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Rezensionen verfasst von
Alexander Schneider

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Verfallen Folge 2: Fassaden (Lim. 2CD Edition)
Verfallen Folge 2: Fassaden (Lim. 2CD Edition)
Preis: EUR 29,69

12 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Triumphaler Trauermarsch und herzzerreißendes Finale: Wenn der Liebeszauber schwindet und das Schicksal Trübsal bläst, 5. April 2016
Im Oktober vergangenen Jahres sollte es sich zutragen, dass Deutschlands Gothic-Ikonen ASP einen neuen Zyklus in ihrem Schaffen einläuten und damit weiter an ihrer Unsterblichkeit basteln sollten - dann nämlich wurde "Verfallen, Folge 1: Astoria", das Debüt der zweiteiligen "Verfallen"-Reihe, veröffentlicht. Nach den beachtlichen Charterfolgen von Alben wie "Zaubererbruder - Der Krabat Liederzyklus" (#13) und "MaskenHaft - Ein Versinken in elf Bildern" (#2) konnte auch das neue Werk Reden von sich machen und erklomm aus dem Stand Platz 7 der deutschen Hitparade. Doch ASP wären nicht ASP, wenn sie darauf nicht bedeutend weniger Wert legen würden als auf die Begeisterung ihrer zahllosen Fans, die sich nicht nur in den Jubelstürmen der folgenden Tournee, sondern auch in den unglaublich vielen verzückten Kommentaren und Rezensionen zum finsteren Epos zeigte. Bei der besagten Konzertreise, bei der ASP übrigens von der mehr als hörenswerten Truppe Spielbann begleitet wurden, konzentrierte man sich allerdings eher auf die Songs dynamischeren Charakters und beging damit fraglos keinen Fehler, immerhin erwies sich die "Verfallen"-Tournee im Herbst 2015 als rauschender Erfolg. Teil der damaligen Setlist war auch "Fortsetzung folgt … 1", der extravagante Rausschmeißer des ersten "Verfallen"-Teils, und ganz so, wie er die faszinierte Fanschar aus den eleganten Hallen und den finsteren Korridoren des Hotels geleitete, bereitete er das Publikum auch auf den nahenden Abschied nach dem Auftritt vor. Doch welches Schicksal wird Paul zu guter Letzt erleiden? Was plant seine Weggefährtin mit ihm? Und wird er sich trotz aller Liebe, trotz seines persönlichen Verfalls und trotz seiner verwirrten Wahnvorstellungen aus den Klauen des Monstrums befreien können? Um Fragen wie diese endgültig zu klären, bescheren ASP ihren treuen Fans nun endlich das Finale des Zweiteilers, getreu dem emotionalen Schauspiel im Inneren des Hotels mit "Verfallen, Folge 2: Fassaden" betitelt.

1.) Schon nach dem Genuss des Vorgängers war klar, dass "Fortsetzung folgt ... 1" einen Nachfolger erhalten würde, diese Gewissheit gab schon die eindeutige Betitelung des bemerkenswert launigen Rausschmeißers her. Und dieser Nachfolger soll nicht etwa den Abschluss der zweiten Folge bilden, sondern sie ganz und gar eröffnen! So fungiert "Fortsetzung folgt ... 2 (Vorspann)" als rasanter Opener des mit knapp 78 Minuten außerordentlich ergiebig bestückten Longplayers und weiß den Hörer ebenso sanft an die Hand zu nehmen wie sein musikalisches Pendant. Nachdem der erste Teil den leidenden Hotelgast behutsam an der Rezeption vorbei und durch die Lobby hindurch nach draußen geleitet hat, gibt der seelenverwandte Nachfolger einen bestimmten Anstoß, der es dem Hörer mehr als leicht macht, sich wieder in die vertrauten Hallen vorzuwagen. Es wäre keine Übertreibung, beide Lieder als eine Art Zwillingsgestirn zu bezeichnen - ein verschwistertes Gespann, das seine geistige wie klangliche Verwandtschaft nicht leugnen kann. Ansonsten fällt im Laufe der knapp sechsminütigen Spielzeit vor allem der folkige Charakter des Stücks, für den die erfreuliche Beteiligung der engelsgleichen Teufelsgeigerin Ally verantwortlich ist, auf. Mit ihrem fabelhaften Geigenspiel verleiht sie dem dank E-Gitarre, Bass und Schlagzeug ohnehin schon vor Energie übersprudelnden Titel noch mehr Dynamik und Kraft, und auch der dem ersten Teil gleichende Refrain erklimmt durch ihr virtuoses Spiel eine neue Stufe auf seinem Weg, nach den Sternen zu greifen! Auch die Lyrics können mit ihrem leichtfüßigen, teils wunderbar selbstironischen Charakter überzeugen.

2.) Erst an zweiter Stelle folgt das eigentliche Intro des musikalischen Serienfinales, betitelt mit dem illustren Namen "Bitte nicht stören! (Intro)". "Bitte nicht stören! (Intro)" ist rein musikalisch betrachtet ein reines Instrumentalstück, das von Allys förmlich weinender Geige getragen wird. Doch sind im Hintergrund weitere Klänge zu vernehmen, insgesamt kommt der Song als bombastische Melange aus dem tieftraurigen Geigenspiel, dem hypnotisch wirkenden Schlagzeug und behutsam eingestreuter Elektronik, gegen Ende gar dröhnenden Beats, daher. Auf seinem Weg steigert sich der Titel stetig und entwickelt so eine Sogwirkung, die dem Hörer schlicht keine Wahl lässt, als wiederholt zum Beobachter der folgenden Tragödie zu werden. Spätestens mit dem ersten Einsatz der Geige versinkt der Hörer in Trauer und Melancholie - passend zum unheilvollen Verlauf der Geschichte, die das Auditorium in atemberaubender Manier einholen wird.

3.) Kaum hat man nach dem anmutigen Intro die Augen geschlossen, findet man sich auch schon in den unglückseligen Räumlichkeiten des Hotels wieder. "Unwesentreiben", welches auch schon im Trailer zum Album angeklungen ist, kommt in seinen ersten Sekunden unerwartet ruhig daher. Schon nach wenigen Sekunden aber entwickeln sich die außergewöhnlichen Strophen zu einem mitreißenden Wechselspiel aus besinnlichen, beinahe verzweifelten Versen und brettharten Rock-Passagen. Nach der Abfolge zweier Strophen und einer ebenso dramatisch inszenierten Bridge bescheren uns ASP einen pompösen, beinahe cineastischen Refrain, der nicht nur aufgrund seiner melodischen Urgewalt als wahre Hymne bezeichnet werden kann! Auf der anstehenden Konzertreise wird "Unwesentreiben" ohnehin Anklang finden, durch seinen epischen und ausladenden Charakter wäre der Song der perfekte Opener und ein idealer Einstieg in die Szenerie, so wie er es auch im Rahmen des konservierten Albums ist.

Beschäftigt man sich mit der dichterischen Ausgestaltung und der inhaltlichen Aussage von "Unwesentreiben", so fällt einem augenblicklich auf, dass die Lyrics nicht nur darin bestehen, eine Innenansicht von Pauls Gefühlslage sowie eine Zustandsbeschreibung seiner Beziehung mit Astoria zu gewähren. Nein, darüber hinaus wird die emotionale Komponente mit der Beobachtung von gesellschaftlichen sowie politischen Entwicklungen verflochten, sodass sich im Text eine Verbindung von Innenleben und Außenwelt ergibt. Schon in der ersten Zeile wird das Geschehen zeitlich eingeordnet - die Fortsetzung beginnt knapp 15 Jahre nach dem grausamen Mord an Loreley. Im Laufe der Zeit sind demnach unzählige weitere Opfer hinzugekommen, das mörderische Liebespaar hat seine Todesliste stets erweitert. Und obwohl sich Paul nicht wirklich für das Zeitgeschehen interessiert, weiß er sehr wohl, wie er daraus Kapital schlagen kann. Mittlerweile greift nämlich der Nationalsozialismus um sich, das Dritte Reich knechtet die Gesellschaft mit all seinen Gräueln. So ist es Paul ein Leichtes, die Menschenverachtung der Faschisten und den Holocaust für sich zu nutzen.

4.) Wer nun denkt, er könne sich nach dem ausufernden "Unwesentreiben" zurücklehnen, der irrt gewaltig! Mit "OdeM" liefern ASP einen meiner absoluten Favoriten auf "Verfallen, Folge 2: Fassaden" ab, wenngleich der Song in meinem Fall erst wachsen musste, dann aber umso stärkere Anziehungskraft entfalten konnte! Rein musikalisch stellt sich "OdeM" nämlich als teuflische Mixtur aus fetzigen Instrumentalparts, rockigem sowie treibendem Chorus und wavigen Strophen, die in ihrer Eleganz und Anmut durchaus an "Carpe noctem" erinnern, dar. Ein wohlschmeckendes Gebräu, welches mich vor allem mit den bereits in den Himmel gelobten Strophen begeistert! Die romantische Ader der Lyrics wird auch in der Musik zur Geltung gebracht und sorgt für Herzklopfen und Tränen en masse. Im Chorus entlädt sich all die unermessliche Leidenschaft, die Paul in sich trägt, und mit derselben Passion werden auch die Konzerthallen erbeben, sobald die entsprechenden Töne erklingen. In den Lyrics hingegen entfaltet sich derweil eine ergreifende Liebeserklärung an Astoria. Paul ist Astorias Verführungskunst vollkommen erlegen, mittlerweile träumt er sich in liebestolle Sphären hinauf. In den Lyrics der Bridge wird zudem deutlich, wie sehr sich Pauls Moralvorstellungen mittlerweile von denen der Gesellschaft entfernt haben. Er verweilt tatsächlich in dem Glauben, dass seine Taten keine Verbrechen seien - und selbst wenn sie es doch sind, spricht er sich von ihnen frei, weil sie für ihn keine Sünde sind.

5.) Den ersten Zwischenton liefern uns ASP mit dem im positivsten Sinne pathetischen "Zwischentöne: Höhepunkt", welches rein emotional in einer ähnlichen Grundstimmung verweilt wie "OdeM" - Pauls Hochgefühle und seine Verbliebtheit stehen also definitiv im Mittelpunkt des Geschehens. Wir befinden uns an dieser Stelle in der Blütezeit der besungenen Liebesbeziehung: Paul sieht sich natürlich im Frühling seines Lebens und würde Astoria alle Blumen dieser prachtvollen Jahreszeit schenken, wenn sie nur eine richtige Frau wäre. Ihm ist mittlerweile deutlich geworden, welch unüberwindliche Distanz trotz aller Nähe zwischen ihnen liegt, und doch empfindet er durch die Zuneigung Astorias einen befriedigenden Ausgleich. Doch auch die musikalische Komponente beherbergt gewisse Auffälligkeiten, die unverkennbar sind: Das Stück wird durchweg von der akustischen Gitarre des virtuosen Gitarrengottes Sören Jordan getragen und läuft somit gänzlich im Unplugged-Modus ab. Die milden Klänge der Gitarre verschmelzen mit Asps warmer, einfühlsamer Stimme und bilden so eine Einheit, die den schwelgerischen Lyrics nicht nur gerecht wird, sondern sie auf direktem Wege in das Herz des Hörers transportiert. "Zwischentöne: Höhepunkt" ist ohne Frage ein ungemein beruhigender, entspannender Song und könnte mit seiner schlafwandlerischen Schönheit beinahe ein Wiegenlied sein - und doch ist das hier Dargebotene viel zu fesselnd, um wirklich einschlafen zu können!

6.) Nach Pauls rasantem Höhenflug geht es ebenso geschwind bergab, und ein erster Indikator dafür ist "Das Kollektiv". Es ist eigentlich selbsterklärend, dass nach dem besinnlichen "Zwischentöne: Höhepunkt" ein Titel folgen muss, der eher auf den Grundlagen der Energie und Dynamik basiert als idyllische Akzente setzen zu wollen. Nach wenigen Sekunden geht die Band in die Vollen und kredenzt uns einen donnernden Basslauf, der ein Zusammenspiel aus tiefen, dunklen Klangwelten und euphorischer Energie aus der Taufe hebt. Was dann aber folgen soll, kann man getrost als einen der mitreißendsten und fesselndsten Refrains der ASP-Historie bezeichnen! Exakt hier entfaltet "Das Kollektiv" eine hymnische Urgewalt, wie man sie sich nicht einmal in seinen kühnsten Träumen hätte ausmalen können. Der Chorus fegt mit seiner unnachahmlichen Kombination aus musikalischer Leichtigkeit und inhaltlicher Schwere über den Hörer hinweg, seine durchaus gestreckte Länge macht ihn dabei nur noch hittauglicher und tanzbarer. Ein ganz besonderes Highlight sind dabei die doch recht vordergründigen Folk-Anleihen, von denen ASP in "Das Kollektiv" Gebrauch machen. So wird der Chorus von einem kraftvoll aufspielenden Dudelsack begleitet, welcher übrigens von Thomas Zöller, seines Zeichens unter anderem Mitglied von Asps Von Zaubererbrüdern, intoniert wird. Als unverbesserlicher Folk-Liebhaber muss ich sagen: Ein purer Genuss! Die musikalische Innovation passt sich der schauerlichen Thematik trotz ihres unerwarteten Vorhandenseins vortrefflich an und verleiht dem Refrain noch mehr Elan, als er ohnehin schon aufweisen kann. Was die Lyrics angeht, so bringt "Das Kollektiv" ein bisher unbekanntes Phänomen in den "Verfallen"-Kosmos ein - die gleichnamige Armee, die dem Hotel dient, um es zu nähren. Die Auswirkungen auf den weiteren Verlauf sind schon jetzt spürbar: Man ahnt zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal, dass sich das Blatt alsbald wenden könnte. Das monströse Mysterium leitet letztlich die entscheidende Wendung in Pauls Leben ein und die Entdeckung jener Parasiten gibt ihm den entscheidenden Anstoß, auf etwas weit Schrecklicheres zu treffen.

7.) Und da wären wir auch schon inmitten der Flammen, oder besser gesagt "Hinter den Flammen". Man darf mit Fug und Recht behaupten, dass es sich bei diesem ausschweifenden Epos um den Handlungsmittelpunkt des Albums handelt, da die Stimmung hier endgültig kippt und da Pauls verklärtes Weltbild, sein gesamter Lebenssinn, aus den Angeln gehoben wird. Nachdem Paul von der Existenz des Kollektivs erfahren hat, schreitet er in das Kellergewölbe und sucht seine geliebte Astoria, konkret den gleißenden Ofen, also ihr Herz, auf. Doch anstatt mit Herzlichkeit und Wärme, die sich nicht nur vom Feuer nährt, empfangen zu werden, wird er mit seinen grausamsten Ängsten konfrontiert. Hinter den Flammen lauert nämlich eine "Albtraumgestalt", wie es im Refrain so treffend formuliert wird, die nur darauf wartet, ihn hernieder zu drücken und zu vernichten. Das ultimative Böse, ein Scheusal vor dem Herrn, flutet unseren zweifelhaften Helden mit Todesangst und erdrückender Panik, doch letztlich erscheint Astoria und gibt ihm die letzte Kraft, um wieder auf die Beine zu kommen. Entrüstet über die schiere Existenz eines solchen Monstrums, welches er nie anzutreffen geglaubt hätte, weint sich Paul die Seele aus dem Leib und erkennt, dass er jahrzehntelang lediglich ein Instrument war - nicht etwa das seiner geliebten Astoria, deren Werkzeug er nur zu gern gespielt hätte, sondern das eines unkontrollierbaren Dämons, der hinter den Flammen lauert, um baldestmöglich die Welt zu verschlingen. Im Hinblick auf die dargebotenen Klänge geht es ebenso erlebnisreich zu wie im inhaltlichen Geschehen. Eingeleitet von bedrohlichem Glockenklang, welcher mich am Tage, des Nachts und sogar bis in meine tiefsten Träume verfolgt, wird "Hinter den Flammen" anfänglich von erschütternden Gitarrenriffs geprägt. Genau in der Mitte der Tracklist gelegen und als längster Song des Albums dazu prädestiniert, epische Ausmaße anzunehmen, wird "Hinter den Flammen" seinem hohen Anspruch vollauf gerecht und driftet nach etwas mehr als einer Minute gar ins Metal-Genre ab.

8.) Die letzten Zwischentöne - wir werden sie sehnlichst vermissen! - erklingen mit "Zwischentöne: Abfall", und schon der Titel macht mehr als deutlich, in welche Richtung es nun gehen soll. Tiefer, immer tiefer... Nur dass es diesmal nicht allein um den Treppenabstieg in die dunkelsten Räumlichkeiten des Hotels, sondern auch um den Gemütszustand von Paul geht. Zuerst jedoch macht man uns klar erkenntlich, in welcher Phase der Historie wir uns nun befinden, draußen nämlich wurde die Deutsche Demokratische Republik ausgerufen und mit ihr die Berliner Mauer, die knapp zwölf Jahre nach Gründung der DDR folgen sollte. Den Bau der Mauer vergleicht Paul mit einer Wand, die er im Keller des Hotels erschuf, um die Vielzahl seiner Opfer vor den neugierigen Blicken Außenstehender zu verbergen - schließlich liegt der einzige Sinn seiner Existenz darin, seine krude Parallelwelt aufrechtzuerhalten. Paul lässt alles Erlebte Revue passieren und schon bald keimt in ihm der Gedanke auf, dass es das Schicksal des ungleichen Pärchens ist, unterzugehen. Auch die Klangwelten, mit denen ASP ihre Hörer in "Zwischentöne: Abfall" berühren, spielen offen mit der Empfindsamkeit und der Tristesse, die in den Lyrics zur Schau gestellt wird. Der Song kommt in seiner vollen Länge als bewegende Ballade akustischer Natur daher, wird von den leisen Tönen der Gitarre begleitet und natürlich von Asps herzzerreißender Stimme, die hier zu ungeahnten Höhenflügen ansetzt und Melodien in die Welt befördert, die man sich nicht einmal in seinen kühnsten Träumen zu wünschen getraut hätte.

9.) Während "OdeM" einige Zeit benötigte, um zu einem meiner drei Lieblingssongs auf "Verfallen, Folge 2: Fassaden" aufzusteigen, war "Köder" der Song, der mich als erstes packte und mit sich riss, als gäbe es kein Morgen! Betrachtet man diese unkonventionelle Komposition ein wenig oberflächlicher, dann könnte man sie schlicht als straighten Gothrocker bezeichnen - doch das würde diesem melodischen Meisterwerk, das mit seiner Melange aus elegischen Keyboardklängen und schleppenden Gitarrenriffs entzückt, in keiner Weise gerecht werden. Zum Verlieben! Besagte Keyboardklänge, die den "Köder" überhaupt erst auswerfen, lockern das musikalische Geschehen zudem merklich auf und sorgen für noch mehr Eingängigkeit in einem Song, der vor Potenzial nur so strotzt! Hochmelodisch geht es zu, zuweilen gar betont ruhig, doch das soll der beeindruckenden Wirkung des Tracks nicht ein Fünkchen ihrer Kraft rauben. Anders als in vielen anderen Songs, die dem Rock-Schema folgen, konzentrieren sich ASP in "Köder" darauf, eine ganz spezielle Atmosphäre zu vermitteln, die keine donnernden Gitarren benötigt, um ihren ganz eigenen Reiz zu entfalten. Die Lyrics gehen explizit auf die Existenz des Monstrums ein, das Paul im Keller förmlich um den Verstand gebracht hat. Es dämmert Paul allmählich, dass Astoria nichts weiter als ein Köder für das geifernde Ungeheuer ist, und er folglich nur ein Helfershelfer, ein Instrument in einem abgekarteten Spiel.

10.) "Ich lösche dein Licht" hat die Aufgabe, die Zehn vollzumachen - und löst sie mit Bravour! Es ist mir zwar eigentlich unmöglich, einen absoluten Favoriten unter meinen Lieblingssongs auszumachen, doch wäre "Ich lösche dein Licht", vor allem sein erster Teil, wohl meine logische Wahl. Zusammen mit dem nachfolgenden "Ich lösche dein Licht (Reprise)" läutet der Track den Anfang vom Ende ein - Paul holt zum letzten Schlag gegen Astoria aus. Es verwundert nicht, dass er sich nun einer akuten Bedrohung ausgesetzt sieht und dass er das niederschmetternde Gefühl empfindet, betrogen worden zu sein. Der Moment, in dem er sich mit dem Tode konfrontiert sah, hat ihn nachhaltig geprägt und ihm deutlich gemacht, dass es so keinesfalls weitergehen kann. Trotz aller Klarheit befindet er sich allerdings in einer Zwickmühle und weiß, dass er den nahenden Paukenschlag nicht abwenden kann. So übermannt ihn, der zuvor immer die Kontrolle zu haben glaubte, eine erdrückende Hilflosigkeit. Im Refrain hingegen brilliert Asp einmal mehr mit einem Wortspiel, das nur einem derart kreativen Geist wie dem seinen entspringen kann! So vereint er die Begriffe "Licht" und "Herz" zum Lichtherz, welches stellvertretend für die Klappe zu Astorias Ofen steht und somit auch für das Portal zur flammenden Zwischenwelt, in der sich der monströse Leser befindet. Und dennoch trennt er die beiden Wörter noch in der Zeile zuvor bewusst, um daraus eine etwas andere Bedeutung abzuleiten - die Anrede "Herz" legt dabei offen, wie sehr Paul auch während seiner folgenden Attacke noch an Astoria hängt. Paul möchte Astorias Treiben, das letztlich nur dem Monstrum auf der anderen Seite dient, ein für alle Mal ein Ende setzen und setzt einen längst durchdachten Plan um, einen Anschlag auf seine große Liebe zu verüben.
Musikalisch weist der Song die Merkmale eines typischen ASP-Everblacks auf: Einen leidvollen und dennoch leidenschaftlich vorgetragenen Refrain, der sich natürlich zum Mitsingen anbietet, und energetische Strophen, die den entscheidenden Charakter des Textes atmosphärisch einfangen. Trotz aller Power wird das Lied über die volle Länge hinweg von niederschmetterndem Kummer erfüllt, was der Hörer schlicht und ergreifend am eigenen Leibe nachempfinden kann.

11.) Das an elfter Stelle folgende "Ich lösche dein Licht (Reprise)" komplettiert das aus beiden Parts bestehende "Ich lösche dein Licht"-Gesamtpaket, entwickelt aber schnell eine völlig andere Dynamik als sein zuvor ausgeklungenes Pendant. Die Reprise liefert im Grunde eine detaillierte Beschreibung von Pauls Offensive, durch die er sich erstmals auf Augenhöhe mit dem Hotel begibt:

"Das Wasser kommt gekrochen
und dringt in die Weltenpforte ein.
Es wird auch mich gefährden,
es kann unser beider Ende sein.
Ganz leise wird das Pochen:
Weit entfernte Mahnung des Verfalls.
Was soll nur aus uns werden?
Schon steht mir das Wasser bis zum Hals!"

In der weiteren Erzählung setzt Paul alles daran, das gierige Monstrum, den beobachtenden Leser hinter dem Flammenwall, auszumerzen. "Ich lösche dein Licht (Reprise)" hat die elementare Aufgabe, den Verlauf der Geschichte durch seine vielen erzählerischen Momente zu beschleunigen, nachdem "Ich lösche dein Licht" eher emotional geprägt war.

Musikalisch wird "Ich lösche dein Licht (Reprise)" durch eine der ruhigsten Passagen auf "Verfallen, Folge 2: Fassaden" von seinem Zwilling getrennt. Asps wehmütiger Gesang und die einer Spieluhr gleichkommenden Klänge gehen Hand in Hand, um den Hörer auf das Massaker vorzubereiten, das im Folgenden wie eine Woge über Astoria hereinbrechen soll. Auch im Mittelteil des Songs geht es heiß her: Die Einzelheiten der Attacke werden unter dem Donnerhall von E-Gitarre und Bass sowie unglaublich fesselndem Sprechgesang vermittelt. Bevor Sören Jordan seine meisterlichen Fähigkeiten an der E-Gitarre wiederholt unter Beweis stellt und ein episches Gitarrensolo spielt, das wohl der beste Ausdruck für Pauls innere Klagerufe ist, singt Asp unter Hinzunahme gleich mehrerer Gesangsebenen vom unbändigen Zorn des Kollektivs - ein atemberaubender Kanon.

12.) Mit der großzügigen Beteiligung von Vincent Sorg (Principal Studios, Senden), der sich auch schon für das Piano in "Die vielen Jahre" und in der "Stripped down piano version" von "Rücken an Rücken" verantwortlich zeigt, ist das rührende "Ich bringe dir nichts mehr" entstanden.
Das Klavier verleiht dem Stück ein hohes Maß an Charme und Persönlichkeit und widmet ihm so einen ganz besonderen Platz in der Tracklist. Trotz oder gerade wegen der vermeintlich geglückten Attacke auf Astoria ist "Ich bringe dir nichts mehr" von Trauer und Schmerz erfüllt, und die in jeder Sekunde durchscheinende Intimität, die Pauls Konversation mit Astoria mit sich bringt, erfüllt den ganzen Raum mit Leblosigkeit. Eben jene Leblosigkeit dürften nun auch Paul und Astoria empfinden, nachdem die vorherigen Geschehnisse ihre Spuren hinterlassen haben. Vor allem der depressiv anmutende Refrain rührt jeden, der nicht schon vorher an all dem Leid erstickt ist, zu Tränen.
Die Lyrics künden vom langsamen Vergehen der Kunstfigur Astoria, Pauls energische Attacke scheint ihre Wirkung nicht verfehlt und den Niedergang heraufbeschworen zu haben. Mittlerweile ist Paul seiner Astoria fremd geworden - vielleicht, weil sie nicht mehr die Kraft aufbringen kann, ihn zu erkennen, vielleicht hat sein vorheriger Angriff aber auch zu ungezügeltem Hass in ihr geführt, sodass sie ihn gar nicht mehr erkennen will. Das Hotel scheint mittlerweile leerstehend zu sein, es erleidet also das gleiche Schicksal wie das reale Astoria. So sind die Gäste längst fort, jedes Leben ist aus dem einst prunkvollen Bau gewichen. Paul selbst verspürt nun noch keinen allzu großen Drang nach selbstbestimmter Lebensführung, und so liegt es nahe, dass er gemeinsam mit seiner Auserkorenen in den ewigen Schlaf verfallen will.

13.) Wer Kai Meyers Kurzgeschichte "Das Fleisch der Vielen", die Mastermind Asp als Inspiration für die beiden "Verfallen"-Alben diente, gelesen hat, der weiß, welche Rolle Paul nun zugeschrieben wird - fortan fristet er ein Dasein als "Umrissmann", als von niederen Instinkten geleitete Silhouette an den Tapeten Astorias. Er äußert zwar den eindringlichen Wunsch nach Freiheit, die er sich mit seiner Attacke auf Astoria zu erkämpfen glaubte, endet aber als Schattenmann mit dem Rücken an der Wand. Gleichzeitig enthüllt der Refrain die Botschaft, dass Astoria eben nicht zu Tode gekommen ist, wie es sich Paul vermutlich erhofft hatte, im Gegenteil: Ihr Lebenslicht glüht scheinbar heller als je zuvor. Während Paul also nach und nach vergeht, krallt sich Astoria am Leben fest und verdammt stattdessen Paul zu einer Existenz im Schattenreich. Von immenser Bedeutung ist allerdings, dass Astoria Pauls Leben ausgedehnt zu haben scheint. Seine Dienerschaft wie auch sein Leben währt also schon weit länger, als es einem normalen Menschen möglich wäre.

Musikalisch macht der "Umrissmann" von eindeutigen NDH-Anleihen Gebrauch. So werden die rockigen, aber bewusst monoton gehaltenen Strophen von brettharten Gitarrenriffs und von für das Genre typischen Strukturen dominiert. Kurz darauf ist jeder Widerstand zwecklos: Der überwältigende Refrain erbringt einmal mehr den besten Beweis dafür, welch himmelschreiende Ungerechtigkeit im Musikbusiness zugegen ist! Mit dieser Melodie müsste man die Spitzenposition der Charts über Jahre hinweg gepachtet haben...

14.) "SouveniReprise" könnte man, sofern man nur das Vorgängeralbum kennt, als schlichte Kopie von "Souvenir, Souvenir" abtun - doch weit gefehlt! Zwar teilen sich die beiden Songs den Sound des Refrains, ansonsten aber könnten sie sich nicht deutlicher voneinander unterscheiden. Während "Souvenir, Souvenir" als klassisches Gothrock-Kleinod durchgeht, kann die beinahe gleichnamige Reprise nur als staunenswertes Monument betitelt werden! Anstatt auf direktem Wege in rockige Gefilde abzutauchen, setzt "SouveniReprise" auf einen langsamen Spannungsaufbau. Demnach liegt es nahe, dass Asps Stimme anfänglich nur vom Piano und von Klängen, die annähernd an ein Cello erinnern, begleitet wird. Bevor der Refrain dann seinen großen Auftritt genießt, glänzt die opulente Bridge mit gleich mehreren Gesangslinien, die einander benötigen, um die Dramatik zu entfalten, die sie schließlich auch in die Welt hinaustragen. Da wäre nicht nur die Intonation der Lyrics, sondern auch eine obendrein gesungene Melodie, die keiner Worte bedarf, um mitten ins Herz zu treffen.

Nachdem der eindrucksvolle Chorus ein letztes Mal in die Gehörgänge der Fans vorstößt, entfaltet sich das endgültige Finale gleich einem apokalyptischen Untergangsszenario, die Spannung ist diesem gewichtigen Moment förmlich greifbar. Ein epischer Abschluss, der den Vocals eine außergewöhnliche Rolle zuschreibt - spätestens jetzt dürfte sich jede Fassade, möge sie auch noch so beständig sein, erweichen lassen.
Der Text hingegen wirft Unmengen an Fragen auf, handelt es sich hier doch um ein offenes Ende. Zuerst hängt Paul dem Irrglauben an, das Hotel würde schon bald abgerissen werden, doch damit liegt er, wie wir heute wissen, vollkommen falsch. Besonders verstörend erscheint Pauls Annahme, bei all seinen Erlebnissen habe es sich vielleicht nur um Hirngespinste gehandelt. Dies würde der reinen Logik nach durchaus Sinn ergeben, immerhin ist auch im realen Leben immer wieder von Mördern zu hören, die psychischen Unzulänglichkeiten unterlagen, und doch wäre diese Interpretation viel zu schlicht, um dem Schaffen dieser einzigartigen Band auch nur im Entferntesten zu entsprechen.

In den letzten Versen jedoch wird eindeutig klar: Das Böse ist wieder auferstanden. Im Keller sind nun Pumpen in Betrieb. Man mag sich kaum ausmalen, was geschehen wird, sobald Astoria einen neuen Diener gefunden hat - der Blick in die Zukunft allerdings verrät, dass Tim, der in Kai Meyers "Das Fleisch der Vielen" gemeinsam mit seiner Freundin Jana das Hotel heimsuchte, schon bald zum Inventar gehören wird. Wer die Pumpen in Gang gesetzt hat? Über diese Frage könnte man stundenlang spekulieren, doch reicht allein die bloße Kenntnis darüber aus, um von Kopf bis Fuß zu erschaudern.

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Wenn man sich im Laufe einer Rezension in immer größere Ausführlichkeiten verstrickt und wenn dabei letztlich die längste Rezension entsteht, die man je geschrieben hat, dann weiß man: Dieses Werk stellt alles andere in den Schatten! Ich gebe offen zu, dass es Tage und Nächte benötigt hat, um die unermesslich vielen Details, die sich im Laufe der Zeit und mit einer nie dagewesenen Intensität offenbaren, in nur einem Text zu bündeln. Und doch vermag ich es mitnichten, diese in jedem Augenblick und mit jedem Atemzug erkennbare Liebe zum Detail auch nur annähernd würdig zu präsentieren, da das hier Erschaffene weit über den menschlichen Horizont hinausgeht! Es sind diese magischen Momente des Erlebens, die einen glauben machen, dass gewisse Kunstwerke aus einer fernen Zwischenwelt stammen, und ganz so ist es hier...

"Verfallen, Folge 2: Fassaden" kommt in einem klanglichen Gewand daher, das einer magischen Robe gleicht und mächtige Zauber entfesselt, denen sich der Hörer zu keinem Zeitpunkt entziehen kann. Stattdessen bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich dem Hexenwerk zu ergeben und all das Leiden, all die Trauer, die Paul in den finalen Momenten des Werkes erleidet, am eigenen Körper zu verspüren. Vergleicht man "Verfallen, Folge 2: Fassaden" mit dem ersten Teil, dann besteht die größte Auffälligkeit darin, dass es dem Hörer nun viel leichter fällt, einzelne Stücke aus dem Korsett herauszutrennen, um sie für sich zu genießen. ASP begeben sich mit ihrer "Verfallen"-Reihe auf unbekanntes Terrain, machen sich auf, neue Ufer zu ergründen und einen Kosmos zu erschaffen, dessen Tragweite weit über das hinausgeht, was der Mensch unter emotionaler Regung zu verstehen glaubte. Ohne Frage, verfallene Horrorhäuser gab es im Segment der schaurigen Phantastik zuhauf und ich mag gar nicht daran denken, wie viele Autoren sich an dieser literarischen Thematik versuchten. Doch betrachtet man Kai Meyers Kurzgeschichte "Das Fleisch der Vielen" und die beiden ASP-Epen in der Gesamtheit, dann fällt einem augenblicklich die Eigenständigkeit auf, mit der die Zusammenhänge der aufwändigst inszenierten Story erschlossen wurden. Wie sollte es auch anders sein, wenn sich der Lieblingsautor und die Lieblingsband verschwören, um ein gemeinsames Projekt aus der Taufe zu heben?

ASP beschließen ihren aktuellen Schaffenszyklus mit einem musikalischen Kunstwerk, das einem Inferno gleichkommt und wie ein Meteor über den Himmel zieht, ohne jedoch zu verglühen - ganz so, wie auch des Hörers Gefühle nie verglühen werden, wenn er an Paul und Astoria zurückdenkt. Wie im echten Leben spielen Fassaden eine große Rolle, sie machen den Lauf der Geschichte überhaupt erst möglich und lassen uns tief in uns hineinhorchen: Wie groß darf unsere eigene Fassade sein, ehe wir hinter ihr verschwinden?


Das Kollektiv
Das Kollektiv

5 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wohlfühloase im Gruselkabinett: ASP beschwören eine Romanze zwischen Elektronik und Folk-Anleihen, 14. März 2016
Rezension bezieht sich auf: Das Kollektiv (Audio CD)
Singles haben im Hause ASP eine große Tradition - man erinnere sich einfach mal an große Hits wie "Wechselbalg", "Wer sonst?" oder auch "Ich bin ein wahrer Satan". All diese heutigen Klassiker sind in der Zeit ihres erstmaligen Releases als Single-Auskopplung erschienen, wurden grundsätzlich mit einem wunderschönen Artwork bedacht und konnten meist sogar noch mit Bonus-Tracks und weiteren Überraschungen aufwarten. Nun ist es schon ein wenig her, dass ASP eine Single in physischer Form veröffentlicht haben, als letztes Beispiel muss die "Eisige Wirklichkeit" aus dem Jahre 2012 dienen, welche nach einem Aufruf an die Fans per Voting auserkoren wurde. Danach folgten lediglich digitale Vorab-Singles, die den Appetit vor dem Erscheinen eines neuen Longplayers steigern sollten, in Erinnerung bleiben auf diesem Sektor natürlich Titel wie "Die Löcher in der Menge" und "Astoria verfallen". Doch ASP wären nicht ASP, wären sie vor dem großen Finale der "Verfallen"-Reihe nicht in sich gegangen und dem Gedanken verfallen, vor ihrem nächsten Opus magnum einen Wegbereiter für die darauffolgende Reise von der Leine zu lassen! Mit "Das Kollektiv" erblickt nun eine Single das Licht der Welt, welche diese Bezeichnung auch wirklich verdient hat und mit dem Titelsong ein musikalisches Kunstwerk kredenzt, das in puncto Vielschichtigkeit und Detailreichtum alles überragt, was man bisher zu kennen glaubte. Ein wilder Stilmix, der gleich mehrere Elemente musikalischer Natur in sich vereint und noch dazu einen Refrain entfesselt, der über alle Herzen und Hirne hinwegfegt! Man findet sich unweigerlich in den finsteren Gängen des Hotels Astoria wieder, in denen die ergreifende Erzählung rund um Paul und seine geliebte Astoria ihren Anfang nahm, und sieht sich mit beklemmenden Entwicklungen in der Storyline konfrontiert, die einen bis zum Release des ganzen Albums sicherlich nicht unbeschäftigt lassen.

Doch besinnen wir uns ein wenig auf die jüngste Vergangenheit: Das erst im Herbst letzten Jahres erschienene Meisterwerk "Verfallen, Folge 1: Astoria" sollte den Auftakt für einen Zweiteiler darstellen, der den ASP-Kosmos um eine bedeutende Facette erweitern und ihn mit neuen musikalischen wie textlichen Inhalten bereichern würde. Inspiriert von Kai Meyers nicht allzu kurzer Kurzgeschichte "Das Fleisch der Vielen" kreierte Mastermind Asp eine epische, schauerliche wie herzergreifende Vorgeschichte, die im Rahmen der besagten Albumreihe aufbereitet werden sollte - schlicht und ergreifend Gothic Novel Rock in seiner reinsten Form und ganz so, wie ihn die zahllosen Fans der Band über alles lieben! Da reihten sich musikalische Überraschungen wie das chansoneske "Zwischentöne: Lift" und das doomige "Dro[eh]nen aus dem rostigen Kellerherzen" ebenso aneinander wie absolute Everblacks à la "Souvenir, Souvenir", "Himmel und Hölle (Kreuzweg)" und "Fortsetzung folgt … 1". Nicht fehlen durften natürlich auch die von ASP so gewohnten wie geliebten Epen in Überlänge, man denke allein an das betörende, leidvolle "Alles, nur das nicht" und die beklemmende Mörderballade "Loreley". Nach und nach erschloss sich dem Hörer sein eigenes Bild von einer Schauergeschichte, wie es sie zuvor noch nie gegeben hat - einer Romanze zwischen dem Protagonisten Paul und dem lebenden, atmenden Hotel Astoria. Das verfallene Hotel allein würde schon Grund genug sein, eine bedrückende Atmosphäre zu verspüren, doch entscheidend ist das Geschehen im Innenleben des historischen Gebäudes. Paul entgleiten hier nicht nur seine Gefühle, auch sein eigener Wille schwindet immer mehr - ehe er letztlich zum Mörder der Hannelore W. wird und das letzte bisschen Unschuld verliert. Mit diesem blutigen Cliffhanger entließen ASP ihre Fans aus der ersten Hälfte der Storyline, nur um kurz darauf einen noch finstereren Verlauf im zweiten Teil vorauszusagen. Es verwundert nicht, dass ein mutiges wie qualitativ ungemein hochwertiges Album wie "Verfallen, Folge 1: Astoria" das Düsterrock-Ensemble bis auf Platz 7 der Albumcharts gehievt hat - und letztlich konnten ASP ihre Hörer sogar in noch größere Verzückung versetzen, als sie im Rausschmeißer "Fortsetzung folgt … 1" eben jenes Versprechen gaben, das die Vorfreude der Fanschar ins Unermessliche ansteigen ließ.

Mit "Das Kollektiv" ereilt die Hörer nun ein erster Ausblick auf das Grande Finale der im positivsten Sinne unheimlichen Erzählung. Nach den Angaben aus der offiziellen Artikelbeschreibung wurde der Track von Asp persönlich ausgewählt, um auf das abschließende Kapitel der dämonischen Reihe einzustimmen - und das ist, das kann ich schon an dieser Stelle verraten, in atemberaubender Manier geglückt! Die physische Version der Vorab-Single ist mittlerweile restlos ausverkauft, was der ungemeinen Nachfrage der Fans und der Limitierung auf 999 Exemplare geschuldet sein dürfte. Das allein rechtfertigt schon die Bezeichnung "Sammlerstück", obendrein ist das edle Digipak aber auch noch handnummeriert. Ein interessanter Fakt zum Schluss: Beide auf der Single enthaltenen Titel, also "Das Kollektiv" und "Himmel und Hölle (Hotelgast Variante von Patrick Damiani)", wurden beim Anlegen des Masters vertauscht, ein Schuldiger ist mit dem Azubi der Trisol Music Group schnell ausfindig gemacht worden. Doch das wollen wir dem Schuldigen nicht übel nehmen, stattdessen erfreuen wir uns einfach an dem ungewöhnlichen Umstand und der Tatsache, dass dies den ohnehin schon besonderen Release noch außergewöhnlicher macht. Schwamm drüber!

Auch das Cover-Artwork, welches ebenso wie das Artwork des kommenden Longplayers aus der Feder des weltweit bekannten wie renommierten Künstlers Joachim Luetke stammt, verdient an dieser Stelle eine gesonderte Erwähnung. Was für eine Augenweide! Das schaurige Kunstwerk fängt die furchterregende Grundstimmung der Lyrics gekonnt ein, zieht aber schon allein durch seine schiere Auffälligkeit und morbide Schönheit alle Blicke auf sich. Um ein wenig mehr ins Detail zu gehen: Auf der Vorderseite prangt ein verwitterter Totenkopf, der seit Äonen von Jahren kein Tageslicht mehr gesehen haben dürfte. Fraglos ein ausgezehrtes Bildnis, das die Tore in das verfallene Astoria öffnet und den Hörer nie wieder daraus entlässt - Kunst auf dem allerhöchsten Niveau. Zu guter Letzt möchte ich noch ein Wort über das T-Shirt-Bundle erwähnen, welches zur Vorbestellung im ASP-Shop angeboten wurde: Auch als bekleidendes Motiv macht der Totenschädel einen herausragenden Eindruck und bereitet beim Tragen ein Höchstmaß an Freude.

Kommen wir zum zentralen Part der Single, zu ihrer musikalischen Essenz. So gespenstisch einem das faszinierende Artwork auch erschienen sein mag, sein klangliches Pendant entlässt den Hörer erst recht nicht mehr aus seinen Fängen, die einen magischen Bannkreis um seine Gedanken bilden und ihn auf ewig einnehmen! Trotz der vertauschten Tracklist möchte ich mit dem Titeltrack, dem hauptsächlichen Anlass für diese Veröffentlichung, beginnen - schlicht aus dem Grund, weil es im Vorfeld so beabsichtigt wurde. "Das Kollektiv" wird mit betont leisen Tönen eröffnet, die flirrenden elektronischen Klänge betören das Gehör von der ersten Sekunde an - nur, um schon wenige Augenblicke später in einen donnernden Basslauf überzugehen. Tiefe, dunkle Klangwelten paaren sich mit einer beinahe euphorischen Energie, die genreübergreifend ihresgleichen sucht und keine Zeit für Atempausen lässt.

Schon bald folgt die erste Strophe, die in einem gar verführerischen Gewand daherkommt, mit ihrer melodiösen Note betört und einmal mehr Asps betont sanfte Stimme in den Vordergrund rückt, um unmittelbar Gänsehaut zu erzeugen. Man könnte die schwelgerischen Strophen durchaus hypnotisch nennen, man könnte behaupten, sie versetzten einen sofortig in Trance, doch selbst das würde dem glanzvollen Charakter dieser unnachahmlichen Passagen nicht gerecht werden. Selbstredend geleiten die Strophen die Hörerschaft auf direktestem Wege in das Hotel zurück - gebannt lauscht man, ehe das Astoria Besitz von einem ergreift. Ganz so, wie es ihm auch bei Paul gelungen ist... Wenn dann nach einigen Versen auch die E-Gitarre einsetzt, gewinnt das Stück auch noch an Tempo, Kraft und Dynamik, was es zum prädestinierten Live-Kracher und zur logischen Wahl für eine Single-Auskopplung macht. ASP bauen an dieser Stelle einen richtungsweisenden Spannungsbogen auf, der sich mit Blick auf den nahenden Refrain immer weiter steigert. Innerhalb der folgenden Bridge - übrigens eine der gelungensten der gesamten ASP-Diskografie - nimmt die Band bewusst ein wenig Tempo heraus, stattdessen beschert sie den Fans eine hochmelodische Vorbereitung auf die explosionsartigen Ausmaße des Refrains. Die Bridge schlägt hier, wie es im Grunde auch ihre Verpflichtung ist, in der Tat eine Brücke zwischen den Strophen und dem mächtigen Chrorus und verzaubert das Gehör trotz oder gerade wegen des abnehmenden Tempos, das durchaus als "Ruhe vor dem Sturm" durchgehen kann.

Was dann aber folgen soll, kann man getrost als einen der mitreißendsten und fesselndsten Refrains der ASP-Historie bezeichnen! Exakt hier entfaltet "Das Kollektiv" eine hymnische Urgewalt, wie man sie sich nicht einmal in seinen kühnsten Träumen hätte ausmalen oder gar wünschen können. Der Chorus fegt mit seiner unnachahmlichen Kombination aus musikalischer Leichtigkeit und inhaltlicher Schwere über den Hörer hinweg, seine durchaus gestreckte Länge macht ihn dabei nur noch hittauglicher und tanzbarer. Ein ganz besonderes Highlight sind dabei die doch recht vordergründigen Folk-Anleihen, von denen ASP in "Das Kollektiv" Gebrauch machen. So wird der Chorus von einem kraftvoll aufspielenden Dudelsack begleitet, welcher übrigens von Thomas Zöller, seines Zeichens unter anderem Mitglied von Asps Von Zaubererbrüdern, intoniert wird. Man darf durchaus überrascht sein, dass sich ASP in einem Song wie diesem und vor allem im Rahmen dieses Konzepts in beinahe mittelalterliche Gefilde vorwagen, damit beweist die Band aber lediglich einmal mehr ihre schier unerschöpfliche Kreativität und ihren unbändigen Willen, immer wieder neue Pfade beschreiten zu wollen. Als unverbesserlicher Folk-Liebhaber muss ich sagen: Ein purer Genuss! Die musikalische Innovation passt sich der schauerlichen Thematik trotz ihres unerwarteten Vorhandenseins vortrefflich an und verleiht dem Refrain noch mehr Elan, als er ohnehin schon aufweisen kann. So entfaltet sich an dieser Stelle eine weitere Komponente im Astoria-Kosmos, und trotzdem ist der Vergleich mit dem Genre des Mittelalterrocks hier absolut fehl am Platze - viel zu düster zeigt sich der Track trotz der neuartigen Einflüsse, viel zu sehr scheint der typische Markenkern der Band hindurch. Auch live wird sich "Das Kollektiv" als wahrer Killer erweisen, immerhin steht er den geliebten Klassikern im Hinblick auf Verve und Dynamik in nichts nach. Ein wenig beruhigender erscheint die kurze Passage nach dem zweiten Refrain in der Abfolge: Einmal mehr erklingen Asps Vocals in ihrem sanftesten Gewand, sodass die Herzen aller Hörer zum Schmelzen gebracht werden sollten. Problemlos beschwören ASP eine träumerische, schwelgerische, beinahe andächtige Atmosphäre herauf - wohl auch, um der Tragweite der beklemmenden Lyrics gerecht zu werden. Erst kurz vor dem abschließenden Refrain gesellt sich die energetische Komponente wieder hinzu und leitet in das euphorisierende Finale über.

Auch was die Ausgestaltung der Lyrics angeht, hat sich Komponist und Textdichter Asp wie schon so oft selbst übertroffen. Für all jene, die sich das Prelistening des gesamten Albums bewusst noch nicht gegönnt haben (mich eingeschlossen!), dürften die zu hörenden Zeilen noch etwas kryptisch und überaus geheimnisvoll daherkommen. Es ist allerdings schon jetzt vorauszuahnen, welchen Verlauf der Storystrang rund um das Kollektiv nehmen dürfte, und auch die Beschreibung des hier besungenen Phänomens ist mehr als eindrucksvoll. Abgesehen von der Inhaltlichkeit geht es auch sprachlich sehr gehaltvoll und hochwertig zu - eben ganz so, wie man es von Asp, der selbst den höchsten Anspruch an sich hegt, gewohnt ist. Allzu viel möchte ich nun noch nicht verraten, was den reinen Text angeht, zumal mir dies außerhalb des Gesamtkontextes auch widersinnig erscheint. Trotzdem muss ich betonen, dass der Text, mit dem auf den allseits bekannten Online-Portalen geworben wird, durchaus seine Richtigkeit hat: "Das Kollektiv" ist ein Appetit-Häppchen zur Einstimmung auf das kommende Finale, noch dazu ein überaus wohlschmeckendes. ASP enthüllen im Rahmen des Titeltracks einen völlig neuen Aspekt der "Verfallen"-Erzählung, überraschen ihre Hörerschaft damit schon vor der Veröffentlichung des Albums und schüren die Neugier auf den weiteren Verlauf der Handlung, obgleich diese im Grunde schon jetzt nicht mehr zu steigern ist. Stellt man nun eine Verbindung zwischen den Lyrics und dem klanglichen Kosmos her, kann man schlicht und ergreifend nur zu einem Urteil kommen: Die Fans werden begeistert sein - und das im Kollektiv!

Als eine Art Bonus-Track fungiert überdies "Himmel und Hölle (Hotelgast Variante von Patrick Damiani)" - ein Remix des Produzenten und Musikers Patrick Damiani, wie der Titel schon sagt. Dem Hörer bleibt im Grunde nichts anderes übrig, als sich einmal mehr in die Rolle des Hotelgastes zu begeben, und damit hat die Version mit dem illustren Namen ihr Ziel eigentlich auch schon erreicht. Während die originale Fassung noch als halsbrecherisches Gothrock-Monument daherkam, geht es der neu ausgestaltete Remix bedeutend besinnlicher und geruhsamer an. Beinahe kommt eine behagliche Stimmung auf, wäre da nicht der immense Gruselfaktor, dem sich der Hörer auch in dieser Variante hingeben muss - eine andere Wahl bleibt ihm einfach nicht. Letztendlich ist einem die Melange aus behutsam eingestreuten elektronischen Elementen, akustischen Gitarren und eindrucksvoller Orchestrierung umgehend sympathisch, was eine Wiederholung des Hörvergnügens unausweichlich macht. Glänzende Arbeit!

Eine abschließende Beurteilung der "Das Kollektiv"-Single fällt nicht schwer, da es ASP jedem Rezensenten unglaublich leicht machen, zu einem berauschten Urteil zu gelangen! Eine Vorab-Single soll an erster Stelle Lust auf mehr machen, was diesem vorzüglichen CD-Release von Anbeginn an gelingt. Doch nicht nur das: ASP haben hier ein Gesamtpaket geschnürt, das die Erwartungen an den kommenden Longplayer mit dem wundervollen Namen "Verfallen, Folge 2: Fassaden" ins Unermessliche ansteigen lässt! Aber lassen sich die Erwartungen an eine Band, die ihre Grenzen immer und immer wieder selbst verschiebt oder womöglich gar keine Grenzen kennt, überhaupt anheben? Letztlich steht man mit offenem Munde da, sobald man "Das Kollektiv" in sich aufgenommen hat - oder besser gesagt: Sobald "Das Kollektiv" einen für sich eingenommen hat! "Das Kollektiv" ist ein gleißendes Versprechen an die Hörerschaft, ein verheißungsvoller Ausblick und zugleich eine mitreißende Story, die nicht nur Interesse weckt, sondern sogar mit Rauschmitteln zu vergleichen ist.

"Der Schwarm will immer nur das eine,
lässt sie ihn von ihrer Leine.
Eine unheilvolle Mutter
speit ihn aus, und du wirst Futter"
Kommentar Kommentare (11) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 2, 2016 10:11 PM MEST


In Gedenken
In Gedenken
Preis: EUR 16,49

4 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Portrait der ruhelosen Seelen: Zauberhafte Refrains im Rendezvous mit dem Tod, 17. Oktober 2015
Rezension bezieht sich auf: In Gedenken (Audio CD)
Obgleich Spielbann innerhalb der Schwarzen Szene noch nicht den Bekanntsheitsgrad haben, den die Kombo definitiv verdient hätte, ist die Band ein absolutes Phänomen. Die sehr wechselhafte Bandhistorie sollte im Jahre 2005 mit der "Rattenfänger"-Single ins Rollen kommen, und wie man dem doch sehr mittelalterlich anmutenden Namen der Erstveröffentlichung entnehmen kann, ging es im Hause Spielbann seinerzeit noch betont folk-rockig zu. Auch das darauffolgende Debütalbum "Seelenfänger" schlug die gleiche Richtung ein und gilt noch heute als Referenz im Genre des Mittelalter-Rock. Spätestens nach einigen signifikanten Besetzungswechseln und mit dem Album "Schwesterchen Frost", welches passend zur MäzenatenTumult-Aktion von ASP veröffentlicht wurde und die Bewerbung für die selbige erheblich erleichterte, sollte allerdings klar werden, welche Marschroute Spielbann künftig einschlagen werden: Zu hören ist ab sofort kompromissloser, zugleich aber immerzu gefühlvoller Dark Rock der höchsten Güteklasse! Vor allem der Zuwachs einer weiblichen Gesangsstimme - namentlich Nic Frost - tat der Band schon damals merklich gut und sorgte für weitere Variabilität innerhalb der Songstrukturen. Nun aber, da wir das Jahr 2015 schreiben, erklimmen Spielbann den nächsten Schritt auf der Karriereleiter - gemeinsam mit Asp, allseits bekannt als Mastermind von ASP, haben sie ein unglaublich facettenreiches wie eingängiges Album ans Tageslicht befördert - und dieses wird der Band hundertprozentig den notwendigen Schub geben, um endlich die Aufmerksamkeit zu erlangen, die sie schon längst hätte bekommen müssen. Asp und Spielbann haben gemeinsam an den richtigen Stellschrauben gedreht, um dem unbestreitbaren Talent der Band noch mehr Eingängigkeit und Komplexität zugleich zu entlocken.

Es hat einen guten Grund, warum sich Asp so aufopfernd für Spielbann einsetzt - er hat die immensen Fähigkeiten und das Potenzial aller Bandmitglieder schon früh erkannt und will sich nun gemeinsam mit der Formation aufmachen, um neue Gipfel in der Bandgeschichte zu erklimmen. Dabei ist sein großer Einsatz im höchsten Maße bewundernswert, opferte er doch trotz seiner intensiven Arbeit am aktuellen ASP-Epos "Verfallen, Folge 1: Astoria" Unmengen an Zeit auf, um der Band eine echte Hilfe beim Kreativprozess zu sein - dies konnte man den Interviews im Vorfeld des Releasetages entnehmen. So fungierte er nicht nur als Produzent neben Spielbann selbst, er steuerte auch eigenmächtig erstklassige Lyrics und Kompositionen bei, die "In Gedenken" zu einem wahren Meisterwerk, dem es beileibe nicht an konzerttauglichen Hits mangelt, erwachsen lassen. Ich möchte an dieser Stelle und auch im weiteren Verlauf nicht immer und immer wieder darauf eingehen, bei welchen Titeln Asp seinen Beitrag geleistet hat, da dies schlicht nicht sachdienlich wäre. Viel eher sollte man sich darauf einigen, dass das Zusammenspiel aus Asps unvergleichlichen Fähigkeiten in Sachen Komposition und Textdichtung und das unbestrittene musikalische Talent von Spielbann zu einem in jeglicher Hinsicht überwältigenden Werk geführt hat.

Begeben wir uns allerdings an den Anfang und lassen die konzeptionelle Thematik von "In Gedenken" auf uns wirken. Der Longplayer enthält zwar zahlreiche eigenständige Geschichten, die alle für sich stehen und jeweils unglaubliche Spannungsmomente entwickeln, über allem steht aber doch ein Konzept, welches songübergreifend zur Geltung kommt. Grundsätzlich kann man "In Gedenken" also bedenkenlos als Konzeptalbum bezeichnen, welches sich aus verschiedenen Perspektiven mit dem Ableben einzelner Protagonisten auseinandersetzt und daraus ergreifende Erzählungen, die jedem Hörer nahe gehen werden, formt. Die Sichtweisen, aus deren Blickwinkel die Texte erzählt werden, kommen dabei allerdings wie betont grundverschieden daher - mal schlüpft Sängerin Nic Frost in die Rolle der leidenden Tochter, die sich kurz vor dem Suizid an ihre Mutter wendet ("Lebewohl"), mal verkörpert Seb Storm einen gnadenlosen Psychopathen ("Haus des Vergessens") und dann gibt es auch Momente, in denen man die Perspektive des Beobachters einnimmt (Strophen von "Die weiße Frau"). Nun liegt es an uns, uns von den bewegenden Schicksalen der verlorenen Seelen einnehmen zu lassen, denn irgendwo da draußen haben sie ihre Ruhe noch immer nicht gefunden...

Als Opener von "In Gedenken" fungiert das sehr sphärische, beschwörerische "Der Hüter", welches ausschließlich in gesprochenen Worten daherkommt und von Asp, der in der Tracklist zwei Gastauftritte hat, vorgetragen wird. Natürlich nimmt Asp im Rahmen dieser eröffnenden Beschwörung Bezug auf das bildhübsche Cover des Albums, indem er von "endlosen Reihen, Regalen und Sälen" sowie zahllosen Kerzen, die dort aufgereiht werden, berichtet. Er erweckt die darauffolgenden Geschichten mit dem Intro förmlich zum Leben; man hängt ihm mit seiner durchdringenden, intensiven Stimme augenblicklich an den Lippen und vernimmt, wie er den Toten befiehlt, zu erwachen. Der wirkliche Opener, da es sich um einen richtigen Song und nicht um Spoken Words handelt, kommt kurz darauf mit "Auferstehung" zur Geltung. Bei "Auferstehung" handelt es sich, ganz, wie es für Spielbann mittlerweile üblich ist, um einen mitreißenden Rocksong, der das Gesamtwerk zusammen mit dem Intro einleiten soll. In ebenso beschwörerischer Weise besingen die beiden Vokalisten die viel gepriesene Wiederkehr der Dark Rock-Band und man spürt in jeder Sekunde, dass der Phönix dabei ist, aus der Asche emporzusteigen und sich in die höchsten Höhen zu erheben. Im Gegensatz zu den konzeptionellen Songs kommt "Auferstehung" in betont positiver Grundstimmung daher und macht direkt zu Beginn unglaubliche Lust auf die folgenden Klänge. Fraglos würde sich das Lied perfekt eignen, um die Konzerte der "Verfallen"-Tournee zu eröffnen, da es das Publikum von Anbeginn an mitreißen und auf einer Woge der Euphorie schwimmen lassen würde. Unbedingt erwähnen sollte man in diesem Zusammenhang auch die Urgewalt der stimmlichen Melange aus Nic Frost und Seb Storm - beide singen in "Auferstehung" förmlich um ihr Leben und legen eine Inbrunst an den Tag, als ob es kein Morgen gäbe.

Mit "Geister, die ich rief" folgt direkt an dritter Stelle bereits einer meiner absoluten Favoriten des Albums. Erinnern die ersten Sekunden in Form eines hämmernden Instrumentalparts noch an Subway to Sally zu "Engelskrieger"-Zeiten, so legen Spielbann spätestens im Refrain eine Eingängigkeit an den Tag, die einen förmlich zum Mitsingen und/oder Tanzen zwingt! Ohne Frage handelt es sich beim Chorus von "Geister, die ich rief" um einen der magischen Momente des Gesamtkunstwerks, und ich bin mir todsicher, dass diese Magie sowohl auf Konzerten als auch zu Hause auf die Fans überspringen wird. Gemeinsam singen Nic und Seb hier um die Wette und kreieren damit ein Duett, das szeneübergreifend seinesgleichen sucht. Davon abgesehen handelt es sich bei diesem Track definitiv um einen unwiderstehlichen Hit, von welchem man die Fans noch in Jahren schwärmen hören wird. Etwas weniger energetisch, dafür aber umso gefühlvoller geht es in "Die weiße Frau" zu. Während der weibliche Part einem Klagelied gleichkommt, erzählt Seb mit seiner tiefen Stimme eine Geschichte, die an Traurigkeit und Tragik nicht zu überbieten ist. Die eifersüchtige Ehefrau, aus deren Perspektive Nic hier all den ihr innewohnenden Schmerz besingt, musste sich mit ansehen, wie ihr eigener Mann den Bund der Ehe bricht - ausgerechnet mit ihrer Schwester. Rasend vor Zorn griff sie zur Forke und durchdrang mit eben dieser die Herzen der fortan leblosen Liebenden - so gut man sich in die Lage der Täterin hineinversetzen und ihre Trauer verstehen kann, so abscheulich erscheint dem Hörer letztlich die Tat, die zur ewigen Verdammnis der weißen Frau führte. Musikalisch werden in "Die weiße Frau" leise Erinnerungen an Mantus wach, doch weiß die Mixtur aus elegischem Refrain und dynamischen Strophen eine Eigenständigkeit zu entwickeln, um die man Spielbann als konkurrierende Band nur beneiden könnte.

Als ebenso hittauglich, wenn auch deutlich tanzbarer erweist sich "In alle Ewigkeit", ein herzerweichendes Duett zwischen Nic und Seb - abermals spielt die Band hier eine ihrer größten Stärken aus. "In alle Ewigkeit" kann man getrost als einen der Clubhits von "In Gedenken" bezeichnen, da der in jeder Sekunde unwiderstehliche Song alles hat, was ein solcher benötigt, um die Tanzflächen zu füllen: Eingängigkeit, Tanzbarkeit, Energie. Auffällig ist hier zudem, dass die tieftraurige Thematik der Lyrics im krassen Widerspruch zu den euphorisierenden Klängen steht - da all die kraftvollen Klänge aber stets gefühlsbetont vorgetragen werden, kann man Spielbann zu dieser großartigen Komposition nur beglückwünschen. "In alle Ewigkeit" ist ein durchweg melancholisches Zwiegespräch zwischen zwei Liebenden, die von den grausamen Fängen des Todes entzweit wurden - allein diese Tatsache reißt einem den Boden unter den Füßen hinweg und macht deutlich, wie vergänglich das Leben und wie wertvoll jeder neue Tag ist.

In einem deutlich balladeskeren Gewand kommt "Aquarell" daher - was für ein Songtitel! Hier wird die maritime Kulisse der Lyrics vortrefflich mit dem Fluch der Malerei, der die bedauernswerte Protagonistin des Songs ereilt hat, kombiniert. Die sprachliche Qualität hinter diesem Wortspiel und den eigentlichen Lyrics, die sich stets auf allerhöchstem Niveau befinden, beweist, welch hohen Anspruch man bei der Arbeit an diesem Epos hatte - nicht nur auf musikalischer, sondern auch auf sprachlicher Ebene. Als Person, für die die Schönheit der Sprache von größter Bedeutung ist, erfreuen mich solch gehaltvolle Lyrics wie in "Aquarell" natürlich sehr - und angesichts der Tatsache, dass es gegenwärtig kaum noch Bands gibt, die es verstehen, solch wohlklingende Texte zu kreieren, ist das auch dringend nötig! "Aquarell" könnte man in diesem Sinne fast als Märchen bezeichnen, wenngleich der Ausgang, auf den ich hier, um nicht zu viel zu verraten, nicht weiter eingehen möchte, tieftraurig ist. Die beinahe maritimen Strophen, die unter anderem von der akustischen Gitarre begleitet werden, lassen das Meer vor dem inneren Auge erscheinen und sorgen für einige der ruhigsten Momente des gesamten Albums. Noch dazu kann man sich die Szenerie durch die behutsam eingestreuten Samples von Möwen und dem Meeresrauschen deutlich besser vorstellen, als man es je für möglich gehalten hätte. Letztlich münden die Strophen allesamt in einen stimmlich überragenden Refrain, der trotz seines beschaulichen Tempos durchweg und im höchsten Maße eingängig bleibt. Seb und Nic singen sich den unfassbaren Schmerz der leidenden Protagonistin und ihres mitfühlenden Beobachters von der Seele und der Hörer kann nicht anders, als die ein oder andere Träne zu verdrücken...

Im Rahmen von "Gefrorenes Blut" behandeln Spielbann die immer und immer wieder erschütternde Thematik der Sklaverei - ein Gräuel der Gesellschaft, welches bis heute das Leben vieler Opfer bestimmt. Einer dieser bemitleidenswerten Leibeigenen, der durch Nic Frost verkörpert wird, wagt tatsächlich die Flucht aus seinen zerstörerischen Lebensumständen - doch die "Gebieter", wie sich die skrupellosen Sklavenhalter nennen, haben bereits die Fährte aufgenommen und die wilde Jagd eröffnet. Letztlich holen sie ihr um ihr Leben rennendes Opfer ein, doch dieses bedient sich erstmals in seinem Leben der Freiheit, die für uns alle so alltäglich ist. Da die Flucht allerdings ihr jähes Ende gefunden hat, besteht die einzige Freiheit darin, den Freitod zu wählen - und so endet die kräftezehrende Flucht in einem Blutbad. Spielbann begeistern ihr Publikum in "Gefrorenes Blut" abermals mit einem durchweg rockigen Song, der von gehetzten Strophen bis hin zu einem hymnischen Refrain alles bietet, was sich der Fan nur erträumen kann. Wiederholt muss ich an dieser Stelle die Gesangsleistung in den Mittelpunkt stellen, denn was Nic in den Strophen und Seb im Refrain abreißt, das ist der absolute Wahnsinn und muss einfach gewürdigt werden. Auf "In Gedenken" steht Abwechslung im Mittelpunkt, und aus diesem Grunde folgt mit "Haus des Vergessens" ein wesentlich bedächtigerer, sphärischerer Song, der unter anderem mit Seb Storms psychotischem Gesang zu faszinieren weiß. Scheinbar problemlos schlüpft er in die Rolle des wirren Täters und beschreibt seine Gedanken vor der folgenden Tat:

"Du warst erst zarte achtzehn Jahr,
blaue Augen, gold'nes Haar
und ein Lächeln, ach so lieb,
das mir bis heut' im Geiste blieb.
Du hast geschrien, du hast gefleht,
doch blieb ich ruhig und stets diskret.
Wir sollten eins sein alle Zeit,
ein Hochzeitsfest im Totenkleid."

Es ist für jeden Menschen, der auch nur einen Funken an Empathie in sich trägt, sicherlich nicht leicht, sich in einen solch wahnsinniges Hirn hineinzuversetzen, und doch schaffen es Spielbann wie schon so oft, mit Worten zu fesseln. Im sehr melodischen Chorus klagt das weibliche Opfer des Psychopathen sein Leid, ehe das Finale von der fehlenden Hoffnung der Protagonistin kündet...

Müsste ich einen wahrhaftigen Lieblingssong von "In Gedenken" auswählen, dann wäre es "Monster, Monster" - diese Wahl fällt mir angesichts der enormen Qualität aller Titel aber mehr als schwer. "Monster, Monster" allerdings weiß mich mit seinem durchdringenden, an Intensität nicht zu überbietenden Refrain so dermaßen zu begeistern, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als diesen Song auf den Spitzenplatz meiner internen Rangliste zu hieven. In schauspielerisch exzellenter Manier spielen Nic Frost und Seb Storm hier Bruder und Schwester - doch während das kleine Brüderchen immer wieder von seinen nächtlichen Ängsten spricht, versucht die besorgte Schwester, das Geschwisterchen mit all seinen vermeintlichen Hirngespinsten zu beruhigen. Passend zum doch recht kindlich gehaltenen Dialog der Geschwister erscheinen die Strophen in einem verspielten, schwelgerischen Gewand, ehe der atemberaubende Refrain einen aus allen Träumen reißt:

"Monster, Monster in der Nacht,
mit einem Schrei bin ich erwacht!
Der Klauengriff nach meiner Seele!
Die kalten Hauer an der Kehle!
Hab ich mir euch nur ausgedacht?
Euch Monster, Monster in der Nacht."

Ich muss zugeben: Ich könnte stundenlang in meinen Archiven fahnden, ich würde nur wenige Melodien finden, die so unglaublich mitreißend sind wie diese gesungenen Zeilen. Als sich im späteren Verlauf herausstellt, dass der Schrecken, den sich der Bruder scheinbar nur ausgedacht hat, keine bloße Lüge, sondern bittere Realität war, fegt Nic Frost in Form der Schwester über den Hörer hinweg, indem sie anders als zuvor den Refrain interpretiert und sich im Zuge dessen schreckliche Vorwürfe macht. Tanzbar und ergreifend zugleich - ein Meisterstück, das keinen Vergleich scheuen muss.

Nun, da ich an der zehnten Stelle angekommen bin, muss ich erst einmal nach Worten ringen, um das, was hier dargeboten wird, angemessen beschreiben zu können. "Lebewohl", die Gänsehautballade des Albums, reißt einem förmlich den Boden unter den Füßen hinweg und lässt einem keine andere Wahl, als sich voll und ganz den Tränen hinzugeben, während man diesen wahrscheinlich nicht von dieser Welt stammenden Klängen lauscht. Im Grunde könnte man "Lebewohl" getrost als bewegenden Abschiedsbrief, den eine Tochter an ihre Mutter richtet, bezeichnen. Das wäre, wenn man die unermesslichen Emotionen, die im Verlauf dieser herzzerreißenden, so fragilen Minuten auftreten, im Blick hat, aber viel zu einfach gedacht. Nein, "Lebewohl" ist viel mehr als das - eine Abrechnung mit der Gefühlskälte dieser Welt und ein verzweifelter Abschiedsgruß an die eigene Mutter, die einen nun auch nicht mehr vor dem Suizid bewahren kann. Selten wurde ich von einem Lied so ergriffen, selten habe ich dieses Ausmaß an Traurigkeit und Verzweiflung erlebt - und das führt im Zusammenspiel mit Nics abermals betörender Stimme zu einem der authentischsten und glaubwürdigsten Songs, die je das Licht der Welt erblickt haben. Wie schwer dieses Niveau zu erreichen ist, wenn man sich an einem derartig emotionalen Text versucht, sollte jedem klar sein. Mit "Lebewohl" haben sich Spielbann und Asp ein Monument errichtet, das jedem, der es auch nur ein einziges Mal zu Ohren bekommt, auf ewig in Erinnerung bleiben wird. Darauffolgend lockern Spielbann die Stimmung wieder ein wenig auf, der vielleicht unscheinbarste Track des Albums - "Hydra" - erschüttert die Hörer aber mit einer mindestens genauso bewegenden Thematik. Jeder hatte im Laufe seines Lebens eine Begegnung mit ihnen - ganz gleich, ob jemand aus der Verwandtschaft, ein Freund oder man selbst betroffen war: Krankheiten. Das wahrscheinlich größte Übel des Lebens wird in "Hydra" von der gleichnamigen Metapher verbildlicht und greift mit unendlicher Zerstörungswut um sich - schlägt man dem schlangenähnlichen Ungeheuer aus der griechischen Mythologie einen Kopf ab, so wachsen ihm bereits zwei neue. Die zu Beginn gesprochenen und nicht etwa gesungenen Worte verdeutlichen die emotionale Tragweite, von welcher der Sprecher übermannt wird, ehe sich aus den unter sägenden Gitarrenriffs vorgetragenen Strophen ein überraschend monotoner Refrain entwickelt - so unspektakulär das nun auch klingen mag, so passend ist diese Eindimensionalität angesichts der zermürbenden Krankheit, die in diesem Song wütet. Unglaublich, aber wahr: Wer nach "Lebewohl" dachte, ihn könne nun nichts mehr aus der Fassung bringen, der irrt gewaltig! Auch der Abschluss von Hydra rührt zu Tränen - der Leib hat den Kampf verloren, der Geist bleibt jedoch unbesiegt.

Seinen zweiten Gesangspart zelebriert Asp in "HeimSuchung" - doch bevor er zum Dienst antritt, ist eine der beiden vorherigen Strophen jeweils Nic Frost und Seb Storm vorbehalten. "HeimSuchung" kommt beinahe in mittelalterlichem Gewand daher, zumindest den folkigen Einfluss kann man dem Abschlussstück der Standard Version keineswegs absprechen. So paaren sich beinahe sekündlich auftretende Schellenklänge mit einer magischen Gesangslinie, die durchaus mit der aus ASPs "Ballade von der Erweckung" oder "Augenaufschlag" vergleichbar ist und einen auf der Stelle in ihren Bann zieht. So ist es den anmutigen Klängen ein Leichtes, dem Album einige seiner zauberhaftesten Momente zu bescheren - und zugleich entlassen sie den Hörer mit einem wohligen Schauer in die Nacht. Wie heißt es am Ende von "HeimSuchung" so schön? "Die Welt ist voll von ruhelosen Geistern." Nach dem Genuss dieses Ausnahmewerkes werden es definitiv noch mehr sein - zur Ruhe findet man in Anbetracht der Tragödien, denen man im Laufe der Tracklist erlegen ist, nämlich nicht mehr so schnell.

Die limitierte Erstauflage, welche allein aufgrund der im Folgenden beschriebenen Extras eine absolute Kaufempfehlung verdient, beschenkt die Fans darüber hinaus mit zwei Bonus-Tracks - und keinem davon merkt man an, dass er eigentlich nicht der Tracklist angehört! "Sünder ohne Namen" übt unter treibenden Klängen harsche Gesellschaftskritik, die allerdings mehr als berechtigt und notwendig ist. Schauen wir uns allein die Tatenlosigkeit oder gar den gewissenlosen Hass an, der angesichts weltweiter Katastrophen wie dem Flüchtlingsstrom grassiert - angesichts derartiger Missstände ist Gesellschaftskritik unabdingbar, und mit dieser treffen Spielbann in "Sünder ohne Namen" den Nagel auf den Kopf. Dazu gesellt sich die akustische Fassung von "In alle Ewigkeit", welche mit reduzierter Instrumentierung und in einem völlig anderen Arrangement weitaus balladesker erscheint als der tanzbare Clubhit, den wir schon nach wenigen Minuten kennenlernen durften. In dieser Version verbreitet "In alle Ewigkeit" eine völlig andere Aura und gewinnt sogar noch an Emotionalität hinzu, was es zum prädestinierten Ausklang für "In Gedenken" macht. Pflichtgemäß muss ich nun natürlich auch das grandiose Artwork erwähnen, welches das erste Spielbann-Album der "neuen Ära" veredelt. Timo Wuerz, der für das Artwork einiger ASP-Alben vor "Verfallen, Folge 1: Astoria" verantwortlich war und seine Aufgaben immerzu vorbildlich gelöst hat, konnte für "In Gedenken" gewonnen werden und macht seinem Ruf als Zeichner mit herausragenden Fähigkeiten alle Ehre. Jeder einzelne Song bekam in den beiden Booklets des Albums eine eigene Zeichnung spendiert, und jedes der Bilder verstärkt die Sogwirkung der Klänge um ein Vielfaches, da beide Komponenten vom ersten Augenblick an zur untrennbaren Einheit verschmelzen. Auch Pit Hammann, welcher an Kaligrafie und Layout werkeln durfte, hat seinen Lebenslauf um eine beachtliche Leistung erweitern können. Wer sich den Artworks im Zuge des Musikhörens ebenso gern hingibt, wie ich es tue, der wird mit den Kunstwerken, die hier auf die Hörer warten, seine helle Freude haben...

Selten überrascht mich ein musikalisches Werk so sehr, wenn mir die dazugehörige Band zuvor noch nicht so vertraut war, wie sie es schon vor Jahren hätte sein müssen - doch "In Gedenken" entwickelte sich mehr als rasant zur einer absoluten Rarität in meinem musikalischen Kosmos. Der "musikalische Friedhof", wie man diese klangliche Aufarbeitung tragischer Einzelschicksale nennen könnte, bewegt die Hörer mit seinen ausufernd gefühlvollen Texten ebenso sehr wie er sie zum Tanzen verführt - wer unwiderstehliche Melodien mit derart niveauvollen, bedeutsamen Lyrics verbinden kann, der muss auf dem richtigen Weg sein! Angesichts dieses Meisterwerks ist die weitere Entwicklung der Formation um Seb Storm, Nic Frost, Spyke Sinister, Lias Schwarz und PI vorherbestimmt, denn Songs dieser Qualität können ausschließlich dazu führen, das sich der Kreis der Hörerschaft merklich erweitert. Dieser bedeutsame Schritt ist der Beteiligung von Asp und der deutlichen Entwicklung der Band selbst zuzuschreiben - fraglos handelt es sich um eine lohnende Zusammenarbeit, deren Früchte man nun guten Gewissens ernten kann und wird. "In Gedenken" ist nicht nur ein fabulöser Start unter der Ägide von Trisol Music, sondern auch in sich geschlossen ein vollkommenes Gesamtkunstwerk, das Anspruch mit Eingängigkeit verbindet und Spielbann so in eine glorreiche Zukunft führen wird. Volltreffer!
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Verfallen Folge 1: Astoria (Limited 2CD Edition)
Verfallen Folge 1: Astoria (Limited 2CD Edition)
Preis: EUR 19,99

36 von 50 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Magisch: ASP erschaffen in den Tiefen des altehrwürdigen Astoria eine Parallelwelt,die unwiderstehliche Melodien zu Tage fördert, 16. Oktober 2015
Leipzig, 1919. Nicht nur die Nachkriegswehen des 1. Weltkriegs machen Paul schwer zu schaffen. Er drängt darauf, sein altes Leben hinter sich zu lassen. Berlin ist nun Vergangenheit, die Zukunft gehört Leipzig. Voller Vorfreude und Tatendrang macht sich der Jüngling auf, um ein neues Leben zu beginnen, um Zuversicht zu schöpfen. Doch sein Leben ändert sich schneller als zuvor erwartet: Bereits bei seiner Ankunft erblickt er den Prachtbau am Leipziger Hauptbahnhof, und Astoria ruft fortan unablässig nach ihm. Verzaubert vom Glanz der luxuriösen Schlafstätte, die so manchen Palais und sogar Schlösser in den Schatten stellt, gibt er sich dem Verlangen des förmlich atmenden Gebäudes vollkommen hin. Sofort findet er die Arbeit seines Begehrens, fortan ist er Hausmeister einer für ihn anderen Welt. Doch das, was er daraufhin tut, übersteigt die Kompetenzen eines Hausmeisters um ein Vielfaches - die Wünsche seiner geliebten Astoria lassen Blut an seinen Händen kleben.

Die im Vorfeld kurz angeschnittene Geschichte ergibt im Rahmen des neuen ASP-Albums "Verfallen - Folge 1: Astoria" ein Gesamtkunstwerk, das inhaltlich wie musikalisch seinesgleichen sucht! Inspiriert von Kai Meyers Kurzgeschichte "Das Fleisch der Vielen" erdachte Mastermind Asp eine wahre Gothic Novel, die nicht nur dem Namen nach eine ist, sondern auch wirklich mit schaurigen Momenten zu gruseln weiß. Die schauerliche Handlung rund um Paul und Astoria soll überdies von zahlreichen klanglichen Überraschungen begleitet werden, wie ASP im Vorfeld der Veröffentlichung voller Überzeugung versprachen. Von finsterem Drone Doom über klassische Chansons bis hin zum wohl bekanntesten aller Tänze, dem Tango, soll wirklich alles Vorstellbare dabei sein! Natürlich, ohne die eigenen Wurzeln des ASP-typischen Gothic Novel Rock aus den Augen zu verlieren. Begeben wir uns also auf diese erzählerische Reise, wenn uns unsere liebsten Musiker schon so bereitwillig und einladend die Hand ausstrecken, nur um uns ein weiteres Mal in eine ferne, surreale Welt der absoluten Faszination zu entführen...

1.) Eröffnet wird "Verfallen - Folge 1: Astoria" vom Stück "Himmel und Hölle (Kreuzweg)", welches von den zarten Klängen einer Harfe (dem Himmel sei Dank!) und einer akustischen Gitarre eingeleitet wird. Doch schon nach wenigen Sekunden wird klar: Hier regieren andere Klänge! So unterbricht der Donnerhall der E-Gitarre die trügerische Ruhe ganz abrupt, was unausweichlich aufzeigt, dass es nun an der Zeit ist, sich den kommenden Grausamkeiten der Schauergeschichte zu stellen. Doch das soll nicht der einzige Hinweis auf das folgende Grauen sein, nein - auch das schon zu Beginn ertönende Mantra "Vorsicht, Kreuzweg!" kann durchaus als Warnung vor den angsterfüllten Momenten, die im Verlaufe der Story unausweichlich aufkommen, verstanden werden. Auch die Zeilen der ersten Strophe deuten bereits auf den Kontrast hin, der Pauls Gefühlswelt im Astoria bestimmen wird:

"Auf dem Bürgersteig, gemalt von Kinderhänden,
seh ich ein Hüpfspiel aus verblasstem Kreidestrich
Ein Kreuz aus Rechteckfeldern, und in ihren Wänden...
der Himmel und die Hölle warten dort auf mich!"

Wer bereits weiß, welchen Weg Paul fortan einschlagen wird, dem ist klar, dass sein Alltag Himmel und Hölle zugleich ist. Auf der einen Seite der ewig scheinende Stern Astoria, auf der anderen ihre Wünsche, die die reine Existenz unerträglich erscheinen lassen. So ungewöhnlich das Gesamtkonzept in Verbindung mit all den innovativen musikalischen Elementen für den ASP-Kosmos auch sein mag, so typisch kommen die Klänge des Openers daher. Diese Aussage soll natürlich nicht als Kritik verstanden werden, denn schließlich sind wir einst alle aufgrund der ASP-typischen Kompositionen zu Fans geworden! In diesem Sinne erwartet die Hörer ein Gothrock-Song bester Güte, und dieser wird die Tanzflächen ebenso füllen wie die Konzertsäle erbeben lassen.

2.) Es war klar, dass nach einem solch kraftvollen Stück ein Lied folgen musste, welches in tröstlicher Melancholie zerfließt. "Mach's gut, Berlin!" verkörpert Pauls Abschied aus seiner ebenso geliebten wie verhassten Heimatstadt Berlin und zugleich seinen unbändigen Wunsch nach einem Neuanfang in der Fremde. Er lässt all die guten wie schlechten Erinnerungen der Vergangenheit zurück, um in eine andere Zukunft blicken zu können. Exakt das passt auch zu dem, was Asp im Rahmen verschiedener Interviews verlauten ließ: Die Lyrics auf "Verfallen - Folge 1: Astoria" sollen nicht allein der phantastischen Geschichte dienen, sondern zugleich Raum für den persönlichen Bezug des Hörers offenbaren. Wer fühlt hier schon nicht mit Paul mit? Beinahe jedem wird die Stimmung des Aufbruchs und der Schmerz des Abschieds vertraut sein, und so rühren bereits die ersten Zeilen, wehmütig unterlegt von Piano sowie Cello, zu Tränen:

"Ein neuer Name und nagelneue Kleidung
Und beides trug ein andrer Mann vor mir, es tut mir leid...
Nie mehr Berlin, so lautet die Entscheidung,
ich hab gehört, Leipzig sei schön in dieser Jahreszeit"

Auch wenn es darauffolgend etwas härter zugeht und sich E-Gitarre, Bass sowie Drums dazugesellen, verbleibt die schwelgerische, schwermütige Stimmung durchgängig - was natürlich auch dem allgegenwärtigen Piano geschuldet ist. Einmal mehr wird deutlich, welch schweres Leben Paul vor seiner Entscheidung führen musste:

"Wer nichts besitzt, der hat auch nichts, was er vermissen muss!"

Die unglückselige Vergangenheit treibt Paul auch dazu, letztlich den finalen Schritt zu wagen, was vor allem im hymnischen Refrain des Songs verdeutlicht wird:

"Berlin, adieu! Verflucht, du brachtest mir kein Glück!
Ich lass so viel an toter Zeit mit dir zurück.
Verliern konnt ich mich gut in dir, anstatt mich hier zu finden
Ich hass dich nicht zu sehr dafür, ich muss verschwinden."

"Mach's gut, Berlin!" ist fraglos ein unfassbar trauriges Stück voller Abschiedsschmerz, doch wird es trotz aller Melancholie nie von Hoffnungslosigkeit ergriffen. Nein, Paul hat sein ganzes Leben noch vor sich, seine Pläne, Wünsche und Ziele sind stärker als je zuvor. Wer das Innenleben des Protagonisten vollends begreifen möchte, der kommt an diesem wunderschönen Stück Musikhistorie nicht vobei.

3.) Mit "Zwischentöne: Ich nenne mich Paul" hält erstmals ein Titel der "Zwischentöne"-Reihe Einzug in die Tracklist. Dabei handelt es sich um eine ganz spezielle Serie von Stücken, die die "normalen" Rocksongs pausieren lassen und von großer Bedeutung für die erzählerische Komponente des Albums sind. Zugleich spielen sie mit Elementen beinahe vergessen geglaubter Genres wie Chanson, zeitweise wird sogar mit cineastischen Soundtrack-Elementen gearbeitet. "Zwischentöne: Ich nenne mich Paul" fällt vor allem durch sein treibendes, druckvolles Schlagzeugspiel auf, welches die Aufbruchstimmung von Paul in Klänge hüllt. Paul sitzt im Zug, träumt von den künftigen Ereignissen seines neuen Lebens und fühlt sich - vielleicht erstmals überhaupt - wirklich frei: "Trotz dritter Klasse fühle ich mich reich und frei". Die wesentlich optimistischere Grundstimmung, es geht im Grunde durchweg heiter zu, stellt ohne Frage einen auffälligen Kontrast zur Melancholie des vorangegangenen Songs dar - das ist allerdings auch so gewollt. Es ist mehr als offensichtlich, dass Paul nach seinem Abschied von Berlin eine Entwicklung durchmacht und dass die Loslösung von seinem alten Leben Kräfte freisetzt, die er gar nicht in sich zu tragen glaubte. All das führt dazu, dass er in diesem hochspannenden und gleichsam erfreulich frisch wirkenden Stück sogar an die Liebe denkt:

"Ich denk bei mir, heut wär ein Tag, mich zu verlieben.
Vielleicht erwartet mich dort schon das grosse Glück?"

4.) Ohne Unterbrechung geht es mit den zweiten "Zwischentönen" weiter. Das Interludium "Zwischentöne: Baukörper" stellt den inhaltlich vielleicht wichtigsten Entwicklungsschritt innerhalb der Geschichte dar - Paul trifft erstmals auf das Hotel Astoria, welches fortan sein ganzes Leben bestimmen soll. Passend zum Ambiente des luxuriösen Hauses fällt die Hintergrundmusik hier betont orchestral auf, fast herrschaftlich schmiegen sich die zarten Klänge um die ebenso begleitende Akustikgitarre. Noch dazu nimmt die Intensität in Asps Stimme im Vergleich zum doch wesentlich monotoneren (keine Kritik, genau das passt ja auch zum Song!) "Ich nenne mich Paul" merklich zu, die Vocals klingen hier bedeutend melodiöser und schwungvoller. Wie sollte es angesichts der Tatsache, dass Paul vor dem Bau, den er sogar mit einem "Tempel" vergleicht, beinahe in die Knie geht, auch anders sein? Das Zwischenspiel treibt die Erzählung mit vielen Worten, Beschreibungen, erzählerischen Details voran und weiß mit einer beruhigenden, friedlichen Melodie zu punkten. Die doch sehr ausführlichen Lyrics tun - wie sollte es bei einem großen Dichter wie Asp auch anders sein - das, was ihre Aufgabe im Rahmen der Erzählung ist: Sie lassen umgehend Bilder vor dem inneren Auge entstehen, sie versetzen einen in eine längst vergangene Epoche. Paul allerdings blendet all das bunte Treiben um ihn herum völlig aus, Astoria zieht ihn mit aller Gewalt in ihren Bann:

"Ein Wagenmeister steht am Eingang, der mit wohlgeübter Geste Pagen mit Gepäck ins Innere schickt
Die Menschen um mich nehme ich nun kaum noch wahr, ich bin von dieser Szenerie verzaubert und entzückt."

Nach all den Eindrücken, die in Sekundenschnelle auf Paul einprasselten und ihn Astoria verfallen ließen, steht für ihn fest: An diesem Ort will er auf ewig bleiben. Mit aller Konsequenz bemüht er sich um eine feste Anstellung im Hotelbetrieb, und so ist er bald schon Hausmeister seines ganz eigenen Paradieses - was von Asp gekonnt und humorvoll in Szene gesetzt wird:

"Ich fühle mich nicht mal eine Sekunde lang als Eindringling, was mich in meinem Wissen nur bestärkt
Ich bin da angekommen, wo ich hingehör, ich bleib in dem geschäftigen Betrieb fast unbemerkt
Es werde händeringend ein Ersatz gesucht, die Stelle eines Hausmeisters sei erst seit kurzem frei
Der Vorgänger, so sagt man mir, sei unglücklich gefallen, und er brach sich leider das Genick dabei."

5.) Was für ein Sprung: Während es in "Zwischentöne: Baukörper" durchweg harmonisch zuging, gibt es in "Begeistert (Ich bin unsichtbar)" eins auf die Mütze! Kein Wunder, so haben wir die Zwischentöne ja bereits hinter uns gelassen. Nun geht es also in kompromissloser Manier vorwärts, die metallischen Salven fliegen uns nur so um die Ohren und verpaaren sich zuweilen mit druckvoller Elektronik, wie man es von ASP ja schon zu Genüge kennt. Ich habe vor wenigen Augenblicken noch betont, wie wichtig "Zwischentöne: Baukörper" als Bindeglied zwischen Pauls altem und seinem neuen Leben ist. "Begeistert (Ich bin unsichtbar)" dagegen fungiert als unverzichtbares Bindeglied zwischen seinen ersten Gefühlen für Astoria und der kompletten Unterwürfigkeit. Wichtig scheint ihm dabei vor allem sein Schaffen in völliger Dunkelheit, abgeschottet und unbemerkt vom übrigen Personal, zu sein. Der Rest der Welt verliert für Paul jegliche Bedeutung, er beschränkt sich allein auf das vermeintliche Verhältnis zwischen Astoria und ihm und verliert dabei jede Bodenhaftung:

"Nur du und ich sind hier real
und alles andre ist egal
Es zählt nur, dass wir sichtbar sind
Du für mich und ich für dich
Der Rest der Welt ist taub und blind
und unwichtig"

6.) "Zwischentöne: Lift" beschert den Hörern die wohl extremste Zeitreise des Albums, was den musikalischen Part angeht, und darüber hinaus die wahrscheinlich größte Überraschung des gesamten Albums. Ich gebe es gerne zu: Einer meiner beiden Lieblingssongs von "Verfallen, Folge 1: Astoria" - und das, obwohl sie alle ein Traum aus magischen Melodien und himmlischen Texten sind. Das dritte "Zwischentöne"-Zwischenspiel lässt die bekannten Gassenhauer der 20er Jahre wieder aufleben, die Zeit der Chansons kehrt in die Gegenwart ein. Wer schon immer Innovationen, Überraschungen und Neuerungen in den zauberhaften Welten von ASP gefordert hat, der wird hier wunschlos glücklich! Gleichzeitig sollte man Asp seinen Mut, solch einen Song zu wagen, allerdings hoch anrechnen, denn gesangstechnisch wird dieses Werk sicherlich eine völlig neue Erfahrung und im höchsten Maße anspruchsvoll gewesen sein. Natürlich lässt sich die Komposition nicht allein auf den Gesang reduzieren, immerhin verleiht der stetige Takt des Schlagzeugs der sehr blumigen, romantischen Melodie weitere Dynamik. Beeindruckend, wie die durchgängig fröhliche, fast schon extatische Atmosphäre den Hörer gefangen nimmt, die sanften Klänge erinnern in ihrer Friedlichkeit sogar an die aufkeimende Blumenpracht des frühlingshaften Paris - ungeachtet der Tatsache, dass die Erzählung in Leipzig spielt. Natürlich passt diese Stilistik zum Zeitgeschehen, wir schreiben hier immerhin das Jahr 1919, wie sonst wohl kein anderes Stück entführt "Lift" die Vorstellungskraft des geneigten Hörers ins frühe 20. Jahrhundert. Seinen musikalischen Höhepunkt findet der Titel in den letzten Versen, deren Melodie vor Zuckerguss schon fast zerfließt. Dieses Fest der klanglichen Harmonie kann man sich einfach tausendfach anhören, ohne dabei zu ermüden! Einfach wundervoll.

"Ich will sie unbedingt berührn,
ich würde mich für sie verändern,
wenn sie mich anders wollte, als ich bin, das klingt vielleicht extrem,
selbst wenn ich mich dabei zerbreche"

7.) Nachdem die Überraschung im Rahmen von "Zwischentöne: Lift" mehr als geglückt ist, versuchen sich ASP hier abermals an einem für die Band durchaus typischen Song - Abwechslung wird in dieser Tracklist eben groß geschrieben! Die umwerfende Melodieführung innerhalb der Strophen lässt den Hörer wahrlich in Trance verfallen, ehe er von der durchdringenden und energetischen Bridge aus der Wonne gerissen wird - was für ein Brett! Derweil verblasst die reale Welt aus Pauls Sicht immer mehr, wie er offen zugibt - und mittlerweile fragt er sich sogar, ob er sie schon immer verabscheut hat. Ob er in seinem früheren Leben wohl ein Einzelgänger war? Wir wissen es nicht. Paul selbst macht allerdings keinen Hehl daraus, wo er sich zu Hause fühlt:

"Die Welt dort draussen, sie verblasst,
ich gehe nur noch ungern raus
Hab ich sie immer schon gehasst?
Ich fühl mich nur in dir zu Haus!"

Kurz nach seinem Gefühlsausbruch - man konnte ja nicht davon ausgehen, dass dieser nun so plötzlich für beendet erklärt werden würde - steigern sich Pauls Schwärmereien für Astoria ins Unermessliche, was durch den edlen und glanzvollen Refrain in vortrefflicher Manier wiedergegeben wird:

"Astoria - Du bist der schönste Stern von allen
Wie du meine Welt erhellst!
Astoria - Für immer bin ich dir verfallen,
weil du alles andre in den Schatten stellst."

8.) Ähnlich rockig setzt sich die Tracklist mit "Souvenir, Souvenir" fort, wenngleich der Härtegrad im Vergleich zu "Astoria verfallen" doch deutlich nach oben geschraubt wurde. Erstmals erfährt der Hörer im Detail und explizit, welch grausame Taten Paul für Astoria begeht und welchen Preis die Opfer für das Verlangen beider zahlen müssen. "Souvenir" ist an dieser Stelle übrigens eine Metapher, die mich nicht nur einmal zum Schmunzeln gebracht hat, die ich gleichzeitig aber auch als wirklich passend empfinde. Mittlerweile ist es offensichtlich, dass Paul für Astoria beinahe über Leichen gehen würde - allein, um ihre Dankbarkeit und Aufmerksamkeit zu erlangen. Ganz so, wie in so mancher realen Beziehung zwischen Menschen...

"Was sie in mir weckt, ist unanständig
Ich habe keine blütenweisse Weste
Ich tu mit Fremden das, was sie verlangt
Ich hoffe immer, dass sie es mir dankt"

Es scheint ganz so, als werden die einzelnen Hotelgäste - ob nach dem Zufallsprinzip oder nicht - bestimmter Körperteile beraubt, um sie Astoria als eine Art Opfer darzubringen. Der kraftvolle, zum Tanzen verführende Refrain (was liebe ich die "Souvenir, Souvenir"-Wiederholung!) tut sein Übriges, um aus den einzelnen Zutaten eine appetitliche Gothic Novel zu kreieren - eine Melange aus kompromissloser Härte und betörender Eingängigkeit, welche die letzten Geheimnisse rund um Pauls Schandtaten aufdeckt:

"Souvenir, Souvenir
Ein kleiner Teil von dir wird bei uns bleiben
Souvenir, Souvenir
Wir werden ihn der Sammlung einverleiben
Oft geschieht es unfreiwillig,
es ist mehr als recht und billig,
du verdienst es, und doch still ich
niemals ihre Gier! Souvenir, Souvenir"

9.) Das letzte Zwischenspiel des ersten "Verfallen"-Teils, "Zwischentöne: Blank", glänzt mit dem ruhelosen, entrückten Vortrag der vorliegenden Zeilen und entführt uns in die Welt von Pauls rastlosen Träumen. Besonders auffällig: Asp verzichtet in den einzelnen Versen bewusst auf ordinäre Reime, stattdessen greift er auf sogenannte Blankverse zurück - und auf diese sollte man ihn nach Konzerten besser nicht ansprechen, wie er im Rahmen eines Interviews humorvoll angemerkt hat. Selbstredend passen die Blankverse zum Titel des Zwischenspiels, darüber hinaus eignen sie sich ob ihrer Disharmonie bestens, um die chaotischen Geschehnisse aus Pauls Träumen aufzuarbeiten. Des nachts ist es nämlich wieder Astoria, die ihn lockt, und er folgt dem beständigen Ruf bereitwillig. Es geht hinab in die Tiefen des Hotels, gen Abgrund - oder geradewegs in die Hölle.

10.) Bergab geht es nicht nur geographisch, sondern sicherlich auch mit Pauls Gemütszustand, als er innerhalb von "Dro[eh]nen aus dem rostigen Kellerherzen" den Schrecken erblickt, der dort auf seine Ankunft lauert. Dieses knapp zehnminütige Stück lässt sich getrost als "Meditation in rostigem Stahl" bezeichnen, wie es ASP ja auch bei der Präsentation der dazugehörigen Hörprobe getan haben. Es handelt sich - endlich - um den vollmundig angekündigten Drone Doom-Part des Albums; und dass ASP mit Doom-Elementen umgehen können wie kaum jemand sonst, wissen wir spätestens seit "Angstkathedrale". Asps Stimme hallt mit aller Gewalt durch das Kellergewölbe des lebendigen Hotels und verschmilzt mit den sägenden Gitarrenriffs, um eine in dieser Form einzigartige, zerstörerische, hoffnungslose Stimmung zu verbreiten. Das ohne Frage finsterste Stück des gesamten Albums lässt keinen Platz für einen Hoffnungsschimmer, nicht ein Lichtstrahl dringt in die kargen Untiefen des Baus. Unterstützt wird die (unterhaltsame) Tristesse von der außergewöhnlich monotonen Gesangsart, die den Hörer mit all den beschwörerischen Phrasen, die hier vorgetragen werden, vollständig gefangen nimmt. Schnell werden Erinnerungen an Kai Meyers Kurzgeschichte "Das Fleisch der Vielen" wach - und in jenem Moment, als Paul die Tragweite der Ereignisse realisiert, kann selbst er Astoria nicht mehr verzeihen:

"Ein Wogen
Wie von Wellen
Betrogen
ums Vergehn!
Die Schreie,
wie sie gellen,
kein Verzeihen,
kein Verstehn."

11.) Wenn ich die eigentlich schier unmögliche Wahl treffen müsste, dann wäre dieses großteilig balladeske Epos mein absoluter Lieblingssong auf "Verfallen - Folge 1: Astoria". "Alles, nur das nicht!" ist an Romantik und Tragik nicht zu überbieten. Lediglich "dramatisch" und "hingebungsvoll" wären zwei weitere Adjektive, die diesem wunderschönen Stück gerecht werden würden, und eigentlich können auch sie nicht in Worte fassen, welch unendliche Gefühlswelt, welch Zauber den über zehn Minuten dieses Meisterwerks innewohnt! Ohne Vorwarnung fährt einem ein Schauer über den mittlerweile daran gewöhnten Rücken, sobald man das Ausmaß von Pauls Abhängigkeit wirklich begreift. Sein Wesen schwindet nach all den demütigen Jahren der Unterwerfung immer mehr und mehr, und erst jetzt begreift er selbst annährend, zu welchem Wahnsinn der teuflische Bund mit Astoria geführt hat. Wie auch so einige andere Lyrics des Albums funktioniert der Text von "Alles, nur das nicht!" auf gleich zwei Ebenen, der handlungsbezogenen und der persönlichen. Zum einen hätten wir da Pauls Liebeserklärung an Astoria und sein verzweifeltes Flehen um Nachsicht - beides durchaus beängstigend, wenn man berücksichtigt, dass es sich hier keineswegs um eine lebendige Person handelt. Ganz anders der persönliche Bezug, in dessen Rahmen eine solch liebreizende Botschaft bedeutend mehr Romantik innehätte als im Hinblick auf die "kranke" Kooperation zwischen Paul und Astoria, obgleich diese mit jedem Moment an Spannung gewinnt. Nun wäre da noch die Frage, aus welchem Grund Paul der Verzweiflung anheimfällt - und diese ist damit zu beantworten, dass Astoria ihm befiehlt, ganze Menschenleben zu nehmen und somit zu morden:

"Bis heute Nacht genügten dir noch Souvenirs,
nur Kleinigkeiten, leblos, abgetrennt, entbehrlich
Da ist ein ständig wachsendes Verlangen, ja, ich spür's:
Nun hast du neue Wünsche, größer und gefährlich
Nein, lass mich!"

Paul wehrt sich wie man sieht mit aller Kraft gegen Astorias Verlangen, was Asp mit seiner sanften wie verletztlichen Stimme perfekt einfängt. Der Hörer spürt jede emotionale Nuance inmitten des gesanglichen Meisterstücks, und trotz aller technischen Perfektion haben die Gefühle, die Asp bei den Aufnahmen empfunden haben muss, jede Menge Raum, um sich im Zuge der märchenhaften Verse dieses Liedes zu entfalten. Zu guter Letzt wird der Druck von Astoria schließlich zu groß, Paul gibt seinen Widerstand auf und beugt sich dem Willen seiner Herrin:

"Der Druck ist zu groß, ich lasse mich los,
ich seh die Gefahr, doch nun ist mir klar,
es hat keinen Sinn, mich dir noch zu verweigern
Es liegt auf der Hand, dass mein Widerstand
dich nur noch anheizt und zusätzlich reizt
Er wird dein Verlangen nur noch weiter steigern"

Aus rein musikalischer Perspektive betrachtet nimmt "Alles, nur das nicht!" eine wahrlich wundervolle Entwicklung und wandelt sich beträchtlich - allein die unglaubliche Komplexität des Songs und seine ganz besondere Struktur ist eine Erwähnung, wenn nicht sogar tausende Lobpreisungen, wert. Beginnt das Stück noch mit den zarten, einfühlsamen Tönen der akustischen Gitarre, steigert es sich zum Ende hin, als Pauls Widerstand bricht, zu einem infernalischen Gewitter der Trommeln und kurz darauf sogar zu einer rasenden Metal-Passage, die in puncto Tempo und Energie ihresgleichen sucht. Gesondert möchte ich mich zum atemberaubenden Refrain äußern, der uns gleich mehrfach beschert wird. In diesem greift Asp mit seiner gewaltigen Stimme förmlich nach den Sternen, so wie Paul in eben diesen Zeilen nach dem Kosmos greifen will, um ihn Astoria zu Füßen zu legen. Ein Refrain als monumentales Ereignis - dieser Chorus übertrifft in seiner schieren Weite und Tiefe selbst das Innere einer endlosen Kathedrale, und selbst diese könnte mit all ihren verzierten Fenstern und dem aufwändig hergerichteten Altar nicht an die endlose Schönheit dieses unglaublichen Liedes heranreichen.

12.) "Loreley" als solches wäre bereits ein wundervoller Abschluss des ersten Teils gewesen, beschließt der Song die erste Hälfte doch immerhin mit einem Paukenschlag! Bereits dem vollständigen Titel - "Loreley (Die traurige Ballade der Hannelore W.)" und den blutverschmierten Seiten des Booklets kann man entnehmen, weil grausames, vernichtendes Finale auf den Hörer wartet. Paul wagt, nachdem all sein Widerstand endgültig gebrochen wurde, den letzten Schritt und verliert auch noch den allerletzten verbliebenen Funken Menschlichkeit, den er vorher noch in sich trug. Opfer des "großen Werkes": Die gleichsam beliebte und wunderschöne Tänzerin Hannelore, die sich in Anlehnung an die sich kämmende Nixe am gleichnamigen Felsen Loreley genannt hat (überdies eine wundervolle Anlehnung an Kai Meyers tollen Roman mit dem gleichen Namen!), und schlussendlich kennt Paul trotz aller Zweifel, die immer wieder an ihm nagen, keine Gnade mehr. Der Song gleicht in Sachen Komplexität und Aufbau durchaus dem allseits beliebten "Varieté Obscur", doch wird die hier besungene Dame nicht angebetet und hofiert, sondern der Schlachtbank zugeführt. Wie faszinierend so manch makaberer Sachverhalt doch sein kann! Mord als Unterhaltungsinstrument, genau diese Kombination ist hier in umwerfender Manier geglückt. Doch gehen wir zurück an den Anfang. Die ausladenden Strophen haben nichts anderes im Sinn, als ungemeines Mitgefühl für Loreley in uns zu pflanzen - und das tun sie, indem sie dem Hörer das alltägliche Leben der Schönen beschreiben:

"Hannelore nennt sich Loreley
An mir schaut sie geflissentlich vorbei
Ich fall bei diesem Thema
keineswegs ins Beuteschema
Soll ein Lächeln für dich strahlen, musst du zahlen"

"Hannelore nennt sich Loreley
Am Morgen sind die Beine schwer wie Blei
Einem Leitsatz folgt sie immer
Gehe niemals mit aufs Zimmer!
Sie wahrt immer ihre Grenzen bei den Tänzen"

Wenn man - so, wie es bei Asps Texten eigentlich die pure Verpflichtung ist - nach mehreren Bedeutungsebenen fahndet, dann wird einem vor allem der Begriff "ungeschoren" im Refrain auffallen. Da war doch was! Ja, die Haare stehen auch hier im Mittelpunkt und spinnen sich um das Gehirn des Hörers, der sich ihrer fesselnden Macht nun nicht mehr entziehen kann. Pauls Schreckenstat selbst mutiert von der wilden Jagd zum Massaker; in Klangform bedeutet dies, dass wir nun endlich aufs Parkett schweben und dem Tango verfallen können! Wie sollte man die Hatz auf eine Tänzerin auch sonst besingen? Die zwei Tänzer ringen also um das nackte Überleben der unschuldigen Dame, während der Hörer mit offenem Munde dasitzt und die hypnotischen Passagen, die nun wie das offene Feuer eines Gewehrlaufs auf ihn hereinprasseln, erst einmal verarbeiten muss:

"In dieser Nacht kommt keiner mehr
Die Taschen bleiben heute leer,
und du bringst nichts nach Haus
Ich folge in der Dunkelheit
dem viel zu dünnen Abendkleid
Du siehst verletztlich aus"

"Du drehst dich um, erkennst mich jetzt,
die Augen weiten sich entsetzt,
du fragst mich, was ich will
Ich reisse meine Faust empor,
herunter fährt das Eisenrohr,
und bald liegst du ganz still."

Paul verliert in dem Augenblick, in dem sich Asp zu den beeindruckendsten Gesangsleistungen aufschwingt, alle Hemmungen und prügelt auf die kurz darauf leblose Hannelore ein, um Astoria das Opfer zu bringen, das sie seiner Meinung nach verdient. Für mich ist es abschließend von essentieller Bedeutung, ASP für die Courage zu loben, einen Tango überhaupt in Betracht zu ziehen. Kein anderes Stilmittel hätte für eine derart verstörende Wirkung gesorgt! Ich schließe meinen Bericht über "Loreley" mit der Erinnerung an Hannelores Kinder ab:

"Hannelore ohne Loreley
Karin kommt bald in die Schule, Klaus wird drei
Wer wird sich dazu durchringen,
ihren Kindern beizubringen,
dass sie niemals wieder heimkommt,
nie mehr heimkommt?"

13.) Nach all der Trauer um Hannelore wäre ein Anlass zur Freude sicherlich ein willkommener Abschluss - das dachten sich wohl auch ASP und liefern mit "Fortsetzung folgt ' 1" eine bewegende Ode an das Publikum ab. Wie entfesselt rocken sich die fünf Mannen durch die knapp fünf Minuten Spielzeit und sind sich dabei auch nicht zu schade, den offensichtlichen Bezug zu älteren Hits einzubauen oder gar selbstironisch zu werden.
Ich will nicht keine Songbezüge aufdecken, da es unheimlichen Spaß macht, sie nach und nach selbst zu entlarven - und das möchte ich den anderen Hörern ja ebenso zugestehen wie mir.

Was fehlt nun noch? Das Artwork selbstverständlich! Man ist den ungemeinen Aufwand, den ASP bei der visuellen und haptischen Gestaltung ihrer Werke betreiben, ja bereits gewohnt. Am Artwork wirkte der weltweit bekannte Artworker Joachim Luetke mit, welcher bereits von seiner Arbeit für Sopor Aeternus & The Ensemble of Shadows bekannt ist - und diese Beteiligung entpuppt sich beim staunenden Betrachten des hochwertigen Booklets als wahrer Glücksfall. Passend zur vorliegenden Schauergeschichte sind zahlreiche erdachte und eigens kreierte Bilder aus dem Kellergewölbe des Astoria, dem Gruselkabinett dieser Erzählung, zu sehen - wem angesichts dieser ausdrucksstarken Impressionen nicht ein kalter Schauer über den Rücken fährt, der trägt wohl keine Emotionen mehr in sich! Außerdem sind Fotoaufnahmen aus dem Innenraum eines Gebäudes zu sehen, das dem betagten Hotel Astoria sicherlich sehr nahe kommt. Abschließend würde ich auf jeden Fall die in ihrer Stückzahl begrenzte "Limited Novel Edition" empfehlen, denn dieses Schmuckstück erscheint als Hardcover-Buch im größeren Querformat (ca. 19,5 x 14,3 cm) und kommt mit der Kurzgeschichte "Das Fleisch der Vielen" aus der Feder des renommierten Phanastik-Autors Kai Meyer daher. Die Bonus-CD, ausschließlich im Rahmen der "Limited Novel Edition" erhältlich, ist absolut lohnenswert und setzt dem Spektakel die Krone auf!

"Verfallen - Folge 1: Astoria" abschließend zu bewerten, sollte dem geneigten Hörer, der dem hier Angebotenen begeistert lauscht, mehr als leicht fallen. Auch ich konnte mir meine erste Meinung bereits nach dem eröffnenden Durchlauf bilden - mit einer solchen Leichtigkeit ist mir eben das noch nie zuvor geglückt. Die Kombination aus fesselnder Schauergeschichte, dem persönlichen Bezug als zusätzliche Interpretationsebene für die Hörer und offensichtlichen Zeitbezügen, die einen noch tiefer in die beinahe vergessene Welt des frühen 20. Jahrhunderts eintauchen lassen, entwickelt schon beim ersten Durchlauf eine Urgewalt und Macht, der man sich unmöglich entziehen kann. ASP haben auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft ein Konzeptalbum im besten Sinne kreiert, ein wahres Fest für alle Musikbegeisterten mit Hang zu schauerlichen Erzählungen. Fraglos steigert sich dieses Meisterwerk von Durchgang zu Durchgang, aber gerade das beweist die extreme Tiefgründigkeit und den Detailreichtum, der in dieser mitreißenden Geschichte verborgen liegt. Abermals beweisen ASP, dass sie für leicht verdauliche Kost nicht zu haben sind, und doch gelingt es ihnen wiederholt, Eingängigkeit und Konzerttauglichkeit mit Anspruch und Niveau zu verbinden - eine Gratwanderung, an der viele andere Formationen grandios scheitern. Man kann nach dem Genuss dieses epochalen Kunstwerks nicht anders, als auf den hoffentlich bald erscheinenden Nachfolger hinzufiebern, denn schon jetzt weiß man: Fortsetzung folgt!
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Endless Forms Most Beautiful
Endless Forms Most Beautiful
Preis: EUR 13,97

14 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Von der Entstehung der Welt und der Evolution der Arten: Nightwish treten mit bestechenden Melodien zum Siegeszug an!, 5. April 2015
Rezension bezieht sich auf: Endless Forms Most Beautiful (Audio CD)
Wer die Geschichte der weltweit bekannten Symphonic Metal-Band Nightwish kennt, der wird leise erahnen können, weshalb die Fangemeinde aufhorcht, wenn ein neues Album der Formation angekündigt wird. Nightwish-Mastermind Tuomas Holopainen, seines Zeichens verantwortlich für die allermeisten Kompositionen und Lyrics, steht für das betörende Zusammenspiel aus orchestralem Bombast und einem gewissen Härtegrad, aber natürlich auch für himmlische Melodien und sogar Progressivität, die vor allem in den längeren Songs der Band zum Tragen kommt. Kurzum: Nightwish sind nicht weniger als die wichtigste Band im Symphonic Metal-Genre. Im Winter des Jahres 2011 machten sich die damals rein finnischen Musiker mit der schwedischen Sängerin Anette Olzon auf, um das cineastische Meisterwerk "Imaginaerum", das bis heute als Referenz im Genre betrachtet wird, ans Tageslicht zu befördern. Aber nicht nur das musikalische Epos erregte mit seiner aufwändigen Orchestrierung und seinem inhaltlichen Konzept, das mit der Vorstellungskraft und der Phantasie spielte, Aufsehen - nein, auch der ein Jahr später veröffentlichte, gleichnamige Film ließ frenetische Jubelstürme aufkommen. Ein richtiger Spielfilm von einer Band? Exakt. Nightwish wagten sich auch hier auf völlig neues Terrain und lösten diese herausfordernde Aufgabe mit Bravour, indem sie einen höchst emotionalen, aber auch technisch niveauvollen Film kreierten. Tiefgreifende Veränderungen in der Bandbesetzung ließen sich aber trotz des riesigen Erfolges nicht vermeiden, und so schied die damalige Frontfrau Anette Olzon im Verlauf der US-Tour 2012 aus der Band. Noch während der laufenden Tour und ohne wirkliche Vorbereitungszeit sprang die heutige Chanteuse Floor Jansen ein - und so meisterhaft, wie sie ihre unerwartete Aufgabe auf der Stelle lösen konnte, ist die sofortige Begeisterung der Fans durchaus verständlich. Mit ihrer von großer Intensität, Kraft und vor allem Flexibilität geprägten Stimme beherrscht Floor Jansen praktisch alle Lieder aus der Nightwish-Discographie und bietet so die vor einigen Jahren noch unmöglich scheinende Option, nun auch wieder Songs aus allen Ären der Band darzubieten. Neben Floor wurde auch Troy Donockley, der die Band schon längere Zeit auf Tour bereicherte und mit seinen Folk-Instrumenten ein weiteres Puzzleteil zum Kosmos hinzufügt, in die Band aufgenommen, so wie auch Kai Hahto (Wintersun), der den Drummer Jukka Nevalainen aufgrund seiner anhaltenden Schlafstörungen ersetzen musste.

Am 27. März des Jahres 2015 sollte ein neues Kapitel in der Bandgeschichte aufgeschlagen werden - schon Monate zuvor wurde das achte Studioalbum "Endless Forms Most Beautiful" (deutsch: Unendliche Zahl der schönsten Formen) angekündigt und es sollte an diesem fortan geschichtsträchtigen Tage erscheinen. Es handelt sich dabei zu großen Teilen um ein Konzeptalbum, das einem roten Faden folgt und sich mit der Evolutionstheorie von Charles Darwin, den Thesen von Professor Richard Dawkins und der Schönheit des Lebens sowie der Natur beschäftigt. Auch wenn sich die allermeisten Songs eben diesem Grundtenor unterordnen, fallen ein paar Lieder dennoch aus dem Raster, indem sie sich mit völlig anderen Themen auseinandersetzen, was allerdings für willkommene Abwechslung sorgt. Doch natürlich stellen sich gleich mehrere grundsätzliche Fragen: Ist Tuomas Holopainen und seinem Gefolge nach dem gefeierten "Imaginaerum" abermals ein solch großer Wurf gelungen oder hat sich die Band sogar weiterentwickelt? Auf welche Weise bringt sich die neue Sängerin Floor Jansen ein? Inwieweit verändern die neuen Bandmitglieder Troy und Kai den Sound? Und welche Formen hat die Musik angenommen, wo diese doch sehr ernsthafte Thematik wahrscheinlich nicht allzu leicht in Klangformen zu zwängen ist? All das und noch viel mehr möchte ich in meiner Rezension zu diesem 80-minütigen Epos beantworten. Also: Auf geht's, auf uns wartet eine abenteuerliche Forschungsreise!

Als Opener von "Endless Forms Most Beautiful" fungiert der knapp sechsminütige Track "Shudder Before The Beautiful". Wer sich dem allumfassenden Hype vor dem Albumrelease nicht verschlossen hat, dem wird bekannt sein, dass das Lied schon vor der Veröffentlichung und in Kooperation mit einer finnischen Zeitung zugänglich gemacht wurde. Es sollte ein Appetithäppchen sein - und was für eines! Im Grunde genommen hätte man sich für dieses Album keinen besseren Einstiegstrack wünschen können: "Shudder Before The Beautiful" enthält alle typischen Nightwish-Elemente und überrascht mit seiner Frische trotzdem - schon mit den ersten Gitarrenriffs kommen Erinnerungen an das 2004er Erfolgsalbum "Once" auf. Zu Beginn des Songs erklingt die Stimme des britischen Evolutionsbiologen und Autoren Richard Dawkins erstmals, indem sie mit wunderschönen Worten in den Song einführt. Dabei erweist sich seine Stimme als sehr angenehm und überaus eindrucksvoll, und noch dazu passen die gesprochenen Passagen vortrefflich in das lyrische Konzept des Titels: "The deepest solace lies in understanding. This ancient unseen stream, a shudder before the beautiful." Die im Vergleich zum temporeichen Refrain recht gediegenen Strophen, die allein von Floor Jansen vorgetragen werden, lassen unumgängliche Mystik und Zauber aufkommen - man taucht förmlich in die entlegensten Tiefen des blauen Meeres ein. Auch die sehr melodiöse Bridge muss ich unbedingt erwähnen, denn in dieser eigenwilligen Komposition steckt dermaßen viel Genialität. Der bereits erwähnte Chorus ist zuerst als treibend und dynamisch zu bezeichnen, will den Ohren aber schon nach dem ersten Durchlauf nicht mehr entweichen und stellt klar, dass "Shudder Before The Beautiful" der perfekte Opener nicht nur für dieses Album, sondern auch für die Konzerte der im Herbst anstehenden Tournee ist. Im Mittelteil des Songs erleben wir nach sehr langer Zeit wieder ein Duell zwischen der E-Gitarre und dem Keyboard, und durch eben diesen längeren und mitreißenden Instrumentalpart entsteht sogar ein gewisses Maß an Progressivität. Kurz darauf münden harte Gitarrenriffs in einen in dieser Opulenz noch nie gehörten Chor, ehe der Song mit dem Refrain ausklingt. Wow, was für ein brillanter Einstieg! Textlich gesehen sind die Lyrics übrigens von einer ähnlichen Grundstimmung geprägt wie die Vorab-Single "Élan" - es geht um die Schönheit des Lebens und dieser Welt, wenngleich man sich hier auch ein wenig direkter auf die Natur bezieht: "Tales from the seas / Cathedral of green".

Mit "Weak Fantasy" folgt an zweiter Stelle ein Song, der zusammen mit dem später folgenden "Yours Is An Empty Hope" ohne Zweifel als härtester Song des Gesamtwerkes betrachtet werden kann. Konnte man bei der Bekanntgabe der Tracklist noch annehmen, der begeisterte Fantasy-Leser Tuomas Holopainen habe mit diesem Titel der Phantasie abgeschworen, erweist sich das eigentliche Thema des Textes eher als sozialkritisch. Da können wir ja nochmal beruhigt sein! So bieten die sehr offensiven Verse viel Raum für Interpretationen, man darf aber durchaus annehmen, dass es um die Geschichten geht, die man uns in aller Welt erzählen will. Letztlich trifft der Text eine klare Schlussfolgerung: "Every child worthy of a better tale". So ist es. Wenn man die musikalische Ausrichtung von "Weak Fantasy" begutachtet, dann stimmt das Stück mit seinen donnernden Gitarren umgehend auf das ein, was den Hörer im Folgenden erwartet. Schon zu Beginn verschmelzen E-Gitarre, Bass, Schlagzeug und Orchester zu einer gigantischen Walze, die über jeden Zweifel hinwegfegt. Entgegen aller Erwartungen, die der Anfang schürt, überraschen die ruhigen Strophen durchaus, obwohl Floor hier erstmals ihren rockigeren und raueren Gesangsstil präsentiert. Vor dem Refrain lässt sie sich dann noch ein sanftes "Fear is a choice you embrace" entlocken... Und kurz darauf folgt dann der Chorus, der eine wahre Schlacht zwischen Marcos und Floors Stimme sowie dem Chor liefert. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass "Weak Fantasy" einige sehr progressive Strukturen enthält, darunter auch einen Folk-Part, der kurz vor dem Ende von Troys Bouzouki eingespielt wurde. Letztlich wächst dieser außergewöhnliche Song mit jedem Durchgang und entfaltet zügig eine ungeahnte Sogwirkung, die man sich nach dem Ersteindruck erst gar nicht vorstellen kann. Chapeau!

Über die Vorab-Single "Élan", die mit ihrer Leichtfüßigkeit perfekt zwischen die beiden wuchtigsten Tracks des Albums passt, müssen nicht mehr allzu viele Worte verloren werden. Das Stück wurde nicht ohne Grund für die Single-Auskopplung gewählt, es ist ein heiterer und leicht verdaulicher Song voller positiver Energie. Wie dem auch sei, fraglos erzeugt das Lied durch seine flotten Folk- und Pop-Elemente eine ganz besondere Eingängigkeit, was es auch für die Radiosender dieser Welt attraktiv macht - und trotzdem entspricht es unverkennbar dem typischen Nightwish-Stil. In den zarten Strophen darf Floor die sanfteste Facette ihrer Stimme offenlegen, während der berauschende Refrain Troy als Background-Sänger installiert. Die doch recht fröhlichen Klänge bringen die überaus lebensbejahende Message des Textes in eine absolut passende musikalische Form, und die letzte Wiederholung des Refrains zieht sogar nochmal ordentlich an und wird die Massen auf den Konzerten zum Toben bringen. In den letzten Sekunden geleitet uns eine akustische Gitarre aus dem Geschehen... Wie bereits betont ist der Text ein flammender Appell an die Hörer, ihr Leben zu genießen und es in möglichst positiver Stimmung anzugehen. Eine eindrucksvolle Ode an das Leben...

"Yours Is An Empty Hope" ist für mich persönlich eine Reminiszenz an "Master Passion Greed" vom Album "Dark Passion Play". Es startet mit einem überaus cineastischen Intro, das von eben diesem Bombast lebt und so an Filmmusik erinnert. Kurz darauf setzt die fetzige Gitarre im "Once"-Stil ein und treibt den Song mit ihrer Dynamik nach vorn. Obgleich ich "Yours Is An Empty Hope" keinesfalls als bestes Lied des Albums ansehe, so gehören zumindest die Strophen doch zu den Meisterwerken darauf. Diese kann man nämlich getrost als musikalische Peitschenhiebe bezeichnen, wenn man es denn auf ein sprachliches Bild anlegt. Zudem beweisen sie einmal mehr Floors gesangliche Flexibilität, da sie sich hier wirklich austoben kann. Die Bridge und der Refrain dagegen beschert Marco eine seiner seltenen Bühnen auf "Endless Forms Most Beautiful", diese rare Gelegenheit weiß er aber wie in der Vergangenheit schon so oft bestens auszunutzen. Zwar erweist sich der Refrain als simpel und repetitiv, doch fügt er sich nahtlos in die Grundstimmung des Liedes ein und sorgt so für eine betont düstere Atmosphäre. Im letzten Drittel folgt dann noch eine eindrucksvolle Orchester-Passage, die in markerschütternde Growls von Floor übergeht - was für eine Powerfrau! Wow, ich bin sprachlos.

Das volle Kontrastprogramm dazu liefert das darauffolgene "Our Decades In The Sun" - eine herzergreifende Ode an die Eltern der Bandmitglieder, die aber sicherlich ein jeder auf sich und sein Leben beziehen kann: "Our walk has been sublime / A soaring ride and gentle lead / You have the heart of a true friend / One day we'll meet on that shore again". Und wie es die Lyrics verlangen, ist der Titel die einzige echte Ballade auf dem Album. Sie beginnt mit einem sirenengleichen Kinderchor, der seine Wirkung über den gesamten Song hinweg nicht verfehlt - und was sollte das Thema der Liebe zwischen Kind und Eltern besser wiedergeben als ein Chor jener, die selbst in dieser Lage sind? Das Zusammenspiel zwischen diesem Klangelement und dem Text ist absolut offensichtlich. Ansonsten beschert der Song Floor ihren größten gesanglichen Moment - Gänsehaut pur! Nach ihren aggressiven Grenzerfahrungen in "Yours Is An Empty Hope" umschmeichelt sie uns nun mit ihrem Gesang aus Zuckerguss, den man getrost als wärmenden Mantel, der den Hörer in der Winterkälte umhüllt, bezeichnen kann. Der Mittelteil dagegen wird von Emppus Gitarre geprägt, ehe letztlich der finale Refrain mit all seiner emotionalen Urgewalt einsetzt. Ein ganz besonderer Augenblick - und das eben nicht nur auf diesem Album, sondern in der gesamten Musikhistorie. Wer nicht spätestens beim letzten Refrain zu Tränen gerührt ist, der hat sein Herz schon vor langer Zeit unter Schutt und Asche begraben... Zwischendurch ist immer mal wieder das beruhigende Pianospiel von Tuomas zu vernehmen, und es prägt letztlich auch den Ausklang dieses bewegenden Meisterwerkes, das sich vor Klassikern wie "Sleeping Sun" absolut nicht verstecken muss.

"My Walden" kann ich schon jetzt definitiv zu meinen Lieblingssongs zählen. Zum einen erfreut mich der lyrische Bezug auf das Buch "Walden" von Henry D. Thoreau, zum anderen die vordergründigen Folk-Elemente. Doch sprechen wir zuallererst über die Lyrics. Wer Thoreaus Werk kennt, der wird wissen, worum es geht: "Mitte des 19. Jahrhunderts unternahm der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau ein bis dato einzigartiges Daseinsexperiment: Für zwei Jahre zog er sich tief in die Wälder Massachusetts' zurück. Dabei ging es ihm nicht um simple Weltflucht, sondern um die Erforschung menschlicher Existenz, um ein wahrhaft bewusstes Leben und die Beschränkung auf das Wesentliche." Und eben dieses für mich hochspannende und spirituelle Thema bringt Tuomas Holopainen nun in den Nightwish-Kosmos ein: "I will taste the manna in every tree / Liquid honey and wine from the distant hills / An early greenwood concerto / Greets my Walden with its eternal voice". Gerade ich als glühender Liebhaber der Natur kann mich mit dieser Philosophie mehr als nur identifizieren, und so handelt es sich aus meiner persönlichen Sicht um einen der besten Nightwish-Texte überhaupt. Es ist schlicht und ergreifend wundervoll, wenn man sich selbst in solch lyrischen Versen wiederfinden kann... Gehen wir zur Musik über. Troy setzt hier mit seinem tanzbaren walisischen Intro und seiner glockenklaren Stimme einen wahren Glanzpunkt, obgleich er in diesem von Celtic-Elementen beherrschten Lied ohnehin ein zentraler Faktor ist. Und natürlich ist ein von so vielen Folk-Elementen durchzogener Track auch hochgradig tanzbar! So auch der Chorus, bei dem die Füße einfach nicht stillstehen können und der einen sogar im Schlafe verfolgt: "Weaving my wings from many-colored yarns / Flying higher, higher, higher / Into the wild / Weaving my world into tapestry of life / Its fire golden / In my Walden". Interessant ist aber auch der Fakt, dass das Lied im Grunde genommen in zwei verschiedene Teile gegliedert werden kann. Während der erste Teil mitsamt des Refrains durchaus als flotter Folk Pop-Song bezeichnet werden kann, trumpft die zweite Hälfte mit betörenden Instrumentalpassagen auf, die an die populäre Folk Metal-Band Eluveitie erinnern - gerade die Pipes tun hier ihr Übriges. Mich selbst erfreut der hohe Folk-Anteil auf dem gesamten Album allerdings über alle Maßen, da ich derartig erdige und schwungvolle Musik schon seit langem liebe und da dieser Stil im Nightwish-Universum durchaus seine Berechtigung hat. Wer den Folk-Anteil kritisiert, der sollte sich mit dem Thema der Lyrics dieses Songs eingehend auseinandersetzen, dann sollte sich einem die Notwendigkeit dessen erschließen.

Und nun sind wir schon beim Titeltrack "Endless Forms Most Beautiful" angelangt. Der flotte, treibende Einstieg wird sogleich von Floors Backgroundgesang, der an lockende Sirenen im Meer erinnert, unterlegt. Erwähnenswert sind aber auch die überaus rhythmischen, dem ein oder anderen sicherlich zu seichten Strophen, deren Härtegrad sich bis hin zur Bridge stetig steigert. Anschließend bieten uns Nightwish wieder einmal einen bestechenden Ohrwurm-Refrain, der beinahe schon in poppige Gefilde abdriftet und dabei eine der einprägsamsten und besten Melodien der Musikhistorie heraufbeschwört. Eben diese Pop-Elemente gehören meiner Ansicht nach aber auch in das Nightwish-Klanggebilde, da sie für einen hohen Unterhaltungswert auch bei ernsthaften und tiefgreifenden Themen sorgen. Trotz des Pop-Appeals, durch den sich der Track nahtlos in die Tracklist von "Dark Passion Play" einfügen würde, ist auch hier Vielfalt angesagt: Ein wenig Orchester-Bombast gepaart mit hämmernden Gitarren vor dem abschließenden, mit noch mehr Elan vorgetragenen Chorus sorgt für etwas Abwechslung. Die Lyrics sind wohl einer der inhaltlichen Mittelpunkte des Albums, da sie sich sehr explizit am Konzept des Albums, also an den titelgebenden Lebensformen dieses Planeten, orientieren: "Deeper down in Panthalassa / A eukaryote finds her way / We return to the very first one / Greet the one we'll soon become". Inhaltlich bewegen wir uns also auf den Anbeginn der Existenz zu.

Wesentlich phantastischer wird es mit "Edema Ruh", das vom Fantasy-Roman "Der Name des Windes" aus der Königsmörder-Chronik von Patrick Rothfuss inspiriert wurde. Die Edema Ruh sind in dieser Erzählung eine Gruppe von wandernden Unterhaltungskünstlern, und als solche sehen sich Nightwish ja auch. Es war also sehr naheliegend, diese vagabundierenden Musiker und Schauspieler in die Lyrics aufzunehmen und dabei vor allem auf ihre Fähigkeiten, den Zuschauern alle Sorgen zu nehmen, einzugehen: "We'll give you a key to open all of the gates / We'll show you a sea of starlight to drown all your cares / Mirrorhouses, the sweetest kisses and wines / A Debussy dialogue between wind and the roaring sea". "Edema Ruh" sollte nach den Planungen anstelle von "Élan" die Vorab-Single werden, doch Tuomas ließ sich von anderen Bandmitgliedern überzeugen, seine Auffassung zu ändern. Aber klar, in etwa geht der Song in dieselbe Richtung. Nach einer gefühlten Ewigkeit wartet hier endlich wieder ein Song mit Synthesizer-Elementen und Beats auf, was die sehr ruhigen, aber nicht minder majestätischen Strophen merklich aufwertet. Erwähnenswert ist auch das märchenhafte Keyboard-Intro, das den Startpunkt des Songs markiert. Aber auch der Chorus setzt sich sofort in den Gehörgängen fest und entweicht ihnen auch nicht mehr so schnell - auffällig ist dabei, dass er dynamisch und zugleich fragil ausfällt. Kurz vor dem Ende spielt sich Emppu mit einem virtuosen Gitarrensolo fast in einen Rausch, ehe Troy einmal mehr zum Einsatz kommt und das Lebensgefühl der Edema Ruh mit seiner angenehmen Stimme zum Ausdruck bringt. Davor dürfen seine Pipes natürlich nicht fehlen - selbsterklärend.

Wenn ich übrigens einen absoluten Favoriten von "Endless Forms Most Beautiful" nennen müsste, dann wäre es neben dem abschließenden "The Greatest Show On Earth" ganz sicher "Alpenglow". Die eleganten Klänge der Streicher leiten mitsamt der E-Gitarre ausufernd und höchst melodisch den weiteren Songverlauf ein, auffällig sind aber auch die zerbrechlichen, augenblicklich einnehmenden und von der Stimmung her sehr intensiven Strophen. Den absoluten Kontrast dazu liefert die darauffolgende Bridge, in welcher Floors Vocals beinahe rotzfrech und sehr kraftvoll erklingen. Insgesamt hätte der Song übrigens auch sehr gut zu Anette Olzons Stimme gepasst, die zauberhafte Stimmung des Liedes verlangt aber auch nach einem derartig sanften Ausdruck im Refrain und in den Strophen. Wie Tuomas in verschiedensten Interviews betont hat, enthält "Alpenglow" alle vorstellbaren Elemente, die ein Nightwish-Song benötigt, um mehr als hittauglich zu sein - da wurde beileibe nicht zu viel versprochen. Und als ob die ersten Verse des Refrains nicht schon eingängig genug wären, setzt dieser zu guter Letzt noch einen drauf und zieht das Tempo mitsamt eines schönen Reims beträchtlich an: "We were here / Roaming on the endless prairie / Writing an endless story / Building a Walden of our own / We were here / Grieving the saddened faces / Conquering the darkest places / Time to rest now and to finish the show / And become the music, one with Alpenglow". Wie man sieht, fallen die Verse wieder einmal sehr persönlich und intim aus, was sicherlich auch dem Charakter des Songs entspricht. Märchenhaft!

Das einzige Instrumental des Albums, "The Eyes of Sharbat Gula", trennt die ersten neun Lieder vom großen Finale, dem 24-minütigen Epos "The Greatest Show On Earth". Vor dem Release hätte man vielleicht eine Ähnlichkeit mit "Arabesque", dem Instrumental-Track vom letzten Album "Imaginaerum", vermutet - weit gefehlt. In den ersten Sekunden des Stücks setzen bedrohliche Trommeln und wohl eine akustische Gitarre ein, ehe sich das elegische Piano von Tuomas mit all seiner Dramatik und Melancholie hinzugesellt. Auf diesem Wege steigert sich der Song in ein hypnotisches Mantra, das von Flötenklängen und Troys Hintergrundgesang getragen wird, hinein. Trotz der knapp sechs Minuten Spielzeit ist dieses instrumentale Werk keineswegs langweilig, da der Song zwangsläufig so weit ausholen muss, um eine derart dichte Atmosphäre zu erzeugen. Darüber hinaus ist "The Eyes of Sharbat Gula" das beste Beispiel dafür, welch ein Gewinn Troys Stimme für Nightwish ist, denn eine andere Stimme wäre hier fehl am Platze gewesen. Etwa in der Mitte setzt ein bewegender Kinderchor ein, der das eigentliche Thema des Songs vor dem inneren Auge erscheinen lässt - man sieht, so grausam es ist, Kinder in den Krieg ziehen. Und schließlich soll das Lied genau das zum Ausdruck bringen - immerhin hat sich Tuomas sogar an Lyrics zu diesem Thema versucht, ehe Troy dazu geraten hat, es bei einem Instrumental zu belassen. Man wollte also ausschließlich mit Klängen Bilder erzeugen, die davon künden, wie schrecklich es ist, wenn Kinder für sinnlosen Krieg missbraucht werden. Mission erfüllt!

Das große Finale, Tuomas' Opus magnum, wurde als ultimativer Nightwish-Track angekündigt. Und da hat man beileibe nicht zu viel versprochen! Das epische und ausladende "The Greatest Show On Earth" erstreckt sich über satte 24 Minuten (!) und ist dabei in jeder Sekunde so unglaublich episch, dass man dafür eigentlich keinerlei Worte finden kann. Trotz des extrem auf Fakten basierenden, wissenschaftlichen Themas der Evolutionstheorie kommt im gesamten Song eine sehr mystische Atmosphäre auf, da sich das Lied sowohl musikalisch als auch inhaltlich in Dimensionen abspielt, die für einen nicht wirklich greifbar sind. Schon allein zum Zweck der Übersichtlichkeit, aber auch, um die grundlegenden Unterschiede zwischen den Parts zu betonen, wurde "The Greatest Show On Earth" in fünf Abschnitte unterteilt: "Four Point Six", "Life", "The Toolmaker", "The Understanding" und "Sea-Worn Driftwood". Allein in den Parts "Life" und "The Toolmaker" wartet der Song mit zwei unnachahmlichen Refrains auf, denen man widerstandlos ausgeliefert ist und denen man sich nicht entziehen kann. Doch beginnen wir mit "Four Point Six", welches sich auf eine Zeitreise begibt und die ersten Sekunden auf unserem Planeten besingt: "Archaean horizon / The first sunrise / On a pristine gaea / Opus perfectum / Somewhere there, us sleeping". Wer Tuomas' bewegendes Pianospiel auf den letzten Longplayern in dieser Deutlichkeit vermisst hat, der erhält spätestens zu Beginn des ersten Abschnitts die Vollbedienung. Sobald es erklingt, könnte man wahrhaftig in die Knie gehen, und dabei klingt es fast so, als habe man es dem Klassik-Genre entnommen. Melancholische Celloklänge führen in den musikalisch wohl traurigsten Augenblick des Gesamtwerkes ein, doch zuvor meldet sich auch das Orchester mit all seiner Macht zurück. Ohne Frage erhebt einen schon "Four Point Six" in die höchsten Sphären, denn exakt an dieser Stelle setzt Floor zum einzigen Mal ihren Soprangesang ein - und wie! Ganz gleich, wie kurz diese göttliche Passage auch sein mag, sie könnte mit all ihrer Epik glatt aus einem anderen Universum stammen!

Doch es geht natürlich weiter im Text. "Life" hat nicht nur einen herausragenden Refrain, es besingt zudem die Entstehung des Lebens - was sollte man bei diesem Untertitel auch anderes erwarten? Unter den Klängen der magischen Uilleann Pipe von Troy kommt Professor Richard Dawkins ein weiteres Mal zu Wort: "After sleeping through a hundred million centuries we have finally opened our eyes on a sumptuous planet, sparkling with color, bountiful with life. Within decades we must close our eyes again. Isn't it a noble, an enlightened way of spending our brief time in the sun, to work at understanding the universe and how we have come to wake up in it?" Darauf folgt eine druckvolle Melange aus Pipes, Orchester und Gitarre, bis die sehr kühlen Strophen, die beinahe gesprochen werden, durchaus Eindruck schinden. Man könnte diesem betont monotonen Gesangsstil durchaus eine musikalische Bezugnahme auf die Wissenschaft oder gar das Sci-Fi-Genre unterstellen, doch das wäre zu weit hergeholt. Im Gegensatz dazu fällt die Bridge wieder hochmelodisch aus und den Refrain kann man ohnehin getrost als erhebendsten Moment des gesamten Albums bezeichnen, da er mit einer unvergleichlichen Power, die kombiniert mit der Eingängigkeit ein weiterer Beweis für das unvergleichliche Kompositionstalent von Tuomas ist, daherkommt. "The Toolmaker" dagegen beschäftigt sich mit dem Gebaren der menschlichen Rasse, deren Aufkommen natürlich auch ein Teil der Geschichte dieses Planeten ist: "Enter Ionia, the cradle of thought / The architecture of understanding / The human lust to feel so exceptional / To rule the earth". Der Refrain spielt dagegen darauf an, dass das Wissen der Menschheit begrenzt ist und auf ewig sein wird: "Man, he took his time in the sun / Had a dream to understand / A single grain of sand / He gave birth to poetry / But one day'll cease to be / Greet the last light of the library". Der Part kündigt sich mit hypnotischen Trommeln und dem eindringlichen Chorgesang an, aber auch Tiergeräusche (unter anderem von Affen) sind recht bald zu vernehmen. Natürlich sind die Tierrufe eine Neuerung im Nightwish-Kosmos, sie fügen sich aber exzellent in den Longtrack und vor allem in seine textliche Ausgestaltung ein. In den druckvollen Strophen, die sehr metallisch daherkommen, teilen sich Floor und Marco ihre Parts, und eben diese zählen ebenfalls zu den stärksten Momenten auf "Endless Forms Most Beautiful". Der Refrain erinnert ein wenig an "Wish I had an Angel", was natürlich auch dem Duett zwischen den beiden Gesangskünstlern geschuldet ist. Definitiv aber beweisen Nightwish hier abermals Weltklasse beim Erschaffen eines monumentalen Refrains. Marco und Tuomas steuern mit "The Toolmaker" einen dieser Augenblicke bei, die einem die Sprache verschlagen. Inmitten des Geschehens taucht sogar ein kurzer Techno-Beat auf, und allein das sollte Indiz genug dafür sein, dass es hier immer wieder neue Details zu entdecken gibt.

Nach etwa 17 Minuten beginnt dann Part 4, "The Understanding". Man lässt es nun merklich ruhiger angehen und punktet abermals mit einem herzerweichenden Piano und ebenso tieftraurigen wie anmutigen Flötenklängen. Was dann folgt, ist der eindrucksvollste und inspirierendste Moment von Richard Dawkins. Wer kann die Augen vor solchen Worten verschließen? Untermalt von instrumentalen Klängen der allerhöchsten Güteklasse spricht er folgende Sätze: "We are going to die, and that makes us the lucky ones. Most people are never going to die because they are never going to be born. The potential people who could have been here in my place but who will in fact never see the light of day outnumber the sand grains of Sahara. Certainly those unborn ghosts include greater poets than Keats, scientists greater than Newton. We know this because the set of possible people allowed by our DNA so massively exceeds the set of actual people. In the teeth of those stupefying odds it is you and I, in our ordinariness, that are here. We privileged few, who won the lottery of birth against all odds, how dare we whine at our inevitable return to that prior state from which the vast majority have never stirred?" Die letzten Momente dagegen gehören dem bombastischen Finale, "Sea-Worn Driftwood". Die Reise findet mit einem weiteren bewegenden Zitat von Dawkins, weitläufigen Soundscapes, mystischen Ambient-Klängen und weiteren Tiergeräuschen ihr Ende. Und wer kann dem mächtigen Klangbild eines in die Lüfte springenden Wales schon widerstehen? Die Macht dieser klanglichen Metapher ist mit Worten nicht zu beschreiben und ein kraftvoller Appell an uns alle, besser auf unsere Erde, unsere natürliche Lebensgrundlage, zu achten. Eine Aufforderung, der Natur endlich Gehör zu schenken, anstatt sie zu zerstören. Und eine Anregung an alle Kreationisten, endlich dem Faktum der Evolution ins Auge zu blicken... Was nun endet, ist eine musikalische Reise durch Äonen. Anspruchsvoller geht es wahrlich nicht, und Nightwish sind ihren eigenen Ansprüchen wahrlich gerecht geworden.

Was also lehrt uns "Endless Forms Most Beautiful"? Zuallererst natürlich, dass sich Nightwish selbst nach einem Meisterwerk wie "Imaginaerum" noch weiterentwickeln können. Dies liegt natürlich an den neuen Einflüssen durch die hinzugestoßenen Bandmitglieder, aber auch an dem unfassbaren Talent von Tuomas Holopainen, durchweg herausragende Songs zu schreiben. Floor Jansen eilt mit ihren Vocals von Höhepunkt zu Höhepunkt - und selbst jene, die den häufigen Einsatz ihrer sanften Facette beklagen, sollten einsehen, dass dies den Songs durchaus gut tut. Insgesamt ist der Sound bedeutend bandorientierter als auf dem Vorgänger, was aber nicht bedeutet, dass das London Philharmonic Orchestra keine große Rolle mehr spielt. Es ist offenkundig, dass das Album die Fangemeinde - ebenso wie alle vorherigen Werke - spaltet, doch hält mich genau das nicht davon ab, es als das beste Nightwish-Album überhaupt zu betrachten. Nightwish setzen sich mit "Endless Forms Most Beautiful" ein weiteres Denkmal und bearbeiten im Zuge dessen sogar noch ein ebenso wichtiges wie gehaltvolles Thema, nämlich das der Evolutionsbiologie. Wer früher dachte, Nightwish und Realismus würden nicht zusammenpassen, der irrte gewaltig - hier ist schlicht und ergreifend ein wissenschaftliches Monument in musikalischer Form entstanden.
Kommentar Kommentare (8) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 15, 2015 6:24 AM MEST


Elan
Elan
Preis: EUR 6,99

12 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Positive Energie: Nightwish fangen den Zauber von Wissenschaft und Natur ein!, 13. Februar 2015
Rezension bezieht sich auf: Elan (Audio CD)
Es ist schon mehr als drei Jahre her, dass sich NIGHTWISH mit "Imaginaerum", ihrem letzten Studioalbum, ein Denkmal gesetzt haben. Mit vor Bombast und Epik nur so strotzenden Songs wie etwa "Scaretale", "Song of Myself", "Turn Loose the Mermaids", "Storytime" und "Rest Calm" begeisterten sie nicht nur die eingeschworene Fangemeinde, sondern auch die internationale Presse. Wie nie zuvor orientierte sich die bekannteste Symphonic Metal-Band der Welt an der Filmmusik, was natürlich zu einer sehr vordergründigen Ochestrierung und großflächigen Soundscapes führte. Ein Jahr später beschritt die Band rund um Mastermind Tuomas Holopainen dann gänzlich neue Wege: Mit dem Film "Imaginaerum" wurde ein visuelles Meisterwerk auf die Kinoleinwände gezaubert, welches bis zum heutigen Tage die Herzen der Zuschauer berührt und trotz des eher geringen Budgets zahlreiche Glanzpunkte setzte. Nightwish begaben sich mit diesem Großprojekt aus Album und Spielfilm auf eine zauberhafte Reise, die selbstverständlich von einer ausufernden Welttournee gekrönt wurde. Inmitten der internationalen Konzertreise kam es dann zur einvernehmlichen Trennung von Ex-Sängerin Anette Olzon und zum Zugang der neuen Frontfrau Floor Jansen (ReVamp, ex-After Forever). Einige Monate später, unter anderem nach frenetisch umjubelten Auftritten auf dem Wacken Open Air und dem M'era Luna Festival, wurde die neue Chanteuse auch als permanentes Mitglied in die Band aufgenommen, ebenso wie Troy Donockley, der sich für die Uilleann Pipes, Low Whistles, Bodhran, Bouzouki und Background-Gesang verantwortlich zeigt. Während der ersten Arbeiten am kommenden Longplayer "Endless Forms Most Beautiful" kam es dann noch zum dramatischen, aber hoffentlich nur vorübergehenden Ausstieg von Drummer Jukka Nevalainen, der sich aufgrund von andauernder Schlaflosigkeit aus der Band verabschieden wollte und musste. Seinen Platz eingenommen hat Kai Hahto, der vor allem durch die Band Wintersun bekannt geworden sein dürfte.

Doch nicht nur in der Bandbesetzung beschreiten Nightwish völlig neue Pfade, auch die Inhalte verweisen mit der neuen Single "Élan" in eine völlig ungewohnte, weil für die Band neuartige Richtung. Anstatt sich einmal mehr der Phantastik und großen Gefühlen zu widmen, begeben sich Nightwish an die Ufer der Wissenschaft und der Natur. Es geht um den Sinn des Lebens, die Ursprünge der Menschheit und am allermeisten um die Evolutionstheorie - das Mitwirken des weltweit bekannten Evolutionsbiologen Richard Dawkins im Rahmen des kommenden Albums ist da nur folgerichtig. Einen ersten Eindruck von den trotz der wissenschaftlichen Prägung sehr gefühlvollen und philosophischen Lyrics gibt uns nun die Single "Élan", ein erster Vorgeschmack auf das neue Meisterwerk aus der Feder von Tuomas Holopainen...

Schon bei der Betrachtung des Cover-Artworks, welches auf dem edlen Digipak der Single prangt, wird eines klar: Nightwish begeben sich mit ihrem neuen Kunstwerk mitten in die Welt der Natur und Freiheit, der Sprung des Protagonisten von der Klippe ins Meer verbildlicht diesen unglaublich lebensbejahenden Ansatz ganz vortrefflich. Schon jetzt eines meiner liebsten Cover-Artworks, da es nur so vor Energie, Anmut und Erhabenheit strotzt und augenblicklich einen visuellen Eindruck von den Emotionen, die im Song auf den Hörer losgelassen werden, vermittelt. Auffällig und zugleich von einer unglaublichen Schönheit geprägt - besser hätte man die Single nicht in Szene setzen können.

Aber natürlich geht es vorrangig um die Musik, und diese geht mit der Album Version des Titeltracks "Élan" direkt in die Vollen. Das gesamtheitlich eher sanfte Stück wird von den zarten Klängen der Low Whistle eingeleitet, ehe auch der Rest der Band einsetzt und dafür sorgt, dass der instrumentale Einstieg in die erste Strophe übergeht. Generell ist "Élan" sehr deutlich von keltischen bzw. folkigen Einflüssen geprägt, die von Troy sehr lebendig in die Gesamtkomposition gewoben wurden und ein Highlight nach jedem Refrain darstellen. Neben Troy übernimmt natürlich auch Sängerin Floor eine mehr als dominante Rolle, was bei ihrer energischen und kraftvollen Stimme aber auch kein Wunder ist. Eben dieser Gesang fällt diesmal aber bedeutend weniger rockig aus, als man es von Floor gerade bei ihren anderen bzw. früheren Bands gewohnt war, eher wird er hier von einer engelsgleichen Wärme und Zartheit bestimmt, die sich erst im letzten Refrain vollkommen entlädt und zu einer gesanglichen Explosion führt. Was für ein Spannungsbogen! Stilistisch könnte man meinen, es handele sich bei "Élan" um eine Mischung aus den älteren Songs "Nemo", "I Want My Tears Back" und "Last of the Wilds", doch damit würde man diesem erfrischenden, unbekümmerten Song mehr als unrecht tun. Die Aufbruchstimmung, die dieses Lied verkörpert, ist in jeder Sekunde der fast fünf Minuten Spielzeit greifbar - es ist ein Aufbruch in eine neue Ära, der durch "Élan" in atemberaubender Manier in Klänge gefasst wurde. So vereint das Lied inhaltliche Tiefgründigkeit mit musikalischer Eingängigkeit, und genau das ist eine Gratwanderung, die nur wenigen Künstlern gelingt. Auf der einen Seite ist die Single-Auskopplung eine Komposition, der man umgehend anhört, dass sie aus Tuomas' Feder stammt, auf der anderen Seite wirkt sie erstaunlich frisch und unverbraucht, und vor allem der großartige Refrain verhilft dem Track zum Status "Meisterwerk".

Aber wir wollen ja auch die inhaltliche Komponente thematisieren, also die durchweg positiven Lyrics von "Élan". "Élan" feiert das Leben in vollsten Zügen, es ist ein frenetischer Lobgesang auf unser Dasein auf diesem wunderschönen Planeten namens Erde. Ab und an findet man als aufmerksamer Leser des Texts durchaus Verse vor, die der Denkweise des zuvor benannten Richard Dawkins entsprechen könnten, aber das sollte bei diesem inhaltlichen Konzept auch niemanden verwundern. Viel zu oft wird Dawkins als Prediger einer negativen Geisteshaltung und Mentalität bezeichnet - in diesem Song wird deutlich, welch positive und lebensbejahende Ansätze man diesem Denken abgewinnen kann! "Leave the sleep and let the springtime talk / In tongues from the time before man / Listen to a daffodil tell her tale / Let the guest in, walk out, be the first to greet the morn" - ein wahres Fest für all jene, die die Lebensqualität und die Natur als untrennbare Einheit betrachten! Angesichts dessen kann man natürlich auch die starre Religiosität vieler Menschen in Zweifel ziehen: "Come to life, open mind, have a laugh at the orthodox", besser könnte man es wahrlich nicht ausdrücken! Tuomas Holopainen wählt also auch für die Lyrics einen völlig neuen Ansatz - so melancholisch und tieftraurig ("Two for Tragedy") wie sie früher oft waren, so euphorisch sind sie heute! Wenn Nightwish mit dieser Single Elan beweisen wollten, dann haben sie diesen eindeutig unter Beweis gestellt...

"Sagan", der Bonus-Track der Single, welcher allerdings nicht auf dem Album erscheinen wird, erinnert schon eher an die alten Tage von Nightwish. Carl Sagan, ein bekannter US-amerikanischer Astronom, Astrophysiker und Exobiologe, inspirierte die Band zu diesem Ohrwurm, der eigentlich eine viel gewichtigere Rolle verdient hätte als die des Bonus-Tracks. In der Tradition von herausragenden Bonus-Tracks wie etwa "Escapist" ist hier einmal mehr ein klangliches Kleinod entstanden, welches wahrlich nicht zur Nebensache degradiert werden sollte. "Sagan" beginnt ebenso mit den sanften Klängen der Low Whistle, dazu gesellt sich diesmal aber Tuomas' Piano - und wer dieses schon mal vernommen hat, der weiß, dass nichts anderes seine Emotionen so klar und so direkt ausdrückt wie eben dieses. Aufgrund des im Vergleich zu den letzten Alben zurückgegangenen Bombasts übernehmen die Pianoklänge ohnehin eine deutlich wichtigere Rolle, was den Melodien in "Sagan" absolut zugute kommt und von den Fans sehr lange schmerzlich vermisst wurde. Während die Strophen ähnlich ruhig verlaufen wie in "Élan", schwingt sich der Refrain von "Sagan" zu einem ungeahnten Tempo auf. Letztlich fällt es dem Chorus sehr leicht, sich augenblicklich in den Gehörgängen festzusetzen, zu unausweichlich ist die Eingängigkeit dieses in atemberaubender Manier vorgetragenen Refrains. Kurz vor dem Finale liefern sich Flöte und E-Gitarre noch ein mitreißendes Duell, welches in den allerletzten Vortrag des mitreißenden und tanzbaren Refrains mündet. Textlich steht vor allem die Intelligenz im Mittelpunkt: "Entering the unknown / Sending all the poets to the stars / Daring to see beyond the manmade / Woe to you who evade the horizon" - bildreicher und lyrischer könnte man auch diese Thematik nicht in Worte fassen. "Sagan" ist im Vergleich zu "Élan" mit mindestens derselben Qualität gesegnet, und so handelt es sich bei diesem zauberhaften Kunstwerk um einen der besten Songs, der je von Nightwish veröffentlicht wurde. Großes Kino!

Mit der Alternative Version von "Élan" sorgt Petri Alanko, führender Verantwortlicher bei den Arbeiten am Soundtrack zum "Imaginaerum"-Film, für einen weiteren Glanzpunkt auf dieser für eine Single gut bestückten Veröffentlichung. Seine Interpretation des Songs zeigt gänzlich neue Perspektiven auf und unterscheidet sich elementar von der Album Version. In seinem alternativen Klanggebilde geht es weitaus düsterer und bedrohlicher zu als in der eigentlichen Fassung, er setzt auf eine hervorstechende orchestrale Untermalung und zeitweise sogar auf elektronische Beats. Letztlich kommt der Song dadurch um einiges pompöser daher als in der Originalversion, er verliert aber auch ein wenig an Energie. Darüber hinaus darf man sich durchaus fragen, inwiefern die etwas betrübtere Atmosphäre zur positiven Grundstimmung des Songs passt - abgesehen davon ist es aber hochinteressant, das Lied aus einer völlig anderen Perspektive zu erleben. Ohne Frage eine gelungene Version eines noch viel gelungeneren Songs! Der Radio Edit von "Élan", welcher die Single ausklingen lässt, ist eine abgespeckte Version des gleichen Liedes. Er büßt gegenüber dem Original knapp 50 Sekunden an wertvoller Spielzeit ein, was sich vor allem im hier fehlenden Whistle-Intro und im ebenso fehlenden Abschluss des Songs, der eigentlich von den sanften Tönen einer akustischen Gitarre beschlossen wird, niederschlägt. Verzichtbar, aber für so manchen Radiosender sicherlich ein Glücksfall!

Was also bleibt nun noch zu sagen, wo ich doch so ausführlich über meine erste Reise in die neuen Welten von Nightwish berichtet habe? "Élan" ist ein absolut überragender Vorgeschmack auf das Ende März erscheinende Album "Endless Forms Most Beautiful", und auch unabhängig vom Album sind die beiden maßgeblichen Tracks, also "Élan" und "Sagan", Lieder der allerhöchsten Güteklasse. Nightwish nehmen sich hier überaus tiefgründigen Themen an, ohne dabei die Eingängigkeit und Konzerttauglichkeit außer Acht zu lassen. Für mich haben sie sich selbst übertroffen und schon mit der Single ein Monument geschaffen, welches erahnen lässt, dass ihr bisheriges Schaffen, welches ohne Frage zum Besten in der Musikhistorie gehört, mit dem kommenden Longplayer übertroffen wird. Obgleich ich den Bombast von Alben wie "Once" oder "Imaginaerum" zu lieben gelernt habe, fällt mir die reduzierte Orchestrierung absolut positiv auf - für frischen Wind ist also gesorgt! Apropos frischer Find: Floor Jansen läuft schon auf der Single zur Hochform auf, wie umwerfend sollen ihre Vocals dann erst auf dem Album sein? Die Spannung wurde in meinem Fall mit Sicherheit ins Unermessliche getrieben. Schmeichelhafter könnte eine Ode an die Wissenschaft nicht ausfallen: Wer sonst soll es schaffen, mit Klängen auszudrücken, dass der realen Natur und all ihren Lebewesen der größte Zauber innewohnt? Manchmal muss man sich eben nicht in ferne Welten träumen, um Magie zu erleben - unser zauberhafter Planet und die Klänge von Nightwish sind der beste Beweis dafür.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 14, 2015 5:06 PM CET


Glenvore
Glenvore

0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Versunken im Märchenwald: Joran Elane erschafft auf Solopfaden ein paganes Monument!, 23. Dezember 2014
Rezension bezieht sich auf: Glenvore (MP3-Download)
Mehr als drei Jahre sind seit dem letzten Output der Dark Fantasy Folk-Band Elane vergangen, ehe Sängerin, Multiinstrumentalistin und Komponistin Joran Elane im Oktober dieses Jahres das Debütalbum ihres Soloprojektes, "Glenvore", veröffentlichte. Es ist allerdings durchaus angebracht, den Blick in die Vergangenheit zu richten, denn "Arcane - Music inspired by the Works of Kai Meyer" begeisterte damals beinahe alle Fans der populären Band, die sich mit ihren mystischen und verwunschenen Klängen eine ureigene Identität erschaffen hat und vor allem Wiedererkennungwert besitzt. Mit "Arcane" widmete man sich den Werken von Kai Meyer, einem der bundesweit bekanntesten Autoren der phantastischen Literatur - und was sollte besser vereint werden können als die zauberhafte Musik von Elane und die tiefgründigen, durchweg magischen Romane von Kai Meyer, die so viele Menschen in ihren Bann ziehen? Elane haben seinerzeit ohne Frage ihr Meisterstück abgeliefert und darüber hinaus für zeitlose Lieder wie etwa "My Ivory Fairy", "Magdalena", "Lurlinnight", "Deae Noctis" und "Goddess of the Night" gesorgt. Kreationen wie diese sind es, die die Hörerschaft aufhorchen lassen, wenn sich das Mastermind der Band auf Solopfade begibt - und wie die nun folgende Rezension beweist, bekommt die überaus talentierte Joran Elane eben diese Anerkennung zurecht. Niemand, der auch nur im Ansatz etwas mit zauberhaften Wesen wie Elfen, Hobbits und Zwergen, aber auch mit versierter, atmosphärischer Folk-Musik anfangen kann, sollte sich dieses Meisterwerk entgehen lassen! Entführen wir euch also in die fernen Welten von Glenvore und Cinnabar...

Die Produktion von "Glenvore" hat immerhin zwei Jahre eingenommen, so äußert sich Joran Elane im Interview mit "folknews.de" jedenfalls selbst. Es waren zwei Jahre, die das Land Glenvore wieder auferstehen lassen - glanzvoller und prächtiger als jemals zuvor! Um zu wissen, was Glenvore genau ist und von welcher Stimmung dieses Land, das immer wieder Bilder im Kopfe des Hörers entstehen lässt, erfüllt ist, muss man sich mit den Anfängen der Hauptband Elane befassen. Vor zehn Jahren - man darf also durchaus ein Jubiläum feiern - läuteten Elane den mystischen Reigen mit ihrem ersten Werk "The Fire of Glenvore" ein. Und schon damals wurde klar, wohin die Reise geht: Im Zentrum des Schaffens stehen verwunschene Wälder, erhabene Landschaften, kristallklare Flüsse und phantastische Gestalten. Auf diesen Wegen wandelt auch "Glenvore" - und allein aus diesem Grund könnte kein Albumtitel passender sein als eben jener, der die Welt dieser Kunst am eindringlichsten und direktesten beschreibt. Über eine Spielzeit von über 53 Minuten hinweg entfachen Joran Elane und ihr musikalischer Partner Anton von Schwaneck - auf den ich in den folgenden Absätzen noch ausführlich zu sprechen komme - ein wahres Feuerwerk der phantastischen und gefühlsbetonten Poesie, das zu jeder Zeit das Herz berührt.

Als Opener fungiert das gewaltige "Storm", welches nicht nur von Joran Elanes elfenhafter Stimme, sondern auch von Lady Mortes (Trobar de Morte) Künsten an der Drehleier profitiert. Das Stück wird von mystischen Gesängen eingeleitet, schon bald folgen allerdings zarte Flötenklänge, die einen förmlich in Trance versetzen. Natürlich setzt daraufhin die engelsgleiche Stimme von Joran Elane ein und nimmt uns augenblicklich in ferne Welten mit. Obgleich es sich bei "Storm" um einen vollwertigen Song handelt, hat die beschwörerische Atmosphäre im Zusammenspiel mit der Erhabenheit des Songs durchaus den Charakter eines Intros, was ihn zum perfekten Opener für das Gesamtkunstwerk macht. So beginnt "Glenvore" inhaltlich durchaus stürmisch, was fraglos auch dem Titel des dazugehörigen, ersten Songs entspricht, setzt sich aber ebenso emotional fort. "Storm" jedenfalls hat eine reinigende Wirkung auf den Hörer - ein Ansinnen, welches durch die Lyrics ganz offensichtlich wird: "Call the storm on a summer noon / The rain and the wind / May she clean the trees and soil / And our souls / And in the end let a fire arise / And in the end let a fire arise". So entzündet man in den Herzen der Hörerschaft wahrlich ein Feuer, denn schon der Beginn macht ungemeine Lust auf die darauffolgenden Minuten. Beeindruckend!

"Near by the Fireside", einer meiner absoluten Lieblingssongs vom Album, ist ein wunderschönes Duett zwischen Joran Elane und dem vorbezeichneten Anton von Schwaneck. Dieser bereist die Lande ansonsten mit seiner erfolgreichen Band "MinnePack" - seine Beteiligung am Soloprojekt von Joran Elane erweist sich allerdings als wahrer Gewinn! Warum? Selbstverständlich bereichert er das Hörvergnügen mit seinen Fähigkeiten an Doumbek, Bodhrán und Irish bouzouki. Aber das ist noch nicht alles, denn vor allem im zweiten Song präsentiert er uns auch noch seine ungeahnt schöne, einnehmende Stimme, die zu einem nie dagewesenen Duett der höchsten Güteklasse führt! Selbstredend ist Anton von Schwanecks stimmliche Beteiligung eine der größten Überraschungen dieser Veröffentlichung - die Qualität, die dadurch erzeugt wird, kann man sich aber auch auf möglichen Nachfolgern immer und immer wieder wünschen! Hier allerdings entwickelt sich ein wundervolles Zwiegespräch - oder eher ein Zwiegesang - zwischen der anmutigen Stimme von Joran Elane und der überaus sanften Stimme von Anton. Über den herausragenden Refrain, der nach den entzückenden Strophen folgt, wundert man sich angesichts der eingängigen Strophen schon fast - dann allerdings will er nicht mehr aus den Gehörgängen entschwinden! Als Aufforderung zum Feiern passt der Chorus wunderbar in das Gesamtkonzept der Lyrics, die eine gesellige Zusammenkunft von Menschen, Hobbits, Elfen und Zwergen beschreiben. Gegen Ende gesellt sich dann noch eine düstere Komponente hinzu, als Joran Elanes Flüstern einsetzt und den finalen Refrain einläutet. Die Marschroute, sich dem Weg der Magie und der Transzendenz vollends hingeben zu wollen, wird also konsequent fortgesetzt.

Mit "My Golden Land" geht es bedeutend ruhiger zu als im vorherigen, etwas beschwingteren "Near by the Fireside", und doch handelt es sich um einen der zentralen Songs des Albums. Sofort entfacht das Stück eine verträumte Stimmung, die sich gerade im fantastischen Refrain äußert. Musikalisch präsentiert sich "My Golden Land" wunderbar zurückgenommen und schlicht, was zum reinen und unverfälschten Charakter des Textes passt. Man muss sich lediglich darauf einlassen, von Joran Elane in ihr goldenes Land entführt zu werden, schon findet man sich in einer Welt wieder, in der die Unzulänglichkeiten und Missstände der Realität weit entfernt liegen... "Die Elfen des Waldes" dagegen ist der erste Song des Albums, der in deutscher Sprache verfasst wurde. Eine Zusammenfassung dieses zeitlosen Liedes zu verfassen, kommt im Grunde der Unmöglichkeit gleich, ich versuche es allerdings dennoch: Der perfekte Song für alle Liebhaber von Elfen und Elben! Wer sich so wie ich den zauberhaften Waldelben aus dem "Hobbit" verbunden fühlt, kommt hier definitiv auf seine Kosten, fühlt man sich doch umgehend in die Bücher von J.R.R. Tolkien oder auch in den aktuellen Film "Der Hobbit: Smaugs Einöde" versetzt. Hier denke ich vorrangig an den König der dort häufig präsenten Waldelben - Thranduil. Obwohl in der zweiten Strophe des Liedes kein König, sondern eine Königin, die alle Herzen erblühen lässt, besungen wird, erscheinen in meinen Gedanken immerzu Bilder des grimmigen, aber betörend schönen Elbenkönigs aus der Filmsaga. Letztlich ist "Die Elfen des Waldes" eine Ode an die Anmut der Waldelfen und an den ätherischen Glanz, den sie versprühen. Dem Refrain allein kann man schon endlose Schwärmereien zukommen lassen, so einnehmend ist seine Schönheit! All das führt dazu - ich gebe es gerne zu -, dass "Die Elfen des Waldes" mein absoluter Favorit aus der vorliegenden Tracklist ist. Mittelerde lässt grüßen!

"Quell aus Smaragd" - es geht also gleich mit einem weiteren deutschen Song weiter. Wie ein melodiöses Mantra erscheinen gleich zum Anbeginn die Strophen und erzählen dabei eine märchenhafte Geschichte. Im Gegensatz zu "Die Elfen des Waldes" ist "Quell aus Smaragd" sehr minimalistisch gehalten, wenn man die musikalische Komponente analysiert. Dadurch allerdings wird der zauberhafte Gesang in den Vordergrund gerückt, und auch für die tragenden Akustikgitarren gibt es genügend Raum. Richtet man seinen Fokus auf den Inhalt des Liedes, so wird einem mit jeder Sekunde klarer, dass es auf dieser Welt kein Stück geben könnte, welches die Einheit zwischen Mensch und Natur besser beschreibt. Es geht schlicht und ergreifend darum, Eins mit der natürlichen Umgebung zu werden, und so dienen Orte wie der Birkenhain, ein Berg und ein Bach als perfekte Schauplätze des Geschehens. Zur Abwechslung, auch wenn man diese aufgrund der hervorragenden Unterhaltung gar nicht benötigen würde, gibt es mit "Into the Vale" mal wieder einen Song in englischer Sprache auf die bezauberten Ohren. Schon die Strophen können in diesem Fall getrost als Ohrwurm bezeichnet werden, die Bridge allerdings gehört zum Prächtigsten, was ich in der Musikhistorie jemals gehört habe. Was aber passiert, wenn der Schleier der Träume gelüftet wird? Diese Frage muss sich ein jeder selbst beantworten, denn auch dieser Text lässt viel Raum für Interpretationen.

Das darauffolgende "Tower by the Lake" klingt in klanglicher Hinsicht fast wie ein Traditional, doch stammt die Musik aus der Feder von Joran Elane, die Lyrics allerdings sind Anton von Schwaneck zuzuschreiben. Während Joran Elane die Strophen völlig allein meistert und das so beispielhaft tut, wie man es von ihr seit vielen Jahren gewohnt ist, verschmelzen die Vocals von ihr und Anton im Refrain förmlich miteinander. Hier werden definitiv massenhaft Gänsehaut-Momente beschert! Und natürlich - wie sollte es auch anders sein - führen die herzerweichenden Klänge zu Lyrics, die vom schönsten Gefühl der Liebe erzählen, aber auch vom Schmerz, den diese mit sich bringen kann. "Winter's Night" passt in der zeitlichen Einordnung hervorragend in die aktuelle Jahreszeit des Winters, und ist somit der beste Soundtrack in der Phase der behaglichen Rauhnächte und natürlich auch in der Weihnachtszeit. Ein wahrlich winterliches Lied, das vor dem inneren Auge umgehend Bilder von verschneiten Landschaften und vereisten Seen aufkommen lässt, und mit all der Eiseskälte selbstredend auch Melancholie - in seiner Intensität der ergreifendste Song des gesamten Werkes! Bei aller Melancholie verbleibt jedoch auch ein Hoffnungsschimmer in der kältesten Einöde: "When ev'rything's lost / In the darkest night / We seek a new trail / In the darkest light[...]".

An neunter Stelle zelebriert Joran Elane den beklemmendsten Song der CD, "I build myself a house". Die Bezeichnung "beklemmend" ist aber keineswegs einer negativen Sichtweise geschuldet, ganz im Gegenteil! Durch die Stimmung, die hier verbreitet wird, wird die Klangkulisse umso packender. Darüber hinaus ist "I build myself a house" ein Lied, in das sich viele Hörer hineinversetzen können sollten, da die hier heraufbeschworene Szenerie durchaus mit dem Seelenleben vieler Menschen kompatibel sein dürfte. Es geht zumindest aus meiner Sicht darum, zu sich selbst zu finden, indem man sich in seinem Inneren metaphorische Häuser baut, die einem auch in schwierigen Phasen des Lebens Halt geben und die die eigene Persönlichkeit vervollständigen. So beklemmend, wie der musikalische Part auch ist, umso hoffnungsvoller sind die Lyrics, denn letztlich steht die Zurückgewinnung von Licht, Liebe und Empfindsamkeit im Vordergrund! Definitiv die massivste Beteiligung der Spielmänner von MinnePack findet man in "Thron aus Rubin" vor - und das könnte für den Song profitabler nicht sein! "Thron aus Rubin" wird thematisch vom uralten Volke der Zwerge beherrscht, demnach liegen die Gedanken an Erebor und den Einsamen Berg nicht fern. Der König unter dem Berge begleitet uns imaginär über die gesamte Spielzeit des Liedes, wenngleich viel eher sein Thron und die Pracht der Hallen, die ihn umgeben, besungen wird. Trotz all der wertvollen Schätze aus Silber, Gold und Edelsteinen entsteht eine Aura der Einsamkeit, sobald man sich der Atmosphäre von "Thron aus Rubin" hingibt. Kein Wunder, wie auch der Text beweist: "Keine Seele hält hier Wacht / [...] / Die Könige sind längst vergang'n". Erwähnen sollte man vielleicht, dass "Thron aus Rubin" wohl das pompöseste und bombastischste Lied von "Glenvore" ist, angesichts der erhabenen Hallen des Königs ist das aber auch kein Wunder - hier kommt eben zusammen, was zusammen gehört. Warum sollte man eine epische Thematik nicht auch mit epischer Musik stützen dürfen? So passt die instrumentale Umsetzung natürlich zu den gewaltigen Hallen der Zwerge, die stimmliche Begleitung durch Flickenmantel (MinnePack) ist sogar unverzichtbar - ein Lied über die königlichen Hallen dieses stolzen Volkes kann nicht ohne Vocals auskommen, denen man die zwergische Herkunft abnimmt und die diese verkörpern. Abschließend weise ich gerne auf die Teile des Textes hin, die in Latein vorgetragen werden: "Aurum, argentum, flamma aeterna..." - Gold, Silber und die ewige Flamme also. Und diese wird ewig brennen, wenn es nur weiterhin solch majestätische Kompositionen gibt!

Der krönende Abschluss von "Glenvore" ist im Bonus-Track "Herr Tannhäuser" zu finden, der von Anton von Schwaneck sowohl komponiert als auch mit einem Text ausgestattet wurde. Optisch fallen die Lyrics sofort durch die besondere Aufteilung in mehrere Teile, die durch separate Überschriften kenntlich gemacht werden, auf. So beginnt der Text mit dem "Aufbruch vom Venusberg" - daraufhin folgen dann noch "Heimkehr", "Sängerwettstreit", "Rastlose Suche" und "Rückkehr zum Venusberg". Wenngleich die Erzählung anfangs ein wenig kryptisch erscheint und erst erschlossen werden muss, verliert der Hörer mit der Zeit sein Herz an eben diese, da er nach und nach klarer sieht, was den wirklichen Aufbau der Storyline angeht. So verlässt der männliche Protagonist seine Liebste, um in seine frühere Heimat zu kehren. Was ihn dort erwartet, lässt ihn jedoch nicht vor Freude erstrahlen... Nicht nur durch die wiederholte Kombination aus Joran Elanes und Anton von Schwanecks Stimme kommt im Verlauf des Songs eine erhabene, fast mittelalterliche Stimmung auf, die durch den Vortrag des Kunstbegriffes "Lanlonlandelonlan" abermals intensiviert wird - man könnte beinahe von Minne reden, wenn man diesen Klängen Gehör schenkt. In diesem Sinne ist "Herr Tannhäuser" ein betont ruhiger, aber besonders stimmungsvoller Abschluss eines monumentalen Werks, der sich als Outro nicht besser eignen könnte. Angenehmer kann man den Hörer nicht wieder in die Realität entlassen!

Eine solch perfektionistische Künstlerin wie Joran Elane hat verständlicherweise auch an den optischen Teil ihrer Veröffentlichung gedacht. So erscheint "Glenvore" im aufwändig gestalteten Digipak, das zugunsten des Naturschutzes allerdings nicht eingeschweißt wurde. Endlich mal ein Künstler, der seine in den Texten zur Schau gestellte Naturliebe auch in reale Taten ummünzt! Allein Tatsachen wie diese sollten dazu führen, dass Joran Elane viel großflächiger unterstützt wird. Das Cover besticht mit einem Photo von Joran selbst - wie immer eine Augenweide und neben der Musik ein weiterer Kaufgrund. Im Inneren des durchweg hellen Digipaks befindet sich obendrein auch noch ein ausführliches Booklet, welches alle Texte, zahlreiche Artworks von Joran Elane selbst und die üblichen Credits enthält. Des Weiteren entzückt das Booklet mit feenhaften Abbildungen von Joran Elane und Anton von Schwaneck, die hier maßgeblich in der Nähe eines einladenden Gewässers gezeigt werden. "My Golden Land" bekommt da eine ganz andere Bedeutung... Noch viel wichtiger sind allerdings die besagten Artworks, die absolut aufwändig gezeichnet wurden und die Inhalte der Songs visualisieren. Auch hier hat es die Künstlerin mehr als nur geschafft, die Bedeutung des Zusammenspiels aus Musik und Bild zu verstehen. Grandios!

Was also verheißt "Glenvore", der Start in Joran Elanes Solokarriere, letztlich? Es ist prinzipiell sehr einfach, ein Fazit zu diesem eindringlichen und anmutigen Meisterwerk zu ziehen. Rein stilistisch sind sich die Songs der Tracklist allesamt durchaus ähnlich, doch weisen sie durchweg ureigene Merkmale und prägnante Melodien auf, die sie voneiander abheben und unterscheiden. Ich habe in meiner Einleitung von den zeitlosen Songs auf "Arcane" geschrieben, diese Zeitlosigkeit übertrifft Joran Elane meiner Meinung nach noch mal - und das hätte man vorher kaum für möglich halten können! Nun aber ist eben das Realität geworden, und Songs wie "Die Elfen des Waldes" und "Near by the Fireside" verzaubern meine Gehörgänge und auch mein Herz selbst nach vielen Monaten noch immer. Wie soll man diese einzigartige Vereinigung aus musikalischen Perlen künftig noch übertreffen? Eigentlich eine rhetorische Frage, denn diese Künstlerin weiß selbst am besten, wie man bisher Dagewesenes übertrifft. In Zeiten, in denen der Realismus die Überhand gewinnt und die Phantasie zur plumpen Nebensache degradiert wird, ist ein solches Werk nicht nur notwendig, sondern lebensnotwendig. Mit "Glenvore" erhält der Paganismus jedenfalls ein neues Ventil, und diese Tatsache erfreut mich zutiefst. Überwältigend!


Per Aspera Ad Aspera-This Is Gothic Novel Rock
Per Aspera Ad Aspera-This Is Gothic Novel Rock
Preis: EUR 17,99

17 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen ASP breiten ihr Klangimperium vor uns aus und entführen erzählerisch in eine Welt der Schauergeschichten, 26. September 2014
Diese Rezension bezieht sich auf die 3CD-Fan-Edition:

Welche Band dieser Tage kann schon einen ähnlich ausführlichen, zugleich aber auch qualitativ herausragenden Backkatalog wie ASP vorweisen? Wenn mir die Discografien anderer Künstler so durch den Kopf gehen, dann komme ich immer wieder zum selben Schluss: Niemand kann ein so breit gefächertes Repertoire an abwechslungsreicher und gehaltvoller, gleichzeitig aber auch extrem eingängiger und tanzbarer Musik aufbieten! Ähnlich wie bei der mittlerweile ausverkauften Werkschau "Horror Vacui - The eeriest tales of ASP so far", welche im Jahr 2008 erschienen ist und somit schon einige Jahre auf dem Buckel hat, liefert das außergewöhnlichste Ensemble der Schwarzen Szene nun eine Anthologie mit dem intelligenten wie passenden Namen "Per aspera ad aspera - This is Gothic Novel Rock" ab. Ich möchte in dieser Rezension die wie immer im höchsten Maße aufwändig gestaltete Fan-Edition besprechen, obwohl es diese nur im ASP-Shop und auf den Konzerten der Band zum Erwerb geben wird - sie ist gemeinsam mit der 5LP-Vinyl-Box definitiv die luxuriöseste Ausgabe dieser ganz besonderen Veröffentlichung, und diesem Aufwand, der von der Band einmal mehr betrieben wurde, muss man auch gerecht werden. Die 3CD-Fan-Edition kommt mit gleich drei Discs daher, wobei die ersten beiden CDs als Best-Of-Part dieser Veröffentlichung fungieren und somit vor allem neue Fans in den Bann der aspschen Klangwelten ziehen sollen - der dritte Tonträger dagegen ist ein Geschenk an die langjährigen Fans.

Genug der grundsätzlichen Erläuterungen - die von zahlreichen Meisterwerken gepflasterte ASP-Historie kann von Worten einfach nicht angemessen wiedergegeben werden! Kümmern wir uns um die retrospektive Veröffentlichung, mit der ASP kurz vor ihrer in wenigen Tagen beginnenden Jubiläumstournee an den Start gehen! Fünfzehn Jahre ASP sind Grund genug, um auf das Vergangene zurückzublicken, um die Geschehnisse revue passieren zu lassen - nur um den Blick dann wieder nach vorn zu richten! "Per aspera ad aspera - This is Gothic Novel Rock" ist Ausdruck des Tatendrangs, der Mastermind Asp schon immer angetrieben hat. Der Titel der Werkschau wurde nicht nur vom gleichnamigen Song, sondern auch vom lateinischen Sprichwort "Per aspera ad astra" - "Durch das Raue zu den Sternen" - abgeleitet. Allerdings hat die von ASP ein wenig umformulierte Weisheit eine gänzlich andere Bedeutung, und diese lässt sich mit ein wenig Logik augenblicklich erschließen. Kein Sprichwort könnte besser zu ASP passen! Sieht man nun mal vom Titel ab und betrachtet das neue Werk der Band von außen, raubt es einem schlicht und ergreifend den Atem! Die limitierte Fan-Edition kommt mit einem etwa 18 x 18 cm großen Schuber daher, und dieser ist auch noch mit schwarzem Leinen kaschiert - als erstes springt jedoch das „Crystal Drop“-Element auf der Frontseite des Schubers ins Auge. Ein Blickfang, den ich im Musikbusiness so noch nicht zu Gesicht bekommen habe! Hier lediglich von einer Augenweide zu reden, wäre maßlos untertrieben, immerhin ist der aufwändige "Tintenklecks" das zentrale optische Element der Hülle. Der Schmetterling, wie man ihn nur im ASP-Kosmos kennt, prangt hier über allem und lockt den Betrachter auf direktem Wege in seine melancholische Welt. Atemberaubend! Darüber hinaus sollte man an dieser Stelle auch den innovativen Weg loben, den ASP hier auch in den Angelegenheiten des Designs wieder gehen. Kaum eine Band hat sich so häufig neu erfunden - nicht nur in musikalischer Hinsicht, sondern auch im Bezug auf die Artworks und die Gestaltung! Wenn man den Schuber dann entfernt, was übrigens mehr als leicht fällt, hält man auch schon das Hardcover-Buch in den Händen, welches die drei CDs beheimatet. Auf dem wunderschönen Buch ist natürlich das eigentliche Cover-Artwork, wie es auf der offiziellen Website der Band schon zuvor enthüllt wurde, zu sehen. So gewohnt man diese liebevollen Arbeiten mittlerweile ist, wenn es um neue ASP-Werke geht, so besonders bleiben sie - man sollte all den Aufwand nie als selbstverständlich erachten, denn das ist er in Zeiten von lieblosen Jewel-Cases mitnichten. Jene, die schon von den Äußerlichkeiten tief beeindruckt waren, sollten unbedingt in das Innere des Buches schauen, denn dort verbergen sich 33 (!) brandneue Zeichnungen des weltbekannten Künstlers Timo Wuerz, welcher schon seit dem Album "fremd" (wieder) mit ASP zusammenarbeitet. Zum Glück!

Als Opener der von Asp liebevoll und mit viel Bedacht zusammengestellten Compilation fungiert "Wechselbalg" - ein Stück, welches die Fans schon auf der gleichnamigen Single in den damals völlig neuen "Fremder"-Zyklus geleitete. Auch ich habe den rockigen, tanzbaren Song vom ersten Augenblick an nicht mehr aus dem Kopf bekommen, und dieser erfreuliche Zustand hält bis zum heutigen Tage an. So vortrefflich, wie der Song den "Fremder"-Zyklus einleitet und als Bindeglied zwischen den beiden ASP-Zyklen dient, so vortrefflich eignet er sich auch als Beginn dieser Tracklist. Sowohl langjährige Fans als auch neu hinzugewonnene Hörer werden sich von diesem Songjuwel, das überdies auch live ganz wunderbar funktioniert, umgehend gefangen nehmen lassen - und es ist das wohl erste Gefängnis, in dem man Behaglichkeit empfindet. Während die Strophen noch sehr gediegen und erzählerisch daherkommen, explodiert der Refrain mit seinen unwiderstehlichen Ohrwurm-Qualitäten völlig. Ein absoluter Kracher gleich zum Start!
Mit "Zaubererbruder", welches gemeinsam mit dem Subway to Sally-Frontmann Eric Fish eingesungen wurde, folgt ein Stück aus dem Krabat-Liederzyklus. Nicht nur auf dem ebenso betitelten Studioalbum "Zaubererbruder", sondern auch bei den Unplugged-Konzerten von Asps Von Zaubererbrüdern (dort allerdings im Duett mit Tossi!) euphorisiert es das Publikum seit vielen Jahren. Selbstredend liegt das an dem märchenhaften Text, welcher die Verbundenheit zwischen den zwei Lehrlingen in den Fängen des finsteren Meisters in Worte fasst, allerdings wird auch der epische Refrain mitsamt der beiden einzigartigen Stimmen von Asp und Eric Fish seinen Teil dazu beigetragen haben. An dritter Stelle wird es dann bedeutend düsterer und zuweilen auch beklemmend: "Die Löcher in der Menge" vom letztjährigen Studioalbum "Maskenhaft - Ein Versinken in elf Bildern" folgt sogleich. Inspiriert von den "Löchern in der Menge" aus der Arkadien-Reihe des Autoren Kai Meyer erwächst ein durchgängig rockiger Song, der sich weder in den Strophen noch im unnachahmlichen Refrain eine Pause gönnt. Was letztlich bleibt, ist eine packende Schauergeschichte, die den Hörer ergreift und in ihre Welt mitnimmt - und genau das wird auch durch die gelungene Zeichnung von Timo Wuerz ausgedrückt. In einer unübersichtlichen Menschenmenge sind hier ganz eindeutig die Löcher in der Menge zu sehen - und wehe dem, der ihre roten Augen nicht erkennt...

"Biotopia" dagegen ist mittlerweile ein zeitloser ASP-Klassiker, obwohl das Stück auch "erst" sieben Jahre alt ist - es stammt nämlich vom Epos "Requiembryo", dem Abschluss der Saga rund um den Schwarzen Schmetterling. Noch heute ist "Biotopia" einer meiner absoluten Lieblingssongs und ich freue mich sehr, diesen auf der aktuellen Retrospektive wiederzufinden - ein durchweg melodisches Lied, fast eine Ballade, welche von der unausweichlichen Einsamkeit eines jeden Individuums erzählt. Ein jeder erfriert einsam in der Schale seines Seins, so die Lyrics - und doch gibt es noch einen Hoffnungsschimmer am Horizont, denn man wartet noch immer "auf dich"... Das dazugehörige Kunstwerk von Timo Wuerz ist das wohl atemberaubendste des gesamten Buches, werden die Protagonisten hier doch jeweils einzeln auf einem eigenen Eiland "im endlosen Meer" dargestellt. Natürlich sind ihnen Stacheln gewachsen, denn die Distanz zwischen den Seelen scheint unüberbrückbar... Besser hätte man dieses musikalische Kleinod nicht visualisieren können!
Noch gesellschaftskritischer wird es mit "Ich bin ein wahrer Satan", welches in der etwas kürzeren Single-Version zu hören ist. Auch "Carpe noctem", vielleicht mein genreübergreifender Lieblingssong überhaupt, beschäftigt sich mit recht deutlicher Gesellschaftskritik, verbindet diese aber mit romantischen Elementen. Eine Gratwanderung, die hier - wie sollte es bei einem solch grandiosen Textdichter wie Asp auch anders sein - absolut perfekt gelingt! So fremd, wie uns die Welt mitsamt ihrer menschlichen Bewohner auch ist - es gibt immer noch die Möglichkeit, sein Paradies in der Zweisamkeit, in der Liebe, zu finden. Genau das drückt "Carpe noctem" mit sehr warmen Worten aus, wenngleich man auch den Bezug zur Zuflucht in der Schwarzen Szene herstellen kann, denn selbst wenn der Tag, an dem man sich der "Spezies Mensch doch zugehörig fühlt" niemals kommt, so bleibt einem immer noch die Nacht...

An siebter Stelle erklingt mit "Weichen[t]stellung" ein weiterer Song von der rebellischen "GeistErfahrer"-EP. Nach Asps eigenen Angaben handelt es sich dabei um einen der schönsten Refrains, die er je erdacht hat. Und ich kann da nur zustimmen! Während die Einleitung des Liedes ein wahres Brett ist, fallen die üblichen Bestandteile aus Strophen und Refrain weitaus melodischer aus. In den Strophen machen sich vor allem elektronische Beats breit, der definitiv zum Ohrwurm taugliche Refrain dagegen wird von den Gitarren getragen. Thema der Lyrics sind unter anderem, wie der Songtitel schon sagt, die Weichenstellungen im eigenen Leben, was auch die persönliche Entscheidungsfreiheit einschließt. Ein traumhaftes Lied, welches sich seinen festen Platz in jeder ASP-Setlist mehr als verdient hat! "Wer sonst?", ein eher hartes als zartes Duett mit In Extremo-Frontmann Micha Rhein, behält die gesellschaftskritischen Töne bei und ermuntert darüber hinaus dazu, die "Stimme im Sturm" zu sein. Ein weiterer Klassiker und All-Time-Favourite der Fans ist selbstverständlich "Stille der Nacht [Ein Weihnachtsmärchen]". Ganz so idyllisch, wie es der Titel erscheinen lassen mag, geht es inhaltlich zwar nicht zu, die musikalische Umsetzung aber strotzt nur so vor Harmonie und Melodien, die nicht mehr aus dem Gedächtnis entschwinden wollen. Kurz darauf können wir uns schon das zweite Stück aus dem "Zaubererbruder"-Zwischenalbum, nämlich "Denn ich bin der Meister", anhören. Die Macht des Meisters über seine Schüler wird hier so deutlich wie in sonst keinem anderen Song, und trotz dieser Thematik der Unterdrückung fallen die Klänge erstaunlich beschwingt und mitreißend aus.

Als nächstes begeistern uns ASP mit "Eisige Wirklichkeit" in der "Contra Uermes"-Version - auf den zweiten Blick wird sicherlich ein jeder die Veränderungen bemerken, die diese Fassung mit sich bringt. Da dieser durch harte Beats und einen donnernden Refrain geprägte Song nach seinem Erscheinen auf dem Album "fremd" von den Fans zur zweiten Single des Albums gewählt wurde, ist es mehr als logisch, dass er auch auf der Anthologie erscheint. "Wanderer" hingegen geht es bedeutend ruhiger an, handelt es sich doch um einen der gemächlichsten Songs des "Maskenhaft"-Albums. Die Zerrissenheit des Erzählers, dessen Weltbild in sich zusammenbricht, zerreißt auch den Hörer, und eben diese emotionale Darstellung wird auch neue Hörer, die erst durch die Anthologie zu ASP finden, einfangen. Habe ich zu Beginn dieser Rezension betont, wie gefühlvoll die ASP-Lyrics sind und dass gerade sie den Anstoß dazu geben können, seinen Emotionen freien Lauf zu lassen? "Wanderer" ist dafür das beste Beispiel, und dafür braucht es noch nicht einmal die wirklich schöne visuelle Aufbereitung, die einen Mann vor einem Labyrinth zeigt - Metaphern gibt es also nicht nur in der Lyrik, sondern auch in der Malerei!

Das in englischer Sprache vorgetragene "How far would you go? [The 6th of September]" passt nicht nur sehr gut in den aktuellen Release-Monat, sondern auch auf die Werkschau selbst. Ganz abgesehen davon, dass er neuen Hörern eine weitere Facette von ASP zeigt, weil er eben nicht auf Deutsch gesungen wird, handelt es sich um einen der kraftvollsten Songs der Schaffensgeschichte dieser einmaligen Band. Zwar ist "How far would you go?" tief im Schmetterlings-Zyklus verwurzelt, doch finden auch neu hinzugestoßene Hörer schnell Zugang zur Wucht dieses Stücks, welches mit seiner Kombination aus Elektronik- und Rockelementen einfach alles richtig macht. Und nun folgt ein Bonbon für die langjährigen Hörer, welche eigentlich alle Lieder der ersten beiden Discs bereits besitzen: "Schwarzer Schmetterling" in einer Live-Version von der letztjährigen "Maskenball"-Tournee. Noch viel dynamischer als auf dem Debütalbum "Hast du mich vermisst?" tritt der Song live in Erscheinung, und er ruft ohne Umschweife Bilder vom Schwarzen Schmetterling in uns hervor. Eingefleischte Fans bekommen eine bis dato unveröffentlichte Live-Aufnahme für ihre Sammlung, was sie sehr erfreuen dürfte. "Weißt du, wer ich bin?"... Der Abschluss der ersten CD in Form der "Stripped Down Piano Version" von "Rücken an Rücken" lässt dann alle Dämme brechen. An diesem Beispiel bemerkt man übrigens, wie viele Gedanken sich Asp beim Erstellen der Tracklist gemacht hat! Er wählte die genau richtige Version dieses Liedes aus, denn die zarten Pianoklänge im Zusammenspiel mit seinem sanften Gesang machen das ohnehin sehr leidvolle Stück zu einem wahren Herzensbrecher. Auch hier sollte das begleitende Bild von Timo Wuerz erwähnt werden - Mann und Frau stehen auf dem Schlachtfeld und kämpfen "Rücken an Rücken"...

Da wir den Abschluss der ersten Disc nun hinter uns haben, befassen wir uns näher mit der zweiten CD, die eine Fortsetzung des "Best Of"-Programms darstellt. Der zweite Tonträger wird von "Die Kreatur mit der stählernen Maske" eröffnet, welches uns nach dem "Augenaufschlag" auch den Beginn des Albums "Maskenhaft" versüßte. Demnach finden wir hier wieder einen mehr als passenden Opener vor, der uns in die beklemmende Welt des Maskentragens entführt. Donnernde Gitarrenriffs geleiten uns in die hypnotischen Strophen - und genau diese führen uns zu einem der mächtigsten Refrains, den ASP je zu bieten hatten. Es ist allerdings zu erwähnen, dass es sich bei der Version auf der Anthologie um eine etwas kürzere "Edit"-Variante des Liedes handelt, was dem Hörvergnügen aber keinen Abbruch tut.
"Sing Child" präsentiert uns dagegen ein völlig anderes Gesicht der Band. Da dieser Everblack ebenfalls auf dem sehr elektronischen Debütalbum der Band zu finden ist, geht es betont tanzbar zu - ein wahrer Tanzflächen-Killer! Nach knapp vier Minuten geht es auch schon weiter und mit "Werben" wird um neue Hörer geworben. Ally Storchs Geige veredelt auch die "Horror Vacui-Version" dieses aus der Discografie nicht mehr wegzudenkenden Songs und stellt ein zentrales Element dieses doch sehr folkigen Stückes dar. Hier braucht man definitiv keine Aufforderung mehr, um gefälligst das Tanzbein zu schwingen! Die eigentliche Tragik dieses Liedes wird dem Hörer allerdings erst bewusst, wenn er sich die Lyrics zu Gemüte führt oder das begleitende Bild im Buch anschaut - Unmengen an Ratten fliehen aus einer Stadt, die vom Geige spielenden (wie passend!) Tod heimgesucht wird.

"Reflexionen" - ebenso ein taufrisches Lied vom letzten Album - folgt auf dem Fuße, und zum dritten Male kann ich guten Gewissens mitteilen, dass es sich um einen meiner Lieblingssongs handelt. Ein wahrhaft elegisches Stück, durchaus auch einer der ruhigeren Momente auf der Anthologie, doch erwächst gerade daraus eine ganz besondere Stimmung, die über die gesamte Spieldauer des Liedes erhalten bleibt. Inhaltlich schlägt der Song in eine ähnliche Kerbe wie "Die Kreatur mit der stählernen Maske" - dies ist aber auch kein Wunder, immerhin gehören beide Lieder zum selben Handlungsstrang. Letztlich sind aber alle Versuche des Protagonisten, seine Maske zu zerstören, vergeblich, und zurück bleibt ein fassungsloser Hörer, der sich in diesem Song nicht selten selbst wiedererkannt haben wird.
Wenn ein Lied auf dieser Zusammenstellung NICHT fehlen durfte, dann ist es "Ich will brennen" - DER ASP-Hit schlechthin. Über alle Szenegrenzen hinaus ist der Titel selbst bei Personen bekannt, die ansonsten nichts mit den Klängen von ASP anfangen können. Logische Konsequenz dessen ist, dass "Ich will brennen" uns auch auf "Per aspera ad aspera" beglückt, und zwar in seiner gelungenen Neuaufnahme von der "Horror Vacui"-Werkschau. Das darauffolgende "Me" dürfte nicht nur aus dem einzigen ASP-Musikvideo, welches überall hohe Wellen geschlagen hat, bekannt sein. Einmal mehr treffen wir auf einen englischen Titel, diesmal vom Album "Aus der Tiefe". Mit seiner tiefen Grabesstimme entführt uns Asp in die Welt des Dunklen Turms - und nachdem wir diesen Song, der sowohl in seiner rockigen Variante als auch akustisch funktioniert, gehört haben, wollen wir diesem auch nicht mehr entfliehen. Etwas mehr Tempo dagegen nimmt "FremdkörPerson, erstens" auf, welches sich ebenso mit dem prägenden Thema des Fremdfühlens beschäftigt. Einige sprachliche Bilder im ansonsten sehr offensichtlichen Text intensivieren das Hörerlebnis, welches ansonsten vor allem von den druckvollen Gitarren und dem tiefen Bass aufgewertet wird. Das "Minnelied der Incubi", gemeinhin auch unter ":Duett" bekannt, stößt dann wieder in romantischere Gefilde vor und macht wie so manch anderes Stück Gebrauch von Allys Geige - ein Ohrenschmaus par excellence! Kenner werden das Geheimnis hinter den Lyrics schon längst kennen, aber auch Neulinge werden schnell dahinter kommen, wenn sie dem Duett nur andächtig genug lauschen. Durch die blutige Rose neben den Lyrics wird der Charakter des Liedes natürlich perfekt verbildlicht, besser hätte man es nicht lösen können.

Knapp neun Minuten nimmt die "Ballade von der Erweckung" ein, und damit handelt es sich bei dieser majestätischen Ballade um das längste Lied der neuen Werkschau - vor allem handelt es sich aber einmal mehr um einen meiner Favoriten und um einen wahren Schatz der Musikgeschichte. Inspiriert vom Traditional "Fünf Söhne" begeben sich ASP hier in himmlische Gefilde, welche nicht nur einmal für pure Gänsehaut sorgen. Nicht nur bei den Konzerten, sondern auch in der Studioaufnahme weckt der Song eine unstillbare Sehnsucht nach etwas nicht näher Definierbarem. Ein Künstler, der in seinen Hörern derartige Gefühle auslöst, muss einfach alles richtig gemacht haben! "Mein Herz erkennt dich immer", welches zusammen mit der wundervollen Elisabeth Pawelke (ex-Faun, Almara) eingesungen wurde, begibt sich auf ähnlich folkiges Terrain wie die vorherige "Ballade von der Erweckung". Das schönste Liebeslied, welches wohl jemals geschrieben wurde, vereint die ergreifende Stimme von Asp, welcher noch nie so ungemein sanft geklungen hat, mit der berauschenden Stimme von Lisa und dem virtuosen Geigenspiel von Ally Storch. Was dabei herauskommt, ist ein balladeskes Wunderwerk, das sich vor keinem anderen Stück verstecken muss. Wem hier nicht das Herz aufgeht, der hat gar keines! Genauso geht es mir übrigens bei der dazugehörigen Zeichnung, die uns die Kantorka, wie sie auf ihren geliebten Krabat in Form eines Rabens wartet und ihn schließlich empfängt, präsentiert.
"Krabat" fasst die Geschichte rund um Krabat - wie sollte es auch anders sein - inhaltlich zusammen und setzt dieses inhaltliche Ansinnen musikalisch betont treibend und tanzbar um, wenngleich auch hier das fragile Geigenspiel von Ally zu hören ist.

Das Finale der Compilation wird vom zur Abwechslung mal wieder gesellschaftskritischen "Schwarzes Blut" eingeläutet. In seiner Club-Version ist das Gewand des Songs noch wuchtiger, noch energetischer und noch flammender. Warum flammend? Weil jedem einzelnen Fan die Füße brennen werden, sobald er dieses Stück auch nur einmal live gehört hat! Letztlich ist "Schwarzes Blut" eine Ode an das Lebensgefühl der Schwarzen Szene, ein Ausdruck einer bewundernswerten Lebenseinstellung und vor allem ein direktes Statement der Band. Vorwärts! Abwärts! So soll es auch die nächsten fünfzehn Jahre sein.
Der erste Song der Band, welcher sich durch die Lande gefräst und zahllose Individuen begeistert hat, war sicherlich "Und wir tanzten [Ungeschickte Liebesbriefe]" - allein schon aufgrund dieser Tatsache ist das Lied nicht mehr wegzudenken. So verhält es sich auch auf "Per aspera ad aspera" - was wäre eine Best-Of ohne dieses Lied? Ohne dieses Lied, welches jeden Hörer mit Schmerz erfüllt und gleichzeitig ungemein viel Trost spendet? Mit "Kokon" sind wir auch schon beim vorletzten Stück der zweiten Disc angekommen - und wie beim vorletzten Lied der ersten Disc handelt es sich um eine neue Live-Aufnahme von der "Maskenball"-Tournee 2013. Die Fans kommen also auf ihre Kosten! Wenn ich die beiden Live-Mitschnitte schon mal miteinander vergleiche, dann muss ich auch konstatieren, dass "Kokon" live ebenso eine noch größere Kraft entfalten kann, obgleich schon die Albumversion vor Energie nur so strotzt. Das letzte Artwork, welches ich in dieser Rezension gesondert erwähnen will, bezieht sich auch auf "Kokon" - ein Embyro ist gefangen in einem Kokon, der an einem Ast hängt. Beschlossen wird die Best Of-Komponente von "Per aspera ad aspera", welches nicht nur aufgrund dessen, weil es der Titeltrack ist, ein krönender Abschluss ist. Der Song an sich ist ähnlich wie "Sündige Heilige" von der Bonus-CD eine Art Bandhymne, welche den Blick der Band auf ihren eigenen Weg in Worte fasst. Untermalt von unnachgiebigen Gitarrenriffs fügt sich hier ein Gesamtbild zusammen, welches nicht geeigneter sein könnte, um die Anthologie dieser Band zu betiteln. Welche Worte könnten besser zu ASP passen? Richtig, es lassen sich keine finden, denn Asp hat genau das mit dieser genialen Abwandlung des weltbekannten Sprichworts bereits getan.

Nach der Pflicht folgt die Kür, könnte man sagen: Die dritte Disc ist ein besonderer Leckerbissen für die langjährigen Fans und ausschließlich im Rahmen der Fan-Edition und der 5LP-Vinyl-Box zu bekommen. Da sage noch mal einer, ASP würden sich nicht um ihre Fans kümmern! Auf CD 3 tummeln sich rare und sogar neue Songs und Cover-Versionen geben sich mit weiteren Überraschungen die Klinke in die Hand. So beginnt der zauberhafte Reigen mit dem Cover "Man of Constant Sorrow", welches eigentlich ein amerikanisches Traditional ist. Aus genau diesem Grund erscheint die Melodieführung auch betont folkig, wenngleich die Instrumentierung eher mit Härte besticht. Unter dieser Gitarrenwand jedoch ertönt der elegische, sehnsüchtige Gesang von Asp, der es noch dazu geschafft hat, eine "kleine gesangliche Reminiszenz" (Zitat, siehe Facebook) an den ASP-Song "How far would you go?" einzubauen. Eine Wahnsinnsleistung! Die meisten Künstler vermögen es nicht, ein Lied mit verschiedenen Ebenen zu spicken, doch ASP haben in der Vergangenheit schon des Öfteren hörbare Erinnerungen an ältere Stücke eingeflochten. Mit dem vorab bereits erwähnten "Sündige Heilige" folgt eine Bandhymne, die die Hallen auf der kommenden Tournee und auch danach zum Überkochen bringen wird! Im ASP-typischen Stil und doch ganz frisch und unverbraucht rockt sich die Band durch diesen knapp viereinhalbminütigen Song, und es wäre untertrieben zu sagen, dass es sich dabei lediglich um einen Ohrwurm handelt! Nein, dieses Lied hat die Kraft von gleich zehn Ohrwürmern und ich weiß schon jetzt nicht, wie ich ihn jemals wieder aus dem Kopf kriegen soll! Will ich das überhaupt? Die Lyrics jedenfalls sind schonungslos und beschäftigen sich sowohl mit der Vergangenheit der Band als auch mit ihrer Gegenwart. Dabei machen sie auch Gebrauch von humorvollen Wortspielen - oder hat wer schon mal vom "unbunten Hund" gehört?

Darüber hinaus konnte Alex Storm, der nimmermüde und unglaublich fleißige Boss des ASP-Labels "Trisol Music", die finnische Band The 69 Eyes für eine Cover-Version des ASP-Klassikers "Sanctus | Benedictus" gewinnen - und dafür sollte man dem Mann die nächsten tausend Jahre lang auf Knien danken! Mit all ihrer Coolness und der tiefen Stimme von Sänger Jyrki 69, die obendrein auch noch wunderbar zum Song passt, haben die Eyes eine herrliche Eigeninterpretation eines herrlichen Songs gebastelt. Gebastelt hat auch Asp, nämlich eine englische Neuauflage des eigentlich deutschen Textes! Wenn man jemandem so etwas zutrauen kann, dann definitiv ihm. Das Ergebnis jedenfalls spricht Bände! "I Don't Wanna Be Me" (ein Type O Negative-Cover) hatte schon auf dem M'era Luna 2013 mitreißende Wirkung, und ganz getreu dem Wunsch unzähliger Fans haben ASP ihre eigene Version des Songs verewigt. Da ich auf dem letztjährigen M'era Luna ebenfalls anwesend war, haben mich die Gedanken an diesen Song bis heute umtrieben, und glücklicherweise hat die Band nun Abhilfe geschaffen. Danke dafür, der Track könnte nicht besser zu ASP passen!
Eine weitere Live-Version, diesmal allerdings von der "GeistErfahrer"-Tour 2012, folgt in Form von "ÜberHärte". Der vielleicht härteste Song der ASP-Historie geizt nicht mit deftigen Riffs und beweist sogar noch Humor, wenn das häufig belächelte Genre der "Neuen Deutschen Härte" in die Lyrics implementiert wird. Nichtsdestotrotz handelt es sich natürlich um ein tragisches Thema, welches dem Lied zugrunde liegt. Die Kälte der Welt und ihr Einfluss auf die immer mehr versteinernden Menschen sollte auf alle Fälle ein Thema sein, welches jeden einzelnen beschäftigt. Wie so oft versuchen ASP, die beinahe erstarrte Menschheit wachzurütteln, auch wenn alles verloren scheint... Musikalisch profitiert "ÜberHärte" von Lutz Demmlers Growls - und dass es diese in sich haben, hat er live schon häufig genug bewiesen!

Das zweite Projekt, in welchem Asp mitwirkt, schlägt eher leise Töne an: Asps Von Zaubererbrüdern. Und so hat sich das Ensemble der Zaubererbrüder- und schwestern gedacht, dass sich eine noch ruhigere, absolut folkige Version des epischen "Unverwandt" lohnen könnte. Und das tut sie zu 100%! War der Song schon in seinem Original von Allys Geige geprägt, kann er in seiner "Regentropfen-Fassung" auch noch mit einem Cello, Flöten, gegen Ende sehr dominanten Bagpipes und vielen weiteren Instrumenten aufwarten. Gänsehaut garantiert! Bleibt nur noch zu hoffen, dass sich das Akustik-Ensemble auch live an "Unverwandt" heranwagt - verdient hätte es diese überraschende Version allemal.
Die bisher noch ein wenig unbekanntere Kombo Spielbann - im letzten Jahr noch Support von ASP im Zuge ihrer Mäzenatentumult-Aktion - hat sich noch dazu aufgemacht, um ihre eigene Version des bewegenden "Schneefall in der Hölle" zu schaffen. Ergebnis dessen ist ein Duett der Liebenden, eigens für dieses Cover von Asp höchstselbst umgeschrieben und den beteiligten Sängern wie auf den Leib geschnitten. Entgegen aller Erwartungen, die ich nach dem Hören der Hörprobe zu diesem Cover hatte, ist es dann doch sehr schön geworden. Vor allem, weil Spielbann dem Stück gänzlich unerwartete Facetten entlocken konnten, was erst durch die Kombination aus weiblicher und männlicher Stimme ermöglicht wird.

Ebenso wenig meinem Geschmack entspricht die Stimme von Alexander Wesselsky, dem Sänger der NDH-Band Eisbrecher. An achter Position der Bonus-CD folgt nämlich deren Cover-Version von "Schwarzes Blut". Zwar hätten sich Eisbrecher ganz ihrem Genre entsprechend keinen besseren Song für ihr Vorhaben aussuchen können - "Schwarzes Blut" ist ganz grundsätzlich ja schon von einer gewissen Härte geprägt - allerdings sprechen mich sowohl die stimmliche als auch die musikalische Umsetzung überhaupt nicht an. Fans der Band und auch so einige ASP-Fans werden sicherlich vollauf begeistert sein, immerhin geben die Jungs von Eisbrecher ganz sicher alles, doch bleiben derartige Umsetzungen letztlich eine Geschmacksfrage.
Nun zum endgültigen Abschluss der Fan-Edition, hier muss ich allerdings ein wenig weiter ausholen. Habe ich vor wenigen Augenblicken noch von "großem Kino" geschwafelt? Wenn das Spielbann-Cover großes Kino ist, dann ist "Die vielen Jahre" das Paradies auf Erden. Gemeinsam mit Vincent Sorg hat sich Asp hier an einen Song gemacht, dem man sich schlicht und ergreifend nicht entziehen kann. Gänsehaut wird hier neu definiert! So kann ich vor diesem Konglomerat aus wehmütigem Text und herzzereißender Musik nur den imaginären Hut ziehen - diese Power-Ballade zieht ihre ungemeine Kraft aus mehreren bestimmenden Faktoren. Wenn im Refrain Asps Stimme einsetzt und die höchsten Höhen der Sangeskunst erklimmt, wird einem der Boden unter den Füßen hinfortgerissen und es scheint, als falle tonnenschweres Blei auf das eigene, viel zu schwache Herz hinab... Ich bin sprachlos.

Wie es bei ASP-Veröffentlichungen - es ist immerhin seit Jahren meine absolute Lieblingsband - üblich ist, fällt ein zusammenfassendes Fazit nicht schwer. "Per aspera ad aspera - This is Gothic Novel Rock" ist ein Pflichtkauf für alle Fans und jene, die es werden wollen! Die unvergleichliche Schaffensgeschichte der Band wird auf den ersten beiden Tonträgern pünktlich zum fünfzehnjährigen Bestehen gefeiert, während die Bonus-CD ein ganz besonderer Leckerbissen für alle ASP-Süchtigen ist. Wenn der geneigte Hörer sich mal vor Augen führt, wie viel Unglaubliches die Band in den letzten Jahren geleistet hat, dann erschlägt es ihn förmlich, allerdings im positivsten aller Sinne. Diese Rezension ist ganz eindeutig der Bericht eines eingefleischten Fans, Kritik an dieser unfehlbaren Band braucht also niemand zu erwarten - zumal es nicht mal einen einzigen Anlass zu eben dieser gibt! Rezensenten, die nun also wieder unreflektiert nörgeln, kann ganz schnell der Wind aus den Segeln genommen werden. Ein jeder, der sich die brandneue Anthologie kauft, wird von ihrer Perfektion ein Lied singen können! Und schon wäre jedes Gemecker dahin. "Per aspera ad aspera" ist ein weiterer Meilenstein der ASP-Historie und wird ganz gewiss unzähligen Menschen beweisen, welch unermessliche Kreativität dieses Ensemble an den Tag legen kann! Definitiv: "This is Gothic Novel Rock!" Aber vom Feinsten.


Luna
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Preis: EUR 13,99

9 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen LUNA: Märchenhaftes Refugium für Mondsüchtige und alle, die es werden wollen - Faun besinnen sich auf ihre Wurzeln!, 5. September 2014
Rezension bezieht sich auf: Luna (Audio CD)
Mittlerweile haben die Faune schon 15 Jahre auf dem Buckel - es scheint, als seien Äonen vergangen, seitdem Oliver s.Tyr, Birgit Muggenthaler (heute Schandmaul) und Werner Schwab die Band gegründet haben. Faun sind ohne Frage die Mitbegründer des Pagan Folk - eines Genres, welches den Glauben an eine beseelte Natur und den Respekt vor den Bewohnern eben dieser in den Mittelpunkt stellt. Für mich persönlich sind die Faune etwas ganz Besonderes, dies möchte ich schon zu Beginn dieser Rezension festhalten - seit vielen Jahren begleiten, inspirieren und verzaubern sie mich. Ganz gleich, ob auf Konzerten oder auf ihren zahlreichen Alben, die magischer nicht sein könnten, Faun und die Ideale, die durch die Band vorgelebt werden, sind für mich einer der wichtigsten Bestandteile des Lebens, daher bitte ich um etwas Nachsicht ob der emotionalen Betrachtung des neuen Albums "Luna".

Die Bandbesetzung ist gegenwärtig eine völlig andere als in den Gründungstagen der Band: Neben Mastermind Oliver s.Tyr (Gesang, Bouzouki, Nyckelharpa, keltische Harfe, Saz, Contrabasharpa und Maultrommel) bestehen die Faune aus der bezaubernden Multiinstrumentalistin Fiona Rüggeberg (Gesang, Flöte, Chalumeaux, Dudelsack, Rebap, Hackbrett), der seit dem letzten Album dazugestoßenen Katja Moslehner (Gesang), Rüdiger Maul (Drums, Percussion), Niel Mitra (Sampler, Synthesizer, Beats) und Stephan Groth (Gesang, Drehleier, Cister, Flöte). Zahlreiche Meisterwerke wie das melancholische "Totem" (2007), das farbenfrohe und vielfältige "Eden" (2011), "Renaissance" (2005) und "Buch der Balladen" (2009) begeistern die treuen Fans noch heute und gelten noch immer als Referenz im Folk-Genre, was nicht nur mit der mal schwelgerischen, mal tanzbaren Musik, sondern auch mit den zumeist aus der Feder von Oliver s.Tyr stammenden Lyrics zu erklären ist. Das letzte Album "Von den Elben" stellte eindeutig einen Umbruch im Lager der Faune dar, war es doch untrennbar mit dem Wechsel zum Major-Label "Universal" und zum Produzententeam von "Valicon" verbunden. Vielen Hörern sagte der stilistische Wandel und die Beteiligerung Dritter am Kompositionsprozess nicht zu, wenngleich auch "Von den Elben" einige Lichtblicke inmitten des glanzpolierten Einstiegs in die Welt der großen Plattenfirmen zu bieten hatte. Nichtsdestotrotz muss auch ich zugeben, dass "Von den Elben" mit der Ausnahme weniger Stücke nicht meinem Geschmack entsprach, weshalb ich die Entwicklung der Faune nun noch viel gespannter verfolge. Während Lieder wie der großteils vom Album "Licht" bekannte Tanz "Andro II", "Wenn wir uns wiedersehen" und "Thymian & Rosmarin" durchaus für Hoffnung sorgten, schlugen Songs nach dem Beispiel von "Bring mich nach Haus", "Wilde Rose" und "Tanz mit mir" ein negatives Kapitel auf.

Trotz allem haben die Faune sich und ihre Ideale niemals aufgegeben: Wer die akustische Konzertreise nach der Veröffentlichung von "Von den Elben" besucht hat, der hat die Faune in ihrer gewohnten Spielfreude und mit all dem Zauber, der sie umgibt, gesehen. Auch die darauffolgenden Konzerte auf verschiedensten Mittelaltermärkten und auf der "Von den Elben"-Tour haben bewiesen, dass die Faune den von ihnen schon vor vielen Jahren eingeschlagenen Pfad nie verlassen haben. Die Faune stehen wie kaum jemand sonst für ihre Visionen, ihre Ideale und ihre musikalische Ausrichtung, was man den handelnden Personen auch anmerkt. Wer die Faune kennt, der wird mir da ganz sicher zustimmen - das alte Lebensgefühl ist noch immer da! Anderthalb Jahre nach Release des umstrittenen Vorgängers erscheint nun endlich "Luna" - nach Aussage der Band ein musikalisches Werk, das von den Mythen des Mondes erzählt. Welch glanzvolle Umschreibung! Die ersten Bilder vor dem inneren Auge künden von etwas Großem, der silbrige Mondschein des Erdbegleiters bleibt seit der Ankündigung allgegenwärtig. In den letzten Wochen wurden dann auch die Hörproben zu "Luna" veröffentlicht, welche auf ein geteiltes Echo der Fangemeinde gestoßen sind. Während ein Teil der Hörer schon anhand der Hörproben erkennen konnte, dass die Faune zu ihren Wurzeln zurückgefunden haben und wieder höchste Qualität abliefern, beschränkte sich der andere Teil auf die ewigen "Schlager!"-Rufe. Da stellt sich dem, der noch gesunde Ohren hat, doch die Frage: Was bitte haben die Faune auf ihrem aktuellen Werk mit dem zu recht verpönten Schlager-Genre zu tun? Richtig, nichts. Bereits die Snippets haben alle Hoffnungen erfüllt, man konnte die sehnlichst vermissten Instrumentalparts wieder hören, überaus lyrische Texte und Kompositionen, die ergreifender nicht sein könnten. Doch was bleibt davon, wenn man sich das Gesamtwerk vor Augen (bzw. vor die Ohren) führt? Genau das möchte ich in der folgenden, doch sehr ausführlichen Rezension, beleuchten.

Allein optisch wirkt die Aufmachung der "Deluxe Edition" betörend. Die limitierte Ausgabe bietet definitiv eines der schönsten Cover der Faun-Historie, immerhin prangt ein Abbild des Mondes auf tiefblauem Hintergrund, umgeben von einer umwerfenden Silberprägung. Unbedingt zugreifen, solange die Möglichkeit noch besteht! Schöner kann man ein Album kaum gestalten, und der Mond als zentrales Thema des musikalischen Werks ist als Cover-Motiv ja auch mehr als passend. Sobald man den Schuber mit dem silbrig schimmernden Cover dann entfernt, hält man auch schon ein ebenso luxuriöses Digipak in Händen. Auf diesem ist das eigentliche Cover der Standard-Ausgabe zu sehen: Die Mondgöttin höchstselbst begrüßt den geneigten Hörer und entführt ihn in ihre zauberhafte Welt. An dieser Stelle wird sofort ein weiterer inhaltlicher Aspekt des Albums deutlich, der durch die grafische Darstellung visualisiert wird: Es geht um den Kontrast des weiblichen Mondes gegenüber der männlichen Sonne, welche für Tatendrang, Realismus und Materialismus steht. Der weibliche Mond dagegen rückt die Gefühle, die Intuition und die Träume in den Vordergrund - Aspekte, die in der schnelllebigen Gesellschaft der heutigen Zeit fast vergessen zu sein scheinen. Die Faune dagegen nehmen sich dieser Thematik an und drücken schon mit dem Cover-Artwork aus, wohin die Reise gehen soll. Nachtschwarze und dunkelblaue Farbtöne zeichnen ein Bild von Mystik und Andersweltlichkeit. Göttinnenverehrung als spiritueller Mittelpunkt des Albums ist ganz eindeutig erkennbar, womit auch der spirituelle bzw. pagane Teil der faunischen Philosophie Zuwendung bekommt. Ein besseres Gesicht könnte man "Luna" nicht geben!

Grundsätzlich befassen sich die Faune auf "Luna" mit den verschiedensten Facetten der Nacht. Weder Mystizismus, noch Spiritualität, Melancholie oder Heiterkeit kommen zu kurz, sodass sich im Laufe der Tracklist ein absolut stimmiges Gesamtbild erschließt. Letztlich ist "Luna" auch ein Appell an jene, die in ihrem Alltag gefangen sind und im Wahne des Realismus völlig außer Acht lassen, dass es auch Raum für Mystik, Phantasie, Glaube und magische Momente geben muss, sofern man sich in der Realität nicht vollkommen verlieren will. So sehr die Lyrics auf "Luna" auch eine Einheit bilden, man könnte das Werk auch ein Konzeptalbum nennen, so sehr unterscheidet sich die musikalische Ausgestaltung von Song zu Song. Vielfalt und Ideenreichtum wird hier groß geschrieben!

Als Intro fungiert der "Luna Prolog" - ein knapp einminütiges Stück, welches für sphärische Stimmung sorgt und den Hörer umgehend in die Welten der Nacht befördert. So manches Mal sind im Hintergrund leise Gesänge zu vernehmen, doch insgesamt kann man das Stück doch als instrumentale Einleitung in das Album verstehen. Der gleißende Mondschein macht sich jedenfalls umgehend in den Gedanken des Zuhörers breit und verlässt diese noch nicht einmal mehr, sobald das Album abgeschlossen ist.
Mit "Walpurgisnacht" haben die Faune als eigentlichen Opener einen ungemein tanzbaren Song auserkoren, der auch als Vorlage für das dazugehörige Musikvideo dient. Apropos Video: Die "Walpurgisnacht" zeigt sich im Video auch optisch gesehen von ihrer besten Seite! Wie kein anderer verstehen es die Faune, die Impressionen zur "Walpurgisnacht" zu liefern und einen unwiderstehlichen Feuerreigen zu zaubern. Kostüme wie nicht von dieser Welt, eine bestens aufgelegte Band und ein durchaus interessanter Handlungsstrang machen das Video zu diesem Song zu etwas ganz Außergewöhnlichem! Unbedingt ansehen!
Auf akustischer Ebene ist "Walpurgisnacht" einfach als perfekte Wahl für den ersten Song zu betrachten, drückt er doch die positiven Seiten dieser magischen Nacht mehr als leidenschaftlich aus. Das Fest, auch Beltane genannt, nimmt den Hörer in ferne Welten mit - in eine Nacht, in der die Grenzen zwischen unserer Welt und der Anderswelt verschwimmen. Auch aus meiner Sicht ist es essentiell, die Walpurgisnacht aus absolut heiterer und positiver Sicht zu besingen, was den Faunen in ihrem dazugehörigen Lied auf alle Fälle gelungen ist. Atemberaubend sind auch die zahlreichen Instrumentalparts inmitten des Songs, welche einer schwedischen Polska nachempfunden sind. Und das soll Mainstream sein? Mitnichten!

"Buntes Volk" beschert uns an dritter Stelle ein Duett mit Michael Rhein von In Extremo. Während Fiona mit ihrer wundervollen Stimme ein unbedarftes Mädchen, welches dem Zauber der Freiheit erliegt und sich dem Leben der fahrenden Spielleute anschließt, verkörpert, schlüpft Michael Rhein in die Rolle des freiheitsliebenden Spielmannes. Dabei muss er allerdings gar nicht in eine Rolle schlüpfen, denn durch seine Tätigkeit als Sänger von In Extremo ist er sowieso ungemein geeignet für diesen Part als raubeiniger Barde. Der gesamte Text dient in diesem Sinne als Symbol für die Freiheit und Unbekümmertheit, wobei es mit "verehrt und angespien" auch das Motto von In Extremo in die Verse geschafft hat. Das aber nur als Randbemerkung. Musikalisch geht es absolut eingängig zu, wobei die instrumentalen Dudelsack- und Drehleierparts nach dem Refrain sehr viel Abwechslung bringen und zugleich ungemein tanzbar sind! Ich muss zugeben, dass In Extremo mittlerweile nicht mehr so wirklich meine Baustelle sind, nachdem ich unter anderem durch sie zur mittelalterlich geprägten Musik gefunden habe. Leider liegt mir Mittelalterrock im weitesten Sinne aktuell eher fern, zumal ich mit der rauen Stimme des Frontmannes nicht allzu viel anfangen kann. In "Buntes Volk" aber erfüllt Michael Rhein seinen Part mehr als vortrefflich und trägt dazu bei, dass ein eingängiges Stück geschaffen wurde, welches durch seine Eingängigkeit mit Sicherheit auch Türen öffnen wird, was die breite Masse angeht. Mit Sicherheit nicht der beste Song auf "Luna", doch ganz bestimmt ein hörenswerter Teil der Musikhistorie!

Kurz darauf folgt mit dem "Menuett" das wohl romantischste Lied auf dem neuen Album der Faune. Die Lyrics sind eine Bearbeitung eines Gedichtes von William Butler Yeats, welcher von 1865 bis 1939 lebte. So berichtet der Text von der andersweltlichen Erfahrung eines jungen Mädchens, dessen ganzes Leben sich nach einem verhängnisvollen Augenblick verändert. Sie trifft auf einen Jüngling aus der Anderswelt und verfällt ihm und seiner unvergleichlichen Schönheit. Wie das Schicksal es will, verschwindet der Gute und zurück bleibt ein Mädchen, welches dazu verdammt ist, nur mit einem einzigen Ziel durch die Welt zu wandeln - sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die goldenen Äpfel der Sonne und die silbernen Äpfel des Mondes zu finden, um den Angebeteten wiedersehen zu können. Die Mythen des alten England bringen Äpfel mit Avalon, der Insel der Äpfel, in Verbindung. So könnten die Äpfel dazu dienen, eine Verbindung zur Anderswelt zu schaffen, um den Jüngling endlich wieder in die Arme schließen zu können...
Die Klangkulisse erweist sich ebenso wie der Text als kristallklare Perle des Albums und als wahrhaftiges Kleinod. Ruhig geht es zu, zumeist verträumt und schwelgerisch, dabei aber auch immer anmutig und zauberhaft. Wenn man einen Song mit derartigen Attributen beschreiben kann, dann haben die Komponisten ganz gewiss alles richtig gemacht!

An Stelle fünf verzaubern uns die Faune mit "Hekate", einem meiner absoluten Favoriten von "Luna" und einem der besten Stücke der Bandgeschichte! Die Faune spielen sich hier im Angesicht des unglaublich emotionalen und spirituellen Textes in einen unwirklichen Rausch, der ganz sicher für tranceartige Zustände bei jenen Hörern, die sich diesem Meisterwerk vollkommen ergeben, sorgen wird. Das Lied ist eine träumerische Ode an Hekate, die Göttin der Magie und die Wächterin der Tore zwischen den Welten. Eine Liebeserklärung an die magische Göttin, welche dem Protagonisten nicht nur Halt gibt, sondern ihm auch all seine Träume beschert. Klanglich gesehen geht es hier mehr als bombastisch zu: Während die gediegenen Strophen noch von Olivers sanfter, einfühlsamer Stimme getragen werden, überrascht im Refrain ein pompöser Chor, der an Dramatik nicht zu überbieten ist und dafür sorgt, dass die Welt in diesem Moment still steht. Mehr als erwähnenswert ist auch das Artwork, welches die weltbekannte Zeichnerin Victoria Frances zum Song "Hekate" gezaubert hat - ein düsteres Kunstwerk, welches den Hörer beim Genuss der Klänge in schier atemberaubender Manier begleitet.

In "Blaue Stunde" folgt Stephans erste wirkliche Gesangsbeteiligung an vorderster Front, was Studioaufnahmen der Faune angeht. Sein Gesang kommt sehr klar, hell und ästhetisch daher, was wunderbar zur inhaltlichen Grundlage der Lyrics passt. Diese erzählen nämlich von einem Jüngling, welcher in der titelgebenden blauen Stunde kurz vor Anbruch der Nacht einer feenhaften Schönheit begegnet und ihr daraufhin verfällt. Sein Geist kann daraufhin nicht mehr zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden, was die Geschichte zu einer Erzählung der leidvollen Art macht. Nichtsdestotrotz begeistert mich die Tragik dieses Textes ungemein und sie berührt mich darüber hinaus tief im Herzen. Ferner sollte man erwähnen, dass kurz vor dem finalen Refrain ein wahnsinniges Solo von Stephans Drehleier einsetzt, welches gemeinsam mit Niels druckvollen Beats eine wunderbare Einheit bildet und das Lied zum Pflichtprogramm für alle künftigen Konzerte macht! "Cuncti Simus" nennt sich der darauffolgende Mariengesang, welcher langjährigen Begleitern der Band schon von zahlreichen Konzerten bekannt sein dürfte. In lateinischer Sprache wird der Archetyp der Muttergöttin besungen. Und wie! Sonja Drakulich, auf deren hervorragende Band Stellamara ich nur zu gern hinweise, verleiht dem Lied ihre atemberaubende Stimme, und im Mittelteil des Songs erreicht ihre Stimme ungeahnte Höhen. Zum Niederknien!

"Hörst du die Trommeln" dagegen unterscheidet sich in seiner Stilistik arg vom vorangegangenen Stück. Es ist definitiv eines der eingängigsten Stücke des Albums, und doch beschert es vor allem in seinem Refrain elegische Momente, die an allen Ecken und Enden Magie versprühen. Passend zum Titel wird der Song beinahe durchgängig von hämmernden Trommelschlägen begleitet, was ihm ein gehöriges Maß an Wucht und Energie verleiht. Auffällig ist natürlich auch die verzerrte Stimme von Oliver s.Tyr, welche für Faun-Verhältnisse absolut innovativ und für langjährige Fans durchaus überraschend ist, doch passt sich dieser technische Eingriff den Gegebenheiten des Songs mehr als dienlich an. Muss ich den Refrain wirklich nochmal loben? "Hörst du die Trommeln" beinhaltet fraglos einen der besten Refrains der Faun-Historie, und er hämmert so wie seine Trommelschläge permanent in meinen Gehörgängen! Ohrwurm? Auf jeden Fall!
Und der Text erst! Wer danach noch immer keine Lust verspürt, im Mondlicht zu tanzen, dem kann auch nicht mehr weitergeholfen werden! Ganz konkret geht es um das Ausleben der persönlichen Leidenschaften und Träumereien, welche in der Vergangenheit häufig mit Schuld beladen wurden. Daher ist der Song auch ein Sinnbild für die Komponente der Freiheit, für die Anziehungskraft der Nacht.

Nach den mystischen, dunklen Momenten in "Hörst du die Trommeln" setzen die Faune "Luna" in "Die wilde Jagd" betont heiter fort. Diese Fröhlichkeit ist ein weiterer Gesichtspunkt des Albums, wenngleich diese Facette selten zum Vorschein kommt. Dass die beschwingten Momente auf "Luna" so rar gesät sind, erfreut mich allerdings sehr, denn Mystik und Melancholie stehen den Faunen einfach bedeutend besser zu Gesicht. So ist auch "Die wilde Jagd" ein wirklich guter Song, der für mich aber zu den schwächsten Exemplaren seiner Zunft zählt, zumindest im Rahmen von "Luna". Aus rein atmosphärischer Sicht ergreift mich die Stimmung des Songs einfach nicht so sehr wie die anderen, wenngleich die zugrunde liegende Erzählung große Spannung mit sich bringt. Die schwarzen Künste geraten hier in den Fokus, ein dunkler Zauberer begehrt ein junges Mädchen. Da dieses der Zauberkunst allerdings ebenfalls mächtig ist, entwickelt sich ein rasantes Duell zwischen den beiden Magiern... Mit gutem Ende für die junge Frau natürlich. Ein wenig ähnelt das inhaltliche Konzept dem Song "Verwandlungen I-III" aus dem Hause ASP (Album: "Zaubererbruder - Der Krabat-Liederzyklus"). Auch hier liefern sich Krabat und sein finsterer Meister einen packenden Wettstreit.

Mit "Frau Erde" tauchen wir wieder ein wenig mehr in die endlosen Tiefen der Mystik ein. Der Song ist zu großen Teilen Katja Moslehner zu verdanken, und so trohnt ihr glockenheller Gesang hier auch über allem. Die Lyrics sind leider nicht sonderlich lang, sodass die erste Strophe zum Schluss noch einmal wiederholt wird, man kann genau das aber auch einfach als Stilmittel im Sinne der Betonung eben dieser Verse betrachten. Es handelt sich schlicht und ergreifend um ein Wiegenlied, das trotz seiner kompakten Instrumentierung einen der inhaltlichen Mittelpunkte von "Luna" darstellt. Die Erde träumt und der Mond wacht über der Szenerie... Welch ein ergreifendes Bild!
"Hymne der Nacht" kennen die meisten Wegbegleiter der Faune schon von den Konzerten der letzten Zeit. Ganz so wie das vorherige "Frau Erde" durch die Inspiration von Katja zustande kommen konnte, so ist die "Hymne der Nacht" ein Abbild der überragenden Kunstfertigkeit von Mastermind Oliver s.Tyr. Dieser veredelt den epischen Song mit seiner romantischen, wehmütigen und sanften Stimme, wie es an dieser Stelle sonst niemandem gelingen könnte. Der Song ist nicht nur eine Hymne an die Nacht, sondern auch ein Lobgesang an den Archetypen der Mondgöttin. Der Text strotzt nur so vor wunderschönen Metaphern. Die Faune besingen eine "Welt voll glänzender Schwerter" und "Bannern im Wind", und die Göttin selbst wird als "Schild" betitelt. "Hymne der Nacht" bleibt seiner epischen Dramaturgie durchgängig treu, bis es am Ende in einen majestätischen Abschluss mit Gänsehautfaktor mündet, als der Protagonist seine Königin anfleht, ihn mit ihrem "Nachtgesang" zu führen.

Der perfekte Abschluss der Standard-CD und wohl mein allerliebstes Lied von "Luna" ist "Abschied", welches von Fiona Rüggeberg vorgetragen wird. Während der Text aus der Feder von Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff (1788 - 1857) kommt, stammt die klangliche Idee dahinter von der auch hier wieder stimmlich, instrumental und optisch umwerfenden Fiona. Ich möchte hier vor allem auf die im höchsten Maße eingängigen Instrumentalparts zwischen den drei Strophen, welche von Fionas anrührender Stimme engelsgleich vorgetragen werden, hinweisen. In diesen vermischen sich Niels abermals energische Beats vorrangig mit der Drehleier, was auf mich eine besonders ergreifende Wirkung hat. Atemberaubend!
Die Lyrics von Eichendorff erzählen - passend zur sehr verträumten Klangkulisse - von Begegnungen des Menschen mit dem Wald, vom Fühlen seiner Seele und von der Wirkung der idyllischen Natur auf die Einzelperson. Was könnte besser zu den Faunen passen, wo sie doch seit unzähligen Jahren Werte wie die Naturnähe, die Liebe zu unserer Umwelt und den Animismus predigen? Ja, der "Abschied" vom Walde schmerzt, doch ist die Wiederkehr in dieses Refugium umso schöner, wenn es sein Blätterdach wieder schützend über unser Haupt legt...

Die durchweg gelungene "Deluxe Edition" beinhaltet darüber hinaus noch drei Bonus-Tracks, welche ich selbstredend niemandem vorenthalten möchte. "Wind & Geige XIV", also die neue Vertonung des schon vor vielen Jahren erschienenen Originals, kommt zwar nicht ganz an das wahnsinnig druckvolle und noch immer unvergleichlich schöne Original heran, doch ist es für die erst später hinzugestoßenen Hörer mit Sicherheit ein gute Möglichkeit, um den Zauber der früheren Werke wie "Licht" zu erfassen. In der Struktur des Songs hat sich nicht allzu viel geändert, lediglich die Länge des Songs wurde um etwa eine Minute reduziert. Allerdings hat sich der Song live natürlich immens weiterentwickelt, was unter anderem zu einem noch vordergründigeren Gebrauch der Drehleier führt, die hier eine wichtige Rolle spielt. Die lyrische Facette des Klangkonstrukts muss ich wohl niemandem erläutern - eine nächtliches Zwiegespräch zwischen Wind und Geige, welche Mensch und Natur verkörpern und miteinander wetteifern. Der Sieg gehört zu guter Letzt natürlich dem Wind, der Natur, denn jedes menschliche Leben ist vergänglich...
Der zweite Bonus-Track in Form von "Die Lieder werden bleiben" ist auch der zweite Song des Albums, der mich nicht vollends euphorisiert. Das vielleicht fröhlichste Lied, welches die Faune je zu Papier gebracht haben, thematisiert die Unsterblichkeit der Lieder, während der Mensch als solches vergänglich ist. Ein Ausflug in absolut neue Klangwelten, welcher den ein oder anderen sicherlich erfreuen wird, an und für sich aber definitiv kein Highlight des Albums. "Era Escuro", ein sephardisches Klagelied, erinnert dagegen wieder ganz eindeutig an frühere Zeiten. Auch dieses Lied wird von Katjas klarem Gesang getragen, während Fionas Flöten wunderschöne Zwischenspiele liefern. Die schicksalhafte Begegnung bei Anbruch der Nacht, von welcher in diesem Lied gekündet wird, lässt viel Raum für Interpretationen und Vorstellungen, sodass "Era Escuro" sicherlich nicht nur in mir endlose Phantasie heraufbeschwören wird.

Nachdem der Löwenanteil einer solchen Veröffentlichung, also der musikalische Part, eingehend kommentiert und eigentlich ja fast seziert wurde, möchte ich nun noch auf das knapp vierzigseitige Booklet eingehen, welches im Schuber mitgeliefert wird. Dieses enthält zahlreiche Photos von den wunderschönen Faunen selbst, aber auch Impressionen der Natur und Kunstwerke wie die "Hekate"-Zeichnung von Victoria Frances. Ein Staunen ringen einem vor allem die Bilder von Fiona Rüggeberg ab, welche einmal mehr ganz unglaublich in Szene gesetzt wurde. Auch das Gruppenbild beweist, welch magische Einheit hier am Werke ist, am Feuer gedenken die Faune der Nacht... Selbstverständlich sind im Booklet auch alle Texte enthalten, so wie auch die deutschen Übersetzungen der beiden fremdsprachlichen Songs "Cuncti Simus" und "Era Escuro". Vor allem aber möchte ich auf die immerzu passenden Zitate von hohen Dichtern und Schriftstellern wie Johann Wolfgang von Goethe und Franz Kafka hinweisen. Kostprobe:

"In den Wäldern
sind Dinge, über die
nachzudenken man
jahrelang im Moos
liegen könnte."
(Franz Kafka)

Was ist "Luna" also für ein Album? Ist es der von vielen Fans erhoffte Schritt zurück zu den Wurzeln, zurück auf den moosgrünen Pfad, auf dem die Faune viele Jahre lang wandelten? Die Faune wollen ganz bewusst eine Botschaft vermitteln und sie in die Welt hinaustragen. Während das mit dem umstrittenen "Von den Elben" nur bedingt gelungen ist, da die besagte Botschaft eben nicht so durchdringend dargebracht wurde wie auf "Luna", knüpft das neue Album vor allem musikalisch wieder an die früheren Werke an und teilt sie mit einer breiteren Öffentlichkeit. Ob diese derlei Inhalte dann auch aufnehmen kann, will und wird, steht auf einem anderen Blatt, die Faune ehrt dieser Versuch aber ganz sicher. Der Epilog auf einer der letzten Seiten im Booklet fasst den Appell, den "Luna" an alle Hörer richtet, ganz wunderbar zusammen. Es geht darum, den Weg wiederzufinden, der uns dorthin bringt, wo wir wieder bewusst träumen können. Eine wahrere Aussage gibt es eigentlich nicht, und diese vermitteln die Faune in allerschönster Sprache. Was bleibt einem in einer ungerechten, materialistischen und emotional abgekühlten Gesellschaft auch übrig? Die Faune gehören zu jenen, die den Sinn für die wichtigen Dinge noch nicht verloren haben, die sich in Mystik verlieren können und noch Raum für Spiritualität gewähren. Nichts anderes zelebrieren sie auf "Luna", welches mit ungemein schönen Liedern wie "Hekate", "Hörst du die Trommeln", "Cuncti Simus", "Hymne der Nacht", "Abschied" und "Era Escuro" daherkommt. Die Frage, ob die Faune wieder zu ihren Wurzeln gefunden haben, kann man getrost bejahen. Natürlich erweisen sich Randaspekte wie die viel zu kurze Laufzeit aller Lieder, die immer noch zu rar gesäten Instrumentalparts und die zu cleane Produktion als störend, doch erweist sich "Luna" trotz alledem als zauberhaft schönes Refugium für alle Mondsüchtigen und jene, die es werden wollen! Faszinierend und wundervoll zugleich.

Anspieltipps: "Hekate", "Menuett", "Hörst du die Trommeln", "Blaue Stunde", "Cuncti Simus", "Hymne der Nacht", "Abschied", "Era Escuro"
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 9, 2014 9:37 AM CET


Luna (Deluxe Edition)
Luna (Deluxe Edition)
Preis: EUR 13,99

20 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen LUNA: Märchenhaftes Refugium für Mondsüchtige und alle, die es werden wollen - Faun besinnen sich auf ihre Wurzeln!, 5. September 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Luna (Deluxe Edition) (Audio CD)
Mittlerweile haben die Faune schon 15 Jahre auf dem Buckel - es scheint, als seien Äonen vergangen, seitdem Oliver s.Tyr, Birgit Muggenthaler (heute Schandmaul) und Werner Schwab die Band gegründet haben. Faun sind ohne Frage die Mitbegründer des Pagan Folk - eines Genres, welches den Glauben an eine beseelte Natur und den Respekt vor den Bewohnern eben dieser in den Mittelpunkt stellt. Für mich persönlich sind die Faune etwas ganz Besonderes, dies möchte ich schon zu Beginn dieser Rezension festhalten - seit vielen Jahren begleiten, inspirieren und verzaubern sie mich. Ganz gleich, ob auf Konzerten oder auf ihren zahlreichen Alben, die magischer nicht sein könnten, Faun und die Ideale, die durch die Band vorgelebt werden, sind für mich einer der wichtigsten Bestandteile des Lebens, daher bitte ich um etwas Nachsicht ob der emotionalen Betrachtung des neuen Albums "Luna".

Die Bandbesetzung ist gegenwärtig eine völlig andere als in den Gründungstagen der Band: Neben Mastermind Oliver s.Tyr (Gesang, Bouzouki, Nyckelharpa, keltische Harfe, Saz, Contrabasharpa und Maultrommel) bestehen die Faune aus der bezaubernden Multiinstrumentalistin Fiona Rüggeberg (Gesang, Flöte, Chalumeaux, Dudelsack, Rebap, Hackbrett), der seit dem letzten Album dazugestoßenen Katja Moslehner (Gesang), Rüdiger Maul (Drums, Percussion), Niel Mitra (Sampler, Synthesizer, Beats) und Stephan Groth (Gesang, Drehleier, Cister, Flöte). Zahlreiche Meisterwerke wie das melancholische "Totem" (2007), das farbenfrohe und vielfältige "Eden" (2011), "Renaissance" (2005) und "Buch der Balladen" (2009) begeistern die treuen Fans noch heute und gelten noch immer als Referenz im Folk-Genre, was nicht nur mit der mal schwelgerischen, mal tanzbaren Musik, sondern auch mit den zumeist aus der Feder von Oliver s.Tyr stammenden Lyrics zu erklären ist. Das letzte Album "Von den Elben" stellte eindeutig einen Umbruch im Lager der Faune dar, war es doch untrennbar mit dem Wechsel zum Major-Label "Universal" und zum Produzententeam von "Valicon" verbunden. Vielen Hörern sagte der stilistische Wandel und die Beteiligerung Dritter am Kompositionsprozess nicht zu, wenngleich auch "Von den Elben" einige Lichtblicke inmitten des glanzpolierten Einstiegs in die Welt der großen Plattenfirmen zu bieten hatte. Nichtsdestotrotz muss auch ich zugeben, dass "Von den Elben" mit der Ausnahme weniger Stücke nicht meinem Geschmack entsprach, weshalb ich die Entwicklung der Faune nun noch viel gespannter verfolge. Während Lieder wie der großteils vom Album "Licht" bekannte Tanz "Andro II", "Wenn wir uns wiedersehen" und "Thymian & Rosmarin" durchaus für Hoffnung sorgten, schlugen Songs nach dem Beispiel von "Bring mich nach Haus", "Wilde Rose" und "Tanz mit mir" ein negatives Kapitel auf.

Trotz allem haben die Faune sich und ihre Ideale niemals aufgegeben: Wer die akustische Konzertreise nach der Veröffentlichung von "Von den Elben" besucht hat, der hat die Faune in ihrer gewohnten Spielfreude und mit all dem Zauber, der sie umgibt, gesehen. Auch die darauffolgenden Konzerte auf verschiedensten Mittelaltermärkten und auf der "Von den Elben"-Tour haben bewiesen, dass die Faune den von ihnen schon vor vielen Jahren eingeschlagenen Pfad nie verlassen haben. Die Faune stehen wie kaum jemand sonst für ihre Visionen, ihre Ideale und ihre musikalische Ausrichtung, was man den handelnden Personen auch anmerkt. Wer die Faune kennt, der wird mir da ganz sicher zustimmen - das alte Lebensgefühl ist noch immer da! Anderthalb Jahre nach Release des umstrittenen Vorgängers erscheint nun endlich "Luna" - nach Aussage der Band ein musikalisches Werk, das von den Mythen des Mondes erzählt. Welch glanzvolle Umschreibung! Die ersten Bilder vor dem inneren Auge künden von etwas Großem, der silbrige Mondschein des Erdbegleiters bleibt seit der Ankündigung allgegenwärtig. In den letzten Wochen wurden dann auch die Hörproben zu "Luna" veröffentlicht, welche auf ein geteiltes Echo der Fangemeinde gestoßen sind. Während ein Teil der Hörer schon anhand der Hörproben erkennen konnte, dass die Faune zu ihren Wurzeln zurückgefunden haben und wieder höchste Qualität abliefern, beschränkte sich der andere Teil auf die ewigen "Schlager!"-Rufe. Da stellt sich dem, der noch gesunde Ohren hat, doch die Frage: Was bitte haben die Faune auf ihrem aktuellen Werk mit dem zu recht verpönten Schlager-Genre zu tun? Richtig, nichts. Bereits die Snippets haben alle Hoffnungen erfüllt, man konnte die sehnlichst vermissten Instrumentalparts wieder hören, überaus lyrische Texte und Kompositionen, die ergreifender nicht sein könnten. Doch was bleibt davon, wenn man sich das Gesamtwerk vor Augen (bzw. vor die Ohren) führt? Genau das möchte ich in der folgenden, doch sehr ausführlichen Rezension, beleuchten.

Allein optisch wirkt die Aufmachung der "Deluxe Edition" betörend. Die limitierte Ausgabe bietet definitiv eines der schönsten Cover der Faun-Historie, immerhin prangt ein Abbild des Mondes auf tiefblauem Hintergrund, umgeben von einer umwerfenden Silberprägung. Unbedingt zugreifen, solange die Möglichkeit noch besteht! Schöner kann man ein Album kaum gestalten, und der Mond als zentrales Thema des musikalischen Werks ist als Cover-Motiv ja auch mehr als passend. Sobald man den Schuber mit dem silbrig schimmernden Cover dann entfernt, hält man auch schon ein ebenso luxuriöses Digipak in Händen. Auf diesem ist das eigentliche Cover der Standard-Ausgabe zu sehen: Die Mondgöttin höchstselbst begrüßt den geneigten Hörer und entführt ihn in ihre zauberhafte Welt. An dieser Stelle wird sofort ein weiterer inhaltlicher Aspekt des Albums deutlich, der durch die grafische Darstellung visualisiert wird: Es geht um den Kontrast des weiblichen Mondes gegenüber der männlichen Sonne, welche für Tatendrang, Realismus und Materialismus steht. Der weibliche Mond dagegen rückt die Gefühle, die Intuition und die Träume in den Vordergrund - Aspekte, die in der schnelllebigen Gesellschaft der heutigen Zeit fast vergessen zu sein scheinen. Die Faune dagegen nehmen sich dieser Thematik an und drücken schon mit dem Cover-Artwork aus, wohin die Reise gehen soll. Nachtschwarze und dunkelblaue Farbtöne zeichnen ein Bild von Mystik und Andersweltlichkeit. Göttinnenverehrung als spiritueller Mittelpunkt des Albums ist ganz eindeutig erkennbar, womit auch der spirituelle bzw. pagane Teil der faunischen Philosophie Zuwendung bekommt. Ein besseres Gesicht könnte man "Luna" nicht geben!

Grundsätzlich befassen sich die Faune auf "Luna" mit den verschiedensten Facetten der Nacht. Weder Mystizismus, noch Spiritualität, Melancholie oder Heiterkeit kommen zu kurz, sodass sich im Laufe der Tracklist ein absolut stimmiges Gesamtbild erschließt. Letztlich ist "Luna" auch ein Appell an jene, die in ihrem Alltag gefangen sind und im Wahne des Realismus völlig außer Acht lassen, dass es auch Raum für Mystik, Phantasie, Glaube und magische Momente geben muss, sofern man sich in der Realität nicht vollkommen verlieren will. So sehr die Lyrics auf "Luna" auch eine Einheit bilden, man könnte das Werk auch ein Konzeptalbum nennen, so sehr unterscheidet sich die musikalische Ausgestaltung von Song zu Song. Vielfalt und Ideenreichtum wird hier groß geschrieben!

Als Intro fungiert der "Luna Prolog" - ein knapp einminütiges Stück, welches für sphärische Stimmung sorgt und den Hörer umgehend in die Welten der Nacht befördert. So manches Mal sind im Hintergrund leise Gesänge zu vernehmen, doch insgesamt kann man das Stück doch als instrumentale Einleitung in das Album verstehen. Der gleißende Mondschein macht sich jedenfalls umgehend in den Gedanken des Zuhörers breit und verlässt diese noch nicht einmal mehr, sobald das Album abgeschlossen ist.
Mit "Walpurgisnacht" haben die Faune als eigentlichen Opener einen ungemein tanzbaren Song auserkoren, der auch als Vorlage für das dazugehörige Musikvideo dient. Apropos Video: Die "Walpurgisnacht" zeigt sich im Video auch optisch gesehen von ihrer besten Seite! Wie kein anderer verstehen es die Faune, die Impressionen zur "Walpurgisnacht" zu liefern und einen unwiderstehlichen Feuerreigen zu zaubern. Kostüme wie nicht von dieser Welt, eine bestens aufgelegte Band und ein durchaus interessanter Handlungsstrang machen das Video zu diesem Song zu etwas ganz Außergewöhnlichem! Unbedingt ansehen!
Auf akustischer Ebene ist "Walpurgisnacht" einfach als perfekte Wahl für den ersten Song zu betrachten, drückt er doch die positiven Seiten dieser magischen Nacht mehr als leidenschaftlich aus. Das Fest, auch Beltane genannt, nimmt den Hörer in ferne Welten mit - in eine Nacht, in der die Grenzen zwischen unserer Welt und der Anderswelt verschwimmen. Auch aus meiner Sicht ist es essentiell, die Walpurgisnacht aus absolut heiterer und positiver Sicht zu besingen, was den Faunen in ihrem dazugehörigen Lied auf alle Fälle gelungen ist. Atemberaubend sind auch die zahlreichen Instrumentalparts inmitten des Songs, welche einer schwedischen Polska nachempfunden sind. Und das soll Mainstream sein? Mitnichten!

"Buntes Volk" beschert uns an dritter Stelle ein Duett mit Michael Rhein von In Extremo. Während Fiona mit ihrer wundervollen Stimme ein unbedarftes Mädchen, welches dem Zauber der Freiheit erliegt und sich dem Leben der fahrenden Spielleute anschließt, verkörpert, schlüpft Michael Rhein in die Rolle des freiheitsliebenden Spielmannes. Dabei muss er allerdings gar nicht in eine Rolle schlüpfen, denn durch seine Tätigkeit als Sänger von In Extremo ist er sowieso ungemein geeignet für diesen Part als raubeiniger Barde. Der gesamte Text dient in diesem Sinne als Symbol für die Freiheit und Unbekümmertheit, wobei es mit "verehrt und angespien" auch das Motto von In Extremo in die Verse geschafft hat. Das aber nur als Randbemerkung. Musikalisch geht es absolut eingängig zu, wobei die instrumentalen Dudelsack- und Drehleierparts nach dem Refrain sehr viel Abwechslung bringen und zugleich ungemein tanzbar sind! Ich muss zugeben, dass In Extremo mittlerweile nicht mehr so wirklich meine Baustelle sind, nachdem ich unter anderem durch sie zur mittelalterlich geprägten Musik gefunden habe. Leider liegt mir Mittelalterrock im weitesten Sinne aktuell eher fern, zumal ich mit der rauen Stimme des Frontmannes nicht allzu viel anfangen kann. In "Buntes Volk" aber erfüllt Michael Rhein seinen Part mehr als vortrefflich und trägt dazu bei, dass ein eingängiges Stück geschaffen wurde, welches durch seine Eingängigkeit mit Sicherheit auch Türen öffnen wird, was die breite Masse angeht. Mit Sicherheit nicht der beste Song auf "Luna", doch ganz bestimmt ein hörenswerter Teil der Musikhistorie!

Kurz darauf folgt mit dem "Menuett" das wohl romantischste Lied auf dem neuen Album der Faune. Die Lyrics sind eine Bearbeitung eines Gedichtes von William Butler Yeats, welcher von 1865 bis 1939 lebte. So berichtet der Text von der andersweltlichen Erfahrung eines jungen Mädchens, dessen ganzes Leben sich nach einem verhängnisvollen Augenblick verändert. Sie trifft auf einen Jüngling aus der Anderswelt und verfällt ihm und seiner unvergleichlichen Schönheit. Wie das Schicksal es will, verschwindet der Gute und zurück bleibt ein Mädchen, welches dazu verdammt ist, nur mit einem einzigen Ziel durch die Welt zu wandeln - sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die goldenen Äpfel der Sonne und die silbernen Äpfel des Mondes zu finden, um den Angebeteten wiedersehen zu können. Die Mythen des alten England bringen Äpfel mit Avalon, der Insel der Äpfel, in Verbindung. So könnten die Äpfel dazu dienen, eine Verbindung zur Anderswelt zu schaffen, um den Jüngling endlich wieder in die Arme schließen zu können...
Die Klangkulisse erweist sich ebenso wie der Text als kristallklare Perle des Albums und als wahrhaftiges Kleinod. Ruhig geht es zu, zumeist verträumt und schwelgerisch, dabei aber auch immer anmutig und zauberhaft. Wenn man einen Song mit derartigen Attributen beschreiben kann, dann haben die Komponisten ganz gewiss alles richtig gemacht!

An Stelle fünf verzaubern uns die Faune mit "Hekate", einem meiner absoluten Favoriten von "Luna" und einem der besten Stücke der Bandgeschichte! Die Faune spielen sich hier im Angesicht des unglaublich emotionalen und spirituellen Textes in einen unwirklichen Rausch, der ganz sicher für tranceartige Zustände bei jenen Hörern, die sich diesem Meisterwerk vollkommen ergeben, sorgen wird. Das Lied ist eine träumerische Ode an Hekate, die Göttin der Magie und die Wächterin der Tore zwischen den Welten. Eine Liebeserklärung an die magische Göttin, welche dem Protagonisten nicht nur Halt gibt, sondern ihm auch all seine Träume beschert. Klanglich gesehen geht es hier mehr als bombastisch zu: Während die gediegenen Strophen noch von Olivers sanfter, einfühlsamer Stimme getragen werden, überrascht im Refrain ein pompöser Chor, der an Dramatik nicht zu überbieten ist und dafür sorgt, dass die Welt in diesem Moment still steht. Mehr als erwähnenswert ist auch das Artwork, welches die weltbekannte Zeichnerin Victoria Frances zum Song "Hekate" gezaubert hat - ein düsteres Kunstwerk, welches den Hörer beim Genuss der Klänge in schier atemberaubender Manier begleitet.

In "Blaue Stunde" folgt Stephans erste wirkliche Gesangsbeteiligung an vorderster Front, was Studioaufnahmen der Faune angeht. Sein Gesang kommt sehr klar, hell und ästhetisch daher, was wunderbar zur inhaltlichen Grundlage der Lyrics passt. Diese erzählen nämlich von einem Jüngling, welcher in der titelgebenden blauen Stunde kurz vor Anbruch der Nacht einer feenhaften Schönheit begegnet und ihr daraufhin verfällt. Sein Geist kann daraufhin nicht mehr zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden, was die Geschichte zu einer Erzählung der leidvollen Art macht. Nichtsdestotrotz begeistert mich die Tragik dieses Textes ungemein und sie berührt mich darüber hinaus tief im Herzen. Ferner sollte man erwähnen, dass kurz vor dem finalen Refrain ein wahnsinniges Solo von Stephans Drehleier einsetzt, welches gemeinsam mit Niels druckvollen Beats eine wunderbare Einheit bildet und das Lied zum Pflichtprogramm für alle künftigen Konzerte macht! "Cuncti Simus" nennt sich der darauffolgende Mariengesang, welcher langjährigen Begleitern der Band schon von zahlreichen Konzerten bekannt sein dürfte. In lateinischer Sprache wird der Archetyp der Muttergöttin besungen. Und wie! Sonja Drakulich, auf deren hervorragende Band Stellamara ich nur zu gern hinweise, verleiht dem Lied ihre atemberaubende Stimme, und im Mittelteil des Songs erreicht ihre Stimme ungeahnte Höhen. Zum Niederknien!

"Hörst du die Trommeln" dagegen unterscheidet sich in seiner Stilistik arg vom vorangegangenen Stück. Es ist definitiv eines der eingängigsten Stücke des Albums, und doch beschert es vor allem in seinem Refrain elegische Momente, die an allen Ecken und Enden Magie versprühen. Passend zum Titel wird der Song beinahe durchgängig von hämmernden Trommelschlägen begleitet, was ihm ein gehöriges Maß an Wucht und Energie verleiht. Auffällig ist natürlich auch die verzerrte Stimme von Oliver s.Tyr, welche für Faun-Verhältnisse absolut innovativ und für langjährige Fans durchaus überraschend ist, doch passt sich dieser technische Eingriff den Gegebenheiten des Songs mehr als dienlich an. Muss ich den Refrain wirklich nochmal loben? "Hörst du die Trommeln" beinhaltet fraglos einen der besten Refrains der Faun-Historie, und er hämmert so wie seine Trommelschläge permanent in meinen Gehörgängen! Ohrwurm? Auf jeden Fall!
Und der Text erst! Wer danach noch immer keine Lust verspürt, im Mondlicht zu tanzen, dem kann auch nicht mehr weitergeholfen werden! Ganz konkret geht es um das Ausleben der persönlichen Leidenschaften und Träumereien, welche in der Vergangenheit häufig mit Schuld beladen wurden. Daher ist der Song auch ein Sinnbild für die Komponente der Freiheit, für die Anziehungskraft der Nacht.

Nach den mystischen, dunklen Momenten in "Hörst du die Trommeln" setzen die Faune "Luna" in "Die wilde Jagd" betont heiter fort. Diese Fröhlichkeit ist ein weiterer Gesichtspunkt des Albums, wenngleich diese Facette selten zum Vorschein kommt. Dass die beschwingten Momente auf "Luna" so rar gesät sind, erfreut mich allerdings sehr, denn Mystik und Melancholie stehen den Faunen einfach bedeutend besser zu Gesicht. So ist auch "Die wilde Jagd" ein wirklich guter Song, der für mich aber zu den schwächsten Exemplaren seiner Zunft zählt, zumindest im Rahmen von "Luna". Aus rein atmosphärischer Sicht ergreift mich die Stimmung des Songs einfach nicht so sehr wie die anderen, wenngleich die zugrunde liegende Erzählung große Spannung mit sich bringt. Die schwarzen Künste geraten hier in den Fokus, ein dunkler Zauberer begehrt ein junges Mädchen. Da dieses der Zauberkunst allerdings ebenfalls mächtig ist, entwickelt sich ein rasantes Duell zwischen den beiden Magiern... Mit gutem Ende für die junge Frau natürlich. Ein wenig ähnelt das inhaltliche Konzept dem Song "Verwandlungen I-III" aus dem Hause ASP (Album: "Zaubererbruder - Der Krabat-Liederzyklus"). Auch hier liefern sich Krabat und sein finsterer Meister einen packenden Wettstreit.

Mit "Frau Erde" tauchen wir wieder ein wenig mehr in die endlosen Tiefen der Mystik ein. Der Song ist zu großen Teilen Katja Moslehner zu verdanken, und so trohnt ihr glockenheller Gesang hier auch über allem. Die Lyrics sind leider nicht sonderlich lang, sodass die erste Strophe zum Schluss noch einmal wiederholt wird, man kann genau das aber auch einfach als Stilmittel im Sinne der Betonung eben dieser Verse betrachten. Es handelt sich schlicht und ergreifend um ein Wiegenlied, das trotz seiner kompakten Instrumentierung einen der inhaltlichen Mittelpunkte von "Luna" darstellt. Die Erde träumt und der Mond wacht über der Szenerie... Welch ein ergreifendes Bild!
"Hymne der Nacht" kennen die meisten Wegbegleiter der Faune schon von den Konzerten der letzten Zeit. Ganz so wie das vorherige "Frau Erde" durch die Inspiration von Katja zustande kommen konnte, so ist die "Hymne der Nacht" ein Abbild der überragenden Kunstfertigkeit von Mastermind Oliver s.Tyr. Dieser veredelt den epischen Song mit seiner romantischen, wehmütigen und sanften Stimme, wie es an dieser Stelle sonst niemandem gelingen könnte. Der Song ist nicht nur eine Hymne an die Nacht, sondern auch ein Lobgesang an den Archetypen der Mondgöttin. Der Text strotzt nur so vor wunderschönen Metaphern. Die Faune besingen eine "Welt voll glänzender Schwerter" und "Bannern im Wind", und die Göttin selbst wird als "Schild" betitelt. "Hymne der Nacht" bleibt seiner epischen Dramaturgie durchgängig treu, bis es am Ende in einen majestätischen Abschluss mit Gänsehautfaktor mündet, als der Protagonist seine Königin anfleht, ihn mit ihrem "Nachtgesang" zu führen.

Der perfekte Abschluss der Standard-CD und wohl mein allerliebstes Lied von "Luna" ist "Abschied", welches von Fiona Rüggeberg vorgetragen wird. Während der Text aus der Feder von Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff (1788 - 1857) kommt, stammt die klangliche Idee dahinter von der auch hier wieder stimmlich, instrumental und optisch umwerfenden Fiona. Ich möchte hier vor allem auf die im höchsten Maße eingängigen Instrumentalparts zwischen den drei Strophen, welche von Fionas anrührender Stimme engelsgleich vorgetragen werden, hinweisen. In diesen vermischen sich Niels abermals energische Beats vorrangig mit der Drehleier, was auf mich eine besonders ergreifende Wirkung hat. Atemberaubend!
Die Lyrics von Eichendorff erzählen - passend zur sehr verträumten Klangkulisse - von Begegnungen des Menschen mit dem Wald, vom Fühlen seiner Seele und von der Wirkung der idyllischen Natur auf die Einzelperson. Was könnte besser zu den Faunen passen, wo sie doch seit unzähligen Jahren Werte wie die Naturnähe, die Liebe zu unserer Umwelt und den Animismus predigen? Ja, der "Abschied" vom Walde schmerzt, doch ist die Wiederkehr in dieses Refugium umso schöner, wenn es sein Blätterdach wieder schützend über unser Haupt legt...

Die durchweg gelungene "Deluxe Edition" beinhaltet darüber hinaus noch drei Bonus-Tracks, welche ich selbstredend niemandem vorenthalten möchte. "Wind & Geige XIV", also die neue Vertonung des schon vor vielen Jahren erschienenen Originals, kommt zwar nicht ganz an das wahnsinnig druckvolle und noch immer unvergleichlich schöne Original heran, doch ist es für die erst später hinzugestoßenen Hörer mit Sicherheit ein gute Möglichkeit, um den Zauber der früheren Werke wie "Licht" zu erfassen. In der Struktur des Songs hat sich nicht allzu viel geändert, lediglich die Länge des Songs wurde um etwa eine Minute reduziert. Allerdings hat sich der Song live natürlich immens weiterentwickelt, was unter anderem zu einem noch vordergründigeren Gebrauch der Drehleier führt, die hier eine wichtige Rolle spielt. Die lyrische Facette des Klangkonstrukts muss ich wohl niemandem erläutern - eine nächtliches Zwiegespräch zwischen Wind und Geige, welche Mensch und Natur verkörpern und miteinander wetteifern. Der Sieg gehört zu guter Letzt natürlich dem Wind, der Natur, denn jedes menschliche Leben ist vergänglich...
Der zweite Bonus-Track in Form von "Die Lieder werden bleiben" ist auch der zweite Song des Albums, der mich nicht vollends euphorisiert. Das vielleicht fröhlichste Lied, welches die Faune je zu Papier gebracht haben, thematisiert die Unsterblichkeit der Lieder, während der Mensch als solches vergänglich ist. Ein Ausflug in absolut neue Klangwelten, welcher den ein oder anderen sicherlich erfreuen wird, an und für sich aber definitiv kein Highlight des Albums. "Era Escuro", ein sephardisches Klagelied, erinnert dagegen wieder ganz eindeutig an frühere Zeiten. Auch dieses Lied wird von Katjas klarem Gesang getragen, während Fionas Flöten wunderschöne Zwischenspiele liefern. Die schicksalhafte Begegnung bei Anbruch der Nacht, von welcher in diesem Lied gekündet wird, lässt viel Raum für Interpretationen und Vorstellungen, sodass "Era Escuro" sicherlich nicht nur in mir endlose Phantasie heraufbeschwören wird.

Nachdem der Löwenanteil einer solchen Veröffentlichung, also der musikalische Part, eingehend kommentiert und eigentlich ja fast seziert wurde, möchte ich nun noch auf das knapp vierzigseitige Booklet eingehen, welches im Schuber mitgeliefert wird. Dieses enthält zahlreiche Photos von den wunderschönen Faunen selbst, aber auch Impressionen der Natur und Kunstwerke wie die "Hekate"-Zeichnung von Victoria Frances. Ein Staunen ringen einem vor allem die Bilder von Fiona Rüggeberg ab, welche einmal mehr ganz unglaublich in Szene gesetzt wurde. Auch das Gruppenbild beweist, welch magische Einheit hier am Werke ist, am Feuer gedenken die Faune der Nacht... Selbstverständlich sind im Booklet auch alle Texte enthalten, so wie auch die deutschen Übersetzungen der beiden fremdsprachlichen Songs "Cuncti Simus" und "Era Escuro". Vor allem aber möchte ich auf die immerzu passenden Zitate von hohen Dichtern und Schriftstellern wie Johann Wolfgang von Goethe und Franz Kafka hinweisen. Kostprobe:

"In den Wäldern
sind Dinge, über die
nachzudenken man
jahrelang im Moos
liegen könnte."
(Franz Kafka)

Was ist "Luna" also für ein Album? Ist es der von vielen Fans erhoffte Schritt zurück zu den Wurzeln, zurück auf den moosgrünen Pfad, auf dem die Faune viele Jahre lang wandelten? Die Faune wollen ganz bewusst eine Botschaft vermitteln und sie in die Welt hinaustragen. Während das mit dem umstrittenen "Von den Elben" nur bedingt gelungen ist, da die besagte Botschaft eben nicht so durchdringend dargebracht wurde wie auf "Luna", knüpft das neue Album vor allem musikalisch wieder an die früheren Werke an und teilt sie mit einer breiteren Öffentlichkeit. Ob diese derlei Inhalte dann auch aufnehmen kann, will und wird, steht auf einem anderen Blatt, die Faune ehrt dieser Versuch aber ganz sicher. Der Epilog auf einer der letzten Seiten im Booklet fasst den Appell, den "Luna" an alle Hörer richtet, ganz wunderbar zusammen. Es geht darum, den Weg wiederzufinden, der uns dorthin bringt, wo wir wieder bewusst träumen können. Eine wahrere Aussage gibt es eigentlich nicht, und diese vermitteln die Faune in allerschönster Sprache. Was bleibt einem in einer ungerechten, materialistischen und emotional abgekühlten Gesellschaft auch übrig? Die Faune gehören zu jenen, die den Sinn für die wichtigen Dinge noch nicht verloren haben, die sich in Mystik verlieren können und noch Raum für Spiritualität gewähren. Nichts anderes zelebrieren sie auf "Luna", welches mit ungemein schönen Liedern wie "Hekate", "Hörst du die Trommeln", "Cuncti Simus", "Hymne der Nacht", "Abschied" und "Era Escuro" daherkommt. Die Frage, ob die Faune wieder zu ihren Wurzeln gefunden haben, kann man getrost bejahen. Natürlich erweisen sich Randaspekte wie die viel zu kurze Laufzeit aller Lieder, die immer noch zu rar gesäten Instrumentalparts und die zu cleane Produktion als störend, doch erweist sich "Luna" trotz alledem als zauberhaft schönes Refugium für alle Mondsüchtigen und jene, die es werden wollen! Faszinierend und wundervoll zugleich.

Anspieltipps: "Hekate", "Menuett", "Hörst du die Trommeln", "Blaue Stunde", "Cuncti Simus", "Hymne der Nacht", "Abschied", "Era Escuro"
Kommentar Kommentare (10) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 6, 2014 2:24 PM MEST


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