Fashion Sale Hier klicken Strandspielzeug reduziertemalbuecher Cloud Drive Photos Inspiration Shop Learn More HI_PROJECT Hier klicken Fire Shop Kindle PrimeMusic Summer Sale 16
Profil für Lucullus > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Lucullus
Top-Rezensenten Rang: 7.762
Hilfreiche Bewertungen: 3001

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Lucullus (Deutschland)

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8
pixel
Wie Adolf Hitler zum Nazi wurde: Vom unpolitischen Soldaten zum Autor von "Mein Kampf"
Wie Adolf Hitler zum Nazi wurde: Vom unpolitischen Soldaten zum Autor von "Mein Kampf"
von Thomas Weber
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Vom Gefreiten zum Führer, 10. Juli 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Obwohl Hitlers Leben gründlich erforscht ist, scheinen wir immer noch nicht zu wissen, was den Mann aus Braunau eigentlich "antrieb". Pauschale Erklärungen wie "Rassismus" oder "Antisemitismus" sind so verbreitet wie nichtssagend. Der deutsche Historiker Thomas Weber, bereits bekannt durch ein Buch über Hitlers Soldatenkarriere im Ersten Weltkrieg (Hitlers erster Krieg. Berlin 2011), hat nun versucht, diesem Mangel durch eine neue Rekonstruktion der geistigen und politischen Entwicklung des nationalsozialistischen Führers abzuhelfen.

Im Anschluss an Brigitte Hamann (Hitlers Wien. München 1996) und Anton Joachimstaler (Hitlers Weg begann in München 1913-1923. München 2000) weist Weber die Auskünfte, die Hitler in "Mein Kampf" über seinen Lebensweg gibt, in wichtigen Punkten zurück. Als der "böhmische Gefreite" aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrte, sei er zwar ein entschiedener pangermanischer Nationalist gewesen (S. 113; S. 193), habe aber zugleich Sympathien für die Revolution und die SPD gehabt (S. 82; S. 117). Um nicht aus dem Militärdienst entlassen zu werden, ließ Hitler sich sogar zum "Vertrauensmann" seiner Kompanie wählen (S. 82), womit er die Räterepublik zumindest indirekt unterstützte. Da er ihre Ideale aber nicht teilte (S. 139), sei es ihm leichtgefallen, sich nach ihrer Niederschlagung den neuen Machthabern anzudienen.

Seine entscheidende politische Prägung habe Hitler am 9. Juli 1919 erhalten, dem Tag, an dem Deutschland den Versailler Vertrag ratifizierte. Wie viele Deutsche habe auch Hitler sich bis dahin in der Illusion gewogen, es werde einen Friedensschluss ohne Sieger und Besiegte geben (S. 167). Erst am 9. Juli habe er begriffen, dass Deutschland den Krieg tatsächlich verloren hatte. "Das war Hitlers Damaskuserlebnis. Es war ihm nicht in seiner Zeit in Wien widerfahren, nicht in den Kriegsjahren, nicht in der Zeit des revolutionären Umbruchs ... Es resultierte vielmehr aus der verspäteten Erkenntnis der deutschen Niederlage im postrevolutionären München. Das war der Moment, in dem Hitlers politische Metamorphose und Radikalisierung einsetzten" (S. 164).

Aus der Erfahrung der Niederlage sei für Hitler das Problem erwachsen, das ihn ein Leben lang beschäftigen sollte: Warum hatte das Reich den Ersten Weltkrieg verloren, wie konnte dieser Schicksalsschlag rückgängig gemacht werden und was war zu tun, damit Deutschland nie wieder eine Niederlage erlitt? (S. 165; S. 207; S. 267; S. 420)

Hitlers Weltanschauung müsse als der großangelegte Versuch verstanden werden, dieses Problem zu lösen. Die Ideen, die ihm dabei behilflich sein konnten, habe der Mann aus Braunau zum großen Teil durch Lektüre aufgenommen. "Seit seiner Kindheit im ländlichen Österreich war Lesen seine Leidenschaft. ... Seine Vorlieben galten der Geschichte, militärischen Themen, der Kunst, Architektur, Technologie und Ingenieurswissenschaft, in gewissem Maße auch der Philosophie, vor allem aber auch Lexikonartikeln" (S. 363).

Obwohl Hitler in gewissen Grenzen einen "sokratischen Dialog" mit den Autoren pflegte, die er las (S. 366), habe er überwiegend nach Bestätigung für seine im Entstehen begriffenen Vorstellungen gesucht (S. 365). Er habe also nicht wie ein Schwamm alles aufgesaugt, was ihm unterkam (S. 173). Als Beleg dafür könne der Propagandalehrgang dienen, den er im Juli 1919 im Auftrag seines Regimentskommandeurs besuchte. Dass der künftige Diktator sich dort für Gottfried Feders Aufruf zur "Brechung der Zinsknechtschaft" begeisterte, den Ausführungen Walter Hausmanns über die Herstellung des Weltfriedens durch wirtschaftliche Reformen hingegen nichts abgewann (S. 153), zeige, dass Hitler nicht einfach als "typisches Produkt" der Ideen seiner Umgebung aufgefasst werden könne (S. 152).

Zwar habe Hitler die meisten Elemente seiner Weltanschauung von anderen übernommen, sie aber ausgehend von seiner eigenen Problemstellung in einer neuen und originellen Kombination miteinander verbunden (S. 208).

Sowohl der Antisemitismus als auch der Antibolschewismus und die Rassenlehre seien in diesem Konstrukt sekundär gewesen. Hitler habe sich erst gegen die Juden gewandt, als er die Überzeugung gewann, das von ihnen kontrollierte internationale Finanzkapital sei die wichtigste Ursache für Deutschlands Schwäche (S. 207). Selbst dann habe er seine antisemitischen Parolen zunächst vielleicht nur metaphorisch gemeint (S. 253; S. 278; S. 281 ff.; S. 351).

Den Bolschewismus habe Hitler nicht als eigenständige Gefahr, sondern als Instrument des jüdischen Kapitalismus betrachtet (S. 268; S. 330), während ihn die Rassenlehre bis zur Abfassung von "Mein Kampf" kaum interessierte (S. 360).

Außenpolitisch habe Hitler die Hauptfeinde Deutschlands zunächst in Großbritannien und den USA gesehen und ein Bündnis mit Russland angestrebt, das seiner Erwartung nach bald wieder eine rechte Regierung haben würde (S. 328).

Als die kommunistische Herrschaft den Tod Lenins im Februar 1924 überstand und Hitler einsehen musste, dass sein außenpolitisches Konzept gescheitert war, habe er einen radikalen Schwenk vollzogen: Den Rückhalt im Kampf gegen die angelsächsischen Großmächte hoffte er nun nicht mehr durch ein Bündnis mit Russland, sondern durch dessen Eroberung zu gewinnen (S. 421). Erst jetzt habe Hitler angefangen, von Lebensraum zu reden und sich ernsthaft für die Rassentheorie (S. 422) und den Darwinismus (S. 364) zu interessieren. Mit der Aufnahme dieser geistigen Bausteine sei seine weltanschauliche Entwicklung zum Abschluss gekommen.

Dass Hitler die Möglichkeit erhielt, seine Gedanken die Tat umzusetzen, führt Weber in hohem Maße auf seine propagandistische Begabung zurück, die nicht nur in der Form, sondern auch im Inhalt seiner Reden zum Ausdruck kam. Auf die Zeitgenossen habe der nationalsozialistische Demagoge authentischer gewirkt als andere Agitatoren, da er sich als ehemaliger Soldat und Arbeiter präsentierte, also als ein Mann, der aus dem Volk kam (S. 223).

Außerdem habe er konsequent an den Idealismus seiner Zuhörer appelliert. "Hitler predigte Zerstörung als Mittel zum Zweck und beschrieb seine Ziele stets mit positiven Begriffen. Es war dieses Versprechen von der 'Sonne der Freiheit', das Hitler für eine Generation idealistischer junger Deutscher attraktiv machte'' (S. 305).

Zugleich habe Hitler es verstanden "sich auch Leuten mit gegensätzlichen politischen Ansichten so zu präsentieren, dass sie glaubten, mit ihm einer Meinung zu sein" (S. 391). All diese Faktoren hätten bewirkt, dass Hitlers Reden schon 1920 die treibende Kraft für die NSDAP waren (S. 299).

Auch die politischen Fähigkeiten des Demagogen seien nicht zu unterschätzen. Im Frühjahr 1919 habe Hitler als Vertrauensmann seiner Kompanie erkannt, "dass er das Potential zum Anführer hatte. Wahrscheinlich war Hitler sich seiner Führungsqualitäten bis dahin gar nicht bewusst gewesen und war nun selbst überrascht, wie gut er darin war und wie schnell er dazulernte. ... Fast über Nacht verwandelte sich Hitler vom ungeschickten, doch wohlgelittenen Einzelgänger, in dem niemand Führungsqualitäten vermutet hatte, zum künftigen Anführer" (S. 86).

Zudem habe Hitler einen herausragenden Instinkt besessen, der es ihm ermöglichte, die "schwierigste Aufgabe in der Politik" zu bewältigen: "mit der Ungewissheit bei Entscheidungen umzugehen und zu handeln, ohne eine Situation genau zu kennen. ... So war er äußerst flexibel und konnte unvorhergesehene und nicht geplante Situationen zu seinem Vorteil wenden" (S. 350).

Darüber hinaus "entwickelte Hitler ein außerordentliches Gefühl für den richtigen Zeitpunkt in der Politik" (S. 350).

Dennoch sei der Erfolg des braunen Demagogen alles andere als zwangsläufig gewesen. Bei nur geringfügig anderen Bedingungen, etwa einem günstigeren Friedensvertrag oder der Beibehaltung der Monarchie in Bayern (S. 42 ff.), wären seine Bemühungen an die Macht zu gelangen, mit großer Wahrscheinlichkeit gescheitert.

Einer der Vorzüge von Webers Buch ist die Aufmerksamkeit, die Nebenfiguren zuteil wird. Über Hauptmann Karl Mayr, Hitlers zeitweiligen Mentor und Max Erwin von Scheubner-Richter, einen wichtigen Weggefährten, ist hier mehr zu erfahren als in allen früheren Publikationen über Hitler.

Zu den Schwächen der Arbeit gehört vor allem die Einschätzung von Hitlers Antisemitismus. Ob der spätere Diktator schon in den zwanziger Jahren die Ermordung der Juden beabsichtigte, sei nicht zu entscheiden, meint Weber, weil niemand in Hitlers Kopf schauen könne (S. 279). Nun muss der Historiker aber nicht in den Kopf eines Menschen schauen, um dessen Standpunkt zu beurteilen. In vielen Fällen genügt es, die Quellen auszuwerten. Im Falle Hitlers bedeutet das, sein Denken unter Berücksichtigung aller überlieferten Äußerungen umfassend zu rekonstruieren. Da Weber darauf verzichtet, ist von vornherein zu erwarten, dass er wichtige Fragen offen lassen muss, was aber nicht bedeutet, dass sie unbeantwortbar sind.

Webers Vermutung, Hitler sei im Laufe der Zeit radikaler geworden, weil er feststellte, dass extreme Parolen besonders viel Beifall erhielten (S. 284; S. 303), ist nicht neu. Der Gedanke findet sich schon bei Martin Broszat (Nach Hitler. München 1987, S. 62). Aber es handelt sich um reine Spekulation. Stichhaltige Belege dafür kann Weber nicht anführen.

Webers Behauptung, Hitler habe sich zu Beginn seiner Laufbahn nur aus Koketterie als "Trommler" bezeichnet, tatsächlich aber schon sehr früh für den kommenden Führer gehalten, hat wenig für sich. Die Quellenbelege, die Albrecht Tyrell zusammengetragen hat (Vom »Trommler« zum »Führer«. München 1975), sprechen dafür, den Wandel von Hitlers Selbstverständnis erst nach seinem Putschversuch anzusetzen. Bedauerlicherweise geht Weber auf Tyrells Schrift gar nicht ein, sie taucht nicht einmal im Literaturverzeichnis auf.

Trotz dieser Bedenken gehört Webers Buch zu den aufschlussreichsten zeitgeschichtlichen Publikationen der letzten Jahre. Es bietet eine Fülle an neuen Informationen und ist noch dazu anschaulich und spannend geschrieben.


Weltordnung
Weltordnung
von Henry A. Kissinger
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Über die Unwahrscheinlichkeit einer Weltordnung, 31. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: Weltordnung (Gebundene Ausgabe)
Mit über neunzig Jahren hat Henry Kissinger in "Weltordnung" die Summe seines außenpolitischen Denkens vorgelegt. Wie alle Publikationen des ehemaligen Ministers verbindet das Werk profunde historische Gelehrsamkeit mit einem glänzenden Stil. Die Zukunftsaussichten, die es eröffnet, sind jedoch düster.

Kissinger zufolge stehen die heutigen Staatsmänner vor der Herausforderung, die erste Weltordnung der Geschichte zu konstruieren. Alle bisherigen Mechanismen zur Regelung des zwischenstaatlichen Verhaltens hätten nur regionale Reichweite gehabt. Damit könne sich die Menschheit indessen nicht mehr begnügen, da der wachsenden wirtschaftlichen Verflechtung der Welt ihre anhaltende politische Fragmentierung gegenüberstehe. Hinzu kämen die Ausbreitung von Massenvernichtungswaffen, das Aufkommen revolutionärer Technologien und die Auflösung von Staaten. Diese Bedingungen drohten zu Chaos und gefährlichen Machtkämpfen zu führen, wenn es nicht gelinge, ein System von Regeln zu entwickeln, dem sich alle Völker verpflichtet fühlten.

Um zu ermitteln, wie solche Regeln aussehen könnten, wirft Kissinger einen Blick auf die geistigen Traditionen der wichtigsten Regionen der Welt. Die Prüfung des politischen Denkens Europas, des islamischen Raumes, Chinas und der Vereinigten Staaten führt ihn zu dem Schluss, dass der Versuch eine Weltordnung zu errichten, nur an die europäische Geschichte anknüpfen könne. Das im Westfälischen Frieden entwickelte Modell internationaler Politik besitze nämlich zwei entscheidende Vorteile: Es setze keine übermächtige Hegemonialmacht voraus, und es beruhe auf Prinzipien, die gegenwärtig allgemein akzeptiert seien.

Die Betrachtung des Staates als Grundeinheit der internationalen Politik, die Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten fremder Staaten sowie das Streben nach einem Gleichgewicht der Mächte seien nach 1648 zu Angelpunkten erst der europäischen und später der weltweiten Diplomatie geworden.

Doch obwohl das "Westfälische System" einen beträchtlichen Fortschritt gegenüber der Zeit der Religionskriege darstellte, habe es Kriege nur einschränken, nicht beseitigen können. Den Höhepunkt der europäischen Staatskunst sieht Kissinger daher im Wiener Kongress, der eine internationale Ordnung geschaffen habe, die das Jahrhundert nach 1815 zum friedlichsten der europäischen Geschichte werden ließ.

Das Geheimnis dieses Erfolges liege in der Verbindung von Macht und Legitimität. Die Schöpfer der Wiener Friedensordnung hätten es verstanden, die westfälischen Regeln mit einer übergreifenden politischen Konzeption zu verbinden, der alle Großmächte zustimmen konnten.

Während sich das westfälische Erbe in der Wiederherstellung des europäischen Gleichgewichts durch die Aufnahme Frankreichs in das Konzert der Großmächte, die territoriale Neuordnung der deutschen Staaten und die Gründung des deutschen Bundes niederschlug, habe das spezifisch Neue des Wiener Friedens in der vom Zaren Alexander I. inspirierten Heiligen Allianz bestanden, die ein Verständnis von politischer Legitimität zum Ausdruck brachte, das den meisten damaligen Staatsmännern zusagte.

Das Gleichgewicht der Mächte habe dafür gesorgt, dass der Versuch einer gewaltsamen Änderung der internationalen Ordnung allen Regierungen als zu riskant erschien. Die gemeinsamen Überzeugungen hätten sichergestellt, dass sie diese Ordnung als gerecht betrachteten und Interessenkonflikte friedlich lösen konnten. So habe der Wiener Friede die Beziehungen der europäischen Staaten auf ein stabiles Fundament gestellt, ohne Wandel auszuschließen.

Kissinger sieht in dieser Leistung ein leuchtendes Vorbild für die Gegenwart. Wenn es gelinge, die Wiener Synthese von Idealismus und Realismus, von Stabilität und Flexibilität unter modernen Bedingungen und auf globaler Ebene zu wiederholen, dürften wir optimistisch in die Zukunft blicken.

Freilich seien die Hindernisse beachtlich. Eine Weltordnung setze regionale Ordnungen voraus. Diese bestünden gegenwärtig aber weder in Europa, noch im Nahen Osten, noch in Asien, den Schlüsselregionen unserer Zeit. Während den europäischen Staaten das militärische Instrumentarium fehle, um ihre gemeinsamen Werte zu schützen, mangele es in Asien an verbindenden Idealen. Am bedenklichsten sei die Situation im Nahen Osten, wo sowohl um das angemessene Verständnis von Legitimität als auch um das machtpolitische Gleichgewicht gerungen werde.

Schlimmer noch: Selbst die begrenzte Stabilität, die bislang in diesen Regionen existierte, müsse in hohem Maße auf das Engagement der Vereinigten Staaten zurückgeführt werden. Amerika werde in Zukunft jedoch nicht mehr dieselbe Rolle spielen können wie in den letzten Jahrzehnten. So müsse in allen drei Regionen eher mit der Zunahme von Konflikten als mit der Herausbildung von Ordnung gerechnet werden.

Zudem bestehe die Gefahr, dass sich in den Schlüsselregionen der Welt unterschiedliche politische Ideale durchsetzten. Wie aber sollte sich ein islamistisch legitimierter Naher Osten mit dem demokratischen Europa oder dem westfälisch ausgerichteten Ostasien vertragen? Die Befriedung einer Region könne zum Ausgangspunkt für umso heftigere Konflikte mit anderen Regionen werden.

Niemand weiß besser als Kissinger, dass diese Gegebenheiten die Entstehung einer Weltordnung in absehbarer Zeit unwahrscheinlich machen. Warum wird er dann nicht müde, sie zu beschwören? Die Antwort dürfte mit einer Feststellung zusammenhängen, die in dem Buch auffällig oft wiederkehrt: Die Bevölkerung der Vereinigten Staaten unterstütze außenpolitische Anstrengungen nur, wenn sie unter Berufung auf Freiheit und Demokratie erfolgten. Leider sind diese Ideale, so lässt Kissinger immer wieder durchblicken, in den meisten Regionen der Welt nur begrenzt umsetzbar. Orientiere sich die amerikanische Außenpolitik zu sehr an ihnen, laufe sie Gefahr, schmerzliche Rückschläge zu erleiden, die in der Bevölkerung den Ruf nach einem Rückzug aus Krisengebieten wecken könnten.

Zu viel Idealismus sei daher ebenso gefährlich wie zu wenig. Beides drohe zur außenpolitischen Lähmung der Vereinigten Staaten zu führen. Für Kissinger kommt es unter diesen Umständen darauf an, die amerikanischen Ideale in ein Konzept einzubinden, das machtpolitischen Realitäten Rechnung trägt. So kann ihre Motivationskraft ausgenutzt werden, während ihre schädliche Wirkung auf das politische Urteilsvermögen begrenzt wird. Die unausgesprochene Voraussetzung dieses Kalküls ist, dass die Vereinigten Staaten ein elementares Interesse daran haben, ihren weltweiten Einfluss zu bewahren und wo möglich auszuweiten.

Kissingers Buch ist also vor allem an amerikanische Leser gerichtet und soll dazu beitragen, dass die Vereinigten Staaten sich weiterhin in der Welt engagieren, ohne dabei allzu große Fehler zu begehen. Ob seine Vision einer Weltordnung verwirklicht werden kann, dürfte für früheren Außenminister zweitrangig sein. Wichtig ist ihm, dass die Amerikaner das glauben.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 17, 2016 4:39 PM MEST


Military Power: Explaining Victory and Defeat in Modern Battle
Military Power: Explaining Victory and Defeat in Modern Battle
von Stephen D. Biddle
  Taschenbuch
Preis: EUR 17,06

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Prinzip des modernen Krieges, 18. Dezember 2014
Entgegen seinem Titel handelt Stephen Biddles Buch nicht von militärischer Macht allgemein, sondern nur von ihrer konventionellen Variante an Land. Guerillakriege bleiben ebenso außerhalb der Betrachtung wie der nukleare Krieg und der Seekrieg.

In einer Zeit, in der asymmetrische Konflikte zunehmen, kann diese Einschränkung befremden. Demgegenüber ist zu bedenken, dass der Guerillakrieg die Kampfweise des Schwachen ist. Wäre die Schlagkraft aller Armeen annähernd gleich, gäbe es nur noch konventionelle Kriege. Guerillakriege stellen die Bedeutung konventioneller militärischer Macht also nicht in Frage, sondern bestätigen sie.

Biddle definiert militärische Macht als die Fähigkeit, einem Gegner durch Kampfhandlungen in kurzer Zeit und mit geringen eigenen Ausfällen hohe Verluste zuzufügen und dabei die Kontrolle über ein gegebenes Territorium zu behalten oder zu gewinnen (S. 6). Das Ziel seiner Untersuchung besteht darin zu klären, von welchen Faktoren diese Fähigkeit abhängt.

Der Gedankengang des Buches beginnt mit der Feststellung, dass militärische Macht wenig mit der eingesetzten Waffentechnik zu tun hat. Analysiere man die Kriege des 20. Jahrhunderts, so stelle man fest, dass die technisch überlegene Seite nur in der Hälfte aller Fälle den Sieg davongetragen habe (S. 24).

Auch Bevölkerungsgröße und Wirtschaftskraft dürften als Siegesfaktoren nicht überschätzt werden. Die Kriege des 20. Jahrhunderts seien lediglich zu 52 Prozent von der zahlenmäßig und zu 62 Prozent von der wirtschaftlich stärkeren Seite gewonnen worden (S. 21).

Dieser überraschende Befund hängt aus Biddles Sicht mit der enormen Feuerkraft moderner Waffen zusammen. Konnte ein Infanteriebataillon zur Zeit Napoleons etwa 2 Kugeln auf jeden Soldaten eines angreifenden Bataillons abfeuern, bevor dieses die Nahkampfdistanz erreichte, waren es im frühen 20. Jahrhundert mehr als 200 Kugeln (S. 29). Wie sich zu Beginn des Ersten Weltkriegs zeigte, wurde der offene Infanterieangriff damit zum Selbstmord. Biddle zufolge hat diese Erfahrung einen langen militärischen Lernprozess in Gang gesetzt, an dessen Ende eine neue Kampfweise stand.

Der erste Schritt bestand in der weiträumigen Aushebung von Schützengräben und einer Neubewertung der Artillerie. Galt sie 1914 noch als Hilfswaffe, während die Entscheidung von der Infanterie erwartet wurde, hatten sich die Rollen im folgenden Jahr vertauscht. Nun hielt man sich an das Prinzip: Die Artillerie erobert, die Infanterie besetzt. Durch intensiven Artilleriebeschuss sollte der Gegner so sehr geschwächt werden, dass er zu effektiver Gegenwehr nicht mehr imstande war.

Obwohl das alliierte Artilleriefeuer bald nukleare Dimensionen erreichte, blieb der Erfolg aus. "The reason the midwar artillery offenses failed was not that they failed to crush static defenses, it was that the defenders had learned to abandon static defenses in favor of a new reliance on depth, reserves, and counterattack. Against such new defences, midwar attackers could take ground, but they could not hold it" (S. 32). "The defender's counteroffensive barrage and ensuing infantry advance threw the unsupported attackers back to their own lines" (S. 33).

Der nächste Lernschritt erfolgte im Frühjahr 1918. Statt der Überordnung einer der beiden Waffengattungen, kam es nun zur gleichberechtigten Koordination von Infanterie und Artillerie. Der Artilleriebeschuss vor einer Offensive wurde von mehreren Tagen auf einige Stunden verkürzt. Er sollte den Gegner nicht mehr vernichten, sondern nur sein Feuer unterdrücken. Der eigentliche Angriff erfolgte durch kleine, selbständig agierende Infanterieeinheiten, die sich der gegnerischen Front unter Ausnutzung aller Deckungsmöglichkeiten langsam nähern und sie mit ihrer neuen Bewaffnung (leichte Maschinengewehre, Handgranaten) an den schwächsten Stellen aufbrechen sollten. Die Grundgedanken der neuen Taktik waren Deckung, Tarnung, Zerstreuung, selbständiges Vorgehen kleiner Einheiten und der Kampf mit verbundenen Waffen (S. 35 ff.).

Mit dieser Vorgehensweise gelang dem deutschen Heer im Frühjahr 1918 erstmals ein Frontdurchbruch. "After forty months in which neither side had reached the opponent's artillery, the Germans now overran the entirety of the prepared defenses before them three times in succession '" (S. 34). Der Stellungskrieg an der Westfront, der im November 1914 begonnen hatte, war im März 1918 beendet.

Nachdrücklich betont Biddle, dass die Panzer dabei keine Rolle spielten (S. 35; S. 85). Die Rückkehr zum Bewegungskrieg sei nicht durch neue WAFFEN, sondern durch eine neue KAMPFWEISE herbeigeführt worden. Nur weil die Alliierten diese Kampfweise bald übernahmen, hätten sie die Deutschen an der Westfront zurückdrängen können (S. 257).

Wie tiefgreifend die damalige Veränderung gewesen sei, könne man daran erkennen, dass sie bis heute nachwirke. Trotz präzisionsgelenkter Raketen, Aufklärungssatelliten und Hochleistungscomputern habe die amerikanische Armee, die 2003 den Irak eroberte, nach den gleichen Prinzipien gekämpft wie das deutsche Heer im März 1918. Die vielbeschworene "Revolution in Military Affairs" (RMA), die in jüngerer Zeit stattgefunden haben soll, ist Biddle zufolge weitgehend ein Phantom.

Daher sei die Endphase des Ersten Weltkriegs immer noch das Paradebeispiel für einen elementaren Zusammenhang: Technische und zahlenmäßige Überlegenheit können sich im modernen Krieg nur dann stark auswirken, wenn sie in Verbindung mit der modernen Taktik auftreten (S. 52; S. 190).

In der Tat nehme die Bedeutung der Taktik mit dem Entwicklungsstand der Waffentechnik sogar ZU (S. 3; S. 73; S. 190). "technological change is increasing the vulnerability of non-modern-system forces much faster than modern-system ones, yielding an ever-growing gap in real military capability between the two" (S. 52). Der technische Fortschritt hat paradoxerweise zur Folge, dass der Kriegsausgang IMMER WENIGER von den eingesetzten Waffen abhängt. Man könnte auch sagen: Soziale Technik ist im Krieg wichtiger als materielle Technik.

Als Beleg für diese Einschätzung dienen Biddle Fallstudien über den englischen Ausbruchsversuch aus der Normandie im Juli 1944 (Operation "Goodwood") und den Golfkrieg von 1991 (Operation "Wüstensturm"). Während die Wehrmacht durch konsequente Anwendung der modernen Taktik einen viermal stärkeren Feind zurückschlagen konnte (S. 112), gelang es amerikanischen Truppen ihre irakischen Gegner selbst dort zu besiegen, wo sie SCHLECHTER als diese bewaffnet waren (S. 145).

So einfach die Grundgedanken der modernen Taktik seien, so schwer sei ihre praktische Umsetzung. Neben intensivem Training erfordere sie Eigeninitiative und selbständige Entscheidungen auf allen Ebenen sowie reibungslose Zusammenarbeit zwischen den Soldaten (S. 49). Diese Fähigkeiten könnten nicht in kurzer Zeit erworben werden, da sie von der Lebenserfahrung der Soldaten und der Struktur ihrer Gesellschaft abhingen. Während es in Diktaturen üblich sei, Offiziere nach politischer Zuverlässigkeit auszuwählen und bedingungslosen Gehorsam von ihnen zu erwarten, mangele es in Gesellschaften mit starken sozialen oder ethnischen Gegensätzen meist am erforderlichen Vertrauen zwischen den Soldaten (S. 49). Infolgedessen scheitere die taktische Modernisierung einer Armee oft an fehlenden gesellschaftlichen Voraussetzungen.

Dieser Umstand erklärt, warum die militärische Macht in der heutigen Welt weitaus ungleicher verteilt ist als das Verhältnis der Waffenarsenale vermuten lässt. Während zahlreiche Länder sich moderne Panzer und Flugzeuge leisten können, sind nur wenige in der Lage, eine Armee aufzubauen, die auf moderne Weise kämpft.

Die Originalität seiner Thesen, der Tiefgang seiner Analyse und die Klarheit seiner Argumentation machen Biddles Buch schon jetzt zu einem Klassiker der Kriegstheorie.


Die Büchse der Pandora: Geschichte des Ersten Weltkriegs
Die Büchse der Pandora: Geschichte des Ersten Weltkriegs
von Jörn Leonhard
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 38,00

31 von 39 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Gesellschaftsgeschichte des Ersten Weltkriegs, 22. November 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Unter den neueren Publikationen zum Ersten Weltkrieg nimmt das Buch Jörn Leonhards eine besondere Stellung ein. Anders als die meisten Darstellungen folgt es einem transnationalen Ansatz, der die am Krieg beteiligten Großmächte annähernd zu gleichen Teilen berücksichtigt. Außerdem ist es gesellschaftsgeschichtlich angelegt: Es widmet den sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Aspekten des Krieges mehr Raum als den politisch-militärischen. Bei einem so ehrgeizigen Konzept ist es nur zu verständlich, dass die Arbeit fast ausschließlich auf Sekundärliteratur beruht.

Leonhard hat sein Buch in zehn chronologisch angeordnete Kapitel gegliedert: zwei gelten der Vorgeschichte des Krieges, fünf den viereinhalb Kriegsjahren, drei der Nachwirkung des Konflikts. Die Kriegskapitel enthalten mehrere Unterkapitel, in denen verschiedene Themen aus der betreffenden Zeitspanne behandelt werden.

Der Schwerpunkt des Buches liegt auf der Darstellung kollektiver Erfahrungen und Anpassungsprozesse. Im Hintergrund scheint zumeist die Frage zu stehen, wie ganze Gesellschaften oder innergesellschaftliche Großgruppen auf bestimmte Herausforderungen der Kriegszeit reagierten.

Bei der Beantwortung dieser Frage präsentiert Leonhard dem Leser eine erstaunliche Faktenfülle. Man erfährt die Namen und Todesumstände des ersten und des letzten britischen Gefallenen des Weltkriegs (S. 918), wird über das Verhältnis des englischen Generals Sir John French zu seiner pazifistischen Schwester unterrichtet (S. 213), auf den von kriegsunwilligen Soldaten betriebenen Handel mit Tuberkelerregern und Gonorrhö-Eiter aufmerksam gemacht (S. 507) und immer wieder mit den Tagebucheinträgen Thomas Manns und Harry Graf Kesslers konfrontiert. Freunde des historischen Details und der schwer zugänglichen Information kommen auf ihre Kosten.

Von einer Gesellschaftsgeschichte des Ersten Weltkriegs ist jedoch mehr zu verlangen als Informationsreichtum. An erster Stelle steht die Erwartung, dass sie ein zusammenhängendes Bild der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung in den kriegführenden Gesellschaften zeichnet. Der Aufbau des Buches führt leider dazu, dass der Leser nur die Fragmente eines solchen Bildes zu sehen bekommt. Wird einmal auf die Landwirtschaft eingegangen, so taucht sie in der weiteren Darstellung nicht mehr auf. Wird der Liberalismus in einem Kapitel ausführlich behandelt, so kommt er in den anderen kaum vor. Letztlich sind die 50 Unterkapitel weitgehend selbständige Essays über verschiedene Aspekte des Krieges.

Auch konzeptionell wirkt das Buch uneinheitlich. Eine übergreifende Deutung des Themas ist nicht auszumachen. Allenfalls finden sich Thesen kurzer und mittlerer Reichweite, wie etwa die, dass es am Vorabend des Weltkriegs keine Systemkrise in den beteiligten Gesellschaften gab (S. 75), dass die deutsche Führung nicht langfristig auf einen Präventivkrieg ausgegangen ist (S. 116); dass dem deutschen Blankoscheck an Österreich ein französischer an Russland sowie ein russischer an Serbien entsprach (S. 99); dass die deutsche Risikostrategie in der Julikrise auf die russisch-französische Bereitschaft traf, die Balkanfrage zum Anlass für einen großen Konflikt zu machen (S. 119); dass Deutschland eine "besondere Verantwortung", aber keine Alleinschuld am Kriegsausbruch trage (S. 116); dass die Politiker beider Seiten ihre Kriegsziele erst formulierten, nachdem die Kämpfe bereits begonnen hatten (S. 263); dass die multiethnischen Reiche einen stärkeren Zusammenhalt bewiesen, als man lange Zeit annahm (S. 394 ff.; S. 426); dass die Kampfesmotivation der Soldaten vor allem von den Primärgruppen an der Front abhing (S. 343; S. 635); dass der Primat der Politik in Frankreich und England behauptet wurde, nicht jedoch bei den Mittelmächten (S. 262; S. 451); dass gerade die hohen Opfer des Krieges seine vorzeitige Beendigung erschwerten, weil die Politiker glaubten, diese Opfer nur durch einen Sieg rechtfertigen zu können (S. 255; S. 452; S. 610; S. 805); dass sich das Kriegsende zeitlich nicht genau bestimmen lasse (S. 28; S. 938) und vor allem, dass es den Militärs nie wirklich gelang, sich auf die Realitäten des Krieges einzustellen (S. 148 f.; S. 152; S. 831; S. 841). Da diese Thesen unverbunden nebeneinander stehen, fehlt dem Buch der rote Faden.

Immerhin würde der Mangel an Struktur nicht ausschließen, dass die größte Stärke des gesellschaftsgeschichtlichen Ansatzes zum Tragen käme: seine Fähigkeit, militärische, politische und wirtschaftliche Entwicklungen in einen größeren Zusammenhang zu stellen und dadurch besser verständlich zu machen. Die militärische Seite des Krieges ist jedoch nicht Leonhards Stärke. Über die Strategien der kriegführenden Mächte erfährt man in dem Buch wenig. Auch das Kampfgeschehen nimmt einen untergeordneten Platz ein. Der Schlacht bei Tannenberg ist eine halbe Seite gewidmet (S. 185), der Skagerrakschlacht zwei Sätze (S. 467). Selbst dort, wo Schlachten ausführlicher behandelt werden, findet man kaum Angaben zur Operationsgeschichte. Ebenso dürftig ist die Behandlung der taktischen Veränderungen. Warum die deutsche Frühjahrsoffensive von 1918 erfolgreicher war als die Großangriffe der Alliierten zwischen 1915 und 1917 bleibt unklar.

Ähnlich steht es um die Darstellung der politischen Vorgänge. Das Septemberprogramm, die Entscheidung zum uneingeschränkten U-Boot-Krieg, der Sturz Bethmann-Hollwegs sowie das politische Wirken Clemenceaus und Lloyd Georges werden nur flüchtig gestreift.

Auf wirtschaftlichem Gebiet vermisst man eine klare Antwort auf die Frage, welche Großmacht ihre Industrie am effektivsten auf die Anforderungen des Krieges umstellen konnte und warum.

Darüber hinaus ist Leonhard den drei typischen Gefahren einer Gesellschaftsgeschichte erlegen: Der Gefahr abstrakt zu schreiben, der Gefahr der Übergeneralisierung sowie der Gefahr, die historische Rolle von Individuen und Zufällen zu unterschätzen.

Zwar ist sein Bemühen erkennbar, die analytischen Teile des Buches durch erzählerische Komponenten aufzulockern, zwar hat er viele Zitate von Zeitgenossen aufgenommen, doch bleibt der Erfolg mäßig. Die Menschen, die in diesem Buch auftreten, sind nicht mehr als blasse Schemen. Zum guten Teil liegt dies an der Sprache Leonhards. Innergesellschaftliche Spannungen bezeichnet er als "Tektonik von Loyalität und Anerkennung" (S. 261). Das Osteuropa der Nachkriegszeit ist für ihn ein "Imaginationsraum für Herrschaftskonzepte, Raumdurchdringung und Kolonialisierung" (S. 913). Den Engländern und Russen unterstellt er die Absicht "Raum in Zeit [zu] verwandeln" (S. 1006). Hinzu kommen der inflationäre Gebrauch von Pluralformen ("Taktiken", "Logiken", "Tektoniken") und schwammigen Neologismen ("Gewaltraum", "Tötungsraum", "Erfahrungsraum", "Imaginationsraum", "Möglichkeitsraum"). Lesbarkeit, Anschaulichkeit und Präzision sind mit einem solchen Stil schwer zu vereinbaren. Außerdem fehlt Leonhard das erzählerische Talent. An keiner Stelle wird seine Darstellung lebendig, nie kommt Spannung auf, nirgends stößt man auf eine überzeugende Charakterschilderung. Die Lektüre des trockenen Textes gerät immer wieder zur Willensprobe.

Eine schwerwiegende Übergeneralisierung findet sich in Leonhards Annahme, die Idee der "Abnutzung" habe im Kriegsbild der Zeitgenossen keine Rolle gespielt. Der Historiker Hans Delbrück hatte indessen schon Ende des 19. Jahrhunderts die Vorstellung einer Kriegführung entwickelt, in der die Abnutzung des Gegners zentral ist. Anders als Leonhard behauptet (S. 549), betrachtete Delbrück die von ihm so bezeichnete "Ermattungsstrategie" keineswegs als ein Phänomen der Vergangenheit. Vielmehr bemühte er sich zwischen 1914 und 1918 unermüdlich darum, die deutsche Öffentlichkeit und Führung für sie zu gewinnen. Seine Artikel aus den "Preußischen Jahrbüchern", die davon Zeugnis ablegen (gesammelt in: H. Delbrück, Krieg und Politik. Berlin 1918/1919), sind Leonhard offenbar genauso unbekannt wie die entsprechende Sekundärliteratur (Friedrich Carl Scheibe, "Marne und Gorlice: Zur Kriegsdeutung Hans Delbrücks" in: MGM 53 (1994), S. 355-376; Arden Bucholz, Hans Delbrück and the German Military Establishment. Iowa City 1985).

Der dritten Gefahr ist Leonhard nur zu Beginn des Buches entgangen, wo er betont, dass der Kriegsausbruch vermeidbar war (S. 66; S. 124). Der Krieg selbst wird dem Leser dann überwiegend als ein Geschehen präsentiert, das sich der Kontrolle der Beteiligten entzog. Der Handlungsspielraum der politischen und militärischen Führer bleibt unklar. Bei keiner wichtigen Entscheidung arbeitet Leonhard heraus, dass und wie sie anders hätte ausfallen können.

So weist das Buch die üblichen Schwächen des gesellschaftsgeschichtlichen Ansatzes auf, ohne seine möglichen Stärken zu besitzen. Um eine Fülle von Details auszubreiten, die mangels angemessener Gliederung von den meisten Lesern schnell wieder vergessen werden dürften, hat Leonhard sich damit begnügt, die militärischen, politischen und wirtschaftlichen Kernthemen des Krieges oberflächlich abzuhandeln. Das Wichtige wurde dem Unwichtigen geopfert.

Am Ende einer zeitraubenden Lektüre musste ich enttäuscht feststellen, dass dieses Buch mein Verständnis des Ersten Weltkriegs an keinem Punkt vertieft hat.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 26, 2015 10:34 AM CET


Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918
Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918
von Herfried Münkler
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

37 von 43 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Deutschland im Großen Krieg, 9. Februar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
"Der Große Krieg" von Herfried Münkler ist die erste größere Gesamtdarstellung des Ersten Weltkriegs aus der Feder eines deutschen Autors seit der Arbeit Peter Kielmanseggs (Deutschland und der Erste Weltkrieg, Frankfurt a. M. 1968). Freilich stützt sich das im Frühjahr 2009 konzipierte (S. 922), also hastig recherchierte und schnell geschriebene Buch überwiegend auf Sekundärliteratur.

Anders als der Untertitel suggeriert, handelt die Darstellung leider nicht von der "Welt 1914 bis 1918", sondern lediglich von der Welt AUS DEUTSCHER PERSPEKTIVE. Während die Entscheidungen, Entwicklungen und Verhältnisse im Deutschen Reich breit abhandelt werden, müssen sich die anderen kriegführenden Nationen mit spärlichen Bemerkungen begnügen.

Die deutlichsten Akzente setzt Münkler in seinen politischen Analysen. Schon der Buchtitel ist programmatisch, signalisiert er doch, dass der Erste Weltkrieg nicht aus der Perspektive des Zweiten, sondern als eigenständiges Ereignis betrachtet werden soll (S. 11), das uns in gewisser Weise näher steht als die Vorgänge zwischen 1939 und 1945. Die weltpolitische Multipolarität auf die wir uns heute zubewegen, sei zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon Realität gewesen.

Aus Münklers Sicht lässt diese historische Parallele alle Deutungen zweifelhaft erscheinen, die den Kriegsausbruch von 1914 auf zwingende strukturelle Ursachen zurückführen. Wer die Gestaltungsmöglichkeiten der Politik in der Julikrise herunterspiele, müsse sie auch in heutigen Krisen für gering halten. So spreche alles dafür, dass der Krieg durch vermeidbare politische Fehler herbeigeführt wurde. Kapitalistische und imperialistische Rivalitäten, die Mängel der deutschen Verfassung oder der deutsche Militarismus hätten nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Letzterer sei ohnehin relativ gewesen, da der Anteil der Verteidigungsausgaben am Bruttosozialprodukt in Deutschland geringer war als in Frankreich und Russland (S. 63), und das Reich nur etwa 50 Prozent seiner Wehrpflichtigen einberief.

In der Julikrise hätten alle Großmächte Fehler begangen. "Die Zeit der einseitigen Schwarzweißzeichnungen in der Ursachenforschung zum Ersten Weltkrieg ist vorbei ..." (S. 784). Deutschland habe den Österreichern einen Blankoscheck erteilt, Russland den Serben und Frankreich den Russen (S. 100). Der Schlüssel zum Krieg habe in St. Petersburg gelegen. "Hätte man dort auf Mobilmachung und Kriegserklärung verzichtet, so wäre es nur zu einem Dritten Balkankrieg gekommen ..." (S. 101).

Nachdem er durch Ungeschicklichkeit in den großen Krieg hineingeschlittert war, habe der Reichskanzler Bethmann Hollweg bis zu seinem Rücktritt im Juli 1917 einen Verständigungsfrieden angestrebt, sich aber aus innenpolitischen Gründen genötigt gesehen, den Annexionisten Zugeständnisse zu machen. Bethmanns Dilemma sei nahezu unlösbar gewesen. "Um die von den Annexionisten geschürte Erwartung eines deutschen Sieges zu durchkreuzen, hätte er ... die schwierige militärische Lage Deutschlands öffentlich darstellen müssen. Das wiederum hätte die deutsche Position bei den Verhandlungen mit der Entente geschwächt, wenn sie denn unter diesen Umständen überhaupt zustande gekommen wären ..." (S. 624).

Sehr aufschlussreich sind die mentalitätsgeschichtlichen Ausführungen Münklers. Zu den großen Rätseln der Zeit gehört die Kriegseuphorie im Sommer 1914. Zwar betont die neuere Forschung den vorwiegend städtischen und bürgerlichen Charakter des Phänomens, doch mindert dies kaum seine politische Bedeutung. Münkler zufolge hat die Grundstimmung eines Teils der Bevölkerung damals den Charakter eines "mythischen Deutungsschemas" angenommen, das ein Sinnangebot für ALLE Volksangehörigen enthielt, indem es die Ereignisse in ein Gesamtgeschehen von unermesslicher Bedeutung integrierte. "Was auch immer sich im Einzelnen zugetragen haben mag und was die Menschen je empfunden haben - es wurde aufgesogen durch das mythische Schema, das Erlebnis und Empfinden mit Bedeutung ausstattete, beides dem Zufälligen entzog und den Einzelnen somit an etwas Größerem teilhaben ließ. So und NUR SO war, nachdem sich der Mythos erst einmal durchgesetzt hatte, die individuelle Erinnerung an die ersten Augusttage des Jahres 1914 kommunizierbar" (S. 229).

Die ausführliche Schilderung der Kampfhandlungen vermittelt ein recht klares Bild vom Geschehen an den Fronten, einschließlich derer in Nahost und Afrika. Da Münkler aber überwiegend darauf verzichtet, Ausgangsstärken und Verluste der beteiligten Armeen anzugeben, und kaum alternative Operationsszenarien diskutiert, kann der Leser den Ausgang vieler Schlachten nur bedingt nachvollziehen. Welche Erfolgsaussichten der Schlieffenplan oder die deutschen Frühjahrsoffensiven von 1918 hatten, bleibt nach der Lektüre des Buches unklar.

Überzeugend rekonstruiert Münkler den taktischen Lernprozess an der Westfront. Die frontalen Massenangriffe der ersten Kriegsmonate hätten fast zur beiderseitigen Ausblutung geführt. Der Ende 1914 angeordnete Übergang zum Stellungskrieg sei eine Notmaßnahme der militärischen Führungen gewesen, um den Zusammenbruch ihrer Armeen zu verhindern. Tatsächlich habe dieser Schritt die Verluste deutlich gesenkt (S. 298). In der Folgezeit sei es den Militärs gelungen, sich immer besser auf die Bedingungen des modernen Krieges einzustellen. Nachdem von 1915 bis 1917 alle großen Offensiven im Westen gescheitert waren, hätten die Optimierung der Artillerievorbereitung (S. 597; S. 687), die Entwicklung der Stoßtrupps (S. 470) und das Aufkommen der Infiltrationstaktik (S. 688) im Frühjahr 1918 wieder taktische Durchbrüche ermöglicht. Damit war der Stellungskrieg im Prinzip überwunden. Die Panzer erwiesen sich in diesem Zusammenhang als unwesentlich. Ihre große Stunde sollte erst im Zweiten Weltkrieg kommen.

Münklers Antwort auf die Frage, wie die Soldaten das Leiden und Sterben des Grabenkrieges so lange durchhalten konnten, ist originell. Soldaten, deren Überleben die Fähigkeit erforderte, unter Lebensgefahr kaltblütig entscheiden zu können, hätten sich als heroisch betrachten MÜSSEN, um ihre Handlungsfähigkeit zu bewahren. "Man war überzeugt, dass die Niedergeschlagenen und Verzagten mit größerer Wahrscheinlichkeit fallen würden. Zumindest ein wenig heroisch zu sein, wurde in dieser Hinsicht zur Überlebensstrategie" (S. 467). Infolge ihrer Selbstheroisierung hätten die Soldaten den Krieg länger ertragen, als man es sich in der postheroischen Gesellschaft unserer Zeit vorstellen kann.

Anders als die Operationsgeschichte scheinen die sozialen und wirtschaftlichen Aspekte des Krieges Münkler kaum interessiert zu haben. Das Thema ist ihm nur 30 Seiten wert (S. 563-593).

Trotz großer materieller und personeller Unterlegenheit habe Deutschland gute Aussichten besessen, den Krieg nicht zu verlieren, denn Ende 1917 seien Frankreich und England kriegsmüde und Russland durch die Revolution gelähmt gewesen. Leider habe den glänzenden Lernerfolgen des deutschen Heeres eine Lernblockade der deutschen Politik gegenübergestanden (S. 20). Mit der von großen Teilen der Öffentlichkeit, zahlreichen Intellektuellen und einer Mehrheit des Reichstags gestützten Entscheidung zum uneingeschränkten U-Boot-Krieg (S. 522) habe das Reich die USA in das Lager der Entente getrieben und seine Niederlage besiegelt. So wurde die Tragweite vermeidbarer politischer Fehler ein zweites Mal demonstriert.

Obwohl Münkler weder intime Quellenkenntnis noch eine jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Großen Krieg vorweisen kann, ist ihm ein eindrucksvolles Buch gelungen, das ebenso faktengesättigt wie anregend ist.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 9, 2014 10:50 AM MEST


Arm und Reich: Die Schicksale menschlicher Gesellschaften
Arm und Reich: Die Schicksale menschlicher Gesellschaften
von Jared Diamond
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,95

44 von 46 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein überschätztes Buch, 31. Januar 2014
Jared Diamond ist ein konsequenter geographischer Determinist. Darin liegt die größte Stärke seines Buches und zugleich seine größte Schwäche.

Zur Stärke wird dieser Umstand dort, wo eine deterministische Erklärung der Geschichte weitgehend plausibel ist: im Frühstadium des Überganges zur Seßhaftigkeit und zur Landwirtschaft. Diamond arbeitet überzeugend heraus, daß die ökologischen Voraussetzungen für diesen Schritt (große Anzahl domestizierbarer Pflanzen und Tiere, günstige Ausbreitungsbedingungen von landwirtschaftlichen und sonstigen Techniken, günstige klimatische und geographische Bedingungen usw.) nirgendwo besser waren als in Eurasien, und hier vor allem im Nahen Osten. Zu recht verweist er auf den kaum einholbaren Vorsprung, den eurasische Gesellschaften aufgrund dieser Vorteile bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt der Geschichte (vor etwa 8000 Jahen) gegenüber ihren Konkurrenten auf anderen Kontinenten gewannen.

Insgesamt hinterläßt der erste Teil des Buches, in dem Diamond auf über 400 Seiten das zu diesen Fragen gehörende Material ausbreitet, einen positiven Eindruck, wenngleich einige kleinere Bedenken das Gesamtbild trüben. Es befremdet doch ein wenig, wie achtlos Diamond mit seinen intellektuellen Vorläufern umgeht. Der durchschnittliche Leser dürfte seiner Bibliographie jedenfalls kaum entnommen haben, daß Marvin Harris bereits 1978 (in dem Buch 'Könige und Kannibalen') und damit zwanzig Jahre vor Diamond auf die Bedeutung der Ausrottung der großen Säuger Nordamerikas für das langsamere wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungstempo dieses Kontinents gegenüber Eurasien hingewiesen hat. Ferner ist Diamonds Erklärung für die Entstehung von Staaten nur eine Zusammenfassung der Theorie Robert Carneiros; usw. Hinzu kommt eine unglückliche Gliederung, die bewirkt, daß Diamond viele Informationen und Gedankengänge gleich dutzendfach wiederholt und dadurch seine Leser unnötig ermüdet. Das Buch hätte ohne Schaden für den Inhalt um mindestens 150 Seiten gekürzt werden können.

Überraschend nimmt Diamond auf den letzten 20 Seiten (!) seines Buches einen radikalen Themenwechsel vor. Nun geht es auf einmal um die Frage, warum von den großen eurasischen Kulturen (Europa, der islamische Raum, Indien, China) es gerade die europäische war, die sich an die Spitze setzen und als erste modernisieren konnte. Diamonds geographischer Determinismus, der sich im ersten Teil des Buches als hilfreich erwies, erleidet an diesem Problem völligen Schiffbruch. Schnell spitzt sich das Thema auf die Frage zu: Warum Europa und nicht China? Diamond antwortet mit einem Gedankengang von Eric Jones (der in seinem Buch 'Das europäische Wunder' allerdings sehr viel differenzierter argumentiert hatte und jeden Determinismus vermied): Europa war geographisch vielfältiger als China, daher blieb es politisch zersplittert, so daß ein Staatensystem entstand, in dem Wettbewerb für Offenheit sorgte und sichergestellt war, daß Innovationen, die an einer Stelle unterdrückt wurden, sich anderenorts entfalten konnten.

Diese Erklärung enttäuscht schon im Ansatz.

Zunächst einmal lassen sich die politischen Unterschiede Europas und Chinas nicht monokausal auf geographische Faktoren zurückführen. Viele geographische Eigenheiten Europas, wie z. B. seine langen und verschlungenen Küsten, die einen Transpost auf dem Wasserweg außerordentlich erleichterten, sprachen FÜR eine politische Vereinigung und erleichteten das Werk jedes Eroberers. Das Beispiel der Römer zeigt, wie diese natürlichen Vorteile genutzt werden konnten.

Zweitens erklärt Diamond mit seiner Überlegung nur Europas Vorteile im Bereich der INNOVATION, also in der wirtschaftlichen VERWERTUNG einer Erfindung, nicht aber seinen Vorsprung bei den Erfindungen selbst. Wichtige grundlegende Neuerungen, wie z. B. die Begründung der modernen Wissenschaft, sind in China nie erfolgt. Die Frage, warum gewisse ERFINDUNGEN und geistige Entwicklungen außerhalb Europas überhaupt ausblieben, ist historisch gesehen wichtiger, weil grundlegender, als die nach der mangelnden Innovationsfreudigkeit außereuropäischer Gesellschaften.

Drittens wird Diamonds Erkärung durch seine eigenen Beispiele widerlegt. China war, wie er ausführt, Europa für mehr als 1000 Jahre technologisch überlegen, und dies trotz der von Diamond festgestellten angeblichen geographischen Nachteile. In wenigen Jahrzehnten wird es Europa und Amerika wissenschaftlich und technologisch eingeholt haben, so daß sich die Zeit seines Rückstandes auf kaum mehr als 500 Jahre belaufen haben wird. Wenn geographische Unterschiede in diesen Dingen wirklich etwas zu sagen haben, dann spricht diese Bilanz wohl eher für einen geographischen VORTEIL Chinas.

Ganz offenkundig hat sich Diamond bei seinem Versuch, die historische Entwicklung der Hochkulturen über die neolithische Revolution hinaus zu erklären, übernommen. Der wesentliche Grund für dieses Scheitern scheint mir methodischer Natur zu sein: mit dem Auftreten größerer Gesellschaften entsteht ein vielfältiges System von WECHSELWIRKUNGEN zwischen einer Kultur und ihrer natürlichen Umwelt, deren Komplexität ein monokausaler Ansatz wie der Diamonds in keiner Weise gerecht werden kann.

Diamonds Buch wäre ohne die letzten zwanzig Seiten besser. Sein Ehrgeiz, alles erklären zu wollen, hat ihn leider zum Musterbeispiel eines Autors werden lassen, der nicht spürt, wann es Zeit ist, die Feder aus der Hand bzw. die Schutzhülle auf die Tastatur zu legen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 11, 2015 4:28 PM MEST


Heinrich Himmler: Biographie
Heinrich Himmler: Biographie
von Peter Longerich
  Broschiert
Preis: EUR 19,99

28 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der Biedermann als Massenmörder, 28. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Heinrich Himmler: Biographie (Broschiert)
Dreiundsechzig Jahre nach dem Selbstmord Heinrich Himmlers liegt nun die erste wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Biographie des "Reichsführers-SS" vor. In zehnjähriger Arbeit hat Peter Longerich, ein in London lehrender deutscher Historiker, unzählige Quellen aus deutschen, amerikanischen, britischen, russischen und israelischen Archiven ausgewertet, darunter auch sämtliche erhaltenen Aufzeichnungen Himmlers. Die Beherrschung der umfangreichen Sekundärliteratur versteht sich bei einem Autor, der bereits mit mehreren soliden Publikationen zum Nationalsozialismus hervorgetreten ist, von selbst. Das Ergebnis ist ein ungewöhnlich gründlich recherchiertes, sehr materialreiches und flüssig geschriebenes Buch, das jedoch keine größeren Überraschungen enthält und wichtige Fragen offen lässt.

Indem er ausdrücklich versucht, Lebens- und Strukturgeschichte miteinander zu verbinden, zeigt Longerich, dass er sich der Einseitigkeit eines rein biographischen Ansatzes bewusst ist. Komplexe politische Vorgänge ließen sich nicht, so schreibt er, "auf die Psychologie der handelnden Personen" reduzieren (S. 764). Trotz dieser Vorgabe beginnt das Buch ganz konventionell. Auf etwa 150 Seiten werden zunächst in der Manier einer herkömmlichen Lebensbeschreibung die Kindheit und Jugend Himmlers referiert, sowie seine Parteikarriere bis zur "Machtergreifung".

Dabei erweist sich der spätere Reichsführer als vollkommen durchschnittliche Erscheinung. Ein guter Schüler aus behütetem Elternhause - der Vater streng zwar, aber durchaus liebevoll. Von traumatischen Erlebnissen oder schweren Konflikten ist weit und breit nichts zu sehen. "Es finden sich keinerlei Hinweise auf besondere Erziehungsprobleme, auf einen ausgeprägten Hang zur Grausamkeit oder auf eine auffallende Aggressivität ..." (S. 759).

Wenn Himmler persönliche Fehler hatte, so bestanden diese allenfalls in seinem hemmungslosen, in Schwatzhaftigkeit ausartenden Mitteilungsbedürfnis und seiner Neigung sich in das Privatleben anderer Menschen einzumischen. Seltsam übrigens, dass der unsportliche und buchhalterisch wirkende Mann davon geträumt hatte, Berufsoffizier zu werden und sich ein Leben lang als Soldat betrachtete.

Zur NSDAP zog es ihn nicht etwa Hitlers, sondern Ernst Röhms wegen. Eher zufällig wurde Himmler, nachdem er ursprünglich als Propagandist gearbeitet und Hitlers innerparteilichem Rivalen Gregor Strasser nahegestanden hatte, 1929 zum obersten SS-Führer ernannt. Zu diesem Zeitpunkt war die SS eine nur 700 Mann zählende Leibgarde, deren spätere Rolle im Dritten Reich niemand voraussehen konnte.

Die Analyse der sich damals herausbildenden weltanschaulichen Vorstellungen Himmlers zeigt, dass der Antisemitismus für ihn zweitrangig war. Viel mehr beschäftigten ihn die Gefahren, die aus seiner Sicht vom Christentum und von der Homosexualität ausgingen. Hätte Himmler an der Spitze des Dritten Reiches gestanden, wären wohl nicht die Juden, sondern die Kirchen und Homosexuelle die Hauptleidtragenden seiner Herrschaft gewesen.

Mit der "Machtergreifung" beginnt der zweite, etwa 600 Seiten umfassende Teil des Buches, in dem Longerich den biographischen Ansatz weitgehend aufgibt und dazu übergeht, eine allgemeine Geschichte der SS unter besonderer Berücksichtigung der dienstlichen Aktivitäten ihres Führers zu schreiben. Vom Privatleben Himmlers ist nun kaum noch die Rede, und das Verhältnis des "Reichsführers" zu Hitler oder zu seinen Untergebenen Heydrich, Wolff oder Schellenberg scheint Longerich noch weniger zu interessieren, obwohl die autobiographische Literatur in dieser Hinsicht recht ergiebig ist.

Himmlers Aufstieg zum zweitmächtigsten Mann des Dritten Reiches führt Longerich auf drei Faktoren zurück. Zum einen sei es dem SS-Führer gelungen, immer mehr Funktionen an sich zu reißen. War er 1933 neben seinem SS-Amt zunächst nur Chef der politischen Polizei Bayerns geworden, konnte er sich bald auch die politische Polizei der übrigen Länder und schließlich des Reiches unterordnen. 1936 ernannte Hitler ihn zum Chef der gesamten Polizei, 1939 zum Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums, im August 1943 zum Innenminister, nach dem 20. Juli 1944 zum Befehlshaber des Ersatzheeres und gegen Kriegsende auch noch zum Oberbefehlshaber zweier Heeresgruppen (erst Oberrhein, dann Weichsel).

Zweitens habe Himmler es verstanden, für den von ihm beherrschten Komplex mehrfach Gesamtkonzeptionen zu entwerfen, die "sowohl ideologisch wie auch machtpolitisch sinnvoll und aufeinander abgestimmt wirkten" (S. 769).

Drittens habe Himmler die besondere Fähigkeit besessen, Hitlers Absichten zu erkennen und in vorauseilendem Gehorsam Schritte zu ihrer Verwirklichung zu unternehmen, noch bevor konkrete Befehle ergangen waren.

Typisch dafür ist seine Rolle bei der Ermordung der sowjetischen Juden. Nachdem die Einsatzgruppen anfangs nur Männer getötet hatten, wurden ab September 1941 auch Frauen und Kinder in die Massaker einbezogen. Die Initiative dazu sei, so stellt Longerich fest, in allen Gebieten von Himmler persönlich ausgegangen. Im festen Vertrauen darauf, dem Willen Hitlers zu entsprechen, habe er "die Entscheidung zur Ermordung von Frauen und Kindern tatsächlich in eigener Verantwortung getroffen ..." (S. 558).

Longerich zufolge verhalfen diese Talente dem "Reichsführer" zu historischem Gewicht. Ohne ihn wäre die spezifische Verbindung von Polizeiapparat, Lagersystem, Siedlungspolitik, Zwangsarbeitsprogrammen und Partisanenbekämpfung ausgeblieben und die nationalsozialistische Politik hätte ihre furchtbare Wirkung "kaum in der gleichen Weise entfalten können" (S. 770). So sei Himmler kein austauschbares "Rädchen im Getriebe" gewesen, sondern eine der zentralen Figuren der jüngeren deutschen Geschichte.

Die Plausibilität, die Longerichs Darstellung dieser Schussfolgerung verleiht, schlägt paradoxerweise in die größte Schwachstelle des Buches um, wirft sie doch umso nachdrücklicher die Frage auf, wie ein biederer Durchnittsmensch millionenfach morden konnte, ohne Schuldgefühle zu empfinden. Wenn weder das familiäre Umfeld noch der Charakter eine Antwort hergeben, wird man sie wohl nur in Himmlers Reden finden können, in denen der "Reichsführer" ja wiederholt zu seinen Verbrechen Stellung nahm.

Zwar hat Longerich diese Quelle umfassend ausgewertet, doch dabei alles getan, um sich die Antwort zu verbauen. Von vornherein macht er deutlich, dass er Himmlers weltanschauliche Überzeugungen nur untersucht, um sie zu "dekonstruieren" (S. 843, Anmerkung 53), was praktisch darauf hinausläuft, den Texten Gewalt anzutun. So will er Himmlers allgegenwärtiges Pochen auf "Anständigkeit" nicht gelten lassen. Dieser Begriff müsse als eine "Chiffre für Doppelmoral" gelesen werden, denn er stehe für "Normen, die in sich widersprüchlich waren. Auf der einen Seite wird die Anständigkeit auch gegenüber Feinden zur Tugend erklärt, auf der anderen Seite als 'Wahnsinn' bezeichnet" (S. 320).

Die unvoreingenommene Lektüre zeigt, dass etwas ganz anderes gemeint ist. "Anständig" war für Himmler eine Haltung, die auch die größten Grausamkeiten zuließ, sofern diese nicht aus Sadismus, sondern aus Pflichtgefühl im Namen einer nationalsozialistischen Sondermoral begangen wurden. Diese Haltung mag verbrecherisch gewesen sein, widersprüchlich war sie nicht. Sie erlaubte es Himmler und zahlreichen Vollstreckern seiner Befehle mit "gutem Gewissen" zu morden.

Der Umstand, dass ein Historiker von Longerichs Format sich nicht dazu durchringen kann, das Selbstbild der nationalsozialistischen Täter zur Kenntnis zu nehmen, zeigt, wie weit wir noch von einem wirklichen Verständnis dieser Zeit entfernt sind.


Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin
Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin
von Timothy Snyder
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

55 von 60 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Bilanz des Schreckens, 26. Juli 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Obwohl die Verbrechen Stalins und Hitlers zu den bestuntersuchten Themen der jüngeren Vergangenheit zählen, unterliegt ihr Bild noch vielen Verzerrungen. Der amerikanische Historiker Timothy Snyder hat sich vorgenommen, die wichtigsten davon zu korrigieren.

Snyder zufolge hat die Fixierung der öffentlichen Wahrnehmung auf Auschwitz und den Gulag vergessen lassen, dass die meisten Opfer der beiden Diktatoren Osteuropäer waren und in den von ihm so genannten "Blutländern" getötet wurden, den Gebieten zwischen Russland und Deutschland. 14 der insgesamt 17 Millionen Menschen, die von 1933 bis 1945 durch die Unterdrückungsmaßnahmen Stalins und Hitlers umkamen, wurden auf dem Territorium Polens, Weißrusslands, der Ukraine, der baltischen Staaten und Westrußlands ermordet. Da nach Auschwitz mehr west- und südeuropäische Juden gelangten als in die anderen Vernichtungslager, und der Gulag zum größten Teil außerhalb der "Blutländer" lag, sei keine der beiden Einrichtungen für die Verbrechen ihres Regimes repräsentativ gewesen.

Die Überlebenden der in den "Blutländern" verübten Massaker wurden, wie Snyder betont, oft genug Zeugen der Untaten BEIDER Diktatoren. Eine Geschichtsschreibung, die sich auf einen der Unrechtsstaaten beschränkte, würde der Lebenserfahrung dieser Menschen nicht gerecht.

Sie würde außerdem einen guten Teil ihrer Erklärungsaussichten verspielen, spreche doch vieles dafür, dass die totalitären Reiche sich gegenseitig zu Verbrechen animierten, die sie ohne Kontakt miteinander nicht begangen hätten.

Darüber hinaus, so ließe sich hinzufügen, heißt vergleichen nicht verharmlosen. Der Vergleich muss Unterschiede ebenso herausarbeiten wie Gemeinsamkeiten. Ob die Shoah einzigartig ist, weiß man nur, wenn man sie mit anderen Massenmorden verglichen hat. Wer auf Vergleiche verzichtet, verzichtet auf Erkenntnis.

Es liegt also in der Natur der Dinge, dass eine integrierte Darstellung der in den "Blutländern" begangenen Verbrechen der isolierten Betrachtung überlegen ist. Was Snyders Buch von den bisherigen Versuchen dieser Art unterscheidet (z. B. Dietrich Beyrau, Schlachtfeld der Diktatoren. Göttingen 2000; Richard Overy, The Dictators. New York 2004; Jörg Baberowski/Anselm Doering-Manteuffel, Ordnung durch Terror. Bonn 2006) sind seine Präzision und seine Anschaulichkeit.

In chronologischer Folge beschreibt der amerikanische Historiker zunächst die von Stalin herbeigeführte Hungersnot in der Ukraine in den Jahren 1932/33, dann den Großen Terror 1937/38, die deutsch-sowjetische Besatzung Polens, die Massenerschießungen polnischer Offiziere in Katyn und anderen Orten, die deutschen Besatzungsverbrechen in der Sowjetunion, den deutschen Völkermord an den Juden sowie die Zwangsumsiedlungen und Vertreibungen am Ende des Krieges. Das abschließende Kapitel beschäftigt sich mit der antisemitischen Kampagne, die Stalin kurz vor seinem Tode plante.

Wo immer möglich, versucht Snyder seine Darstellung mit Zahlen zu untermauern. So kommt er zu dem Schluss, dass Hitler entgegen einer weitverbreiteten Auffassung mehr Menschen umbringen ließ als Stalin. Den insgesamt 12 Millionen Opfern des deutschen Diktators stünden 9 Millionen des sowjetischen gegenüber.

In der Motivation der Verbrechen sieht Snyder erstaunliche Ähnlichkeiten. Stalins Säuberungen der Jahre 1937/38 hätten nämlich zum großen Teil der Unterdrückung nationaler Minderheiten, vor allem der polnischen, gedient. Bis 1938 seien in der Sowjetunion tausendmal mehr Menschen aus ethnischen Gründen getötet worden als im nationalsozialistischen Deutschland (S. 127). "Die am stärksten verfolgte europäische Minderheit in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre waren nicht die 400.000 deutschen Juden (deren Zahl durch Emigration sank), sondern die 600.000 sowjetischen Polen (deren Zahl durch Erschießungen sank)" (S. 107). Darüber hinaus erinnere Stalins Angst vor antisowjetischen Verschwörungen in fataler Weise an Hitlers Konstrukt einer "jüdischen Weltverschwörung".

Zeitlich gesehen stehe Stalins Priorität fest. Während Hitler bis zum Kriegsausbruch den Tod von etwa 10.000 Menschen verschuldete, sei Stalin zu diesem Zeitpunkt bereits für über 5 Millionen Hungertote und fast 1 Million Erschossene verantwortlich gewesen. "Im Großen Terror hatte die Sowjetführung doppelt so viele Sowjetbürger ermordet wie Juden in Deutschland lebten, aber niemand außerhalb der UdSSR, nicht einmal Hitler, schien begriffen zu haben, dass Massenerschießungen dieser Art möglich waren" (S. 127).

Während die Mehrzahl der Opfer Stalins im Frieden umkam, verübte Hitler seine größten Verbrechen im Krieg. Ließ der kommunistische Diktator hauptsächlich Sowjetbürger töten, so richteten sich die Gewaltmaßnahmen des nationalsozialistischen überwiegend gegen Ausländer.

Mit der Besetzung Polens hätten Hitlers Untaten sich denen Stalins angeglichen. Vom September 1939 bis zum Juni 1941 töteten Deutsche und Russen eine vergleichbare Anzahl von Polen (etwa 100.000), wenngleich mit unterschiedlicher Professionalität. "Während die Deutschen irrtümlich glaubten, sie hätten die polnische Bildungsschicht in ihrem Teil des Landes eliminiert, war dies den Sowjets weitgehend gelungen. Im Generalgouvernement wuchs der polnische Widerstand, dagegen wurden in der Sowjetunion solche Netzwerke rasch zerschlagen und Aktivisten festgenommen, eingesperrt und manchmal hingerichtet" (S. 164).

Nach dem Angriff auf die Sowjetunion habe das Dritte Reich seinen Gegenspieler überholt und sei fortan für nahezu alle politischen Morde in den "Blutländern" verantwortlich gewesen. Zwar sei die "Endlösung" mit etwa 5,4 Millionen Opfern die größte Einzelaktion, doch habe Hitler eine vergleichbare Anzahl Nicht-Juden ermorden lassen.

Trotz ihrer Ungeheuerlichkeit blieben diese Verbrechen noch hinter den Plänen der nationalsozialistischen Führung zurück. Diese sahen vor, im Herbst und Winter 1941 an die dreißig Millionen Sowjetbürger dem Hungertod auszuliefern und nach dem Sieg in den eroberten Ostgebieten weitere 31 bis 45 Millionen Menschen zu eliminieren (Generalplan Ost).

Hinsichtlich der Shoah ist Snyders Hinweis aufschlussreich, dass ebenso viele Juden östlich der Molotow-Ribbentrop-Linie erschossen wie westlich von ihr vergast wurden. Zieht man noch die von Nationalsozialisten und Kommunisten herbeigeführten Hungersnöte in Betracht (denen über 9 Millionen Menschen zum Opfer fielen), wird deutlich, dass die totalitären Massenmorde mit viel primitiven Mitteln durchführbar waren, als ein Blick auf die Gaskammern glauben macht.

Im übrigen seien die meisten Vergasungen nicht in Auschwitz, sondern in den wesentlich tödlicheren Vernichtungslagern der "Aktion Reinhardt" erfolgt. Während Auschwitz von über 100.000 Menschen überlebt wurde, gab es in Belzec, Sobibor und Treblinka bei 1,3 Millionen Deportierten kaum 100 Überlebende.

Erfreulicherweise hat das Bemühen um quantitative Genauigkeit Snyder nicht davon abgehalten, die Erfahrung der Zeitgenossen in die Darstellung einfließen zu lassen. Mit reichlichen Zitaten aus Berichten, Erinnerungen und Tagebucheinträgen von Opfern wie Tätern führt er dem Leser eindrucksvoll vor Augen, dass hinter jeder Zahl ein menschliches Schicksal steht.

Angesichts dieser Leistung wird man es dem Autor nachsehen, dass er weder neue Quellen ausgewertet noch neue Erklärungen oder theoretische Ansätze formuliert hat. Als Zusammenfassung des gegenwärtigen Wissensstandes ist seine Arbeit sehr lesenswert.
Kommentar Kommentare (18) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 19, 2014 10:29 PM MEST


Handbuch der deutschen Geschichte in 24 Bänden. Bd.21: Der Zweite Weltkrieg (1939-1945)
Handbuch der deutschen Geschichte in 24 Bänden. Bd.21: Der Zweite Weltkrieg (1939-1945)
von Rolf-Dieter Müller
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 45,00

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Standardwerk, 17. Mai 2011
Mit diesem Buch erscheint nach langer Zeit wieder eine größere Gesamtdarstellung des Zweiten Weltkrieges aus deutscher Sicht. Es verbindet eine gesellschaftsgeschichtliche Betrachtungsweise mit außerordentlicher Stoffülle und solider militärhistorischer Kompetenz. Neben den Kampfhandlungen berücksichtigt Rolf-Dieter Müller auch den Völkermord an den Juden, die sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen in Deutschland, die Entwicklung von Technik und Wissenschaft, die deutsche Besatzungspolitik, den Widerstand, die Behandlung der alliierten Kriegsgefangenen sowie die Stimmungslage in der deutschen Bevölkerung.

Besonders erfreulich ist, daß dieser weite Horizont nicht auf Kosten der Darstellung der militärischen Operationen und ihres politischen Hintergrundes geht. Alle wichtigen Schlachten und Feldzüge werden präsentiert, im Verlauf knapp umrissen, im Ausgang zuverlässig erklärt, in ihrer Tragweite sicher beurteilt.

Dem Leser wird dabei eindrucksvoll vor Augen geführt, daß der Krieg im Osten mehr umfaßte als den Rückzug vor Moskau und die Schlacht um Stalingrad. Die vielleicht wichtigste Entscheidung war nämlich schon im August 1941 gefallen, als deutlich wurde, daß die Sowjetunion nicht, wie Hitler und die Mehrzahl der deutschen und ausländischen Experten geglaubt hatten, beim ersten Stoß kartenhausähnlich zusammenbrach. In dieser Erwartung gründeten aber sämtliche deutschen Planungen. So ging die Reichführung beispielsweise davon aus, bereits im Herbst 41 eine Million deutscher Soldaten demobilisieren zu können und hatte vor dem Anlaufen von "Barbarossa" den Schwerpunkt der deutschen Rüstungsproduktion auf die Kriegsmarine verlagert, was zur Folge hatte, daß das Reich selbst von Juni bis Dezember 41 weniger Panzer produzierte als die überraschte und am Rande des Abgrundes stehende Sowjetunion. Auch danach kam die Umstellung der Industrie nur schleppend voran. Noch bis 1943 betrieb das Dritte Reich eine weitgehend "friedensähnliche Kriegswirtschaft"!

Andererseits ergab sich daraus zunächst nur das Überleben der Sowjetunion, keineswegs schon zwingend ihr Sieg, nicht einmal nach der Schlacht von Stalingrad. Gerade letztere dürfte - wie Müller erneut herausarbeitet - zu den am meisten überschätzten Ereignissen des 20. Jahrhunderts zählen. Stalingrad war weder die blutigste, noch die schwerste, noch die entscheidende Schlacht des Zweiten Weltkrieges. Die fast zeitgleiche Kapitulation deutscher Truppen in Nordafrika führte zu dreifach größeren Verlusten, und die sowjetische Geschichtsschreibung räumte später mit guten Gründen der Schlacht von Kursk (Juli 1943) einen höheren Stellenwert ein. Die Niederlage der Wehrmacht in Weißrußland im Juni 1944 (Operation "Bagration") degradierte die Schlacht an der Wolga gar zum Mikrokosmos.

Zu den interessantesten Überlegungen Müllers gehört die Vorstellung, der Zweite Weltkrieg sei an der Westfront entschieden worden. Ohne das Eingreifen der USA hätten die Kämpfe im Osten wahrscheinlich in einer Pattsituation geendet, so daß die streitenden Diktatoren sich zu einem Status-quo-Frieden gezwungen gesehen hätten. Die Ereignisse im vorletzten Kriegsjahr belegen diesen Zusammenhang. Nur die Konzentration der gesamten deutschen Reserve im Westen ermöglichte es den Russen, der Wehrmacht im Sommer 1944 das Rückgrat zu brechen.

Daß Müller noch einen Schritt weiter geht, indem er die Rolle Großbritanniens und besonders Churchills als des vermeintlich "härtesten" Gegners Hitlers hervorhebt, kann dagegen nicht überzeugen. Letztlich war England doch zu schwach, um aus eigener Kraft eine zweite Front in Europa zu errichten, und die Vereinigten Staaten wären früher oder später wohl auch ohne britisches Zutun in den Krieg eingetreten.

Aufschlußreich ist Müllers klare Feststellung, die Briten hätten den strategischen Luftkrieg gegen die feindliche Zivilbevölkerung begonnen und am konsequentesten praktiziert. Militärisch erwies er sich als Fehlschlag. Hätten sich die Angriffe auf industrielle und militärische Ziele beschränkt, wäre der Schaden für die deutsche Kriegführung doppelt so hoch gewesen.

Im Ganzen macht diese neue Geschichte des Zweiten Weltkrieges einen gelungenen Eindruck. Zu ihren wenigen Schönheitsfehlern gehört der Umstand, daß es sich überhaupt um eine Darstellung aus deutscher - und damit einer begrenzten - Perspektive handelt. Nur eine konsequent internationale Betrachtungsweise kann dem Zweiten Weltkrieg als einem Geschehen, welches dem ganzen Globus seinen Stempel aufdrückte, gerecht werden.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 9, 2013 9:05 PM CET


Russlands Krieg: 1941 - 1945
Russlands Krieg: 1941 - 1945
von Richard Overy
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,99

38 von 48 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Gut erzählt, wenig erklärt, 9. Mai 2011
Rezension bezieht sich auf: Russlands Krieg: 1941 - 1945 (Taschenbuch)
In der Tradition von John Erickson (The Road to Stalingrad, 1975; The Road to Berlin, 1983) und David Glantz (When Titans Clashed, 1995) erzählt Richard Overy die Geschichte des Zweiten Weltkrieges ein weiteres Mal aus der russischen Perspektive. Das Ergebnis ist eine gut lesbare, auf dem neuesten Stand der Forschung stehende Darstellung, die aber kaum eigene Akzente setzt und wenig erklärt.

Historische Bücher werden erst wirklich interessant, wenn sie nicht nur berichten WAS passierte, sondern auch erklären, WARUM es geschah. Der Leser einer Studie über den deutsch-russischen Krieg wird vor allem die Beantwortung folgender Fragen erwarten können:

- Warum kam der deutsche Vormarsch Ende Juli 1941 für mehrere Wochen zum Stillstand?
- Warum entschied sich Hitler im August 1941 nicht direkt auf Moskau vorzustoßen, sondern zunächst die Ukraine zu erobern?
- Warum scheiterte der deutsche Blitzkrieg gegen die Sowjetunion? Lag es am Einbruch des Winters, an der Größe Rußlands, an der unzulänglichen Motorisierung der Wehrmacht oder an anderen Faktoren? Immerhin hatten außer Hitler auch die meisten westlichen Militärexperten einen schnellen Zusammenbruch Rußlands erwartet.
- Warum konnte die Wehrmacht 1943 keine nennenswerten Siege mehr erkämpfen und sich 1944 nicht einmal erfolgreich verteidigen?
- Warum gelangen der Roten Armee nach Stalingrad kaum noch größere Umfassungsoperationen?
- Warum hatte die Rote Armee auch in der Schlußphase des Krieges noch erschreckend hohe Verluste, viel höhere als die Wehrmacht in der Anfangsphase?
- Warum konnte die Sowjetunion in jedem Jahr des Krieges mehr Panzer, Flugzeuge und Artillerie produzieren als das Deutsche Reich, obwohl die industrielle Kapazität Deutschlands größer war?
- Wie entwickelte sich das personelle und materielle Kräfteverhältnis Deutschlands und Rußlands im Laufe des Krieges?
- Wie sahen die Strategien der beiden Kriegsparteien Jahr für Jahr aus, und in welchem Maße konnten sie umgesetzt werden?
- Welche militärischen Fehler haben beide Seiten aus heutiger Sicht begangen? Wie hätten sie effektiver vorgehen können?
- Warum gelang es der Sowjetunion die Wehrmacht zurückzuschlagen, während das Zarenreich im Ersten Weltkrieg zusammengebrochen war?
- War die deutsche Niederlage von vornherein unvermeidlich?

Diese Fragen und viele andere läßt Overy offen. Der Nutzen seiner Geschichte des östlichen Kriegsschauplatzes wird dadurch erheblich gemindert. Symptomatisch für das Buch ist der Epilog, in dem einer der wenigen ausdrücklichen Erklärungsversuche auftaucht. Dort heißt es, angesichts der allgemeinen Gegebenheiten im Juni 1941 hätte Deutschland den Krieg gegen die Sowjetunion eigentlich gewinnen müssen. Die Herausforderung des Historikers, fährt Overy fort, bestehe nun gerade darin, zu erklären, warum es anders gekommen sei. Um dies zu leisten, führt er vier Faktoren an: Die Führungskraft Stalins, die Effektivität des planwirtschaftlichen Systems in Kriegszeiten, den Patriotismus der Bevölkerung, sowie einen vorübergehend in der sowjetischen Gesellschaft aufgetretenen Geist von Initiative und Verantwortungsbewußtsein. WARUM diese Faktoren für den Sieg Rußlands ausreichten und was sie im Einzelnen bedeuten, wird nicht weiter erläutert. Keiner der Faktoren wird durch präzise Daten differenziert oder durch historische Vergleiche konkretisiert.

Wer lediglich eine flüssig geschriebene Zusammenfassung der wichtigsten Vorgänge an der Ostfront sucht, trifft mit Overys Buch eine gute Wahl. Wer aber darüber hinaus den Verlauf des Krieges VERSTEHEN möchte, muß sich nach anderer Literatur umsehen.
Kommentar Kommentare (9) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 18, 2013 10:18 AM CET


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8