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Rezensionen verfasst von
Jochen (Stuttgart)

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Punch the Clock
Punch the Clock
Wird angeboten von Disco100
Preis: EUR 55,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sie ist es wert, wiederentdeckt zu werden, 18. Mai 2008
Rezension bezieht sich auf: Punch the Clock (Audio CD)
Als "Punch the Clock" 1983 erschien, war Elvis Costello schon einigermaßen etabliert als einer der "New Wave Artists" aus Großbritannien, als jemand der - gemeinsam mit Leuten wie Joe Jackson, Graham Parker oder Nick Lowe - irgendwie mit, neben oder auf der Punkwelle der späten 70er Jahre mitschwamm, ohne je selbst Punkrocker im eigentlichen Sinne gewesen zu sein. Costello hatte dieser Musikrichtung durch seine ungeheure Musikalität und seine intelligenten Texte sowohl eine neue Richtung als auch eine Tiefe gegeben, die bei vielen anderen Protagonisten des New Wave Rocks leider fehlte.
"Punch the Clock" berührt mich nach wie vor sehr, auch wenn die überragende Klasse von Alben wie "My Aim is True" oder "This Year's Model" nicht ganz erreicht wird. Doch "Punch the Clock" enthält unvergessliche Stücke wie etwa "Shipbuilding" (mit einem wunderbar zurückhaltenden Trompetensolo von Chet Baker), das die damalige Stimmung im Gefolge des Falkland-Kriegs wiedergibt, oder das ebenfalls sehr unter die Haut gehende "Pills and Soap", dessen Refrain bei mir immer noch die schlimmsten geschichtlichen Assoziationen auslöst: "What would you say? What would you do? Children and animals two by two. Give me the needle, give me the rope, we're going to melt them down for pills and soap." Aber da ist dann natürlich auch das wunderbare Beziehungsdrama "Every Day I Write The Book" mit seiner herrlichen Melodie und dieser typisch Costelloschen Mischung aus Melancholie und Sarkasmus.
Die CD ist nach meinem Eindruck ein bisschen in Vergessenheit geraten, was sich nicht zuletzt in der geringen Zahl an Kundenrezensionen widerspiegelt. Ganz zu unrecht: Die Platte ist es ohne jeden Zweifel wert, wiederentdeckt zu werden.


Baroque
Baroque
Wird angeboten von thebookcommunity
Preis: EUR 74,17

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wie ein frischer Luftzug, 25. April 2008
Rezension bezieht sich auf: Baroque (Audio CD)
Während der vielen Jahre, die ich mich nun für klassische Musik interessiere, habe ich mich immer gefragt, warum denn eigentlich das, was das Hörerlebnis im Jazz und in der Rockmusik oft so aufregend macht, in der Klassik eigentlich nicht auch möglich sein sollte: die Improvisation, die freie Interpretation.
Denn es ist doch so: Die wenigsten Klassikliebhaber haben tatsächlich das Gehör, das sie befähigte, an einer Instrumentalaufnahme den Interpreten oder das Orchester herauszuhören (wenn man einmal von Interpreten wie Glenn Gould oder Dirigenten wie Nikolaus Harnoncourt absieht), denn zu gering sind letztlich doch die Spielräume, ein klassisches Stück auf ganz eigene Art zu interpretieren, wenn man sich an die Regel hält, die Noten, so wie sie halt nun einmal dastehen, als verbindliche Vorgabe zu betrachten.
Und wie lange habe ich davon geträumt, dass Instrumentalvirtuosen diesen engen Korridor verlassen und sich frei improvisierend von der notierten Vorlage entfernen, wie dies beim Jazz seit jeher üblich ist.
Gabriela Montero tut genau das, und das Publikum dankt es ihr. Wie ein frischer Luftzug, der durch die ritualhaften Klassikkonzerte fegt, in denen die zu spielenden Stücke vorher festgelegt sind und zudem genau feststeht, wie sich das Publikum zu benehmen hat (nicht zwischen den Sätzen applaudieren! Kein Zwischenapplaus!). Doch wo steht geschrieben, dass Klassikkonzerte so steif sein müssen? Gabriela Montero zeigt, dass es auch anders gehen kann, ohne dass dies zu Lasten der Qualität geht. Damit wird jedes Konzert einzigartig, denn niemand weiß, zu welchem Thema sie improvisieren wird. Zuhörer singen ihr etwas vor, und sie spielt einfach, was ihr dazu einfällt. Was so lapidar klingt, ist jedoch in Wirklichkeit eine schlicht atemberaubende Virtuosität, die auch denjenigen mitreißt, der sich sonst wenig für klassische Musik interessiert.
Wer Lust darauf hat, Barockstücke, die schon unzählige Male mehr oder weniger konventionell eingespielt wurden, einmal ganz anders zu hören, der sollte sich diese CD besorgen - und sie sich dann vielleicht mit anderen zusammen anhören. Denn der Effekt ist verblüffend: Immer wieder schaut man sich überrascht an, und unwillkürlich beginnt man vor lauter Staunen zu lachen, ganz egal, in welcher Stimmung man vorher war. Wenn Musik das hinbekommt, ist das so ziemlich das schönste, was einem passieren kann.
Ich hoffe nur, dass nun auch andere Musiker erkennen, wie dankbar das Publikum für diesen frischen Luftzug ist, und sich ebenfalls trauen, ihre Konzerte mit (kleineren oder größeren) Improvisationen zu beleben. Es könnte ein vielversprechender Weg sein, auch Menschen für klassische Konzerte zu begeistern, die dafür bisher noch keinen Sinn hatten.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 14, 2008 1:23 AM CET


Beautiful Girls
Beautiful Girls
DVD ~ Matt Dillon
Preis: EUR 5,99

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erwachsenwerden kann weh tun, 21. April 2008
Rezension bezieht sich auf: Beautiful Girls (DVD)
Das ist sicherlich keiner der ganz "großen" Filme, aber ich liebe ihn trotzdem. Die Handlung ist schnell erzählt: Zehn Jahre nach dem Highschoolabschluss findet in einem kleinen Ort in New England eine Highschool-Reunion Party statt. Willie (Timothy Hutton), der als einziger aus der damaligen Highschool-Clique den Sprung in die große Stadt (New York) geschafft hat, kommt zu diesem Zweck zurück und sieht, wie das Leben in seinem Geburtsort weitergegangen bzw. stehengeblieben ist. Er ist Pianist, verdient aber sein Geld in einer nicht besonders hochklassigen New Yorker Bar und überlegt sich ernsthaft, irgendwo einen "normalen" Job als Verkäufer anzunehmen, da er befürchtet, dass das mit dem Traum vom Klavierspieler vielleicht doch nichts wird. Seine Mutter ist tot, sein Vater seitdem reichlich skurril und sein Bruder, der noch im Elternhaus wohnt, ebenfalls. Im Nachbarhaus wohnt Marty, ein 13-jähriges Mädchen, fabelhaft gespielt von Natalie Portman, das sich selbst trotz der jungen Jahre als "old soul" bezeichnet und so außerordentlich (alt)kluge und witzige Dinge sagt, dass sich nicht nur Willie, sondern auch die Zuschauer heimlich in sie verlieben.
Alle anderen Charaktere zu beschreiben, würde zu weit führen, doch sind fast alle Rollen hervorragend besetzt: Der örtliche Mädchenschwarm Tommy (Matt Dillon), der seit Jahren ein Verhältnis mit seiner ehemaligen Highschool-Liebe Darian (Lauren Holly) hat, die aber dummerweise mit einem anderen Mann verheiratet ist und mit ihm auch eine Tochter hat, darüber aber reichlich frustriert ist. Tommy hat allerdings bereits eine feste Freundin (Mira Sorvino), die deshalb verständlicherweise sehr unglücklich ist und sich Rat bei ihren Freundinnen holt, was der Drehbuchautor zum Anlass nimmt, die Mädels (vor allem die herrliche Rosie O'Donnell) einige herrliche Dinge über unreife Männer mit Bindungsängsten sagen zu lassen. Tommy verdient sein Geld mit Schneeräumen und ähnlichen Tätigkeiten, wobei er ein paar seiner Jugendfreunde als Angestellte beschäftigt. Einer davon ist Paul (Michael Rapaport), der ständig von Super Models träumt und gerne seine Freundin Jan (Martha Plimpton) heiraten will, ihr aber nach Kräften auf die Nerven geht, so dass sie - obwohl Vegetarierin - Zuflucht in den Armen eines "Meat Cutters" sucht, weshalb ihr Paul aus Rache jeden Abend mit dem Schneepflug ein paar Kubikmeter Schnee vor die Garage schiebt. Alle diese Charaktere sind teils skurril, teils reichlich normal, aber durchweg echt und - jeder auf seine Art - liebenswert.
Die zentrale Figur ist aber eigentlich Willie, der nicht weiß, was aus ihm werden soll, der eine hübsche, intelligente Freundin (Annabeth Gish) hat, aber nicht weiß, ob er sie heiraten soll, der völlig fasziniert ist von der kleinen Marty, aber natürlich auch weiß, dass sie für ihn noch viel zu jung ist, der sich in seinem Elternhaus heimisch und doch fremd fühlt, der die Welt seiner Freunde natürlich gut kennt, ihr aber auch schon entwachsen ist. Und dann kommt Andera (Uma Thurman), die Kusine des örtlichen Barkeepers, und verdreht allen den Kopf. Willie und Andera verbingen eine schöne - platonische - Nacht mit Gesprächen über die Liebe, über Treue und das Glück im Leben. Nun, und so geht es weiter, mit größeren und kleineren Dramen, der Highschool-Reunion, Eifersucht, einer Schlägerei, Enttäuschungen, Versöhnungen und der einen oder anderen Einsicht.
All das ist hervorragend gespielt, und die Dialoge sind bezaubernd - nicht besonders lebensecht vielleicht, denn so schön redet man im wirklichen Leben nicht, aber mich hat das bisher nicht gestört. So wie Humphrey Bogart in Casablanca spricht in Wirklichkeit auch niemand. Ich habe den Film inzwischen sicher ein halbes Dutzend Mal gesehen, und manche Sprüche sind in meiner Familie schon fester Bestandteil unseres Wortschatzes geworden.
Das ist auch der Grund, warum ich dringend rate, beim Kauf dieser DVD darauf zu achten, die zweisprachige Version (mit Deutsch und Englisch) zu bekommen, denn wer einigermaßen Englisch versteht, wird sich früher oder später die Originalfassung (gegebenenfalls mit Untertiteln) anschauen wollen.
Sehr empfehlenswert!
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 11, 2008 6:18 PM MEST


Schlaf gut, kleiner Bär
Schlaf gut, kleiner Bär
von Quint Buchholz
  Gebundene Ausgabe

13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schön, dass es dieses Buch gibt, 21. April 2008
Rezension bezieht sich auf: Schlaf gut, kleiner Bär (Gebundene Ausgabe)
Bilderbücher mit kleinen Bären gibt es viele, aber dieses Buch von Quint Buchholz ist wirklich etwas ganz Besonderes. Die Bilder sind typisch Buchholz: Kein anderer Buchillustrator kann Abenddämmerung so poetisch malen wie er. Und die Geschichte des kleinen Bären, der nicht sofort einschlafen will, sondern noch ein bisschen Zeit braucht, um vom Tage Abschied zu nehmen, ist genauso poetisch erzählt, wie die Bilder gemalt sind. Das merkt man vor allem dann, wenn man das Buch seinen Kindern vorliest: Die Sprache fließt in einem wunderbaren Rhythmus dahin, man kann die Sätze lesen wie ein Gedicht. Und wer das ein paar Mal gemacht und einen Sinn dafür hat, merkt, dass dieser ruhig dahin fließende Sprachrhythmus beim Vorlesen seine ganz eigene Wirkung entfaltet. Die Gabe, so zu schreiben, ist nicht jedem Kinderbuchautor gegeben, und wer seinen Kindern viel vorliest, weiß, wovon ich rede.
Schön, dass es dieses Buch gibt.


Warum Vertrauen siegt
Warum Vertrauen siegt
von Gertrud Höhler
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

20 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Viele Worte um beinahe nichts, 21. April 2008
Rezension bezieht sich auf: Warum Vertrauen siegt (Taschenbuch)
Die gute Nachricht vorneweg: Man braucht nicht lange, bis man das Buch durch hat. Auch wenn es fast 300 Seiten umfasst, ist man spätestens nach einer Stunde fertig - was nicht nur an dem mehr als übersichtlichen Satzspiegel, an den immer wieder eingestreuten, eine ganze Seite in Anspruch nehmenden Sinnsprüchen und den großzügig verteilten Leerseiten liegt, sondern auch an der mittlerweile zu Frau Höhlers Markenzeichen gewordenen Redundanz: diesem bemerkenswerten Überreichtum an Worten, der sich ergötzt an immer neuen Bildern, immer neuen Metaphern, immer neuen Vergleichen, immer neuen Beispielen - für immer wieder das Gleiche.
Denn die Quintessenz dieses Konvoluts ist schnell formuliert: Vertrauen ist gut, Vertrauen wärmt, Vertrauen macht das Leben schöner, Vertrauen macht alles einfacher und löst unsere Probleme. Das Misstrauen ist der Feind, ist hässlich, negativ, zerstörerisch.
Bei so viel rhetorischer Wucht bleibt allerdings einiges auf der Strecke: Begriffliche Klarheit etwa, Differenzierungsvermögen und logische Kohärenz. Die Vernunft kommt nur im engen Verbund mit dem Attribut "kalt" vor, und die Ratio (es gab einmal Zeiten, in denen sie hoch im Kurs stand!) ist nur noch "rechnend". Wie sollten Vernunft und Ratio da noch bestehen gegen das "Lächeln der Sieger" (so der Titel des Schlusskapitels), das sich eins weiß mit dem zum metaphysischen Grundprinzip erhobenen Vertrauen - dem alles wärmenden, alles beglückenden, alles heilenden Vertrauen?
Was aber macht der Leser, der gerade von Sachbüchern in erster Linie Vernunft erwartet und nachvollziehbare Begründungen? Für den Vernunft nicht kalt und Ratio nicht rechnend sind, sondern die Gewähr für jede Art von sinnvoller Kommunikation, ja für die Konstruktion von Sinn überhaupt? Ein Leser also, der nicht nur immer wieder aufs Neue beschrieben haben möchte, wie schön doch alles wäre, wenn wir nun endlich wieder vertrauten, sondern der (ach wie "kalt" und "rechnend"!) gerne auch einmal erfahren hätte, was die Autorin denn nun genau unter Vertrauen versteht und wie sie sich dessen Abhandenkommen erklärt. Doch damit wird er nicht fündig.
Auch wenn der Klappentext mächtig auf die Pauke haut mit der Versicherung, die "Beweiskette" sei verblüffend schlüssig, die die Autorin uns vorlegt: "dass Misstrauen und Kontrollrituale immer zu schlechteren Ergebnissen führen als der mutige Sprung ins Vertrauen." Doch leider beweist Frau Höhler gar nichts, sondern sie behauptet nur, sie analysiert nichts, sondern sie malt sentimentale Bilder von lächelnden Babys und treusorgenden Müttern, sie klärt nichts, sondern sie verschleiert. Und am Ende ist alles ein dünner begrifflicher Brei, dessen Würze auf einen Teelöffel gepasst hätte.
Der Leser, der sich nahrhaftere intellektuelle Kost versprochen hat, steht vor der unangenehmen Alternative, sich entweder von Höhlerschen Sirenengesängen so gründlich einlullen zu lassen, dass er schließlich selbst beseligt lächelnd auf die Straße stolpert und den nichts ahnenden Mitmenschen zu umarmen droht wie Friedrich Nietzsche weiland das geschundene Pferd. Oder er schüttelt sich frei von dem Strom der immer gleichen Bilder von einer am Vertrauen genesenden Welt und legt das Buch zur Seite mit einem Geschmack auf der Zunge wie nach zu viel Zuckersirup; und sehnt sich nach den zwar deutlich trockeneren, aber längerfristig erheblich nahrhafteren Betrachtungen eines Niklas Luhmann zum gleichen Thema, der mit deutlich weniger Worten ein Vielfaches an Inhalt entwickelt, an Inhalt, der das Gehirn nicht vernebelt, sondern das Verständnis erhöht. Oder von mir aus auch eines Reinhard Sprenger, der zwar auch immer wieder sehr feuilletonistisch schreibt, der aber wenigstens die Dinge einigermaßen strukturiert zu Ende denken kann.

Fazit: Das Thema Vertrauen ist ein Modethema, und das Buch wirkt, als wollte der Verlag mit einem weiteren Fließbandprodukt seiner Bestsellerautorin am Markt teilhaben, bevor er wieder verlaufen ist und dem nächsten Modethema Platz macht. Schade, denkt der Leser und ärgert sich über den Aufwand an Zeit und Geld, den ihn dieses Buch gekostet hat.


Die neuen Spießer: Von der fatalen Sehnsucht nach einer überholten Gesellschaft
Die neuen Spießer: Von der fatalen Sehnsucht nach einer überholten Gesellschaft
von Christian Rickens
  Taschenbuch

6 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Vernunft eine Bresche schlagen, 20. April 2008
Gut, dass sie jetzt richtig in Gang kommt - die Diskussion darüber, an welchen Werten sich unsere Gesellschaft orientieren soll. Und gut, dass sich diejenigen, die sich in der Tradition der Aufklärung sehen, daran machen, der konservativen Gegenreformation von Leuten wie Hahne, Schirrmacher, Matussek, Di Fabio, Bueb usw. das entgegenzusetzen, worauf wir Bewohner der westlichen Welt tatsächlich stolz sein können: eine tolerante und offene Diskussionskultur, die den Fakten Vorrang einräumt gegenüber der ideologischen Vereinfachung und die in der besten Tradition des Abendlandes bei jedem Argument die Frage stellt: Woher weißt du das, und wie begründest du es?
Christian Rickens hat sich tatsächlich die Mühe gemacht, die Argumente derjenigen einer genauen Analyse zu unterziehen, die in den vergangenen Jahren frei nach der Devise "frisch behauptet ist fast gewusst" einen mitunter hanebüchenen Unsinn in die Welt gesetzt haben und es wundersamerweise damit sogar geschafft haben, den gesellschaftlichen Diskurs auf eine Art und Weise zu dominieren, die im Hinblick auf die Zukunft unseres Landes schlimmes befürchten ließ. Denn es macht schon nachdenklich, wenn eine politische Richtung ihre Argumente bevorzugt damit zu immunisieren versucht, dass sie sich entweder auf Gott oder auf die genetische Disposition des Menschen beruft und somit jeglichen offenen Diskurs versucht abzuwürgen mit Argumenten nach dem Muster: "Das ist eben so, basta!" Und die Argumente der von Rickens etwas unglücklich als "neues Bürgertum" apostrophierten Vereinfachungsideologen sind genau nach diesem Muster gestrickt: "Der Platz der Frau ist seit der Steinzeit am Herd; gesellschaftliche Ungleichheit ist gottgewollt; die Deutschen sterben aus; die 68er sind an allem schuld." Ja genau: Und die Erde ist eine Scheibe.
Christian Rickens hat damit etwas getan, von dem sehr viele Menschen in Deutschland schon seit einiger Zeit dachten, dass es endlich getan werden müsste, denen es aber vermutlich schlicht zu dumm war, sich mit nneurotischen Sinnstiftungsversuchen von Leuten wie Eva Herman oder Peter Hahne ernsthaft auseinander zu setzen.
Doch es hilft ja alles nichts: So sehr es wohl den meisten widerstreben mag, sich auf diese Plattheiten einzulassen, so wichtig ist es doch, dass sich wenigstens ein paar erbarmen und diesem Unfug das einzige entgegen setzen, was ihn beenden kann: die Macht der Vernunft und die Überzeugungskraft wissenschaftlich abgesicherter Fakten. Wenn das dann auch noch so ansprechend geschrieben und flüssig argumentiert daherkommt wie in diesem Buch, umso besser.
Fazit: Pflichtlektüre für alle diejenigen, die den historisch bedeutsamsten Beitrag des Abendlandes im rationalen gesellschaftlichen Diskurs und in der Toleranz gegenüber Andersdenkenden sehen und die sich nicht damit abfinden wollen, dass Bigotterie und intellektuelle Schlichtheit à la Hahne und Co. widerspruchslos hingenommen werden.


Spurwechsel: Wirtschaft weiter denken
Spurwechsel: Wirtschaft weiter denken
von Gerhard Schulze
  Broschiert

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wertvolle Anregungen von hochkarätigen Autoren, 6. März 2007
Die Liste der Autoren, die diesen Sammelband bestreiten, liest sich ehrfurchtgebietend: von dem liberalen Vordenker und britischen Baron Sir Ralf Dahrendorf über den bekannten Soziologen Ulrich Beck ("Die Risikogesellschaft"), den Managementautor Reinhard K. Sprenger ("Mythos Motivation") und den Sozialwissenschaftler Gerhard Schulze ("Die Erlebnisgesellschaft") bis hin zu dem Neurobiologen Gerhard Roth, dem Präsidenten der Fraunhofer Gesellschaft Hans-Jörg Bullinger und schließlich dem Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg. Diese sieben wurden von den Herausgebern des Bandes gebeten, sich zu jeweils einem der sieben Kernpunkte des Leitbildes der Volkswagen AG zu äußern. Diese Kernpunkte sind: Verantwortung (Dahrendorf), Kundennähe (Schulze), Höchstleistungen (Roth), Werte schaffen (Beck), Erneuerungsfähigkeit (Bullinger), Respekt (Muschg) und Nachhaltigkeit (Sprenger).

Die Beiträge der Autoren sind sehr unterschiedlich, aber genau das macht den Reiz des Buches aus: Gerhard Roth beginnt mit einem Überblick über die neuesten Ergebnisse der neurobiologischen Forschung und erklärt dem Leser, was es mit Bezug auf Intelligenz, Motivation, Leistungsfähigkeit und Willensfreiheit aus neurobiologischer Sicht zu sagen gibt. Dass Psychologen und Philosophen nicht mit allem einig sind, was die Neurobiologie postuliert, verschweigt er zwar, aber das ändert wenig an dem Umstand, dass es sich bei seinem Beitrag um einen recht kurzweiligen und leicht verständlichen Überblick über Dinge handelt, die man sich sonst sehr viel mühsamer erarbeiten müsste.

Ganz anders der Beitrag von Hans-Jörg Bullinger, der sich auf 75 Seiten über das Problem auslässt, dass Deutschland inzwischen seine führende Stellung auf dem Feld technischer Innovationen an andere Länder verloren hat. Was er als Lösungsmöglichkeit vorschlägt, übersteigt allerdings die Möglichkeiten eines Unternehmens - selbst eines von der Größe des Volkswagenkonzerns - erheblich, und so liest sich sein Artikel wie ein Plädoyer an die Parteien oder andere maßgebliche gesellschaftliche Gruppen, das Steuer nun endlich herumzureißen und Deutschland wieder zu einem technik- und fortschrittsfreundlichen Land zu machen. Nur leider hat man solche "Ein Ruck muss durch unser Land gehen"-Reden in den vergangenen 10 Jahren ein paar Mal zu oft gehört, als dass man an ihre Wirksamkeit noch recht glauben möchte.

Sehr viel besser gefällt mir da der Beitrag von Gerhard Schulze, der zwei Paradigmen einander gegenüber stellt: Das Paradigma der Steigerung und das der Ankunft. Das Paradigma der Steigerung denkt in Kategorien wie "besser", "größer", "schneller" usw., während das Paradigma der Ankunft sich eher auf den Genuss des Augenblicks, auf Individualität und Besonderheit konzentriert. Schulze geht davon aus, dass sich immer mehr Menschen von der Steigerungslogik zur Ankunftslogik hin entwickeln, was natürlich auch Konsequenzen für einen Hersteller von Autos hat. Neben den entsprechenden technischen Konsequenzen (weniger ständig neuen Technik-Schnickschnack und dafür mehr Individualität, Stil, Atmosphäre) stellt sich natürlich auch die Frage, wie man denn als Unternehmen herausbekommt, was die Kunden eigentlich wollen, wenn sie mehr in den Kategorien der Ankunft und weniger in den Kategorien der Steigerung denken. Das Problem, das sich dabei stellt, besteht darin, dass man die Kategorien der Steigerung recht gut messen kann (PS, Höchstgeschwindigkeit, Benzinverbrauch usw.), bei den Kategorien der Ankunft aber auf das Verstehen angewiesen ist. Und damit tun sich Techniker und Controller mitunter ganz schön schwer. Aber es hilft alles nichts: Wer bei diesem Kundensegment landen will, braucht andere Antennen für deren Wünsche als nur die Testergebnisse auf dem Motorenprüfstand.

Der Beitrag von Ralf Dahrendorf ist erstaunlich kurz - was natürlich nicht per se ein Fehler sein muss. Aber er ist - man scheut sich beinahe, es auszusprechen - auch nicht besonders tiefschürfend. Er lässt sich über das Thema Verantwortung aus, beginnt bei Max Weber und endet bei einem Plädoyer für die vermehrte Bereitschaft, den Menschen zu vertrauen und ihnen Verantwortung zu übertragen. Illustriert werden seine Thesen mit recht unterhaltsamen Begebenheiten aus seiner Wahlheimat England, die er mit seinen Eindrücken aus Deutschland kontrastiert. Empirisch haltbar ist das alles wahrscheinlich nicht, aber es liest sich kurzweilig, und man versteht, worauf er hinaus will.

Der bekannte Bestsellerautor Reinhard Sprenger lässt sich über den Wert der Nachhaltigkeit aus und widmet sich dieser Aufgabe in der ihm eigenen Manier: Flapsig, bisweilen polemisch, aber im Großen und Ganzen recht amüsant, wobei man bei ihm sicher nicht jede Aussage auf die Goldwaage legen sollte. Denn er wäre nicht Reinhard Sprenger, wenn er einen polemischen Seitenhieb, der ihm gerade in den Sinn kommt, nur deshalb ausließe, weil der dahinter stehende Gedanke einer genaueren Überprüfung vermutlich eher mal nicht standhalten würde. Und so ist der Beitrag eben auch wieder gespickt mit Aussagen, die auf den ersten Blick ganz witzig klingen, auf den zweiten Blick aber reichlich oberflächlich wirken. Nun ja, aber unterhaltsam ist es allemal, und das ist ja auch etwas.

Der "Erfinder" der Risikogesellschaft Ulrich Beck widmet sich im nächsten Beitrag dem Wert des "Werte schaffens", der ebenfalls ein wesentlicher Bestandteil des VW-Leitbildes ist (nach der Devise "add value or don't do it"). Er spannt nun wieder den ganz großen Bogen und lässt sich über die Folgen der Globalisierung im Allgemeinen und Besonderen aus, wobei leider nicht immer ganz deutlich wird, was denn seine Ausführungen eigentlich mit dem Unternehmensleitbild des "Werte schaffens" genau zu tun haben sollen. Denn da geht es um die brennenden Autos in Pariser Vorstädten, um die Frage, ob das Ziel der Vollbeschäftigung heute noch realistisch ist und ob es nicht sinnvoll sein könnte, allen Menschen ein Bürgergeld zu zahlen - unabhängig davon, ob sie arbeitslos sind oder nicht, so dass niemand mehr gezwungen wäre zu arbeiten und die Menschen, die keine Arbeit finden, sich statt dessen ihrer Selbstverwirklichung , der Netzwerkbildung oder kulturellen Aktivitäten widmen könnten. Der Dresdner Soziologe Wolfgang Engler hatte sich vor zwei Jahren in seinem Buch "Bürger, ohne Arbeit" bereits darüber verbreitet, und an ihn knüpft Beck nun auch an. Ganz interessant, zweifellos, aber ob das den Jugendlichen in den Pariser, Berliner oder Londoner Großstädten wirklich weiterhilft, kann man tunlich bezweifeln.

Adolf Muschg beschließt den Reigen der großen Namen mit einem sehr klugen Aufsatz über den Respekt. Mir persönlich hat dieser Beitrag neben dem Artikel von Gerhard Schulze am besten gefallen, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Schriftsteller mitunter für deutlich mehr Erkenntnisgewinn sorgen können als Wissenschaftler, weil sie dem "Kern" eines Phänomens auf ihre intuitive Art einfach näher zu kommen scheinen als andere. Aber das weiß man ja natürlich schon lange, und wer die wirklich tiefen Einsichten über die Psyche des Menschen finden will, ist wohl nach wie vor mit Nietzsche, Musil oder Dostojewski besser bedient als mit den gängigen Lehrbüchern aus der Feder verbeamteter Psychologie-Professoren.

Den Abschluss bildet ein Beitrag von Walther Ch. Zimmerli, eines der beiden Herausgeber und Präsident der AutoUni von Volkswagen, der sich über den Wert der Werte und ihres Wissens darüber auslässt, garniert mit einem flammenden Plädoyer für eine "Verantwortungselite" und gewürzt mit den korrespondierenden Seitenhieben auf diejenigen Kräfte unserer Gesellschaft, die immer noch der Gleichmacherei huldigen und nicht begreifen wollen, dass wir Eliten doch dringend brauchen. Was diese diskursiven Nachhutgefechte und verspäteten Abrechnungen mit dem Gedankengut der "68er" heute eigentlich bringen sollen, mag sich dem Leser vielleicht nicht unmittelbar erschließen, aber man kann es ja einfach einmal behaupten.

Alles in allem ein Buch, das zum Nachdenken anregt und viele Gedanken und Informationen erhält, die man sich gerne unterstreicht oder herausschreibt. Und ein Buch, das man auch gut nach einiger Zeit noch einmal zur Hand nehmen kann und in dem man auch beim wiederholten Lesen mit Sicherheit wieder ein paar neue Anregungen findet.


Tonight's the Night
Tonight's the Night
Preis: EUR 9,07

48 von 52 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen So stark wie sonst keiner ..., 19. September 2006
Rezension bezieht sich auf: Tonight's the Night (Audio CD)
Seit fast 35 Jahren steht sie in meinem Regal - "Tonight's the night" von Neil Young. Immer mal wieder schleiche ich in meinem Plattenladen (ich weiß, die heißen heute nicht mehr so ...) um das Regal mit den CDs herum oder stoße beim Herumsurfen auf der Homepage von Amazon oder einem anderen CD-Anbieter auf sie, kann mich aber nicht entschließen, von der LP auf die CD umzusteigen. Denn das Geknister auf meiner LP gehört genauso dazu wie die nölige Stimme von Neil und die scheppernde Gitarre. Da hängen mittlerweile viele Erinnerungen dran, viele schöne Stunden mit dieser ganz besonderen Stimmung, die wirklich nur diese Platte hat und sonst keine.

Ich bin auch lange um die Idee herumgeschlichen, diese Platte zu rezensieren, denn ich war mir lange nicht ganz sicher, ob ich sie wirklich uneingeschränkt empfehlen kann. Denn so besonders leicht zugänglich ist sie nicht, und wer "Harvest", "Comes a time" oder "Harvest Moon" mag, tut sich möglicherweise schwer. Doch ich möchte den Versuch wagen, auch die hartnäckigsten "Heart of Gold"-Fans davon zu überzeugen, sich mit "Tonight's the night" eingehend zu beschäftigen, denn es lohnt sich wirklich.

Manch einer mag sie aus eigenem Erleben kennen - die Nick Hornby'schen "High-Fidelity-Diskussionen" über die ultimativen Platten des 20. Jahrhunderts, die endlosen Diskussionen mit anderen Musik-Verrückten, die nach 40 Jahren Rockmusik auf tausende von Platten zurückschauen und sich überlegen, was denn nun Bestand hat und was nicht. Und ich komme halt immer wieder zum selben Ergebnis: Klar ist "Blonde on Blonde" ein gewaltiges Album und "Exile on Mainstreet" sowieso und "Born to Run" und "Led Zeppelin IV" natürlich auch. Und trotzdem kommt "Tonight's the night" in meiner persönlichen Bestenliste immer wieder als erste durchs Ziel. Einfach weil sie die echteste ist, die roheste, die unbehauenste, die authentischste - die Platte, die mich so unmittelbar berührt wie keine andere. Und dabei ist es noch nicht einmal in erster Linie Neil Youngs Trauer über den Verlust seiner beiden Freunde Dan Whitten und Bruce Berry, der diese Platte so besonders macht, auch wenn dieser Verlust natürlich eine ganz wesentliche Rolle spielt. Was noch viel stärker durchkommt, ist die Verlorenheit eines jungen Mannes, der nicht weiß, wie er mit der neuen Rolle als Folkstar zurechtkommen soll, der mit großen Augen vor seinem Publikum steht, das ihn auffordert, doch noch ein weiteres Mal "Heart of Gold" zu spielen und "Old Man" und das ihn in eine Ecke packt mit John Denver, Gordon Lightfoot, Dan Fogelberg und Jim Croce. Doch da will er gar nicht hin, er will nicht dauernd sonnendurchglühte Kalifornien-Folklore absondern, wenigstens nicht immer und nicht so penetrant gut gelaunt wie die anderen. Es ist die Platte von einem, der Abstand braucht von Flower Power und Folk-Romantik, von einem, der auf der Suche ist nach dem, was er will im Leben, der Fragen stellt, die wir wohl alle kennen, Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach Liebe, Freundschaft und Tod. Und dafür braucht er erst einmal Einsamkeit und Ruhe: "I've been starvin' to be alone, and independent from the scene that I've known" singt er auf "Albuquerque". In "Roll another number" wird er noch deutlicher: "I'm not goin' back to Woodstock for a while, though I long to hear that lonesome hippy smile. I'm a million miles away from that helicopter day, no I don't believe I'll be going back that way", und er ist wirklich eine Million Meilen weg von fröhlichen Hippys, die gemeinsam "Let the sunshine in" singen, um dem Regen zu trotzen. Das war schon ein mutiger Schritt damals, als "Harvest" noch in den Hitparaden stand und der Weg vorgezeichnet schien von einem Hit zum nächsten. Doch das war offenkundig nicht sein Ziel, und das verdient Respekt.

Damit steckt in dieser Platte bei aller Trauer über Whitten und Berrys Tod auch viel Nachdenklichkeit, wobei das aber keineswegs deprimierend wirkt - dazu sind die Melodien viel zu schön. Und die Schönheit der Melodien ist das bemerkenswerteste und dauerhafteste an dieser Platte, denn anders als auf den wirklich rockigen Platten wie "Mirror Ball" oder "Weld" ist "Tonight's the Night" trotz des unbearbeiteten Live-Sounds und der scheppernden Instrumente eher zurückgenommen und an manchen Stellen fast schon balladenhaft sanft.

Die schönen Melodien und die manchmal fast schon ersterbend-brüchige Stimme sind das eine, was die Platte so besonders macht. Dazu kommen aber auch die Texte, die man unbedingt - zumindest beim ersten Mal - mitlesen sollte. Denn Neil Young beschwört auf dieser Platte starke Bilder, erzählt Geschichten von Bruce Berry dem "working man", der immer den Bully beladen hat und nun tot ist ("Tonight's the night"), oder von den vier Typen, die bei einem Kokain Deal erschossen wurden ("Tired eyes"), aber auch von seiner Liebsten und der Hoffnung, die er hat "to carry me through" ("Speaking out") oder von seiner Sehnsucht, wieder ein kleiner Junge zu sein, wie in dem Lied "Mellow my mind", wenn er singt: "Make me feel like a schoolboy on good time, jugglin' nickels and dimes, satisfied with the fish on the line ..." Das ist sehr stimmungsvoll und echt, ein bisschen traurig vielleicht, aber nicht zu sehr - gerade die richtige Mischung.

Am besten hört man die Platte allein - abends, wenn man nichts vor hat, nichts im Fernsehen kommt und man sich vielleicht ein bisschen einsam fühlt. Ein Glas Rotwein, die Augen zu, und dann geht die Reise los. Lasst Euch nichts einreden, Leute - die Platte ist nicht so depressiv, wie man immer behauptet - im Gegenteil: wer genau hinhört, merkt, dass da bei aller Trauer über den Verlust von zwei Freunden und über den Verlust der Hippy-Unschuld auch viel Kraft drinsteckt: "I feel able to get under any load" singt er auf "Roll another number". Und darum geht's doch letztendlich: Dass man sich nicht unterkriegen lässt und bei allen Tragödien, die das Leben bereit hält, jede Last schultern kann. Oder nicht?
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 9, 2008 6:52 PM MEST


The Silver Tongued Devil and I
The Silver Tongued Devil and I
Wird angeboten von EliteDigital DE
Preis: EUR 21,95

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zeitlos, 28. Februar 2006
Rezension bezieht sich auf: The Silver Tongued Devil and I (Audio CD)
Warum sollte man etwas über eine Platte schreiben, die man schon seit über 30 Jahren im Regal stehen hat und die einen fast das ganze erwachsene Leben hindurch begleitet hat - nicht durchgängig begleitet vielleicht, aber doch immer wieder präsent im richtigen Moment wie ein guter alter Freund? Die Antwort ist einfach: Weil ich sie gerade wieder im Auto gehört habe und stärker noch als je zuvor der Ansicht bin, dass sie etwas Wesentliches zu sagen hat. Das Interessante an dieser Platte ist, dass sie einen in jedem Altersabschnitt auf unterschiedliche Art und Weise anspricht. Wenn man jung ist, hört man andere Dinge aus hier heraus, als wenn man älter ist. Man bewegt sich von einem Ort zum anderen, und obwohl sie immer die gleiche ist, verändert sie sich - durch unsere Bewegung: wie eines dieser Bilder von Renaissancemalern, die sich ändern, wenn man, während man sie anschaut, die Position wechselt. Oder wie der Steppenwolf von Hermann Hesse, den man als junger Mensch liest und sich so ganz und gar verstanden fühlt, und dann liest man ihn zehn Jahre später noch einmal und versteht ihn plötzlich ganz anders, und dann liest man ihn noch einmal zwanzig Jahre später und hat den Eindruck, man verstünde ihn eigentlich erst jetzt so richtig.
Kris Kristofferson konnte das schon immer: Ein schönes Beispiel ist für mich sein bekanntestes Lied "Me and Bobby McGee", dessen Refrain "Freedom's just another word for nothing left to lose" ich als Sechzehnjähriger vor allem so verstand: Wenn du wirklich frei sein willst, darfst du dich nicht binden. Und zehn Jahre später merkte ich, wie unendlich traurig dieser Satz eigentlich gemeint war, denn der Erzähler in dem Lied wollte ja überhaupt nicht frei sein, sondern seine Bobby McGee wiederhaben.
Und die selbe Mischung aus Freiheitssehnsucht, Melancholie und dem ganz tiefen Verständnis dessen, was es heißt, Mensch zu sein, spricht auch aus "Silver Tongued Devil and I". Die Figuren sind auf der Suche nach etwas, sie wollen lieben und glücklich sein, und sie stehen sich selbst im Weg. Sie hoffen und leiden und suchen und verzweifeln, und durch all das schimmert eine Weisheit, die sich immer wieder in einer tiefen Melchancholie Bahn bricht und einen auf eine Art und Weise anrührt, wie es nur wenige Songwriter können: Randy Newman vielleicht, aber der ist meistens zu "cerebral", wie die Amerikaner sagen - zu verstandesorientiert und oft auch zu sarkastisch. Townes Van Zandt hatte viel von dieser Melancholie und Johnny Cash auch - vor allem in seinen späteren Sachen. Bob Dylan brauchte lange, bis er zu dieser Art der Weisheit fand, und so ganz passt dieses Gelassene, Abgeklärte und immer etwas Traurige immer noch nicht zu ihm.
Auf Silver Tongued Devil ist das alles da, und Kristofferson singt es so, wie das gesungen gehört. Man konnte ja schon viel Kritisches über seine Stimme lesen, und dass er nicht der beste Interpret seiner Lieder sei. Ich sehe das anders: Wer "The Pilgrim" hört und sich wünscht, dass dieses Lied von jemandem mit einer "besseren" Stimme gesungen werden sollte, hat nicht viel verstanden von dem, worum es bei diesem Lied geht. Wer sollte dieses Lied von einem, der sucht und liebt und säuft und weiter stolpert, wer sollte dieses Lied denn "besser" singen als Kristofferson? Joe Cocker vielleicht? Oder Rod Stewart? Oder George Michael? Oder Van Morrison? Nein, so sehr ich die Genannten auch schätze - aber The Pilgrim geht nur mit dieser Stimme, die klingt, als habe die dazu gehörige Person tatsächlich die ganze Nacht in einer Kneipe zugebracht.
Und wenn sich in "The Taker" die Stimme von Joan Baez (die auf dem Cover nur als "The Lady" genannt wird) langsam aus dem Hintergrund hereinschleicht und die beiden dann gemeinsam zu den Mariachi-Trompeten das Lied von diesem starken, erstaunlichen, erschreckenden Typen singen, dann steht er bei aller Melodieseligkeit und Harmonie doch ganz deutlich vor einem: dieser Typ, der so alles hat, was sich Frauen von einem Mann wünschen, und der sie doch unglücklich macht - einfach nur, weil er gar nicht anders kann: "Then he'll take off and leave her, taking all of her pride as he goes". Also Finger weg, ihr Mädchen, von Männern, die so sind? Nein, denn dann wisst ihr auch nicht, was Leben heißt. Dass das auch wiederum Klischees sind, und das Kristofferson sich gerne so inszeniert hat - geschenkt. Das darf er und das soll er - solange er die dabei gemachten Erfahrungen in Lieder wie dieses übersetzt.
Das heißt aber natürlich auch, dass man die Platte nicht einfach nur so hören soll, sondern sie bitte auch versuchen möge zu verstehen. Und ohne die Texte geht das nicht. Wer sie nicht hat, muss sie sich besorgen, und wer sie nicht versteht, muss englisch lernen. Und wem dann die Tränen nicht die Wangen hinunter laufen - nun ja, dem ist einfach gar nicht mehr zu helfen (oder er ist halt noch ein bisschen zu jung).


Harry Potter und der Orden des Phönix (Band 5)
Harry Potter und der Orden des Phönix (Band 5)
von Joanne K. Rowling
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 28,90

27 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein eigenes Universum, 13. Mai 2005
Für mich hat J. K. Rowling mit dem Orden des Phönix den Charakter der Harry Potter-Bücher als Kinder- und Jugendbücher auf eine sehr spannende Art und Weise erweitert und damit einen durchaus ernstzunehmenden Roman geschrieben, der auch für Erwachsene interessant ist. Der Reiz der Harry Potter-Bücher liegt inzwischen darin, dass sie eine eigene Welt abbilden, die zwar durchaus den Charakter eines "Paralleluniversums" mit seinen ganz eigenen Regeln und Verhaltensweisen hat, es aber dennoch schafft, wesentliche Aspekte unserer "realen" Welt aufzunehmen und auf eine sehr anregende Art und Weise zu bearbeiten. Und es sind ja immer wieder die ganz „klassischen" Themen der Literatur, die dabei angesprochen werden, die aber nie eindimensional, sondern immer quasi „dialektisch" behandelt werden. Denn es ist nie so einfach, wie man vielleicht am Anfang glaubt: Harrys Vater ist nicht so unantastbar toll, wie Harry (und der Leser) am Anfang dachte, Dumbledore ist nicht so unantastbar souverän, wie man anfangs dachte, Snape ist nicht so durch und durch furchtbar, sondern eigentlich auch ein ziemlich armes Würstchen, ist aber da, wenn man ihn braucht (ich bin gespannt, was da im 6. Band noch kommt, denn so ganz klar ist es ja noch nicht, warum Dumbledore so bedingungslos Snape vertraut ...), Harry und Voldemort sind sich in vielem ähnlicher, als man das nach den ersten Bänden noch vermutet hätte.
Und immer wieder geraten sehr grundsätzliche Prinzipien in einen Konflikt miteinander: der Zwiespalt zwischen Wahrheit und diplomatischer Klugheit (letztere perfekt personifiziert durch Dumbledore), der Kontrast zwischen Autorität (Dumbledore) und bürokratischer Herrschaft (Umbridge), der gar nicht so eindeutige Kampf zwischen Gut und Böse (Harrys Anfälligkeit für Voldemorts Beeinflussungsversuche), aber auch die bittere Einsicht, das es nicht reicht, das Gute nur zu wollen, sondern dass es auch ein beträchtliches Maß an Lebensklugheit braucht, um dabei nicht immer wieder Fehler zu machen (sehr schön gezeigt an dem naiven Hagrid, der es ja immer nur gut meint, sich und andere damit aber immer wieder in Schwierigkeiten bringt. Aber natürlich auch immer wieder deutlich gemacht an Harry selbst, der die Konsequenzen seines Handelns eben einfach noch nicht so gut durchschaut wie etwa Dumbledore, der an diesem Zwiespalt aber eben auch furchtbar leidet).
Sehr schön dargestellt finde ich aber auch zum Beispiel den immer wieder zum Scheitern verurteilten Versuch von Dolores Umbridge, andere Menschen (in diesem Fall die Professoren und Schüler von Hogwarts) durch Erlasse, Befehle und Drohungen dazu zu kriegen, das zu tun, was sie will. Wer will, kann darin ein paar schöne Parallelen zu den Versuchen von Vorgesetzten, Lehrern oder Gesetzgebern finden, ihre Ordnungsvorstellungen gegen den Widerstand oder gegen das Gerechtigkeitsempfinden der Betroffenen mit Gewalt durchsetzen zu wollen. Es zeigt sich immer wieder: Ohne natürliche Autorität (wie sie Dumbledore aufgrund seiner Weisheit, seines Könnens und seiner charakterlichen Integrität besitzt) und ohne die Einsicht und damit auch Akzeptanz der Betroffenen, geht es nicht.
Ein weiteres schönes Beispiel für das erzählerische Geschick der Autorin ist das Verhalten des Zaubereiministeriums: Ministerien sind - und dafür gibt es in der „realen" Welt genug Beispiele - nicht in erster Linie dazu da, Probleme zu lösen oder das Leben der Menschen zu verbessern, sondern sie sind dazu da, ihr Umfeld und die Rolle, die sie darin spielen, so stabil wie möglich zu erhalten. Alles, was diese Stabilität stört, wird bekämpft. Und so wird nicht Voldemort zum Hauptgegner des Ministeriums, sondern diejenigen, die es wagen, gegen die offizielle Meinung des Ministeriums aufzubegehren und die Wahrheit über Voldemorts Rückkehr zu sagen.
Sehr gut gelungen finde ich außerdem, wie JKR das Gefühlsleben HPs beschreibt - insbesondere im letzten Teil. Harry ist ja völlig von der Rolle, und jeder, der schon einmal einen schlimmen Verlust erlitten hat, kann vielleicht nachvollziehen, wie einem in einer solchen Situation zumute ist - vor allem in dem Alter, in dem Harry in diesem Band ist. Ich kenne kein Jugendbuch, in dem eine solche Gefühlslage von Trauer, Wut, Schmerz, Verleugnung, Aggression, Hass und Niedergeschlagenheit so lebensecht beschrieben wurde wie im vorletzten Kapitel dieses Bandes. Und Dumbledore reagiert genau richtig. Und besser noch: Er leidet selbst und zweifelt und fühlt mit Harry, und weiß aber genau, dass er trotzdem stark sein und seine Rolle spielen muss. Wie JKR das beschrieben hat, ist schon ganz außergewöhnlich!
Also: Alles in allem eine wahre Fundgrube für alle, die nicht nur wissen wollen, wie der Kampf zwischen Harry und Voldemort ausgeht, sondern auch für alle, die ein bisschen mehr erfahren wollen über das, wie wir Menschen so sind - wie wir fühlen, was unser Handeln beeinflusst, aus welchen Gründen wir Fehler machen usw. Und ich bin mir sicher, dass jemand, der diesen Band zu Ende gelesen hat und ihn nach einer gewissen Zeit wieder in die Finger bekommt, immer wieder neue interessante Entdeckungen machen wird. Dieses Buch kann man gut zwei oder drei Mal lesen, und man ist immer wieder überrascht!


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