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Rezensionen verfasst von
Charlie W. "Charlie W." (Hamburg)

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Die Tragödie eines Volkes: Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924
Die Tragödie eines Volkes: Die Epoche der russischen Revolution 1891 bis 1924
von Orlando Figes
  Taschenbuch
Preis: EUR 19,90

5.0 von 5 Sternen Erschütternd, 20. Februar 2014
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Dieses Buch kulminiert in einem beiläufigen Satz: "Anstatt als konstruktive kulturelle Kraft zu wirken, hatte die Revolution faktisch die gesamte russische Zivilisation zerstört." (S. 827) Was die russischen Revolutionäre sich vorgenommen hatten, scheiterte auf brutale Weise. Es verwundert nach der Lektüre dieses Buches, dass führende Bolschewiki wie Lenin und Trotzki bis heute in Ehren gehalten werden. Sie mögen hehre Absichten gehabt haben und ihre Verbrechen mögen vor denen Stalins verblassen - nichtsdestotrotz waren sie Verbrecher, die ihr Land und ihr Volk zugrunde richteten. Das macht Figes in seinem Buch deutlich. Dennoch handelt es sich nicht um eine antikommunistische Hetzschrift. Figes stellt die Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven dar, er lässt Politiker, Arbeiter und Bauern zu Wort kommen. Am Ende stehen nicht nur die Bolschewiki schlecht da, sondern auch der Zar, die Provisorische Regierung von 1917 und die Weißen, die im Bürgerkrieg gegen die Roten kämpften. Es ist Figes großes Verdienst, dass sein Buch trotz seiner Detailfülle und seines Umfangs von fast 900 Seiten von Anfang bis Ende spannend bleibt. Ich habe einen Monat gebraucht, um es zu lesen, aber nie den Faden verloren. Es lohnt sich also - nicht nur, um zu erfahren, wie es damals war, sondern auch um das heutige Russland besser zu verstehen.


Er ist wieder da: Der Roman
Er ist wieder da: Der Roman
von Timur Vermes
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,33

5 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Langweiliger als Hitlers Tischmonologe, 13. Januar 2014
Geglückt ist eine Hitler-Satire, wenn sie den "Führer" nicht bloß als lustiges Rumpelstilzchen, sondern als widersprüchliche Figur darstellt. Wenn das Lachen einem im Halse stecken bleibt. Serdar Somuncu ist das Paradebeispiel für Spaß mit schlechtem Gewissen. Kein Lacher, ohne dass Somuncu seinem Publikum den Spiegel vorhält.

Vermes gelingen solche Momente in "Er ist wieder da" nur selten. Es gibt einige Stellen, in denen die Sichtweise des wiedererweckten "Gröfaz" auf das Deutschland des Jahres 2011 entlarvend ist. Aber diese Stellen sind rar gesät in einem Roman, der größtenteils aus öden Reflexionen in zäher "Mein Kampf"-Prosa besteht. Dazu gibt es eine vorhersehbare Handlung, zahme Medien-Kritik und die immer gleichen Gags, die eine SZ-Überschrift ganz gut zusammenfasst: "Ha, ha, Hitler". Dass Hitler der Protagonist dieses Romans ist, muss meistens als Pointe reichen.

Im erwähnten SZ-Artikel warnt die Autorin vor einer Verharmlosung Hitlers. Auch über 70 Jahre nach Chaplins „Der große Diktator“ (1940) hält sich in Deutschland hartnäckig die Angst, eine lustige oder gar menschliche Darstellung des Schreihalses aus Braunau am Inn bagatellisiere dessen Verbrechen. Das ist Unsinn. Hitler war ein Mensch, und nicht die Verkörperung Satans. Ihn mit Tabus zu belegen wird nichts an der merkwürdig verkrampften Haltung ändern, mit der viele Deutsche dem weltweit bekanntesten Deutschen begegnen – der bekanntlich gar kein Deutscher war.

Hitler umgibt inzwischen eine geradezu mythische Aura. Hier ist eine Entzauberung dringend nötig, um deutlich zu machen, dass der Mann kein Genie des Bösen war, sondern ohne Parteiapparat im Rücken ein Hanswurst, wenn auch ein gefährlicher. Das riesige Potenzial, das die Figur Hitler bietet, lässt Vermes jedoch links liegen. Das macht aus "Er ist wieder da" einen hochgradig unbefriedigenden Roman, der Themen wie Hitlers paranoiden Judenhass schnell abhandelt und stattdessen auf die billigen Lacher aus ist. Schlimmer: Vermes mag als Journalist ganz gut gewesen sein, doch Bücher schreiben kann er nicht. Der Roman ist öder als Hitlers endlose Tischmonologe. Es gibt keinen Spannungsaufbau, keine interessanten Figuren. Hitler muss reichen. Eines erreicht Vermes dadurch immerhin: Uns zu zeigen, dass der "Führer" ein ziemlich langweiliger Mensch war.


Das Wittgensteinprogramm
Das Wittgensteinprogramm
von Philip Kerr
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

2.0 von 5 Sternen Anspruch ist nicht gleich Qualität, 13. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Das Wittgensteinprogramm (Taschenbuch)
Ist Töten zwangsläufig schlecht? Kerrs Idee klingt zunächst spannend: In der nahen Zukunft kann anhand eines Tests festgestellt werden, ob Männer zu Gewalt neigen. Die positiv Getesteten werden unter einem Decknamen in einer Datenbank erfasst. Einer dieser Männer, Codename Wittgenstein, löscht sich aus der Datenbank und macht sich daran, die anderen potenziellen Gewalttäter auszuschalten, bevor sie selbst morden können. Parallel dazu liefert Wittgenstein sich ein psychologisches Duell mit der Ermittlerin Jake, in dessen Zentrum die Frage nach einer möglichen ethischen Begründung des Tötens steht: Kann ein Mord moralisch legitim sein?

„Das Wittgensteinprogramm“ wurde nach Kerrs ersten drei Bernie Gunther-Romanen veröffentlicht, wirkt aber, als sei er davor geschrieben worden. Der Krimi leidet an einer ganzen Reihe von Schwächen, die sich in der „Berlin Noir“-Trilogie nicht finden.

Da ist zum einen der irritierende Kontrast zwischen dem intellektuellen Anspruch der Thematik – Verbrechen, Moral, Schuld – und den schwachsinnigen Dialogen, die geistreich und witzig gemeint sind, aber meistens flach und manchmal peinlich rüberkommen. Auch weite Teile der Handlung übersteigen selten das Niveau eines Bahnhofskrimis.

Was die philosophischen und psychologischen Ausführungen angeht, schießt Kerr weit über‘s Ziel hinaus. Zwischen den Kapiteln finden sich Tagebucheinträge des Mörders Wittgenstein, in denen dieser über seine Taten und deren Berechtigung reflektiert. Dabei zitiert er große Philosophen wie Plato, Nietzsche und eben Wittgenstein. Teilweise sind diese Einträge interessant, meistens handelt es sich aber um pseudointellektuelles Gewäsch, das für den Fortgang der Story völlig entbehrlich ist. Damit kann man gut Leser beeindrucken, die noch nie etwas von Begriffen wie Utilitarismus und Sprachphilosophie gehört haben. Das ist ein ziemlich armseliger Trick, der jedem Leser mit einer philosophischen Halbbildung als solcher auffallen wird.

Man kann philosophische Reflexionen in einen Roman einflechten, aber das erfordert eine Menge Können. Vor allem sollte man darauf achten, sich verständlich auszudrücken. Bei Kerr erfordert es schon reichlich Konzentration, den wirren Gedanken des Mörders zu folgen. Sehr viel zu lernen gibt es dabei nicht, es scheint dem Autor eher darum zu gehen, uns sein Wissen vorzuführen.

Kerr hätte gut daran getan, mehr Mühe auf die reichlich dünne Story aufzuwenden. Spannend ist das Katz- und Maus-Spiel zwischen Wittgenstein und der Ermittlerin Jake nicht, dabei sind beide außergewöhnliche Figuren. Doch der Mörder bleibt bis zum Ende zu rätselhaft, um interessant zu sein, und bei Jake trägt Kerr - gemessen an der bescheidenen Story - etwas zu dick auf. Sie ist eine gut aussehende, knallhart auftretende Frau mit einer schwierigen Kindheit, die Männer und ein bisschen sich selbst hasst. Harte Schale, weicher Kern, eine klassische Hardboiled-Ermittlerfigur, mit der Besonderheit, dass wir es hier mit einer Frau zu tun haben. Daraus hätte man viel machen können. So wundert man sich als Leser jedoch, dass sich Jake in diesem öden Krimi nicht langweilt.

„Das Wittgensteinprogramm“ ist ein gutes Beispiel dafür, dass Anspruch nicht zwangsläufig mit Qualität einhergeht. Der Krimi ist komplex, erfordert Konzentration und Hintergrundwissen vom Leser – und langweilt über weite Strecken.


Natasha's Dance: A Cultural History of Russia
Natasha's Dance: A Cultural History of Russia
von Orlando Figes
  Taschenbuch
Preis: EUR 17,50

5.0 von 5 Sternen Mehr als eine Kulturgeschichte, 6. Januar 2014
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Russland lässt sich nicht mit anderen Ländern vergleichen, das haben wir alle schon mal irgendwo gehört, aber wer kann genau sagen, weshalb? In "Nataschas Tanz" wird erklärt, was Russland vom Rest der Welt unterscheidet. Figes erzählt die Geschichte des "russischen Sonderweges" zwischen der Sehnsucht nach europäischer Integration und der Überzeugung, dass Russland, das "dritte Rom", den Westen erretten würde.

Dieses faszinierende Panorama beginnt mit der Gründung Sankt Petersburgs im Jahr 1703 und endet in den 1960er Jahren mit Igor Stravinskys Besuch in der UdSSR, blickt zwischendurch aber bis zur Mongolenherrschaft im 13. Jahrhundert zurück und bietet Erklärungsansätze für die gegenwärtige Entwicklung Russlands. Figes Geschichte blickt immer auch nach vorne, die großen Figuren der russischen Kulturgeschichte prägen das Land und seine Einwohner bis heute.

Das Verhältnis zwischen Russland und dem "Westen" war schon immer von Misstrauen geprägt. Auch heute halten viele Politiker ständige Kritik an der Führung des Landes für die beste Strategie. Es stellt sich jedoch die Frage, wem damit geholfen wird, und ob es nicht sinnvoller wäre, auf Russland zuzugehen und das Land dabei zu unterstützen, dass es sich nach außen öffnet. Ein besseres Verständnis der sogenannten "russischen Seele" ist ein erster Schritt in diese Richtung, insofern hat dieses Buch eine ganz aktuelle Relevanz.

"Nataschas Tanz" erzählt auf 700 Seiten eine lange, komplexe Geschichte, ist aber flüssig geschrieben und gut nachvollziehbar gegliedert. Die sehr persönlichen Lebensgeschichten einiger zentraler Figuren (darunter der Dezembrist Sergei Wolkonski, die Dichterin Anna Achmatova und der Komponist Igor Stravinsky) strukturieren Figes Kulturgeschichte und verleihen ihr Spannung. Nach der Lektüre erscheint das Riesenreich im Osten weniger als Bedrohung, sondern vielmehr als Chance. An der unter Russen weit verbreiteten Meinung, dass die Zukunft Europas in ihrem Land liege, könnte etwas dran sein. Jedenfalls lebt dort ein riesiges Volk, das noch nie wirklich die Chance hatte, sich zu entfalten, aber schon oft bewiesen hat, dass es zu Großem fähig ist. Bei aller kritischen Distanz, um die Figes in seiner Erzählung bemüht ist, ist es schwierig, nach der Lektüre von "Nataschas Tanz" nicht zum russischen Patrioten zu werden.

Wahrhaftig beeindruckend.


Überfluss: Die Zukunft ist besser, als Sie denken
Überfluss: Die Zukunft ist besser, als Sie denken
von Peter H. Diamandis
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 27,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Zukunft sieht rosig aus, 8. Dezember 2013
Man sollte den Autoren schon darin zustimmen, dass wissenschaftlicher Fortschritt und Globalisierung im Großen und Ganzen begrüßenswert sind, sonst ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man das Buch aus der Hand legt. Was schade wäre, weil Diamandis und Kotler über eine Fülle von Erfindungen und Entwicklungen aufklären, von denen wir in den Medien kaum etwas mitbekommen – denn Katastrophen und Krisen sorgen für stärkere Auflagen als Erfolge und Gewinne.

Dabei ist „Überfluss“ kein pro-kapitalistisches Pamphlet, die Botschaft lautet auch nicht: „Lehnt euch zurück, den Rest wird die Wissenschaft erledigen“. Die Autoren wollen ihre Leser dazu bewegen, selbst zu einer Welt ohne Hunger und Umweltverschmutzung beizutragen. Man mag ihnen Idealismus vorwerfen, aber dieser Idealismus fußt auf Tatsachen und kommt in einer Flut von Negativberichten und Untergangsvisionen nicht naiv, sondern erfrischend daher. Ein inspirierendes, Mut machendes Buch und ein wirksames Gegenmittel für die typisch germanische Zukunftsangst.


Neverwhere
Neverwhere
von Neil Gaiman
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,40

4.0 von 5 Sternen Etwas spannungsarm, 8. Dezember 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Neverwhere (Taschenbuch)
„Neverwhere“ ist vergleichbar mit der Harry Potter-Serie. Neben dem London, das wir kennen, gibt es noch ein zweites London, das bei Rowling von Zauberern und bei Gaiman von Ausgestoßenen und Aussteigern bevölkert wird. Gaimans Erklärung dafür, weshalb wir von diesem London Below nichts mitbekommen, ist ebenso simpel wie einleuchtend: Wir haben uns angewöhnt, wegzuschauen. Kommt man dann zufällig doch mit London Below in Berührung, wie es im Roman Richard Mayhew passiert, wird man Teil dieser Parallelwelt und für London Above unsichtbar. Nun ja, nicht ganz unsichtbar, Richards Bekannte nehmen ihn noch am Rande ihres Bewusstseins wahr, aber eben nicht mehr als sie die anderen Außenseiter der Gesellschaft wahrnehmen, seien es Obdachlose oder „Verrückte“.

Wie Rowling gelingt es auch Gaiman in „Neverwhere“, Fantasy und Wirklichkeit glaubhaft und stimmig miteinander zu vermischen. Die fabelhaften Abenteuer, die Richard Mayhew in London Below erlebt, stehen nicht für sich, sondern sind Teil eines Reifeprozesses, an dessen Ende Richard sich zwischen einem gefährlichen Leben als Außenseiter und einer Rückkehr in die Normalität entscheiden muss.

„Neverwhere“ wimmelt nur so von skurrilen Figuren und außergewöhnlichen Schauplätzen, etwa dem Hof eines Grafen in einem U-Bahn-Wagen oder einem Unterwelt-Markt im Nobel-Kaufhaus Harrods. Und doch sind die Szenen, in denen der verträumte Richard weitgehend erfolglos versucht, sein Leben in London Above auf die Reihe zu bekommen, die spannendsten des Romans. Richards Beziehung zu seiner herrischen Verlobten Jessica ist um einiges interessanter als seine Suche nach einem rätselhaften Schlüssel für den Engel Islington in London Below. Die nimmt zwar drei Viertel des Romans ein, ist aber bei allem Einfallsreichtum nichts weiter als eine etwas zusammenhanglose Aneinanderreihung von Einzelabenteuern. Der rote Faden ist da, aber er ist sehr dünn und man verliert ihn beim Lesen leicht aus den Augen.

Eine abgedrehte Parallelwelt, bizarre Figuren und viel Witz können nicht dafür entschädigen, dass Gaimans literarisches Talent sich in diesem Roman vor allem in London Above, also dem London, das wir kennen, entfaltet. Die eigentliche Fantasy-Handlung ist etwas spannungsarm geraten. Dass sie trotzdem halbwegs funktioniert, liegt an den außergewöhnlichen Figuren. Alles andere als ein schlechtes Buch, aber eben auch nicht das Meisterwerk, als das es gepriesen wird.


The Devil All the Time
The Devil All the Time
von Donald Ray Pollock
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,20

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Überdurchschnittlich gut geschriebener Billigschocker, 13. November 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Devil All the Time (Taschenbuch)
Aus verschiedenen Einzelschicksalen webt Pollock die Chronik eines gottvergessenen Landstriches in der hintersten amerikanischen Provinz. Seine Figuren sind Mörder, Huren und Geisteskranke, sein Schreibstil erfrischend frei von Mitleid und moralischen Urteilen, allerdings auch comichaft überzogen und blutrünstig. An sich kein Problem, aber bei Pollock geht es auf Kosten der Glaubwürdigkeit und der Spannung seiner Story.

Denn in „The Devil all the Time“ stirbt so gut wie jede Hauptfigur einen gewaltsamen Tod. Was anfangs noch zu überraschen vermag, wird schnell vorhersehbar und dadurch öde. Auf Teufel komm raus versucht Pollock, den Leser zu schockieren. Ob das dann auch plausibel ist, interessiert ihn wenig.

Da gibt es beispielsweise den Kriegsheimkehrer Willard Russel, der dem Leser zunächst als ein etwas merkwürdiger, aber grundanständiger Kerl vorgestellt wird. Jahre später, nach seiner Heirat mit Charlotte und der Geburt seines Sohnes, entwickelt er sich vom Atheisten zum Gottesnarren. Als Charlotte todkrank wird, versucht er, ihre Heilung mit Tieropfern und schließlich mit einem Menschenopfer zu bezwecken. Bitte?

Mag ja sein, dass es für Willards Wandlung eine schlüssige Erklärung gibt. Die enthält Pollock uns aber vor. Stattdessen begnügt er sich mit flacher Comicbuch-Psychologie: Charlotte ist krank, also wird Willard zum Monster. Ähnlich plump werden auch die anderen Verbrechen, Krisen und Ausrutscher des Buches begründet, seien es die Perversion eines Serienmörders oder die Beweggründe eines gottesfürchtigen jungen Mädchens, das sich von seinem Pfarrer vögeln lässt. Stets kratzt Pollock nur an der Oberfläche.

„The Devil all the Time“ ist keine große Literatur, sondern ein überdurchschnittlich gut geschriebener Billigschocker.


Für die Freiheit sterben. Die Geschichte des amerikanischen Bürgerkrieges
Für die Freiheit sterben. Die Geschichte des amerikanischen Bürgerkrieges
von James M. McPherson
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 9,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vielseitig und umfassend, 9. November 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Ich habe das Buch bereits vor zwei Jahren gelesen und war damals schon begeistert. "Für die Freiheit sterben" ist komplex und umfassend: Es gibt kaum Aspekte des Amerikanischen Bürgerkrieges, die McPherson nicht behandelt. Dabei ist das Buch aber so gut geschrieben, dass es weder ermüdend noch langweilig wird. Und es ist viel mehr als eine Chronik des Bürgerkrieges. Es ist auch ein Buch über Amerika und liefert Antworten auf eine Menge Fragen, die wir uns als Europäer stellen, wenn wir das politische Geschehen in den heutigen USA verfolgen.

Vor kurzem habe ich das Buch nochmal beim Schreiben einer Hausarbeit benutzt und festgestellt, dass es sich hervorragend als Nachschlagewerk eignet. Zum einen ist es auch 25 Jahre nach seiner Veröffentlichung noch historisch zutreffend. Zum anderen ist es ausgezeichnet gegliedert, was bei wissenschaftlichen Werken von zentraler Wichtigkeit ist. McPherson erzählt seine Geschichte nicht streng der Reihe nach, sondern unterteilt seine Kapitel in Abschnitte, die sich jeweils mit der Politik, der Kriegsführung oder den sozialen Folgen des Krieges beschäftigen. Dabei scheut er sich nicht, vor- oder zurückzugreifen, damit die einzelnen Abschnitte auch für sich gelesen werden können. Also kein endloses Hin- und Herblättern, kein Lesezeichenwust. Wie es McPherson dann auch noch gelingt, alles zu einem spannenden, kurzweiligen Ganzen zu verbinden, ist meisterhaft.

Hochgelobte Geschichtsstunde mit Unterhaltungswert, aufschlussreiche Einführung in die amerikanische Politik und wissenschaftliches Nachschlagewerk in einem.


Die Wohlgesinnten: Roman
Die Wohlgesinnten: Roman
von Jonathan Littell
  Taschenbuch
Preis: EUR 18,00

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Überambitioniert, 7. November 2013
Rezension bezieht sich auf: Die Wohlgesinnten: Roman (Taschenbuch)
Jonathan Littels „Die Wohlgesinnten“ ist ein Mammutbuch. 900 Seiten in der Originalausgabe, 1300 in der deutschen Übersetzung. Kaum Zeilenumbrüche, selbst bei Dialogen nicht. Wen das abschreckt, der braucht es gar nicht erst zu versuchen. Denn die reine Wortmasse ist nicht das einzige, was an diesem Roman anstrengend ist.

Eine kurze, knappe Rezension zu „Die Wohlgesinnten“ zu schreiben ist kaum möglich. Der Roman ist eine Chronologie des Holocaust aus Sicht der Täter und zugleich die Familiengeschichte des SS-Offiziers Maximilian Aue. Wer sich da ran wagt, wird beim Lesen garantiert ein paarmal tief Luft holen müssen. Was Littell an Grausamkeiten beschreibt, kann sich kein Menschen ausdenken. Und tatsächlich ist alles ganz genau so geschehen.

Abgesehen von den Lebensgeschichten einiger erfundener Figuren orientiert sich Littell streng an den Tatsachen. Was er über Himmler, Massenerschießungen, Stalingrad, Auschwitz oder den besonderen Tätertypus des hochrangigen SS-Mannes schreibt, lässt sich alles in wissenschaftlichen Studien und Zeitzeugenberichten nachlesen. Angereichert wird das mit philosophischen, psychologischen und soziologischen Betrachtungen über Schuld, Krieg, Faschismus und Rassentheorie. Das hilft einem zu verstehen, wie und warum der Holocaust stattfinden konnte, macht die Lektüre des Romans aber zu einem Kraftakt.

Und als wäre all das nicht genug, gibt es da noch die Lebensgeschichte der Hauptfigur. Der fiktive Max Aue begleitet den Holocaust von den Massenerschießungen der Einsatzgruppen bis zu den Krematorien von Auschwitz, mit einer Zwischenepisode im Kessel von Stalingrad, dem er nur knappt entkommt. Aue tritt dabei selten als aktiver Täter auf, sondern meistens als kaum am Geschehen beteiligter Beobachter. Seine Gewissenskonflikte führen zu Wahnvorstellungen und Alpträumen, zu längeren Krisen und schließlich zu Apathie: auf der Flucht vor der Roten Armee, zu Fuß durch Sümpfe, liest er seelenruhig Flauberts „Die Erziehung der Gefühle“.

Neben seinen Kriegserlebnissen plagen Aue auch private Sorgen, allen voran die Liebe zu seiner Schwester und der Hass auf seine Mutter, Gefühle, die zum Ende des Romans in sexuelle Perversion und Mord ausarten. Für sich genommen ist dieser Aspekt des Romans ganz interessant. Doch schreibt Littell darüber, als hielte er sich für den nächsten de Sade (in der modernen französischsprachigen Literatur keine Seltenheit), und das hat einen unangenehm pornographischen Beigeschmack. Mit Vernichtungslagern, Zwangsarbeit und willkürlichen Hinrichtungen enthält „Die Wohlgesinnten“ genug, das der Leser verarbeiten muss. Wozu dann auch noch seitenlange Beschreibungen von Sex unter Kindern, Sex unter Männern und Selbstbefriedigung? Mit Mühe und Not ließe sich sicherlich ein Bezug zu Aues Fronterlebnissen feststellen. Die meisten Leser werden zu dieser Interpretationsarbeit aber wenig Lust verspüren.

Den ganzen Freud‘schen Blödsinn hätte Littel sich daher für seinen nächsten Roman aufheben sollen. Auch vom Rest der Handlung sind weite Teile unnötig. Littells Chronik der Ereignisse ist ermüdend genau und lässt kaum einen Tag aus, obwohl Aue über längere Zeiträume entweder nichts tut, sich erholt, oder herumreist. Viele der Details dürften nur für Historiker von Interesse sein, die werden sich ihre Informationen aber eher aus der Sekundärliteratur holen als aus einem Roman.

Um ein Drittel gekürzt hätte aus „Die Wohlgesinnten“ ein großer Roman werden können, durch mehr Zeilenumbrüche auch ein lesbarer Roman. In seiner existierenden Form ist das Buch überladen, sperrig, unelegant und oft auf plumpe Weise provokant. Ist es lesenswert? Für mutige und ausdauernde Leser, ja. Die werden für ihre Mühen mit faszinierenden Einblicken in die Denkweise der NS-Täter belohnt, mit einer neuen Sichtweise auf die Verbrechen dieser Männer, vielleicht sogar mit Erkenntnissen über sich selbst. Trotz großer Schwachstellen hat Littell keinen schlechten Roman geschrieben, bloß einen überambitionierten.


You Are Not So Smart: Why Your Memory Is Mostly Fiction, Why You Have Too Many Friends On Facebook And 46 Other Ways You're Deluding Yourself
You Are Not So Smart: Why Your Memory Is Mostly Fiction, Why You Have Too Many Friends On Facebook And 46 Other Ways You're Deluding Yourself
von David Mcraney
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,77

5.0 von 5 Sternen Unterhaltsam und lehrreich, 6. November 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Wir täuschen nicht nur unsere Mitmenschen, sondern auch uns selbst täglich und ohne etwas davon zu merken. In 48 kurzen Kapiteln erklärt David McRaney, wie und warum wir das tun. „You Are not so Smart“ ist eine Zusammenstellung überarbeiteter Einträge aus McRaneys gleichnamigem Blog. Das hat den Vorteil, dass die einzelnen Kapitel kurz und gut lesbar sind, aber den Nachteil, dass alle Kapitel in etwa gleich aufgebaut sind und sich teilweise überschneiden.

Insofern sollte dieses Buch wie ein Blog gelesen werden: Ein Eintrag am Tag. So wird es nicht langweilig, und es bleibt am meisten hängen. Denn letztlich ist hier jedes Kapitel unterhaltsam, lehrreich und hat das Potential, einen dauerhaft zu verändern. Auch als Einführung in die Psychologie ist das Buch wunderbar geeignet, da viele zentrale Facetten des menschlichen Handelns angesprochen werden, und McRaney zu jedem Thema weiterführende Lektüre empfiehlt.


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