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Rezensionen verfasst von
Patrick Raszelenberg
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Julie oder Die neue Heloise: Briefe zweier Liebenden aus einer kleinen Stadt am Fuße der Alpen
Julie oder Die neue Heloise: Briefe zweier Liebenden aus einer kleinen Stadt am Fuße der Alpen
von Jean-Jacques Rousseau
  Gebundene Ausgabe

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Atemberaubend, 20. November 2011
Hatte er nun oder nicht - einen an der Klatsche? Einquartiert in der ihm zuliebe von der Mäzenin Madame d'Épinay gebauten Hermitage im beschaulichen Tal von Montmorency, läßt Rousseau seine langjährige Begleiterin und Mutter seiner zahlreichen, allesamt ins Findelheim gesteckten Kinder geruhsam die Hausarbeit verrichten, während er sich in endlosen Stelldicheins mit der blitzgescheiten, attraktiven und wesentlich jüngeren Gräfin Sophie d'Houdetot ergeht - nicht, um sie zu berühren, sondern uns zum Glücke zur Muse des erfolgreichsten Romans des 18. Jahrhunderts werden zu lassen, Julie ou La Nouvelle Héloïse, die Geschichte zweier Liebenden am Fuße der Alpen.

Vollkommen unbescheiden zitiert der Autor in seiner Autobiographie eine betuchte Leserin, die unmittelbar vor Aufbruch zu einem Diner das Buch in die Hände bekam und las und las und las .... bis sie morgens um vier wieder abspannen ließ, vollkommen anästhesiert von der Geschichte Julies und St. Preux', deren hypnotisierende Tugend- und Leidenschaftsekstase in der gesamten abendländischen Literatur ihresgleichen zu suchen scheint.

Bewußt an die Affäre Pater Abaelards mit Heloisa angelehnt, staunt sich der Leser durch siebenhundert Seiten Liebeskatastrophe, wie man sie selten gelesen hat: Der bürgerliche St. Preux darf die adlige Julie d'Étange nicht ehelichen, da dies den gesellschaftlichen Konventionen widerspräche. Zuvor kam es bereits zu einem angedeuteten Zwischenfall mit unvermeidlicher Schwangerschaft, doch Julies Versuch, des Vaters Starrsinn mit Verweis auf das entstehende Leben zu besänftigen und seine Einwilligung zur Eheschließung zu erlangen, schlägt fehl. Unterdessen wird sie mit dem netten, liebenswürdigen und totlangweiligen Baron von Wolmar verheiratet, der St. Preux nach Jahren dessen selbstauferlegten Exils zur gepflegten ménage à trois bittet und ihn auf das Anwesen der Eheleute einlädt. Hier nun durchleben St. Preux und Julie erneut ihre Gefühle - selbstredend ohne, daß etwas passiert - bis Julie beim Versuch, eines ihrer Kinder aus einem See zu retten, ertrinkt.

Das in Briefform konzipierte Werk spielt sich unter Freunden, einer Gruppe einander Wohlgesinnter und zum Teil Gleichgesinnter, ab: neben Julie und St. Preux die Freundin ersterer, Claire, sowie der Freund des letzteren, Eduard. Hin und wieder darf auch von Wolmar etwas schreiben, doch das meiste erfahren wir von Claire, Eduard sowie den beiden Protagonisten selbst. Ungeachtet des zeitlichen Abstands zur Erstausgabe - zweieinhalb Jahrhunderte - erzwingt das Buch vom Leser eine Komplizität, der man sich nur schwer entziehen kann.

Eines sollte man sich vor Augen halten: Dies ist empfindsame Literatur ersten Ranges, auf einer Stufe mit Richardsons 'Clarissa' und Goethes 'Werther'. Der heutige Leser muß sich vor allem mit der seltsam anmutenden Tugendästhetik Rousseaus vertraut machen, die ihre Tragik naturgemäß auf der Verteidigung des Verzichts aufbaut, gleich so, wie Rousseau es mit Sophie d'Houdetot selbst erlebt hat. Julie hat nicht den Mut, ihre Familie zu zerstören und mit St. Preux durchzubrennen - dieser hätte größte Schwierigkeiten gehabt, unter derartigen Umständen eine ähnliche Anstellung als Hauslehrer wie bei Julie zu finden. Die Erwartung einer ungesicherten Zukunft inmitten einer Gesellschaft, die ihnen nicht verziehen hätte - im Ausland sah es nicht besser aus - erlauben dem Autor die Konzeption einer phantastischen Unglücksspirale, die im Tod der Protagonistin endet. Für einen absichtlich herbeigeführten Tod, eine Art indirekten Freitod, sprechen allerdings Julies letzte Bekenntnisse, wodurch der Autor dann doch die (unerfüllte) individuelle Liebe über die bürgerliche Ehekonvention stellt.

Rousseau ist uns in erster Linie als politischer Autor geläufig, doch in diesem Werk erleben wir einen breit interessierten Geist, der die Natur präzise wie wenige beobachtet, allerlei Ideen zum Erziehungswesen ausbreitet und, wie könnte es anders sein, anhand des Anwesens Wolmars und Julies eine utopische politische Ökonomie im Kleinformat entwickelt. Der stolze Schweizer (nicht Franzose), der u.a. das musikalische Notensystem durch Zahlen ersetzte, Opern komponierte und zahlreiche Einträge für die erste französische, von Diderot herausgegebe Enzyklopädie verfaßte und das vermutlich einflußreichste Buch überhaupt zum Erziehungswesen schrieb (Émile), ist für die meisten immer noch der Autor des 'Gesellschaftsertrags', eine über die politischen Zustände jener Zeit weit hinausschauende Studie, die heute gern als Vorläufer egalitärer Weltanschauungen (u.a. Sozialismus) gesehen wird.

In diesem Roman jedoch sehen wir den großen Moralutopisten Rousseau, der über alles menschliche Verlangen immer wieder Ideen stellt. So erhält selbst die reinste Form der Leidenschaft unvermittelt ein analfixiertes Korsett aus Tugend, Ästhetik und Weltanschauung. Man könnte dies leichtfertig als kopflastig abtun oder auf seine eigene Verklemmtheit zurückführen - Argumente dafür gäbe es viele. Seine 'Bekenntnisse', die erste Autobiographie des Abendlands (Augustinus' Werk behandelt in erster Linie religiöse Erfahrungen), liefern zahlreiche Hinweise auf kurze, nicht ernst zu nehmende Leiden- und Liebschaften, denen niemals der gleiche Rang wie tiefen Freundschaften zugebilligt wird. Selbst seine langjährige Gönnerin, Förderin und Begleiterin Françoise-Louise de Warens - 'maman', wie er sagte ' war wohl eher eine Seelenverwandte denn eine Geliebte.

Die Briefe Julies und St. Preux' leben von der Sehnsucht und deren Unerfülltheit, vom Verlangen und dessen Nichtgestilltwerden. Der gesamte Roman basiert auf einer Art erotischem Verschleppungsprinzip: Am Ende stirbt Julie, ausgezehrt vom Sichverzehren, einen Tod, dessen Sehnsucht nach Beendigung aller Sehnsucht ruft. Dazu entreißt er sie dem für sie nicht lösbaren Konflikt ihrer Ehe und ihrer Liebe.

Für uns schwer vorstellbar, akzeptiert St. Preux gar die Versöhnung mit Julies Vater und fügt sich der gesellschaftlichen Sittendiktatur. Tatsächlich können weder er noch Julie das Joch der Moral ertragen, sind jedoch nicht in der Lage, sich ernsthaft aufzulehnen.

Die Kritik am Werk richtet sich in erster Linie gegen Rousseaus Vorstellung einer gesellschaftsstützenden Moral, die von vielen als zutiefst unmenschlich empfunden wird. Schon die Mätresse Ludwigs des XV., Frau Poisson (Marquise de Pompadour), erlaubte sich die Bemerkung, Julie sei doch unerträglich langweilig: Weshalb so viel Vernünftelei, nur um endlich mit einem Manne zu schlafen? Heutzutage wundert man sich über einen Autor, der Sozialkritik ersten Ranges hervorbrachte, während er hier zwei hilflose Wesen vollkommen paralysiert ob der sie umgebenden gesellschaftlichen Zwänge verzweifeln läßt. Julies Tod könnte durchaus als Konsequenz ihrer Feigheit interpretiert werden.

Das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, daß wir das Werk lieber nicht an den Maßstäben einer modernen Industriegesellschaft des 21. Jahrhunderts messen sollten. Dennoch ist es recht und billig, gerade von Rousseau weniger Erlösung denn Lösung zu verlangen - die angebotene ist nichts als Flucht. Unser Autor konzipiert Julie und St. Preux als konfliktunfähig, während sie doch nach nichts mehr suchen als einem Ausweg aus eben jenem. Furchtbares Ende, hoffnungslos der Welt zu entsagen und die eigene Schwäche nicht zu überwinden.

Bleibt der hinreißende Stil, die Einfühlsamkeit und Beobachtungsgabe, mit der Rousseau uns ins Land der Unerfülltheit begleitet. Der Prozeß des Lesens selbst ist es, der im Vordergrund steht und der einem hilft, über den grotesken Ausgang der Geschichte hinwegzusehen. Überdies muß Rousseau zugute gehalten werden, daß der Ausbruch aus gesellschaftlichen Zwängen gerade für jene, die sich in ihr einrichten wollen, nicht infrage kommt. Daher sei jedem zu empfehlen, dieses Buch dafür zu genießen, wofür es geschrieben wurde. Unter den Tausenden von Büchern, die einem irgendwann durch die Hände gleiten, bleiben nur wenige, die sich im Innern ausbreiten. Dieses gehört dazu.


The Rumble in the Jungle [VHS] [UK Import]
The Rumble in the Jungle [VHS] [UK Import]
VHS

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Boxen von einem anderen Stern, 25. Oktober 2005
Wer gesehen hat, mit was für Vorstellungen sich Boxinteressierte seit einem Vierteljahrhundert zufrieden geben müssen - nervtötende Routine (Holmes), langweilige Brutalität (Tyson) oder schier endlose Unausgeglichenheit (Holyfield, Lewis), der kann sich nur wundern, daß es tatsächlich eine Zeit gab, in der dieser Sport die ontologischen Grundlagen der pugilistischen Ästhetik zu erforschen schien.
Sieben Jahre in den Siebzigern veränderten das Gesicht dieses Sports - zumindest in seiner Königsklasse, dem Schwergewicht. Am Anfang steht das hysterische Medienereignis Ali-Frazier I (1971), am Ende Alis dritter Gewinn der Weltmeisterschaft gegen Spinks (1978). Abgerundet wird diese Periode durch Holmes' Sieg über Norton (1978).
Dazwischen liegen jene Jahre, in denen das Schwergewicht international salonfähig wurde, da es sich endlich auf einem Niveau bewegte, daß selbst Nicht-WM-Kämpfe wie Ali-Frazier II (1974) oder Frazier-Foreman II (1976) dank der Klasse der involvierten Akteure zu außergewöhnlichen sportlichen Ereignissen wurden.
Der Höhepunkt jener Epoche ist der dritte Ali-Frazier-Kampf, der sogenannte Thrilla in Manila (1975). Alis Niederlage in New York 1971 und sein Rückkampfsieg an gleicher Stätte drei Jahre später verlangten nach einer endgültigen Entscheidung. Die erfolgte in Manila, wo das Publikum eine der außergewöhnlichen sportlichen Leistungen des 20. Jahrhunderts geboten bekam.
Den vielleicht entscheidendend Beitrag zur Erwartung an diesen Kampf lieferte Alis zweiter Gewinn der Weltmeisterschaft gegen Foreman in Kinshasa 1974. Als krasser Außenseiter in den Kampf gegangen, siegte dank einer nachgerade unerhöhrten Vorgehensweise, indem er den Mann mit der höchsten K.O.-Ratio in der Geschichte des Schwergewichts auf sich einprügeln ließ, bis dieser keine Kraft mehr hatte.
Da Ali diesen Kampf nach der ersten Runde in eine kopfgesteuerte taktische Ermüdungsstrategie umwandelte - sein Versuch, Foreman kalt zu erwischen und in den ersten drei Minuten umzuhauen, scheiterte kläglich - sehen wir von der zweiten bis achten Runde nur kurze Schlaggefechte, die einzig dazu angetan waren, Foreman zu signalisieren, sei Gegner sei noch da. Genervt ob Alis Weigerung, einfach umzufallen, verringert sich Foremans Konzentration schrittweise, bis er in den letzten Sekunden der achten Runde von einer überraschend schnellen Dreh- und Schlagbewegung Alis einmal um die eigene Achse gewirbelt und den hierbei eingefangenen Schlägen zu Boden gerissen wird.
Während jedoch das Aufregendste an diesem Kampf das Ergebnis war, so besteht Ali-Frazier III aus vierzehn Runden erstklassigen Boxens, wie es in dieser Form bis heute nicht mehr erreicht worden ist.
Die zahlreichen Zwischenfälle seit dem ersten Ali-Frazier-Kampf - u.a. die Prügelei beim Fernsehsender ABC 1974 oder Alis Hetzkampagne gegen den "dumpfen Gorilla", der es nicht wert sei, die Schwarzen Amerikas zu repräsentieren, sowie sein ad nauseam wiederholter Schlachtruf, "it's gonna be a killa / and a chilla / and a thrilla / when I get the gorilla / in Manila", bis Fraziers Kinder weinend aus der Schule kamen, sie seien dämliche Gorillakinder - sorgten bereits im Vorfeld für entsprechende Stimmung: "Ich reiß diesem Halbblut sein Herz aus der Brust" (Frazier) oder "Dürfen artengeschützte Tiere in die Philippinen einreisen?" (Ali). Wenige Tage vor dem Kampf tauchte Ali nachts vor Fraziers Hotel auf und ballerte mit der Pistole eines Wachmanns in die Luft, bis Frazier auf dem Balkon erschien: "Kriech zurück in Deine Höhle, Gorilla - Du erschrickst die Leute mit Deinem Anblick!" Die gegenseitige Verachtung schien grenzenlos. Man erwartete einen Kampf, bei dem die Beteiligten eher bereit wären zu sterben als aufzugeben.
Sie waren nicht weit davon entfernt. Wie Ferdie Pacheco, Alis Ringarzt, Jahre später zugab, kämpften die beiden in der nicht-klimatisierten Halle aufgrund des Flüssigkeitsentzugs, der unerträglichen Luftfeuchtigkeit und der konstanten Körper- und Kopftreffer spätestens ab der 8. Runde am Rande des Herzinfarkts.
Wie schon 1971 und 1974, gewann Ali mühelos die ersten Runden, bis er es zu Beginn der Sechsten mit einem der besten Treffer in der Geschichte des Schwergewichts zu tun bekam. Frazier landete einen linken Haken an seinem Kinn, der einem Amateur den Schädel von unten nach oben gespalten hätte. Ali fiel in die Seile, torkelte - und erholte sich. Allein wegen der Nehmerqualitäten beider Akteure sollte man sich diesen Kampf, der auf bedingungslose Offensive setzt, immer wieder anschauen.
Selbst nach einigen Hundert Kämpfen weiß der interessierte Beobachter, daß es immer wieder Phasen gibt, in denen Boxer sich erholen müssen und Pausen einlegen, sei es auch nur für eine oder zwei Minuten und seien diese auch verteilt auf 12 oder 15 Runden. Bei Ali-Frazier III gibt es keine Pausen: Der Kampf nimmt graduell an Intensität zu, bis er in der achten Runde völlig aus dem Ruder gerät und beide minutenlang ekstatisch aufeinander einprügeln. Irgendwann wird einem bewußt, daß keine Steigerung mehr möglich ist, daß entweder das begnadete Schlagungeheuer oder der selbst Boxignoranten verzückende Ästhet demnächst vor Dehydrierung in die Knie gehen oder vor Erschöpfung umfallen müssen.
Doch nichts dergleichen. In der elften Runde kann man kaum noch zusehen, so brutal geht es zu. Ungeachtet der irreal hohen Schlagquote - Frazier teilte insgesamt über 400, Ali über 500 Hiebe aus (zum Vergleich: Bowe-Holyfield 1992 beide über 300) - bewegt sich dieser Kampf auf einem Niveau, das eine Klasse für sich beansprucht. Frazier und Ali zeigen alles, was das Boxen zu bieten hat, jede Art Schläge und Kombis, Ausweichmanöver und Finten, Überraschungseffekte und ein kaum nachvollziehbares Maß an Willensstärke und Durchsetzungsvermögen.
Schließlich kippt der Kampf, als Ali seinem Gegner in der dreizehnten Runde den Mundschutz herausschlägt und Frazier darauf unkoordiniert wie ein eingedellter Flummi vor ihm hin- und herwankt, ohne den beständigen Kopftreffern ausweichen zu können.
Da Fraziers linkes Auge nahezu vollständig geschlossen ist, wird die vierzehnte Runde zum Gemetzel. Immer wieder wird er von Alis Rechten getroffen. Sein aufgedunsenes Gesicht gleicht mittlerweile einem in Wasser gelegten Gummibärchen. Vor Erschöpfung wird er bei einem seiner eigenen Schläge vom Schwung der Ausholbewegung fast zu Boden gerissen. Doch noch steht er, kann Ali ihn einfach nicht niederschlagen, weil dieser selbst nur noch ein Wrack ist, das rein instinktiv weiterboxt, ohne Sinn und Verstand.
Als Trainer Eddie Futch den Kampf nach dieser vierzehnten Runde abbricht, um Fraziers Leben zu retten, kollabiert Ali augenblicklich auf der Matte und kann nur mit Mühe auf einen Stuhl gezogen werden, wo ihm minutenlang Luft zugefächelt wird.
"Wir kamen als junge Champions nach Manila und gingen als alte Männer", sagte Ali später. Keiner der beiden hat sich je richtig erholt von dieser einen Stunde Besuch im Schlachthaus auf den Philippinen. Frazier verbrachte Wochen im Krankenhaus, Alis innere Organe waren verrutscht, er urinierte Blut und wurde noch Jahre danach von Vertrauten zitiert, "was hat dieser Mann mir angetan?!"
Die Karriere Joe Fraziers endete zwei Jahre nach Manila. Er trat noch einmal gegen Foreman an (1976), war jedoch chancenlos und hörte auf (bis zum nicht ernst gemeinten "Comeback" 1981). Auch Ali konnte nie wieder so kämpfen wie 1975. Zwar demonstrierte er noch zweimal sein Können - 1977 gegen Shavers und im Rückkampfsieg gegen Spinks 1978, als er zum dritten Mal Weltmeister wurde - doch Manila war seine letzte große Vorstellung. Als sie vorüber war, lag Frazier halb ohnmächtig in der Kabine und wimmerte, "Allmächtiger, was für ein Champion! Ich hab ihn mit Schlägen traktiert, die eine Stadtmauer zum Einsturz gebracht hätten, und er hat sie weggesteckt. Was für ein Kämpfer!" Währenddessen torkelte Ali zum ersten Interview mit Don Dunphy im Ring und keuchte ins Mikro, "Joe Frazier ist der größte Boxer aller Zeiten - nach mir."


Annapurna
Annapurna
von Reinhold Messner
  Taschenbuch

22 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eines der besseren Messner-Bücher, 4. Mai 2005
Rezension bezieht sich auf: Annapurna (Taschenbuch)
Undankbar - so muß man die Aufgabe, ein Buch über die Annapurna zu schreiben, wohl bezeichnen. Schließlich war es ausgerechnet der Bericht über die Erstbesteigung dieses Berges, der zum bekanntesten Werk der gesamten Bergsteigerliteratur wurde: Maurice Herzogs "Annapurna", das Bergsteiger-Abenteurbuch schlechthin, ein außergewöhnliches Werk über den Triumph des Menschen im aussichtslosen Kampf gegen die Natur.
Vom Verfasser 1950 im amerikanischen Krankenhaus von Paris in die Maschine diktiert, da ihm sämtliche Finger beim Abstieg erfroren, wurde es dank seines unprätentiösen Stils millionenfach konsumiert und trug erheblich zu Herzogs Status als einem Volkhelden bei, der unter de Gaulle Sportminister wurde.
Das Foto seiner verfaulenden Hände mit ihren herunterhängenden Hautfetzen ist ebenso Teil der Annapurna-Legende wie seine packende Beschreibung der monatelangen Suche nach einem Berg, der auf keiner Karte korrekt verzeichnet war, oder des nur mit Glück überlebten Abstiegs, der den mittlerweile gehunfähigen Expeditionsleiter bis nach Kathmandu zum nepalesischen König brachte
Reinhold Messner dokumentiert die Herzog-Expedition ebenso wie spätere Besteigungen einschließlich der eigenen über die vormals unbegangene Norwestwand. Daß er, der 1985 nur noch vier Jahre davon entfernt war, sämtliche vierzehn Achttausender "einzusammeln", sich ausgerechnet an der selten bestiegenen Annapurna für eine derart schwierige Route entschied, widerspricht der häufig geäußerten Kritik, er habe im Spätstadium seiner Bergsteigerkarriere rasch alle Gipfel "abkaken" wollen - vorzugsweise über bekannte, ausgetretene Normalrouten-Trampelpfade.
Diese Kritik bezieht sich insbesondere auf Messners Verhalten am K2 (1986), als er von der selbst konzipierten "magischen Linie" an der Südwestwand auf den bekannten Abruzzengrat wechselte. Wie zuvor am Cho Oyu und am Dhaulagiri sowie danach am Makalu und am Lhotse, scheiterte er am Versuch einer neuen Route und betrat alte Wege hinauf und hinunter. Dennoch muß man ihm zugute halten, daß er zum Teil mehrmals neue Routen am selben Berg ausprobierte und nur abbrach, wenn die Vernunft keine andere Möglichkeit zuließ (etwa an den Dhaulagiri- und Lhotse-Südwänden). Nicht jeder Berg erlaubte dieselbe waghalsige, in Konzeption und Durchführung überzeugende Demonstration seiner Klasse als Ausnahmekletterer.
Messner, der nach den menschlichen Enttäuschungen am Nanga Parbat (1970) und Manaslu (1972) gemeinsam mit Habeler den alpinen Stil im Himalaya einführte (Gasherbrum I, 1975), die erste Alleinbegehung eines Achttausenders absolvierte (Nanga Parbat, 1978), mit Habeler als erster ohne Sauerstoff auf den Everest kletterte (1978) und zwei Jahre später wieder als erster völlig allein auf den höchsten Berg der Welt marschierte - im Winter und während des Monsuns - hat zweifellos Maßstäbe gesetzt, blieb jedoch immer umstritten.
Die Annapurna ging Messner gemeinsam mit Hans Kammerlander an. Form und Darstellung der Besteigung ähneln anderen Beschreibungen desselben Autors, vom Bezug auf Vorgänger über die Begründung der eigenen Route bis hin zu Auslassungen über spirituell bereichernde Erlebnisse in der Todeszone über 7000m.
Messner und Kammerlander waren ein außergewöhnliches Paar, das insgesamt sieben Achttausender bestieg. Ihre Überschreitung zweier Achttausender in einem Rutsch (Gasherbrum I & II, 1984) war ebenso spektakulär wie ihr gescheiterter Versuch, im Winter durch die Lawinenkanonade der Cho Oyu-Südwand zu krabbeln (1982). Begünstigt durch Messners Zerwürfnis mit Habeler, erreichten die beiden 1985 die einander gegenüberliegenden Dhaulagiri- und Annapurna-Gipfel. Während sie am Dhaulagiri nichts Außergewöhnliches unternahmen, durchstiegen sie an der Annapurna die völlig unbekannte Nordwestwand im Eilverfahren.
Neben der ausführlichen Darstellung ihrer Schwierigkeiten auf dem letzten Stück, als sie am Nordwestgrat vom Sturm fast aus der Wand gefegt wurden, bevor sie im Nebel auf einem eiskalten Gipfel ohne Aussicht landeten, schildert das Buch einige der faszinierenden Besteigungen, die gerade das Annapurna-Massiv erlebt hat.
Leider geht Messner dabei nur auf deren zwei detailliert ein: die britische Expedition von 1970 und Herzogs Erstbesteigung. Der Leser erfährt somit nichts über die außergwöhnliche Frauenexpedition unter Arlene Blum von 1978, die eine Alternativroute durch Herzogs Nordwand wählte und unterwegs zwei Tote zurückließ. Immerhin kurz erwähnt wird Erhard Loretans Himmelfahrtskommando von 1984, als er gemeinsam mit Norbert Joos durch die Südwand auf den Ostgipfel kletterte, um danach den gesamten Ostgrat entlang über den Mittelgipfel zum Hauptgipfel zu gelangen und schließlich über die Nordwand abzusteigen - mit Sicherheit eines der verrücktesten Unternehmen in der Geschichte der Himalaya-Expeditionen.
Insgesamt ein durchaus bemerkenswertes Buch, das den umstrittenen Autor von seiner besten Seite zeigt und die vielen Kontroversen um seine Person für einen Moment vergessen läßt.


Thrilla in Manila/the Big Punchers [UK Import]
Thrilla in Manila/the Big Punchers [UK Import]

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Boxen von einem anderen Stern, 30. April 2005
"Thrilla in Manila": Welch ein Kampf!
Wer gesehen hat, mit was für Vorstellungen sich Boxinteressierte seit einem Vierteljahrhundert zufrieden geben müssen - nervtötende Routine (Holmes), langweilige Brutalität (Tyson) oder schier endlose Unausgeglichenheit (Holyfield, Lewis), der kann sich nur wundern, daß es tatsächlich eine Zeit gab, in der dieser Sport die ontologischen Grundlagen der pugilistischen Ästhetik zu erforschen schien.
Sieben Jahre in den Siebzigern veränderten das Gesicht dieses Sports - zumindest in seiner Königsklasse, dem Schwergewicht. Am Anfang steht das hysterische Medienereignis Ali-Frazier I (1971), am Ende Alis dritter Gewinn der Weltmeisterschaft gegen Spinks (1978). Abgerundet wird diese Periode durch Holmes' Sieg über Norton (1978).
Dazwischen liegen jene Jahre, in denen das Schwergewicht international salonfähig wurde, da es sich endlich auf einem Niveau bewegte, daß selbst Nicht-WM-Kämpfe wie Ali-Frazier II (1974) oder Frazier-Foreman II (1976) dank der Klasse der involvierten Akteure zu außergewöhnlichen sportlichen Ereignissen wurden.
Der Höhepunkt jener Epoche ist der dritte Ali-Frazier-Kampf, der sogenannte Thrilla in Manila (1975). Alis Niederlage in New York 1971 und sein Rückkampfsieg an gleicher Stätte drei Jahre später verlangten nach einer endgültigen Entscheidung. Die erfolgte in Manila, wo das Publikum eine der außergewöhnlichen sportlichen Leistungen des 20. Jahrhunderts geboten bekam.
Den vielleicht entscheidendend Beitrag zur Erwartung an diesen Kampf lieferte Alis zweiter Gewinn der Weltmeisterschaft gegen Foreman in Kinshasa 1974. Als krasser Außenseiter in den Kampf gegangen, siegte dank einer nachgerade unerhöhrten Vorgehensweise, indem er den Mann mit der höchsten K.O.-Ratio in der Geschichte des Schwergewichts auf sich einprügeln ließ, bis dieser keine Kraft mehr hatte
Die zahlreichen Zwischenfälle seit dem ersten Ali-Frazier-Kampf - u.a. die Prügelei beim Fernsehsender ABC 1974 oder Alis Hetzkampagne gegen den "dumpfen Gorilla", der es nicht wert sei, die Schwarzen Amerikas zu repräsentieren, sowie sein ad nauseam wiederholter Schlachtruf, "it's gonna be a killa / and a chilla / and a thrilla / when I get the gorilla / in Manila", bis Fraziers Kinder weinend aus der Schule kamen, sie seien dämliche Gorillakinder - sorgten bereits im Vorfeld für entsprechende Stimmung: "Ich reiß diesem Halbblut sein Herz aus der Brust" (Frazier) oder "Dürfen artengeschützte Tiere in die Philippinen einreisen?" (Ali). Wenige Tage vor dem Kampf tauchte Ali nachts vor Fraziers Hotel auf und ballerte mit der Pistole eines Wachmanns in die Luft, bis Frazier auf dem Balkon erschien: "Kriech zurück in Deine Höhle, Gorilla - Du erschrickst die Leute mit Deinem Anblick!" Die gegenseitige Verachtung schien grenzenlos. Man erwartete einen Kampf, bei dem die Beteiligten eher bereit wären zu sterben als aufzugeben.
Sie waren nicht weit davon entfernt. Wie Ferdie Pacheco, Alis Ringarzt, Jahre später zugab, kämpften die beiden in der nicht-klimatisierten Halle aufgrund des Flüssigkeitsentzugs, der unerträglichen Luftfeuchtigkeit und der konstanten Körper- und Kopftreffer spätestens ab der 8. Runde am Rande des Herzinfarkts.
Wie schon 1971 und 1974, gewann Ali mühelos die ersten Runden, bis er es zu Beginn der Sechsten mit einem der besten Treffer in der Geschichte des Schwergewichts zu tun bekam. Frazier landete einen linken Haken an seinem Kinn, der einem Amateur den Schädel von unten nach oben gespalten hätte. Ali fiel in die Seile, torkelte - und erholte sich. Allein wegen der Nehmerqualitäten beider Akteure sollte man sich diesen Kampf, der auf bedingungslose Offensive setzt, immer wieder anschauen.
Selbst nach einigen Hundert Kämpfen weiß der interessierte Beobachter, daß es immer wieder Phasen gibt, in denen Boxer sich erholen müssen und Pausen einlegen, sei es auch nur für eine oder zwei Minuten und seien diese auch verteilt auf 12 oder 15 Runden. Bei Ali-Frazier III gibt es keine Pausen: Der Kampf nimmt graduell an Intensität zu, bis er in der achten Runde völlig aus dem Ruder gerät und beide minutenlang ekstatisch aufeinander einprügeln. Irgendwann wird einem bewußt, daß keine Steigerung mehr möglich ist, daß entweder das begnadete Schlagungeheuer oder der selbst Boxignoranten verzückende Ästhet demnächst vor Dehydrierung in die Knie gehen oder vor Erschöpfung umfallen müssen.
Doch nichts dergleichen. In der elften Runde kann man kaum noch zusehen, so brutal geht es zu. Ungeachtet der irreal hohen Schlagquote - Frazier teilte insgesamt über 400, Ali über 500 Hiebe aus (zum Vergleich: Bowe-Holyfield 1992 beide über 300) - bewegt sich dieser Kampf auf einem Niveau, das eine Klasse für sich beansprucht. Frazier und Ali zeigen alles, was das Boxen zu bieten hat, jede Art Schläge und Kombis, Ausweichmanöver und Finten, Überraschungseffekte und ein kaum nachvollziehbares Maß an Willensstärke und Durchsetzungsvermögen.
Schließlich kippt der Kampf, als Ali seinem Gegner in der dreizehnten Runde den Mundschutz herausschlägt und Frazier darauf unkoordiniert wie ein eingedellter Flummi vor ihm hin- und herwankt, ohne den beständigen Kopftreffern ausweichen zu können.
Da Fraziers linkes Auge nahezu vollständig geschlossen ist, wird die vierzehnte Runde zum Gemetzel. Immer wieder wird er von Alis Rechten getroffen. Sein aufgedunsenes Gesicht gleicht mittlerweile einem in Wasser gelegten Gummibärchen. Vor Erschöpfung wird er bei einem seiner eigenen Schläge vom Schwung der Ausholbewegung fast zu Boden gerissen. Doch noch steht er, kann Ali ihn einfach nicht niederschlagen, weil dieser selbst nur noch ein Wrack ist, das rein instinktiv weiterboxt, ohne Sinn und Verstand.
Als Trainer Eddie Futch den Kampf nach dieser vierzehnten Runde abbricht, um Fraziers Leben zu retten, kollabiert Ali augenblicklich auf der Matte und kann nur mit Mühe auf einen Stuhl gezogen werden, wo ihm minutenlang Luft zugefächelt wird.
"Wir kamen als junge Champions nach Manila und gingen als alte Männer", sagte Ali später. Keiner der beiden hat sich je richtig erholt von dieser einen Stunde Besuch im Schlachthaus auf den Philippinen. Frazier verbrachte Wochen im Krankenhaus, Alis innere Organe waren verrutscht, er urinierte Blut und wurde noch Jahre danach von Vertrauten zitiert, "was hat dieser Mann mir angetan?!"
Die Karriere Joe Fraziers endete zwei Jahre nach Manila. Er trat noch einmal gegen Foreman an (1976), war jedoch chancenlos und hörte auf (bis zum nicht ernst gemeinten "Comeback" 1981). Auch Ali konnte nie wieder so kämpfen wie 1975. Zwar demonstrierte er noch zweimal sein Können - 1977 gegen Shavers und im Rückkampfsieg gegen Spinks 1978, als er zum dritten Mal Weltmeister wurde - doch Manila war seine letzte große Vorstellung. Als sie vorüber war, lag Frazier halb ohnmächtig in der Kabine und wimmerte, "Allmächtiger, was für ein Champion! Ich hab ihn mit Schlägen traktiert, die eine Stadtmauer zum Einsturz gebracht hätten, und er hat sie weggesteckt. Was für ein Kampfer!" Währenddessen torkelte Ali zum ersten Interview mit Don Dunphy im Ring und keuchte ins Mikro, "Joe Frazier ist der größte Boxer aller Zeiten - nach mir."


Der Triumph von München -- Die Fussball-WM 1974 [2 DVDs]
Der Triumph von München -- Die Fussball-WM 1974 [2 DVDs]
DVD ~ Wolfgang Biereichel

23 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sehenswert, 6. April 2005
Dieses Paket beinhaltet zwei DVDs, das Endspiel D-NL von 1974 in voller Länge (Kommentar: Rudi Michel) und eine Doku über das Vordringen der Endspielgegner durch die Auftaktrunde, die Achtel-, Viertel- und Halbfinals.
Die Niederlande hatten das beste Turnier ihrer Fußballgeschichte gespielt. Giganten wie Brasilien wurden deutlich besiegt (2:0), starke Gegner wie Argentinien regelrecht demontiert (4:0). Im Spiel gegen die DDR (2:0) war man derart überlegen, daß Croy und Sparwasser im Nachhinein konstatierten, man hätte nicht den Hauch einer Chance gehabt. Neben den Polen spielten die Niederländer die aufregendsten Partien dieser Fußballweltmeisterschaft: schnell, kampfstark und treffsicher.
Verständlich, daß sie sich nicht vorstellen konnten, das letzte Spiel dieses Turniers evtl. zu verlieren - ausgerechnet gegen Deutschland, das eher unbeständige Leistungen gezeigt hatte und spätestens im Halbfinale mehr Glück als Können beanspruchte. Als das Endspiel angepfiffen wurde, benötigte man eine einzige Minute, um in Führung zu gehen. Offenbar war man auf dem Weg, den Gastgeber vorzuführen.
Da man genau dies versuchte, blieb knapp zwei Stunden später nur aufrichtige Fassungslosigkeit. So groß war der Schock, daß man sich unwillkürlich an Napoleons Memoiren erinnert fühlte: "Waterloo konnte gar nicht schiefgehen".
Doch es ging. Warum, erklärt diese DVD zumindest aus deutscher Sicht: Nach der mühsamen Vorrunde mit der heilsamen Niederlage gegen die DDR fand man endlich zusammen, spielte Schweden an die Wand und gewann das Glücks-, Zufalls- und Kampfspiel gegen Polen. Der Rückstand gegen Holland weckte die Mannschaft gerade rechtzeitig auf: Sie mußte arbeiten, kämpfen und endlich spielen, um zu beweisen, wie naiv Rinus Michels 'totaal voetbal' war, immer offen für Konter und Opfer der eigenen Arroganz. Die Kopie dieses Stils, Brasiliens Wundertruppe von 1982, ging im Halbfinale gegen Italien baden.
Begleitet wird die Erzählung des Turnierverlaufs von Kommentaren ehemaliger Spieler (u.a. Breitner, Beckenbauer, Hoeneß, Overath, Netzer, Cruyff), Journalisten und interessierten Beobachtern (u.a. Prinz Bernhard der Niederlande).
Die Kommentare Breitners und Netzers setzen sich wohltuend sachlich vom selbstgerechten Geplapper Uli Hoeneß' ab: Der Mann, der die WM 74 fast allein für Deutschland verlor - im Halbfinale einen Elfmeter verschossen, im Endspiel einen verursacht - plaudert unbedarft über seine 39 Grad Fieber am Endspieltag und argumentiert, er habe dies geheimhalten müssen, um dabei zu sein.
Natürlich. Ist ja auch egal, ob Deutschland das Spiel verliert. Schließlich kann man auch ohne Verantwortungsgefühl und Selbstachtung weit kommen - mit entsprechender Profilneurose sogar bis zum Titel. Den verdanken wir allerdings anderen: Maier, Overath, Vogts, Beckenbauer und Bonhoff.
Auf dieser DVD kann man noch einmal erleben, welch eine Bereicherung Grabowski, Bonhoff und Hözenbein für diese Mannschaft waren; wie zäh und konsequent Vogts einen Weltklassestürmer nach dem anderen ausschaltete; wie Maier das Spiel seines Lebens gegen Polen machte, und der Kaiser zum Schluß noch das Kämpfen lernte.
Leider fehlt der DVD eine eingehendere Beschäftigung mit dem Endspielgegner. Da die Niederländer den aufregendsten Fußball dieser WM spielten, hätten wir gern mehr als nur einige ihrer Tore gesehen. Vor allem hätte man versuchen können, ihr rein offensiv ausgelegtes Spiel kritisch zu beleuchten, um endlich Schluß zu machen mit all dem Gejammer vom unverdienten deutschen Sieg. Wer aus einem Dutzend erstklassiger Chancen kein Tor macht, verdient nicht einmal die Vizeweltmeisterschaft.


The Glenn Gould Edition - Bach: Goldberg Variations
The Glenn Gould Edition - Bach: Goldberg Variations
Preis: EUR 7,97

27 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bach neu erfinden, 11. Februar 2005
Die Interpretationsgeschichte der Goldberg-Variationen läßt sich in zwei Phasen einteilen, vor und nach 1955. Davor gab es einige wenige Versuche, diese technisch anspruchsvollen, selten gespielten Baßvariationen (nicht der Melodie, wie sonst üblich) entweder vollständig aufzuführen (Rosalyn Tureck) oder einzuspielen (Wanda Landowska, Claudio Arrau). Doch die Länge und Komplexität der für Graf Kayserlink komponierten Schlafmusik versperrten den Weg zu einer raschen Aufnhame durch das breite Publikum - bis sich plötzlich ein junger Kanadier über die europäisch dominierte Rezeptionsgeschichte Bachs auf eine Art und Weise hinwegsetzte, von der sich diese Variationen bis heute nicht erholt haben.
Über zwei Jahrhunderte vegetierten die Goldberg-Variationen im Archiv der unspielbaren Werke, deren Aufführung nicht anzuraten sei und mit denen man keine Breitenwirkung erzielen könne. Ähnliches galt für Bachs Französische und Englische Suiten, seine zwei- und dreistimmigen Inventionen und - mit Abstrichen - die Partitas. Lediglich das Alte Testament der Klavierliteratur, das Wohltemperierte Klavier, besaß einen Platz im öffentlichen Bewußtsein.
Dann trat Glenn Gould auf den Plan. Gewaltig war der Eindruck, den seine erste Schallplatteneinspielung hinterließ, und kaum einer der nachfolgenden Pianisten war in der Lage, seinem Ansatz etwas Ebenbürtiges oder vergleichbar Interessantes entgegenzusetzen. Derjenige, der diesem Versuch am nächsten gekommen ist, András Schiff, hat zwar eine auf einer imaginären Linie denkbar weit von Gould entfernte Interpretation geliefert, gab jedoch unumwunden zu, auch deshalb Bach so ganz anders zu spielen, weil er eigentlich stark von Gould beeinflußt war.
Zu behaupten, Glenn Gould habe uns gezeigt, daß diese Werke nicht das sind, wofür man sie hielt, ist heute eine banale Feststellung - doch es bedurfte Goulds Widerlegung mehrerer Generationen musikkundiger Aufführungs- und Fachexperten, um sie zu einer solchen werden lassen.
Es ist, als habe er Europa den Staub dieser Partitur ins Gesicht geblasen. Was übrig blieb, war das selbstvergessene Spiel eines jungen Mannes, der die Variationen tiefer und dichter las als andere. Die außergewöhnlichen musikalischen Freiheiten, die er sich nahm - Betonung der Baßvariation in der linken Hand, mitunter eigenwillige Tempovariationen sowie durchgängig analytisches non-legato-Spiel - standen ausschließlich im Dienst der musikalischen Erkenntnis über eines der aufregendsten Werke, das Bach hinterließ und das nun endlich als solches gewürdigt werden konnte.
Der elektrisierende Schwung dieser Variationen hat auch Goulds zweite Einspielung des Werkes (1981, ein Jahr vor seinem Tod) überdauert. Zu den sachkundigen Gründen, die hernach von Otto Friedrich über Peter Ostwald bis hin zu Michael Stegemann ausgebreitet wurden, weshalb diese Einspielung eine Sternstunde der Klaviermusik ist, könnte man einen wesentlichen hinzufügen: Gould spielt die Variationen nicht ‚schön' (wie Gawrilow, Perahia und Rangell) oder ‚klassisch' (wie Kempff, Jarrett, Yudina und andere), nicht 'ansprechend', 'romantisch' oder gar 'authentisch' im Sinne eines fiktiven Ur-Bachs, sondern schlicht außergewöhnlich und eigenwillig, so daß dem Hörer nichts anderes übrigbleibt, als irgendwann reine ‚Gouldberg'-Variationen zu hören, gleichsam für ihn selbst komponiert, um uns zu zeigen, welche Aussagekraft Bach heute noch besitzt.
Goulds Bach ist etwas, das die musikgeschichtliche Interpretationsgeschichte bereichert hat: ein vollkommen eigener, kreativer, gleichzeitig kritisch distanzierter Ansatz, der die Hörer seit einem halben Jahrhundert verzaubert und sie lehrt, Bach selbständig weiterzudenken, so wie Gould es getan hat.


Spiel mir das Lied vom Tod (2 DVDs) [Special Collector's Edition]
Spiel mir das Lied vom Tod (2 DVDs) [Special Collector's Edition]
DVD ~ Claudia Cardinale

4 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Spaghetti-Western al dente, 30. Juli 2003
‚Spiel mir das Lied von Tod' räumt mit derart vielen Klischees des Western-Genres auf, daß es müßig wäre, sie alle aufzuzählen. Sergio Leone hatte den sogenannten Spaghetti-Western 1964 mit ‚A Fistful of Dollars' etabliert, in dem der damals unbekannte Clint Eastwood die Hauptrolle spielte. Animiert durch den Erfolg von ‚The Good, the Bad and the Ugly' (1966), beendete er sein selbstgeschaffenes Genre schließlich durch ‚Once Upon a Time in the West' (1969) - deutscher Verleihtitel ‚Spiel mir das Lied vom Tod'
Wir wissen vorher schon, wie's ausgeht, doch die Nahaufnahmen der Protagonisten vor dem entscheidenden Duell zwischen Bronson und Fonda zu den Rückblenden des qualvollen Tods Bronsons Bruders und den endlos ausgedehnten Leitmotiven Morricones Titelstücks saugen den Betrachter geradewegs in die Leinwand hinein.
Wo jetzt nur noch Bronsons Augen zu sehen sind .... dann knallt's.
Tödlich getroffen erhält Fonda Antwort auf die Frage, wer ihn die ganze Zeit gejagt hat: seine eigene Vergangenheit. Der Mann, den alle nur ‚Mundharmonika' nennen (Bronson), klemmt ihm jenes Instrument zwischen die Zähne, das er von diesem erhalten hatte, als er ihn aufforderte, zur Hinrichtung seines Bruders ‚das Lied vom Tod' zu spielen, während Fonda ihm amüsiert zuschaute.
Sergio Leones erklärtes Ziel, das amerikanische Western-Genre zu dekonstruieren, berauscht durch die Verdichtung der Elemente und Motive, aus denen sich der Mythos der Westausdehnung Amerikas zusammensetzt. Dabei ist Bronson der Chronist eines angekündigten Filmtodes: Fonda wird erschossen, und schon schwenkt die Kamera frohgemut auf eine Totale der zivilisatorischen Errungenschaft: einer Bahnstation, in der das Leben pulsiert.
Zuvor stritt man noch ein wenig um das einzige Stück Land mit einer Wasserquelle im näheren Umfeld, durch das die Bahnlinie zum Pazifik gebaut werden sollte. Obwohl die Pächterfamilie abgeschlachtet wurde, behauptet sich die zuvor heimlich angeheiratete und jetzt verwitwete Erbin, indem sie dem Vertreter der Eisenbahngesellschaft und seinen Chargen mit Hilfe Charles Bronsons die Stirn bietet. Sie ist es auch, die in der Schlußeinstellung die Erfrischungen an die Bahnarbeiter austeilt und zu einem Symbol des Neuanfangs wird, an dem Bronson nicht mehr teilhaben kann, da für ihn lediglich die Rache am Tod des Bruders auf dem Programm stand..
Die sinnliche Wirkung der Mischung aus Breitwandformat und effektvoller Musik (Ennio Morricone) ist einzigartig. Ein vorbehaltlos empfehlenswerter, stimulierender Film voll schöner Einstellungen und passender Musik.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 22, 2012 9:34 PM CET


Full Metal Jacket
Full Metal Jacket
DVD ~ Matthew Modine
Wird angeboten von Multi-Media-Trade GmbH - Alle Preisangaben inkl. MwSt.
Preis: EUR 12,98

13 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Gespaltener Eindruck, 29. Juli 2003
Rezension bezieht sich auf: Full Metal Jacket (DVD)
Vietnam oder doch Kubrick?

Kubricks Vielseitigkeit ist sprichwörtlich. Kaum ein Genre, das dieser ungewöhnliche Hollywood-Regisseur nicht in den Griff bekommen hätte: Gangsterfilm (The Killing), humanistischer Antikriegsfilm (Paths of Glory), großes Hollywood-Breitwandepos (Spartacus), Polit-Satire (Dr. Strangelove), Science-Fiction (2001), historisches Gesellschaftsdrama (Barry Lyndon) und Psychopathen-Horrorfilm (The Shining).

Daher verwundert es auch nicht, daß er einer der wenigen ist, die vollkommene Kontrolle über den Vermarktungsprozeß ihrer Filme erlangten. Zwischen seiner Etablierung durch ‚Spartacus' und seinem Weltruhm durch ‚2001 - A Space Odyssey' liegt die Zeit, in der er zu seiner eigenen Produktionsfirma wurde und das schaffte, woran Orson Welles scheiterte: weiter Hollywood-finanzierte Filme zu drehen, ohne daß Hollywood ihm reinreden konnte. Während Welles nach ‚Citizen Kane' derselben Politik wie schon Buster Keaton zum Opfer fiel, drehte Kubrick irgendwo abgeschieden seine Filme, ohne daß ein einziger Repräsentant der Produktionsfirma auch nur den Drehort besuchen durfte.

In fast all seinen Werken hat sich dieses Vorgehen bezahlt gemacht. Ausgerechnet in ‚Vollmantelgeschoß' (Full Metal Jacket) hatte es keine Wirkung. Kubrick wollte einen Film über Vietnam drehen, stattdessen drehte er einen Film über amerikanische Gegenwartsgeschichte, die sich wie zufällig nach Vietnam verirrt hatte.

Im ersten Teil sehen wir die Ledernacken-, d.h. Marines-Ausbildung auf Perris Island (im Volksmund 'Perish Island', Insel des Verreckens). Wildes Geschrei, stupides Verhalten, ein einziges Abrichten zum Töten. Derart ‚ausgebildet' landen die seegestützten Bodentruppen in den Straßenkämpfen um Hué während der Vietcong-Neujahrsoffensive 1968. Was sie erwartet, ist eine militärisch unterlegene Guerrilla-Truppe, die sie daran erinnert, daß Macht situationsbezogenes Durchsetzungsvermögen ist: Mit dem Ziel der Wiedervereinigung ihres Landes vor Augen kämpfen die Vietnamesen einen Feind nieder, der nicht versteht, warum Amerikas Verteidigung in Dong Xoai oder Khe Sanh beginnt.

Am Ende hatte Amerika einen Krieg, in dem es jedes einzige Gefecht gewann, politisch verloren. Kubrick läßt die Soldaten am Sinn des Unternehmens zweifeln, ohne die politische Thematik aufzurollen - zu einsichtig ist die Unerfahrenheit der Amerikaner, daß man hierzu ein akademisches Seminar in den Film einbauen müßte. Dennoch: Die Ausblendung der politischen Zusammenhänge macht sich meines Erachtens negativ bemerkbar, da wir nur junge Infanteristen und ihr lautes Geballere sehen, ohne der vietnamesischen Seite ihren Platz im Erzählstrang einzuräumen.

Wie in allen amerikanischen Vietnamfilmen, tauchen bei Kubrick kaum Vietnamesen auf, und wenn, dann ähnlich den Mexikanern in John Fords Western: stereotyp, unerklärlich, ein wenig dumpf, und vor allem 'wild entschlossen' (hier: die Scharfschützin). Da wir wissen, wozu Kubrick fähig ist, verwundert und irritiert diese Perspektivenreduzierung. Sie paßt so gar nicht in seine Herangehensweise, einen Film besser zu durchdenken als andere und verdichtete Studien menschlicher Psyche herauszuarbeiten (Dr. Strangelove, Barry Lyndon).

Das Prädikat ‚Antikriegsfilm' wirkt eher verwirrend, denn ein bejahender Kriegsfilm über Vietnam wäre nicht nur Tabu, sondern würde weltweit mit Empörung aufgenommen. Jeder, der etwas auf sich hält, ist gegen diese Art Krieg. Kubrick bleibt hierbei auf der soldatischen Erzählebene, wo diese Fragen nicht gestellt werden, da man vorher mit seinem Leben bezahlt.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 30, 2012 4:14 AM CET


Klaviertrios
Klaviertrios
Preis: EUR 34,22

23 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hervorragende Einspielung, 28. Juli 2003
Rezension bezieht sich auf: Klaviertrios (Audio CD)
Der Einsatz des Adagios aus Schuberts monumentalem Es-Dur-Trio hat schon viele verzaubert: Rhythmisch, klar, elegant, streckenweise lyrisch zurückhaltend - wie wirkungsvoll die auf einem schwedischen Volkslied basierende Melodie des langsamen Satzes selbst bei jenen zur Geltung kommt, die kaum Klassik hören, zeigt die vorhersehbar erstaunte Frage des Kinobesuchers, der sich in Kubricks ‚Barry Lyndon' verirrt hat.
Anspruchsvoll und populär - selten treffen beide Begriffe auf ein und dasselbe Produkt zu, doch Schuberts zweites Trio scheint dieses Kunststück zu vollbringen. So wie man eine Mozart-Serenade auf unterschiedlichen Niveaus hören kann - als Zerstreuung, Unterhaltung, Kunstobjekt oder Dissertationsthema - wirkt dieses Trio auf verschiedene Weise und wird demnach häufig von ein und derselben Person im Laufe der Jahre anders gehört.
Das nach neuestem Stand vermutlich doch vor dem ersten Trio (B-Dur) geschriebene zweite und letzte dieser Gattung aus der Hand Komponisten - das Notturno in Es-Dur blieb Fragment - legt beredtes Zeugnis Schuberts Meisterschaft der kleinen Form ab. Selbst wenn diese auf fast eine Stunde komplexer Gestaltung ausgedehnt ist, zieht sie sich thematisch immer wieder auf wenige Elemente zurück, die nicht nur variiert, sondern verdichtet werden, so daß man am Ende den Eindruck erhält, man habe ein lediglich zehnminütiges Stück gehört, das sich unmerklich verfünffacht hat. Schuberts Ausbruch aus den Konventionen zeitgenössischer Trios läßt sich zwar nicht immer formell überzeugend darlegen - dazu sind die äußerlichen Abweichungen zu gering - doch welchen Unteerschied macht das ob der überragenden individuellen Kreativität dieses zeitlebens im Innern beheimateten Komponisten, der viele seiner besten Werke als Stilübungen für größere Formen, die meist unverwirklicht blieben (z.B. sein Plan einer Oper), schrieb.
Die vorliegende Einspielung des Es-Dur-Trios hebt sich deutlich von vergleichbaren Referenzeinspielungen ab. Der direkteste Vergleich dürfte Beths/van Immerseel/Bylsma sein, deren ebenfalls an historischer Aufführungspraxis orientierte Aufnahme klanglich ein wenig dünn ausfällt und nicht die Energie dieser fein abgestimmten Mischung aus Drang und Zurückhaltung besitzt. Schiffs Einspielung mit Shiokawa und Perényi ist ungeachtet aller Verdienste des Pianisten um Schubert eine direkte Fortsetzung der elegisch-romantischen Tradition Rubinsteins mit Fournier und Szeryng.
Auf dieser CD hört man das Es-Dur-Trio außerhalb puristischer Ansätze, d.h. losgelöst vom romantischen Pedal-Weichspüler Rubinsteins oder den klinisch reinen Umgriffen Shiokawas. Die Tonabmischung muß in ihrer Klarheit oberhalb des durchgehend hohen Anspruchs kammermusikalischer Einspielungen angesiedelt werden. Die schwierigen verzögerten Tempi des Schlußsatzes wechseln nicht unbeständig zwischen prägnanter rhythmischer Betonung und sanften Übergängen, sondern streben auch in der Ausdehnung einzelner Töne gradlinig vorwärts, so daß der Eindruck innerer Geschlossenheit entsteht, der die recht unterschiedlichen Motive der einzelnen Sätze gelungen synthetisiert, ohne sie zusammenzuschieben oder nebeneinanderzustellen.
Das wesentlich populärere B-Dur-Trio, das sich unweigerlich mit der legendären Cortot/Casals/Thibaud-Einspielung messen lassen muß, wird erfrischend gereinigt von allen virtuosen Schnörkeln präsentiert, obwohl es in seiner lyrischen Grundhaltung dem harten, klaren Klang der Gaia Scienza nicht unbedingt entgegenkommt. Dennoch gehört es thematisch zum Es-Dur-Trio wie ein aufgeweichter Kontrapunkt, der dem Schwung und der Energie des Brudertrios eine ausgewogene, wohltuend sanfte Gleitform antgegenhält. Man kann nur empfehlen, beide Werke nacheinander zu hören, um sich der Breite Schuberts Mitteilungsfähigkeit auf kammermusikalischem Gebiet gewahr zu werden.
Zuletzt macht sich mit Paolo Beschi die Präsenz eines Weltklassecellisten wohltuend bemerkbar. Schon in seiner Darbietung der Cellosuiten Bachs war er in der Lage, sich neben kanonisierten Legenden wie Calals, Bylsma, Fournier und Rostropowitsch zu behaupten, doch hier wirkt seine Anwesenheit nicht wie eine unablässige Unterlage, auf deren Grund die Partner sich entfalten können - kein Begleitbaß, sondern eigenständiger Impetus zweier auf Drei verteilten musikalischen Aufgaben, die zum Schönsten gehören, das Schubert hinterlassen hat.


Klaviertrio Es-Dur,Son.B-Dur
Klaviertrio Es-Dur,Son.B-Dur
Preis: EUR 18,07

20 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bestechend, 26. Juli 2003
Rezension bezieht sich auf: Klaviertrio Es-Dur,Son.B-Dur (Audio CD)
Der Einsatz des Adagios aus Schuberts monumentalem Es-Dur-Trio hat schon viele verzaubert: Rhythmisch, klar, elegant, streckenweise lyrisch zurückhaltend - wie wirkungsvoll die auf einem schwedischen Volkslied basierende Melodie des langsamen Satzes selbst bei jenen zur Geltung kommt, die kaum Klassik hören, zeigt die vorhersehbar erstaunte Frage des Kinobesuchers, der sich in Kubricks ‚Barry Lyndon' verirrt hat.
Anspruchsvoll und populär - selten treffen beide Begriffe auf ein und dasselbe Produkt zu, doch Schuberts zweites Trio scheint dieses Kunststück zu vollbringen. So wie man eine Mozart-Serenade auf unterschiedlichen Niveaus hören kann - als Zerstreuung, Unterhaltung, Kunstobjekt oder Dissertationsthema - wirkt dieses Trio auf verschiedene Weise und wird demnach häufig von ein und derselben Person im Laufe der Jahre anders gehört.
Das nach neuestem Stand vermutlich doch vor dem ersten Trio (B-Dur) geschriebene zweite und letzte dieser Gattung aus der Hand Komponisten - das Notturno in Es-Dur blieb Fragment - legt beredtes Zeugnis Schuberts Meisterschaft der kleinen Form ab. Selbst wenn diese auf fast eine Stunde komplexer Gestaltung ausgedehnt ist, zieht sie sich thematisch immer wieder auf wenige Elemente zurück, die nicht nur variiert, sondern verdichtet werden, so daß man am Ende den Eindruck erhält, man habe ein lediglich zehnminütiges Stück gehört, das sich unmerklich verfünffacht hat. Schuberts Ausbruch aus den Konventionen zeitgenössischer Trios läßt sich zwar nicht immer formell überzeugend darlegen - dazu sind die äußerlichen Abweichungen zu gering - doch welchen Unteerschied macht das ob der überragenden individuellen Kreativität dieses zeitlebens im Innern beheimateten Komponisten, der viele seiner besten Werke als Stilübungen für größere Formen, die meist unverwirklicht blieben (z.B. sein Plan einer Oper), schrieb.
Die vorliegende Einspielung hebt sich deutlich von vertleichbaren Referenzeinspielungen ab. Der direkteste Vergleich dürfte Beths/van Immerseel/Bylsma sein, deren ebenfalls an historischer Aufführungspraxis orientierte Aufnahme klanglich ein wenig dünn ausfällt und nicht die Energie dieser fein abgestimmten Mischung aus Drang und Zurückhaltung besitzt. Schiffs Einspielung mit Shiokawa und Perényi ist ungeachtet aller Verdienste des Pianisten um Schubert eine direkte Fortsetzung der elegisch-romantischen Tradition Rubinsteins mit Fournier und Szeryng.
Auf dieser CD hört man das Trio außerhalb puristischer Ansätze, d.h. losgelöst vom romantischen Pedal-Weichspüler Rubinsteins oder den klinisch reinen Umgriffen Shiokawas. Die Tonabmischung muß in ihrer Klarheit oberhalb des durchgehend hohen Anspruchs kammermusikalischer Einspielungen angesiedelt werden. Die schwierigen verzögerten Tempi des Schlußsatzes wechseln nicht unbeständig zwischen prägnanter rhythmischer Betonung und sanften Übergängen, sondern streben auch in der Ausdehnung einzelner Töne gradlinig vorwärts, so daß der Eindruck innerer Geschlossenheit entsteht, der die recht unterschiedlichen Motive der einzelnen Sätze gelungen synthetisiert, ohne sie zusammenzuschieben oder nebeneinanderzustellen.
Zuletzt macht sich mit Paolo Beschi die Präsenz eines Weltklassecellisten wohltuend bemerkbar. Schon in seiner Darbietung der Cellosuiten Bachs war Beschi in der Lage, sich neben kanonisierten Legenden wie Calals, Bylsma, Fournier und Rostropowitsch zu behaupten, doch hier wirkt seine Anwesenheit wie eine Unterlage, auf deren Grund die Partner sich entfalten können - kein Begleitbaß, sondern eigenständiger Impetus einer auf Drei verteilten musikalischen Aufgabe, die zum Schönsten gehört, das Schubert hinterlassen hat.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 21, 2009 3:11 PM MEST


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