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Rezensionen verfasst von
Alexander Schneider

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Endless Forms Most Beautiful
Endless Forms Most Beautiful
Preis: EUR 17,99

13 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Von der Entstehung der Welt und der Evolution der Arten: Nightwish treten mit bestechenden Melodien zum Siegeszug an!, 5. April 2015
Rezension bezieht sich auf: Endless Forms Most Beautiful (Audio CD)
Wer die Geschichte der weltweit bekannten Symphonic Metal-Band Nightwish kennt, der wird leise erahnen können, weshalb die Fangemeinde aufhorcht, wenn ein neues Album der Formation angekündigt wird. Nightwish-Mastermind Tuomas Holopainen, seines Zeichens verantwortlich für die allermeisten Kompositionen und Lyrics, steht für das betörende Zusammenspiel aus orchestralem Bombast und einem gewissen Härtegrad, aber natürlich auch für himmlische Melodien und sogar Progressivität, die vor allem in den längeren Songs der Band zum Tragen kommt. Kurzum: Nightwish sind nicht weniger als die wichtigste Band im Symphonic Metal-Genre. Im Winter des Jahres 2011 machten sich die damals rein finnischen Musiker mit der schwedischen Sängerin Anette Olzon auf, um das cineastische Meisterwerk "Imaginaerum", das bis heute als Referenz im Genre betrachtet wird, ans Tageslicht zu befördern. Aber nicht nur das musikalische Epos erregte mit seiner aufwändigen Orchestrierung und seinem inhaltlichen Konzept, das mit der Vorstellungskraft und der Phantasie spielte, Aufsehen - nein, auch der ein Jahr später veröffentlichte, gleichnamige Film ließ frenetische Jubelstürme aufkommen. Ein richtiger Spielfilm von einer Band? Exakt. Nightwish wagten sich auch hier auf völlig neues Terrain und lösten diese herausfordernde Aufgabe mit Bravour, indem sie einen höchst emotionalen, aber auch technisch niveauvollen Film kreierten. Tiefgreifende Veränderungen in der Bandbesetzung ließen sich aber trotz des riesigen Erfolges nicht vermeiden, und so schied die damalige Frontfrau Anette Olzon im Verlauf der US-Tour 2012 aus der Band. Noch während der laufenden Tour und ohne wirkliche Vorbereitungszeit sprang die heutige Chanteuse Floor Jansen ein - und so meisterhaft, wie sie ihre unerwartete Aufgabe auf der Stelle lösen konnte, ist die sofortige Begeisterung der Fans durchaus verständlich. Mit ihrer von großer Intensität, Kraft und vor allem Flexibilität geprägten Stimme beherrscht Floor Jansen praktisch alle Lieder aus der Nightwish-Discographie und bietet so die vor einigen Jahren noch unmöglich scheinende Option, nun auch wieder Songs aus allen Ären der Band darzubieten. Neben Floor wurde auch Troy Donockley, der die Band schon längere Zeit auf Tour bereicherte und mit seinen Folk-Instrumenten ein weiteres Puzzleteil zum Kosmos hinzufügt, in die Band aufgenommen, so wie auch Kai Hahto (Wintersun), der den Drummer Jukka Nevalainen aufgrund seiner anhaltenden Schlafstörungen ersetzen musste.

Am 27. März des Jahres 2015 sollte ein neues Kapitel in der Bandgeschichte aufgeschlagen werden - schon Monate zuvor wurde das achte Studioalbum "Endless Forms Most Beautiful" (deutsch: Unendliche Zahl der schönsten Formen) angekündigt und es sollte an diesem fortan geschichtsträchtigen Tage erscheinen. Es handelt sich dabei zu großen Teilen um ein Konzeptalbum, das einem roten Faden folgt und sich mit der Evolutionstheorie von Charles Darwin, den Thesen von Professor Richard Dawkins und der Schönheit des Lebens sowie der Natur beschäftigt. Auch wenn sich die allermeisten Songs eben diesem Grundtenor unterordnen, fallen ein paar Lieder dennoch aus dem Raster, indem sie sich mit völlig anderen Themen auseinandersetzen, was allerdings für willkommene Abwechslung sorgt. Doch natürlich stellen sich gleich mehrere grundsätzliche Fragen: Ist Tuomas Holopainen und seinem Gefolge nach dem gefeierten "Imaginaerum" abermals ein solch großer Wurf gelungen oder hat sich die Band sogar weiterentwickelt? Auf welche Weise bringt sich die neue Sängerin Floor Jansen ein? Inwieweit verändern die neuen Bandmitglieder Troy und Kai den Sound? Und welche Formen hat die Musik angenommen, wo diese doch sehr ernsthafte Thematik wahrscheinlich nicht allzu leicht in Klangformen zu zwängen ist? All das und noch viel mehr möchte ich in meiner Rezension zu diesem 80-minütigen Epos beantworten. Also: Auf geht's, auf uns wartet eine abenteuerliche Forschungsreise!

Als Opener von "Endless Forms Most Beautiful" fungiert der knapp sechsminütige Track "Shudder Before The Beautiful". Wer sich dem allumfassenden Hype vor dem Albumrelease nicht verschlossen hat, dem wird bekannt sein, dass das Lied schon vor der Veröffentlichung und in Kooperation mit einer finnischen Zeitung zugänglich gemacht wurde. Es sollte ein Appetithäppchen sein - und was für eines! Im Grunde genommen hätte man sich für dieses Album keinen besseren Einstiegstrack wünschen können: "Shudder Before The Beautiful" enthält alle typischen Nightwish-Elemente und überrascht mit seiner Frische trotzdem - schon mit den ersten Gitarrenriffs kommen Erinnerungen an das 2004er Erfolgsalbum "Once" auf. Zu Beginn des Songs erklingt die Stimme des britischen Evolutionsbiologen und Autoren Richard Dawkins erstmals, indem sie mit wunderschönen Worten in den Song einführt. Dabei erweist sich seine Stimme als sehr angenehm und überaus eindrucksvoll, und noch dazu passen die gesprochenen Passagen vortrefflich in das lyrische Konzept des Titels: "The deepest solace lies in understanding. This ancient unseen stream, a shudder before the beautiful." Die im Vergleich zum temporeichen Refrain recht gediegenen Strophen, die allein von Floor Jansen vorgetragen werden, lassen unumgängliche Mystik und Zauber aufkommen - man taucht förmlich in die entlegensten Tiefen des blauen Meeres ein. Auch die sehr melodiöse Bridge muss ich unbedingt erwähnen, denn in dieser eigenwilligen Komposition steckt dermaßen viel Genialität. Der bereits erwähnte Chorus ist zuerst als treibend und dynamisch zu bezeichnen, will den Ohren aber schon nach dem ersten Durchlauf nicht mehr entweichen und stellt klar, dass "Shudder Before The Beautiful" der perfekte Opener nicht nur für dieses Album, sondern auch für die Konzerte der im Herbst anstehenden Tournee ist. Im Mittelteil des Songs erleben wir nach sehr langer Zeit wieder ein Duell zwischen der E-Gitarre und dem Keyboard, und durch eben diesen längeren und mitreißenden Instrumentalpart entsteht sogar ein gewisses Maß an Progressivität. Kurz darauf münden harte Gitarrenriffs in einen in dieser Opulenz noch nie gehörten Chor, ehe der Song mit dem Refrain ausklingt. Wow, was für ein brillanter Einstieg! Textlich gesehen sind die Lyrics übrigens von einer ähnlichen Grundstimmung geprägt wie die Vorab-Single "Élan" - es geht um die Schönheit des Lebens und dieser Welt, wenngleich man sich hier auch ein wenig direkter auf die Natur bezieht: "Tales from the seas / Cathedral of green".

Mit "Weak Fantasy" folgt an zweiter Stelle ein Song, der zusammen mit dem später folgenden "Yours Is An Empty Hope" ohne Zweifel als härtester Song des Gesamtwerkes betrachtet werden kann. Konnte man bei der Bekanntgabe der Tracklist noch annehmen, der begeisterte Fantasy-Leser Tuomas Holopainen habe mit diesem Titel der Phantasie abgeschworen, erweist sich das eigentliche Thema des Textes eher als sozialkritisch. Da können wir ja nochmal beruhigt sein! So bieten die sehr offensiven Verse viel Raum für Interpretationen, man darf aber durchaus annehmen, dass es um die Geschichten geht, die man uns in aller Welt erzählen will. Letztlich trifft der Text eine klare Schlussfolgerung: "Every child worthy of a better tale". So ist es. Wenn man die musikalische Ausrichtung von "Weak Fantasy" begutachtet, dann stimmt das Stück mit seinen donnernden Gitarren umgehend auf das ein, was den Hörer im Folgenden erwartet. Schon zu Beginn verschmelzen E-Gitarre, Bass, Schlagzeug und Orchester zu einer gigantischen Walze, die über jeden Zweifel hinwegfegt. Entgegen aller Erwartungen, die der Anfang schürt, überraschen die ruhigen Strophen durchaus, obwohl Floor hier erstmals ihren rockigeren und raueren Gesangsstil präsentiert. Vor dem Refrain lässt sie sich dann noch ein sanftes "Fear is a choice you embrace" entlocken... Und kurz darauf folgt dann der Chorus, der eine wahre Schlacht zwischen Marcos und Floors Stimme sowie dem Chor liefert. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass "Weak Fantasy" einige sehr progressive Strukturen enthält, darunter auch einen Folk-Part, der kurz vor dem Ende von Troys Bouzouki eingespielt wurde. Letztlich wächst dieser außergewöhnliche Song mit jedem Durchgang und entfaltet zügig eine ungeahnte Sogwirkung, die man sich nach dem Ersteindruck erst gar nicht vorstellen kann. Chapeau!

Über die Vorab-Single "Élan", die mit ihrer Leichtfüßigkeit perfekt zwischen die beiden wuchtigsten Tracks des Albums passt, müssen nicht mehr allzu viele Worte verloren werden. Das Stück wurde nicht ohne Grund für die Single-Auskopplung gewählt, es ist ein heiterer und leicht verdaulicher Song voller positiver Energie. Wie dem auch sei, fraglos erzeugt das Lied durch seine flotten Folk- und Pop-Elemente eine ganz besondere Eingängigkeit, was es auch für die Radiosender dieser Welt attraktiv macht - und trotzdem entspricht es unverkennbar dem typischen Nightwish-Stil. In den zarten Strophen darf Floor die sanfteste Facette ihrer Stimme offenlegen, während der berauschende Refrain Troy als Background-Sänger installiert. Die doch recht fröhlichen Klänge bringen die überaus lebensbejahende Message des Textes in eine absolut passende musikalische Form, und die letzte Wiederholung des Refrains zieht sogar nochmal ordentlich an und wird die Massen auf den Konzerten zum Toben bringen. In den letzten Sekunden geleitet uns eine akustische Gitarre aus dem Geschehen... Wie bereits betont ist der Text ein flammender Appell an die Hörer, ihr Leben zu genießen und es in möglichst positiver Stimmung anzugehen. Eine eindrucksvolle Ode an das Leben...

"Yours Is An Empty Hope" ist für mich persönlich eine Reminiszenz an "Master Passion Greed" vom Album "Dark Passion Play". Es startet mit einem überaus cineastischen Intro, das von eben diesem Bombast lebt und so an Filmmusik erinnert. Kurz darauf setzt die fetzige Gitarre im "Once"-Stil ein und treibt den Song mit ihrer Dynamik nach vorn. Obgleich ich "Yours Is An Empty Hope" keinesfalls als bestes Lied des Albums ansehe, so gehören zumindest die Strophen doch zu den Meisterwerken darauf. Diese kann man nämlich getrost als musikalische Peitschenhiebe bezeichnen, wenn man es denn auf ein sprachliches Bild anlegt. Zudem beweisen sie einmal mehr Floors gesangliche Flexibilität, da sie sich hier wirklich austoben kann. Die Bridge und der Refrain dagegen beschert Marco eine seiner seltenen Bühnen auf "Endless Forms Most Beautiful", diese rare Gelegenheit weiß er aber wie in der Vergangenheit schon so oft bestens auszunutzen. Zwar erweist sich der Refrain als simpel und repetitiv, doch fügt er sich nahtlos in die Grundstimmung des Liedes ein und sorgt so für eine betont düstere Atmosphäre. Im letzten Drittel folgt dann noch eine eindrucksvolle Orchester-Passage, die in markerschütternde Growls von Floor übergeht - was für eine Powerfrau! Wow, ich bin sprachlos.

Das volle Kontrastprogramm dazu liefert das darauffolgene "Our Decades In The Sun" - eine herzergreifende Ode an die Eltern der Bandmitglieder, die aber sicherlich ein jeder auf sich und sein Leben beziehen kann: "Our walk has been sublime / A soaring ride and gentle lead / You have the heart of a true friend / One day we'll meet on that shore again". Und wie es die Lyrics verlangen, ist der Titel die einzige echte Ballade auf dem Album. Sie beginnt mit einem sirenengleichen Kinderchor, der seine Wirkung über den gesamten Song hinweg nicht verfehlt - und was sollte das Thema der Liebe zwischen Kind und Eltern besser wiedergeben als ein Chor jener, die selbst in dieser Lage sind? Das Zusammenspiel zwischen diesem Klangelement und dem Text ist absolut offensichtlich. Ansonsten beschert der Song Floor ihren größten gesanglichen Moment - Gänsehaut pur! Nach ihren aggressiven Grenzerfahrungen in "Yours Is An Empty Hope" umschmeichelt sie uns nun mit ihrem Gesang aus Zuckerguss, den man getrost als wärmenden Mantel, der den Hörer in der Winterkälte umhüllt, bezeichnen kann. Der Mittelteil dagegen wird von Emppus Gitarre geprägt, ehe letztlich der finale Refrain mit all seiner emotionalen Urgewalt einsetzt. Ein ganz besonderer Augenblick - und das eben nicht nur auf diesem Album, sondern in der gesamten Musikhistorie. Wer nicht spätestens beim letzten Refrain zu Tränen gerührt ist, der hat sein Herz schon vor langer Zeit unter Schutt und Asche begraben... Zwischendurch ist immer mal wieder das beruhigende Pianospiel von Tuomas zu vernehmen, und es prägt letztlich auch den Ausklang dieses bewegenden Meisterwerkes, das sich vor Klassikern wie "Sleeping Sun" absolut nicht verstecken muss.

"My Walden" kann ich schon jetzt definitiv zu meinen Lieblingssongs zählen. Zum einen erfreut mich der lyrische Bezug auf das Buch "Walden" von Henry D. Thoreau, zum anderen die vordergründigen Folk-Elemente. Doch sprechen wir zuallererst über die Lyrics. Wer Thoreaus Werk kennt, der wird wissen, worum es geht: "Mitte des 19. Jahrhunderts unternahm der amerikanische Schriftsteller Henry David Thoreau ein bis dato einzigartiges Daseinsexperiment: Für zwei Jahre zog er sich tief in die Wälder Massachusetts' zurück. Dabei ging es ihm nicht um simple Weltflucht, sondern um die Erforschung menschlicher Existenz, um ein wahrhaft bewusstes Leben und die Beschränkung auf das Wesentliche." Und eben dieses für mich hochspannende und spirituelle Thema bringt Tuomas Holopainen nun in den Nightwish-Kosmos ein: "I will taste the manna in every tree / Liquid honey and wine from the distant hills / An early greenwood concerto / Greets my Walden with its eternal voice". Gerade ich als glühender Liebhaber der Natur kann mich mit dieser Philosophie mehr als nur identifizieren, und so handelt es sich aus meiner persönlichen Sicht um einen der besten Nightwish-Texte überhaupt. Es ist schlicht und ergreifend wundervoll, wenn man sich selbst in solch lyrischen Versen wiederfinden kann... Gehen wir zur Musik über. Troy setzt hier mit seinem tanzbaren walisischen Intro und seiner glockenklaren Stimme einen wahren Glanzpunkt, obgleich er in diesem von Celtic-Elementen beherrschten Lied ohnehin ein zentraler Faktor ist. Und natürlich ist ein von so vielen Folk-Elementen durchzogener Track auch hochgradig tanzbar! So auch der Chorus, bei dem die Füße einfach nicht stillstehen können und der einen sogar im Schlafe verfolgt: "Weaving my wings from many-colored yarns / Flying higher, higher, higher / Into the wild / Weaving my world into tapestry of life / Its fire golden / In my Walden". Interessant ist aber auch der Fakt, dass das Lied im Grunde genommen in zwei verschiedene Teile gegliedert werden kann. Während der erste Teil mitsamt des Refrains durchaus als flotter Folk Pop-Song bezeichnet werden kann, trumpft die zweite Hälfte mit betörenden Instrumentalpassagen auf, die an die populäre Folk Metal-Band Eluveitie erinnern - gerade die Pipes tun hier ihr Übriges. Mich selbst erfreut der hohe Folk-Anteil auf dem gesamten Album allerdings über alle Maßen, da ich derartig erdige und schwungvolle Musik schon seit langem liebe und da dieser Stil im Nightwish-Universum durchaus seine Berechtigung hat. Wer den Folk-Anteil kritisiert, der sollte sich mit dem Thema der Lyrics dieses Songs eingehend auseinandersetzen, dann sollte sich einem die Notwendigkeit dessen erschließen.

Und nun sind wir schon beim Titeltrack "Endless Forms Most Beautiful" angelangt. Der flotte, treibende Einstieg wird sogleich von Floors Backgroundgesang, der an lockende Sirenen im Meer erinnert, unterlegt. Erwähnenswert sind aber auch die überaus rhythmischen, dem ein oder anderen sicherlich zu seichten Strophen, deren Härtegrad sich bis hin zur Bridge stetig steigert. Anschließend bieten uns Nightwish wieder einmal einen bestechenden Ohrwurm-Refrain, der beinahe schon in poppige Gefilde abdriftet und dabei eine der einprägsamsten und besten Melodien der Musikhistorie heraufbeschwört. Eben diese Pop-Elemente gehören meiner Ansicht nach aber auch in das Nightwish-Klanggebilde, da sie für einen hohen Unterhaltungswert auch bei ernsthaften und tiefgreifenden Themen sorgen. Trotz des Pop-Appeals, durch den sich der Track nahtlos in die Tracklist von "Dark Passion Play" einfügen würde, ist auch hier Vielfalt angesagt: Ein wenig Orchester-Bombast gepaart mit hämmernden Gitarren vor dem abschließenden, mit noch mehr Elan vorgetragenen Chorus sorgt für etwas Abwechslung. Die Lyrics sind wohl einer der inhaltlichen Mittelpunkte des Albums, da sie sich sehr explizit am Konzept des Albums, also an den titelgebenden Lebensformen dieses Planeten, orientieren: "Deeper down in Panthalassa / A eukaryote finds her way / We return to the very first one / Greet the one we'll soon become". Inhaltlich bewegen wir uns also auf den Anbeginn der Existenz zu.

Wesentlich phantastischer wird es mit "Edema Ruh", das vom Fantasy-Roman "Der Name des Windes" aus der Königsmörder-Chronik von Patrick Rothfuss inspiriert wurde. Die Edema Ruh sind in dieser Erzählung eine Gruppe von wandernden Unterhaltungskünstlern, und als solche sehen sich Nightwish ja auch. Es war also sehr naheliegend, diese vagabundierenden Musiker und Schauspieler in die Lyrics aufzunehmen und dabei vor allem auf ihre Fähigkeiten, den Zuschauern alle Sorgen zu nehmen, einzugehen: "We'll give you a key to open all of the gates / We'll show you a sea of starlight to drown all your cares / Mirrorhouses, the sweetest kisses and wines / A Debussy dialogue between wind and the roaring sea". "Edema Ruh" sollte nach den Planungen anstelle von "Élan" die Vorab-Single werden, doch Tuomas ließ sich von anderen Bandmitgliedern überzeugen, seine Auffassung zu ändern. Aber klar, in etwa geht der Song in dieselbe Richtung. Nach einer gefühlten Ewigkeit wartet hier endlich wieder ein Song mit Synthesizer-Elementen und Beats auf, was die sehr ruhigen, aber nicht minder majestätischen Strophen merklich aufwertet. Erwähnenswert ist auch das märchenhafte Keyboard-Intro, das den Startpunkt des Songs markiert. Aber auch der Chorus setzt sich sofort in den Gehörgängen fest und entweicht ihnen auch nicht mehr so schnell - auffällig ist dabei, dass er dynamisch und zugleich fragil ausfällt. Kurz vor dem Ende spielt sich Emppu mit einem virtuosen Gitarrensolo fast in einen Rausch, ehe Troy einmal mehr zum Einsatz kommt und das Lebensgefühl der Edema Ruh mit seiner angenehmen Stimme zum Ausdruck bringt. Davor dürfen seine Pipes natürlich nicht fehlen - selbsterklärend.

Wenn ich übrigens einen absoluten Favoriten von "Endless Forms Most Beautiful" nennen müsste, dann wäre es neben dem abschließenden "The Greatest Show On Earth" ganz sicher "Alpenglow". Die eleganten Klänge der Streicher leiten mitsamt der E-Gitarre ausufernd und höchst melodisch den weiteren Songverlauf ein, auffällig sind aber auch die zerbrechlichen, augenblicklich einnehmenden und von der Stimmung her sehr intensiven Strophen. Den absoluten Kontrast dazu liefert die darauffolgende Bridge, in welcher Floors Vocals beinahe rotzfrech und sehr kraftvoll erklingen. Insgesamt hätte der Song übrigens auch sehr gut zu Anette Olzons Stimme gepasst, die zauberhafte Stimmung des Liedes verlangt aber auch nach einem derartig sanften Ausdruck im Refrain und in den Strophen. Wie Tuomas in verschiedensten Interviews betont hat, enthält "Alpenglow" alle vorstellbaren Elemente, die ein Nightwish-Song benötigt, um mehr als hittauglich zu sein - da wurde beileibe nicht zu viel versprochen. Und als ob die ersten Verse des Refrains nicht schon eingängig genug wären, setzt dieser zu guter Letzt noch einen drauf und zieht das Tempo mitsamt eines schönen Reims beträchtlich an: "We were here / Roaming on the endless prairie / Writing an endless story / Building a Walden of our own / We were here / Grieving the saddened faces / Conquering the darkest places / Time to rest now and to finish the show / And become the music, one with Alpenglow". Wie man sieht, fallen die Verse wieder einmal sehr persönlich und intim aus, was sicherlich auch dem Charakter des Songs entspricht. Märchenhaft!

Das einzige Instrumental des Albums, "The Eyes of Sharbat Gula", trennt die ersten neun Lieder vom großen Finale, dem 24-minütigen Epos "The Greatest Show On Earth". Vor dem Release hätte man vielleicht eine Ähnlichkeit mit "Arabesque", dem Instrumental-Track vom letzten Album "Imaginaerum", vermutet - weit gefehlt. In den ersten Sekunden des Stücks setzen bedrohliche Trommeln und wohl eine akustische Gitarre ein, ehe sich das elegische Piano von Tuomas mit all seiner Dramatik und Melancholie hinzugesellt. Auf diesem Wege steigert sich der Song in ein hypnotisches Mantra, das von Flötenklängen und Troys Hintergrundgesang getragen wird, hinein. Trotz der knapp sechs Minuten Spielzeit ist dieses instrumentale Werk keineswegs langweilig, da der Song zwangsläufig so weit ausholen muss, um eine derart dichte Atmosphäre zu erzeugen. Darüber hinaus ist "The Eyes of Sharbat Gula" das beste Beispiel dafür, welch ein Gewinn Troys Stimme für Nightwish ist, denn eine andere Stimme wäre hier fehl am Platze gewesen. Etwa in der Mitte setzt ein bewegender Kinderchor ein, der das eigentliche Thema des Songs vor dem inneren Auge erscheinen lässt - man sieht, so grausam es ist, Kinder in den Krieg ziehen. Und schließlich soll das Lied genau das zum Ausdruck bringen - immerhin hat sich Tuomas sogar an Lyrics zu diesem Thema versucht, ehe Troy dazu geraten hat, es bei einem Instrumental zu belassen. Man wollte also ausschließlich mit Klängen Bilder erzeugen, die davon künden, wie schrecklich es ist, wenn Kinder für sinnlosen Krieg missbraucht werden. Mission erfüllt!

Das große Finale, Tuomas' Opus magnum, wurde als ultimativer Nightwish-Track angekündigt. Und da hat man beileibe nicht zu viel versprochen! Das epische und ausladende "The Greatest Show On Earth" erstreckt sich über satte 24 Minuten (!) und ist dabei in jeder Sekunde so unglaublich episch, dass man dafür eigentlich keinerlei Worte finden kann. Trotz des extrem auf Fakten basierenden, wissenschaftlichen Themas der Evolutionstheorie kommt im gesamten Song eine sehr mystische Atmosphäre auf, da sich das Lied sowohl musikalisch als auch inhaltlich in Dimensionen abspielt, die für einen nicht wirklich greifbar sind. Schon allein zum Zweck der Übersichtlichkeit, aber auch, um die grundlegenden Unterschiede zwischen den Parts zu betonen, wurde "The Greatest Show On Earth" in fünf Abschnitte unterteilt: "Four Point Six", "Life", "The Toolmaker", "The Understanding" und "Sea-Worn Driftwood". Allein in den Parts "Life" und "The Toolmaker" wartet der Song mit zwei unnachahmlichen Refrains auf, denen man widerstandlos ausgeliefert ist und denen man sich nicht entziehen kann. Doch beginnen wir mit "Four Point Six", welches sich auf eine Zeitreise begibt und die ersten Sekunden auf unserem Planeten besingt: "Archaean horizon / The first sunrise / On a pristine gaea / Opus perfectum / Somewhere there, us sleeping". Wer Tuomas' bewegendes Pianospiel auf den letzten Longplayern in dieser Deutlichkeit vermisst hat, der erhält spätestens zu Beginn des ersten Abschnitts die Vollbedienung. Sobald es erklingt, könnte man wahrhaftig in die Knie gehen, und dabei klingt es fast so, als habe man es dem Klassik-Genre entnommen. Melancholische Celloklänge führen in den musikalisch wohl traurigsten Augenblick des Gesamtwerkes ein, doch zuvor meldet sich auch das Orchester mit all seiner Macht zurück. Ohne Frage erhebt einen schon "Four Point Six" in die höchsten Sphären, denn exakt an dieser Stelle setzt Floor zum einzigen Mal ihren Soprangesang ein - und wie! Ganz gleich, wie kurz diese göttliche Passage auch sein mag, sie könnte mit all ihrer Epik glatt aus einem anderen Universum stammen!

Doch es geht natürlich weiter im Text. "Life" hat nicht nur einen herausragenden Refrain, es besingt zudem die Entstehung des Lebens - was sollte man bei diesem Untertitel auch anderes erwarten? Unter den Klängen der magischen Uilleann Pipe von Troy kommt Professor Richard Dawkins ein weiteres Mal zu Wort: "After sleeping through a hundred million centuries we have finally opened our eyes on a sumptuous planet, sparkling with color, bountiful with life. Within decades we must close our eyes again. Isn't it a noble, an enlightened way of spending our brief time in the sun, to work at understanding the universe and how we have come to wake up in it?" Darauf folgt eine druckvolle Melange aus Pipes, Orchester und Gitarre, bis die sehr kühlen Strophen, die beinahe gesprochen werden, durchaus Eindruck schinden. Man könnte diesem betont monotonen Gesangsstil durchaus eine musikalische Bezugnahme auf die Wissenschaft oder gar das Sci-Fi-Genre unterstellen, doch das wäre zu weit hergeholt. Im Gegensatz dazu fällt die Bridge wieder hochmelodisch aus und den Refrain kann man ohnehin getrost als erhebendsten Moment des gesamten Albums bezeichnen, da er mit einer unvergleichlichen Power, die kombiniert mit der Eingängigkeit ein weiterer Beweis für das unvergleichliche Kompositionstalent von Tuomas ist, daherkommt. "The Toolmaker" dagegen beschäftigt sich mit dem Gebaren der menschlichen Rasse, deren Aufkommen natürlich auch ein Teil der Geschichte dieses Planeten ist: "Enter Ionia, the cradle of thought / The architecture of understanding / The human lust to feel so exceptional / To rule the earth". Der Refrain spielt dagegen darauf an, dass das Wissen der Menschheit begrenzt ist und auf ewig sein wird: "Man, he took his time in the sun / Had a dream to understand / A single grain of sand / He gave birth to poetry / But one day'll cease to be / Greet the last light of the library". Der Part kündigt sich mit hypnotischen Trommeln und dem eindringlichen Chorgesang an, aber auch Tiergeräusche (unter anderem von Affen) sind recht bald zu vernehmen. Natürlich sind die Tierrufe eine Neuerung im Nightwish-Kosmos, sie fügen sich aber exzellent in den Longtrack und vor allem in seine textliche Ausgestaltung ein. In den druckvollen Strophen, die sehr metallisch daherkommen, teilen sich Floor und Marco ihre Parts, und eben diese zählen ebenfalls zu den stärksten Momenten auf "Endless Forms Most Beautiful". Der Refrain erinnert ein wenig an "Wish I had an Angel", was natürlich auch dem Duett zwischen den beiden Gesangskünstlern geschuldet ist. Definitiv aber beweisen Nightwish hier abermals Weltklasse beim Erschaffen eines monumentalen Refrains. Marco und Tuomas steuern mit "The Toolmaker" einen dieser Augenblicke bei, die einem die Sprache verschlagen. Inmitten des Geschehens taucht sogar ein kurzer Techno-Beat auf, und allein das sollte Indiz genug dafür sein, dass es hier immer wieder neue Details zu entdecken gibt.

Nach etwa 17 Minuten beginnt dann Part 4, "The Understanding". Man lässt es nun merklich ruhiger angehen und punktet abermals mit einem herzerweichenden Piano und ebenso tieftraurigen wie anmutigen Flötenklängen. Was dann folgt, ist der eindrucksvollste und inspirierendste Moment von Richard Dawkins. Wer kann die Augen vor solchen Worten verschließen? Untermalt von instrumentalen Klängen der allerhöchsten Güteklasse spricht er folgende Sätze: "We are going to die, and that makes us the lucky ones. Most people are never going to die because they are never going to be born. The potential people who could have been here in my place but who will in fact never see the light of day outnumber the sand grains of Sahara. Certainly those unborn ghosts include greater poets than Keats, scientists greater than Newton. We know this because the set of possible people allowed by our DNA so massively exceeds the set of actual people. In the teeth of those stupefying odds it is you and I, in our ordinariness, that are here. We privileged few, who won the lottery of birth against all odds, how dare we whine at our inevitable return to that prior state from which the vast majority have never stirred?" Die letzten Momente dagegen gehören dem bombastischen Finale, "Sea-Worn Driftwood". Die Reise findet mit einem weiteren bewegenden Zitat von Dawkins, weitläufigen Soundscapes, mystischen Ambient-Klängen und weiteren Tiergeräuschen ihr Ende. Und wer kann dem mächtigen Klangbild eines in die Lüfte springenden Wales schon widerstehen? Die Macht dieser klanglichen Metapher ist mit Worten nicht zu beschreiben und ein kraftvoller Appell an uns alle, besser auf unsere Erde, unsere natürliche Lebensgrundlage, zu achten. Eine Aufforderung, der Natur endlich Gehör zu schenken, anstatt sie zu zerstören. Und eine Anregung an alle Kreationisten, endlich dem Faktum der Evolution ins Auge zu blicken... Was nun endet, ist eine musikalische Reise durch Äonen. Anspruchsvoller geht es wahrlich nicht, und Nightwish sind ihren eigenen Ansprüchen wahrlich gerecht geworden.

Was also lehrt uns "Endless Forms Most Beautiful"? Zuallererst natürlich, dass sich Nightwish selbst nach einem Meisterwerk wie "Imaginaerum" noch weiterentwickeln können. Dies liegt natürlich an den neuen Einflüssen durch die hinzugestoßenen Bandmitglieder, aber auch an dem unfassbaren Talent von Tuomas Holopainen, durchweg herausragende Songs zu schreiben. Floor Jansen eilt mit ihren Vocals von Höhepunkt zu Höhepunkt - und selbst jene, die den häufigen Einsatz ihrer sanften Facette beklagen, sollten einsehen, dass dies den Songs durchaus gut tut. Insgesamt ist der Sound bedeutend bandorientierter als auf dem Vorgänger, was aber nicht bedeutet, dass das London Philharmonic Orchestra keine große Rolle mehr spielt. Es ist offenkundig, dass das Album die Fangemeinde - ebenso wie alle vorherigen Werke - spaltet, doch hält mich genau das nicht davon ab, es als das beste Nightwish-Album überhaupt zu betrachten. Nightwish setzen sich mit "Endless Forms Most Beautiful" ein weiteres Denkmal und bearbeiten im Zuge dessen sogar noch ein ebenso wichtiges wie gehaltvolles Thema, nämlich das der Evolutionsbiologie. Wer früher dachte, Nightwish und Realismus würden nicht zusammenpassen, der irrte gewaltig - hier ist schlicht und ergreifend ein wissenschaftliches Monument in musikalischer Form entstanden.
Kommentar Kommentare (8) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 15, 2015 6:24 AM MEST


Elan
Elan
Preis: EUR 6,99

12 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Positive Energie: Nightwish fangen den Zauber von Wissenschaft und Natur ein!, 13. Februar 2015
Rezension bezieht sich auf: Elan (Audio CD)
Es ist schon mehr als drei Jahre her, dass sich NIGHTWISH mit "Imaginaerum", ihrem letzten Studioalbum, ein Denkmal gesetzt haben. Mit vor Bombast und Epik nur so strotzenden Songs wie etwa "Scaretale", "Song of Myself", "Turn Loose the Mermaids", "Storytime" und "Rest Calm" begeisterten sie nicht nur die eingeschworene Fangemeinde, sondern auch die internationale Presse. Wie nie zuvor orientierte sich die bekannteste Symphonic Metal-Band der Welt an der Filmmusik, was natürlich zu einer sehr vordergründigen Ochestrierung und großflächigen Soundscapes führte. Ein Jahr später beschritt die Band rund um Mastermind Tuomas Holopainen dann gänzlich neue Wege: Mit dem Film "Imaginaerum" wurde ein visuelles Meisterwerk auf die Kinoleinwände gezaubert, welches bis zum heutigen Tage die Herzen der Zuschauer berührt und trotz des eher geringen Budgets zahlreiche Glanzpunkte setzte. Nightwish begaben sich mit diesem Großprojekt aus Album und Spielfilm auf eine zauberhafte Reise, die selbstverständlich von einer ausufernden Welttournee gekrönt wurde. Inmitten der internationalen Konzertreise kam es dann zur einvernehmlichen Trennung von Ex-Sängerin Anette Olzon und zum Zugang der neuen Frontfrau Floor Jansen (ReVamp, ex-After Forever). Einige Monate später, unter anderem nach frenetisch umjubelten Auftritten auf dem Wacken Open Air und dem M'era Luna Festival, wurde die neue Chanteuse auch als permanentes Mitglied in die Band aufgenommen, ebenso wie Troy Donockley, der sich für die Uilleann Pipes, Low Whistles, Bodhran, Bouzouki und Background-Gesang verantwortlich zeigt. Während der ersten Arbeiten am kommenden Longplayer "Endless Forms Most Beautiful" kam es dann noch zum dramatischen, aber hoffentlich nur vorübergehenden Ausstieg von Drummer Jukka Nevalainen, der sich aufgrund von andauernder Schlaflosigkeit aus der Band verabschieden wollte und musste. Seinen Platz eingenommen hat Kai Hahto, der vor allem durch die Band Wintersun bekannt geworden sein dürfte.

Doch nicht nur in der Bandbesetzung beschreiten Nightwish völlig neue Pfade, auch die Inhalte verweisen mit der neuen Single "Élan" in eine völlig ungewohnte, weil für die Band neuartige Richtung. Anstatt sich einmal mehr der Phantastik und großen Gefühlen zu widmen, begeben sich Nightwish an die Ufer der Wissenschaft und der Natur. Es geht um den Sinn des Lebens, die Ursprünge der Menschheit und am allermeisten um die Evolutionstheorie - das Mitwirken des weltweit bekannten Evolutionsbiologen Richard Dawkins im Rahmen des kommenden Albums ist da nur folgerichtig. Einen ersten Eindruck von den trotz der wissenschaftlichen Prägung sehr gefühlvollen und philosophischen Lyrics gibt uns nun die Single "Élan", ein erster Vorgeschmack auf das neue Meisterwerk aus der Feder von Tuomas Holopainen...

Schon bei der Betrachtung des Cover-Artworks, welches auf dem edlen Digipak der Single prangt, wird eines klar: Nightwish begeben sich mit ihrem neuen Kunstwerk mitten in die Welt der Natur und Freiheit, der Sprung des Protagonisten von der Klippe ins Meer verbildlicht diesen unglaublich lebensbejahenden Ansatz ganz vortrefflich. Schon jetzt eines meiner liebsten Cover-Artworks, da es nur so vor Energie, Anmut und Erhabenheit strotzt und augenblicklich einen visuellen Eindruck von den Emotionen, die im Song auf den Hörer losgelassen werden, vermittelt. Auffällig und zugleich von einer unglaublichen Schönheit geprägt - besser hätte man die Single nicht in Szene setzen können.

Aber natürlich geht es vorrangig um die Musik, und diese geht mit der Album Version des Titeltracks "Élan" direkt in die Vollen. Das gesamtheitlich eher sanfte Stück wird von den zarten Klängen der Low Whistle eingeleitet, ehe auch der Rest der Band einsetzt und dafür sorgt, dass der instrumentale Einstieg in die erste Strophe übergeht. Generell ist "Élan" sehr deutlich von keltischen bzw. folkigen Einflüssen geprägt, die von Troy sehr lebendig in die Gesamtkomposition gewoben wurden und ein Highlight nach jedem Refrain darstellen. Neben Troy übernimmt natürlich auch Sängerin Floor eine mehr als dominante Rolle, was bei ihrer energischen und kraftvollen Stimme aber auch kein Wunder ist. Eben dieser Gesang fällt diesmal aber bedeutend weniger rockig aus, als man es von Floor gerade bei ihren anderen bzw. früheren Bands gewohnt war, eher wird er hier von einer engelsgleichen Wärme und Zartheit bestimmt, die sich erst im letzten Refrain vollkommen entlädt und zu einer gesanglichen Explosion führt. Was für ein Spannungsbogen! Stilistisch könnte man meinen, es handele sich bei "Élan" um eine Mischung aus den älteren Songs "Nemo", "I Want My Tears Back" und "Last of the Wilds", doch damit würde man diesem erfrischenden, unbekümmerten Song mehr als unrecht tun. Die Aufbruchstimmung, die dieses Lied verkörpert, ist in jeder Sekunde der fast fünf Minuten Spielzeit greifbar - es ist ein Aufbruch in eine neue Ära, der durch "Élan" in atemberaubender Manier in Klänge gefasst wurde. So vereint das Lied inhaltliche Tiefgründigkeit mit musikalischer Eingängigkeit, und genau das ist eine Gratwanderung, die nur wenigen Künstlern gelingt. Auf der einen Seite ist die Single-Auskopplung eine Komposition, der man umgehend anhört, dass sie aus Tuomas' Feder stammt, auf der anderen Seite wirkt sie erstaunlich frisch und unverbraucht, und vor allem der großartige Refrain verhilft dem Track zum Status "Meisterwerk".

Aber wir wollen ja auch die inhaltliche Komponente thematisieren, also die durchweg positiven Lyrics von "Élan". "Élan" feiert das Leben in vollsten Zügen, es ist ein frenetischer Lobgesang auf unser Dasein auf diesem wunderschönen Planeten namens Erde. Ab und an findet man als aufmerksamer Leser des Texts durchaus Verse vor, die der Denkweise des zuvor benannten Richard Dawkins entsprechen könnten, aber das sollte bei diesem inhaltlichen Konzept auch niemanden verwundern. Viel zu oft wird Dawkins als Prediger einer negativen Geisteshaltung und Mentalität bezeichnet - in diesem Song wird deutlich, welch positive und lebensbejahende Ansätze man diesem Denken abgewinnen kann! "Leave the sleep and let the springtime talk / In tongues from the time before man / Listen to a daffodil tell her tale / Let the guest in, walk out, be the first to greet the morn" - ein wahres Fest für all jene, die die Lebensqualität und die Natur als untrennbare Einheit betrachten! Angesichts dessen kann man natürlich auch die starre Religiosität vieler Menschen in Zweifel ziehen: "Come to life, open mind, have a laugh at the orthodox", besser könnte man es wahrlich nicht ausdrücken! Tuomas Holopainen wählt also auch für die Lyrics einen völlig neuen Ansatz - so melancholisch und tieftraurig ("Two for Tragedy") wie sie früher oft waren, so euphorisch sind sie heute! Wenn Nightwish mit dieser Single Elan beweisen wollten, dann haben sie diesen eindeutig unter Beweis gestellt...

"Sagan", der Bonus-Track der Single, welcher allerdings nicht auf dem Album erscheinen wird, erinnert schon eher an die alten Tage von Nightwish. Carl Sagan, ein bekannter US-amerikanischer Astronom, Astrophysiker und Exobiologe, inspirierte die Band zu diesem Ohrwurm, der eigentlich eine viel gewichtigere Rolle verdient hätte als die des Bonus-Tracks. In der Tradition von herausragenden Bonus-Tracks wie etwa "Escapist" ist hier einmal mehr ein klangliches Kleinod entstanden, welches wahrlich nicht zur Nebensache degradiert werden sollte. "Sagan" beginnt ebenso mit den sanften Klängen der Low Whistle, dazu gesellt sich diesmal aber Tuomas' Piano - und wer dieses schon mal vernommen hat, der weiß, dass nichts anderes seine Emotionen so klar und so direkt ausdrückt wie eben dieses. Aufgrund des im Vergleich zu den letzten Alben zurückgegangenen Bombasts übernehmen die Pianoklänge ohnehin eine deutlich wichtigere Rolle, was den Melodien in "Sagan" absolut zugute kommt und von den Fans sehr lange schmerzlich vermisst wurde. Während die Strophen ähnlich ruhig verlaufen wie in "Élan", schwingt sich der Refrain von "Sagan" zu einem ungeahnten Tempo auf. Letztlich fällt es dem Chorus sehr leicht, sich augenblicklich in den Gehörgängen festzusetzen, zu unausweichlich ist die Eingängigkeit dieses in atemberaubender Manier vorgetragenen Refrains. Kurz vor dem Finale liefern sich Flöte und E-Gitarre noch ein mitreißendes Duell, welches in den allerletzten Vortrag des mitreißenden und tanzbaren Refrains mündet. Textlich steht vor allem die Intelligenz im Mittelpunkt: "Entering the unknown / Sending all the poets to the stars / Daring to see beyond the manmade / Woe to you who evade the horizon" - bildreicher und lyrischer könnte man auch diese Thematik nicht in Worte fassen. "Sagan" ist im Vergleich zu "Élan" mit mindestens derselben Qualität gesegnet, und so handelt es sich bei diesem zauberhaften Kunstwerk um einen der besten Songs, der je von Nightwish veröffentlicht wurde. Großes Kino!

Mit der Alternative Version von "Élan" sorgt Petri Alanko, führender Verantwortlicher bei den Arbeiten am Soundtrack zum "Imaginaerum"-Film, für einen weiteren Glanzpunkt auf dieser für eine Single gut bestückten Veröffentlichung. Seine Interpretation des Songs zeigt gänzlich neue Perspektiven auf und unterscheidet sich elementar von der Album Version. In seinem alternativen Klanggebilde geht es weitaus düsterer und bedrohlicher zu als in der eigentlichen Fassung, er setzt auf eine hervorstechende orchestrale Untermalung und zeitweise sogar auf elektronische Beats. Letztlich kommt der Song dadurch um einiges pompöser daher als in der Originalversion, er verliert aber auch ein wenig an Energie. Darüber hinaus darf man sich durchaus fragen, inwiefern die etwas betrübtere Atmosphäre zur positiven Grundstimmung des Songs passt - abgesehen davon ist es aber hochinteressant, das Lied aus einer völlig anderen Perspektive zu erleben. Ohne Frage eine gelungene Version eines noch viel gelungeneren Songs! Der Radio Edit von "Élan", welcher die Single ausklingen lässt, ist eine abgespeckte Version des gleichen Liedes. Er büßt gegenüber dem Original knapp 50 Sekunden an wertvoller Spielzeit ein, was sich vor allem im hier fehlenden Whistle-Intro und im ebenso fehlenden Abschluss des Songs, der eigentlich von den sanften Tönen einer akustischen Gitarre beschlossen wird, niederschlägt. Verzichtbar, aber für so manchen Radiosender sicherlich ein Glücksfall!

Was also bleibt nun noch zu sagen, wo ich doch so ausführlich über meine erste Reise in die neuen Welten von Nightwish berichtet habe? "Élan" ist ein absolut überragender Vorgeschmack auf das Ende März erscheinende Album "Endless Forms Most Beautiful", und auch unabhängig vom Album sind die beiden maßgeblichen Tracks, also "Élan" und "Sagan", Lieder der allerhöchsten Güteklasse. Nightwish nehmen sich hier überaus tiefgründigen Themen an, ohne dabei die Eingängigkeit und Konzerttauglichkeit außer Acht zu lassen. Für mich haben sie sich selbst übertroffen und schon mit der Single ein Monument geschaffen, welches erahnen lässt, dass ihr bisheriges Schaffen, welches ohne Frage zum Besten in der Musikhistorie gehört, mit dem kommenden Longplayer übertroffen wird. Obgleich ich den Bombast von Alben wie "Once" oder "Imaginaerum" zu lieben gelernt habe, fällt mir die reduzierte Orchestrierung absolut positiv auf - für frischen Wind ist also gesorgt! Apropos frischer Find: Floor Jansen läuft schon auf der Single zur Hochform auf, wie umwerfend sollen ihre Vocals dann erst auf dem Album sein? Die Spannung wurde in meinem Fall mit Sicherheit ins Unermessliche getrieben. Schmeichelhafter könnte eine Ode an die Wissenschaft nicht ausfallen: Wer sonst soll es schaffen, mit Klängen auszudrücken, dass der realen Natur und all ihren Lebewesen der größte Zauber innewohnt? Manchmal muss man sich eben nicht in ferne Welten träumen, um Magie zu erleben - unser zauberhafter Planet und die Klänge von Nightwish sind der beste Beweis dafür.
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Glenvore
Glenvore
Preis: EUR 8,99

0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Versunken im Märchenwald: Joran Elane erschafft auf Solopfaden ein paganes Monument!, 23. Dezember 2014
Rezension bezieht sich auf: Glenvore (MP3-Download)
Mehr als drei Jahre sind seit dem letzten Output der Dark Fantasy Folk-Band Elane vergangen, ehe Sängerin, Multiinstrumentalistin und Komponistin Joran Elane im Oktober dieses Jahres das Debütalbum ihres Soloprojektes, "Glenvore", veröffentlichte. Es ist allerdings durchaus angebracht, den Blick in die Vergangenheit zu richten, denn "Arcane - Music inspired by the Works of Kai Meyer" begeisterte damals beinahe alle Fans der populären Band, die sich mit ihren mystischen und verwunschenen Klängen eine ureigene Identität erschaffen hat und vor allem Wiedererkennungwert besitzt. Mit "Arcane" widmete man sich den Werken von Kai Meyer, einem der bundesweit bekanntesten Autoren der phantastischen Literatur - und was sollte besser vereint werden können als die zauberhafte Musik von Elane und die tiefgründigen, durchweg magischen Romane von Kai Meyer, die so viele Menschen in ihren Bann ziehen? Elane haben seinerzeit ohne Frage ihr Meisterstück abgeliefert und darüber hinaus für zeitlose Lieder wie etwa "My Ivory Fairy", "Magdalena", "Lurlinnight", "Deae Noctis" und "Goddess of the Night" gesorgt. Kreationen wie diese sind es, die die Hörerschaft aufhorchen lassen, wenn sich das Mastermind der Band auf Solopfade begibt - und wie die nun folgende Rezension beweist, bekommt die überaus talentierte Joran Elane eben diese Anerkennung zurecht. Niemand, der auch nur im Ansatz etwas mit zauberhaften Wesen wie Elfen, Hobbits und Zwergen, aber auch mit versierter, atmosphärischer Folk-Musik anfangen kann, sollte sich dieses Meisterwerk entgehen lassen! Entführen wir euch also in die fernen Welten von Glenvore und Cinnabar...

Die Produktion von "Glenvore" hat immerhin zwei Jahre eingenommen, so äußert sich Joran Elane im Interview mit "folknews.de" jedenfalls selbst. Es waren zwei Jahre, die das Land Glenvore wieder auferstehen lassen - glanzvoller und prächtiger als jemals zuvor! Um zu wissen, was Glenvore genau ist und von welcher Stimmung dieses Land, das immer wieder Bilder im Kopfe des Hörers entstehen lässt, erfüllt ist, muss man sich mit den Anfängen der Hauptband Elane befassen. Vor zehn Jahren - man darf also durchaus ein Jubiläum feiern - läuteten Elane den mystischen Reigen mit ihrem ersten Werk "The Fire of Glenvore" ein. Und schon damals wurde klar, wohin die Reise geht: Im Zentrum des Schaffens stehen verwunschene Wälder, erhabene Landschaften, kristallklare Flüsse und phantastische Gestalten. Auf diesen Wegen wandelt auch "Glenvore" - und allein aus diesem Grund könnte kein Albumtitel passender sein als eben jener, der die Welt dieser Kunst am eindringlichsten und direktesten beschreibt. Über eine Spielzeit von über 53 Minuten hinweg entfachen Joran Elane und ihr musikalischer Partner Anton von Schwaneck - auf den ich in den folgenden Absätzen noch ausführlich zu sprechen komme - ein wahres Feuerwerk der phantastischen und gefühlsbetonten Poesie, das zu jeder Zeit das Herz berührt.

Als Opener fungiert das gewaltige "Storm", welches nicht nur von Joran Elanes elfenhafter Stimme, sondern auch von Lady Mortes (Trobar de Morte) Künsten an der Drehleier profitiert. Das Stück wird von mystischen Gesängen eingeleitet, schon bald folgen allerdings zarte Flötenklänge, die einen förmlich in Trance versetzen. Natürlich setzt daraufhin die engelsgleiche Stimme von Joran Elane ein und nimmt uns augenblicklich in ferne Welten mit. Obgleich es sich bei "Storm" um einen vollwertigen Song handelt, hat die beschwörerische Atmosphäre im Zusammenspiel mit der Erhabenheit des Songs durchaus den Charakter eines Intros, was ihn zum perfekten Opener für das Gesamtkunstwerk macht. So beginnt "Glenvore" inhaltlich durchaus stürmisch, was fraglos auch dem Titel des dazugehörigen, ersten Songs entspricht, setzt sich aber ebenso emotional fort. "Storm" jedenfalls hat eine reinigende Wirkung auf den Hörer - ein Ansinnen, welches durch die Lyrics ganz offensichtlich wird: "Call the storm on a summer noon / The rain and the wind / May she clean the trees and soil / And our souls / And in the end let a fire arise / And in the end let a fire arise". So entzündet man in den Herzen der Hörerschaft wahrlich ein Feuer, denn schon der Beginn macht ungemeine Lust auf die darauffolgenden Minuten. Beeindruckend!

"Near by the Fireside", einer meiner absoluten Lieblingssongs vom Album, ist ein wunderschönes Duett zwischen Joran Elane und dem vorbezeichneten Anton von Schwaneck. Dieser bereist die Lande ansonsten mit seiner erfolgreichen Band "MinnePack" - seine Beteiligung am Soloprojekt von Joran Elane erweist sich allerdings als wahrer Gewinn! Warum? Selbstverständlich bereichert er das Hörvergnügen mit seinen Fähigkeiten an Doumbek, Bodhrán und Irish bouzouki. Aber das ist noch nicht alles, denn vor allem im zweiten Song präsentiert er uns auch noch seine ungeahnt schöne, einnehmende Stimme, die zu einem nie dagewesenen Duett der höchsten Güteklasse führt! Selbstredend ist Anton von Schwanecks stimmliche Beteiligung eine der größten Überraschungen dieser Veröffentlichung - die Qualität, die dadurch erzeugt wird, kann man sich aber auch auf möglichen Nachfolgern immer und immer wieder wünschen! Hier allerdings entwickelt sich ein wundervolles Zwiegespräch - oder eher ein Zwiegesang - zwischen der anmutigen Stimme von Joran Elane und der überaus sanften Stimme von Anton. Über den herausragenden Refrain, der nach den entzückenden Strophen folgt, wundert man sich angesichts der eingängigen Strophen schon fast - dann allerdings will er nicht mehr aus den Gehörgängen entschwinden! Als Aufforderung zum Feiern passt der Chorus wunderbar in das Gesamtkonzept der Lyrics, die eine gesellige Zusammenkunft von Menschen, Hobbits, Elfen und Zwergen beschreiben. Gegen Ende gesellt sich dann noch eine düstere Komponente hinzu, als Joran Elanes Flüstern einsetzt und den finalen Refrain einläutet. Die Marschroute, sich dem Weg der Magie und der Transzendenz vollends hingeben zu wollen, wird also konsequent fortgesetzt.

Mit "My Golden Land" geht es bedeutend ruhiger zu als im vorherigen, etwas beschwingteren "Near by the Fireside", und doch handelt es sich um einen der zentralen Songs des Albums. Sofort entfacht das Stück eine verträumte Stimmung, die sich gerade im fantastischen Refrain äußert. Musikalisch präsentiert sich "My Golden Land" wunderbar zurückgenommen und schlicht, was zum reinen und unverfälschten Charakter des Textes passt. Man muss sich lediglich darauf einlassen, von Joran Elane in ihr goldenes Land entführt zu werden, schon findet man sich in einer Welt wieder, in der die Unzulänglichkeiten und Missstände der Realität weit entfernt liegen... "Die Elfen des Waldes" dagegen ist der erste Song des Albums, der in deutscher Sprache verfasst wurde. Eine Zusammenfassung dieses zeitlosen Liedes zu verfassen, kommt im Grunde der Unmöglichkeit gleich, ich versuche es allerdings dennoch: Der perfekte Song für alle Liebhaber von Elfen und Elben! Wer sich so wie ich den zauberhaften Waldelben aus dem "Hobbit" verbunden fühlt, kommt hier definitiv auf seine Kosten, fühlt man sich doch umgehend in die Bücher von J.R.R. Tolkien oder auch in den aktuellen Film "Der Hobbit: Smaugs Einöde" versetzt. Hier denke ich vorrangig an den König der dort häufig präsenten Waldelben - Thranduil. Obwohl in der zweiten Strophe des Liedes kein König, sondern eine Königin, die alle Herzen erblühen lässt, besungen wird, erscheinen in meinen Gedanken immerzu Bilder des grimmigen, aber betörend schönen Elbenkönigs aus der Filmsaga. Letztlich ist "Die Elfen des Waldes" eine Ode an die Anmut der Waldelfen und an den ätherischen Glanz, den sie versprühen. Dem Refrain allein kann man schon endlose Schwärmereien zukommen lassen, so einnehmend ist seine Schönheit! All das führt dazu - ich gebe es gerne zu -, dass "Die Elfen des Waldes" mein absoluter Favorit aus der vorliegenden Tracklist ist. Mittelerde lässt grüßen!

"Quell aus Smaragd" - es geht also gleich mit einem weiteren deutschen Song weiter. Wie ein melodiöses Mantra erscheinen gleich zum Anbeginn die Strophen und erzählen dabei eine märchenhafte Geschichte. Im Gegensatz zu "Die Elfen des Waldes" ist "Quell aus Smaragd" sehr minimalistisch gehalten, wenn man die musikalische Komponente analysiert. Dadurch allerdings wird der zauberhafte Gesang in den Vordergrund gerückt, und auch für die tragenden Akustikgitarren gibt es genügend Raum. Richtet man seinen Fokus auf den Inhalt des Liedes, so wird einem mit jeder Sekunde klarer, dass es auf dieser Welt kein Stück geben könnte, welches die Einheit zwischen Mensch und Natur besser beschreibt. Es geht schlicht und ergreifend darum, Eins mit der natürlichen Umgebung zu werden, und so dienen Orte wie der Birkenhain, ein Berg und ein Bach als perfekte Schauplätze des Geschehens. Zur Abwechslung, auch wenn man diese aufgrund der hervorragenden Unterhaltung gar nicht benötigen würde, gibt es mit "Into the Vale" mal wieder einen Song in englischer Sprache auf die bezauberten Ohren. Schon die Strophen können in diesem Fall getrost als Ohrwurm bezeichnet werden, die Bridge allerdings gehört zum Prächtigsten, was ich in der Musikhistorie jemals gehört habe. Was aber passiert, wenn der Schleier der Träume gelüftet wird? Diese Frage muss sich ein jeder selbst beantworten, denn auch dieser Text lässt viel Raum für Interpretationen.

Das darauffolgende "Tower by the Lake" klingt in klanglicher Hinsicht fast wie ein Traditional, doch stammt die Musik aus der Feder von Joran Elane, die Lyrics allerdings sind Anton von Schwaneck zuzuschreiben. Während Joran Elane die Strophen völlig allein meistert und das so beispielhaft tut, wie man es von ihr seit vielen Jahren gewohnt ist, verschmelzen die Vocals von ihr und Anton im Refrain förmlich miteinander. Hier werden definitiv massenhaft Gänsehaut-Momente beschert! Und natürlich - wie sollte es auch anders sein - führen die herzerweichenden Klänge zu Lyrics, die vom schönsten Gefühl der Liebe erzählen, aber auch vom Schmerz, den diese mit sich bringen kann. "Winter's Night" passt in der zeitlichen Einordnung hervorragend in die aktuelle Jahreszeit des Winters, und ist somit der beste Soundtrack in der Phase der behaglichen Rauhnächte und natürlich auch in der Weihnachtszeit. Ein wahrlich winterliches Lied, das vor dem inneren Auge umgehend Bilder von verschneiten Landschaften und vereisten Seen aufkommen lässt, und mit all der Eiseskälte selbstredend auch Melancholie - in seiner Intensität der ergreifendste Song des gesamten Werkes! Bei aller Melancholie verbleibt jedoch auch ein Hoffnungsschimmer in der kältesten Einöde: "When ev'rything's lost / In the darkest night / We seek a new trail / In the darkest light[...]".

An neunter Stelle zelebriert Joran Elane den beklemmendsten Song der CD, "I build myself a house". Die Bezeichnung "beklemmend" ist aber keineswegs einer negativen Sichtweise geschuldet, ganz im Gegenteil! Durch die Stimmung, die hier verbreitet wird, wird die Klangkulisse umso packender. Darüber hinaus ist "I build myself a house" ein Lied, in das sich viele Hörer hineinversetzen können sollten, da die hier heraufbeschworene Szenerie durchaus mit dem Seelenleben vieler Menschen kompatibel sein dürfte. Es geht zumindest aus meiner Sicht darum, zu sich selbst zu finden, indem man sich in seinem Inneren metaphorische Häuser baut, die einem auch in schwierigen Phasen des Lebens Halt geben und die die eigene Persönlichkeit vervollständigen. So beklemmend, wie der musikalische Part auch ist, umso hoffnungsvoller sind die Lyrics, denn letztlich steht die Zurückgewinnung von Licht, Liebe und Empfindsamkeit im Vordergrund! Definitiv die massivste Beteiligung der Spielmänner von MinnePack findet man in "Thron aus Rubin" vor - und das könnte für den Song profitabler nicht sein! "Thron aus Rubin" wird thematisch vom uralten Volke der Zwerge beherrscht, demnach liegen die Gedanken an Erebor und den Einsamen Berg nicht fern. Der König unter dem Berge begleitet uns imaginär über die gesamte Spielzeit des Liedes, wenngleich viel eher sein Thron und die Pracht der Hallen, die ihn umgeben, besungen wird. Trotz all der wertvollen Schätze aus Silber, Gold und Edelsteinen entsteht eine Aura der Einsamkeit, sobald man sich der Atmosphäre von "Thron aus Rubin" hingibt. Kein Wunder, wie auch der Text beweist: "Keine Seele hält hier Wacht / [...] / Die Könige sind längst vergang'n". Erwähnen sollte man vielleicht, dass "Thron aus Rubin" wohl das pompöseste und bombastischste Lied von "Glenvore" ist, angesichts der erhabenen Hallen des Königs ist das aber auch kein Wunder - hier kommt eben zusammen, was zusammen gehört. Warum sollte man eine epische Thematik nicht auch mit epischer Musik stützen dürfen? So passt die instrumentale Umsetzung natürlich zu den gewaltigen Hallen der Zwerge, die stimmliche Begleitung durch Flickenmantel (MinnePack) ist sogar unverzichtbar - ein Lied über die königlichen Hallen dieses stolzen Volkes kann nicht ohne Vocals auskommen, denen man die zwergische Herkunft abnimmt und die diese verkörpern. Abschließend weise ich gerne auf die Teile des Textes hin, die in Latein vorgetragen werden: "Aurum, argentum, flamma aeterna..." - Gold, Silber und die ewige Flamme also. Und diese wird ewig brennen, wenn es nur weiterhin solch majestätische Kompositionen gibt!

Der krönende Abschluss von "Glenvore" ist im Bonus-Track "Herr Tannhäuser" zu finden, der von Anton von Schwaneck sowohl komponiert als auch mit einem Text ausgestattet wurde. Optisch fallen die Lyrics sofort durch die besondere Aufteilung in mehrere Teile, die durch separate Überschriften kenntlich gemacht werden, auf. So beginnt der Text mit dem "Aufbruch vom Venusberg" - daraufhin folgen dann noch "Heimkehr", "Sängerwettstreit", "Rastlose Suche" und "Rückkehr zum Venusberg". Wenngleich die Erzählung anfangs ein wenig kryptisch erscheint und erst erschlossen werden muss, verliert der Hörer mit der Zeit sein Herz an eben diese, da er nach und nach klarer sieht, was den wirklichen Aufbau der Storyline angeht. So verlässt der männliche Protagonist seine Liebste, um in seine frühere Heimat zu kehren. Was ihn dort erwartet, lässt ihn jedoch nicht vor Freude erstrahlen... Nicht nur durch die wiederholte Kombination aus Joran Elanes und Anton von Schwanecks Stimme kommt im Verlauf des Songs eine erhabene, fast mittelalterliche Stimmung auf, die durch den Vortrag des Kunstbegriffes "Lanlonlandelonlan" abermals intensiviert wird - man könnte beinahe von Minne reden, wenn man diesen Klängen Gehör schenkt. In diesem Sinne ist "Herr Tannhäuser" ein betont ruhiger, aber besonders stimmungsvoller Abschluss eines monumentalen Werks, der sich als Outro nicht besser eignen könnte. Angenehmer kann man den Hörer nicht wieder in die Realität entlassen!

Eine solch perfektionistische Künstlerin wie Joran Elane hat verständlicherweise auch an den optischen Teil ihrer Veröffentlichung gedacht. So erscheint "Glenvore" im aufwändig gestalteten Digipak, das zugunsten des Naturschutzes allerdings nicht eingeschweißt wurde. Endlich mal ein Künstler, der seine in den Texten zur Schau gestellte Naturliebe auch in reale Taten ummünzt! Allein Tatsachen wie diese sollten dazu führen, dass Joran Elane viel großflächiger unterstützt wird. Das Cover besticht mit einem Photo von Joran selbst - wie immer eine Augenweide und neben der Musik ein weiterer Kaufgrund. Im Inneren des durchweg hellen Digipaks befindet sich obendrein auch noch ein ausführliches Booklet, welches alle Texte, zahlreiche Artworks von Joran Elane selbst und die üblichen Credits enthält. Des Weiteren entzückt das Booklet mit feenhaften Abbildungen von Joran Elane und Anton von Schwaneck, die hier maßgeblich in der Nähe eines einladenden Gewässers gezeigt werden. "My Golden Land" bekommt da eine ganz andere Bedeutung... Noch viel wichtiger sind allerdings die besagten Artworks, die absolut aufwändig gezeichnet wurden und die Inhalte der Songs visualisieren. Auch hier hat es die Künstlerin mehr als nur geschafft, die Bedeutung des Zusammenspiels aus Musik und Bild zu verstehen. Grandios!

Was also verheißt "Glenvore", der Start in Joran Elanes Solokarriere, letztlich? Es ist prinzipiell sehr einfach, ein Fazit zu diesem eindringlichen und anmutigen Meisterwerk zu ziehen. Rein stilistisch sind sich die Songs der Tracklist allesamt durchaus ähnlich, doch weisen sie durchweg ureigene Merkmale und prägnante Melodien auf, die sie voneiander abheben und unterscheiden. Ich habe in meiner Einleitung von den zeitlosen Songs auf "Arcane" geschrieben, diese Zeitlosigkeit übertrifft Joran Elane meiner Meinung nach noch mal - und das hätte man vorher kaum für möglich halten können! Nun aber ist eben das Realität geworden, und Songs wie "Die Elfen des Waldes" und "Near by the Fireside" verzaubern meine Gehörgänge und auch mein Herz selbst nach vielen Monaten noch immer. Wie soll man diese einzigartige Vereinigung aus musikalischen Perlen künftig noch übertreffen? Eigentlich eine rhetorische Frage, denn diese Künstlerin weiß selbst am besten, wie man bisher Dagewesenes übertrifft. In Zeiten, in denen der Realismus die Überhand gewinnt und die Phantasie zur plumpen Nebensache degradiert wird, ist ein solches Werk nicht nur notwendig, sondern lebensnotwendig. Mit "Glenvore" erhält der Paganismus jedenfalls ein neues Ventil, und diese Tatsache erfreut mich zutiefst. Überwältigend!


Per Aspera Ad Aspera-This Is Gothic Novel Rock
Per Aspera Ad Aspera-This Is Gothic Novel Rock
Preis: EUR 17,99

17 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen ASP breiten ihr Klangimperium vor uns aus und entführen erzählerisch in eine Welt der Schauergeschichten, 26. September 2014
Diese Rezension bezieht sich auf die 3CD-Fan-Edition:

Welche Band dieser Tage kann schon einen ähnlich ausführlichen, zugleich aber auch qualitativ herausragenden Backkatalog wie ASP vorweisen? Wenn mir die Discografien anderer Künstler so durch den Kopf gehen, dann komme ich immer wieder zum selben Schluss: Niemand kann ein so breit gefächertes Repertoire an abwechslungsreicher und gehaltvoller, gleichzeitig aber auch extrem eingängiger und tanzbarer Musik aufbieten! Ähnlich wie bei der mittlerweile ausverkauften Werkschau "Horror Vacui - The eeriest tales of ASP so far", welche im Jahr 2008 erschienen ist und somit schon einige Jahre auf dem Buckel hat, liefert das außergewöhnlichste Ensemble der Schwarzen Szene nun eine Anthologie mit dem intelligenten wie passenden Namen "Per aspera ad aspera - This is Gothic Novel Rock" ab. Ich möchte in dieser Rezension die wie immer im höchsten Maße aufwändig gestaltete Fan-Edition besprechen, obwohl es diese nur im ASP-Shop und auf den Konzerten der Band zum Erwerb geben wird - sie ist gemeinsam mit der 5LP-Vinyl-Box definitiv die luxuriöseste Ausgabe dieser ganz besonderen Veröffentlichung, und diesem Aufwand, der von der Band einmal mehr betrieben wurde, muss man auch gerecht werden. Die 3CD-Fan-Edition kommt mit gleich drei Discs daher, wobei die ersten beiden CDs als Best-Of-Part dieser Veröffentlichung fungieren und somit vor allem neue Fans in den Bann der aspschen Klangwelten ziehen sollen - der dritte Tonträger dagegen ist ein Geschenk an die langjährigen Fans.

Genug der grundsätzlichen Erläuterungen - die von zahlreichen Meisterwerken gepflasterte ASP-Historie kann von Worten einfach nicht angemessen wiedergegeben werden! Kümmern wir uns um die retrospektive Veröffentlichung, mit der ASP kurz vor ihrer in wenigen Tagen beginnenden Jubiläumstournee an den Start gehen! Fünfzehn Jahre ASP sind Grund genug, um auf das Vergangene zurückzublicken, um die Geschehnisse revue passieren zu lassen - nur um den Blick dann wieder nach vorn zu richten! "Per aspera ad aspera - This is Gothic Novel Rock" ist Ausdruck des Tatendrangs, der Mastermind Asp schon immer angetrieben hat. Der Titel der Werkschau wurde nicht nur vom gleichnamigen Song, sondern auch vom lateinischen Sprichwort "Per aspera ad astra" - "Durch das Raue zu den Sternen" - abgeleitet. Allerdings hat die von ASP ein wenig umformulierte Weisheit eine gänzlich andere Bedeutung, und diese lässt sich mit ein wenig Logik augenblicklich erschließen. Kein Sprichwort könnte besser zu ASP passen! Sieht man nun mal vom Titel ab und betrachtet das neue Werk der Band von außen, raubt es einem schlicht und ergreifend den Atem! Die limitierte Fan-Edition kommt mit einem etwa 18 x 18 cm großen Schuber daher, und dieser ist auch noch mit schwarzem Leinen kaschiert - als erstes springt jedoch das „Crystal Drop“-Element auf der Frontseite des Schubers ins Auge. Ein Blickfang, den ich im Musikbusiness so noch nicht zu Gesicht bekommen habe! Hier lediglich von einer Augenweide zu reden, wäre maßlos untertrieben, immerhin ist der aufwändige "Tintenklecks" das zentrale optische Element der Hülle. Der Schmetterling, wie man ihn nur im ASP-Kosmos kennt, prangt hier über allem und lockt den Betrachter auf direktem Wege in seine melancholische Welt. Atemberaubend! Darüber hinaus sollte man an dieser Stelle auch den innovativen Weg loben, den ASP hier auch in den Angelegenheiten des Designs wieder gehen. Kaum eine Band hat sich so häufig neu erfunden - nicht nur in musikalischer Hinsicht, sondern auch im Bezug auf die Artworks und die Gestaltung! Wenn man den Schuber dann entfernt, was übrigens mehr als leicht fällt, hält man auch schon das Hardcover-Buch in den Händen, welches die drei CDs beheimatet. Auf dem wunderschönen Buch ist natürlich das eigentliche Cover-Artwork, wie es auf der offiziellen Website der Band schon zuvor enthüllt wurde, zu sehen. So gewohnt man diese liebevollen Arbeiten mittlerweile ist, wenn es um neue ASP-Werke geht, so besonders bleiben sie - man sollte all den Aufwand nie als selbstverständlich erachten, denn das ist er in Zeiten von lieblosen Jewel-Cases mitnichten. Jene, die schon von den Äußerlichkeiten tief beeindruckt waren, sollten unbedingt in das Innere des Buches schauen, denn dort verbergen sich 33 (!) brandneue Zeichnungen des weltbekannten Künstlers Timo Wuerz, welcher schon seit dem Album "fremd" (wieder) mit ASP zusammenarbeitet. Zum Glück!

Als Opener der von Asp liebevoll und mit viel Bedacht zusammengestellten Compilation fungiert "Wechselbalg" - ein Stück, welches die Fans schon auf der gleichnamigen Single in den damals völlig neuen "Fremder"-Zyklus geleitete. Auch ich habe den rockigen, tanzbaren Song vom ersten Augenblick an nicht mehr aus dem Kopf bekommen, und dieser erfreuliche Zustand hält bis zum heutigen Tage an. So vortrefflich, wie der Song den "Fremder"-Zyklus einleitet und als Bindeglied zwischen den beiden ASP-Zyklen dient, so vortrefflich eignet er sich auch als Beginn dieser Tracklist. Sowohl langjährige Fans als auch neu hinzugewonnene Hörer werden sich von diesem Songjuwel, das überdies auch live ganz wunderbar funktioniert, umgehend gefangen nehmen lassen - und es ist das wohl erste Gefängnis, in dem man Behaglichkeit empfindet. Während die Strophen noch sehr gediegen und erzählerisch daherkommen, explodiert der Refrain mit seinen unwiderstehlichen Ohrwurm-Qualitäten völlig. Ein absoluter Kracher gleich zum Start!
Mit "Zaubererbruder", welches gemeinsam mit dem Subway to Sally-Frontmann Eric Fish eingesungen wurde, folgt ein Stück aus dem Krabat-Liederzyklus. Nicht nur auf dem ebenso betitelten Studioalbum "Zaubererbruder", sondern auch bei den Unplugged-Konzerten von Asps Von Zaubererbrüdern (dort allerdings im Duett mit Tossi!) euphorisiert es das Publikum seit vielen Jahren. Selbstredend liegt das an dem märchenhaften Text, welcher die Verbundenheit zwischen den zwei Lehrlingen in den Fängen des finsteren Meisters in Worte fasst, allerdings wird auch der epische Refrain mitsamt der beiden einzigartigen Stimmen von Asp und Eric Fish seinen Teil dazu beigetragen haben. An dritter Stelle wird es dann bedeutend düsterer und zuweilen auch beklemmend: "Die Löcher in der Menge" vom letztjährigen Studioalbum "Maskenhaft - Ein Versinken in elf Bildern" folgt sogleich. Inspiriert von den "Löchern in der Menge" aus der Arkadien-Reihe des Autoren Kai Meyer erwächst ein durchgängig rockiger Song, der sich weder in den Strophen noch im unnachahmlichen Refrain eine Pause gönnt. Was letztlich bleibt, ist eine packende Schauergeschichte, die den Hörer ergreift und in ihre Welt mitnimmt - und genau das wird auch durch die gelungene Zeichnung von Timo Wuerz ausgedrückt. In einer unübersichtlichen Menschenmenge sind hier ganz eindeutig die Löcher in der Menge zu sehen - und wehe dem, der ihre roten Augen nicht erkennt...

"Biotopia" dagegen ist mittlerweile ein zeitloser ASP-Klassiker, obwohl das Stück auch "erst" sieben Jahre alt ist - es stammt nämlich vom Epos "Requiembryo", dem Abschluss der Saga rund um den Schwarzen Schmetterling. Noch heute ist "Biotopia" einer meiner absoluten Lieblingssongs und ich freue mich sehr, diesen auf der aktuellen Retrospektive wiederzufinden - ein durchweg melodisches Lied, fast eine Ballade, welche von der unausweichlichen Einsamkeit eines jeden Individuums erzählt. Ein jeder erfriert einsam in der Schale seines Seins, so die Lyrics - und doch gibt es noch einen Hoffnungsschimmer am Horizont, denn man wartet noch immer "auf dich"... Das dazugehörige Kunstwerk von Timo Wuerz ist das wohl atemberaubendste des gesamten Buches, werden die Protagonisten hier doch jeweils einzeln auf einem eigenen Eiland "im endlosen Meer" dargestellt. Natürlich sind ihnen Stacheln gewachsen, denn die Distanz zwischen den Seelen scheint unüberbrückbar... Besser hätte man dieses musikalische Kleinod nicht visualisieren können!
Noch gesellschaftskritischer wird es mit "Ich bin ein wahrer Satan", welches in der etwas kürzeren Single-Version zu hören ist. Auch "Carpe noctem", vielleicht mein genreübergreifender Lieblingssong überhaupt, beschäftigt sich mit recht deutlicher Gesellschaftskritik, verbindet diese aber mit romantischen Elementen. Eine Gratwanderung, die hier - wie sollte es bei einem solch grandiosen Textdichter wie Asp auch anders sein - absolut perfekt gelingt! So fremd, wie uns die Welt mitsamt ihrer menschlichen Bewohner auch ist - es gibt immer noch die Möglichkeit, sein Paradies in der Zweisamkeit, in der Liebe, zu finden. Genau das drückt "Carpe noctem" mit sehr warmen Worten aus, wenngleich man auch den Bezug zur Zuflucht in der Schwarzen Szene herstellen kann, denn selbst wenn der Tag, an dem man sich der "Spezies Mensch doch zugehörig fühlt" niemals kommt, so bleibt einem immer noch die Nacht...

An siebter Stelle erklingt mit "Weichen[t]stellung" ein weiterer Song von der rebellischen "GeistErfahrer"-EP. Nach Asps eigenen Angaben handelt es sich dabei um einen der schönsten Refrains, die er je erdacht hat. Und ich kann da nur zustimmen! Während die Einleitung des Liedes ein wahres Brett ist, fallen die üblichen Bestandteile aus Strophen und Refrain weitaus melodischer aus. In den Strophen machen sich vor allem elektronische Beats breit, der definitiv zum Ohrwurm taugliche Refrain dagegen wird von den Gitarren getragen. Thema der Lyrics sind unter anderem, wie der Songtitel schon sagt, die Weichenstellungen im eigenen Leben, was auch die persönliche Entscheidungsfreiheit einschließt. Ein traumhaftes Lied, welches sich seinen festen Platz in jeder ASP-Setlist mehr als verdient hat! "Wer sonst?", ein eher hartes als zartes Duett mit In Extremo-Frontmann Micha Rhein, behält die gesellschaftskritischen Töne bei und ermuntert darüber hinaus dazu, die "Stimme im Sturm" zu sein. Ein weiterer Klassiker und All-Time-Favourite der Fans ist selbstverständlich "Stille der Nacht [Ein Weihnachtsmärchen]". Ganz so idyllisch, wie es der Titel erscheinen lassen mag, geht es inhaltlich zwar nicht zu, die musikalische Umsetzung aber strotzt nur so vor Harmonie und Melodien, die nicht mehr aus dem Gedächtnis entschwinden wollen. Kurz darauf können wir uns schon das zweite Stück aus dem "Zaubererbruder"-Zwischenalbum, nämlich "Denn ich bin der Meister", anhören. Die Macht des Meisters über seine Schüler wird hier so deutlich wie in sonst keinem anderen Song, und trotz dieser Thematik der Unterdrückung fallen die Klänge erstaunlich beschwingt und mitreißend aus.

Als nächstes begeistern uns ASP mit "Eisige Wirklichkeit" in der "Contra Uermes"-Version - auf den zweiten Blick wird sicherlich ein jeder die Veränderungen bemerken, die diese Fassung mit sich bringt. Da dieser durch harte Beats und einen donnernden Refrain geprägte Song nach seinem Erscheinen auf dem Album "fremd" von den Fans zur zweiten Single des Albums gewählt wurde, ist es mehr als logisch, dass er auch auf der Anthologie erscheint. "Wanderer" hingegen geht es bedeutend ruhiger an, handelt es sich doch um einen der gemächlichsten Songs des "Maskenhaft"-Albums. Die Zerrissenheit des Erzählers, dessen Weltbild in sich zusammenbricht, zerreißt auch den Hörer, und eben diese emotionale Darstellung wird auch neue Hörer, die erst durch die Anthologie zu ASP finden, einfangen. Habe ich zu Beginn dieser Rezension betont, wie gefühlvoll die ASP-Lyrics sind und dass gerade sie den Anstoß dazu geben können, seinen Emotionen freien Lauf zu lassen? "Wanderer" ist dafür das beste Beispiel, und dafür braucht es noch nicht einmal die wirklich schöne visuelle Aufbereitung, die einen Mann vor einem Labyrinth zeigt - Metaphern gibt es also nicht nur in der Lyrik, sondern auch in der Malerei!

Das in englischer Sprache vorgetragene "How far would you go? [The 6th of September]" passt nicht nur sehr gut in den aktuellen Release-Monat, sondern auch auf die Werkschau selbst. Ganz abgesehen davon, dass er neuen Hörern eine weitere Facette von ASP zeigt, weil er eben nicht auf Deutsch gesungen wird, handelt es sich um einen der kraftvollsten Songs der Schaffensgeschichte dieser einmaligen Band. Zwar ist "How far would you go?" tief im Schmetterlings-Zyklus verwurzelt, doch finden auch neu hinzugestoßene Hörer schnell Zugang zur Wucht dieses Stücks, welches mit seiner Kombination aus Elektronik- und Rockelementen einfach alles richtig macht. Und nun folgt ein Bonbon für die langjährigen Hörer, welche eigentlich alle Lieder der ersten beiden Discs bereits besitzen: "Schwarzer Schmetterling" in einer Live-Version von der letztjährigen "Maskenball"-Tournee. Noch viel dynamischer als auf dem Debütalbum "Hast du mich vermisst?" tritt der Song live in Erscheinung, und er ruft ohne Umschweife Bilder vom Schwarzen Schmetterling in uns hervor. Eingefleischte Fans bekommen eine bis dato unveröffentlichte Live-Aufnahme für ihre Sammlung, was sie sehr erfreuen dürfte. "Weißt du, wer ich bin?"... Der Abschluss der ersten CD in Form der "Stripped Down Piano Version" von "Rücken an Rücken" lässt dann alle Dämme brechen. An diesem Beispiel bemerkt man übrigens, wie viele Gedanken sich Asp beim Erstellen der Tracklist gemacht hat! Er wählte die genau richtige Version dieses Liedes aus, denn die zarten Pianoklänge im Zusammenspiel mit seinem sanften Gesang machen das ohnehin sehr leidvolle Stück zu einem wahren Herzensbrecher. Auch hier sollte das begleitende Bild von Timo Wuerz erwähnt werden - Mann und Frau stehen auf dem Schlachtfeld und kämpfen "Rücken an Rücken"...

Da wir den Abschluss der ersten Disc nun hinter uns haben, befassen wir uns näher mit der zweiten CD, die eine Fortsetzung des "Best Of"-Programms darstellt. Der zweite Tonträger wird von "Die Kreatur mit der stählernen Maske" eröffnet, welches uns nach dem "Augenaufschlag" auch den Beginn des Albums "Maskenhaft" versüßte. Demnach finden wir hier wieder einen mehr als passenden Opener vor, der uns in die beklemmende Welt des Maskentragens entführt. Donnernde Gitarrenriffs geleiten uns in die hypnotischen Strophen - und genau diese führen uns zu einem der mächtigsten Refrains, den ASP je zu bieten hatten. Es ist allerdings zu erwähnen, dass es sich bei der Version auf der Anthologie um eine etwas kürzere "Edit"-Variante des Liedes handelt, was dem Hörvergnügen aber keinen Abbruch tut.
"Sing Child" präsentiert uns dagegen ein völlig anderes Gesicht der Band. Da dieser Everblack ebenfalls auf dem sehr elektronischen Debütalbum der Band zu finden ist, geht es betont tanzbar zu - ein wahrer Tanzflächen-Killer! Nach knapp vier Minuten geht es auch schon weiter und mit "Werben" wird um neue Hörer geworben. Ally Storchs Geige veredelt auch die "Horror Vacui-Version" dieses aus der Discografie nicht mehr wegzudenkenden Songs und stellt ein zentrales Element dieses doch sehr folkigen Stückes dar. Hier braucht man definitiv keine Aufforderung mehr, um gefälligst das Tanzbein zu schwingen! Die eigentliche Tragik dieses Liedes wird dem Hörer allerdings erst bewusst, wenn er sich die Lyrics zu Gemüte führt oder das begleitende Bild im Buch anschaut - Unmengen an Ratten fliehen aus einer Stadt, die vom Geige spielenden (wie passend!) Tod heimgesucht wird.

"Reflexionen" - ebenso ein taufrisches Lied vom letzten Album - folgt auf dem Fuße, und zum dritten Male kann ich guten Gewissens mitteilen, dass es sich um einen meiner Lieblingssongs handelt. Ein wahrhaft elegisches Stück, durchaus auch einer der ruhigeren Momente auf der Anthologie, doch erwächst gerade daraus eine ganz besondere Stimmung, die über die gesamte Spieldauer des Liedes erhalten bleibt. Inhaltlich schlägt der Song in eine ähnliche Kerbe wie "Die Kreatur mit der stählernen Maske" - dies ist aber auch kein Wunder, immerhin gehören beide Lieder zum selben Handlungsstrang. Letztlich sind aber alle Versuche des Protagonisten, seine Maske zu zerstören, vergeblich, und zurück bleibt ein fassungsloser Hörer, der sich in diesem Song nicht selten selbst wiedererkannt haben wird.
Wenn ein Lied auf dieser Zusammenstellung NICHT fehlen durfte, dann ist es "Ich will brennen" - DER ASP-Hit schlechthin. Über alle Szenegrenzen hinaus ist der Titel selbst bei Personen bekannt, die ansonsten nichts mit den Klängen von ASP anfangen können. Logische Konsequenz dessen ist, dass "Ich will brennen" uns auch auf "Per aspera ad aspera" beglückt, und zwar in seiner gelungenen Neuaufnahme von der "Horror Vacui"-Werkschau. Das darauffolgende "Me" dürfte nicht nur aus dem einzigen ASP-Musikvideo, welches überall hohe Wellen geschlagen hat, bekannt sein. Einmal mehr treffen wir auf einen englischen Titel, diesmal vom Album "Aus der Tiefe". Mit seiner tiefen Grabesstimme entführt uns Asp in die Welt des Dunklen Turms - und nachdem wir diesen Song, der sowohl in seiner rockigen Variante als auch akustisch funktioniert, gehört haben, wollen wir diesem auch nicht mehr entfliehen. Etwas mehr Tempo dagegen nimmt "FremdkörPerson, erstens" auf, welches sich ebenso mit dem prägenden Thema des Fremdfühlens beschäftigt. Einige sprachliche Bilder im ansonsten sehr offensichtlichen Text intensivieren das Hörerlebnis, welches ansonsten vor allem von den druckvollen Gitarren und dem tiefen Bass aufgewertet wird. Das "Minnelied der Incubi", gemeinhin auch unter ":Duett" bekannt, stößt dann wieder in romantischere Gefilde vor und macht wie so manch anderes Stück Gebrauch von Allys Geige - ein Ohrenschmaus par excellence! Kenner werden das Geheimnis hinter den Lyrics schon längst kennen, aber auch Neulinge werden schnell dahinter kommen, wenn sie dem Duett nur andächtig genug lauschen. Durch die blutige Rose neben den Lyrics wird der Charakter des Liedes natürlich perfekt verbildlicht, besser hätte man es nicht lösen können.

Knapp neun Minuten nimmt die "Ballade von der Erweckung" ein, und damit handelt es sich bei dieser majestätischen Ballade um das längste Lied der neuen Werkschau - vor allem handelt es sich aber einmal mehr um einen meiner Favoriten und um einen wahren Schatz der Musikgeschichte. Inspiriert vom Traditional "Fünf Söhne" begeben sich ASP hier in himmlische Gefilde, welche nicht nur einmal für pure Gänsehaut sorgen. Nicht nur bei den Konzerten, sondern auch in der Studioaufnahme weckt der Song eine unstillbare Sehnsucht nach etwas nicht näher Definierbarem. Ein Künstler, der in seinen Hörern derartige Gefühle auslöst, muss einfach alles richtig gemacht haben! "Mein Herz erkennt dich immer", welches zusammen mit der wundervollen Elisabeth Pawelke (ex-Faun, Almara) eingesungen wurde, begibt sich auf ähnlich folkiges Terrain wie die vorherige "Ballade von der Erweckung". Das schönste Liebeslied, welches wohl jemals geschrieben wurde, vereint die ergreifende Stimme von Asp, welcher noch nie so ungemein sanft geklungen hat, mit der berauschenden Stimme von Lisa und dem virtuosen Geigenspiel von Ally Storch. Was dabei herauskommt, ist ein balladeskes Wunderwerk, das sich vor keinem anderen Stück verstecken muss. Wem hier nicht das Herz aufgeht, der hat gar keines! Genauso geht es mir übrigens bei der dazugehörigen Zeichnung, die uns die Kantorka, wie sie auf ihren geliebten Krabat in Form eines Rabens wartet und ihn schließlich empfängt, präsentiert.
"Krabat" fasst die Geschichte rund um Krabat - wie sollte es auch anders sein - inhaltlich zusammen und setzt dieses inhaltliche Ansinnen musikalisch betont treibend und tanzbar um, wenngleich auch hier das fragile Geigenspiel von Ally zu hören ist.

Das Finale der Compilation wird vom zur Abwechslung mal wieder gesellschaftskritischen "Schwarzes Blut" eingeläutet. In seiner Club-Version ist das Gewand des Songs noch wuchtiger, noch energetischer und noch flammender. Warum flammend? Weil jedem einzelnen Fan die Füße brennen werden, sobald er dieses Stück auch nur einmal live gehört hat! Letztlich ist "Schwarzes Blut" eine Ode an das Lebensgefühl der Schwarzen Szene, ein Ausdruck einer bewundernswerten Lebenseinstellung und vor allem ein direktes Statement der Band. Vorwärts! Abwärts! So soll es auch die nächsten fünfzehn Jahre sein.
Der erste Song der Band, welcher sich durch die Lande gefräst und zahllose Individuen begeistert hat, war sicherlich "Und wir tanzten [Ungeschickte Liebesbriefe]" - allein schon aufgrund dieser Tatsache ist das Lied nicht mehr wegzudenken. So verhält es sich auch auf "Per aspera ad aspera" - was wäre eine Best-Of ohne dieses Lied? Ohne dieses Lied, welches jeden Hörer mit Schmerz erfüllt und gleichzeitig ungemein viel Trost spendet? Mit "Kokon" sind wir auch schon beim vorletzten Stück der zweiten Disc angekommen - und wie beim vorletzten Lied der ersten Disc handelt es sich um eine neue Live-Aufnahme von der "Maskenball"-Tournee 2013. Die Fans kommen also auf ihre Kosten! Wenn ich die beiden Live-Mitschnitte schon mal miteinander vergleiche, dann muss ich auch konstatieren, dass "Kokon" live ebenso eine noch größere Kraft entfalten kann, obgleich schon die Albumversion vor Energie nur so strotzt. Das letzte Artwork, welches ich in dieser Rezension gesondert erwähnen will, bezieht sich auch auf "Kokon" - ein Embyro ist gefangen in einem Kokon, der an einem Ast hängt. Beschlossen wird die Best Of-Komponente von "Per aspera ad aspera", welches nicht nur aufgrund dessen, weil es der Titeltrack ist, ein krönender Abschluss ist. Der Song an sich ist ähnlich wie "Sündige Heilige" von der Bonus-CD eine Art Bandhymne, welche den Blick der Band auf ihren eigenen Weg in Worte fasst. Untermalt von unnachgiebigen Gitarrenriffs fügt sich hier ein Gesamtbild zusammen, welches nicht geeigneter sein könnte, um die Anthologie dieser Band zu betiteln. Welche Worte könnten besser zu ASP passen? Richtig, es lassen sich keine finden, denn Asp hat genau das mit dieser genialen Abwandlung des weltbekannten Sprichworts bereits getan.

Nach der Pflicht folgt die Kür, könnte man sagen: Die dritte Disc ist ein besonderer Leckerbissen für die langjährigen Fans und ausschließlich im Rahmen der Fan-Edition und der 5LP-Vinyl-Box zu bekommen. Da sage noch mal einer, ASP würden sich nicht um ihre Fans kümmern! Auf CD 3 tummeln sich rare und sogar neue Songs und Cover-Versionen geben sich mit weiteren Überraschungen die Klinke in die Hand. So beginnt der zauberhafte Reigen mit dem Cover "Man of Constant Sorrow", welches eigentlich ein amerikanisches Traditional ist. Aus genau diesem Grund erscheint die Melodieführung auch betont folkig, wenngleich die Instrumentierung eher mit Härte besticht. Unter dieser Gitarrenwand jedoch ertönt der elegische, sehnsüchtige Gesang von Asp, der es noch dazu geschafft hat, eine "kleine gesangliche Reminiszenz" (Zitat, siehe Facebook) an den ASP-Song "How far would you go?" einzubauen. Eine Wahnsinnsleistung! Die meisten Künstler vermögen es nicht, ein Lied mit verschiedenen Ebenen zu spicken, doch ASP haben in der Vergangenheit schon des Öfteren hörbare Erinnerungen an ältere Stücke eingeflochten. Mit dem vorab bereits erwähnten "Sündige Heilige" folgt eine Bandhymne, die die Hallen auf der kommenden Tournee und auch danach zum Überkochen bringen wird! Im ASP-typischen Stil und doch ganz frisch und unverbraucht rockt sich die Band durch diesen knapp viereinhalbminütigen Song, und es wäre untertrieben zu sagen, dass es sich dabei lediglich um einen Ohrwurm handelt! Nein, dieses Lied hat die Kraft von gleich zehn Ohrwürmern und ich weiß schon jetzt nicht, wie ich ihn jemals wieder aus dem Kopf kriegen soll! Will ich das überhaupt? Die Lyrics jedenfalls sind schonungslos und beschäftigen sich sowohl mit der Vergangenheit der Band als auch mit ihrer Gegenwart. Dabei machen sie auch Gebrauch von humorvollen Wortspielen - oder hat wer schon mal vom "unbunten Hund" gehört?

Darüber hinaus konnte Alex Storm, der nimmermüde und unglaublich fleißige Boss des ASP-Labels "Trisol Music", die finnische Band The 69 Eyes für eine Cover-Version des ASP-Klassikers "Sanctus | Benedictus" gewinnen - und dafür sollte man dem Mann die nächsten tausend Jahre lang auf Knien danken! Mit all ihrer Coolness und der tiefen Stimme von Sänger Jyrki 69, die obendrein auch noch wunderbar zum Song passt, haben die Eyes eine herrliche Eigeninterpretation eines herrlichen Songs gebastelt. Gebastelt hat auch Asp, nämlich eine englische Neuauflage des eigentlich deutschen Textes! Wenn man jemandem so etwas zutrauen kann, dann definitiv ihm. Das Ergebnis jedenfalls spricht Bände! "I Don't Wanna Be Me" (ein Type O Negative-Cover) hatte schon auf dem M'era Luna 2013 mitreißende Wirkung, und ganz getreu dem Wunsch unzähliger Fans haben ASP ihre eigene Version des Songs verewigt. Da ich auf dem letztjährigen M'era Luna ebenfalls anwesend war, haben mich die Gedanken an diesen Song bis heute umtrieben, und glücklicherweise hat die Band nun Abhilfe geschaffen. Danke dafür, der Track könnte nicht besser zu ASP passen!
Eine weitere Live-Version, diesmal allerdings von der "GeistErfahrer"-Tour 2012, folgt in Form von "ÜberHärte". Der vielleicht härteste Song der ASP-Historie geizt nicht mit deftigen Riffs und beweist sogar noch Humor, wenn das häufig belächelte Genre der "Neuen Deutschen Härte" in die Lyrics implementiert wird. Nichtsdestotrotz handelt es sich natürlich um ein tragisches Thema, welches dem Lied zugrunde liegt. Die Kälte der Welt und ihr Einfluss auf die immer mehr versteinernden Menschen sollte auf alle Fälle ein Thema sein, welches jeden einzelnen beschäftigt. Wie so oft versuchen ASP, die beinahe erstarrte Menschheit wachzurütteln, auch wenn alles verloren scheint... Musikalisch profitiert "ÜberHärte" von Lutz Demmlers Growls - und dass es diese in sich haben, hat er live schon häufig genug bewiesen!

Das zweite Projekt, in welchem Asp mitwirkt, schlägt eher leise Töne an: Asps Von Zaubererbrüdern. Und so hat sich das Ensemble der Zaubererbrüder- und schwestern gedacht, dass sich eine noch ruhigere, absolut folkige Version des epischen "Unverwandt" lohnen könnte. Und das tut sie zu 100%! War der Song schon in seinem Original von Allys Geige geprägt, kann er in seiner "Regentropfen-Fassung" auch noch mit einem Cello, Flöten, gegen Ende sehr dominanten Bagpipes und vielen weiteren Instrumenten aufwarten. Gänsehaut garantiert! Bleibt nur noch zu hoffen, dass sich das Akustik-Ensemble auch live an "Unverwandt" heranwagt - verdient hätte es diese überraschende Version allemal.
Die bisher noch ein wenig unbekanntere Kombo Spielbann - im letzten Jahr noch Support von ASP im Zuge ihrer Mäzenatentumult-Aktion - hat sich noch dazu aufgemacht, um ihre eigene Version des bewegenden "Schneefall in der Hölle" zu schaffen. Ergebnis dessen ist ein Duett der Liebenden, eigens für dieses Cover von Asp höchstselbst umgeschrieben und den beteiligten Sängern wie auf den Leib geschnitten. Entgegen aller Erwartungen, die ich nach dem Hören der Hörprobe zu diesem Cover hatte, ist es dann doch sehr schön geworden. Vor allem, weil Spielbann dem Stück gänzlich unerwartete Facetten entlocken konnten, was erst durch die Kombination aus weiblicher und männlicher Stimme ermöglicht wird.

Ebenso wenig meinem Geschmack entspricht die Stimme von Alexander Wesselsky, dem Sänger der NDH-Band Eisbrecher. An achter Position der Bonus-CD folgt nämlich deren Cover-Version von "Schwarzes Blut". Zwar hätten sich Eisbrecher ganz ihrem Genre entsprechend keinen besseren Song für ihr Vorhaben aussuchen können - "Schwarzes Blut" ist ganz grundsätzlich ja schon von einer gewissen Härte geprägt - allerdings sprechen mich sowohl die stimmliche als auch die musikalische Umsetzung überhaupt nicht an. Fans der Band und auch so einige ASP-Fans werden sicherlich vollauf begeistert sein, immerhin geben die Jungs von Eisbrecher ganz sicher alles, doch bleiben derartige Umsetzungen letztlich eine Geschmacksfrage.
Nun zum endgültigen Abschluss der Fan-Edition, hier muss ich allerdings ein wenig weiter ausholen. Habe ich vor wenigen Augenblicken noch von "großem Kino" geschwafelt? Wenn das Spielbann-Cover großes Kino ist, dann ist "Die vielen Jahre" das Paradies auf Erden. Gemeinsam mit Vincent Sorg hat sich Asp hier an einen Song gemacht, dem man sich schlicht und ergreifend nicht entziehen kann. Gänsehaut wird hier neu definiert! So kann ich vor diesem Konglomerat aus wehmütigem Text und herzzereißender Musik nur den imaginären Hut ziehen - diese Power-Ballade zieht ihre ungemeine Kraft aus mehreren bestimmenden Faktoren. Wenn im Refrain Asps Stimme einsetzt und die höchsten Höhen der Sangeskunst erklimmt, wird einem der Boden unter den Füßen hinfortgerissen und es scheint, als falle tonnenschweres Blei auf das eigene, viel zu schwache Herz hinab... Ich bin sprachlos.

Wie es bei ASP-Veröffentlichungen - es ist immerhin seit Jahren meine absolute Lieblingsband - üblich ist, fällt ein zusammenfassendes Fazit nicht schwer. "Per aspera ad aspera - This is Gothic Novel Rock" ist ein Pflichtkauf für alle Fans und jene, die es werden wollen! Die unvergleichliche Schaffensgeschichte der Band wird auf den ersten beiden Tonträgern pünktlich zum fünfzehnjährigen Bestehen gefeiert, während die Bonus-CD ein ganz besonderer Leckerbissen für alle ASP-Süchtigen ist. Wenn der geneigte Hörer sich mal vor Augen führt, wie viel Unglaubliches die Band in den letzten Jahren geleistet hat, dann erschlägt es ihn förmlich, allerdings im positivsten aller Sinne. Diese Rezension ist ganz eindeutig der Bericht eines eingefleischten Fans, Kritik an dieser unfehlbaren Band braucht also niemand zu erwarten - zumal es nicht mal einen einzigen Anlass zu eben dieser gibt! Rezensenten, die nun also wieder unreflektiert nörgeln, kann ganz schnell der Wind aus den Segeln genommen werden. Ein jeder, der sich die brandneue Anthologie kauft, wird von ihrer Perfektion ein Lied singen können! Und schon wäre jedes Gemecker dahin. "Per aspera ad aspera" ist ein weiterer Meilenstein der ASP-Historie und wird ganz gewiss unzähligen Menschen beweisen, welch unermessliche Kreativität dieses Ensemble an den Tag legen kann! Definitiv: "This is Gothic Novel Rock!" Aber vom Feinsten.


Luna
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Preis: EUR 12,73

9 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen LUNA: Märchenhaftes Refugium für Mondsüchtige und alle, die es werden wollen - Faun besinnen sich auf ihre Wurzeln!, 5. September 2014
Rezension bezieht sich auf: Luna (Audio CD)
Mittlerweile haben die Faune schon 15 Jahre auf dem Buckel - es scheint, als seien Äonen vergangen, seitdem Oliver s.Tyr, Birgit Muggenthaler (heute Schandmaul) und Werner Schwab die Band gegründet haben. Faun sind ohne Frage die Mitbegründer des Pagan Folk - eines Genres, welches den Glauben an eine beseelte Natur und den Respekt vor den Bewohnern eben dieser in den Mittelpunkt stellt. Für mich persönlich sind die Faune etwas ganz Besonderes, dies möchte ich schon zu Beginn dieser Rezension festhalten - seit vielen Jahren begleiten, inspirieren und verzaubern sie mich. Ganz gleich, ob auf Konzerten oder auf ihren zahlreichen Alben, die magischer nicht sein könnten, Faun und die Ideale, die durch die Band vorgelebt werden, sind für mich einer der wichtigsten Bestandteile des Lebens, daher bitte ich um etwas Nachsicht ob der emotionalen Betrachtung des neuen Albums "Luna".

Die Bandbesetzung ist gegenwärtig eine völlig andere als in den Gründungstagen der Band: Neben Mastermind Oliver s.Tyr (Gesang, Bouzouki, Nyckelharpa, keltische Harfe, Saz, Contrabasharpa und Maultrommel) bestehen die Faune aus der bezaubernden Multiinstrumentalistin Fiona Rüggeberg (Gesang, Flöte, Chalumeaux, Dudelsack, Rebap, Hackbrett), der seit dem letzten Album dazugestoßenen Katja Moslehner (Gesang), Rüdiger Maul (Drums, Percussion), Niel Mitra (Sampler, Synthesizer, Beats) und Stephan Groth (Gesang, Drehleier, Cister, Flöte). Zahlreiche Meisterwerke wie das melancholische "Totem" (2007), das farbenfrohe und vielfältige "Eden" (2011), "Renaissance" (2005) und "Buch der Balladen" (2009) begeistern die treuen Fans noch heute und gelten noch immer als Referenz im Folk-Genre, was nicht nur mit der mal schwelgerischen, mal tanzbaren Musik, sondern auch mit den zumeist aus der Feder von Oliver s.Tyr stammenden Lyrics zu erklären ist. Das letzte Album "Von den Elben" stellte eindeutig einen Umbruch im Lager der Faune dar, war es doch untrennbar mit dem Wechsel zum Major-Label "Universal" und zum Produzententeam von "Valicon" verbunden. Vielen Hörern sagte der stilistische Wandel und die Beteiligerung Dritter am Kompositionsprozess nicht zu, wenngleich auch "Von den Elben" einige Lichtblicke inmitten des glanzpolierten Einstiegs in die Welt der großen Plattenfirmen zu bieten hatte. Nichtsdestotrotz muss auch ich zugeben, dass "Von den Elben" mit der Ausnahme weniger Stücke nicht meinem Geschmack entsprach, weshalb ich die Entwicklung der Faune nun noch viel gespannter verfolge. Während Lieder wie der großteils vom Album "Licht" bekannte Tanz "Andro II", "Wenn wir uns wiedersehen" und "Thymian & Rosmarin" durchaus für Hoffnung sorgten, schlugen Songs nach dem Beispiel von "Bring mich nach Haus", "Wilde Rose" und "Tanz mit mir" ein negatives Kapitel auf.

Trotz allem haben die Faune sich und ihre Ideale niemals aufgegeben: Wer die akustische Konzertreise nach der Veröffentlichung von "Von den Elben" besucht hat, der hat die Faune in ihrer gewohnten Spielfreude und mit all dem Zauber, der sie umgibt, gesehen. Auch die darauffolgenden Konzerte auf verschiedensten Mittelaltermärkten und auf der "Von den Elben"-Tour haben bewiesen, dass die Faune den von ihnen schon vor vielen Jahren eingeschlagenen Pfad nie verlassen haben. Die Faune stehen wie kaum jemand sonst für ihre Visionen, ihre Ideale und ihre musikalische Ausrichtung, was man den handelnden Personen auch anmerkt. Wer die Faune kennt, der wird mir da ganz sicher zustimmen - das alte Lebensgefühl ist noch immer da! Anderthalb Jahre nach Release des umstrittenen Vorgängers erscheint nun endlich "Luna" - nach Aussage der Band ein musikalisches Werk, das von den Mythen des Mondes erzählt. Welch glanzvolle Umschreibung! Die ersten Bilder vor dem inneren Auge künden von etwas Großem, der silbrige Mondschein des Erdbegleiters bleibt seit der Ankündigung allgegenwärtig. In den letzten Wochen wurden dann auch die Hörproben zu "Luna" veröffentlicht, welche auf ein geteiltes Echo der Fangemeinde gestoßen sind. Während ein Teil der Hörer schon anhand der Hörproben erkennen konnte, dass die Faune zu ihren Wurzeln zurückgefunden haben und wieder höchste Qualität abliefern, beschränkte sich der andere Teil auf die ewigen "Schlager!"-Rufe. Da stellt sich dem, der noch gesunde Ohren hat, doch die Frage: Was bitte haben die Faune auf ihrem aktuellen Werk mit dem zu recht verpönten Schlager-Genre zu tun? Richtig, nichts. Bereits die Snippets haben alle Hoffnungen erfüllt, man konnte die sehnlichst vermissten Instrumentalparts wieder hören, überaus lyrische Texte und Kompositionen, die ergreifender nicht sein könnten. Doch was bleibt davon, wenn man sich das Gesamtwerk vor Augen (bzw. vor die Ohren) führt? Genau das möchte ich in der folgenden, doch sehr ausführlichen Rezension, beleuchten.

Allein optisch wirkt die Aufmachung der "Deluxe Edition" betörend. Die limitierte Ausgabe bietet definitiv eines der schönsten Cover der Faun-Historie, immerhin prangt ein Abbild des Mondes auf tiefblauem Hintergrund, umgeben von einer umwerfenden Silberprägung. Unbedingt zugreifen, solange die Möglichkeit noch besteht! Schöner kann man ein Album kaum gestalten, und der Mond als zentrales Thema des musikalischen Werks ist als Cover-Motiv ja auch mehr als passend. Sobald man den Schuber mit dem silbrig schimmernden Cover dann entfernt, hält man auch schon ein ebenso luxuriöses Digipak in Händen. Auf diesem ist das eigentliche Cover der Standard-Ausgabe zu sehen: Die Mondgöttin höchstselbst begrüßt den geneigten Hörer und entführt ihn in ihre zauberhafte Welt. An dieser Stelle wird sofort ein weiterer inhaltlicher Aspekt des Albums deutlich, der durch die grafische Darstellung visualisiert wird: Es geht um den Kontrast des weiblichen Mondes gegenüber der männlichen Sonne, welche für Tatendrang, Realismus und Materialismus steht. Der weibliche Mond dagegen rückt die Gefühle, die Intuition und die Träume in den Vordergrund - Aspekte, die in der schnelllebigen Gesellschaft der heutigen Zeit fast vergessen zu sein scheinen. Die Faune dagegen nehmen sich dieser Thematik an und drücken schon mit dem Cover-Artwork aus, wohin die Reise gehen soll. Nachtschwarze und dunkelblaue Farbtöne zeichnen ein Bild von Mystik und Andersweltlichkeit. Göttinnenverehrung als spiritueller Mittelpunkt des Albums ist ganz eindeutig erkennbar, womit auch der spirituelle bzw. pagane Teil der faunischen Philosophie Zuwendung bekommt. Ein besseres Gesicht könnte man "Luna" nicht geben!

Grundsätzlich befassen sich die Faune auf "Luna" mit den verschiedensten Facetten der Nacht. Weder Mystizismus, noch Spiritualität, Melancholie oder Heiterkeit kommen zu kurz, sodass sich im Laufe der Tracklist ein absolut stimmiges Gesamtbild erschließt. Letztlich ist "Luna" auch ein Appell an jene, die in ihrem Alltag gefangen sind und im Wahne des Realismus völlig außer Acht lassen, dass es auch Raum für Mystik, Phantasie, Glaube und magische Momente geben muss, sofern man sich in der Realität nicht vollkommen verlieren will. So sehr die Lyrics auf "Luna" auch eine Einheit bilden, man könnte das Werk auch ein Konzeptalbum nennen, so sehr unterscheidet sich die musikalische Ausgestaltung von Song zu Song. Vielfalt und Ideenreichtum wird hier groß geschrieben!

Als Intro fungiert der "Luna Prolog" - ein knapp einminütiges Stück, welches für sphärische Stimmung sorgt und den Hörer umgehend in die Welten der Nacht befördert. So manches Mal sind im Hintergrund leise Gesänge zu vernehmen, doch insgesamt kann man das Stück doch als instrumentale Einleitung in das Album verstehen. Der gleißende Mondschein macht sich jedenfalls umgehend in den Gedanken des Zuhörers breit und verlässt diese noch nicht einmal mehr, sobald das Album abgeschlossen ist.
Mit "Walpurgisnacht" haben die Faune als eigentlichen Opener einen ungemein tanzbaren Song auserkoren, der auch als Vorlage für das dazugehörige Musikvideo dient. Apropos Video: Die "Walpurgisnacht" zeigt sich im Video auch optisch gesehen von ihrer besten Seite! Wie kein anderer verstehen es die Faune, die Impressionen zur "Walpurgisnacht" zu liefern und einen unwiderstehlichen Feuerreigen zu zaubern. Kostüme wie nicht von dieser Welt, eine bestens aufgelegte Band und ein durchaus interessanter Handlungsstrang machen das Video zu diesem Song zu etwas ganz Außergewöhnlichem! Unbedingt ansehen!
Auf akustischer Ebene ist "Walpurgisnacht" einfach als perfekte Wahl für den ersten Song zu betrachten, drückt er doch die positiven Seiten dieser magischen Nacht mehr als leidenschaftlich aus. Das Fest, auch Beltane genannt, nimmt den Hörer in ferne Welten mit - in eine Nacht, in der die Grenzen zwischen unserer Welt und der Anderswelt verschwimmen. Auch aus meiner Sicht ist es essentiell, die Walpurgisnacht aus absolut heiterer und positiver Sicht zu besingen, was den Faunen in ihrem dazugehörigen Lied auf alle Fälle gelungen ist. Atemberaubend sind auch die zahlreichen Instrumentalparts inmitten des Songs, welche einer schwedischen Polska nachempfunden sind. Und das soll Mainstream sein? Mitnichten!

"Buntes Volk" beschert uns an dritter Stelle ein Duett mit Michael Rhein von In Extremo. Während Fiona mit ihrer wundervollen Stimme ein unbedarftes Mädchen, welches dem Zauber der Freiheit erliegt und sich dem Leben der fahrenden Spielleute anschließt, verkörpert, schlüpft Michael Rhein in die Rolle des freiheitsliebenden Spielmannes. Dabei muss er allerdings gar nicht in eine Rolle schlüpfen, denn durch seine Tätigkeit als Sänger von In Extremo ist er sowieso ungemein geeignet für diesen Part als raubeiniger Barde. Der gesamte Text dient in diesem Sinne als Symbol für die Freiheit und Unbekümmertheit, wobei es mit "verehrt und angespien" auch das Motto von In Extremo in die Verse geschafft hat. Das aber nur als Randbemerkung. Musikalisch geht es absolut eingängig zu, wobei die instrumentalen Dudelsack- und Drehleierparts nach dem Refrain sehr viel Abwechslung bringen und zugleich ungemein tanzbar sind! Ich muss zugeben, dass In Extremo mittlerweile nicht mehr so wirklich meine Baustelle sind, nachdem ich unter anderem durch sie zur mittelalterlich geprägten Musik gefunden habe. Leider liegt mir Mittelalterrock im weitesten Sinne aktuell eher fern, zumal ich mit der rauen Stimme des Frontmannes nicht allzu viel anfangen kann. In "Buntes Volk" aber erfüllt Michael Rhein seinen Part mehr als vortrefflich und trägt dazu bei, dass ein eingängiges Stück geschaffen wurde, welches durch seine Eingängigkeit mit Sicherheit auch Türen öffnen wird, was die breite Masse angeht. Mit Sicherheit nicht der beste Song auf "Luna", doch ganz bestimmt ein hörenswerter Teil der Musikhistorie!

Kurz darauf folgt mit dem "Menuett" das wohl romantischste Lied auf dem neuen Album der Faune. Die Lyrics sind eine Bearbeitung eines Gedichtes von William Butler Yeats, welcher von 1865 bis 1939 lebte. So berichtet der Text von der andersweltlichen Erfahrung eines jungen Mädchens, dessen ganzes Leben sich nach einem verhängnisvollen Augenblick verändert. Sie trifft auf einen Jüngling aus der Anderswelt und verfällt ihm und seiner unvergleichlichen Schönheit. Wie das Schicksal es will, verschwindet der Gute und zurück bleibt ein Mädchen, welches dazu verdammt ist, nur mit einem einzigen Ziel durch die Welt zu wandeln - sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die goldenen Äpfel der Sonne und die silbernen Äpfel des Mondes zu finden, um den Angebeteten wiedersehen zu können. Die Mythen des alten England bringen Äpfel mit Avalon, der Insel der Äpfel, in Verbindung. So könnten die Äpfel dazu dienen, eine Verbindung zur Anderswelt zu schaffen, um den Jüngling endlich wieder in die Arme schließen zu können...
Die Klangkulisse erweist sich ebenso wie der Text als kristallklare Perle des Albums und als wahrhaftiges Kleinod. Ruhig geht es zu, zumeist verträumt und schwelgerisch, dabei aber auch immer anmutig und zauberhaft. Wenn man einen Song mit derartigen Attributen beschreiben kann, dann haben die Komponisten ganz gewiss alles richtig gemacht!

An Stelle fünf verzaubern uns die Faune mit "Hekate", einem meiner absoluten Favoriten von "Luna" und einem der besten Stücke der Bandgeschichte! Die Faune spielen sich hier im Angesicht des unglaublich emotionalen und spirituellen Textes in einen unwirklichen Rausch, der ganz sicher für tranceartige Zustände bei jenen Hörern, die sich diesem Meisterwerk vollkommen ergeben, sorgen wird. Das Lied ist eine träumerische Ode an Hekate, die Göttin der Magie und die Wächterin der Tore zwischen den Welten. Eine Liebeserklärung an die magische Göttin, welche dem Protagonisten nicht nur Halt gibt, sondern ihm auch all seine Träume beschert. Klanglich gesehen geht es hier mehr als bombastisch zu: Während die gediegenen Strophen noch von Olivers sanfter, einfühlsamer Stimme getragen werden, überrascht im Refrain ein pompöser Chor, der an Dramatik nicht zu überbieten ist und dafür sorgt, dass die Welt in diesem Moment still steht. Mehr als erwähnenswert ist auch das Artwork, welches die weltbekannte Zeichnerin Victoria Frances zum Song "Hekate" gezaubert hat - ein düsteres Kunstwerk, welches den Hörer beim Genuss der Klänge in schier atemberaubender Manier begleitet.

In "Blaue Stunde" folgt Stephans erste wirkliche Gesangsbeteiligung an vorderster Front, was Studioaufnahmen der Faune angeht. Sein Gesang kommt sehr klar, hell und ästhetisch daher, was wunderbar zur inhaltlichen Grundlage der Lyrics passt. Diese erzählen nämlich von einem Jüngling, welcher in der titelgebenden blauen Stunde kurz vor Anbruch der Nacht einer feenhaften Schönheit begegnet und ihr daraufhin verfällt. Sein Geist kann daraufhin nicht mehr zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden, was die Geschichte zu einer Erzählung der leidvollen Art macht. Nichtsdestotrotz begeistert mich die Tragik dieses Textes ungemein und sie berührt mich darüber hinaus tief im Herzen. Ferner sollte man erwähnen, dass kurz vor dem finalen Refrain ein wahnsinniges Solo von Stephans Drehleier einsetzt, welches gemeinsam mit Niels druckvollen Beats eine wunderbare Einheit bildet und das Lied zum Pflichtprogramm für alle künftigen Konzerte macht! "Cuncti Simus" nennt sich der darauffolgende Mariengesang, welcher langjährigen Begleitern der Band schon von zahlreichen Konzerten bekannt sein dürfte. In lateinischer Sprache wird der Archetyp der Muttergöttin besungen. Und wie! Sonja Drakulich, auf deren hervorragende Band Stellamara ich nur zu gern hinweise, verleiht dem Lied ihre atemberaubende Stimme, und im Mittelteil des Songs erreicht ihre Stimme ungeahnte Höhen. Zum Niederknien!

"Hörst du die Trommeln" dagegen unterscheidet sich in seiner Stilistik arg vom vorangegangenen Stück. Es ist definitiv eines der eingängigsten Stücke des Albums, und doch beschert es vor allem in seinem Refrain elegische Momente, die an allen Ecken und Enden Magie versprühen. Passend zum Titel wird der Song beinahe durchgängig von hämmernden Trommelschlägen begleitet, was ihm ein gehöriges Maß an Wucht und Energie verleiht. Auffällig ist natürlich auch die verzerrte Stimme von Oliver s.Tyr, welche für Faun-Verhältnisse absolut innovativ und für langjährige Fans durchaus überraschend ist, doch passt sich dieser technische Eingriff den Gegebenheiten des Songs mehr als dienlich an. Muss ich den Refrain wirklich nochmal loben? "Hörst du die Trommeln" beinhaltet fraglos einen der besten Refrains der Faun-Historie, und er hämmert so wie seine Trommelschläge permanent in meinen Gehörgängen! Ohrwurm? Auf jeden Fall!
Und der Text erst! Wer danach noch immer keine Lust verspürt, im Mondlicht zu tanzen, dem kann auch nicht mehr weitergeholfen werden! Ganz konkret geht es um das Ausleben der persönlichen Leidenschaften und Träumereien, welche in der Vergangenheit häufig mit Schuld beladen wurden. Daher ist der Song auch ein Sinnbild für die Komponente der Freiheit, für die Anziehungskraft der Nacht.

Nach den mystischen, dunklen Momenten in "Hörst du die Trommeln" setzen die Faune "Luna" in "Die wilde Jagd" betont heiter fort. Diese Fröhlichkeit ist ein weiterer Gesichtspunkt des Albums, wenngleich diese Facette selten zum Vorschein kommt. Dass die beschwingten Momente auf "Luna" so rar gesät sind, erfreut mich allerdings sehr, denn Mystik und Melancholie stehen den Faunen einfach bedeutend besser zu Gesicht. So ist auch "Die wilde Jagd" ein wirklich guter Song, der für mich aber zu den schwächsten Exemplaren seiner Zunft zählt, zumindest im Rahmen von "Luna". Aus rein atmosphärischer Sicht ergreift mich die Stimmung des Songs einfach nicht so sehr wie die anderen, wenngleich die zugrunde liegende Erzählung große Spannung mit sich bringt. Die schwarzen Künste geraten hier in den Fokus, ein dunkler Zauberer begehrt ein junges Mädchen. Da dieses der Zauberkunst allerdings ebenfalls mächtig ist, entwickelt sich ein rasantes Duell zwischen den beiden Magiern... Mit gutem Ende für die junge Frau natürlich. Ein wenig ähnelt das inhaltliche Konzept dem Song "Verwandlungen I-III" aus dem Hause ASP (Album: "Zaubererbruder - Der Krabat-Liederzyklus"). Auch hier liefern sich Krabat und sein finsterer Meister einen packenden Wettstreit.

Mit "Frau Erde" tauchen wir wieder ein wenig mehr in die endlosen Tiefen der Mystik ein. Der Song ist zu großen Teilen Katja Moslehner zu verdanken, und so trohnt ihr glockenheller Gesang hier auch über allem. Die Lyrics sind leider nicht sonderlich lang, sodass die erste Strophe zum Schluss noch einmal wiederholt wird, man kann genau das aber auch einfach als Stilmittel im Sinne der Betonung eben dieser Verse betrachten. Es handelt sich schlicht und ergreifend um ein Wiegenlied, das trotz seiner kompakten Instrumentierung einen der inhaltlichen Mittelpunkte von "Luna" darstellt. Die Erde träumt und der Mond wacht über der Szenerie... Welch ein ergreifendes Bild!
"Hymne der Nacht" kennen die meisten Wegbegleiter der Faune schon von den Konzerten der letzten Zeit. Ganz so wie das vorherige "Frau Erde" durch die Inspiration von Katja zustande kommen konnte, so ist die "Hymne der Nacht" ein Abbild der überragenden Kunstfertigkeit von Mastermind Oliver s.Tyr. Dieser veredelt den epischen Song mit seiner romantischen, wehmütigen und sanften Stimme, wie es an dieser Stelle sonst niemandem gelingen könnte. Der Song ist nicht nur eine Hymne an die Nacht, sondern auch ein Lobgesang an den Archetypen der Mondgöttin. Der Text strotzt nur so vor wunderschönen Metaphern. Die Faune besingen eine "Welt voll glänzender Schwerter" und "Bannern im Wind", und die Göttin selbst wird als "Schild" betitelt. "Hymne der Nacht" bleibt seiner epischen Dramaturgie durchgängig treu, bis es am Ende in einen majestätischen Abschluss mit Gänsehautfaktor mündet, als der Protagonist seine Königin anfleht, ihn mit ihrem "Nachtgesang" zu führen.

Der perfekte Abschluss der Standard-CD und wohl mein allerliebstes Lied von "Luna" ist "Abschied", welches von Fiona Rüggeberg vorgetragen wird. Während der Text aus der Feder von Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff (1788 - 1857) kommt, stammt die klangliche Idee dahinter von der auch hier wieder stimmlich, instrumental und optisch umwerfenden Fiona. Ich möchte hier vor allem auf die im höchsten Maße eingängigen Instrumentalparts zwischen den drei Strophen, welche von Fionas anrührender Stimme engelsgleich vorgetragen werden, hinweisen. In diesen vermischen sich Niels abermals energische Beats vorrangig mit der Drehleier, was auf mich eine besonders ergreifende Wirkung hat. Atemberaubend!
Die Lyrics von Eichendorff erzählen - passend zur sehr verträumten Klangkulisse - von Begegnungen des Menschen mit dem Wald, vom Fühlen seiner Seele und von der Wirkung der idyllischen Natur auf die Einzelperson. Was könnte besser zu den Faunen passen, wo sie doch seit unzähligen Jahren Werte wie die Naturnähe, die Liebe zu unserer Umwelt und den Animismus predigen? Ja, der "Abschied" vom Walde schmerzt, doch ist die Wiederkehr in dieses Refugium umso schöner, wenn es sein Blätterdach wieder schützend über unser Haupt legt...

Die durchweg gelungene "Deluxe Edition" beinhaltet darüber hinaus noch drei Bonus-Tracks, welche ich selbstredend niemandem vorenthalten möchte. "Wind & Geige XIV", also die neue Vertonung des schon vor vielen Jahren erschienenen Originals, kommt zwar nicht ganz an das wahnsinnig druckvolle und noch immer unvergleichlich schöne Original heran, doch ist es für die erst später hinzugestoßenen Hörer mit Sicherheit ein gute Möglichkeit, um den Zauber der früheren Werke wie "Licht" zu erfassen. In der Struktur des Songs hat sich nicht allzu viel geändert, lediglich die Länge des Songs wurde um etwa eine Minute reduziert. Allerdings hat sich der Song live natürlich immens weiterentwickelt, was unter anderem zu einem noch vordergründigeren Gebrauch der Drehleier führt, die hier eine wichtige Rolle spielt. Die lyrische Facette des Klangkonstrukts muss ich wohl niemandem erläutern - eine nächtliches Zwiegespräch zwischen Wind und Geige, welche Mensch und Natur verkörpern und miteinander wetteifern. Der Sieg gehört zu guter Letzt natürlich dem Wind, der Natur, denn jedes menschliche Leben ist vergänglich...
Der zweite Bonus-Track in Form von "Die Lieder werden bleiben" ist auch der zweite Song des Albums, der mich nicht vollends euphorisiert. Das vielleicht fröhlichste Lied, welches die Faune je zu Papier gebracht haben, thematisiert die Unsterblichkeit der Lieder, während der Mensch als solches vergänglich ist. Ein Ausflug in absolut neue Klangwelten, welcher den ein oder anderen sicherlich erfreuen wird, an und für sich aber definitiv kein Highlight des Albums. "Era Escuro", ein sephardisches Klagelied, erinnert dagegen wieder ganz eindeutig an frühere Zeiten. Auch dieses Lied wird von Katjas klarem Gesang getragen, während Fionas Flöten wunderschöne Zwischenspiele liefern. Die schicksalhafte Begegnung bei Anbruch der Nacht, von welcher in diesem Lied gekündet wird, lässt viel Raum für Interpretationen und Vorstellungen, sodass "Era Escuro" sicherlich nicht nur in mir endlose Phantasie heraufbeschwören wird.

Nachdem der Löwenanteil einer solchen Veröffentlichung, also der musikalische Part, eingehend kommentiert und eigentlich ja fast seziert wurde, möchte ich nun noch auf das knapp vierzigseitige Booklet eingehen, welches im Schuber mitgeliefert wird. Dieses enthält zahlreiche Photos von den wunderschönen Faunen selbst, aber auch Impressionen der Natur und Kunstwerke wie die "Hekate"-Zeichnung von Victoria Frances. Ein Staunen ringen einem vor allem die Bilder von Fiona Rüggeberg ab, welche einmal mehr ganz unglaublich in Szene gesetzt wurde. Auch das Gruppenbild beweist, welch magische Einheit hier am Werke ist, am Feuer gedenken die Faune der Nacht... Selbstverständlich sind im Booklet auch alle Texte enthalten, so wie auch die deutschen Übersetzungen der beiden fremdsprachlichen Songs "Cuncti Simus" und "Era Escuro". Vor allem aber möchte ich auf die immerzu passenden Zitate von hohen Dichtern und Schriftstellern wie Johann Wolfgang von Goethe und Franz Kafka hinweisen. Kostprobe:

"In den Wäldern
sind Dinge, über die
nachzudenken man
jahrelang im Moos
liegen könnte."
(Franz Kafka)

Was ist "Luna" also für ein Album? Ist es der von vielen Fans erhoffte Schritt zurück zu den Wurzeln, zurück auf den moosgrünen Pfad, auf dem die Faune viele Jahre lang wandelten? Die Faune wollen ganz bewusst eine Botschaft vermitteln und sie in die Welt hinaustragen. Während das mit dem umstrittenen "Von den Elben" nur bedingt gelungen ist, da die besagte Botschaft eben nicht so durchdringend dargebracht wurde wie auf "Luna", knüpft das neue Album vor allem musikalisch wieder an die früheren Werke an und teilt sie mit einer breiteren Öffentlichkeit. Ob diese derlei Inhalte dann auch aufnehmen kann, will und wird, steht auf einem anderen Blatt, die Faune ehrt dieser Versuch aber ganz sicher. Der Epilog auf einer der letzten Seiten im Booklet fasst den Appell, den "Luna" an alle Hörer richtet, ganz wunderbar zusammen. Es geht darum, den Weg wiederzufinden, der uns dorthin bringt, wo wir wieder bewusst träumen können. Eine wahrere Aussage gibt es eigentlich nicht, und diese vermitteln die Faune in allerschönster Sprache. Was bleibt einem in einer ungerechten, materialistischen und emotional abgekühlten Gesellschaft auch übrig? Die Faune gehören zu jenen, die den Sinn für die wichtigen Dinge noch nicht verloren haben, die sich in Mystik verlieren können und noch Raum für Spiritualität gewähren. Nichts anderes zelebrieren sie auf "Luna", welches mit ungemein schönen Liedern wie "Hekate", "Hörst du die Trommeln", "Cuncti Simus", "Hymne der Nacht", "Abschied" und "Era Escuro" daherkommt. Die Frage, ob die Faune wieder zu ihren Wurzeln gefunden haben, kann man getrost bejahen. Natürlich erweisen sich Randaspekte wie die viel zu kurze Laufzeit aller Lieder, die immer noch zu rar gesäten Instrumentalparts und die zu cleane Produktion als störend, doch erweist sich "Luna" trotz alledem als zauberhaft schönes Refugium für alle Mondsüchtigen und jene, die es werden wollen! Faszinierend und wundervoll zugleich.

Anspieltipps: "Hekate", "Menuett", "Hörst du die Trommeln", "Blaue Stunde", "Cuncti Simus", "Hymne der Nacht", "Abschied", "Era Escuro"
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 9, 2014 9:37 AM CET


Luna (Deluxe Edition)
Luna (Deluxe Edition)
Preis: EUR 13,49

20 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen LUNA: Märchenhaftes Refugium für Mondsüchtige und alle, die es werden wollen - Faun besinnen sich auf ihre Wurzeln!, 5. September 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Luna (Deluxe Edition) (Audio CD)
Mittlerweile haben die Faune schon 15 Jahre auf dem Buckel - es scheint, als seien Äonen vergangen, seitdem Oliver s.Tyr, Birgit Muggenthaler (heute Schandmaul) und Werner Schwab die Band gegründet haben. Faun sind ohne Frage die Mitbegründer des Pagan Folk - eines Genres, welches den Glauben an eine beseelte Natur und den Respekt vor den Bewohnern eben dieser in den Mittelpunkt stellt. Für mich persönlich sind die Faune etwas ganz Besonderes, dies möchte ich schon zu Beginn dieser Rezension festhalten - seit vielen Jahren begleiten, inspirieren und verzaubern sie mich. Ganz gleich, ob auf Konzerten oder auf ihren zahlreichen Alben, die magischer nicht sein könnten, Faun und die Ideale, die durch die Band vorgelebt werden, sind für mich einer der wichtigsten Bestandteile des Lebens, daher bitte ich um etwas Nachsicht ob der emotionalen Betrachtung des neuen Albums "Luna".

Die Bandbesetzung ist gegenwärtig eine völlig andere als in den Gründungstagen der Band: Neben Mastermind Oliver s.Tyr (Gesang, Bouzouki, Nyckelharpa, keltische Harfe, Saz, Contrabasharpa und Maultrommel) bestehen die Faune aus der bezaubernden Multiinstrumentalistin Fiona Rüggeberg (Gesang, Flöte, Chalumeaux, Dudelsack, Rebap, Hackbrett), der seit dem letzten Album dazugestoßenen Katja Moslehner (Gesang), Rüdiger Maul (Drums, Percussion), Niel Mitra (Sampler, Synthesizer, Beats) und Stephan Groth (Gesang, Drehleier, Cister, Flöte). Zahlreiche Meisterwerke wie das melancholische "Totem" (2007), das farbenfrohe und vielfältige "Eden" (2011), "Renaissance" (2005) und "Buch der Balladen" (2009) begeistern die treuen Fans noch heute und gelten noch immer als Referenz im Folk-Genre, was nicht nur mit der mal schwelgerischen, mal tanzbaren Musik, sondern auch mit den zumeist aus der Feder von Oliver s.Tyr stammenden Lyrics zu erklären ist. Das letzte Album "Von den Elben" stellte eindeutig einen Umbruch im Lager der Faune dar, war es doch untrennbar mit dem Wechsel zum Major-Label "Universal" und zum Produzententeam von "Valicon" verbunden. Vielen Hörern sagte der stilistische Wandel und die Beteiligerung Dritter am Kompositionsprozess nicht zu, wenngleich auch "Von den Elben" einige Lichtblicke inmitten des glanzpolierten Einstiegs in die Welt der großen Plattenfirmen zu bieten hatte. Nichtsdestotrotz muss auch ich zugeben, dass "Von den Elben" mit der Ausnahme weniger Stücke nicht meinem Geschmack entsprach, weshalb ich die Entwicklung der Faune nun noch viel gespannter verfolge. Während Lieder wie der großteils vom Album "Licht" bekannte Tanz "Andro II", "Wenn wir uns wiedersehen" und "Thymian & Rosmarin" durchaus für Hoffnung sorgten, schlugen Songs nach dem Beispiel von "Bring mich nach Haus", "Wilde Rose" und "Tanz mit mir" ein negatives Kapitel auf.

Trotz allem haben die Faune sich und ihre Ideale niemals aufgegeben: Wer die akustische Konzertreise nach der Veröffentlichung von "Von den Elben" besucht hat, der hat die Faune in ihrer gewohnten Spielfreude und mit all dem Zauber, der sie umgibt, gesehen. Auch die darauffolgenden Konzerte auf verschiedensten Mittelaltermärkten und auf der "Von den Elben"-Tour haben bewiesen, dass die Faune den von ihnen schon vor vielen Jahren eingeschlagenen Pfad nie verlassen haben. Die Faune stehen wie kaum jemand sonst für ihre Visionen, ihre Ideale und ihre musikalische Ausrichtung, was man den handelnden Personen auch anmerkt. Wer die Faune kennt, der wird mir da ganz sicher zustimmen - das alte Lebensgefühl ist noch immer da! Anderthalb Jahre nach Release des umstrittenen Vorgängers erscheint nun endlich "Luna" - nach Aussage der Band ein musikalisches Werk, das von den Mythen des Mondes erzählt. Welch glanzvolle Umschreibung! Die ersten Bilder vor dem inneren Auge künden von etwas Großem, der silbrige Mondschein des Erdbegleiters bleibt seit der Ankündigung allgegenwärtig. In den letzten Wochen wurden dann auch die Hörproben zu "Luna" veröffentlicht, welche auf ein geteiltes Echo der Fangemeinde gestoßen sind. Während ein Teil der Hörer schon anhand der Hörproben erkennen konnte, dass die Faune zu ihren Wurzeln zurückgefunden haben und wieder höchste Qualität abliefern, beschränkte sich der andere Teil auf die ewigen "Schlager!"-Rufe. Da stellt sich dem, der noch gesunde Ohren hat, doch die Frage: Was bitte haben die Faune auf ihrem aktuellen Werk mit dem zu recht verpönten Schlager-Genre zu tun? Richtig, nichts. Bereits die Snippets haben alle Hoffnungen erfüllt, man konnte die sehnlichst vermissten Instrumentalparts wieder hören, überaus lyrische Texte und Kompositionen, die ergreifender nicht sein könnten. Doch was bleibt davon, wenn man sich das Gesamtwerk vor Augen (bzw. vor die Ohren) führt? Genau das möchte ich in der folgenden, doch sehr ausführlichen Rezension, beleuchten.

Allein optisch wirkt die Aufmachung der "Deluxe Edition" betörend. Die limitierte Ausgabe bietet definitiv eines der schönsten Cover der Faun-Historie, immerhin prangt ein Abbild des Mondes auf tiefblauem Hintergrund, umgeben von einer umwerfenden Silberprägung. Unbedingt zugreifen, solange die Möglichkeit noch besteht! Schöner kann man ein Album kaum gestalten, und der Mond als zentrales Thema des musikalischen Werks ist als Cover-Motiv ja auch mehr als passend. Sobald man den Schuber mit dem silbrig schimmernden Cover dann entfernt, hält man auch schon ein ebenso luxuriöses Digipak in Händen. Auf diesem ist das eigentliche Cover der Standard-Ausgabe zu sehen: Die Mondgöttin höchstselbst begrüßt den geneigten Hörer und entführt ihn in ihre zauberhafte Welt. An dieser Stelle wird sofort ein weiterer inhaltlicher Aspekt des Albums deutlich, der durch die grafische Darstellung visualisiert wird: Es geht um den Kontrast des weiblichen Mondes gegenüber der männlichen Sonne, welche für Tatendrang, Realismus und Materialismus steht. Der weibliche Mond dagegen rückt die Gefühle, die Intuition und die Träume in den Vordergrund - Aspekte, die in der schnelllebigen Gesellschaft der heutigen Zeit fast vergessen zu sein scheinen. Die Faune dagegen nehmen sich dieser Thematik an und drücken schon mit dem Cover-Artwork aus, wohin die Reise gehen soll. Nachtschwarze und dunkelblaue Farbtöne zeichnen ein Bild von Mystik und Andersweltlichkeit. Göttinnenverehrung als spiritueller Mittelpunkt des Albums ist ganz eindeutig erkennbar, womit auch der spirituelle bzw. pagane Teil der faunischen Philosophie Zuwendung bekommt. Ein besseres Gesicht könnte man "Luna" nicht geben!

Grundsätzlich befassen sich die Faune auf "Luna" mit den verschiedensten Facetten der Nacht. Weder Mystizismus, noch Spiritualität, Melancholie oder Heiterkeit kommen zu kurz, sodass sich im Laufe der Tracklist ein absolut stimmiges Gesamtbild erschließt. Letztlich ist "Luna" auch ein Appell an jene, die in ihrem Alltag gefangen sind und im Wahne des Realismus völlig außer Acht lassen, dass es auch Raum für Mystik, Phantasie, Glaube und magische Momente geben muss, sofern man sich in der Realität nicht vollkommen verlieren will. So sehr die Lyrics auf "Luna" auch eine Einheit bilden, man könnte das Werk auch ein Konzeptalbum nennen, so sehr unterscheidet sich die musikalische Ausgestaltung von Song zu Song. Vielfalt und Ideenreichtum wird hier groß geschrieben!

Als Intro fungiert der "Luna Prolog" - ein knapp einminütiges Stück, welches für sphärische Stimmung sorgt und den Hörer umgehend in die Welten der Nacht befördert. So manches Mal sind im Hintergrund leise Gesänge zu vernehmen, doch insgesamt kann man das Stück doch als instrumentale Einleitung in das Album verstehen. Der gleißende Mondschein macht sich jedenfalls umgehend in den Gedanken des Zuhörers breit und verlässt diese noch nicht einmal mehr, sobald das Album abgeschlossen ist.
Mit "Walpurgisnacht" haben die Faune als eigentlichen Opener einen ungemein tanzbaren Song auserkoren, der auch als Vorlage für das dazugehörige Musikvideo dient. Apropos Video: Die "Walpurgisnacht" zeigt sich im Video auch optisch gesehen von ihrer besten Seite! Wie kein anderer verstehen es die Faune, die Impressionen zur "Walpurgisnacht" zu liefern und einen unwiderstehlichen Feuerreigen zu zaubern. Kostüme wie nicht von dieser Welt, eine bestens aufgelegte Band und ein durchaus interessanter Handlungsstrang machen das Video zu diesem Song zu etwas ganz Außergewöhnlichem! Unbedingt ansehen!
Auf akustischer Ebene ist "Walpurgisnacht" einfach als perfekte Wahl für den ersten Song zu betrachten, drückt er doch die positiven Seiten dieser magischen Nacht mehr als leidenschaftlich aus. Das Fest, auch Beltane genannt, nimmt den Hörer in ferne Welten mit - in eine Nacht, in der die Grenzen zwischen unserer Welt und der Anderswelt verschwimmen. Auch aus meiner Sicht ist es essentiell, die Walpurgisnacht aus absolut heiterer und positiver Sicht zu besingen, was den Faunen in ihrem dazugehörigen Lied auf alle Fälle gelungen ist. Atemberaubend sind auch die zahlreichen Instrumentalparts inmitten des Songs, welche einer schwedischen Polska nachempfunden sind. Und das soll Mainstream sein? Mitnichten!

"Buntes Volk" beschert uns an dritter Stelle ein Duett mit Michael Rhein von In Extremo. Während Fiona mit ihrer wundervollen Stimme ein unbedarftes Mädchen, welches dem Zauber der Freiheit erliegt und sich dem Leben der fahrenden Spielleute anschließt, verkörpert, schlüpft Michael Rhein in die Rolle des freiheitsliebenden Spielmannes. Dabei muss er allerdings gar nicht in eine Rolle schlüpfen, denn durch seine Tätigkeit als Sänger von In Extremo ist er sowieso ungemein geeignet für diesen Part als raubeiniger Barde. Der gesamte Text dient in diesem Sinne als Symbol für die Freiheit und Unbekümmertheit, wobei es mit "verehrt und angespien" auch das Motto von In Extremo in die Verse geschafft hat. Das aber nur als Randbemerkung. Musikalisch geht es absolut eingängig zu, wobei die instrumentalen Dudelsack- und Drehleierparts nach dem Refrain sehr viel Abwechslung bringen und zugleich ungemein tanzbar sind! Ich muss zugeben, dass In Extremo mittlerweile nicht mehr so wirklich meine Baustelle sind, nachdem ich unter anderem durch sie zur mittelalterlich geprägten Musik gefunden habe. Leider liegt mir Mittelalterrock im weitesten Sinne aktuell eher fern, zumal ich mit der rauen Stimme des Frontmannes nicht allzu viel anfangen kann. In "Buntes Volk" aber erfüllt Michael Rhein seinen Part mehr als vortrefflich und trägt dazu bei, dass ein eingängiges Stück geschaffen wurde, welches durch seine Eingängigkeit mit Sicherheit auch Türen öffnen wird, was die breite Masse angeht. Mit Sicherheit nicht der beste Song auf "Luna", doch ganz bestimmt ein hörenswerter Teil der Musikhistorie!

Kurz darauf folgt mit dem "Menuett" das wohl romantischste Lied auf dem neuen Album der Faune. Die Lyrics sind eine Bearbeitung eines Gedichtes von William Butler Yeats, welcher von 1865 bis 1939 lebte. So berichtet der Text von der andersweltlichen Erfahrung eines jungen Mädchens, dessen ganzes Leben sich nach einem verhängnisvollen Augenblick verändert. Sie trifft auf einen Jüngling aus der Anderswelt und verfällt ihm und seiner unvergleichlichen Schönheit. Wie das Schicksal es will, verschwindet der Gute und zurück bleibt ein Mädchen, welches dazu verdammt ist, nur mit einem einzigen Ziel durch die Welt zu wandeln - sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die goldenen Äpfel der Sonne und die silbernen Äpfel des Mondes zu finden, um den Angebeteten wiedersehen zu können. Die Mythen des alten England bringen Äpfel mit Avalon, der Insel der Äpfel, in Verbindung. So könnten die Äpfel dazu dienen, eine Verbindung zur Anderswelt zu schaffen, um den Jüngling endlich wieder in die Arme schließen zu können...
Die Klangkulisse erweist sich ebenso wie der Text als kristallklare Perle des Albums und als wahrhaftiges Kleinod. Ruhig geht es zu, zumeist verträumt und schwelgerisch, dabei aber auch immer anmutig und zauberhaft. Wenn man einen Song mit derartigen Attributen beschreiben kann, dann haben die Komponisten ganz gewiss alles richtig gemacht!

An Stelle fünf verzaubern uns die Faune mit "Hekate", einem meiner absoluten Favoriten von "Luna" und einem der besten Stücke der Bandgeschichte! Die Faune spielen sich hier im Angesicht des unglaublich emotionalen und spirituellen Textes in einen unwirklichen Rausch, der ganz sicher für tranceartige Zustände bei jenen Hörern, die sich diesem Meisterwerk vollkommen ergeben, sorgen wird. Das Lied ist eine träumerische Ode an Hekate, die Göttin der Magie und die Wächterin der Tore zwischen den Welten. Eine Liebeserklärung an die magische Göttin, welche dem Protagonisten nicht nur Halt gibt, sondern ihm auch all seine Träume beschert. Klanglich gesehen geht es hier mehr als bombastisch zu: Während die gediegenen Strophen noch von Olivers sanfter, einfühlsamer Stimme getragen werden, überrascht im Refrain ein pompöser Chor, der an Dramatik nicht zu überbieten ist und dafür sorgt, dass die Welt in diesem Moment still steht. Mehr als erwähnenswert ist auch das Artwork, welches die weltbekannte Zeichnerin Victoria Frances zum Song "Hekate" gezaubert hat - ein düsteres Kunstwerk, welches den Hörer beim Genuss der Klänge in schier atemberaubender Manier begleitet.

In "Blaue Stunde" folgt Stephans erste wirkliche Gesangsbeteiligung an vorderster Front, was Studioaufnahmen der Faune angeht. Sein Gesang kommt sehr klar, hell und ästhetisch daher, was wunderbar zur inhaltlichen Grundlage der Lyrics passt. Diese erzählen nämlich von einem Jüngling, welcher in der titelgebenden blauen Stunde kurz vor Anbruch der Nacht einer feenhaften Schönheit begegnet und ihr daraufhin verfällt. Sein Geist kann daraufhin nicht mehr zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden, was die Geschichte zu einer Erzählung der leidvollen Art macht. Nichtsdestotrotz begeistert mich die Tragik dieses Textes ungemein und sie berührt mich darüber hinaus tief im Herzen. Ferner sollte man erwähnen, dass kurz vor dem finalen Refrain ein wahnsinniges Solo von Stephans Drehleier einsetzt, welches gemeinsam mit Niels druckvollen Beats eine wunderbare Einheit bildet und das Lied zum Pflichtprogramm für alle künftigen Konzerte macht! "Cuncti Simus" nennt sich der darauffolgende Mariengesang, welcher langjährigen Begleitern der Band schon von zahlreichen Konzerten bekannt sein dürfte. In lateinischer Sprache wird der Archetyp der Muttergöttin besungen. Und wie! Sonja Drakulich, auf deren hervorragende Band Stellamara ich nur zu gern hinweise, verleiht dem Lied ihre atemberaubende Stimme, und im Mittelteil des Songs erreicht ihre Stimme ungeahnte Höhen. Zum Niederknien!

"Hörst du die Trommeln" dagegen unterscheidet sich in seiner Stilistik arg vom vorangegangenen Stück. Es ist definitiv eines der eingängigsten Stücke des Albums, und doch beschert es vor allem in seinem Refrain elegische Momente, die an allen Ecken und Enden Magie versprühen. Passend zum Titel wird der Song beinahe durchgängig von hämmernden Trommelschlägen begleitet, was ihm ein gehöriges Maß an Wucht und Energie verleiht. Auffällig ist natürlich auch die verzerrte Stimme von Oliver s.Tyr, welche für Faun-Verhältnisse absolut innovativ und für langjährige Fans durchaus überraschend ist, doch passt sich dieser technische Eingriff den Gegebenheiten des Songs mehr als dienlich an. Muss ich den Refrain wirklich nochmal loben? "Hörst du die Trommeln" beinhaltet fraglos einen der besten Refrains der Faun-Historie, und er hämmert so wie seine Trommelschläge permanent in meinen Gehörgängen! Ohrwurm? Auf jeden Fall!
Und der Text erst! Wer danach noch immer keine Lust verspürt, im Mondlicht zu tanzen, dem kann auch nicht mehr weitergeholfen werden! Ganz konkret geht es um das Ausleben der persönlichen Leidenschaften und Träumereien, welche in der Vergangenheit häufig mit Schuld beladen wurden. Daher ist der Song auch ein Sinnbild für die Komponente der Freiheit, für die Anziehungskraft der Nacht.

Nach den mystischen, dunklen Momenten in "Hörst du die Trommeln" setzen die Faune "Luna" in "Die wilde Jagd" betont heiter fort. Diese Fröhlichkeit ist ein weiterer Gesichtspunkt des Albums, wenngleich diese Facette selten zum Vorschein kommt. Dass die beschwingten Momente auf "Luna" so rar gesät sind, erfreut mich allerdings sehr, denn Mystik und Melancholie stehen den Faunen einfach bedeutend besser zu Gesicht. So ist auch "Die wilde Jagd" ein wirklich guter Song, der für mich aber zu den schwächsten Exemplaren seiner Zunft zählt, zumindest im Rahmen von "Luna". Aus rein atmosphärischer Sicht ergreift mich die Stimmung des Songs einfach nicht so sehr wie die anderen, wenngleich die zugrunde liegende Erzählung große Spannung mit sich bringt. Die schwarzen Künste geraten hier in den Fokus, ein dunkler Zauberer begehrt ein junges Mädchen. Da dieses der Zauberkunst allerdings ebenfalls mächtig ist, entwickelt sich ein rasantes Duell zwischen den beiden Magiern... Mit gutem Ende für die junge Frau natürlich. Ein wenig ähnelt das inhaltliche Konzept dem Song "Verwandlungen I-III" aus dem Hause ASP (Album: "Zaubererbruder - Der Krabat-Liederzyklus"). Auch hier liefern sich Krabat und sein finsterer Meister einen packenden Wettstreit.

Mit "Frau Erde" tauchen wir wieder ein wenig mehr in die endlosen Tiefen der Mystik ein. Der Song ist zu großen Teilen Katja Moslehner zu verdanken, und so trohnt ihr glockenheller Gesang hier auch über allem. Die Lyrics sind leider nicht sonderlich lang, sodass die erste Strophe zum Schluss noch einmal wiederholt wird, man kann genau das aber auch einfach als Stilmittel im Sinne der Betonung eben dieser Verse betrachten. Es handelt sich schlicht und ergreifend um ein Wiegenlied, das trotz seiner kompakten Instrumentierung einen der inhaltlichen Mittelpunkte von "Luna" darstellt. Die Erde träumt und der Mond wacht über der Szenerie... Welch ein ergreifendes Bild!
"Hymne der Nacht" kennen die meisten Wegbegleiter der Faune schon von den Konzerten der letzten Zeit. Ganz so wie das vorherige "Frau Erde" durch die Inspiration von Katja zustande kommen konnte, so ist die "Hymne der Nacht" ein Abbild der überragenden Kunstfertigkeit von Mastermind Oliver s.Tyr. Dieser veredelt den epischen Song mit seiner romantischen, wehmütigen und sanften Stimme, wie es an dieser Stelle sonst niemandem gelingen könnte. Der Song ist nicht nur eine Hymne an die Nacht, sondern auch ein Lobgesang an den Archetypen der Mondgöttin. Der Text strotzt nur so vor wunderschönen Metaphern. Die Faune besingen eine "Welt voll glänzender Schwerter" und "Bannern im Wind", und die Göttin selbst wird als "Schild" betitelt. "Hymne der Nacht" bleibt seiner epischen Dramaturgie durchgängig treu, bis es am Ende in einen majestätischen Abschluss mit Gänsehautfaktor mündet, als der Protagonist seine Königin anfleht, ihn mit ihrem "Nachtgesang" zu führen.

Der perfekte Abschluss der Standard-CD und wohl mein allerliebstes Lied von "Luna" ist "Abschied", welches von Fiona Rüggeberg vorgetragen wird. Während der Text aus der Feder von Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff (1788 - 1857) kommt, stammt die klangliche Idee dahinter von der auch hier wieder stimmlich, instrumental und optisch umwerfenden Fiona. Ich möchte hier vor allem auf die im höchsten Maße eingängigen Instrumentalparts zwischen den drei Strophen, welche von Fionas anrührender Stimme engelsgleich vorgetragen werden, hinweisen. In diesen vermischen sich Niels abermals energische Beats vorrangig mit der Drehleier, was auf mich eine besonders ergreifende Wirkung hat. Atemberaubend!
Die Lyrics von Eichendorff erzählen - passend zur sehr verträumten Klangkulisse - von Begegnungen des Menschen mit dem Wald, vom Fühlen seiner Seele und von der Wirkung der idyllischen Natur auf die Einzelperson. Was könnte besser zu den Faunen passen, wo sie doch seit unzähligen Jahren Werte wie die Naturnähe, die Liebe zu unserer Umwelt und den Animismus predigen? Ja, der "Abschied" vom Walde schmerzt, doch ist die Wiederkehr in dieses Refugium umso schöner, wenn es sein Blätterdach wieder schützend über unser Haupt legt...

Die durchweg gelungene "Deluxe Edition" beinhaltet darüber hinaus noch drei Bonus-Tracks, welche ich selbstredend niemandem vorenthalten möchte. "Wind & Geige XIV", also die neue Vertonung des schon vor vielen Jahren erschienenen Originals, kommt zwar nicht ganz an das wahnsinnig druckvolle und noch immer unvergleichlich schöne Original heran, doch ist es für die erst später hinzugestoßenen Hörer mit Sicherheit ein gute Möglichkeit, um den Zauber der früheren Werke wie "Licht" zu erfassen. In der Struktur des Songs hat sich nicht allzu viel geändert, lediglich die Länge des Songs wurde um etwa eine Minute reduziert. Allerdings hat sich der Song live natürlich immens weiterentwickelt, was unter anderem zu einem noch vordergründigeren Gebrauch der Drehleier führt, die hier eine wichtige Rolle spielt. Die lyrische Facette des Klangkonstrukts muss ich wohl niemandem erläutern - eine nächtliches Zwiegespräch zwischen Wind und Geige, welche Mensch und Natur verkörpern und miteinander wetteifern. Der Sieg gehört zu guter Letzt natürlich dem Wind, der Natur, denn jedes menschliche Leben ist vergänglich...
Der zweite Bonus-Track in Form von "Die Lieder werden bleiben" ist auch der zweite Song des Albums, der mich nicht vollends euphorisiert. Das vielleicht fröhlichste Lied, welches die Faune je zu Papier gebracht haben, thematisiert die Unsterblichkeit der Lieder, während der Mensch als solches vergänglich ist. Ein Ausflug in absolut neue Klangwelten, welcher den ein oder anderen sicherlich erfreuen wird, an und für sich aber definitiv kein Highlight des Albums. "Era Escuro", ein sephardisches Klagelied, erinnert dagegen wieder ganz eindeutig an frühere Zeiten. Auch dieses Lied wird von Katjas klarem Gesang getragen, während Fionas Flöten wunderschöne Zwischenspiele liefern. Die schicksalhafte Begegnung bei Anbruch der Nacht, von welcher in diesem Lied gekündet wird, lässt viel Raum für Interpretationen und Vorstellungen, sodass "Era Escuro" sicherlich nicht nur in mir endlose Phantasie heraufbeschwören wird.

Nachdem der Löwenanteil einer solchen Veröffentlichung, also der musikalische Part, eingehend kommentiert und eigentlich ja fast seziert wurde, möchte ich nun noch auf das knapp vierzigseitige Booklet eingehen, welches im Schuber mitgeliefert wird. Dieses enthält zahlreiche Photos von den wunderschönen Faunen selbst, aber auch Impressionen der Natur und Kunstwerke wie die "Hekate"-Zeichnung von Victoria Frances. Ein Staunen ringen einem vor allem die Bilder von Fiona Rüggeberg ab, welche einmal mehr ganz unglaublich in Szene gesetzt wurde. Auch das Gruppenbild beweist, welch magische Einheit hier am Werke ist, am Feuer gedenken die Faune der Nacht... Selbstverständlich sind im Booklet auch alle Texte enthalten, so wie auch die deutschen Übersetzungen der beiden fremdsprachlichen Songs "Cuncti Simus" und "Era Escuro". Vor allem aber möchte ich auf die immerzu passenden Zitate von hohen Dichtern und Schriftstellern wie Johann Wolfgang von Goethe und Franz Kafka hinweisen. Kostprobe:

"In den Wäldern
sind Dinge, über die
nachzudenken man
jahrelang im Moos
liegen könnte."
(Franz Kafka)

Was ist "Luna" also für ein Album? Ist es der von vielen Fans erhoffte Schritt zurück zu den Wurzeln, zurück auf den moosgrünen Pfad, auf dem die Faune viele Jahre lang wandelten? Die Faune wollen ganz bewusst eine Botschaft vermitteln und sie in die Welt hinaustragen. Während das mit dem umstrittenen "Von den Elben" nur bedingt gelungen ist, da die besagte Botschaft eben nicht so durchdringend dargebracht wurde wie auf "Luna", knüpft das neue Album vor allem musikalisch wieder an die früheren Werke an und teilt sie mit einer breiteren Öffentlichkeit. Ob diese derlei Inhalte dann auch aufnehmen kann, will und wird, steht auf einem anderen Blatt, die Faune ehrt dieser Versuch aber ganz sicher. Der Epilog auf einer der letzten Seiten im Booklet fasst den Appell, den "Luna" an alle Hörer richtet, ganz wunderbar zusammen. Es geht darum, den Weg wiederzufinden, der uns dorthin bringt, wo wir wieder bewusst träumen können. Eine wahrere Aussage gibt es eigentlich nicht, und diese vermitteln die Faune in allerschönster Sprache. Was bleibt einem in einer ungerechten, materialistischen und emotional abgekühlten Gesellschaft auch übrig? Die Faune gehören zu jenen, die den Sinn für die wichtigen Dinge noch nicht verloren haben, die sich in Mystik verlieren können und noch Raum für Spiritualität gewähren. Nichts anderes zelebrieren sie auf "Luna", welches mit ungemein schönen Liedern wie "Hekate", "Hörst du die Trommeln", "Cuncti Simus", "Hymne der Nacht", "Abschied" und "Era Escuro" daherkommt. Die Frage, ob die Faune wieder zu ihren Wurzeln gefunden haben, kann man getrost bejahen. Natürlich erweisen sich Randaspekte wie die viel zu kurze Laufzeit aller Lieder, die immer noch zu rar gesäten Instrumentalparts und die zu cleane Produktion als störend, doch erweist sich "Luna" trotz alledem als zauberhaft schönes Refugium für alle Mondsüchtigen und jene, die es werden wollen! Faszinierend und wundervoll zugleich.

Anspieltipps: "Hekate", "Menuett", "Hörst du die Trommeln", "Blaue Stunde", "Cuncti Simus", "Hymne der Nacht", "Abschied", "Era Escuro"
Kommentar Kommentare (10) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 6, 2014 2:24 PM MEST


Crystal Palace (Ltd.Fan Box-Set)
Crystal Palace (Ltd.Fan Box-Set)
Wird angeboten von Aktiv Musicpoint GmbH
Preis: EUR 56,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Willkommen im Kristallpalast: Deine Lakaien kehren zu ihren Wurzeln zurück und klingen doch erfrischend anders, 16. August 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Crystal Palace (Ltd.Fan Box-Set) (Audio CD)
Knapp vier Jahre nach dem gefeierten Vorgänger "Indicator" melden sich Deine Lakaien, die mittlerweile durchaus als Legende der Musikhistorie bezeichnet werden können, mit dem neuen Werk "Crystal Palace" zurück. Während "Indicator" noch mit einem breiten Spektrum an Instrumenten und vielen politischen Texten überzeugen konnte, setzt "Crystal Palace" auf die elektronische Karte und führt das Duo, welches aus Alexander Veljanov und Ernst Horn besteht, wieder zu seinen Wurzeln zurück.

Um diese Wurzeln zu verstehen, müssen wir eine Zeitreise bis in die frühen neunziger Jahre unternehmen. Ein Jahrzehnt voller bis heute prägender Meisterwerke wie "Forest Enter Exit" - in "Crystal Palace" kann man sozusagen das Geschwisteralbum des besagten Werks erkennen. Obgleich sich die Lakaien hier auf die frühen Tage ihrer Bandgeschichte besinnen, experimentieren sie auch mit neuen Einflüssen, Ideen und Elementen, was "Crystal Palace" umso spannender macht. So könnte man meinen, ein vollauf elektronisches Album müsste vor allem kühl wirken - "Crystal Palace" beweist das Gegenteil. In diesem Sinne überrascht das neue Album der Herren Veljanov und Horn mit einer gehörigen Portion Wärme und Eingängigkeit, was sowohl der behaglichen Stimme Veljanovs als auch den großteils von Ernst Horn kreierten Kompositionen zuzuschreiben ist.

Schon zu Beginn des Albums wird der Begriff des perfekten Openers neu definiert - "Nevermore" erweist sich von der ersten Sekunde an als leidvoller Ohrwurm, welcher den Hörer nicht nur die nächsten Wochen begleiten wird. Vor allem der unglaublich melodische Refrain lässt einen erschaudern, zumal sich die melancholischen Zutaten der Melodien dem verzweifelten Text sowieso vortrefflich anpassen. Mit "Farewell" folgt an nächster Stelle sofort ein weiteres Highlight - ein Kracher für die Tanzfläche, welcher mit seinen hämmernden Beats und seinem elegischen Refrain alle Grenzen sprengt. "Farewell" ist ein Song, den man von Deine Lakaien genau so erwarten konnte, und doch sorgt er für gewisse Überraschungsmomente. Melancholisch geht es mit "Forever and a Day", einem sehr ruhigen und minimalistischen Stück, weiter. Der Song kann mit Fug und Recht als absolutes Kleinod des Albums bezeichnet werden! In jeder einzelnen Sekunde erscheinen vor dem inneren Auge Bilder, und aus meiner Sicht ist "Forever and a Day" der perfekte Soundtrack, um sich die endlosen Weiten des Weltalls mit all ihrer Schwärze und dem gelegentlichen Sternenlicht vorzustellen. In knapp über vier Minuten wird hier ein wahres Meisterwerk zelebriert!

Nachdem "The Ride" ein wenig Dynamik und Schwung in die Tracklist bringt, ohne sich dabei als stärkster Song des Albums zu entpuppen, folgt mit "Where the Winds don't blow" ein Song, der schon von der Vorab-Single "Farewell" bekannt ist. Trotz seines durchgehend elektronischen Arrangements versteht es der Song, sogar folkig anmutende Momente heraufzubeschwören - vor allem dann, wenn Veljanovs wie immer betörender Gesang aussetzt und Raum für instrumentale Klangwelten lässt. Auch "Where the Winds don't blow" ist ein Höhepunkt von "Crystal Palace", doch darauf konnte man sich ja schon nach dem Release der Single einstellen. Der Titeltrack "Crystal Palace" beinhaltet viele musikalische Elemente, die dem langjährigen Fan auf den ersten Blick etwas ungewohnt erscheinen mögen. Gerade deshalb hat der Song unglaubliches Potenzial und wird mit jedem Durchgang wachsen! Ein Lied, welches den Status als Titeltrack auf jeden Fall verdient hat, zeigt es sich doch experimentell und zugänglich zugleich. Für mich eine der größten Überraschungen des Gesamtwerks!

Das darauffolgende "Why the Stars" ist sowohl was die Lyrics als auch was die Musik angeht der wohl chaotischste, da progressivste Song des Albums. Während die Lyrics aus der Sicht eines scheinbar verwirrten Protagonisten erzählen, welcher seine Umwelt aus einem ganz "eigenen" Blickwinkel wahrnimmt, zeigt vor allem der Refrain das künstlerische Potenzial der Band auf. Nach etwa der Hälfte des Songs wird der hämmernde Refrain von einem arg zerfahrenen Instrumentalteil abgelöst, was den wunderlichen Charakter der Lyrics bestens unterstreicht. Der Wahnsinn, wortwörtlich!
"The Lights of our Street" dagegen ist wieder ein sehr zurückgenommenes, gediegenes Stück aus der Feder von Alexander Veljanov. Mit seiner warmen Stimme begleitet er den Hörer durch ein wunderschönes Stück, welches seine ganze Atmosphäre sicherlich nicht nur beim nächtlichen Hörgenuss entfalten kann.

An neunter Stelle überzeugt "Those Hills" mit treibenden Rhythmen und Ohrwurmqualitäten, während "Eternal Sun", das letzte Stück der Standard-CD, für absolute Gänsehautatmosphäre sorgt. Der Ausklang in Form von "Eternal Sun" kann problemlos als perfekter Abschluss bezeichnet werden, handelt es sich hier doch um einen der epischsten und würdevollsten Momente der Lakaien-Historie. Auch die Bonus-Tracks brauchen sich vor ihren Pendants der Standard-CD überhaupt nicht zu verstecken: "The Swan Song" ist mit seinem melodiösen Charakter kaum zu übertreffen und somit mit Sicherheit eines der besten Stücke auf "Crystal Palace". Auch das endgültige Ende in Form von "Pilgrim" euphorisiert mit seiner Gesellschaftskritik und zarten Klängen, lediglich das dazwischen befindliche "Portuguese Trails" fällt durch seine Monotonie ein wenig ab.

Auch die optische und haptische Komponente von "Crystal Palace" kommt keinesfalls zu kurz! So ist die Kritik vieler Fans am limitierten Box-Set völlig unbegründet, da dieses in einer edlen schwarzen Metallbox und mit einigen weiteren Goodies daherkommt. Zu einem absolut fairen Preis erhält der geneigte Käufer nicht nur die zauberhafte Metallbox, sondern auch das Album in der Digipak-Variante mit Bonus-Tracks, einen hübschen Schlüsselanhänger, eine ansehnliche schwarze Tragetasche, die mit dem Schriftzug des Albums versehen ist, und oben drauf zwei Postkarten der Band. Das beiliegende Zertifikat mit der persönlichen Nummer - es gibt ja immerhin 1000 Box-Sets - ist natürlich nicht zu vergessen. Wäre das Boxset noch teurer gewesen, könnte ich die Kritik einiger Fans ja nachvollziehen, so aber halte ich den Preis für die enthaltenen Fanartikel für maßvoll und angemessen. Vor allem die Box ist in der Vitrine oder im Regal ein wahrer Augenschmaus!

Insgesamt kommt es hier aber natürlich nicht vorrangig auf den Augenschmaus, sondern auf den noch viel wichtigeren Ohrenschmaus an. Kurz und knapp: Deine Lakaien liefern mit "Crystal Palace" eines ihrer bisher stärksten Alben, wenn nicht sogar den Höhepunkt ihrer Schaffenskraft ab. Natürlich erinnert das neue Werk ganz deutlich an die früheren Werke von Deine Lakaien, doch enthält es gerade in Songs wie "Crystal Palace" neuartige, sehr kreative Elemente, die der mittlerweile doch sehr gestandenen Band frischen Wind zuführen. Ich denke, dass sowohl langjährige Fans als auch neue Hörer auf ihre Kosten kommen, sobald sie "Crystal Palace" in ihren CD-Player befördern - dieses Album enthält alles, was Deine Lakaien ausmacht, und kann zudem auf vielen Ebenen mit Überraschungsmomenten aufwarten! Melancholisch, düster und mit der gewohnten Prise Tristesse hangelt sich das Duo Veljanov/Horn durch dreizehn durchgängig starke Songs, die ohne Lückenfüller auskommen. Ganz große Kunst!
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 16, 2014 2:26 AM MEST


The Turn Of The Tides (LTD. Buch Edition inkl. zusätlichem Artwork und Linernotes, 48seitig, 18x18cm)
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Wird angeboten von InfraRot
Preis: EUR 27,99

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein zauberhaftes Spiel mit dem Wandel der Gezeiten: Empyrium sind wieder da und klingen frischer denn je zuvor!, 20. Juli 2014
Empyrium, die Meister des naturmystischen Dark Folk, sind zwölf Jahre nach ihrer letzten Veröffentlichung "Weiland" zurück. Es waren zwölf endlos lange Jahre, in denen sich die treue Fanseele ein neues Album förmlich herbeigesehnt hat - und mit dem vor wenigen Tagen veröffentlichten "The Turn of the Tides" sollte sich dieser Wunsch endlich bewahrheiten! Natürlich gab es in den vergangenen Jahren zumindest erste Live-Konzerte der Band - darunter das unvergessene Konzert in der Christuskirche zu Bochum - und auch die Live-DVD/BluRay/CD "Into the Pantheon" sowie die EP "Dead Winter Ways" wurde dem Publikum präsentiert. Doch nun treten die zwei Musiker, die zu den Talentiertesten ihrer Zunft zählen, auch auf Albumebene aus dem Schatten hervor und präsentieren ein modernes, vielschichtiges, innovatives Werk, das viele traditionelle Elemente Empyriums beinhaltet, die Band aber auch zu neuen Ufern führt. Es ist fast so, als seien Empyrium nie von der Bildfläche verschwunden (für die vielen Fans sind sie das ohnehin nicht, und auch ich zähle dieses wunderbare Projekt seit unzähligen Jahren zu meinen absoluten Lieblingsbands): Schon in den ersten Augenblicken ist sie wieder da - die bittersüße Melancholie, die Naturmystik in ihrer reinsten Form und die Begabung von Schwadorf (E-Gitarre, Akustikgitarre, Schlagzeug, Percussion, Bass, Gesang, Keyboards und Programming) und Thomas Helm (Gesang, Keyboards und Piano), den Hörer völlig einzunehmen und ihn in ferne Welten zu entführen. Pure Magie!

Ganz gleich, über welche der früheren Veröffentlichungen wir sprechen - Empyrium haben schon so oft bewiesen, welch zauberhafte Momente sie mit ihrer Musik beschwören können. Diese Band muss niemandem mehr etwas beweisen! Und doch tut sie es. Sie beweist mit "The Turn of the Tides", dass sie sich auch nach vielen Jahren der Abstinenz neu erfinden kann. Dazu braucht es vor allem zwei Dinge: Mut und Ideenreichtum. Beides haben Schwadorf und Helm scheinbar in Massen, denn anders ist ein Meisterwerk wie "The Turn of the Tides" nicht zu erklären. Dieses Album ist definitiv das perfekte Bindeglied zwischen dem Stil der früheren Werke und den neuen Ideen, die die beiden Musiker nun unbedingt einbringen wollten, um für frischen Wind zu sorgen. Während das letzte reguläre Studioalbum vor der langen Pause viele folkige Klänge beinhaltete und mit deutschen Texten zu verzaubern wusste, kann das neue Studioalbum wieder mit englischen Lyrics und vor allem mit einem bedeutend moderneren Sound aufwarten. "The Turn of the Tides" - so klingen Empyrium im Jahre 2014!

Als Opener fungiert das sehr abwechslungsreiche Stück "Saviour". Es beginnt mit ruhigen Pianoklängen, um dann in sphärische, orchestral anmutende Keyboardflächen überzugehen. Kurz darauf setzt Thomas Helms wie immer elegischer, melancholischer Gesang ein, der den Hörer von der ersten Sekunde an verzaubert. Passend zur lyrischen Thematik, die Empyrium in diesem Song aufgreifen, fallen die Vocals sehr wehmütig aus, was natürlich für die den Fans so vertraute Empyrium-Atmosphäre sorgt. Eine Intensität, die ihresgleichen sucht! Letztlich mündet das Stück in ein bombastisches Finale, das jede zerbrechliche Ruhe der vorherigen Minuten aufgibt. Wie Empyrium in den Ausführungen zum Song (im Booklet zu finden) schon ankündigen, handelt es sich beim Höhepunkt des Songs um ein Mantra, welches die Grundaussage des Liedes unzählige Male wiederholt. "There is no thing without beauty at all..." skandieren Empyrium, und haben damit wie so häufig recht. Eben dieses stilistische Element sorgt durch seine sich wiederholende Phrase für eine tranceartige, beschwörerische Stimmung - Gänsehaut pur! Und so ist "Saviour" der perfekte Einstieg in das neue Album von Empyrium. Es vereint die Trademarks früherer Songs mit dem moderneren Sound, an dem man sich nun versuchen will, und auch auf gesanglicher/textlicher Ebene betritt die Band mit dem majestätischen Mantra Neuland. Dennoch: Auch diese Herausforderung meistert diese Ausnahmeformation mit scheinbarer Leichtigkeit, die dem Hörer das Herz aufgehen lässt! Auf textlicher Ebene jedenfalls erscheint das Lied zuerst traurig, entwickelt sich aber zu einer durchaus hoffnungsvollen Botschaft. Selbst in den dunkelsten Stunden des Lebens ist immer ein Sinn zu finden...
Mit "Dead Winter Ways" folgt ein Lied, welches den Fans schon von den ersten Konzerten der Band und von der gleichnamigen EP bekannt ist, es ist sozusagen ein Vorbote des Albums - und was für einer! "Dead Winter Ways" ist der wohl melancholischste Song von "The Turn of the Tides" und dabei auch noch einer meiner absoluten Favoriten. Auch dieses Stück beginnt mit einer ruhigen Strophe, wie man es von Empyrium ja auch gewohnt ist. Eben diese Strophe wartet aber schon mit Melodien auf, wie sie nur von dieser Band stammen können! Kein Wunder, dass dem Hörer sofort ein Schauer über den Rücken fährt - ganz so, wie auch der Text von einer eisigen Schönheit geprägt ist. Nach einer kurzen, aber umso träumerischeren Instrumentalphase gleitet "Dead Winter Ways" ebenfalls in ein furioses Finale. In diesem paart sich eine E-Gitarre mit dem rauen Gesang von Schwadorf, welcher den Song wie so oft mit seinen kompromisslosen Growls komplettiert, und den sanften Vocals von Helm, dessen Stimme sich wie ein Teppich aus sanft fallenden Schneeflocken über die zarten Klänge der Instrumente legt. "Dead Winter Ways" hat auf lyrischer Ebene wie der Titel schon sagt ein sehr winterliches Thema - und trotz der frostigen Stimmung bleibt auch hier der Ausblick auf den Frühling. Möge das Eis tauen...

"In the Gutter of this Spring", an dritter Stelle des Albums, ist mein absoluter Lieblingssong auf "The Turn of the Tides" und schon jetzt ein wahres Highlight der gesamten Empyrium-Diskographie. Sofort zu Beginn betört Helm einmal mehr mit seinem elegischen, schwelgerischen Gesang und lädt damit zum Träumen ein - Empyrium schaffen es auch hier, den Hörer in andere Welten zu versetzen. In Welten, in denen der Hang zur Natur und das seelische Gleichgewicht anders als im Alltag vieler Menschen noch eine Bedeutung hat. Die Strophen von "In the Gutter of this Spring" werden immer wieder von instrumentalen Passagen unterbrochen - und in diesen dominiert eindeutig die akustische Gitarre, die wohl noch nie jemand so sanft gespielt hat. Diese instrumentalen Momente des Songs entfalten sich in diesem Lied gleich mehrfach, und das in einer nie gekannten Art und Weise. Dabei passen sie allerdings immer perfekt in das restliche Gewand des Songs. Und so führt ein instrumentaler Part auch hier unweigerlich zu einem betörenden Endteil, der scheinbar ein lieb gewonnenes Stilmittel von Empyrium ist. Und dieses Finale hat es in sich: Mit seinem melodiösen, markanten Black Metal-Riff steigert es sich bis ins Unermessliche. Wahnsinn!

Schon vor vielen Jahren tauchte der folgende Song "The Days before the Fall" auf der Prophecy-Compilation "Whom the Moon a Nightsong sings" auf. Schon seit der damaligen Veröffentlichung ist das Lied einer meiner All-Time-Favourites aus dem Hause Empyrium, und auch auf den Live-Konzerten der Band feierte das Publikum den Song enthusiastisch. In den Strophen dieses Stückes überzeugt auch Schwadorf mal mit seinem tiefen, dunklen Klargesang, bevor sich später die fragile, magische Stimme von Helm hinzugesellt. Auch hier muss man sagen: Melodien wie nicht von dieser Welt! Vor der letzten, einfach atemberaubenden Strophe kommt es wieder zum Einsatz der E-Gitarre, die den Song hervorragend in die finale Strophe geleitet. "The Days before the Fall" handelt von den bittersüßen Erinnerungen an die letzten Tage des Sommers mit all ihrem Zauber und den Wundern der sommerlichen Natur. Dabei verknüpft das Lied Elemente von "Weiland" mit neuen Ideen und Einflüssen - ein Meisterwerk!
Als bedeutend kürzeres Stück in Text und Musik erweist sich "We are alone". In der Tradition von "Am Wolkenstieg" und "Das blau-kristallne Kämmerlein" wird das Lied nur von einer bedächtigen, trotzdem aber unfassbar eingängigen Pianomelodie und Helms herzzerreißendem Gesang getragen. "We are alone" fungiert als optimales Bindeglied zwischen der ersten und der zweiten Hälfte des Albums - eine bessere Überleitung hätte man wahrlich nicht finden können. Aus textlicher Sicht geht es - wie der Titel schon sagt - um die pure Essenz der Einsamkeit und das daraus erfolgende Gefühl der Leere. Einer der emotionalsten Momente auf der Platte, definitiv.

Daraufhin gelangen wir zu "With the Current into Grey". Dieser Song wird von zarten Gitarrenklängen und Klangteppichen des Keyboards eingeleitet, nur um später zum wohl energetischsten Lied des gesamten Albums zu werden. Schon in den Strophen beweist das Schlagzeug eine größere Präsenz als zuvor, der Refrain dagegen ist sehr hymnisch und ein absoluter Ohrwurm. Helms Stimme in Kombination mit der E-Gitarre und den dargebotenen Lyrics entfaltet hier eine unglaubliche Wirkung, die einem sofort in Mark und Bein gehen wird. Im Mittelteil dagegen finden wir wieder eine längere Phase der instrumentalen Musik vor, ehe der Refrain abermals auftrumpft. Insgesamt ist "With the Current into Grey" sicherlich stellvertretend für den neuen Stil, den Empyrium sich für dieses Album erdacht haben. Progressiv gehen sie hier zu Werke, auf jeden Fall moderner als je zuvor. Und auch das virtuose Spiel der E-Gitarre erfüllt mich mit purer Freude!
"The Turn of the Tides" - der Titeltrack - ist das letzte Stück und der perfekte Abschluss für ein perfektes Album. Im Grunde genommen handelt es sich um ein sehr sphärisches, ausladendes und episches Lied, das trotzdem sehr schlicht instrumentiert ist und sehr vom progressiven Gitarrenspiel bestimmt wird. Der erste Teil des Textes wird von Helm vorgetragen, und sein Gesang passt sich diesem Text, der von der Vergänglichkeit und den Zyklen der Natur/des Lebens erzählt, vortrefflich an. Letztlich klingt dieses lange "Outro" mit Schwadorfs gesprochenen Worten aus, welche von Helms Hintergrundgesang begleitet werden. In den letzten Sekunden ist nur noch das sanfte Rauschen des Meeres zu hören, begleitet von den Fragmenten einer ebenso zarten Gitarrenmelodie...

Trotz all der Höhepunkte im musikalischen Bereich möchte ich an dieser Stelle auch das Artwork der "Limited Edition" würdigen. Zuallererst begeistert hier natürlich das großformatige Buch, in welchem "The Turn of the Tides" daherkommt. Dieses lässt das Album rein visuell schon opulent und wertig erscheinen und auch das außen verwendete Material scheint von höchster Qualität zu sein. Auf dem Cover prangt darüber hinaus das Bild der Standard-CD, allerdings in Form einer edlen Glanzprägung. Ein Augenschmaus! Hier ist die Liebe zum Detail absolut zu spüren. Wenn das Album schon rein äußerlich so wunderschön ist, dann muss es ja auch von innen begeistern können - das wird sich der geneigte Leser nun sicherlich denken. Und das tut es auch! Aufgrund des großen Formats wirken die Abbildungen der Natur und der beiden Musiker noch mehr als ohnehin schon. Das Vorwort, die Statements zu den einzelnen Texten und die Texte selbst lassen sich darüber hinaus ebenfalls im Booklet finden, was den hervorragenden Gesamteindruck zum Artwork nur noch verbessert. Insgesamt muss man also festhalten, dass die Optik - vor allem für diesen Preis - rundum gelungen ist!

Was kann man nun noch zu "The Turn of the Tides" sagen? Zu einem Album, das einen nach dem ersten Durchlauf sprachlos gemacht hat? Es ist ein perfektes Comeback nach zwölf Jahren! Nicht weniger als das. Ein Teil des Albums lässt Reminiszenzen an frühere Werke aufkommen, da die Folk-Einflüsse hier durchaus vordergründig sind. Gute Beispiele für Lieder, die ich durchaus mit den früheren Alben vergleichen kann, sind etwa "The Days before the Fall", "In the Gutter of this Spring" und "Dead Winter Ways". Ein anderer Teil des Albums jedoch beweist, dass sich Empyrium neu erfunden haben und auch nach vielen Jahren der Abstinenz ein unerschöpflicher Quell der Kreativität sind. Hiermit meine ich beispielsweise die Songs "With the Current into Grey" und "The Turn of the Tides", die das Album ja auch beschließen. Aber auch "Saviour" stimmt schon zu Beginn darauf ein, was Empyrium anno 2014 ausmacht.
Grundsätzlich legen Empyrium auf ihrem aktuellen Werk viel Wert auf einen sehr viel frischeren, moderneren und zeitgemäßeren Sound, der die Ideale und Ideen der früheren Werke vortrefflich in die musikalische Gegenwart transportiert. "The Turn of the Tides" ist definitiv ein Referenzwerk im Bereich der dunklen Spielarten des Folk und der naturmystischen Musik, aber auch für Hörer progressiverer Klänge durchaus einen Blick wert. Selbst Metal-Elemente kommen auf "TOTT" nicht zu kurz, auch wenn wir es eher selten mit ihnen zu tun bekommen.
Kurzum: "The Turn of the Tides" ist eines der besten Alben, die jemals veröffentlicht wurden! Obgleich dies zu erwarten war, da Empyrium sowieso absolute Ausnahmekönner sind, muss dies abschließend erwähnt werden. Für die Band stellt das Album einen perfekten Einstieg in eine ganz sicher glorreiche und strahlende Zukunft dar! Ich jedenfalls bin beeindruckt und zutiefst gerührt.

P.S.: Diese Rezension ist als emotionaler, euphorischer Bericht eines eingefleischten Empyrium-Fans zu sehen. Zwar bewahre ich mir auch als solcher den kritischen Blick auf Alben aller Art - doch bei diesem Album gibt es gar keinen Grund, irgendwelche negativen Worte zu verlieren.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 20, 2014 7:16 PM MEST


The Quantum Enigma
The Quantum Enigma
Preis: EUR 16,99

12 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Großartige Produktion und frischer Sound verhelfen Epica zum besten Metal-Album überhaupt - Meisterwerk!, 2. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Quantum Enigma (Audio CD)
Etwa zwei Jahre sind nun vergangen seit der Veröffentlichung von "Requiem for the Indifferent". Das bisher wohl progressivste und sperrigste Album der niederländischen Ausnahmeformation Epica spaltete die Fangemeinde erstmals, denn die Komplexität des Werkes führte dazu, dass es für einige Hörer unzugänglich wurde. Nichtsdestotrotz waren die Erwartungen an den Nachfolger groß, immerhin haben Epica mit der letzten Albenveröffentlichung einmal mehr bewiesen, welch versierte und kreative Musiker sie sind. Im letzten Jahr folgte mit "Retrospect" die Jubiläumsshow, welche ausnahmslos alle Fans begeistern konnte - der Rückblick auf die ersten zehn Jahre der Band war ein voller Erfolg! Auch die dazugehörige DVD/BluRay erntete fantastische Kritiken, was in Anbetracht der perfekt vorgetragenen Live-Show mit Chor und Orchester auch kein Wunder war. Nun ist es allerdings Zeit, die nächsten zehn Jahre einzuläuten - das sechste Album "The Quantum Enigma" ist da! Für den neuen Release haben sich Epica praktisch neu erfunden: Der langjährige Produzent Sascha Paeth wurde von Joost van den Broek abgelöst, für den Mix ist nun Jacob Hansen (u.a. VOLBEAT, HATESPHERE) verantwortlich. Und auch das Studio wurde gewechselt - die Sandlane Recording Facilities haben sich aber als perfekte Wahl für die Aufnahmen erwiesen. Epica wollten eine neue Ära in ihrer Bandgeschichte einleiten - meisterhafte Kompositionen, eine druckvolle Abmischung und eine exzellente Produktion tun ihr übriges, um dies in grandioser Manier zu gewährleisten.
"The Quantum Enigma" ist unter anderem als atemberaubendes, aufwändiges Earbook mit drei CDs erhältlich, aber auch als Doppel-CD im Digipack und als Vinyl-2 LP. Besonders erwähnenswert ist auch die Kunstleder-Ausgabe des Earbooks, die ausschließlich vom Mailorder der Plattenfirma Nuclear Blast vertrieben wird.
Und dieses Earbook hat es in sich: Auf zahlreichen großformatigen Seiten präsentiert die Band hier Bilder der wunderhübschen Frontfrau Simone Simons und der anderen Bandmitglieder, während der Rest des Artworks gekonnt in Szene gesetzt wird. Auch die Gestaltung des 2CD-Digipacks bezaubert ohne Frage, kommt es doch mit einem Booklet in Form eines Fold-Out-Posters daher.

Thematisch geht es auf "The Quantum Enigma" um große Themen wie die Quantenphysik, die menschliche Wahrnehmung, die Psyche und die Existenz. Aufgrund dessen sind die Lyrics einmal mehr sehr bedeutungsvoll und hochwertig, teils gesellschaftskritisch, aber immer sehr gefühlvoll. Sowohl Sängerin Simone als auch Gitarrist und Sänger Mark Jansen haben hier ganze Arbeit geleistet! Auch das Cover-Artwork passt sich diesen nachdenklichen Themen vortrefflich an, prangt hier immerhin ein Buddha in Verbindung mit vielen anderen Elementen. Der Buddha soll hier die personifizierte Spiritualität darstellen, große symbolische Kraft hat er als Zentrum der Abbildung sowieso. Die felsige Insel im obrigen Teil des Covers steht für die Sicht der Menschheit, für ihre Wahrnehmung der Realität - doch da gibt es so viel mehr! Für die Menschen nicht zu sehen ist der mysteriöse Meeresgrund, der die DNA-Symbolik und die Zeichen für die Elemente Erde, Wind, Feuer und Wasser birgt. Ein Boot auf hoher See symbolisiert das menschliche Bestreben, Antworten auf die großen Fragen der Existenz zu finden. Das war natürlich nicht alles - hier wird absoluter Genuss für das Auge geboten! Wer die Möglichkeit hat, sollte darüber hinaus unbedingt einen Blick auf das komplette Cover-Artwork erhaschen, wie es im Booklet abgebildet wird, denn dieses zeigt ungemein mehr als der eben beschriebene Ausschnitt. Der Künstler Stefan Heilemann sollte für dieses atemberaubende Artwork nicht nur gewürdigt werden, er verdient für die Umsetzung höchste Anerkennung.

Widmen wir uns nun den musikalischen Perlen auf Epicas neuem Meisterwerk. Zusammen mit dem Bonus-Track "In All Conscience" enthält die Digipack-Version von "The Quantum Enigma" 14 Lieder, das Earbook liefert stattdessen den Bonus-Track "Dreamscape". Zudem kommen beide Fassungen mit einer zweiten CD daher, die mit vier zauberhaften und elegischen Akustik-Versionen punkten kann.
Epica zeichnet seit jeher das kompositorische Talent von Mark Jansen aus. Auf der neuen Scheibe aber zeigen alle Bandmitglieder, was in ihnen steckt - unter anderem Isaac Delahaye und Ariën van Weesenbeek beweisen hier häufig genug ihre Begabung für die kreative Arbeit hinter den Songs.
Seit Anbeginn ihrer Bandgeschichte glänzt die Band mit dem Mut zur Progressivität, ohne dabei die Eingängigkeit und Zugänglichkeit zu verlieren. Diese Gratwanderung gelingt auf "The Quantum Enigma" besser als je zuvor, um das schon vorweg zu nehmen. Die Symphonic Metaller legen auf dem aktuellen Album noch mehr Wert auf die melodiöse Komponente, obwohl die Songs zumeist so heavy und druckvoll klingen wie noch nie zuvor. Trotz der komplexen und durchdachten Arrangements - die Lieder strotzen nur so vor Details - erweisen sich alle Lieder als sehr kompakt, was vor allem den neuen Fans entgegenkommen sollte. Aber auch alte Fans kommen voll auf ihre Kosten, denn bessere Refrains hatten Epica noch nie in petto!
Zu den traumhaft schönen Songs gesellt sich eine moderne, aufwändige und qualitativ hochwertige Produktion hinzu, für die sich wie gesagt Joost van den Broek verantwortlich zeigt. Auch die Abmischung sorgt dafür, dass Epica hier auf einem neuen Level operieren. Ein kurzes Fazit fällt schon jetzt mehr als leicht, denn die Band hat hier schlicht und ergreifend ein Meisterwerk hingelegt, das seinesgleichen sucht. Als Liebhaber von Imaginaerum aus dem Hause Nightwish fällt es mir nicht allzu leicht, es zuzugeben, aber Epica haben hier das beste Symphonic Metal-Album überhaupt vorgelegt. Nicht nur das: "The Quantum Enigma" übertrifft meiner Meinung nach alles, was man bisher im Metal-Bereich hören durfte. Von hymnisch bis heavy, von balladesk bis ohrenbetäubend: Hier ist alles dabei, was der geneigte Fan sich wünschen kann!

Als Opener von "The Quantum Enigma" fungiert das filmische Intro "Originem". Das Intro ist natürlich ganz deutlich von orchestralem Bombast geprägt, der sich hier mit den lateinischen Gesängen des Chors paart. Kurz und bündig: Es handelt sich um eine Einführung in der Tradition früherer Epica-Intros, wie man sie unter anderem auf "Requiem for the Indifferent" und "The Divine Conspiracy" finden konnte. Nach Angaben der Band liegt die Melodie schon seit vielen Jahren in der Schublade, um nun verwendet zu werden - und das Warten hat sich gelohnt! "Originem" ist ein Start, der nicht besser hätte ausfallen können.
Weiter geht es mit "The Second Stone", das den ersten wirklichen Song auf dem Album darstellt - dafür geht es allerdings schon sehr gitarrenlastig und metallisch los, was das Stück zum perfekten Opener des Albums und der kommenden Live-Shows macht. Zu betonen ist das grandiose Gitarrenspiel von Isaac Delahaye, von welchem nicht nur "The Second Stone" profitiert. Der Refrain verliert gegenüber den Strophen etwas an Tempo, und kommt so gediegener daher, ohne an Intensität zu verlieren. An Dynamik gewinnt das Stück, sobald der epische Chorgesang im Zusammenspiel mit Simones engelsgleicher Stimme einsetzt, um den Refrain abzuschließen. In instrumentaler Hinsicht dominieren eindeutig die Gitarren - ein wahrer Nackenbrecher eben, der die Fans auf den Konzerten zum Toben bringen wird! Die Lyrics kommen durchaus verzweifelt daher, handeln sie doch von der Psyche und von persönlicher Zerrissenheit.
"The Essence of Silence" ist die erste Single aus dem Album, das Lied bekam seinerzeit auch ein hübsches Lyric-Video spendiert. Obgleich es sich um eine Single-Auskopplung handelt, geht es hier noch härter zu als im vorherigen Stück, mörderische Growls machen schon die Strophen zu einem wahren Metal-Monument. Ganz grundsätzlich tauchen Growls auf "The Quantum Enigma" nicht so häufig auf wie auf so manch anderem Album, trotzdem sind sie immer richtig platziert und sorgen dank Marks druckvollem Organ für eine energetische Atmosphäre, die ihresgleichen sucht. Im Kontrast dazu strotz der Refrain von "The Essence of Silence" nur so vor Melodie - Simone erreicht auch hier extreme gesangliche Höhen, die man auf dem Vorgängeralbum so nicht wahrnehmen konnte. Dass die Wahl der ersten Single auf diesen Song aus der Feder von Ariën van Weesenbeek gefallen ist, ist durchaus überraschend, überzeugend ist das Lied aber allemal. Ich möchte hier vor allem großes Live-Potenzial attestieren, denn dieses ist auf jeden Fall vorhanden! Auch die Lyrics, die in diesem Fall von Mark Jansen geschrieben wurden, tragen viel Energie in sich. Es geht darum, sich der Unruhe und dem Chaos in sich selbst zu entziehen, indem man sich auf die Stille in seinem Inneren einlässt. Ein guter Weg, um der Reizüberflutung der Gegenwart zu entkommen!

Mit "Victims of Contingency" folgt der kürzeste Song des Albums - ganz ohne dass das Stück dadurch an Qualität verliert. Die Strophen überzeugen mit den härtesten Growls, die Epica überhaupt bieten kann, ohne dadurch stilistisch aus dem Raster zu fallen. Vor Doublebass-Attacken des Schlagzeugs bleibt hier niemand verschont! Im Refrain erweist sich "Victims of Contingency" als einer der einprägsamsten Refrains des Albums, wenngleich Simones Gesang wieder einmal das Kontrastprogramm zur eisenharten Strophe darstellt. Irrwitziges Tempo ist aber in jedem Moment garantiert! Textlich geht es darum, sich den eigenen Fehlern und Schwächen zu stellen, ohne Dritte für diese verantwortlich zu machen. Ohne Selbstreflektion ist es unmöglich, aus den eigenen Entscheidungen im Leben zu lernen. Man sieht: Ein Text voller Weisheiten, der so manchem sicherlich weiterhelfen wird.
Danach kommt "Sense Without Sanity - The Impervious Code -", das sehr cineastisch und choral beginnt, schnell aber in härtere Gefilde zurückfindet. Etwas langsamere, aber durchaus rockige Strophen beweisen, dass Epica durchaus Sinn für Groove haben. Natürlich dürfen auch hier nicht die obligatorischen Growls fehlen, die wie so oft für die nötige Abwechslung und Vielfalt sorgen. Auffällig ist die Bandbreite an Stilelementen, die in "Sense Without Sanity" abgedeckt wird - balladeske Momente wechseln sich mit hymnischen Melodien und niederschmetternden Growls ab. Der von Simone fantastisch vorgetragene Refrain und der hier und da eingestreute Chorgesang hievt das Stück darüber hinaus auf ein noch höheres Level - absolut hörenswert! Ebenso gehaltvoll sind die Lyrics - Kernaussage ist, dass unsere Sicht auf das Leben und den Tod unser Leben bestimmt, es geht demnach sehr spirituell zu.
Ein Urteil zur zweiten Single-Auskopplung "Unchain Utopia" zu fällen, fällt überaus leicht. Ich weise schon jetzt gerne auf das Musikvideo zum Song hin, welches recht bald veröffentlicht werden sollte. "Unchain Utopia" beginnt mit ausladenden, dabei aber sehr eingängigen Chorgesängen, die sich auch im Refrain wiederfinden. Kurz darauf setzt temporeiches, aggressives Gitarrenspiel in Verbindung mit Doublebass-Drums ein. Die Strophen werden allesamt von Simones wie immer wunderschöner Stimme geprägt, was sie zu einem melodiösen Abenteuer und einer gesanglich anspruchsvollen Aufgabe für die zauberhafte Frontfrau macht. Bis zum Ende baut das Lied eine ungemeine Spannung auf, um diese dann im atemberaubenden letzten Refrain zu entladen. Hier stacheln sich der Chor und Simone in Kombination zu einem stürmischen Gesangsgewitter an - ein absolut würdiger Schlusspunkt eines überwältigenden Songs. Im Gesamteindruck ist "Unchain Utopia" natürlich sehr "catchy", was auch der Meinung der Band entspricht. Aufgrund der vielen Tempowechsel kann man selbstredend davon sprechen, dass es sehr abwechslungsreich zugeht, der gelungene Spannungsaufbau trägt seinen Teil dazu bei. "Unchain Utopia" ist die perfekte Wahl für das Video und die Single-Auskopplung und dabei die weit offensichtlichere Single als "The Essence of Silence". Ebenso überwältigend sind die Lyrics, die sehr revolutionär erscheinen und von dem Willen unterdrückter Völker erzählen, die sich aus Dystopien und Unterdrückung befreien wollen.

"The Fifth Guardian" ist ein träumerisches Instrumental, dabei aber auch die Einleitung des nächsten Songs "Chemical Insomnia". Das Instrumentalstück ist sehr cineastisch und mutet beinahe asiatisch an, weshalb es problemlos in jeden Martial-Arts-Film passen würde. Auch im Bezug auf das Cover-Artwork erscheint "The Fifth Guardian" mit seiner fernöstlichen Attitüde sehr passend, der dort abgebildete Buddha ist sicherlich kein Widerspruch hierzu. "The Fifth Guardian" sollte erst gekürzt werden und zum nachfolgenden Song gehören, doch letztlich wurde es zu einem vollwertigen Stück verarbeitet. Die sanften Melodien und zauberhaften Klänge sorgen für viel Atmosphäre und vor dem inneren Auge erscheinen augenblicklich wunderschöne Bilder, die von der Ruhe, die der Song ausstrahlt, sanft getragen werden.
"The Fifth Guardian" geht unmittelbar in "Chemical Insomnia" über, welches von Isaac Delahaye komponiert wurde. Nach dem ruhigen Instrumental geht es umso treibender weiter, denn der Song wartet mit tanzbaren und ergreifenden Strophen auf, die in einen leidvollen und packenden Refrain münden, den man so nicht vorausahnen konnte. Auch das Finale mitsamt Growls und Simones Stimme in unglaublichen Lagen weiß vollends zu überzeugen. Das weiß allerdings auch der Text von Simone, denn dieser beschäftigt sich mit der Abhängigkeit von Schlafmitteln und vom ewigen Kampf gegen die Schlaflosigkeit.
Kurz darauf präsentieren Epica mit "Reverence - Living in the Heart -" ein Lied, das einmal mehr sehr orchestral und zugleich hart ist. In vielen Parts geht es hier progressiver zu als in anderen Songs, der sagenhafte Chorgesang bleibt allerdings sofort im Ohr hängen. Ariën van Weesenbeek beweist mit diesem Song einmal mehr seine kompositorischen Fähigkeiten, während Simone ein gesangliches Feuerwerk abbrennt. Vor allem das Gitarrensolo zum Ende des Liedes tut eben diesem merklich gut. Auch der Text enthält viele Weisheiten, wenn er davon spricht, dass man im Hier und Jetzt leben und einfache Dinge genießen solle. Selbstfindung ist ein Stichwort, das die Lyrics ganz ordentlich beschreibt.

Einer meiner absoluten Favoriten, wenn nicht sogar mein Lieblingssong von "The Quantum Enigma" ist "Omen - The Ghoulish Malady -". "Omen" ist der vielleicht eingängigste Song des Gesamtwerks, und er hätte riesiges Single-Potenzial gehabt, hätte man ihn nur ausgewählt. Die ruhigen, aber gesanglich wiederholt herausragenden Strophen voller Anmut und Elegie werden nur noch vom mitreißenden und kraftvollen Refrain getoppt, denn dieser bietet eine herausragende Melodie, die definitiv zum wochenlangen Ohrwurm taugt. Einmal mehr tauchen auch in "Omen" pompöse Chorgesänge auf, wie man sie als Stilmittel von Epica sowieso kennt. Diesmal zählen sie zu den besten der Bandhistorie, darüber hinaus wurden sie wie so oft wunderbar von Coen Janssen arrangiert. Aus inhaltlicher Sicht geht es darum, sich mit der Hilfe von geliebten Personen aus schwierigen Lebenssituationen wie Trauerphasen zu befreien. Insgesamt ein doch recht positiv und hoffnungsvoll gestimmter Text, der Mut macht.
Die Pianoballade des Albums ist kurz darauf an der Reihe, in Form vom bezaubernden "Canvas of Life". Die Ähnlichkeit zu "Chasing the Dragon" lässt sich rein stilistisch nicht verleugnen, auch wenn "Canvas of Live" noch einen draufsetzt. Strophen und Refrain sind hier gleichsam eingängig und verletzlich. Ferner ist "Canvas of Life" der gesangliche Höhepunkt des Albums, stimmlich ist der Song an Intimität kaum zu überbieten. Simone Simons beweist hier einmal mehr, dass sie die beste Sängerin überhaupt ist! Ab dem zweiten Chorus werden die Refrains noch hymnischer, kraftvoller und mit unendlich viel Gefühl vorgetragen, sodass man mit dem Genuss dieses Liedes rein gar nichts falsch machen kann. "Canvas of Life" wird vom Piano und einer Akustik-Gitarre begleitet, wobei die Gitarrenparts sehr virtuos gespielt werden und sich bestens in die Komposition einfügen, obgleich das Piano klar im Vordergrund steht. Die Verbindung zwischen den beiden Instrumenten ist jedenfalls hervorragend gelungen! Die lyrische Komponente ist anders als im letzten Song viel leidvoller und nachdenklicher, immerhin wird hier aber auch von der "Leinwand des Lebens" gesungen.
"Natural Corruption" ist in der Band selbst einer der beliebtesten Songs, und diese Tatsache kann ich sehr gut nachvollziehen. Nach der Ballade zuvor geht es hier wieder wesentlich energetischer zu, was auch der hymnische Refrain, der von melodiösen Keyboardklängen getragen wird, beweist. Balladesk wird es schließlich dann doch, bevor das große Finale des Stückes eingeläutet wird. Dieses wird von einem fantastischen Gitarrensolo geprägt. Im Allgemeinen treten diese Soli nicht allzu oft auf - wenn, dann sind sie aber von herausragender Qualität und fügen sich perfekt in das jeweilige Lied ein. Simones Gesang erklimmt in "Natural Corruption" zumindest im Refrain ungeahnte Höhen, was ich hier ganz besonders loben möchte. Thematisch wird es an dieser Stelle hochinteressant, denn Epica liegen hier ganz richtig, wenn sie von unserer Welt als zerstörtem Paradies erzählen und davon, dass Geld nicht mehr genügen würde angesichts dieser harten Fakten.
Der krönende Abschluss ist dann natürlich der Titeltrack "The Quantum Enigma - Kingdom of Heaven, Part II -", ein epischer und monumentaler Abschluss des Albums. Nach dem Erachten von Mark Jansen enthält dieser Song Elemente, die ebenso bei Pink Floyd auftauchen könnten. Natürlich ist der Song das Opus Magnum von "The Quantum Enigma", ein sehr progressiver Song in Überlänge und in seiner Struktur höchst komplex. Musikalisch ähnelt es dem Vorgänger "Kingdom of Heaven, Part 1" ein wenig, und auch textlich schließt es nahtlos daran an. Allein deshalb ist der Titel "Kingdom of Heaven, Part 2" mehr als berechtigt. Aber auch ohne diese Verbindung zwischen den Stücken verbleibt ein Lied, welches einem ein himmlisches Gefühl gibt! Die Lyrics fassen im Grunde das zusammen, worum es auf diesem Album geht: Die Mysterien der menschlichen Existenz sind hier allgegenwärtig.

Als Bonus-Track der Digipack-Version fungiert "In All Conscience", obgleich dieses Lied auch eines der stärksten auf dem regulären Album gewesen wäre. Jedenfalls ist der Track einer meiner absoluten Lieblingssongs - selbst im Schlaf wäre er wohl noch dazu fähig, Gänsehaut zu erzeugen. "In All Conscience" wird ganz eindeutig von Simones Stimme dominiert, was dem zarten Stück Musik sehr zugute kommt. Auch die Lyrics sind sehr ergreifend, handeln sie doch von verlorenem Lebenswillen, dabei aber auch vom unerschütterlichen Band der Liebe. Bonus-Track der Earbook-Version ist "Dreamscape", nach "Canvas of Life" eine weitere Ballade. Diese hier fällt etwas sperriger aus als das eben genannte "Canvas of Life", ist aber genauso schön und hat aufgrund der komplexen Struktur auf viel langfristiges Potenzial. Gegen Ende erzeugt Simone Simons einmal mehr Gänsehautmomente, indem sie ihre Stimme auf dem höchsten Level erklingen lässt.

CD 2 beinhaltet vier Unplugged-Versionen bekannter Songs des Albums. Mit dabei ist unter anderem die akustische Variante von "Canvas of Life", welche nochmals lieblicher und fragiler ausfällt als die ohnehin schon sanfte Originalversion. "In All Conscience" kann als Unplugged-Fassung genauso überzeugen wie "Dreamscape", welches in dieser Version mehr als schwelgerisch erscheint. Ein absolutes Highlight zum Schluss ist "Natural Corruption", das in seiner Akustikversion einen sehr maritimen Einschlag hat und unweigerlich an das Meer erinnert. Eine einfallsreiche Umgestaltung eines sowieso herausragenden Liedes! In diesem Sinne ist die zweite Disc keinesfalls eine sinnlose Beigabe, sondern ein echtes Juwel, das jede Beachtung verdient.

Mit "The Quantum Enigma" haben Epica ein Album erschaffen, das im gesamten Metal-Kosmos seinesgleichen sucht. Aufgrund der Lobpreisungen, die schon vor dem Release auf das Album einprasselten, habe ich zwar ohnehin sehr viel erwartet, das letztliche Ergebnis haut mich aber wirklich um. Die gemeinsame Arbeit der Band, welche nach langer Zeit wieder vor Ort und in Gemeinschaft an den Songs gearbeitet hat, fruchtet in jedem einzelnen Song, und enstanden sind wahrlich grandiose Songs, die man sich nicht besser hätte ausmalen oder wünschen können. Epica werden mit diesem Meisterwerk sicherlich nicht nur die alten Fans begeistern, sondern auch neue Hörer hinzugewinnen. Darüber hinaus tut der Wechsel des Produzenten und Mischers dem Album überaus gut, der frische und moderne Sound passt bestens ins Bandgefüge. In Verbindung mit dem wunderhübschen Artwork erweist sich dieses Kunstwerk als philosophisches Glanzstück. Epica wollten mit "The Quantum Enigma" eine neue Ära einläuten - und das haben sie absolut geschafft! Mehr noch: Dieses Album beweist, dass Epica sich vor keiner anderen Band dieser Welt verstecken müssen. Kurzum: Ein Album zum Niederknien!
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 16, 2014 4:54 AM MEST


Earth Warrior
Earth Warrior
Preis: EUR 16,99

13 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nicht nur Band,sondern Lebenseinstellung: Omnia vereinen alte Elemente und neue Einflüsse zu gesellschaftskritischem Meisterwerk, 25. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Earth Warrior (Audio CD)
Kaum eine Band geht ihren Weg so konsequent wie das niederländische Pagan Folk-Ensemble Omnia, welches seit mittlerweile fast zwei Jahrzehnten die Ohren und Herzen der zahlreichen Fans bezaubert. Kaum eine Band vertritt ihre Meinung so vehement, ganz gleich, wer sich dieser entgegenstellen könnte. Und kaum eine Band hat dabei eine wahre Lebenseinstellung, ein mit Worten nicht zu beschreibendes Lebensgefühl, entwickelt - all dies und noch viel mehr kann man der wundervollen Band um Steve Sic Evans-van der Harten und die zauberhafte Jenny Evans-van der Harten zuschreiben! Im Laufe der vielen Jahre überraschten Omnia immer wieder mit neuen Einflüssen in ihrer Musik, doch ihrem Ursprung und ihrer inhaltlichen Botschaft blieben sie immer treu. Natürlich sind die Inhalte, die diese besondere Band vermittelt, eigentlich sehr simpel, weil eindeutig: Es geht schlicht und ergreifend darum, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, in dem Mensch und Natur in Harmonie und Gleichklang leben. Darum, die Umwelt zu schützen, sie zu lieben und zu ehren, was angesichts der elementaren Bedeutung, die Tiere und Pflanzen für Menschen und ihr Leben haben, eigentlich selbstverständlich sein sollte. Es geht um einen anderen Bezug zu unserem Planeten, um ein anderes Empfinden dem Leben gegenüber und um Kritik daran, dass der Großteil dieser Gesellschaft diese normalerweise einfach zu verstehenden Werte völlig vergessen hat. Nachdem Omnia 2011 die Doppel-EP "Musick & Poëtree" sowie ein Jahr darauf die Live-CD "Live om Earth" veröffentlicht haben, machen sie sich nun auf, um mit dem neuen Album "Earth Warrior" ein Statement abzugeben, das eindeutiger nicht sein könnte. Die Menschheit vergiftet und zerstört Mutter Natur in jeder Sekunde ihrer Existenz, und "Earth Warrior" ist die musikalische Gegenbewegung angesichts der gefährlichen Entwicklung, die das Gebaren der Gesamtgesellschaft nimmt.

"Earth Warrior" ist kurz und knapp als das vielfältigste Album in der Bandgeschichte von Omnia zu beschreiben. So viele Musikstile verwendete die Kombo wohl noch nie zuvor - ob tanzbare Pagan Folk-Nummern, wie sie gerade zu Beginn der Diskographie häufig gefunden werden konnten, ein Reggae-Ausflug, der durchaus als der Hit der Bandhistorie bezeichnet werden kann oder Country-Einflüsse, die eine ganze Menge Schwung in die betroffenen Lieder bringen - hier gibt es die Vollbedienung für alle Fans!
Als Intro fungiert das elegische "Weltschmerz", das von traurigen Pianoklängen getragen wird. Einmal mehr beweist Jenny ihre atemberaubenden Fähigkeiten am Piano, auch wenn diese um jeden Zweifel erhaben sind. Passend zum Thema des Albums verbreitet das Intro eine schier hoffnungslose Atmosphäre - das Leid, das Omnia angesichts der rücksichtslosen Zerstörung der Natur empfinden, spürt der Hörer förmlich am eigenen Leib. Ein tieftrauriger, aber umso schönerer Einstieg in den neuen Silberling!
Mit "Earth Warrior" folgt nicht nur der Titeltrack, sondern wie gesagt eines der wunderbarsten Lieder der gesamten Bandgeschichte. Den flippigen Ausflug in bisher nicht betretene Reggae-Gefilde kann man getrost als eingängig, aber natürlich auch als unüblich bezeichnen, wenn man die bisherigen Omnia-Verhältnisse zugrunde legt. Nichtsdestotrotz handelt es sich bei dem Song, der schon von zahlreichen Live-Shows aus dem letzten Jahr bekannt ist und dort bestens aufgenommen wurde, um ein absolut gelungenes Experiment, da der Reggae-Stil eben sehr gut zur Band und ihrer Musik passt. So funktioniert das Zusammenspiel der tollen Stimmen von Steve und Jenny in jeder Sekunde, obgleich die gesangliche Unterstützung von Maria Franz (Euzen) natürlich ein großes Plus für den Song ist. Thematisch ist "Earth Warrior" DER zentrale Song des Albums, da er das Lebensgefühl der Band beschreibt, zugleich aber auch als Anregung für die Hörer zu verstehen ist, die ebenso "Earth Warrior" werden können, um die Natur zu beschützen. Obwohl das Lied der Titeltrack ist, ist er nicht repräsentativ für das Gesamtwerk, eben weil der neue Longplayer aus dem Hause Omnia so ungemein vielfältig ist. Dies soll die Komposition des Einzelsongs aber keinesfalls in ein schlechtes Licht rücken, denn das Stück hat mich schon live umgehauen!

"Babu Bawu" dagegen betritt wieder die traditionellen Pfade der Band und wird von einem Didgeridoo eingeleitet, das wie immer der fantastische Daphyd Crow Sens spielt. Eine flüsternde, etwas resignativ klingende Stimme gesellt sich nach wenigen Augenblicken hinzu, bevor sich daraufhin ein unglaublich lebendiges, abermals tanzbares Stück im Balkan-Stil entwickelt. Wie so oft verleiht der mehrstimmige Gesang, der auch hier unter anderem von Jenny vorgetragen wird, dem Ganzen eine hypnotische Note und so wird auch dieser Song prädestiniert sein, um das Publikum auf den Konzerten förmlich in Trance zu versetzen.
Der darauffolgende Song, "Kokopelli", ist von Live-Auftritten schon bestens bekannt, und er unterscheidet sich in seiner Struktur nicht allzu sehr von "Babu Bawu". "Kokopelli" beginnt mit den für Omnia so typischen, schrillen Flötenklängen, wird dann aber schlagartig dynamischer und temporeicher, und auch das Schlagzeug übernimmt hier eine wichtige Rolle. Unstrittig handelt es sich hier um einen potenziellen Fanliebling - vor allem aufgrund des mehrstimmigen Gesangs von Jenny und Steve, der sich mit all seiner Intensität sofort in das Gehirn des Hörers einbrennt. Aus inhaltlicher Sicht ist "Kokopelli" eine Ode an den gehörnten Gott der amerikanischen Ureinwohner, welcher die wilden Tiere der Natur beschützt und für Fruchtbarkeit steht. Ein schöneres Denkmal kann man ihm kaum errichten!
"Crazy Man" dagegen schlägt in eine gänzlich andere Kerbe, ist es ein für Omnia ein doch sehr unkonventioneller Song - purer Hardrock in akustischer Form! Unterstützt vom Gitarrenspiel des ehemaligen Omnia-Mitglieds Joe Hennon erreicht Steves Stimme bisher ungekannte Höhen, die er seinem stimmlichen Repertoire in letzter Zeit hinzugefügt hat. Wie so oft rücken Omnia hier ihr Gedankengut in den Vordergrund, der Text ist durch und durch pagan - und natürlich beschreiben sie sich deshalb als verrückt, wie es schon der Liedtitel sagt. Aber klar, sie sind positiv verrückt! :)
Das sechste Stück auf "Earth Warrior" trägt den schönen Namen "Triceltika". Sanfte Harfenklänge prägen den Beginn des Stückes, kurz darauf macht der sehr melodische Gesang von Jenny und Steve ein echtes Highlight aus dieser traditionellen, bretonischen Komposition. Ein typischer Omnia-Song der alten Schule, und wie man schon dem Titel entnehmen kann, sind die keltischen Einflüsse unverkennbar.

Mit "Epona" folgt dann einer meiner beiden absoluten Favoriten auf dieser CD. Auch dieses Instrumental wird von einem Didgeridoo eingeleitet, was eine sehr erdige und ursprüngliche Atmosphäre aufkommen lässt. Vor allem die Flöte sollte hier aber gelobt werden, denn sie spielt eine sehr schnelle und fesselnde Melodie, die niemandem allzu schnell aus dem Kopf gehen wird. Man stellt sich als Hörer augenblicklich vor, wie man mit einem Pferd über endlose Weiden reitet, was auch zum Thema passt, welches dieses Lied hat: Es ist ein Lied zu Ehren der Göttin Epona, der keltischen Göttin der Pferde. Ein Wahnsinnssong!
In Form von "Black House" bieten Omnia sogleich einen sehr kurzen Song dar, denn das Lied hat eine Länge von unter drei Minuten. Mehr braucht es auch gar nicht, denn durch Steves sehr rauchige Stimme unterhält das Stück auch so. Und wie so häufig passt diese überraschend rauchige Stimme auch zum Inhalt des Liedes, denn hier werden Süchte besungen. Das titelgebende "Black House" steht für eine Kneipe, und so kann man den Alkoholismus und seine ewige Versuchung durchaus als Thema dieses kurzen Liedes begreifen. Nichtsdestotrotz kann auch jede andere Sucht als Thema verstanden werden, auf den Alkohol allein kann man sich hier nicht beschränken. Der Protagonist jedenfalls kann seiner Sucht nicht entkommen und erliegt immer und immer wieder den Verlockungen. Musikalisch gesehen ist das Lied sehr melodisch und einprägsam, obgleich die durchaus passende Stimme zu Beginn natürlich etwas gewöhnungsbedürftig ist.
"Mutant Monkey" - ein ebenfalls sehr kurzes Lied. Zahlreiche Affengeräusche, die hier von den Bandmitgliedern erzeugt werden, sollten die Thematik musikalisch wiedergeben, und so macht das Lied kein Geheimnis aus Omnias Abneigung gegen große Teile der Gesellschaft. Als "Mutant Monkeys" werden hier jene bezeichnet, die die Natur ausbeuten und sie als ihr Eigentum ansehen, und auch die Lyrics werden teils aus der überheblichen Sicht dieser Menschen wiedergegeben. Auf jeden Fall ist "Mutant Monkey" erfrischend innovativ und damit ein durchaus bemerkenswerter Teil des Gesamtwerks. Das Gelächter am Ende des Songs passt dann aber auch bestens zum Eindruck des Hörers, welcher in den meisten Fällen wohl auch über dieses ungewöhnliche Lied schmunzeln wird.
Ein weiteres Instrumentalstück kredenzen uns Omnia mit "Cernunnos" - ein Lied zu Ehren des gehörnten Gottes aus der keltischen Mythologie. Den Fans, die die Band schon lange begleiten, dürfte zusagen, dass es sich hierbei wieder um einen typischen Omnia-Song der traditionellen Sorte handelt. Klar, dass der Großteil des Liedes da vom hypnotischen Flötenspiel und Schlagwerk dominiert wird. Live wird "Cernunnos" auf alle Fälle funktionieren, so wie auch im CD-Player!
Mit dem ebenfalls von Live-Konzerten bekannten "Noodle the Poodle" überraschen Omnia mittlerweile nicht mehr - würde man den Song allerdings noch nicht kennen, wäre das Erstaunen umso größer! Stilistisch bietet das Lied durchaus viele Country-Elemente, und dies steht dem Ansinnen des Songs, ein echter Ohrwurm zu werden, mitnichten im Wege. Textlich ist "Noodle the Poodle" selbstredend eher Klamauk, man kann die niedlichen Lyrics aber als Angriff auf jedes Dogma verstehen.

Kurz vor dem Ende kommt "Call me Satan" ins Spiel, der zweite meiner beiden Favoriten. Die Lyrics hier sind aus der Sicht des großen Pan verfasst. Wofür steht der gehörnte Gott? Was ist seine Botschaft? All das wird hier beantwortet. Obwohl es Pan schon seit Anbeginn aller Zeiten gibt, hat seine Geschichte erst jetzt begonnen, so beschreibt man sein Weilen auf der Erde. Dies ist angesichts der immensen Bedrohungen unserer Natur aber auch mehr als verständlich, denn vor allem in Gegenwart und Zukunft benötigt die Natur einen Wächter. Ein ausufernder Instrumentalteil, der abermals mit Flötenmelodien punkten kann, beschließt dieses grandiose Stück Musikgeschichte.
Bevor das Outro erklingt, ziehen Omnia mit "Free Bird Fly" nochmal alle Register. "Free Bird Fly" ist wie das gesamte Album ein Lied, das sich direkt an den Zuhörer richtet und appelliert. Ein kleiner Hoffnungsschimmer leuchten am Firmament auf und dem Hörer wird klar, dass er noch etwas ändern kann an all dem Grauen, welches auf diesem Planeten vorzufinden ist. Sogar mit einem Kinderchor, der hier keinesfalls deplatziert wirkt, kann das Lied aufwarten, und so ergibt sich aus all diesen Elementen ein epischer Song, der ein würdiger Abschluss für ein in seiner Botschaft so dermaßen wichtiges Album ist.
"Lament for a Blackbird" ist der eigentliche Abschluss, doch handelt es sich hier eher um ein Outro, um ein musikalisches Finale. Vogelgezwitscher und eine weinende Harfe erinnern an einen schwarzen Vogel, um den sich Jenny von Omnia laut einem Interview einst gekümmert hat, und vielleicht erinnern sie auch an eine sterbende Welt, die es zu retten gilt, bevor es zu spät ist...

Was soll man nach einem so schmerzvollen, klagenden Kunstwerk noch sagen, um diese Rezension zu beschließen? Omnia haben sich hier wieder selbst übertroffen, indem sie ein Werk erschaffen haben, das nicht nur auf alte Rezepte vertraut, sondern neue Schritte wagt. Zuweilen erfindet man sich auf "Earth Warrior" neu, auch wenn das nicht jedem Fan gefallen mag. Es beweist aber vor allem Mut, und meines Erachtens nach ist dieser Weg der richtige, denn das ewige Kopieren der eigenen Kunst hält keinerlei Überraschungen für die Hörer bereit. Insofern können mit den neuartigen Songs durchaus neue Hörerkreise erschlossen werden, denn einige der verwendeten Genres sind für Omnia absolutes Neuland. Trotz alledem werden auch die alten Fans nicht enttäuscht sein, denn die Band liefert zugleich auch traditionelle und instrumentale Stücke, wie sie von beinahe allen Liebhabern der Musik Omnias geliebt werden.

Omnia machen mit einer Eindringlichkeit auf die Probleme dieser Welt aufmerksam, die ihresgleichen sucht. Es gilt, die Missstände schnellstmöglich zu beseitigen, auch wenn die Situation aussichtslos erscheint. Immer mehr Menschen folgen den Massenmedien, anstatt selbst zu denken und zu handeln. Wer mag Omnia folgen? Es wäre der richtige Entschluss.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 19, 2014 11:24 AM MEST


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