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Lucullus (Deutschland)

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Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918
Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918
von Herfried Münkler
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

12 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Deutschland im Großen Krieg, 9. Februar 2014
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
"Der Große Krieg" von Herfried Münkler ist die erste größere Gesamtdarstellung des Ersten Weltkriegs aus der Feder eines deutschen Autors seit der Arbeit Peter Kielmanseggs (Deutschland und der Erste Weltkrieg, Frankfurt a. M. 1968). Freilich stützt sich das im Frühjahr 2009 konzipierte (S. 922), also hastig recherchierte und schnell geschriebene Buch überwiegend auf Sekundärliteratur.

Anders als der Untertitel suggeriert, handelt die Darstellung leider nicht von der "Welt 1914 bis 1918", sondern lediglich von der Welt AUS DEUTSCHER PERSPEKTIVE. Während die Entscheidungen, Entwicklungen und Verhältnisse im Deutschen Reich breit abhandelt werden, müssen sich die anderen kriegführenden Nationen mit spärlichen Bemerkungen begnügen.

Die deutlichsten Akzente setzt Münkler in seinen politischen Analysen. Schon der Buchtitel ist programmatisch, signalisiert er doch, dass der Erste Weltkrieg nicht aus der Perspektive des Zweiten, sondern als eigenständiges Ereignis betrachtet werden soll (S. 11), das uns in gewisser Weise näher steht als die Vorgänge zwischen 1939 und 1945. Die weltpolitische Multipolarität auf die wir uns heute zubewegen, sei zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon Realität gewesen.

Aus Münklers Sicht lässt diese historische Parallele alle Deutungen zweifelhaft erscheinen, die den Kriegsausbruch von 1914 auf zwingende strukturelle Ursachen zurückführen. Wer die Gestaltungsmöglichkeiten der Politik in der Julikrise herunterspiele, müsse sie auch in heutigen Krisen für gering halten. So spreche alles dafür, dass der Krieg durch vermeidbare politische Fehler herbeigeführt wurde. Kapitalistische und imperialistische Rivalitäten, die Mängel der deutschen Verfassung oder der deutschen Militarismus hätten nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Letzterer sei ohnehin relativ gewesen, da der Anteil der Verteidigungsausgaben am Bruttosozialprodukt in Deutschland geringer war als in Frankreich und Russland (S. 63), und das Reich nur etwa 50 Prozent seiner Wehrpflichtigen einberief.

In der Julikrise hätten alle Großmächte Fehler begangen. "Die Zeit der einseitigen Schwarzweißzeichnungen in der Ursachenforschung zum Ersten Weltkrieg ist vorbei ..." (S. 784). Deutschland habe den Österreichern einen Blankoscheck erteilt, Russland den Serben und Frankreich den Russen (S. 100). Der Schlüssel zum Krieg habe in St. Petersburg gelegen. "Hätte man dort auf Mobilmachung und Kriegserklärung verzichtet, so wäre es nur zu einem Dritten Balkankrieg gekommen ..." (S. 101).

Nachdem er durch Ungeschicklichkeit in den großen Krieg hineingeschlittert war, habe der Reichskanzler Bethmann Hollweg bis zu seinem Rücktritt im Juli 1917 einen Verständigungsfrieden angestrebt, sich aber aus innenpolitischen Gründen genötigt gesehen, den Annexionisten Zugeständnisse zu machen. Bethmanns Dilemma sei nahezu unlösbar gewesen. "Um die von den Annexionisten geschürte Erwartung eines deutschen Sieges zu durchkreuzen, hätte er ... die schwierige militärische Lage Deutschlands öffentlich darstellen müssen. Das wiederum hätte die deutsche Position bei den Verhandlungen mit der Entente geschwächt, wenn sie denn unter diesen Umständen überhaupt zustande gekommen wären ..." (S. 624).

Sehr aufschlussreich sind die mentalitätsgeschichtlichen Ausführungen Münklers. Zu den großen Rätseln der Zeit gehört die Kriegseuphorie im Sommer 1914. Zwar betont die neuere Forschung den vorwiegend städtischen und bürgerlichen Charakter des Phänomens, doch mindert dies kaum seine politische Bedeutung. Münkler zufolge hat die Grundstimmung eines Teils der Bevölkerung damals den Charakter eines "mythischen Deutungsschemas" angenommen, das ein Sinnangebot für ALLE Volksangehörigen enthielt, indem es die Ereignisse in ein Gesamtgeschehen von unermesslicher Bedeutung integrierte. "Was auch immer sich im Einzelnen zugetragen haben mag und was die Menschen je empfunden haben - es wurde aufgesogen durch das mythische Schema, das Erlebnis und Empfinden mit Bedeutung ausstattete, beides dem Zufälligen entzog und den Einzelnen somit an etwas Größerem teilhaben ließ. So und NUR SO war, nachdem sich der Mythos erst einmal durchgesetzt hatte, die individuelle Erinnerung an die ersten Augusttage des Jahres 1914 kommunizierbar" (S. 229).

Die ausführliche Schilderung der Kampfhandlungen vermittelt ein recht klares Bild vom Geschehen an den Fronten, einschließlich derer in Nahost und Afrika. Da Münkler aber überwiegend darauf verzichtet, Ausgangsstärken und Verluste der beteiligten Armeen anzugeben, und kaum alternative Operationsszenarien diskutiert, kann der Leser den Ausgang vieler Schlachten nur bedingt nachvollziehen. Welche Erfolgsaussichten der Schlieffenplan oder die deutschen Frühjahrsoffensiven von 1918 hatten, bleibt nach der Lektüre des Buches unklar.

Überzeugend rekonstruiert Münkler den taktischen Lernprozess an der Westfront. Die frontalen Massenangriffe der ersten Kriegsmonate hätten fast zur beiderseitigen Ausblutung geführt. Der Ende 1914 angeordnete Übergang zum Stellungskrieg sei eine Notmaßnahme der militärischen Führungen gewesen, um den Zusammenbruch ihrer Armeen zu verhindern. Tatsächlich habe dieser Schritt die Verluste deutlich gesenkt (S. 298). In der Folgezeit sei es den Militärs gelungen, sich immer besser auf die Bedingungen des modernen Krieges einzustellen. Nachdem von 1915 bis 1917 alle großen Offensiven im Westen gescheitert waren, hätten die Optimierung der Artillerievorbereitung (S. 597; S. 687), die Entwicklung der Stoßtrupps (S. 470) und das Aufkommen der Infiltrationstaktik (S. 688) im Frühjahr 1918 wieder taktische Durchbrüche ermöglicht. Damit war der Stellungskrieg im Prinzip überwunden. Die Panzer erwiesen sich in diesem Zusammenhang als unwesentlich. Ihre große Stunde sollte erst im Zweiten Weltkrieg kommen.

Münklers Antwort auf die Frage, wie die Soldaten das Leiden und Sterben des Grabenkrieges so lange durchhalten konnten, ist originell. Soldaten, deren Überleben die Fähigkeit erforderte, unter Lebensgefahr kaltblütig entscheiden zu können, hätten sich als heroisch betrachten MÜSSEN, um ihre Handlungsfähigkeit zu bewahren. "Man war überzeugt, dass die Niedergeschlagenen und Verzagten mit größerer Wahrscheinlichkeit fallen würden. Zumindest ein wenig heroisch zu sein, wurde in dieser Hinsicht zur Überlebensstrategie" (S. 467). Infolge ihrer Selbstheroisierung hätten die Soldaten den Krieg länger ertragen, als man es sich in der postheroischen Gesellschaft unserer Zeit vorstellen kann.

Anders als die Operationsgeschichte scheinen die sozialen und wirtschaftlichen Aspekte des Krieges Münkler kaum interessiert zu haben. Das Thema ist ihm nur 30 Seiten wert (S. 563-593).

Trotz großer materieller und personeller Unterlegenheit habe Deutschland gute Aussichten besessen, den Krieg nicht zu verlieren, denn Ende 1917 seien Frankreich und England kriegsmüde und Russland durch die Revolution gelähmt gewesen. Leider habe den glänzenden Lernerfolgen des deutschen Heeres eine Lernblockade der deutschen Politik gegenübergestanden (S. 20). Mit der von großen Teilen der Öffentlichkeit, zahlreichen Intellektuellen und einer Mehrheit des Reichstags gestützten Entscheidung zum uneingeschränkten U-Boot-Krieg (S. 522) habe das Reich die USA in das Lager der Entente getrieben und seine Niederlage besiegelt. So wurde die Tragweite vermeidbarer politischer Fehler ein zweites Mal demonstriert.

Obwohl Münkler weder intime Quellenkenntnis noch eine jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Großen Krieg vorweisen kann, ist ihm ein eindrucksvolles Buch gelungen, das ebenso faktengesättigt wie anregend ist.


Arm und Reich: Die Schicksale menschlicher Gesellschaften
Arm und Reich: Die Schicksale menschlicher Gesellschaften
von Jared Diamond
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,95

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein überschätztes Buch, 31. Januar 2014
Jared Diamond ist ein konsequenter geographischer Determinist. Darin liegt die größte Stärke seines Buches und zugleich seine größte Schwäche.

Zur Stärke wird dieser Umstand dort, wo eine deterministische Erklärung der Geschichte weitgehend plausibel ist: im Frühstadium des Überganges zur Seßhaftigkeit und zur Landwirtschaft. Diamond arbeitet überzeugend heraus, daß die ökologischen Voraussetzungen für diesen Schritt (große Anzahl domestizierbarer Pflanzen und Tiere, günstige Ausbreitungsbedingungen von landwirtschaftlichen und sonstigen Techniken, günstige klimatische und geographische Bedingungen usw.) nirgendwo besser waren als in Eurasien, und hier vor allem im Nahen Osten. Zu recht verweist er auf den kaum einholbaren Vorsprung, den eurasische Gesellschaften aufgrund dieser Vorteile bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Geschichte (vor etwa 8000 Jahen) gegenüber ihren Konkurrenten auf anderen Kontinenten gewannen.

Insgesamt hinterläßt der erste Teil des Buches, in dem Diamond auf über 400 Seiten das zu diesen Fragen gehörende Material ausbreitet, einen positiven Eindruck, wenngleich einige kleinere Bedenken das Gesamtbild trüben. Es befremdet doch ein wenig, wie achtlos Diamond mit seinen intellektuellen Vorläufern umgeht. Der durchschnittliche Leser dürfte seiner Bibliographie jedenfalls kaum entnommen haben, daß Marvin Harris bereits 1978 (in dem Buch 'Könige und Kannibalen') und damit zwanzig Jahre vor Diamond auf die Bedeutung der Ausrottung der großen Säuger Nordamerikas für das langsamere wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungstempo dieses Kontinents gegenüber Eurasien hingewiesen hat. Ferner ist Diamonds Erklärung für die Entstehung von Staaten nur eine Zusammenfassung der Theorie Robert Carneiros; usw. Hinzu kommt eine unglückliche Gliederung, die bewirkt, daß Diamond viele Informationen und Gedankengänge gleich dutzendfach wiederholt und dadurch seine Leser unnötig ermüdet. Das Buch hätte ohne Schaden für den Inhalt um mindestens 150 Seiten gekürzt werden können.

Überraschend nimmt Diamond auf den letzten 20 Seiten (!) seines Buches einen radikalen Themenwechsel vor. Nun geht es auf einmal um die Frage, warum von den großen eurasischen Kulturen (Europa, der islamische Raum, Indien, China) es gerade die europäische war, die sich an die Spitze setzen und als erste modernisieren konnte. Diamonds geographischer Determinismus, der sich im ersten Teil des Buches als hilfreich erwies, erleidet an diesem Problem völligen Schiffbruch. Schnell spitzt sich das Thema auf die Frage zu: Warum Europa und nicht China? Diamond antwortet mit einem Gedankengang von Eric Jones (der in seinem Buch 'Das europäische Wunder' allerdings sehr viel differenzierter argumentiert hatte und jeden Determinismus vermied): Europa war geographisch vielfältiger als China, daher blieb es politisch zersplittert, so daß ein Staatensystem entstand, in dem Wettbewerb für Offenheit sorgte und sichergestellt war, daß Innovationen, die an einer Stelle unterdrückt wurden, sich anderenorts entfalten konnten.

Diese Erklärung enttäuscht schon im Ansatz.

Zunächst einmal lassen sich die politischen Unterschiede Europas und Chinas nicht monokausal auf geographische Faktoren zurückführen. Viele geographische Eigenheiten Europas, wie z. B. seine langen und verschlungenen Küsten, die einen Transpost auf dem Wasserweg außerordentlich erleichterten, sprachen FÜR eine politische Vereinigung und erleichteten das Werk jedes Eroberers. Das Beispiel der Römer zeigt, wie diese natürlichen Vorteile genutzt werden konnten.

Zweitens erklärt Diamond mit seiner Überlegung nur Europas Vorteile im Bereich der INNOVATION, also in der wirtschaftlichen VERWERTUNG einer Erfindung, nicht aber seinen Vorsprung bei den Erfindungen selbst. Wichtige grundlegende Neuerungen, wie z. B. die Begründung der modernen Wissenschaft, sind in China nie erfolgt. Die Frage, warum gewisse ERFINDUNGEN und geistige Entwicklungen außerhalb Europas überhaupt ausblieben, ist historisch gesehen wichtiger, weil grundlegender, als die nach der mangelnden Innovationsfreudigkeit außereuropäischer Gesellschaften.

Drittens wird Diamonds Erkärung durch seine eigenen Beispiele widerlegt. China war, wie er ausführt, Europa für mehr als 1000 Jahre technologisch überlegen, und dies trotz der von Diamond festgestellten angeblichen geographischen Nachteile. In wenigen Jahrzehnten wird es Europa und Amerika wissenschaftlich und technologisch eingeholt haben, so daß sich die Zeit seines Rückstandes auf kaum mehr als 500 Jahre belaufen haben wird. Wenn geographische Unterschiede in diesen Dingen wirklich etwas zu sagen haben, dann spricht diese Bilanz wohl eher für einen geographischen VORTEIL Chinas.

Ganz offenkundig hat sich Diamond bei seinem Versuch, die historische Entwicklung der Hochkulturen über die neolithische Revolution hinaus zu erklären, übernommen. Der wesentliche Grund für dieses Scheitern scheint mir methodischer Natur zu sein: mit dem Auftreten größerer Gesellschaften entsteht ein vielfältiges System von WECHSELWIRKUNGEN zwischen einer Kultur und ihrer natürlichen Umwelt, deren Komplexität ein monokausaler Ansatz wie der Diamonds in keiner Weise gerecht werden kann.

Diamonds Buch wäre ohne die letzten zwanzig Seiten besser. Sein Ehrgeiz, alles erklären zu wollen, hat ihn leider zum Musterbeispiel eines Autors werden lassen, der nicht spürt, wann es Zeit ist, die Feder aus der Hand bzw. die Schutzhülle auf die Tastatur zu legen.


Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin
Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin
von Timothy Snyder
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,90

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Bilanz des Schreckens, 14. Juli 2013
Obwohl die Verbrechen Stalins und Hitlers zu den bestuntersuchten Themen der jüngeren Vergangenheit zählen, unterliegt ihr Bild noch vielen Verzerrungen. Der amerikanische Historiker Timothy Snyder hat sich vorgenommen, die wichtigsten davon zu korrigieren.

Snyder zufolge hat die Fixierung der öffentlichen Wahrnehmung auf Auschwitz und den Gulag vergessen lassen, dass die meisten Opfer der beiden Diktatoren Osteuropäer waren und in den von ihm so genannten "Blutländern" getötet wurden, den Gebieten zwischen Russland und Deutschland. 14 der insgesamt 17 Millionen Menschen, die von 1933 bis 1945 durch die Unterdrückungsmaßnahmen Stalins und Hitlers umkamen, wurden auf dem Territorium Polens, Weißrusslands, der Ukraine, der baltischen Staaten und Westrußlands ermordet. Da nach Auschwitz mehr west- und südeuropäische Juden gelangten als in die anderen Vernichtungslager, und der Gulag zum größten Teil außerhalb der "Blutländer" lag, sei keine der beiden Einrichtungen für die Verbrechen ihres Regimes repräsentativ gewesen.

Die Überlebenden der in den "Blutländern" verübten Massaker wurden, wie Snyder betont, oft genug Zeugen der Untaten BEIDER Diktatoren. Eine Geschichtsschreibung, die sich auf einen der Unrechtsstaaten beschränkte, würde der Lebenserfahrung dieser Menschen nicht gerecht.

Sie würde außerdem einen guten Teil ihrer Erklärungsaussichten verspielen, spreche doch vieles dafür, dass die totalitären Reiche sich gegenseitig zu Verbrechen animierten, die sie ohne Kontakt miteinander nicht begangen hätten.

Darüber hinaus, so ließe sich hinzufügen, heißt vergleichen nicht relativieren. Der Vergleich muss Unterschiede ebenso herausarbeiten wie Gemeinsamkeiten. Ob die Shoah einzigartig ist, weiß man nur, wenn man sie mit anderen Massenmorden verglichen hat. Wer auf Vergleiche verzichtet, verzichtet auf Erkenntnis.

Es liegt also in der Natur der Dinge, dass eine integrierte Darstellung der in den "Blutländern" begangenen Verbrechen der isolierten Betrachtung überlegen ist. Was Snyders Buch von den bisherigen Versuchen dieser Art unterscheidet (z. B. Dietrich Beyrau, Schlachtfeld der Diktatoren. Göttingen 2000; Richard Overy, The Dictators. New York 2004; Jörg Baberowski/Anselm Doering-Manteuffel, Ordnung durch Terror. Bonn 2006) sind seine Präzision und seine Anschaulichkeit.

In chronologischer Folge beschreibt der amerikanische Historiker zunächst die von Stalin herbeigeführte Hungersnot in der Ukraine in den Jahren 1932/33, dann den Großen Terror 1937/38, die deutsch-sowjetische Besatzung Polens, die Massenerschießungen polnischer Offiziere in Katyn und anderen Orten, die deutschen Besatzungsverbrechen in der Sowjetunion, den deutschen Völkermord an den Juden sowie die Zwangsumsiedlungen und Vertreibungen am Ende des Krieges. Das abschließende Kapitel beschäftigt sich mit der antisemitischen Kampagne, die Stalin kurz vor seinem Tode plante.

Wo immer möglich, versucht Snyder seine Darstellung mit Zahlen zu untermauern. So kommt er zu dem Schluss, dass Hitler entgegen einer weitverbreiteten Auffassung mehr Menschen umbringen ließ als Stalin. Den insgesamt 12 Millionen Opfern des deutschen Diktators stünden 9 Millionen des sowjetischen gegenüber.

In der Motivation der Verbrechen sieht Snyder erstaunliche Ähnlichkeiten. Stalins Säuberungen der Jahre 1937/38 hätten nämlich zum großen Teil der Unterdrückung nationaler Minderheiten, vor allem der polnischen, gedient. Bis 1938 seien in der Sowjetunion tausendmal mehr Menschen aus ethnischen Gründen getötet worden als im nationalsozialistischen Deutschland (S. 127). "Die am stärksten verfolgte europäische Minderheit in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre waren nicht die 400.000 deutschen Juden (deren Zahl durch Emigration sank), sondern die 600.000 sowjetischen Polen (deren Zahl durch Erschießungen sank)" (S. 107). Darüber hinaus erinnere Stalins Angst vor antisowjetischen Verschwörungen in fataler Weise an Hitlers Konstrukt einer "jüdischen Weltverschwörung".

Zeitlich gesehen stehe Stalins Priorität fest. Während Hitler bis zum Kriegsausbruch den Tod von etwa 10.000 Menschen verschuldete, sei Stalin zu diesem Zeitpunkt bereits für über 5 Millionen Hungertote und fast 1 Million Erschossene verantwortlich gewesen. "Im Großen Terror hatte die Sowjetführung doppelt so viele Sowjetbürger ermordet wie Juden in Deutschland lebten, aber niemand außerhalb der UdSSR, nicht einmal Hitler, schien begriffen zu haben, dass Massenerschießungen dieser Art möglich waren" (S. 127).

Während die Mehrzahl der Opfer Stalins im Frieden umkam, verübte Hitler seine größten Verbrechen im Krieg. Ließ der kommunistische Diktator hauptsächlich Sowjetbürger töten, so richteten sich die Gewaltmaßnahmen des nationalsozialistischen überwiegend gegen Ausländer.

Mit der Besetzung Polens hätten Hitlers Untaten sich denen Stalins angeglichen. Vom September 1939 bis zum Juni 1941 töteten Deutsche und Russen eine vergleichbare Anzahl von Polen (etwa 100.000), wenngleich mit unterschiedlicher Professionalität. "Während die Deutschen irrtümlich glaubten, sie hätten die polnische Bildungsschicht in ihrem Teil des Landes eliminiert, war dies den Sowjets weitgehend gelungen. Im Generalgouvernement wuchs der polnische Widerstand, dagegen wurden in der Sowjetunion solche Netzwerke rasch zerschlagen und Aktivisten festgenommen, eingesperrt und manchmal hingerichtet" (S. 164).

Nach dem Angriff auf die Sowjetunion habe das Dritte Reich seinen Gegenspieler überholt und sei fortan für nahezu alle politischen Morde in den "Blutländern" verantwortlich gewesen. Zwar sei die "Endlösung" mit etwa 5,4 Millionen Opfern die größte Einzelaktion, doch habe Hitler eine vergleichbare Anzahl Nicht-Juden ermorden lassen.

Trotz ihrer Ungeheuerlichkeit blieben diese Verbrechen noch hinter den Plänen der nationalsozialistischen Führung zurück. Diese sahen vor, im Herbst und Winter 1941 an die dreißig Millionen Sowjetbürger dem Hungertod auszuliefern und nach dem Sieg in den eroberten Ostgebieten weitere 31 bis 45 Millionen Menschen zu eliminieren (Generalplan Ost).

Hinsichtlich der Shoah ist Snyders Hinweis aufschlussreich, dass ebenso viele Juden östlich der Molotow-Ribbentrop-Linie erschossen wie westlich von ihr vergast wurden. Zieht man noch die von Nationalsozialisten und Kommunisten herbeigeführten Hungersnöte in Betracht (denen über 9 Millionen Menschen zum Opfer fielen), wird deutlich, dass die totalitären Massenmorde mit viel primitiven Mitteln durchführbar waren, als ein Blick auf die Gaskammern glauben macht.

Im übrigen seien die meisten Vergasungen nicht in Auschwitz, sondern in den wesentlich tödlicheren Vernichtungslagern der "Aktion Reinhardt" erfolgt. Während Auschwitz von über 100.000 Menschen überlebt wurde, gab es in Belzec, Sobibor und Treblinka bei 1,3 Millionen Deportierten kaum 100 Überlebende.

Erfreulicherweise hat das Bemühen um quantitative Genauigkeit Snyder nicht davon abgehalten, die Erfahrung der Zeitgenossen in die Darstellung einfließen zu lassen. Mit reichlichen Zitaten aus Berichten, Erinnerungen und Tagebucheinträgen von Opfern wie Tätern führt er dem Leser eindrucksvoll vor Augen, dass hinter jeder Zahl ein menschliches Schicksal steht.

Angesichts dieser Leistung wird man es dem Autor nachsehen, dass er weder neue Quellen ausgewertet noch neue Erklärungen oder theoretische Ansätze formuliert hat. Als Zusammenfassung des gegenwärtigen Wissensstandes ist seine Arbeit sehr lesenswert.


Von Menschen und anderen Tieren: Abschied vom Humanismus
Von Menschen und anderen Tieren: Abschied vom Humanismus
von John Gray
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

18 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der atheistische Humanismus als letzte Gestalt des Christentums, 24. September 2012
Der Humanismus wird von seinen Vertretern als Höhepunkt der geistigen Entwicklung der Menschheit gefeiert. Zudem gilt er ihnen als eine Position, die sich zwangsläufig aus dem kritischen Gebrauch der Vernunft ergeben müsse. Nach Einschätzung des englischen Philosophen John Gray ist er hingegen das Endstadium der europäischen Religionsgeschichte. In dieser Eigenschaft, so betont Gray, trage der Humanismus die Hauptverantwortung für die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts und stelle eine der größten Gefahren der Zukunft dar.

In der Regel sind Humanisten davon überzeugt, mit der modernen Wissenschaft im Einklang zu stehen. Deren Versuch, sämtliche Phänomene der Wirklichkeit auf natürliche Ursachen zurückzuführen, scheint unweigerlich in eine Haltung zu münden, die ihrem Weltverständnis nach naturalistisch, ihrer normativen Orientierung nach humanistisch ist.

Gray zufolge zeigt sich bei genauer Betrachtung indessen, dass der Humanismus noch weniger mit der Wissenschaft zu vereinbaren ist als das Christentum. Seit dem 19. Jahrhundert habe die Forschung zahlreiche Erkenntnisse zusammengetragen, die demonstrierten, wie eng der Mensch in die Natur eingebunden sei und wie wenig er sich von seinen tierischen Verwandten unterscheide. Von Darwin wüssten wir, dass die Menschheit durch Evolution entstand, von der Zoologie, dass Denken und Bewusstsein bei Tieren weitverbreitet sind, von der modernen Psychologie, dass beides in unserem eigenen Leben kaum zählt, von der Hirnforschung, dass wir vermutlich weder ein "Ich" noch einen freien Willen besitzen.

Damit sei der Naturalismus dem Humanismus in allen wesentlichen Punkten entgegengesetzt. Während der Naturalismus den Menschen zu einem belanglosen Zufallsprodukt der Evolution mache, stelle der Humanismus ihn in den Mittelpunkt der Welt. Während der Naturalismus den freien Willen in Frage stelle, mache der Humanismus ihn zum Kern seines Menschenbildes. Während der Naturalismus die Bedeutung der Vernunft relativiere, erhoffe der Humanismus sich wahre Wunder von ihr. Während der Naturalismus das Leben als sinnlosen Wechsel von Freude und Leid ansehe, fordere der Humanismus uns auf, an den Fortschritt zu glauben.

Diese Gegensätze machen für Gray deutlich, dass der Humanismus nicht aus der Wissenschaft entstanden sein kann. Seine geistigen Wurzeln seien vielmehr im Christentum zu finden. "Der Humanismus ist keine Wissenschaft. Der Humanismus ist eine Religion. Er ist ein postchristlicher Glaube daran, dass wir eine Welt aufbauen können, die besser ist als jede, in der Menschen bislang gelebt haben. Im vorchristlichen Europa ging man ganz selbstverständlich davon aus, die Zukunft werde wie die Vergangenheit sein. Es mochte zwar neue Erkenntnisse und Erfindungen geben, aber an den Grundlagen ethischen Handelns würde sich im Wesentlichen nichts ändern. Die Geschichte des Menschen betrachtete man als eine Abfolge von Zyklen, der kein allumfassender Sinn innewohnt. Die Christen dagegen fassten die Menschheitsgeschichte im Sinne einer Erzählung von Sünde und Erlösung auf. Der Humanismus überführt diese christliche Erlösungsdoktrin in das Projekt, die gesamte Menschheit zu emanzipieren. Die Idee des Fortschritts ist der ins Säkulare gewendete christliche Glaube an die Vorsehung" (S. 13).

Wer das Christentum wirklich überwinden wolle, müsse, so schließt Gray, die humanistischen Illusionen aufgeben.

Dazu gehöre die Überzeugung, die objektive Bedeutungslosigkeit des Lebens lasse sich durch menschliche Sinnstiftungen wirksam kompensieren. Der Erfahrung von Leid, Schmerz und Tod seien solche Bemühungen in der Regel nämlich nicht gewachsen. "Am schlimmsten ist das Leben eines Menschen nicht, wenn es tragisch, sondern wenn es ohne Bedeutung ist. Die Seele ist gebrochen, doch das Leben schleppt sich weiter hin. ... Was bleibt, ist nur Leid. Der tiefste Schmerz ist nicht in Worte zu fassen" (S. 115).

Darüber hinaus gelte es sich von der Vorstellung zu lösen, es gebe eine dem Menschen angemessene Lebensform. Für ein zwiespältiges und innerlich zerrissenes Wesen sei dies eine Unmöglichkeit. "Wir sehnen uns nach Sicherheit, sind aber schnell gelangweilt; wir lieben den Frieden, neigen aber zur Gewalttätigkeit; wir haben eine Schwäche fürs Denken, hassen und fürchten aber die Verunsicherung, die es auslöst. Es gibt keine Lebensweise, die alle diese widersprüchlichen Bedürfnisse befriedigen könnte" (S. 131).

Unumgänglich sei auch der Verzicht auf den Gedanken, die Vernunft könne uns in ethischen Fragen zuverlässig leiten. "Heute liegt für jeden auf der Hand, dass Ungleichheit schlecht ist; vor einem Jahrhundert war allen klar, dass homosexuelle Liebe schlecht ist. Ansichten zu Fragen der Moral sind nicht nur mit starken Emotionen verknüpft, sondern auch oberflächlich und in höchstem Maße zeitgebunden. ... Sobald das Meinungsklima sich ändert, wird der heutige egalitäre Konsens einem neuen Dogma weichen, und man wird wieder genauso überzeugt sein, dass es die unwandelbare moralische Wahrheit verkörpert. ... Gerechtigkeitsideen sind so zeitlos wie die Hutmode" (S. 117).

Vor allem aber müsse der Fortschrittsglaube verabschiedet werden. Der wissenschaftlich-technische Fortschritt sei zwar real, aber ethisch bedeutungslos. Er schaffe ebenso viele Probleme wie er löse.

Der moralische und politische Fortschritt dagegen sei ein Wunschtraum. Die Geschichte zeige, dass es auf diesen Gebieten nicht zu dauerhaften Veränderungen komme. "Zweifellos wird es in der Zukunft freiheitliche Gesellschaften geben, so wie es sie in der Vergangenheit schon gab. Sie werden aber selten vorkommen, und üblich werden weiterhin Spielarten von Anarchie und Diktatur sein" (S. 137).

Gerade diese letzte, scheinbar stärkste Zumutung, betrachtet Gray als einen Segen, habe der Fortschrittsglaube ja nicht allein den Kommunismus, sondern auch den Nationalsozialismus hervorgebracht und der Welt damit unermessliches Leid bereitet. Hitlers Vorstellung, die Menschheit mit wissenschaftlichen Methoden läutern und durch Eugenik in eine strahlende Zukunft führen zu können, sei eine direkte Anknüpfung an das Denken der Aufklärung gewesen (S. 108).

Gray hofft nicht darauf, die Mehrzahl der Zeitgenossen für einen nüchternen Realismus gewinnen zu können. Schließlich gehöre es zum Wesen des Menschen, sich Illusionen zu machen (S. 45; 98). Es sei aber viel gewonnen, wenn man zu Illusionen greife, die weniger schädlich seien als der Humanismus. Heraklit, der das Weltgeschehen als ein Spiel betrachtete und Zhuangzi, für den es ein Traum war, hätten gezeigt, wie man sich im Leben einrichten könne, ohne vom Menschen und der Zukunft Unmögliches zu erwarten.

Grays Buch ist zu essayistisch und kurz, um eine sorgfältige Begründung dieser Thesen zu erlauben. Es muss mit der gleichen Erwartung gelesen werden, wie die Schriften Montaignes, Nietzsches oder Ciorans. Wer dazu bereit ist, wird ihm eine Fülle von Anregungen entnehmen können.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 11, 2013 1:33 PM CET


Heinrich Himmler: Biographie
Heinrich Himmler: Biographie
von Peter Longerich
  Broschiert
Preis: EUR 19,99

19 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der Biedermann als Massenmörder, 28. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Heinrich Himmler: Biographie (Broschiert)
Dreiundsechzig Jahre nach dem Selbstmord Heinrich Himmlers liegt nun die erste wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Biographie des "Reichsführers-SS" vor. In zehnjähriger Arbeit hat Peter Longerich, ein in London lehrender deutscher Historiker, unzählige Quellen aus deutschen, amerikanischen, britischen, russischen und israelischen Archiven ausgewertet, darunter auch sämtliche erhaltenen Aufzeichnungen Himmlers. Die Beherrschung der umfangreichen Sekundärliteratur versteht sich bei einem Autor, der bereits mit mehreren soliden Publikationen zum Nationalsozialismus hervorgetreten ist, von selbst. Das Ergebnis ist ein ungewöhnlich gründlich recherchiertes, sehr materialreiches und flüssig geschriebenes Buch, das jedoch keine größeren Überraschungen enthält und wichtige Fragen offen lässt.

Indem er ausdrücklich versucht, Lebens- und Strukturgeschichte miteinander zu verbinden, zeigt Longerich, dass er sich der Einseitigkeit eines rein biographischen Ansatzes bewusst ist. Komplexe politische Vorgänge ließen sich nicht, so schreibt er, "auf die Psychologie der handelnden Personen" reduzieren (S. 764). Trotz dieser Vorgabe beginnt das Buch ganz konventionell. Auf etwa 150 Seiten werden zunächst in der Manier einer herkömmlichen Lebensbeschreibung die Kindheit und Jugend Himmlers referiert, sowie seine Parteikarriere bis zur "Machtergreifung".

Dabei erweist sich der spätere Reichsführer als vollkommen durchschnittliche Erscheinung. Ein guter Schüler aus behütetem Elternhause - der Vater streng zwar, aber durchaus liebevoll. Von traumatischen Erlebnissen oder schweren Konflikten ist weit und breit nichts zu sehen. "Es finden sich keinerlei Hinweise auf besondere Erziehungsprobleme, auf einen ausgeprägten Hang zur Grausamkeit oder auf eine auffallende Aggressivität ..." (S. 759).

Wenn Himmler persönliche Fehler hatte, so bestanden diese allenfalls in seinem hemmungslosen, in Schwatzhaftigkeit ausartenden Mitteilungsbedürfnis und seiner Neigung sich in das Privatleben anderer Menschen einzumischen. Seltsam übrigens, dass der unsportliche und buchhalterisch wirkende Mann davon geträumt hatte, Berufsoffizier zu werden und sich ein Leben lang als Soldat betrachtete.

Zur NSDAP zog es ihn nicht etwa Hitlers, sondern Ernst Röhms wegen. Eher zufällig wurde Himmler, nachdem er ursprünglich als Propagandist gearbeitet und Hitlers innerparteilichem Rivalen Gregor Strasser nahegestanden hatte, 1929 zum obersten SS-Führer ernannt. Zu diesem Zeitpunkt war die SS eine nur 700 Mann zählende Leibgarde, deren spätere Rolle im Dritten Reich niemand voraussehen konnte.

Die Analyse der sich damals herausbildenden weltanschaulichen Vorstellungen Himmlers zeigt, dass der Antisemitismus für ihn zweitrangig war. Viel mehr beschäftigten ihn die Gefahren, die aus seiner Sicht vom Christentum und von der Homosexualität ausgingen. Hätte Himmler an der Spitze des Dritten Reiches gestanden, wären wohl nicht die Juden, sondern die Kirchen und Homosexuelle die Hauptleidtragenden seiner Herrschaft gewesen.

Mit der "Machtergreifung" beginnt der zweite, etwa 600 Seiten umfassende Teil des Buches, in dem Longerich den biographischen Ansatz weitgehend aufgibt und dazu übergeht, eine allgemeine Geschichte der SS unter besonderer Berücksichtigung der dienstlichen Aktivitäten ihres Führers zu schreiben. Vom Privatleben Himmlers ist nun kaum noch die Rede, und das Verhältnis des "Reichsführers" zu Hitler oder zu seinen Untergebenen Heydrich, Wolff oder Schellenberg scheint Longerich noch weniger zu interessieren, obwohl die autobiographische Literatur in dieser Hinsicht recht ergiebig ist.

Himmlers Aufstieg zum zweitmächtigsten Mann des Dritten Reiches führt Longerich auf drei Faktoren zurück. Zum einen sei es dem SS-Führer gelungen, immer mehr Funktionen an sich zu reißen. War er 1933 neben seinem SS-Amt zunächst nur Chef der politischen Polizei Bayerns geworden, konnte er sich bald auch die politische Polizei der übrigen Länder und schließlich des Reiches unterordnen. 1936 ernannte Hitler ihn zum Chef der gesamten Polizei, 1939 zum Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums, im August 1943 zum Innenminister, nach dem 20. Juli 1944 zum Befehlshaber des Ersatzheeres und gegen Kriegsende auch noch zum Oberbefehlshaber zweier Heeresgruppen (erst Oberrhein, dann Weichsel).

Zweitens habe Himmler es verstanden, für den von ihm beherrschten Komplex mehrfach Gesamtkonzeptionen zu entwerfen, die "sowohl ideologisch wie auch machtpolitisch sinnvoll und aufeinander abgestimmt wirkten" (S. 769).

Drittens habe Himmler die besondere Fähigkeit besessen, Hitlers Absichten zu erkennen und in vorauseilendem Gehorsam Schritte zu ihrer Verwirklichung zu unternehmen, noch bevor konkrete Befehle ergangen waren.

Typisch dafür ist seine Rolle bei der Ermordung der sowjetischen Juden. Nachdem die Einsatzgruppen anfangs nur Männer getötet hatten, wurden ab September 1941 auch Frauen und Kinder in die Massaker einbezogen. Die Initiative dazu sei, so stellt Longerich fest, in allen Gebieten von Himmler persönlich ausgegangen. Im festen Vertrauen darauf, dem Willen Hitlers zu entsprechen, habe er "die Entscheidung zur Ermordung von Frauen und Kindern tatsächlich in eigener Verantwortung getroffen ..." (S. 558).

Longerich zufolge verhalfen diese Talente dem "Reichsführer" zu historischem Gewicht. Ohne ihn wäre die spezifische Verbindung von Polizeiapparat, Lagersystem, Siedlungspolitik, Zwangsarbeitsprogrammen und Partisanenbekämpfung ausgeblieben und die nationalsozialistische Politik hätte ihre furchtbare Wirkung "kaum in der gleichen Weise entfalten können" (S. 770). So sei Himmler kein austauschbares "Rädchen im Getriebe" gewesen, sondern eine der zentralen Figuren der jüngeren deutschen Geschichte.

Die Plausibilität, die Longerichs Darstellung dieser Schussfolgerung verleiht, schlägt paradoxerweise in die größte Schwachstelle des Buches um, wirft sie doch umso nachdrücklicher die Frage auf, wie ein biederer Durchnittsmensch millionenfach morden konnte, ohne Schuldgefühle zu empfinden. Wenn weder das familiäre Umfeld noch der Charakter eine Antwort hergeben, wird man sie wohl nur in Himmlers Reden finden können, in denen der "Reichsführer" ja wiederholt zu seinen Verbrechen Stellung nahm.

Zwar hat Longerich diese Quelle umfassend ausgewertet, doch dabei alles getan, um sich die Antwort zu verbauen. Von vornherein macht er deutlich, dass er Himmlers weltanschauliche Überzeugungen nur untersucht, um sie zu "dekonstruieren" (S. 843, Anmerkung 53), was praktisch darauf hinausläuft, den Texten Gewalt anzutun. So will er Himmlers allgegenwärtiges Pochen auf "Anständigkeit" nicht gelten lassen. Dieser Begriff müsse als eine "Chiffre für Doppelmoral" gelesen werden, denn er stehe für "Normen, die in sich widersprüchlich waren. Auf der einen Seite wird die Anständigkeit auch gegenüber Feinden zur Tugend erklärt, auf der anderen Seite als 'Wahnsinn' bezeichnet" (S. 320).

Die unvoreingenommene Lektüre zeigt, dass etwas ganz anderes gemeint ist. "Anständig" war für Himmler eine Haltung, die auch die größten Grausamkeiten zuließ, sofern diese nicht aus Sadismus, sondern aus Pflichtgefühl im Namen einer nationalsozialistischen Sondermoral begangen wurden. Diese Haltung mag verbrecherisch gewesen sein, widersprüchlich war sie nicht. Sie erlaubte es Himmler und zahlreichen Vollstreckern seiner Befehle mit "gutem Gewissen" zu morden.

Der Umstand, dass ein Historiker von Longerichs Format sich nicht dazu durchringen kann, das Selbstbild der nationalsozialistischen Täter zur Kenntnis zu nehmen, zeigt, wie weit wir noch von einem wirklichen Verständnis dieser Zeit entfernt sind.


Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin
Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin
von Timothy Snyder
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

50 von 56 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Bilanz des Schreckens, 26. Juli 2011
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Obwohl die Verbrechen Stalins und Hitlers zu den bestuntersuchten Themen der jüngeren Vergangenheit zählen, unterliegt ihr Bild noch vielen Verzerrungen. Der amerikanische Historiker Timothy Snyder hat sich vorgenommen, die wichtigsten davon zu korrigieren.

Snyder zufolge hat die Fixierung der öffentlichen Wahrnehmung auf Auschwitz und den Gulag vergessen lassen, dass die meisten Opfer der beiden Diktatoren Osteuropäer waren und in den von ihm so genannten "Blutländern" getötet wurden, den Gebieten zwischen Russland und Deutschland. 14 der insgesamt 17 Millionen Menschen, die von 1933 bis 1945 durch die Unterdrückungsmaßnahmen Stalins und Hitlers umkamen, wurden auf dem Territorium Polens, Weißrusslands, der Ukraine, der baltischen Staaten und Westrußlands ermordet. Da nach Auschwitz mehr west- und südeuropäische Juden gelangten als in die anderen Vernichtungslager, und der Gulag zum größten Teil außerhalb der "Blutländer" lag, sei keine der beiden Einrichtungen für die Verbrechen ihres Regimes repräsentativ gewesen.

Die Überlebenden der in den "Blutländern" verübten Massaker wurden, wie Snyder betont, oft genug Zeugen der Untaten BEIDER Diktatoren. Eine Geschichtsschreibung, die sich auf einen der Unrechtsstaaten beschränkte, würde der Lebenserfahrung dieser Menschen nicht gerecht.

Sie würde außerdem einen guten Teil ihrer Erklärungsaussichten verspielen, spreche doch vieles dafür, dass die totalitären Reiche sich gegenseitig zu Verbrechen animierten, die sie ohne Kontakt miteinander nicht begangen hätten.

Darüber hinaus, so ließe sich hinzufügen, heißt vergleichen nicht relativieren. Der Vergleich muss Unterschiede ebenso herausarbeiten wie Gemeinsamkeiten. Ob die Shoah einzigartig ist, weiß man nur, wenn man sie mit anderen Massenmorden verglichen hat. Wer auf Vergleiche verzichtet, verzichtet auf Erkenntnis.

Es liegt also in der Natur der Dinge, dass eine integrierte Darstellung der in den "Blutländern" begangenen Verbrechen der isolierten Betrachtung überlegen ist. Was Snyders Buch von den bisherigen Versuchen dieser Art unterscheidet (z. B. Dietrich Beyrau, Schlachtfeld der Diktatoren. Göttingen 2000; Richard Overy, The Dictators. New York 2004; Jörg Baberowski/Anselm Doering-Manteuffel, Ordnung durch Terror. Bonn 2006) sind seine Präzision und seine Anschaulichkeit.

In chronologischer Folge beschreibt der amerikanische Historiker zunächst die von Stalin herbeigeführte Hungersnot in der Ukraine in den Jahren 1932/33, dann den Großen Terror 1937/38, die deutsch-sowjetische Besatzung Polens, die Massenerschießungen polnischer Offiziere in Katyn und anderen Orten, die deutschen Besatzungsverbrechen in der Sowjetunion, den deutschen Völkermord an den Juden sowie die Zwangsumsiedlungen und Vertreibungen am Ende des Krieges. Das abschließende Kapitel beschäftigt sich mit der antisemitischen Kampagne, die Stalin kurz vor seinem Tode plante.

Wo immer möglich, versucht Snyder seine Darstellung mit Zahlen zu untermauern. So kommt er zu dem Schluss, dass Hitler entgegen einer weitverbreiteten Auffassung mehr Menschen umbringen ließ als Stalin. Den insgesamt 12 Millionen Opfern des deutschen Diktators stünden 9 Millionen des sowjetischen gegenüber.

In der Motivation der Verbrechen sieht Snyder erstaunliche Ähnlichkeiten. Stalins Säuberungen der Jahre 1937/38 hätten nämlich zum großen Teil der Unterdrückung nationaler Minderheiten, vor allem der polnischen, gedient. Bis 1938 seien in der Sowjetunion tausendmal mehr Menschen aus ethnischen Gründen getötet worden als im nationalsozialistischen Deutschland (S. 127). "Die am stärksten verfolgte europäische Minderheit in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre waren nicht die 400.000 deutschen Juden (deren Zahl durch Emigration sank), sondern die 600.000 sowjetischen Polen (deren Zahl durch Erschießungen sank)" (S. 107). Darüber hinaus erinnere Stalins Angst vor antisowjetischen Verschwörungen in fataler Weise an Hitlers Konstrukt einer "jüdischen Weltverschwörung".

Zeitlich gesehen stehe Stalins Priorität fest. Während Hitler bis zum Kriegsausbruch den Tod von etwa 10.000 Menschen verschuldete, sei Stalin zu diesem Zeitpunkt bereits für über 5 Millionen Hungertote und fast 1 Million Erschossene verantwortlich gewesen. "Im Großen Terror hatte die Sowjetführung doppelt so viele Sowjetbürger ermordet wie Juden in Deutschland lebten, aber niemand außerhalb der UdSSR, nicht einmal Hitler, schien begriffen zu haben, dass Massenerschießungen dieser Art möglich waren" (S. 127).

Während die Mehrzahl der Opfer Stalins im Frieden umkam, verübte Hitler seine größten Verbrechen im Krieg. Ließ der kommunistische Diktator hauptsächlich Sowjetbürger töten, so richteten sich die Gewaltmaßnahmen des nationalsozialistischen überwiegend gegen Ausländer.

Mit der Besetzung Polens hätten Hitlers Untaten sich denen Stalins angeglichen. Vom September 1939 bis zum Juni 1941 töteten Deutsche und Russen eine vergleichbare Anzahl von Polen (etwa 100.000), wenngleich mit unterschiedlicher Professionalität. "Während die Deutschen irrtümlich glaubten, sie hätten die polnische Bildungsschicht in ihrem Teil des Landes eliminiert, war dies den Sowjets weitgehend gelungen. Im Generalgouvernement wuchs der polnische Widerstand, dagegen wurden in der Sowjetunion solche Netzwerke rasch zerschlagen und Aktivisten festgenommen, eingesperrt und manchmal hingerichtet" (S. 164).

Nach dem Angriff auf die Sowjetunion habe das Dritte Reich seinen Gegenspieler überholt und sei fortan für nahezu alle politischen Morde in den "Blutländern" verantwortlich gewesen. Zwar sei die "Endlösung" mit etwa 5,4 Millionen Opfern die größte Einzelaktion, doch habe Hitler eine vergleichbare Anzahl Nicht-Juden ermorden lassen.

Trotz ihrer Ungeheuerlichkeit blieben diese Verbrechen noch hinter den Plänen der nationalsozialistischen Führung zurück. Diese sahen vor, im Herbst und Winter 1941 an die dreißig Millionen Sowjetbürger dem Hungertod auszuliefern und nach dem Sieg in den eroberten Ostgebieten weitere 31 bis 45 Millionen Menschen zu eliminieren (Generalplan Ost).

Hinsichtlich der Shoah ist Snyders Hinweis aufschlussreich, dass ebenso viele Juden östlich der Molotow-Ribbentrop-Linie erschossen wie westlich von ihr vergast wurden. Zieht man noch die von Nationalsozialisten und Kommunisten herbeigeführten Hungersnöte in Betracht (denen über 9 Millionen Menschen zum Opfer fielen), wird deutlich, dass die totalitären Massenmorde mit viel primitiven Mitteln durchführbar waren, als ein Blick auf die Gaskammern glauben macht.

Im übrigen seien die meisten Vergasungen nicht in Auschwitz, sondern in den wesentlich tödlicheren Vernichtungslagern der "Aktion Reinhardt" erfolgt. Während Auschwitz von über 100.000 Menschen überlebt wurde, gab es in Belzec, Sobibor und Treblinka bei 1,3 Millionen Deportierten kaum 100 Überlebende.

Erfreulicherweise hat das Bemühen um quantitative Genauigkeit Snyder nicht davon abgehalten, die Erfahrung der Zeitgenossen in die Darstellung einfließen zu lassen. Mit reichlichen Zitaten aus Berichten, Erinnerungen und Tagebucheinträgen von Opfern wie Tätern führt er dem Leser eindrucksvoll vor Augen, dass hinter jeder Zahl ein menschliches Schicksal steht.

Angesichts dieser Leistung wird man es dem Autor nachsehen, dass er weder neue Quellen ausgewertet noch neue Erklärungen oder theoretische Ansätze formuliert hat. Als Zusammenfassung des gegenwärtigen Wissensstandes ist seine Arbeit sehr lesenswert.
Kommentar Kommentare (18) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 19, 2014 10:29 PM MEST


Handbuch der deutschen Geschichte in 24 Bänden. Bd.21: Der Zweite Weltkrieg (1939-1945)
Handbuch der deutschen Geschichte in 24 Bänden. Bd.21: Der Zweite Weltkrieg (1939-1945)
von Bruno Gebhardt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 45,00

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Standardwerk, 17. Mai 2011
Mit diesem Buch erscheint nach langer Zeit wieder eine größere Gesamtdarstellung des Zweiten Weltkrieges aus deutscher Sicht. Es verbindet eine gesellschaftsgeschichtliche Betrachtungsweise mit außerordentlicher Stoffülle und solider militärhistorischer Kompetenz. Neben den Kampfhandlungen berücksichtigt Rolf-Dieter Müller auch den Völkermord an den Juden, die sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen in Deutschland, die Entwicklung von Technik und Wissenschaft, die deutsche Besatzungspolitik, den Widerstand, die Behandlung der alliierten Kriegsgefangenen sowie die Stimmungslage in der deutschen Bevölkerung.

Besonders erfreulich ist, daß dieser weite Horizont nicht auf Kosten der Darstellung der militärischen Operationen und ihres politischen Hintergrundes geht. Alle wichtigen Schlachten und Feldzüge werden präsentiert, im Verlauf knapp umrissen, im Ausgang zuverlässig erklärt, in ihrer Tragweite sicher beurteilt.

Dem Leser wird dabei eindrucksvoll vor Augen geführt, daß der Krieg im Osten mehr umfaßte als den Rückzug vor Moskau und die Schlacht um Stalingrad. Die vielleicht wichtigste Entscheidung war nämlich schon im August 1941 gefallen, als deutlich wurde, daß die Sowjetunion nicht, wie Hitler und die Mehrzahl der deutschen und ausländischen Experten geglaubt hatten, beim ersten Stoß kartenhausähnlich zusammenbrach. In dieser Erwartung gründeten aber sämtliche deutschen Planungen. So ging die Reichführung beispielsweise davon aus, bereits im Herbst 41 eine Million deutscher Soldaten demobilisieren zu können und hatte vor dem Anlaufen von "Barbarossa" den Schwerpunkt der deutschen Rüstungsproduktion auf die Kriegsmarine verlagert, was zur Folge hatte, daß das Reich selbst von Juni bis Dezember 41 weniger Panzer produzierte als die überraschte und am Rande des Abgrundes stehende Sowjetunion. Auch danach kam die Umstellung der Industrie nur schleppend voran. Noch bis 1943 betrieb das Dritte Reich eine weitgehend "friedensähnliche Kriegswirtschaft"!

Andererseits ergab sich daraus zunächst nur das Überleben der Sowjetunion, keineswegs schon zwingend ihr Sieg, nicht einmal nach der Schlacht von Stalingrad. Gerade letztere dürfte - wie Müller erneut herausarbeitet - zu den am meisten überschätzten Ereignissen des 20. Jahrhunderts zählen. Stalingrad war weder die blutigste, noch die schwerste, noch die entscheidende Schlacht des Zweiten Weltkrieges. Die fast zeitgleiche Kapitulation deutscher Truppen in Nordafrika führte zu dreifach größeren Verlusten, und die sowjetische Geschichtsschreibung räumte später mit guten Gründen der Schlacht von Kursk (Juli 1943) einen höheren Stellenwert ein. Die Niederlage der Wehrmacht in Weißrußland im Juni 1944 (Operation "Bagration") degradierte die Schlacht an der Wolga gar zum Mikrokosmos.

Zu den interessantesten Überlegungen Müllers gehört die Vorstellung, der Zweite Weltkrieg sei an der Westfront entschieden worden. Ohne das Eingreifen der USA hätten die Kämpfe im Osten wahrscheinlich in einer Pattsituation geendet, so daß die streitenden Diktatoren sich zu einem Status-quo-Frieden gezwungen gesehen hätten. Die Ereignisse im vorletzten Kriegsjahr belegen diesen Zusammenhang. Nur die Konzentration der gesamten deutschen Reserve im Westen ermöglichte es den Russen, der Wehrmacht im Sommer 1944 das Rückgrat zu brechen.

Daß Müller noch einen Schritt weiter geht, indem er die Rolle Großbritanniens und besonders Churchills als des vermeintlich "härtesten" Gegners Hitlers hervorhebt, kann dagegen nicht überzeugen. Letztlich war England doch zu schwach, um aus eigener Kraft eine zweite Front in Europa zu errichten, und die Vereinigten Staaten wären früher oder später wohl auch ohne britisches Zutun in den Krieg eingetreten.

Aufschlußreich ist Müllers klare Feststellung, die Briten hätten den strategischen Luftkrieg gegen die feindliche Zivilbevölkerung begonnen und am konsequentesten praktiziert. Militärisch erwies er sich als Fehlschlag. Hätten sich die Angriffe auf industrielle und militärische Ziele beschränkt, wäre der Schaden für die deutsche Kriegführung doppelt so hoch gewesen.

Im Ganzen macht diese neue Geschichte des Zweiten Weltkrieges einen gelungenen Eindruck. Zu ihren wenigen Schönheitsfehlern gehört der Umstand, daß es sich überhaupt um eine Darstellung aus deutscher - und damit einer begrenzten - Perspektive handelt. Nur eine konsequent internationale Betrachtungsweise kann dem Zweiten Weltkrieg als einem Geschehen, welches dem ganzen Globus seinen Stempel aufdrückte, gerecht werden.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 9, 2013 9:05 PM CET


Russlands Krieg: 1941 - 1945
Russlands Krieg: 1941 - 1945
von Richard Overy
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,99

32 von 42 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Gut erzählt, wenig erklärt, 9. Mai 2011
Rezension bezieht sich auf: Russlands Krieg: 1941 - 1945 (Taschenbuch)
In der Tradition von John Erickson (The Road to Stalingrad, 1975; The Road to Berlin, 1983) und David Glantz (When Titans Clashed, 1995) erzählt Richard Overy die Geschichte des Zweiten Weltkrieges ein weiteres Mal aus der russischen Perspektive. Das Ergebnis ist eine gut lesbare, auf dem neuesten Stand der Forschung stehende Darstellung, die aber kaum eigene Akzente setzt und wenig erklärt.

Historische Bücher werden erst wirklich interessant, wenn sie nicht nur berichten WAS passierte, sondern auch erklären, WARUM es geschah. Der Leser einer Studie über den deutsch-russischen Krieg wird vor allem die Beantwortung folgender Fragen erwarten können:

- Warum kam der deutsche Vormarsch Ende Juli 1941 für mehrere Wochen zum Stillstand?
- Warum entschied sich Hitler im August 1941 nicht direkt auf Moskau vorzustoßen, sondern zunächst die Ukraine zu erobern?
- Warum scheiterte der deutsche Blitzkrieg gegen die Sowjetunion? Lag es am Einbruch des Winters, an der Größe Rußlands, an der unzulänglichen Motorisierung der Wehrmacht oder an anderen Faktoren? Immerhin hatten außer Hitler auch die meisten westlichen Militärexperten einen schnellen Zusammenbruch Rußlands erwartet.
- Warum konnte die Wehrmacht 1943 keine nennenswerten Siege mehr erkämpfen und sich 1944 nicht einmal erfolgreich verteidigen?
- Warum gelangen der Roten Armee nach Stalingrad kaum noch größere Umfassungsoperationen?
- Warum hatte die Rote Armee auch in der Schlußphase des Krieges noch erschreckend hohe Verluste, viel höhere als die Wehrmacht in der Anfangsphase?
- Warum konnte die Sowjetunion in jedem Jahr des Krieges mehr Panzer, Flugzeuge und Artillerie produzieren als das Deutsche Reich, obwohl die industrielle Kapazität Deutschlands größer war?
- Wie entwickelte sich das personelle und materielle Kräfteverhältnis Deutschlands und Rußlands im Laufe des Krieges?
- Wie sahen die Strategien der beiden Kriegsparteien Jahr für Jahr aus, und in welchem Maße konnten sie umgesetzt werden?
- Welche militärischen Fehler haben beide Seiten aus heutiger Sicht begangen? Wie hätten sie effektiver vorgehen können?
- Warum gelang es der Sowjetunion die Wehrmacht zurückzuschlagen, während das Zarenreich im Ersten Weltkrieg zusammengebrochen war?
- War die deutsche Niederlage von vornherein unvermeidlich?

Diese Fragen und viele andere läßt Overy offen. Der Nutzen seiner Geschichte des östlichen Kriegsschauplatzes wird dadurch erheblich gemindert. Symptomatisch für das Buch ist der Epilog, in dem einer der wenigen ausdrücklichen Erklärungsversuche auftaucht. Dort heißt es, angesichts der allgemeinen Gegebenheiten im Juni 1941 hätte Deutschland den Krieg gegen die Sowjetunion eigentlich gewinnen müssen. Die Herausforderung des Historikers, fährt Overy fort, bestehe nun gerade darin, zu erklären, warum es anders gekommen sei. Um dies zu leisten, führt er vier Faktoren an: Die Führungskraft Stalins, die Effektivität des planwirtschaftlichen Systems in Kriegszeiten, den Patriotismus der Bevölkerung, sowie einen vorübergehend in der sowjetischen Gesellschaft aufgetretenen Geist von Initiative und Verantwortungsbewußtsein. WARUM diese Faktoren für den Sieg Rußlands ausreichten und was sie im Einzelnen bedeuten, wird nicht weiter erläutert. Keiner der Faktoren wird durch präzise Daten differenziert oder durch historische Vergleiche konkretisiert.

Wer lediglich eine flüssig geschriebene Zusammenfassung der wichtigsten Vorgänge an der Ostfront sucht, trifft mit Overys Buch eine gute Wahl. Wer aber darüber hinaus den Verlauf des Krieges VERSTEHEN möchte, muß sich nach anderer Literatur umsehen.
Kommentar Kommentare (9) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 18, 2013 10:18 AM CET


Geschichte der Kriegskunst: Das Mittelalter, Die Neuzeit, Das Altertum, Die Germanen
Geschichte der Kriegskunst: Das Mittelalter, Die Neuzeit, Das Altertum, Die Germanen
von Hans Delbrück
  Gebundene Ausgabe

32 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Revolutionär und unübertroffen, 28. April 2011
Hans Delbrücks Geschichte der Kriegskunst ist heute noch so innovativ und modern wie bei ihrem Erscheinen vor über achtzig Jahren. Mit erstaunlichem Nachdruck macht dieses Werk deutlich, daß die Wissenschaftsgeschichte nicht gradlinig verläuft. Manchmal gehen wichtige Erkenntnisse verloren und müssen von späteren Generationen mühsam wiedergewonnen werden.

Anders als viele heutige Historiker wußte Delbrück nicht nur theoretisch, daß Armeen als soziale Organisationen in den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen ihrer Zeit wurzeln, sondern brachte diesen Zusammenhang auch auf Schritt und Tritt in seiner Darstellung zur Geltung. Warum griechische Phalanx und römische Legion ohne den antiken Stadtstaat undenkbar gewesen wären, die mittelalterlichen Ritteraufgebote aber den Feudalismus und die neuzeitliche Infanterie der Schweizer unabhängige Gemeinden bäuerlicher Bergbewohner voraussetzten, wird in keiner anderen Militärgeschichte so eindringlich herausgearbeitet.

Dieser ganzheitliche Zugriff, die Fähigkeit, eine Heeresorganisation in ihrem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang zu sehen, erlaubte es Delbrück, tiefe strukturelle Veränderungen in der Kriegsgeschichte weit besser zu erklären als die meisten seiner Vorgänger und Nachfolger. So konnte er zeigen, daß die klassische römische Armee, jene Institution, der die Stadt am Tiber ihre Weltherrschaft verdankte, in der großen Krise des dritten Jahrhunderts n. Chr. zugrunde ging. Danach verteidigte sich das Reich zwar noch mühsam mit germanischen Söldnern, aber sein Untergang war lediglich eine Frage der Zeit. Die Völkerwanderung war also nicht der Höhepunkt des Kampfes von Römern und Germanen, sondern eine Auseinandersetzung der Germanen untereinander - der von außen eindringenden gegen solche, die in römischen Diensten standen. Nirgends konnte ich bislang eine überzeugendere Erklärung für den Fall des Römischen Reiches finden.

Schonungslos räumt Delbrück mit dem Mythos auf, die Niederlage des Rittertums am Ende des Mittelalters verdanke sich den aufkommenden Feuerwaffen. In den Burgunderkriegen, der entscheidenden Auseinandersetzung der alten Ritteraufgebote mit der neuen Infanterie der Schweizer, wurden die Feuerwaffen vielmehr auf Seiten der Burgunder eingesetzt und konnten den Untergang des Rittertums nicht verhindern. Das Rittertum verschwand nicht wegen, sondern trotz der Feuerwaffen. Die militärische Revolution der Neuzeit ging von einer taktischen Innovation aus, nicht von einer neuen Technologie.

Generationen späterer Historiker scheinen von diesen Zusammenhängen nie gehört zu haben. In ihren Augen ist die Militärgeschichte nach wie vor ein Unterkapitel der Technikgeschichte. Man vergleiche nur die einschlägigen Darstellungen W. H. McNeills (Krieg und Macht. Militär, Wirtschaft und Gesellschaft vom Altertum bis heute. München 1984), John Keegans (Die Kultur des Krieges. Reinbek 1997), Azar Gats (War in Human Civilization. New York 2006) oder G. Parkers (Die militärische Revolution. Die Kriegskunst und der Aufstieg des Westens 1500-1800. Frankfurt 1990). Delbrücks Einsichten machen deutlich, warum kriegshistorische Forschungen keine Liebhaberei, sondern zum Verständnis der allgemeinen Geschichte unverzichtbar sind.

Mit der Unterscheidung zwischen zwei grundlegend verschiedenen Formen der Kriegsführung - der Niederwerfungs- und der Ermattungsstrategie - gelang es Delbrück, die Wechselwirkung von Krieg und Politik auf neuartige Weise auszuleuchten. Während der Niederwerfungsstratege versuche, den Gegner militärisch auszuschalten, um ihm dann die Friedensbedingungen zu diktieren, begnüge sich der Ermattungsstratege mit Teilerfolgen, die ihm als Druckmittel für einen vorteilhaften Verständigungsfrieden dienten.

Welche der beiden Strategien sinnvoll sei, hänge vom Kräfteverhältnis, den allgemeinen Bedingungen der Zeit sowie dem politischen Ziel ab. Daher dürfe man die Ermattungsstrategie nicht für eine minderwertige Form der Kriegsführung halten. Perikles, Hannibal und Friedrich der Große, die in richtiger Einschätzung ihrer Möglichkeiten nur begrenzte Erfolge anstrebten, seien keine schlechteren Feldherren als Caesar oder Napoleon gewesen, die in der Regel den Entscheidungssieg suchten.

Ein weiterer zentraler Gesichtspunkt, der Delbrücks Werk durchzieht und seine enorme Stoffülle übersichtlich macht, ist die Entwicklung des "taktischen Körpers", die von der antiken Phalanx über den Gevierthaufen der Schweizer bis zur Lineartaktik des Siebenjährigen Krieges nachgezeichnet wird. Durchgehend bestätigt sich dabei die sekundäre Rolle von Technik und Bewaffnung in der Kriegsgeschichte.

Delbrücks wichtigste methodische Neuerung war die "Sachkritik". Im Unterschied zur traditionellen Quellenkritik, der es nur um die Überprüfung von Parteilichkeit und innerer Logik der Überlieferung geht, sollte die Sachkritik darüber hinaus die reale Möglichkeit der Quellenangaben untersuchen. Ein Beispiel: Herodot beziffert das Perserheer auf über vier Millionen Mann. Können die Perser im 5. Jh. vor Chr. ein solches Heer einheitlich bewegt und verpflegt haben, wenn Napoleon später mit all den Hilfsmitteln seiner Zeit schon daran scheiterte, nur 600.000 Soldaten in Rußland zu versorgen? (Man kann den Gedankengang fortsetzen: Die Wehrmacht geriet trotz Eisenbahn, LKWs und Flugzeugen in erhebliche logistische Schwierigkeiten als sie die Sowjetunion mit etwa drei Millionen Mann angriff).

Ausgehend von derartigen Überlegungen schritt Delbrück zu einer gründlichen Revision der überlieferten Zahlenangaben. Die Perser waren zahlenmäßig nicht stärker, sondern schwächer als die Griechen. Alexander der Große wie auch Cäsar konnten sich in jeder ihrer Schlachten auf die eigene numerische Überlegenheit verlassen. Die Germanenheere, die das Römische Reich eroberten, zählten kaum mehr als 10-15.000 Mann, usw.

Indem er seine realistische Korrektur der Heereszahlen durch eine gründliche Berücksichtigung topographischer, organisatorischer, psychischer und politischer Gegebenheiten ergänzte, gelangen Delbrück Rekonstruktionen von Schlachten und Feldzügen, die bis heute mustergültig sind. Vergleicht man damit die teilweise kritiklose Hinnahme auch absurdester Quellenangaben in den Arbeiten neuerer Historiker (siehe z. B. John Keegans Darstellung der Schlacht von Azincourt in seinem Buch: Das Antlitz des Krieges. Düsseldorf 1978), kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß noch viel Zeit vergehen dürfte, bis die Militärgeschichtsschreibung wieder das Niveau Delbrücks erreicht haben wird.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 11, 2012 10:34 AM CET


Die Zukunft der Physik: Probleme der String-Theorie und wie es weitergeht
Die Zukunft der Physik: Probleme der String-Theorie und wie es weitergeht
von Lee Smolin
  Gebundene Ausgabe

14 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Elend der Stringtheorie, 30. November 2010
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Glaubt man dem amerikanischen Physiker Lee Smolin, befindet sich sein Fachgebiet in einer tiefen Krise. Smolin zufolge hat die theoretische Physik seit fast 40 Jahren keine Fortschritte mehr gemacht. Ein Symptom dieser Krise sei die Stringtheorie. In ihr bündelten sich alle Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte.

"Zweihundert Jahre lang, bis in die Gegenwart, hat unser Verständnis der Naturgesetze rapide zugenommen. Doch heute sind wir, trotz größter Anstrengungen, in Hinblick auf das, was wir über diese Gesetze mit Sicherheit wissen, keinen Schritt weiter als in den Siebzigerjahren. ... Selbst wenn wir mehr als zweihundert Jahre zurückblicken, in eine Zeit, als die naturwissenschaftliche Forschung überwiegend von wohlhabenden Amateuren betrieben wurde, hat es so etwas nicht gegeben. Zumindest seit Ende des 18. Jahrhunderts sind in wichtigen Fragen alle 25 Jahre bedeutende Fortschritte erzielt worden" (S. 8).

Schonungslos räumt Smolin die persönliche Niederlage ein, für ihn mit dieser Einsicht verbunden ist. "Ich gehöre zur ersten Generation der Physiker, die ihre Ausbildung nach Entwicklung des Standardmodells der Teilchenphysik erhielten. Wenn ich alte Freunde aus College- oder Unizeiten treffe, fragen wir uns gelegentlich, 'Was haben wir entdeckt, worauf unsere Generation stolz sein könnte?' In Hinblick auf neue grundlegende Entdeckungen, durch Experimente bestätigt und durch Theorien erklärt ..., muss unsere Antwort lauten: 'NICHTS'" (S. 12).

Die Hoffnung der Forscher auf eine Revision dieser niederdrückenden Bilanz richte sich gegenwärtig vor allem auf ein Projekt: die Stringtheorie. Nach bescheidenen Anfängen habe sie in den achtziger Jahren einen rasanten Aufschwung erlebt und dominiere inzwischen die theoretische Physik. Mit der Annahme fadenartiger Strukturen, die um viele Größenordnungen kleiner seien als Atome, hofften die String-Theoretiker die Naturkräfte und Elementarteilchen zu vereinheitlichen und die grundlegenden Fragen der Physik einer Lösung näherzubringen.

Um seinen Lesern ein Urteil über die Aussichten der Stringtheorie zu ermöglichen, skizziert Smolin im Mittelteil seines Buches zunächst ihre Geschichte und gibt anschließend einen Überblick über ihren derzeitigen Zustand. Das Resultat seiner Ausführungen ist ernüchternd.

Wie sich herausstellt, kann von einer wirklichen "Theorie" nicht die Rede sein. "Was wir tatsächlich haben, ist überhaupt keine Theorie, sondern eine große Ansammlung von Näherungsrechnungen sowie ein Netz von Annahmen, die, wenn sie wahr sind, auf die Existenz einer Theorie hindeuten. Doch diese Theorie ist niemals wirklich niedergeschrieben worden. Wir wissen nicht, was ihre Grundprinzipien sind. Wir wissen nicht, in welcher mathematischen Sprache sie auszudrücken wäre - vielleicht müsste sogar eine neue erfunden werden, um diese Theorie zu beschreiben. Da es sowohl an den Grundprinzipien wie an der mathematischen Formulierung fehlt, können wir noch nicht einmal wissen, was die Stringtheorie eigentlich behauptet" (S. 16).

Der Nobelpreisträger Gerard 't Hooft hat ein eindrucksvolles Bild für diese Situation gefunden: "Stellen Sie sich vor, ich gebe Ihnen einen Stuhl und erkläre Ihnen gleichzeitig, dass die Beine noch fehlen und der Sitz, die Rücken- und die Armlehnen vielleicht schon bald geliefert werden. Egal, was ich Ihnen da gegeben habe, darf ich es noch einen Stuhl nennen?" (S. 17).

Diese Feststellungen verblüffen. Unwillkürlich fragt man sich, was die String-Leute eigentlich machen, wenn sie nach 35-jähriger Forschung nicht einmal eine Theorie vorweisen können. Smolin gibt eine aufschlussreiche Beschreibung ihrer Arbeitsweise:

"1. Sie vermuten, dass es eine allgemeine Formulierung der Stringtheorie gibt und dass sie durch unbekannte Prinzipien und unbekannte Gleichungen definiert wird. ...

2. Dann entwickeln sie Gleichungen, von denen sie vermuten, dass sie Näherungen an die richtigen Gleichungen der unbekannten Theorie darstellen. ...

3. Im Falle jeder dieser Näherungsgleichungen vermuten sie die Existenz einer Stringtheorie, auch wenn sie diese nicht explizit entwickeln können" (S. 253).

Smolin zufolge ist dieses Vorgehen längst an seine Grenzen gestoßen. Der entscheidende Testfall habe sich Ende der neunziger Jahre ereignet. Bis dahin nahmen alle String-Physiker an, die kosmologische Konstante (von der die Ausdehnung des Universums abhängt) sei negativ oder liege bei Null. Als 1998 entdeckt wurde, dass die Ausdehnung des Universums sich beschleunigt, die kosmologische Konstante also positiv sein muss, hätte dies als empirische Widerlegung der String-"Theorie" gewertet werden müssen.

Indessen hätten die String-Physiker, statt sich nun anderen Projekten zuzuwenden, einfach ihre Berechnungen revidiert, so dass sie mit einer positiven kosmologischen Konstante vereinbar wurden. Der Preis, den sie dafür zahlten, war erheblich. Die neuen Berechnungen hätten die Zahl möglicher String-"Theorien" um astronomische Größenordnungen erhöht. Gegenwärtig müsse von bis zu 10 hoch 500 verschiedenen Versionen ausgegangen werden, was mehr sei als die Zahl der Atome im Universum.

Der neutrale Beobachter könne darin nur noch eine "reductio ad absurdum" der String-"Theorie" erblicken, zumal niemand wisse, ob die Gleichungen dieser 10 hoch 500 Versionen endlich und damit physikalisch sinnvoll seien.

Selbst wenn sich ihre Endlichkeit demonstrieren ließe, wäre offen, ob sie etwas mit der Realität zu tun hätten. Schließlich gebe es bislang nicht den geringsten empirischen Beleg für die String-"Theorie", obwohl über tausend der talentiertesten Forscher der Welt sich jahrzehntelang mit ihr beschäftigt hätten. Zumindest in dieser Hinsicht sei das Projekt einzigartig. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts habe sich noch kein physikalischer Ansatz länger als 10 Jahre behaupten können, ohne durch Erfahrung bestätigt zu werden (S. 249).

Aus Smolins Sicht markiert diese Entwicklung nicht allein das Scheitern der String-"Theorie", sondern einer ganzen Forschungstradition. "Das Standardmodell der Teilchenphysik war der Triumph einer bestimmten Art wissenschaftlicher Forschung, die sich in den Vierzigerjahren in der Physik etablierte. Dieser Stil ist pragmatisch und nüchtern und setzt eher auf mathematische Virtuosität als auf die Fähigkeit, schwierige begriffliche Probleme konsequent zu durchdenken. Diese Vorgehensweise unterscheidet sich grundlegend von der Art, wie Albert Einstein, Niels Bohr, Werner Heisenberg, Erwin Schrödinger und die anderen Revolutionäre zu Anfang des 20. Jahrhunderts ihre Forschung betrieben. Ihre Arbeit erwuchs aus intensivem Nachdenken über die fundamentalen Fragen von Raum, Zeit und Materie, und sie verstanden ihre Tätigkeit als Teil einer umfassenderen philosophischen Tradition, in der sie zu Hause waren" (S. 27).

Nach siebzigjähriger Dominanz der "Handwerker" sieht Smolin wieder die Zeit der "Seher" gekommen. Nur philosophisch orientierte Denker wie Einstein oder Bohr könnten die Physik aus ihrer Sackgasse herausführen.

Leider gibt diese Einschätzung eher Grund zum Pessimismus. Da der derzeitige Wissenschaftsbetrieb ganz auf nüchterne Pragmatiker zugeschnitten ist, wird der nächste Einstein wohl noch lange auf sich warten lassen.

Immerhin können wir uns bis dahin mit dem Buch Lee Smolins trösten. Eine bessere Behandlung dieses Themas dürfte es in absehbarer Zeit kaum geben.


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