erwachsen. "Ich fange das Schloss ein", bedeutet der Titel. Cassandra fängt das Schloss ihrer Kindheit in ihrem Tagebuch ein, bevor es aus ihrem Leben verschwindet. Ihre Erkenntnisse über den Übergang von der Jugend ins Erwachsenenalter, ihre Selbstironie und ihre scharfe Beobachtungsgabe machen aus "I Capture the Castle" einen Jugendroman, der auch für Erwachsene geeignet ist.

Unbedingte Empfehlung also, und für Liebhaber englischer Literatur des 19. Jahrhunderts sowieso ein Muss, weil es Dodie Smith in "I Capture the Castle" meisterhaft gelingt, die Stimmung und Sprache der großen Vorbilder einzufangen und in die Moderne zu versetzen. Ein zeitloser Klassiker.


The Whisperers: Private Life in Stalin's Russia
The Whisperers: Private Life in Stalin's Russia
von Orlando Figes
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,95

5.0 von 5 Sternen Fesselnder und bedeutender kann ein Geschichtswerk kaum sein., 6. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ich habe kurz nacheinander drei Bücher von Orlando Figes gelesen. Ich begann mit seiner Kulturgeschichte Russlands, "Natasha's Dance", danach las ich seine "Tragödie eines Volkes" über die Epoche der Russischen Revolution. Beide Bücher berührten mich, aber keines nahm mich auch nur annähernd so mit wie "The Whisperers". Mir stockte beim Lesen regelrecht der Atem.

Was Figes Interviewpartner ihm über ihr Leben unter der stalinistischen Herrschaft erzählt haben, lässt sich in Kurzform gar nicht wiedergeben. Auch die über 700 Seiten dieses Buches sind nicht zu viel. Figes wiederholt sich nicht und "The Whisperers" wird trotz seines Umfangs niemals langweilig, höchstens ermüdend, wegen des ungeheuerlichen Ausmaßes an Leiden, das seinen Protagonisten widerfahren ist. Man muss es lesen, um es zu glauben.

Figes Verdienst ist nicht allein, dass er ein bewegendes Buch geschrieben hat. Er hat darüber hinaus einen Teil der russischen Geschichte erforscht, den selbst die damaligen Opfer größtenteils verdrängt hatten und der in Russland nie aufgearbeitet wurde. Er beschäftigt sich dabei nicht allein mit den Gräueln des Stalinismus, sondern auch mit dessen Ursachen und Folgen. Fesselnder und bedeutender als "The Whisperers" kann ein Geschichtswerk kaum sein.


The Fault in Our Stars
The Fault in Our Stars
von John Green
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,20

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Erste Hälfte großartig, danach doof, 6. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Fault in Our Stars (Taschenbuch)
Bis zur Hälfte war "The Fault in Our Stars" eines der besten Bücher, die ich seit langem gelesen hatte. John Green schreibt aus der Perspektive eines todkranken Mädchens. Als Leser vergisst man schnell, dass es nicht die 16-jährige Hazel ist, die ihre Geschichte selbst erzählt, denn Green verfügt über eine erstaunliche Fähigkeit, sich in seine Figuren einzufühlen.

Der Roman hat etwas Tragisches, weil von Anfang an feststeht, dass Hazel bald sterben wird. Der Tod nimmt aber nur einen Teil der Handlung ein, denn auch krebskranke Menschen wollen lachen und lieben. "The Fault in Our Stars" erzählt nicht von Hazels Kampf gegen ihre Krankheit, sondern von ihrem Kampf um ein selbstbestimmtes, erfülltes Leben. Das ist nicht nur rührend, sondern auch ziemlich witzig und geistreich, und fantastisch geschrieben: direkt, klar, ohne falsche Sentimentalität.

Ein gutes, ein wirklich gutes Buch erkennt man daran, dass man beim Lesen innehält, um über den letzten Satz sacken zu lassen. Das passiert bei diesem Roman oft, bei Sätzen wie: "You are so busy being you that you have no idea how utterly unprecedented you are", oder: "As he read, I fell in love the way you fall asleep: slowly, and then all at once."

John Green, der im ersten Teil seines Buches so zurückhaltend schreibt, übertreibt leider im zweiten Teil. Die Handlung, die lange glaubhaft bleibt, wird abwegig, stellenweise blödsinnig. Da dies vor allem Hazels Auslandsreise betrifft, also eine Handvoll Kapitel unter vielen, ließe sich damit noch leben, doch im letzten Abschnitt drückt Green ordentlich - und völlig unnötig - auf die Tränendrüse. Das erweckt ein wenig den Eindruck, als habe sein Verlag ihm das eingeredet. So zerstört leider die zweite Hälfte des Romans all das, was die erste Hälfte so großartig macht.


Infernö Interceptörs
Infernö Interceptörs
Preis: EUR 17,91

5.0 von 5 Sternen Oldschool!, 6. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Infernö Interceptörs (Audio CD)
Bunker 66 aus Italien spielen eine wilde Mischung aus Motörhead und ganz frühem Black Metal (Bathory, Hellhammer). Auf "Infernö Interceptörs", ihrem Debüt, macht das verdammt viel Spaß. Es geht unablässig und ohne Schnickschnack nach vorne, der Bass wummert noch lauter als die Gitarre und Sänger Damien Thorne bekommt mit seinen "Uh"s und "Ah"s eine ziemlich gute Imitation von Thomas "Warrior" Fischer (Hellhammer, Celtic Frost, Triptykon) hin. Textlich herrlich dreckig und stumpf ("Chubby Love") und, das ist das Wichtigste, mit viel Leidenschaft vorgetragen: Oldschool-Metal vom Feinsten.


Der unsichtbare Apfel: Roman
Der unsichtbare Apfel: Roman
von Robert Gwisdek
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 12,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Unbedingte Empfehlung, trotz kleiner Schwächen, 6. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Dieser Roman ist bei weitem nicht perfekt. Es gibt keine wirkliche Handlung, die meisten Figuren bleiben charakterlos und manchmal nerven Gwisdeks Sprachspiele, etwa wenn er über 20 Seiten "K"s aneinanderreiht. "Der unsichtbare Apfel" hat nicht das Zeug zum Klassiker.

Ich empfehle den Roman trotzdem, weil er zum Schönsten gehört, das ich je gelesen habe. Gwisdek ist ein Meister darin, mit wenigen Worten Stimmungen zu erschaffen. Sein Buch liest sich wie ein langer Traum, an dessen Ende man nicht schlauer ist als vorher, aber eine wunderbare Zeit hinter sich hat. Es ist ein Buch für Unangepasste, für Spinner und Träumer, die, wie die Hauptfigur Igor, hin und wieder an ihren Mitmenschen verzweifeln.

Igor kämpft gegen eine Welt, die er nicht versteht und die ihn ablehnt, zumindest empfindet er es so. Er flüchtet sich in einen lichtlosen Raum, in dem er 100 Tage verbringen will, und von dort rutscht er in eine Parallelwelt ab, die aus einem großen Wald und einem grenzenlosen Haus besteht. Dort trifft er auf seltsame Gestalten und lernt, sich seinen Ängsten zu stellen, aber das ist nebensächlich. Wichtiger sind bei Gwisdek die Schönheit der Worte und die Macht der Bilder. Insofern ist "Der unsichtbare Apfel" eigentlich kein Roman, sondern eher ein langes Prosagedicht. Wer so etwas mag, kann hier nichts falsch machen.


Die Tragödie eines Volkes: Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924
Die Tragödie eines Volkes: Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924
von Orlando Figes
  Taschenbuch
Preis: EUR 19,90

5.0 von 5 Sternen Erschütternd, 20. Februar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Dieses Buch kulminiert in einem beiläufigen Satz: "Anstatt als konstruktive kulturelle Kraft zu wirken, hatte die Revolution faktisch die gesamte russische Zivilisation zerstört." (S. 827) Was die russischen Revolutionäre sich vorgenommen hatten, scheiterte auf brutale Weise. Es verwundert nach der Lektüre dieses Buches, dass führende Bolschewiki wie Lenin und Trotzki bis heute in Ehren gehalten werden. Sie mögen hehre Absichten gehabt haben und ihre Verbrechen mögen vor denen Stalins verblassen - nichtsdestotrotz waren sie Verbrecher, die ihr Land und ihr Volk zugrunde richteten. Das macht Figes in seinem Buch deutlich. Dennoch handelt es sich nicht um eine antikommunistische Hetzschrift. Figes stellt die Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven dar, er lässt Politiker, Arbeiter und Bauern zu Wort kommen. Am Ende stehen nicht nur die Bolschewiki schlecht da, sondern auch der Zar, die Provisorische Regierung von 1917 und die Weißen, die im Bürgerkrieg gegen die Roten kämpften. Es ist Figes großes Verdienst, dass sein Buch trotz seiner Detailfülle und seines Umfangs von fast 900 Seiten von Anfang bis Ende spannend bleibt. Ich habe einen Monat gebraucht, um es zu lesen, aber nie den Faden verloren. Es lohnt sich also - nicht nur, um zu erfahren, wie es damals war, sondern auch um das heutige Russland besser zu verstehen.


Er ist wieder da: Der Roman
Er ist wieder da: Der Roman
von Timur Vermes
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,33

10 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Langweiliger als Hitlers Tischmonologe, 13. Januar 2014
Geglückt ist eine Hitler-Satire, wenn sie den "Führer" nicht bloß als lustiges Rumpelstilzchen, sondern als widersprüchliche Figur darstellt. Wenn das Lachen einem im Halse stecken bleibt. Serdar Somuncu ist das Paradebeispiel für Spaß mit schlechtem Gewissen. Kein Lacher, ohne dass Somuncu seinem Publikum den Spiegel vorhält.

Vermes gelingen solche Momente in "Er ist wieder da" nur selten. Es gibt einige Stellen, in denen die Sichtweise des wiedererweckten "Gröfaz" auf das Deutschland des Jahres 2011 entlarvend ist. Aber diese Stellen sind rar gesät in einem Roman, der größtenteils aus öden Reflexionen in zäher "Mein Kampf"-Prosa besteht. Dazu gibt es eine vorhersehbare Handlung, zahme Medien-Kritik und die immer gleichen Gags, die eine SZ-Überschrift ganz gut zusammenfasst: "Ha, ha, Hitler". Dass Hitler der Protagonist dieses Romans ist, muss meistens als Pointe reichen.

Im erwähnten SZ-Artikel warnt die Autorin vor einer Verharmlosung Hitlers. Auch über 70 Jahre nach Chaplins „Der große Diktator“ (1940) hält sich in Deutschland hartnäckig die Angst, eine lustige oder gar menschliche Darstellung des Schreihalses aus Braunau am Inn bagatellisiere dessen Verbrechen. Das ist Unsinn. Hitler war ein Mensch, und nicht die Verkörperung Satans. Ihn mit Tabus zu belegen wird nichts an der merkwürdig verkrampften Haltung ändern, mit der viele Deutsche dem weltweit bekanntesten Deutschen begegnen – der bekanntlich gar kein Deutscher war.

Hitler umgibt inzwischen eine geradezu mythische Aura. Hier ist eine Entzauberung dringend nötig, um deutlich zu machen, dass der Mann kein Genie des Bösen war, sondern ohne Parteiapparat im Rücken ein Hanswurst, wenn auch ein gefährlicher. Das riesige Potenzial, das die Figur Hitler bietet, lässt Vermes jedoch links liegen. Das macht aus "Er ist wieder da" einen hochgradig unbefriedigenden Roman, der Themen wie Hitlers paranoiden Judenhass schnell abhandelt und stattdessen auf die billigen Lacher aus ist. Schlimmer: Vermes mag als Journalist ganz gut gewesen sein, doch Bücher schreiben kann er nicht. Der Roman ist öder als Hitlers endlose Tischmonologe. Es gibt keinen Spannungsaufbau, keine interessanten Figuren. Hitler muss reichen. Eines erreicht Vermes dadurch immerhin: Uns zu zeigen, dass der "Führer" ein ziemlich langweiliger Mensch war.


Das Wittgensteinprogramm
Das Wittgensteinprogramm
von Philip Kerr
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

2.0 von 5 Sternen Anspruch ist nicht gleich Qualität, 13. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Das Wittgensteinprogramm (Taschenbuch)
Ist Töten zwangsläufig schlecht? Kerrs Idee klingt zunächst spannend: In der nahen Zukunft kann anhand eines Tests festgestellt werden, ob Männer zu Gewalt neigen. Die positiv Getesteten werden unter einem Decknamen in einer Datenbank erfasst. Einer dieser Männer, Codename Wittgenstein, löscht sich aus der Datenbank und macht sich daran, die anderen potenziellen Gewalttäter auszuschalten, bevor sie selbst morden können. Parallel dazu liefert Wittgenstein sich ein psychologisches Duell mit der Ermittlerin Jake, in dessen Zentrum die Frage nach einer möglichen ethischen Begründung des Tötens steht: Kann ein Mord moralisch legitim sein?

„Das Wittgensteinprogramm“ wurde nach Kerrs ersten drei Bernie Gunther-Romanen veröffentlicht, wirkt aber, als sei er davor geschrieben worden. Der Krimi leidet an einer ganzen Reihe von Schwächen, die sich in der „Berlin Noir“-Trilogie nicht finden.

Da ist zum einen der irritierende Kontrast zwischen dem intellektuellen Anspruch der Thematik – Verbrechen, Moral, Schuld – und den schwachsinnigen Dialogen, die geistreich und witzig gemeint sind, aber meistens flach und manchmal peinlich rüberkommen. Auch weite Teile der Handlung übersteigen selten das Niveau eines Bahnhofskrimis.

Was die philosophischen und psychologischen Ausführungen angeht, schießt Kerr weit über‘s Ziel hinaus. Zwischen den Kapiteln finden sich Tagebucheinträge des Mörders Wittgenstein, in denen dieser über seine Taten und deren Berechtigung reflektiert. Dabei zitiert er große Philosophen wie Plato, Nietzsche und eben Wittgenstein. Teilweise sind diese Einträge interessant, meistens handelt es sich aber um pseudointellektuelles Gewäsch, das für den Fortgang der Story völlig entbehrlich ist. Damit kann man gut Leser beeindrucken, die noch nie etwas von Begriffen wie Utilitarismus und Sprachphilosophie gehört haben. Das ist ein ziemlich armseliger Trick, der jedem Leser mit einer philosophischen Halbbildung als solcher auffallen wird.

Man kann philosophische Reflexionen in einen Roman einflechten, aber das erfordert eine Menge Können. Vor allem sollte man darauf achten, sich verständlich auszudrücken. Bei Kerr erfordert es schon reichlich Konzentration, den wirren Gedanken des Mörders zu folgen. Sehr viel zu lernen gibt es dabei nicht, es scheint dem Autor eher darum zu gehen, uns sein Wissen vorzuführen.

Kerr hätte gut daran getan, mehr Mühe auf die reichlich dünne Story aufzuwenden. Spannend ist das Katz- und Maus-Spiel zwischen Wittgenstein und der Ermittlerin Jake nicht, dabei sind beide außergewöhnliche Figuren. Doch der Mörder bleibt bis zum Ende zu rätselhaft, um interessant zu sein, und bei Jake trägt Kerr - gemessen an der bescheidenen Story - etwas zu dick auf. Sie ist eine gut aussehende, knallhart auftretende Frau mit einer schwierigen Kindheit, die Männer und ein bisschen sich selbst hasst. Harte Schale, weicher Kern, eine klassische Hardboiled-Ermittlerfigur, mit der Besonderheit, dass wir es hier mit einer Frau zu tun haben. Daraus hätte man viel machen können. So wundert man sich als Leser jedoch, dass sich Jake in diesem öden Krimi nicht langweilt.

„Das Wittgensteinprogramm“ ist ein gutes Beispiel dafür, dass Anspruch nicht zwangsläufig mit Qualität einhergeht. Der Krimi ist komplex, erfordert Konzentration und Hintergrundwissen vom Leser – und langweilt über weite Strecken.


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