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Rezensionen verfasst von
Dr. P. Günter Strauss "LIBREVIS"
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Tiere in der Stadt: Eine Naturgeschichte
Tiere in der Stadt: Eine Naturgeschichte
von Bernhard Kegel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein erfrischend unvoreingenommener Blick auf die Stadtnatur, 11. Juni 2013
"Kommen wir endlich zum Fuchs. Sie haben sicher schon darauf gewartet." Wie wahr, möchte ich dem Autor zurufen, auf Seite dreihunderteinundvierzig, aber er hört es ja nicht, er lebt in der Artenmetropole Berlin. Der Fuchs auf dem Cover soll halt die Leser anziehen. Ich frage mich, wer hier der größere Schlawiner ist, der Fuchs, der Autor oder der Gestalter des Buchcovers, bzw. die Gestalterin, also Schlawinerin, um der Genderneutralität genüge zu tun. Der Fuchs dient dem Verlag als Flaggschiffart. So nennt man im Naturschutz eine für die Menschen attraktive Tierart, mit der sich Werbung machen lässt. Andere Arten profitieren dann vom Interesse an der Flaggschiffart. Ich wünsche dem Biologen und Stadtökologen Bernhard Kegel, dass er mit der fuchsschlauen List fette (Leser-)Beute macht.

*Ungewöhnlicher Blickwinkel*
Bernhard Kegel betrachtet die Natur der Städte aus einem naturgeschichtlichen Blickwinkel. Warum kommen Pflanzen und Tiere in so etwas "Unnatürlichem" wie einer Stadt vor? Weil die Natur genau so funktioniert, sagt er. Jeder Ort der Erde wurde und wird besiedelt. Für ihn ist die Tatsache, dass es in unseren Städten ein Leben wilder Pflanzen und Tiere gibt genau so wenig erstaunlich, wie das Leben in der Antarktis, in der Tiefsee, im Kiefernwald oder anderen Orten. Es geht immer darum, um schwierige Aufgaben zu lösen. Eine Haubenlerche muss in ihrer afrikanischen Heimat großen Tieren ausweichen, in der Stadt heranrasenden Autos.

Städte sind - aus seiner Sicht und der anderer Lebewesen - nichts anderes als ganzjährig bevölkerte Tierkolonien, Nistplätze und Wohnhöhlen mit viel Platz, beheiztem, trockenem Unterschlupf und mit Futterüberschuss. Und so beginnt seine Stadtnaturgeschichte nicht etwa mit dem Entstehen der ersten Städte, sondern mit dem Verweis darauf, dass nicht nur Menschen buddeln und bauen, sondern auch Tiere. Der Vorteil von stadtähnlichen Kolonien, wie Schutz und Informationen über Futter, wird mit einem hohen Preis bezahlt: Mitbewohner, Krankheitserreger und Parasiten. Material- und Vorratsschädlinge begleiten Mensch und Tier in ihren Städten und Kolonien. Eine Bibliographie über Insekten, die beispielsweise in Vogelnestern vorkommen, umfasst fast 1.000 Seiten. Hunderttausend Tierarten leben in Ameisenkolonien. Was dem Menschen das Silberfischchen, ist der Ameise das Ameisenfischchen. So gesehen müssen wir uns darüber wundern, dass wir uns darüber wundern, dass es tierisches Leben in der Stadt gibt.

*Es ist ein Kommen und Gehen*
Tierarten kommen und gehen. Gründe sind das Verhalten des Menschen den Tieren gegenüber, steigende Populationsdichte im Umland und Grünflächen, die zu klein sind, so dass es zu lokalem Aussterben und neuen Kolonisierungen kommt. Sperlinge, die vor 10.000 Jahren mit dem Ackerbau vom mittleren Osten nach Europa kamen, profitierten bis ins 20. Jahrhundert von unverdautem Samen in städtischen Pferdeäpfeln; um 1900 fielen in New York täglich 6.500 Tonnen an, bzw. den Pferden hinten raus. Aber was kommt für den Spatz beim Autos hinten raus?! Trotzdem: Nirgendwo in Deutschland lassen sich so viele Vogelarten auf so kleinem Raum beobachten, wie in den Grünzonen der Großstädte - in den Grünzonen(!), nicht in den asphaltversiegelten Innenstädten, wie Bernhard Kegel betont. Nicht nur Vogelarten wandern zu oder bleiben einfach, wie frühere Zugvögel, auch größere Wirbeltiere, Füchse und Wildschweine, etablieren sich in der Stadt. Warum? Auch damit befasst sich die neue Wissenschaftsdisziplin Stadtökologie.

*Kurzweilig und bereichernd*
Bernhard Kegel hat fast schon ein Fachbuch geschrieben, ein kurzweiliges und leicht zu lesendes. Sein Augenmerk darauf, dass die große Masse an Tieren in einer Stadt nicht Vögel oder putzige Waschbären sind, könnte einer der Gründe sein, warum das Buch ohne Farbfotos auskommt. Das Schaubild des Flohbefalls der Stadtmenschen vom Mittelalter bis in die Neuzeit würde das Buch auch in farbiger Ausführung für manche Menschen nicht attraktiver machen. Bernhard Kegel schreibt dagegen an, dass in üblichen Stadtnatur-Büchern alles weggelassen wird, was mehr als zwei oder vier Beine hat. Er hat eine 'Naturgeschichte' der Tiere in der Stadt geschrieben. Und das ist sein Verdienst. Mit ungewöhnlichen Blickwinkeln eröffnet er eine Gesamtschau auf das Zusammenwirken verschiedener Faktoren. Er wirft die Frage auf, wie Wildwuchs und Stadtästhetik, Naturschutz und Freizeitgestaltung in Einklang zu bringen seien. Nicht zuletzt ruft er zum Mitmachen auf, beispielsweise in Citizen-Science-Projekten, in denen Bürger die Stadtökologen unterstützen können.


Die Entdeckung des Lebens: Wege und Irrwege großer Forscher
Die Entdeckung des Lebens: Wege und Irrwege großer Forscher
von Rudolf Hausmann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Nicht der Irrtum ist das Problem, sondern der Glaube, sich nicht zu irren, 12. April 2009
Es ist hinlänglich bekannt, dass der wissenschaftliche Fortschritt keine geraden Wege geht und immer wieder in einer Sackgasse landet. Dafür garantiert schon die Denkweise des Menschen, der, einmal von einer Idee (einem Denkstil, einem Paradigma) überzeugt, sich außerordentlich schwer tut, sich von einem lieb gewonnenen Irrtum wieder zu verabschieden. Tatsächlich räumt oft erst eine spätere Generation damit auf - um sich mit sicherem Gespür einem neuen Irrtum zu widmen.

Dies allein macht den Erkenntnisgewinn schon schwer genug. Rudolf Hausmann dokumentiert daneben noch ein zusätzliches Problem. Wissenschaftler sind nicht nur Denkstilen verhaftet; auch religiöser Glaube (der Autor spricht von "Irrationalität und Aberglaube") oder der Glaube an eine politische Ideologie führt die Wissenschaft in die Irre oder hemmt ihre Weiterentwicklung. Beruhigend ist, dass in den Naturwissenschaften letztendlich die genaue Beobachtung und die Fakten der experimentellen Ergebnisse dem blühenden Einfallsreichtum des Menschen Grenzen setzen. Dies macht Naturwissenschaftler bescheiden - widerlegen die Fakten doch ständig ihre kreativen Wolkenkuckucksheime. Dieses Glück haben Menschen, die andere Methoden der Erkenntnisgewinnung anwenden, nicht. Da sie kaum widerlegt werden (können), stellt sich eine trügerische Überzeugung ein. Und so ist nicht der Irrtum ist das Problem, sondern der Glaube, sich nicht zu irren. Schon deshalb ist dieses Buch lesenswert.

* Von Vorurteilen, Zeitgeistern, religiösen Vorgaben und Ideologien *
Etliche Wissenschaftler stolperten über ihre eigenen Unzulänglichkeiten, wie Mathias Jakob Schleiden, der vehement die Sexualität der Pflanzen leugnete, bis er sich dem Druck der Tatsachen beugte, die ihm sein eigener Student wiederholt vor Augen führte. Immerhin.
Eine interessante Rolle schreibt Rudolf Hausmann Johann Wolfgang Goethe zu, der seiner Meinung nach einem Zeitgeist verfallen war: der romantischen Verehrung der Ganzheit der Natur. Die emotionale Fixierung auf eine ganzheitliche Natur sei die Ursache der "irrationalen" Feindseligkeit gegenüber technischen Neuerungen, die vor allem in Deutschland zu beobachten ist.
Auch Religionen oder religiöse Einstellungen brachten die Wissenschaft immer wieder auf Abwege. Für einen pietistischen Botanik-Professor war es beispielsweise undenkbar, dass "Gott der Allmächtige eine so schändliche Hurerei zum Zwecke der Fortpflanzung im Pflanzenreich" zuließe - es ging um die Entdeckung der Sexualität bei Pflanzen. Selbst Carl von Linné wurde offensichtlich durch die Vorgaben mächtiger religiöser Kreise eingeschränkt. In einem Brief warnte er einen Freund, dass im Hinblick auf die Macht der Kollegen in der theologischen Fakultät äußerste Vorsicht geboten sei, die Konstanz der Arten dürfe offiziell (!) nicht angezweifelt werden. Und Georges-Louis Leclerc, der Lebemann und Schlaumeier, der zum Verhör vorgeladen wurde, weil er eben diese Konstanz der Arten in Frage stellte, wollte kein Märtyrer werden und redete sich heraus: "Bei rationaler Betrachtung der Natur könnte man auf solche Ideen kommen ' wenn man es, Gott sei Dank, aufgrund der biblischen Offenbarung nicht besser wüsste."
Ein berühmtes Beispiel für den Einfluss einer politischen Ideologie auf die Wissenschaft war Trofim Lyssenko. Die Ansichten des späteren Präsidenten der Akademie der Landwirtschaft der UdSSR legten nahe, dass man Sommerweizen zu Winterweizen "umerziehen" könne, ähnlich wie der Sowjetmensch durch Umerziehung geformt werden könne. In der Folge wurden die Biowissenschaften marxistisch-leninistisch ausgerichtet und Erbkrankheiten geleugnet. Erst die Missernten, und die Peinlichkeit, aus Kanada, USA und Australien Getreide einführen zu müssen, machten dem Spuk ein Ende. Die biologischen Wissenschaften in der UdSSR aber, waren um Jahrzehnte zurückgeworfen.

* Lesenswerte, leichte Lektüre*
Rudolf Hausmann stellt fünfzig bekannte und vergessene Naturphilosophen und Forscher vor, die sich mit der Entwicklung des Lebens und den Vererbungsvorgängen auseinandergesetzt haben. Die knappen Texte sind leicht und schnell lesbar; man kann das Buch häppchenweise zu sich nehmen. Das hatte aber auch zur Folge, dass der Autor darauf verzichtete, die Darstellungen im Einzelnen zu belegen. Das ist schade; Interessierte finden nur knapp dreißig weiterführende Texte. Manche Themen hätten es verdient, grundlegender behandelt zu werden. Beispielsweise hätte ich mir den postulierten Einfluss Goethes, Hegels und Schellings auf die Wissenschaftsfeindlichkeit Deutschlands philosophisch profunder begründet gewünscht; das Thema ist schließlich hochaktuell. Trotzdem, der historische Blick auf die Einflüsse, denen wissenschaftliches Denken ausgesetzt war, zeigt ungeahnte Aktualitäten. Lesenswert!


Denken hilft zwar, nützt aber nichts: Warum wir immer wieder unvernünftige Entscheidungen treffen
Denken hilft zwar, nützt aber nichts: Warum wir immer wieder unvernünftige Entscheidungen treffen
von Dan Ariely
  Gebundene Ausgabe

16 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das Märchen vom Homo oeconomicus, 26. März 2009
Zu der Zeit als ich in den USA lebte, waren die Zeitungen voller Coupons. Diese konnte man ausschneiden und in einem Geschäft einlösen. Dafür gab es vierzig, fünfzig oder siebzig (!) Prozent Rabatt auf eine ganz bestimmte Ware. Freudig erregt schnipselte ich einige Coupons für Waren meines täglichen Bedarfs aus der Zeitung und fuhr in den Supermarkt. Dann tat ich etwas, was die US-Werbeindustrie in den Ruin getrieben hätte, hätten es alle gemacht. Ich verglich die heruntergesetzten Preise mit den regulären Preisen gleichartiger Waren im selben Regal. Und kaufte ein. Ich kann mich nicht daran erinnern, auch nur einen dieser Coupons eingetauscht zu haben. Ich fand immer ein gleichartiges Produkt zum regulären Preis - und zwar zu einem geringeren, als dem des beworbenen Produkts samt Rabatt. Heute weiß ich, ich hatte mich wie ein "Homo oeconomicus", also rational, verhalten (ausnahmsweise!). Wobei ich mich schon sehr darüber wundere, dass es noch heute Ökonomen geben soll, die ihre Wirtschaftstheorien darauf aufbauen, dass Menschen im Allgemeinen rational handeln würden.

Zu der Zeit, zu der ich meine Erfahrungen mit den Coupons machte, entwickelten Daniel Kahneman und Amos Tversky die Grundlagen zur Verhaltensökonomie, die das menschliche Verhalten in wirtschaftlichen Situationen untersucht. Dan Ariely, der am Massachusetts Institute of Technology die Forschungsgruppe eRationality leitet, wandelt auf ihren Spuren. Er entwirft praxisnahe Experimente zu menschlichen Verhaltensweisen aus der Sicht konventioneller Ökonomen, also unter der Prämisse, Menschen verhielten sich rational. Man ahnt schon: Wir verhalten uns nicht nur irrational, sondern sogar vorhersehbar irrational. Das heißt einerseits, dass wir dazu neigen, unbewusst immer wieder dieselben Fehler zu machen; andererseits gibt es uns die Chance, darauf zu achten und uns diese Fehler ins Bewusstsein zu rufen oder, innerhalb unserer Gesellschaft, die Bedingungen so zu gestalten, dass wir davor geschützt werden.

* Wir bekommen, was wir erwarten *
Es geht um Dinge, die wir alle schon erlebt haben dürften oder kennen, wenn wir uns mit Werbung beschäftigt haben. Da werden wir geködert mit Vergleichsangeboten, unter denen ein wahnsinnig teures ist. Im Vergleich *dazu* ist das andere Angebot doch preisgünstig, oder? Wirklich? Gratiszuschläge locken uns an, weil wir doch gern etwas geschenkt bekommen. Zu null Kosten! Wirklich? In anderen Fällen haben wir die Tendenz, uns viel zu lange bei der Qual der Wahl aufzuhalten, obwohl der Unterschied denkbar gering ist (dazu gibt es einen netten kleinen Test auf der Webseite des Buchs).

Am Folgenschwersten ist meiner Ansicht nach der Einfluss unserer Erwartungshaltung darauf, wie wir ein Produkt beurteilen werden (die Kapitel neun und zehn finde ich deshalb die interessantesten des Buches). Es schmeckt besser, *weil* wir wissen, dass dies unser Lieblingsgetränk ist (aber ein gemeiner Blindtest fördert gnadenlos unsere Voreingenommenheit zu Tage). Richtig heftig wird es, wenn Ariely und andere Autoren nachweisen, dass ein (angeblich) "teures" Schmerzmittel besser hilft als ein "billigeres" (auch wenn es sich um dasselbe Placebo handelt). Die Tragweite der Befunde, dass der Preis (!) einer therapeutischen Anwendung deren Wirkung beeinflusst, ist bislang in der öffentlichen Diskussion viel zu wenig berücksichtigt worden.

* Schont unseren Geldbeutel, ist dabei deutlich billiger als ein Studium der Verhaltensökonomik ;-) *
Dan Ariely gibt Tipps, wie wir manche Fallen vermeiden könnten. Oft geht es dabei aber eher um Dinge, die einem schon der gesunde Menschenverstand sagt. Manches ist typisch für amerikanische Verhältnisse und wohl eher nicht so gut übertragbar. Jedenfalls kann ich mir schwer vorstellen, dass man in Deutschland für den Fall einer Überschreitung des Kreditkartenlimits einführen könnte, dass American Express eine freundliche E-Mail an den Ehepartner schickt, mit der Nachricht, der Partner habe eben sein Limit überschritten. Einige Kapitel sind etwas flach geraten, wie der Einfluss der sexuellen Erregung auf die Entscheidungen, die wir in diesem Zustand fällen. Die vielen episodenhaften Kleinstudien sind zwar ganz interessant, aber mir fehlt eine tiefere Theorie dahinter. Und völlig unverständlich ist mir der deutsche Titel; er besagt das Gegenteil von dem, was Dan Ariely uns nahe legen möchte: Da wir *vorhersagbar* irrational sind, kann das Denken sehr wohl nützen. Entsprechend lautet auch der Titel der Originalausgabe "Predictably Irrational". Unsere Lage ist sozusagen ernst, aber nicht hoffnungslos. Alles in allem trotzdem ein lesenswertes Buch, das Anregungen gibt, wie wir unseren Geldbeutel schonen können.


Warum unsere Kinder ein Glück sind: So gelingt Erziehung heute
Warum unsere Kinder ein Glück sind: So gelingt Erziehung heute
von Wolfgang Bergmann
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,95

55 von 63 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Erziehen ist schön, macht aber viel Arbeit, 24. März 2009
Für den großen Pädagogen Pestalozzi waren Liebe und Vertrauen die Basis, auf der ein Kind Geduld und Gehorsam lernen kann. Nichts anderes als diese Liebe setzt der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Bergmann den neuen - wie er es nennt - Gehorsamspädagogen entgegen. Es sind vor allem deren Zwischentöne, die ihn aufs Äußerste reizen. Er hegt den Verdacht, es würden einfache Lösungen für komplizierte Situationen angeboten. Und leider greifen die ratsuchenden Eltern nun mal am liebsten zu den einfachsten Lösungen. Wolfgang Bergmann dagegen stellt lapidar fest, dass es für manche Situationen keine Lösung gibt. Er legt keine Gebrauchsanweisung zur Kindererziehung vor, sondern gibt die Anregung, mit Problemen kreativ umzugehen, besser: gar nicht erst aufkommen zu lassen. Elterliche Kunst heißt, so Bergmann, zu wissen, wann man schweigen muss und wann man fragen soll. Für Eltern bedeutet dies aber: Keine einfachen Lösungen, sondern harte Arbeit. Wie sagte Karl Valentin doch (und auch für die "elterliche Kunst") so zutreffend: "Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit".

* Gegen Gehorsamspädagogik; für Gelassenheit und natürliche elterliche Autorität *
Das erste Kapitel ist eine Streitschrift gegen die Aussagen und Auffassungen der "Gehorsamspädagogen" wie Michael Winterhoff und Bernhard Bueb und den Folgen eindressierten Gehorsams. Warum der Autor das Kapitel mit "Das Leben mit Kindern macht Spaß - das hätten wir beinahe vergessen" überschrieben hat, hat sich mir allerdings nicht erschlossen.

Über Ursachen, die zum problematischen Verhalten von Kindern führen, handelt das zweite Kapitel. Sie liegen in der Kleinfamilie, in der sich alles auf das Kind konzentriert. Es geht um das Verhalten von Eltern, die nicht mehr 'miteinander' kommunizieren, sondern deren beider Augenmerk und Kommunikation auf das einzige Kind gerichtet ist; um Eltern, die nicht mehr in der Lage sind, dem Kind eine liebenswerte Beziehung einfach vorzuleben.

Der dritte und größte Teil des Buches handelt davon, wie man es besser machen kann: "Wie Kinder keine Tyrannen werden". Man könnte sagen, es geht um eine vom Kind innerlich angenommene Erziehung, statt einer von außen auferlegten Dressur. Erfolgreich wird diese Erziehung, so Bergmann, wenn sie ruhig und gelassen durch die natürliche Autorität der Eltern ausgeübt wird. Frühzeitig intervenieren, nicht warten, bis das Fass übergelaufen ist. Selbstverständlich muss man auch Nein sagen können und dabei bleiben. Aber kein barsches Nein, kein Disziplin-Nein und kein zögerliches Nein. Das richtige Nein ist bestimmt und unaufgeregt. Es ist so zu sagen eine Feststellung der Realität; Kinder werden dies verstehen und akzeptieren.

* Eine wichtige Botschaft *
Wenn es um Erziehung geht, bilden sich schnell verschiedene Lager, denen entsprechende Überzeugungen zu Grunde liegen. Da gute Erziehung so schwer greifbar ist, bilden sich Glaubensgruppen heraus. Ganz leicht ist dies auch an Hand der Rezensionen zu sehen. Meinungsverschiedenheiten zwischen den Erziehern, Psychologen und Psychotherapeuten tragen das Ihrige dazu bei. Dabei liegen die Positionen oft gar nicht so weit auseinander (das schließe ich jedenfalls aus verschiedenen Interviews mit Bergmann, Bueb oder Winterhoff). Aber auch die Form sagt etwas aus, sowie der Zwischenton. Ich kann Bergmanns heiligen Zorn schon verstehen, wenn Psychologen oder Erzieher ein Vokabular benützen, bei dem von Pädagogen "unterstellten" Kindern die Rede ist, vom "Lob der Disziplin", dem "kurzen Prozess, der gemacht wird", von "Überwachung" und "Unterordnung". Da kommt Gänsehaut auf. Wie viel Kind-orientierter und sensibler klingt es doch, wenn Bergmann von "Glück" spricht, vom "Geborgen fühlen", von "Anerkennung" und von Kindern als einer großen "Liebesgeschichte". Weniger reden und belehren, Grenzen aufzeigen und strafen. Um sich schlagende Kinder sind ängstliche Kinder, die sich nicht geborgen fühlen. Deshalb mehr fragen und wirken lassen, denn nur anerkannte Kinder fühlen sich geliebt. Und geliebte Kinder, so Bergmann, sind im Prinzip gehorsam.

Das ist eine sehr schöne und sehr wichtige Botschaft. Schade, dass sie durch die grimmigen Seitenhiebe auf die Gehorsamspädagogen etwas abgelenkt wurde. Wer wird denn Angst haben vor Bueb und Winterhoff, bei den guten Argumenten?


Evolutionär denken. Darwins Einfluss auf unser Weltbild
Evolutionär denken. Darwins Einfluss auf unser Weltbild
von Chris Buskes
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,90

6 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Darwin" - eine Metapher für evolutionäres Denken., 1. März 2009
Wir leben in einem fortwährend sich weiterentwickelnden Universum. Dabei ist es die Entwicklung selbst, die neue Strukturen hervorbringt. Charles Darwins überragendes Verdienst war, genau dies paradigmatisch dargestellt zu haben - am Beispiel der Entstehung der Arten. Es ist nicht erheblich, ob jedes Detail seiner Gedanken und Hypothesen richtig war, es geht darum, dass er Evolution denkbar gemacht hat. Und so ist es wenig verwunderlich, dass Darwins Gedanken über die Biologie hinaus weiterentwickelt wurden und heute nahezu alle (oder alle?) Wissenschaftszweige beeinflussen. "Darwin" ist eine Metapher geworden. Eine Metapher für evolutionäres Denken.

* Evolution entlässt den Menschen nicht aus der Verantwortung *
Darwins Einfluss auf unsere Gedankenwelt ist außerordentlich weit reichend. Selbst dem Buchautor kamen Bedenken, ob der Anspruch einer Übersicht nicht scheitern müsse. Er soll sich mal keine Sorge machen. Chris Buskes, der im holländischen in Nijmegen Wissenschaftsphilosophie lehrt, ist dies so gut gelungen, dass er dafür mit dem Socrates-Wisselbeker-Preis für das anregendste philosophische Buch des Jahres ausgezeichnet wurde.

Ausgehend vom antiken und mittelalterlichen Weltbild erklärt er in Grundzügen die Beobachtungen und Gedankengänge, die den Evolutionsprozess ans Licht brachten und begreiflich machten. Variation, Selektion und Reproduktion sind die Konzepte, welche die lebendige Welt sich entfalten ließen. Sie ermöglichten letztlich auch die Entstehung des Menschen. Das Buch bleibt nicht bei Darwin stehen, sondern berücksichtigt ebenso Aspekte der modernen Evolutionsbiologie.

Die anderen zwölf der sechzehn Kapitel behandeln den Einfluss, den das Konzept "Evolution" auf andere Wissenschaftsgebiete ausgeübt hat. Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie lassen sich aus der Perspektive der Evolution betrachten, Medizin, Anthropologie, Psychologie, Soziologie, Linguistik und Philosophie; die Theologie ist betroffen, selbst die Kunst. Bei der neu entstandenen "darwinistische Medizin" geht es um die Frage, warum Prädisposition zu bestimmten Erkrankungen einen evolutionären Vorteil bedeutet, um Koevolution von Parasit und Wirt, um Infektions- und Zivilisationskrankheiten. Die Kontroverse um die Soziobiologie und Evolutionspsychologie dauert bis heute an; historische Sichten der Sozialwissenschaften erklären den Widerstand, den sie gegen die evolutionäre Sichtweise aufbringen. Bewusstsein, Sprache, Moral, Kultur oder Ästhetik fielen nicht vom Himmel. Archaische Spuren von Moral finden wir bei Schimpansen und Bonobos (Schuld, Scham, Entrüstung, Dankbarkeit); manche ästhetische Vorlieben leiten sich vom Verlangen nach körperlicher Fitness ab und es gibt universale Emotionen und Gesichtsausdrücke, die Menschen aller ethnischer Gruppen gemein haben.

Und nicht an allem, was Darwin bisweilen angelastet wird, trägt er Schuld. Sozialdarwinismus beispielsweise, ging von Herbert Spencer aus, der aber vorwiegend dem Lamarckismus huldigte; insofern wäre es korrekter, so Buskes, von einem Soziallamarckismus zu sprechen, statt von einem Sozialdarwinismus. Und was die Eugenik betrifft, so lassen wir uns erinnern, dass Platon der Ansicht war, dass die "besten Männer" den "besten Weibern" beiwohnen und gebrechliche Kinder an geheimen und unbekannten Orten getötet werden sollten. Aber zu Recht weist Chris Buskes darauf hin, dass Ideologie auch im Zusammenhang mit Evolutionsbiologie eine explosive Mischung entstehen lassen kann. Evolutionär denken heißt auch, zu erkennen, dass Lebenslabläufe nicht unausweichlich, deterministisch vorherbestimmt sind. Dies gibt Raum für die Verantwortung des Menschen.

* Aufschlussreiche, lohnenswerte Lektüre *
Das Weltbild vor der Zeit Darwins war geprägt durch die Ansicht, dass die Welt - in ihren Grundzügen (Idealtypen) bereits fertig geschaffen - auf die Verwirklichung eines bestimmten Zweckes hinstrebt. Das Denken in evolutionären Kategorien unterscheidet sich davon fundamental. Chris Buskes hat die bahnbrechende Gedankenleistung Darwins und die Reichweite seiner Ideen sorgfältig herausgearbeitet. Das Buch zeigt, wie das neue Denken unser Weltbild verändert hat. Eine aufschlussreiche und lohnenswerte Lektüre!


Geschichten vom Ursprung des Lebens: Eine Zeitreise auf Darwins Spuren
Geschichten vom Ursprung des Lebens: Eine Zeitreise auf Darwins Spuren
von Richard Dawkins
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,90

20 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Begegnungen - eine originelle und lebendige Darstellung der Evolution., 20. Februar 2009
Ist doch cool. Neugierig schauen wir auf unseren eigenen Familienstammbaum zurück. An jeder Abzweigung begegnen wir neuen Verwandten. Sie werden uns immer wieder andere und interessante Geschichten erzählen können. Was ist aus diesem Zweig der Verwandtschaft geworden, was aus jenem? Wer von Ihnen lebt noch? Haben wir uns weiter entwickelt als unsere Vorfahren, oder gab es da nicht schon einen Urgroßvater, eine Urgroßmutter, auf die wir ganz besonders stolz sind?

Fühlen wir uns gar als Höhepunkt dieser Abstammung? War unsere Verwandtschaft dazu da, gerade uns hervorzubringen? Ich glaube, dass kaum jemand so denkt. Aber innerhalb der Evolution der Lebewesen dieser Erde heben wir den Stellenwert des Menschen schon gerne hervor. Zu recht? Richard Dawkins wählte das Stilmittel der Zeitreise in die Vergangenheit ganz bewusst. Er konnte damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Ich meine, im übertragenen Sinn natürlich (ein Biologe würde höchstens zwei Fliegen im selben Formalingläschen bestatten). Aber zurück zu Dawkins. Er umgeht auf diese Weise eine Gefahr. Er möchte nämlich vermeiden, dass allein durch die Form der Erzählung - vom Anfang bis zum Heute - ungewollt der Eindruck erweckt würde, die Evolution sei zielgerichtet und entwickle sich hin zum Höheren. Man spürt die Erfahrung und das außerordentliche Hintergrundwissen des (nicht unumstrittenen) Evolutionsbiologen. Ein opulentes, in bekannter Manier locker geschriebenes Werk, das er da vorgelegt hat.

* Geschichten, die die Evolution geschrieben hat *
Richard Dawkins erklärt Grundzüge der Evolution an Hand von Geschichten. Es treten Brüllaffen auf, Biber, Pfauen, Flunder Ringelwürmer, Parasiten, Blumenkohl, Bakterien und viele andere. Er deutet evolutionäre Phänomene wie Egoismus und Kooperation. Oder, dass Unvollkommenheiten im Körperbau und im Aufbau von Organen verständlich werden, wenn man ihre evolutionäre Entstehung kennt. Methodiken kommen zur Sprache, wie die verschiedenen Möglichkeiten von Datierungen; und der Blumenkohl erzählt, warum die Stoffwechselrate in seinen Zellen höher sein muss als in einer Zelle eines Mammutbaums.

Beispiel Schnabeltiere. Jene eierlegenden australischen Säugetiere, die zuerst für einen Zoologenwitz gehalten wurden und als urtümliche 'lebende Fossilien' gelten, sind alles andere als primitiv. Ihr Schnabel ist ein mit hunderttausend elektrischen Sensoren bestücktes Aufklärungsinstrument, vergleichbar mit militärischen AWACS Systemen. Schnabeltiere bilden mit diesem Instrument die Wirklichkeit ab, so wie wir die Wirklichkeit mit unseren Augen aufnehmen. Richard Dawkins legt großen Wert darauf, dass wir uns bemühen die Natur zu verstehen. Nur auf diese Weise, so sagt er, können wir sie angemessen schätzen und bewundern.

Was würde passieren, wenn die Evolution noch einmal mit der ersten eukaryotischen Zelle beginnen würde? Kann man Vorhersagen treffen, in welche Richtung die Evolution geht? Ähnliche Probleme erfordern ähnliche Lösungen, beispielsweise die Notwendigkeit der Entwicklung von Augen zur Orientierung im Licht. Die Evolution schreitet nicht immer mit gleichem Tempo voran. Sie verläuft auch nicht rein zufällig; allein Embyonalentwicklung und Körperbau lassen nur ein beschränktes Spektrum von Lösungen zu. Und selbst die Evolution entwickelt ihre Mechanismen weiter: "Die Evolution der Evolutionsfähigkeit" (in diesem Zusammenhang werden von Molekularbiologen übrigens Genduplikationen, Gentransfers, mobile genetische Elemente diskutiert; Dawkins deutet hier lediglich Arbeiten anderer Autoren an).

* Ein opulentes Werk zur Evolution *
Ein ausführliches Werk, über 900 Seiten. Es ist kein Lehrbuch, sondern ein lebendig geschriebenes Lesebuch, eine Fundgrube immer wieder überraschender Geschichten und Querverweise. Es zeigt auch den nachdenklichen Dawkins, der im Gegensatz zu seinem Image als der Leibhaftige ("Der Gotteswahn") verschiedene Interpretationen gegenüberstellt, abwägt, sich von Argumentationen beeindrucken lässt und schon auch mal vorsichtig von der ein oder anderen früher vertretenen Position abrückt. Dies zeichnet einen selbstbewussten und aufrichtigen Wissenschaftler aus.


Die Natur des Menschen: Grundkurs Soziobiologie
Die Natur des Menschen: Grundkurs Soziobiologie
von Eckart Voland
  Gebundene Ausgabe

11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Es ist die Vergangenheit, die die Gegenwart erklärt., 18. Februar 2009
Der Aufbau unserer Füße und Gehörknöchelchen lässt sich evolutionär aus Flossen und Kiemenbögen ableiten. Und wie verhält es sich mit jenem Organ zwischen unseren Ohren, das zwanzig Prozent der aufgenommenen Energie großzügig für sich in Anspruch nimmt? Es soll Zeitgenossen geben, die zwischen "evolutionär und deshalb biologisch" einerseits und "erlernt und deshalb kulturell" andererseits unterscheiden. Ist diese Unterscheidung haltbar? Wenn ja, woher kommt dann das Gehirn, das unsere sozialen und kulturellen Leistungen hervorbringt?

Eckart Voland, Professor für Philosophie der Biowissenschaften an der Universität Gießen erläutert, warum der Mensch nur das lernt, was sein evolviertes limbisches System zulässt. Latein, Mathematik oder Ethik gehören nicht immer dazu. Wir finden Spuren, die aus unserer Vergangenheit in unsere Gegenwart führen. Aus einer Millionen von Jahren zurückliegenden Vergangenheit.

* Rundkurs durch die Soziobiologie *
Das überschaubare Büchlein bietet zwar keinen Grundkurs in Soziobiologie, wie der Untertitel eher augenzwinkernd suggeriert, aber als einen kurzweiligen Rundkurs durch die Soziobiologie möchte ich es schon bezeichnen. Der Inhalt beruht auf Essays, die ursprünglich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienen sind. Das hatte für den Autor den Vorteil, dass er nicht so viel Arbeit damit hatte. Dem Leser nützt es, indem er dröge wissenschaftliche Materie feuilletonartig aufbereitet und in achtzehn bekömmlichen Häppchen von jeweils nur einigen Seiten vorgesetzt bekommt. Nach jedem neuen Schreck über tierische Wurzeln seines Verhaltens kann er sein Bierchen trinken, sich beruhigen und entspannt noch einmal darüber nachdenken.

Es geht um Verwandtschaftsbeziehungen, Egoismus und Altruismus, um Moral, das Wir-Gefühl, um Männer und Frauen natürlich, die Ehe (auch um den Ausnahmefall "Monogame Beziehung"), Kinder und Elternliebe, Großeltern, Angeberei, Glück und um die transkulturelle Fähigkeit zur Religiosität, die sich in eine der zigtausend Religionen dieser Welt entfaltet; eine Universalie, ähnlich der Sprachfähigkeit. Und wozu gibt es Großeltern? Bei Tieren kommt eine nennenswerte postgenerative Lebensspanne nicht vor; warum beim Menschen? Die Antwort auf die Frage, warum es Großväter gäbe ist ebenso flapsig wie, beim gegenwärtigen wissenschaftlichen Stand, treffend: Um die Großmutter bei guter Laune zu halten. Die Großmütter mütterlicherseits allerdings ... aber lesen Sie doch selber nach. Vielleicht interessiert es Sie auch, warum sich für Blaumeisen-Weibchen Seitensprünge lohnen (psst, nicht verraten: weil die außerhalb der Paarbildung gezeugten Nachkommen lebenstauglicher sind).

Während ich dies schreibe werden gerade Studien veröffentlicht die belegen, dass die Anzahl der Männer steigt, die eine Babypause einlegen. Und zwar passiert dies am oberen Gehaltsrand der Gesellschaft. Eine der angebotenen Erklärungen ist, dass diese Familien sich die kleinen Gehaltsverluste leisten könnten. Eine andere, dass bei diesen Einkommensklassen auch die Partnerinnen oft über ein beträchtliches oder gar höheres Einkommen verfügen. Die traditionell männliche Argumentation ("Ernährer") am häuslichen Flachbildschirm gerät ins Wanken. Vielleicht kommen wir damit der Sache schon näher. In Kapitel zwölf dieses Buchs hier beantwortete Eckart Volmer die Frage, wann Väter zu Familienvätern werden, aus soziobiologischer Sicht: Wenn Männer nicht mit Besitz oder Einkommen werben können, preisen sie verstärkt ihre familiären Tugenden an. Ei der Daus.

* Ein Schmankerl *
Soziobiologie häppchenweise, das klingt im ersten Augenblick nach einer Art Fastfood. Ist es aber nicht; wenn schon, dann sind es Schmankerln. Eckart Voland gelang mit erfrischender Schreibe eine Leichtigkeit, die aber nicht oberflächlich bleibt. Man muss nicht allen Gedankengängen folgen, aber mit den etwa zweihundert Quellen gibt das Buch den Lesern die Gelegenheit, sich selbst von den Ergebnissen zu überzeugen oder die Interpretationen zu verwerfen. Wer bereits mit einer widerstandsfähigen Meinung zum Thema Soziobiologie ausgerüstet ist, hat diese Lektüre natürlich nicht nötig (an dieser Stelle fällt mir Volands Bemerkung ein, dass in mancher Hinsicht der Altersstarrsinn mit der Geburt beginnt). Was mich betrifft - ich war begeistert.


Das kooperative Gen: Abschied vom Darwinismus (Psychologie)
Das kooperative Gen: Abschied vom Darwinismus (Psychologie)
von Joachim Bauer
  Taschenbuch
Preis: EUR 19,95

109 von 133 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Titel genial - und ebenso irreführend wie der Titel "Das egoistischen Gen"., 15. Februar 2009
Peng - der Buchtitel sitzt. Er (das heißt, wahlweise der Titel oder sein Autor) misst sich an Richard Dawkins Aufsehen erregendem Bestseller "Das egoistische Gen" aus dem Jahre 1976 und deutet zum aufgehenden Darwin-Jahr an, dem Spuk "Darwinismus" endgültig ein Ende zu bereiten. Leute, zieht Euch warm an!

Joachim Bauers Credo beschreibt der Satz "Gene, bzw. Genome, folgen drei biologischen Grundprinzipien (...): Kooperativität, Kommunikation und Kreativität". Nicht Zufall und Selektion führten zur Bildung neuer Arten, sondern die Genome der Lebewesen ändern sich selbst auf Grund der in ihnen angelegten Gesetze, und zwar als Reaktion auf Stressoren aus der Umwelt. Genetische mobile Elemente und RNA-Interferenz spielen dabei eine wesentliche Rolle. Bildung und Aussterben von Arten geschahen nicht langsam und kontinuierlich, sondern plötzlich. Die Auslöser waren dramatische Umweltveränderungen. Im letzten Kapitel beschreibt er seine auf zehn "Säulen" beruhende "Neue Theorie".

*Warum veröffentlicht der Autor seine "Neue Theorie" nicht Fachzeitschriften?*
Aus Joachim Bauers letztem Buch, das sich mit ähnlicher Thematik befasste, habe ich gelernt, dass man gut daran tut, gelegentlich die von ihm zitierte Originalliteratur nachzulesen (siehe auch meine Rezension zu "Prinzip Menschlichkeit - Warum wir von Natur aus kooperieren."). Und siehe da, mir passierte etwas sehr Merkwürdiges. Als ich bestimmte Sachverhalte erst von Bauer interpretiert las, sträubten sich bei mir die letzten wenigen Haare. Die Erläuterungen derselben Sachverhalte in der Originalliteratur, beispielsweise von den von Bauer gerne zitierten Autoren wie der Biologin Lynn Margulis, dem Biochemiker und Nobelpreisträger Craig C. Mello oder dem Molekularbiologen James A. Shapiro begeisterten mich. Warum ist das so? Ganz einfach. Die genannten Autoren unterscheiden klar zwischen Fakten und eigenen Spekulationen oder Visionen. Man muss den Gedankengängen nicht überall folgen, aber neue Gesichtspunkte sind allemal stimulierend und können einen Denkstil verändern. Joachim Bauer dagegen rührt Fakten und Spekulationen zusammen, zitiert Artikel mal richtig, mal sinnentstellt, wirft Gutachtern von Fachzeitschriften eine Art Zensur vor und verkauft Altbekanntes als neue Erkenntnis. Dabei bedient er sich einer bewährten Methode: Erst eine antiquierte, naive und entstellende Darstellung der Anschauung des Gegners (dem gegenwärtigen Stand der Evolutionstheorien) abgeben, um diese dann leicht widerlegen zu können. Das Buch richtet sich an ' ja an wen? Jedenfalls nicht an solche, die die Forschungen an den komplexen Evolutionstheorien begleiten oder eine gewisse Sachkenntnis haben. Also an 99,9 Prozent der Bevölkerung. Sonst würde er seine "Neue Theorie" in begutachteten Fachzeitschriften veröffentlicht haben.

*Beispiele*
Als meine Notizen über Merkwürdiges, Falsches oder Entstellendes, die ich beim Lesen gemacht habe drohten, den Umfang eines Buches zu erreichen, habe ich damit aufgehört. Weitergelesen habe ich letztlich nur, weil ich an Hand der Zitierungen immer wieder auf interessante Aspekte gestoßen bin. Diese habe ich dann im Original nachgelesen.

Joachim Bauer beschreibt biologische Konzepte, die zum Teil schon seit Jahrzehnten nicht mehr vertreten werden (wie die Bedeutung von Punktmutationen für die Artenbildung) und unterlässt Hinweise auf Konzepte, die schon seit Jahrzehnten bekannt sind. Er lässt beispielsweise die Tatsache des periodischen Aussterbens von Arten im Buch hervorgehoben drucken, als ob dies unbekannt wäre und behauptet, dass dies im Widerspruch mit den gängigen Evolutionstheorien stünde. Ernst Mayr, einer der Gestalter der modernen Evolutionstheorien, hat auf dieses periodische Aussterben schon vor 45 Jahren hingewiesen. Das zitiert Professor Bauer natürlich nicht. Den Begriff "Mutation" benützt er meist im Sinne von Punktmutation, um deren Bedeutung für die Artenbildung widerlegen zu können. Kommt so in den modernen Evolutionstheorien aber gar nicht mehr vor. Mutationen kommen aber schon vor. Nur versteht man unter Mutationen allgemein eine spontane und zufällige Veränderung der genetischen Eigenschaften einer Zelle; Genduplikationen, Ortswechsel von mobilen genetischen Elementen u.s.w. inbegriffen.

Joachim Bauer tut so, als ob behauptet würde, Arten würden durch "reinen Zufall" entstehen. Er ist sich nicht zu schade, einen Vorwurf zu erheben, der sonst nur von Kreationisten vorgebracht wird: Er vergleicht die Wirkung des Zufalls in der Evolution mit dem Entstehen eines Wolkenkratzers, wie "wenn man die dazu notwendigen Komponenten nur oft genug auf einen Haufen schütte". Beim kreationistischen Original heißt es, wenn ich mich richtig erinnere: wie ein Jumbojet, der allein dadurch entstehen könne, dass ein Tornado durch ein Ersatzteillager von Flugzeugteilen durchfege; so unwahrscheinlich). Ein solcher Schwachsinn war zwar nie Bestandteil von Evolutionstheorien, aber widerlegen lässt er sich treffend. Und vom angeblichen "reinen Zufall" in der Evolution kann schon deshalb nicht die Rede sein, weil auf Grund des Körperbaus, der Biochemie der Zelle u.s.w. nicht "alles" rein zufällig möglich ist. Die Entwicklung läuft "gebahnt". Sagt auch Professor Bauer. Vielleicht hat er dies bei seinem Lieblingsgegner Professor Dawkins gelesen, denn der sagt dasselbe. Hoimar von Ditfurth hat es so ausgedrückt: "... eine Beimengung von Zufall ist - wie das Salz in der Suppe - notwendig, damit überhaupt Freiheitsräume entstehen können, damit sich etwas verändern kann. Verantwortung, liebende Zuwendung, Wahrnehmung des Ganzen - das alles wäre ohne diesen Freiheitsraum, in einer durchdeterminierten Welt, überhaupt nicht denkbar." Schöner kann man's nicht sagen.

Für Joachim Bauer "veranlasst" eine Zelle die Veränderungen selbst, die zur Bildung einer neuen Art führen. Er suggeriert damit, eine Zelle würde zielgerichtet handeln. In kooperativer Weise (mit Hilfe von mobilen genetischen Elementen) würde die Evolution durch gezielte Mutationen vorangetrieben; beispielsweise vervielfältigen sich Gene dadurch und ermöglichen der Zelle neue Fähigkeiten. Die (grausame) Selektion ist nicht nötig. Da ist was Wahres dran. Bauer verschweigt allerdings, dass solche Vervielfältigungen auch zu mutierten Pseudogenen führen können, die dann erst mal inaktiviert werden müssen (oder die Zelle wird als funktionsuntüchtig ausselektiert), oder beispielsweise zu einer Trisomie von Chromosomen, wie beim Down-Syndrom. Zielgerichtet in die geistige Behinderung?

Ich könnte noch seitenweise weiterschreiben, aber kommen wir zum Schluss auf das "kooperative" Gen zurück, jenem Begriff im Titel, der den fulminanten Kontrapunkt zum "egoistischen" Gen Richard Dawkins setzt. Dawkins hat selber eingestanden, dass der Titel seines Buchs "Das egoistische Gen" eine "unangemessene Vorstellung von dessen Inhalt vermittelt". Der Leser könnte denken, das Buch handele von Egoismus, dabei, so sagt er, "widmet es sich eigentlich eher dem Altruismus" und äußert sich enttäuscht, dass anscheinend manche nur den Titel lesen. Mein Mitleid mit Dawkins hält sich hier in Grenzen; selber schuld, wenn man einen so bescheuerten Titel wählt oder sich vom Marketing aufschwatzen lässt. Gene sind Moleküle und nicht "egoistisch" oder "kooperativ". Auch Joachim Bauer hat sich beim Buchtitel anscheinend vom Marketing leiten lassen; so konnte wenigstens in dieser Hinsicht sein Buch an das *Niveau* von Dawkins Buch heranreichen (über dessen Aussagen man trotzdem verschiedener Meinung sein kann).

Ist es Ironie des Schicksals, dass Joachim Bauer hier seinen eigenen "Kampf" ums Überleben seiner Vorstellungen führt, ganz unkooperativ, dafür umso rechthaberischer? Ist es nicht das Wesen wissenschaftlicher Theorien, dass sie sich immer wieder verändern, entsprechend dem akkumulierten Wissen und dem vorherrschenden Denkstil? Es war eine großartige Leistung von Darwin, einen Denkanstoß zu geben, dem Denken über die Herkunft der Lebewesen eine neue Richtung zu weisen und dabei zu wissen, dass auch er eine endgültige Erklärung nicht geben konnte. Ein Absolutheitsanspruch à la Bauer wird sich mit der Zeit von allein in Luft auflösen.

*Bewertung*
Schwer zu bewerten. An sich ist das Vorhaben sehr begrüßenswert, Aspekte zum Mechanismus der Evolution zu beleuchten, die einer breiteren Öffentlichkeit (und selbst Biologen) noch wenig bekannt sind. Ich bin auf Blickwinkel gestoßen, die ich so noch nicht recht wahrgenommen hatte. Dafür müsste es fünf Sterne geben. Für die Art und Weise der Ausführung allerdings - fünf abstürzende Kometen, schon alleine weil ich mich so aufgeregt habe. Die Lektüre schlug mir geradezu auf den Magen. Ich werde mal einen Psychosomatiker konsultieren. Kennen Sie einen guten? Ach ja, ich könnte ja bei Prof. Bauers psychosomatischer Ambulanz in Freiburg vorbeischauen. Der wird sich freuen :-)


Prinzip Menschlichkeit: Warum wir von Natur aus kooperieren
Prinzip Menschlichkeit: Warum wir von Natur aus kooperieren
von Joachim Bauer
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

57 von 67 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Die Botschaft hör' ich wohl, allein es fehlen die Beweise, 14. Februar 2009
Eines vorneweg: Die Idee ist mir sympathisch. Ich selbst kooperiere gern und ich ziehe eine "win-win" Situation einer Situation vor, in der nur ich allein gewinne, andere aber verlieren. Joachim Bauer will im Grunde sagen, dass die Evolution von Kooperationen getrieben wird und nicht vom "Kampf ums Überleben". Dies schien mir eine sympathische Idee zu sein, aber die dargebotenen Belege überzeugten nicht. Und, der missionarische Eifer machte mich stutzig.

Es liegt für einen Psychotherapeuten und Psychosomatiker wie Joachim Bauer sicher nahe, zunächst den Menschen zu betrachten. Er stellt fest, dass wir "für gelingende Beziehungen" konstruiert sind (Damit stellt er sich zwar, wenn ich das mal so sagen darf, kühn gegen die von Loriot vorgebrachte These mit einem durchaus evolutionären Aspekt: "Männer und Frauen passen einfach nicht zueinander - man kann sie nur fruchtbar miteinander kreuzen"). Nun gut, es gibt auch noch andere Beziehungen und es ist sicher wichtig zu wissen, dass wir ein eingebautes Motivationssystem haben, in dem Dopamin, endogene Opioide und Oxytozin eine Rolle spielen und das dafür sorgt, dass wir nach sozialer Anerkennung und Kooperation streben.

Außerdem sind unsere Gene nicht "egoistisch", sagt Joachim Bauer und legt sich mit dem Evolutionsforscher Richard Dawkins ("Das egoistische Gen") an, den er sich - stellvertretend für alle Evolutionstheoretiker nach Darwin - anscheinend zu seinem Lieblingsfeind auserkoren hat. Gene kämpfen nicht. Gene werden beeinflusst von der Umwelt (lesenswert ist Bauers Buch: " Das Gedächtnis des Körpers"). Beispielsweise verändern frühkindliche Erfahrungen das Muster, mit denen Gene auf Umweltreize reagieren. Und hier findet er einen, wie ich finde, sehr schönen Vergleich von Genen mit einem Konzertflügel: Ein Flügel kann nicht alleine spielen, sondern braucht einen Pianisten.

*Und jetzt komme ich zu den Problemen, die ich mit diesem Buch habe*
Um bei dem Vergleich der Gene mit dem Klavier zu bleiben: Joachim Bauer sieht die Evolution durch ein Filter seiner Vorstellungen. Ist nicht schlimm, aber einseitig. Das Klavierbeispiel zeigt nämlich auch, dass der beste Pianist kein gutes Konzert spielen kann, wenn einige Tasten nicht gestimmt sind oder fehlen. Das Buch hinterlässt aber summa summarum den Eindruck, dass es auf die Gene kaum noch ankommt, sondern auf die Umwelt. Dabei könnte man doch ganz schlicht von Wechselseitigkeiten sprechen, die je nach Umständen verschieden gewichtet sind.

Die Evolution betrachtet er rückblickend, vom heutigen Menschen aus. Und da er Kooperation (und das Verlangen danach) beim heutigen Menschen als wesentlich ansieht, sucht er Kooperation auch in der Evolution. Er verbeißt sich in den als unmenschlich empfundenen Begriff "Kampf" ums Überleben, wo doch schon Ernst Mayr ("Die Entwicklung der biologischen Gedankenwelt") erklärte, dass der Kampf ums Dasein selten die Form eines wirklichen Kampfes annimmt: "Gewöhnlich ist es nur Konkurrenz um begrenzt vorhandene Ressourcen." So ähnlich wie bei der Berufung auf einen Lehrstuhl - möchte ich dem Professor zurufen. Diese Konkurrenz kann sich natürlich auf verschiedene Weise abspielen, auch unter Einbeziehung von Kooperationen (im Beispiel: Publikationsliste und Mentoren). Um zu suggerieren, dass Kooperation die Evolution treibt, nicht der Kampf, benutzt er den Begriff "Kooperation", um verschiedenste Mechanismen zu beschreiben, vom erlernten Verhalten der Menschen untereinander bis zur chemischen Interaktion von Molekülen. Nicht einmal das weite Teile der Natur bestimmende Räuber-Beute Verhältnis entkommt der semantischen Umdeutung. Er nennt es ein "verdecktes kooperatives System". Nehmen wir ein Beispiel. Manche Greifvogelarten legen grundsätzlich zwei Eier, ziehen aber nur ein Junges auf. Der jüngere Vogel wird dann "kooperativ entsorgt" - indem die Eltern es nicht füttern und das ältere der Geschwister das jüngere aus dem Nest wirft. Ich würde dies Kampf um die Ressourcen nennen, ganz unverdeckt. Der Bauer'sche Begriff "Kooperation" erklärt keinen Mechanismus und führt auch deshalb nicht weiter.

Joachim Bauer zitiert aus der Fachliteratur. Das ist gut. Was mich aber dabei stört ist, dass ein zitierter Artikel nicht unbedingt seine Behauptung belegt (so beispielsweise beim Artikel von Dario Maestripieri auf S. 84, in dem der Autor explizit darauf hinweist, dass etwa nur die Hälfte der Affenkinder, die von Ihren Müttern misshandelt wurden, gegenüber ihren eigenen Kindern aggressiv wurden. Die Resultate deuten darauf hin, dass Kinder mit einer speziellen genetischen Prädisposition eine Misshandlung eher verkraften. Dies ist ungefähr das Gegenteil von dem, was Bauers Zitat belegen sollte. Aber wer prüft schon das Original nach?

Auf Seite 151 dann war ich nahe dran: Ab in den Papierkorb. "Das Erschreckende aber ist" so Bauer "dass die Soziobiologie ... Furore machte ... und bei nicht wenigen offenbar den klaren Verstand aussetzen ließ." Also, diejenigen, die nicht seine Meinung teilen, betrachtet er als Idioten!? Ich grübelte darüber nach, ob so ein intelligenter Autor wie Bauer dies in einem Moment des Vollbesitzes seines Verstandes geschrieben haben konnte, mit so viel Schaum vor dem Mund, oder ob er da nicht Opfer just jener Gene war, die sein limbisches System aufgebaut haben.

Es gäbe noch Vielem zu widersprechen und etliche unzutreffende Darstellungen zu korrigieren. Andererseits steht im letzten Kapitel manches, bei dem ich gerne zustimme, wie "Die von den Genen bereitgestellten biologischen Systeme, können aber nur dann ihr Potential entfalten, wenn sie durch Interaktion mit der Umwelt in Gang gesetzt und in Funktion gehalten werden." Leider wird diese Aussage durch den Tenor des Buchs konterkariert.

*Schade*
Das siebte Kapitel widmet sich der Notwendigkeit von kooperativem Verhalten in Wirtschaft und Erziehung. Die Tatsache, dass wir Kooperation erst lernen müssen, spricht Bände. Dagegen müssen Kinder ihren Wetteifer ("ich bin schneller als Du") nicht lernen, wie auch nicht-kompetitive, hinterher hechelnde Eltern am eigenen Leib erfahren. Wer die Evolutionstheorien, die sich in über einhundertfünfzig Jahren auf Umwegen entwickelt haben, im Alleingang über den Haufen werfen will, muss gute Argumente und gute Belege haben. Bauer: "Das Ergebnis gelingender Kooperation hieße: Menschlichkeit". Tja, wenn es nur so einfach wäre. Führt erfolgreiche Kooperation notwendig zur Menschlichkeit? Da kenne ich auch Gegenbeispiele.

So schön der Titel, so richtig manche Aussagen, so ärgerlich ist die unsaubere Argumentationsführung. Dies entzieht dem Untertitel "Warum wir von Natur aus kooperieren" den Boden. Schade um das wichtige Thema.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 11, 2009 2:34 PM CET


Bildwelten des Wissens 6,1: Ikonographie des Gehirns
Bildwelten des Wissens 6,1: Ikonographie des Gehirns
von Matthias Bruhn
  Taschenbuch
Preis: EUR 44,95

4.0 von 5 Sternen Futter für den kritischen Geist, 5. November 2008
Es stimmt schon - ein Bild ist oft besser als tausend Worte. Bilder sind schnell zu erfassen und haben Überzeugungskraft. Was aber, wenn das Bild falsch ist? Wenn es etwas darstellt, das so gesehen(!) gar nicht zutrifft? Beispielsweise als Mittel, anderen seine eigene Meinung zu suggerieren. Oder, wenn ein Bild die vorgefasste Meinung des bildenden Künstlers, äh, Wissenschaftlers, bestätigt, ohne dass dies durch die Daten bewiesen ist. Also: Vorsicht bei wohlfeilen Bildern!

* Eine kritische Hinterfragung historischer und heutiger Bilder des Gehirns *
Hirnforschung ist ein Betätigungsfeld für Mediziner, Psychologen und Philosophen. Entsprechend viele Blickwinkel trägt der Band "Ikonographie des Gehirns" zusammen. Vielfältig wie die Methoden sind die Visualiserungsmöglichkeiten, wie Messwerttabellen, Kurvendarstellungen und Computertomographien. Acht Autoren hinterfragen Darstellungen und Metaphern. Woher beziehen die Bilder ihre Bedeutung? Welche diagnostische Qualität haben sie? Wie erzeugen sie Evidenz? Übt die Ästhetik eine suggestive Wirkung auf wissenschaftliche Interpretationen aus (ja!)? Wie objektiv sind die Ergebnisse, die aus den Messdaten der Tomographen mit schwer durchschaubaren Algorithmen bunte Bilder produzieren? Ist eine Lokalisierung von Aktivitäten im Gehirn schon eine Erklärung eines Denkvorgangs?

Oft dienen die bunten Bilder der Gehirnscans dazu, finanzielle Mittel einzuwerben - Steuergelder von geldgebenden Institutionen oder als Kundenwerbung für die Privatklinik. Dann allerdings geht es um Markt und Marke, nicht um seriöse wissenschaftliche Arbeit (ich erlaube mir die Bemerkung, dass die Öffentlichkeit gern solche vereinfachten Erläuterungen verlangt). Wissenschaftler selber deuten nicht so sehr die Bilder, als vielmehr die zugrunde liegenden Zahlen; dies in trockenen Tabellen mit statistischen Analysen, die einem breiteren Publikum nicht zuzumuten wären. Vor Gericht, andererseits, sind es die Bilder selbst, die große Wirkung erzeugen; Anwälte werden bereits darin ausgebildet, Hirnbilder in ihre Rhetorik einzubeziehen. Wenn ich daran denke, dass in amerikanischen Gerichten Geschworene "überzeugt" werden müssen, wird mir schon ganz schwummrig. Auch werden Bilder zielgerichtet produziert, wenn es um politische Zwecke geht. Der Journalist und CIA-Agent Edward Hunter führte 1950 in einem Artikel in den Miami Daily News den Ausdruck "Gehirnwäsche" ein. Natürlich bezog sich dieser Begriff nur auf die in den 40er und 50er Jahren in kommunistischen Staaten ausgeübte Praxis der psychologischen Manipulation - nicht etwa auch auf die vom U.S. Office of War herausgegebenen Lehrfilme zur Verhaltensbeeinflussung.

* Ein lohnenswerter Blick *
Der Band "Ikonographie des Gehirns" gehört zu den Jahrbüchern "Bildwelten des Wissens" und hat trotz der 132 Seiten Zeitschriftencharakter. Wir finden Beiträge verschiedener Autoren, Buchbesprechungen und Vorstellungen von Projekten, in denen Gehirnfunktionen auf unterschiedliche Weisen repräsentiert werden. Etwas merkwürdig erscheint mir als (in Bezug auf Kunstgeschichte) Außenstehendem, dass zwischen den deutschsprachigen Texten zwei englischsprachige Artikel zu finden sind. Mir sind zwar englischsprachige Fachzeitschriften geläufig, aber dass deutsch und englisch in ein und demselben Druckerzeugnis vermischt werden ist für mich ungewöhnlich. Ich bin schon gespannt auf den Beitrag in chinesischen Schriftzeichen (ich denke nur an die bildhafte traditionelle chinesische Medizin!) des Kollegen aus Chonquing. Schade, dass hier eine sprachliche Barriere aufgebaut wird, denn gerade die kritische Hinterfragung der Bedeutung der populären Bilder sollte doch über die Experten hinaus einem breiteren Kreis zugänglich gemacht werden. Dann müssen wir allerdings bei der deutschen Sprache bleiben, denn allein achtzig Prozent der deutschen Ärzte wollen oder können englischsprachige Studien nicht lesen (Stoßseufzer des deutschen Cochrane Zentrums, das sich zur Aufgabe gesetzt hat, Ärzten die bestmögliche Evidenz für die Wirksamkeit von Behandlungen vorzulegen).

Ein Blick in dieses Buch ist trotzdem recht lohnenswert, sowohl aus wissenschaftstheoretischer Sicht, als auch für wissenschaftlich/medizinische Anwender und mündige Bürger. Übrigens, die zum Teil selten zu findenden Abbildungen von historischen Bildern bis zu den grandiosen Verästelungen eines Neurons aus dem Gehirn einer Biene sind beeindruckend.


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