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Rezensionen verfasst von
Joerg Mergenthaler "joergmergenthaler" (Metropolregion Rhein-Neckar)
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Populäre Wein-Irrtümer. Ein unterhaltsames Lexikon
Populäre Wein-Irrtümer. Ein unterhaltsames Lexikon
von Marcus Reckewitz
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 7,95

5.0 von 5 Sternen So viel Information für so wenig Geld, 26. November 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Nach seinem eigenen Verdikt über Discounter-Weine ("Was wenig kostet kann nicht Spitze sein") müsste man diese Buch eigentlich meiden. Spaß beiseite: So viel Information bekommt man nirgendwo sonst zu diesem Preis. Grundkenntnisse sind natürlich von Vorteil (Rebsorten, Bezeichnungsrecht etc.), allerdings ist das Werk so amüsant geschrieben, dass es auch dem Novizen viel Spaß bereitet und gleichzeitig wirklich echte und wertvolle Informationen liefert.

Auch wenn man sich schon einige Jahrzehnte intensiv mit Wein beschäftigt, man kann immer noch etwas dazu lernen. Etwas das Ritual, dem Gast den Korken zum schnuppern zu reichen: Der Kork kann müffeln, aber der Wein trotzdem in Ordnung sein. Schlimmer ist es umgekehrt: Kork riecht sauber, oder gar nicht, der Gast nickt den Wein ab, und dann hat er trotzdem "Kork". Andere Beispiele werden in vielen anderen guten Rezensionen hier aufgeführt. Erstmals habe ich hier gelesen, was es mit den berühmten "Kirchenfenstern" am Weinglas auf sich hat und wie man mit diesem Wissen Scharlatane entlarven kann.

Vieles kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen:So haben einige meiner gegenwärtigen Lieblingsweine, fruchtsüße Weine von der Mosel bis hin zur Auslese, Schraubverschlüsse aus Metall - und schmecken hervorragend.

In einem einzigen Punkt teile ich die Ansicht des Autors nicht. Dass Discounter-Weine unter 5.- Euro "kaum trinkbare Industrieware" seien, das unterschreibe ich so nicht. Ältere Weinautoren wie z. Bsp. Peter Espe (Pit Falkenberg) haben darauf hingewiesen, dass in klassischen Weinbauländern Wein zumindest in früheren Zeiten so etwas wie ein Lebensmittel war. So wie etwa Bier in Bayern. Da stand die Karaffe mit Wein wie selbstverständlich auf dem Bistro-Tisch, und weil die Leute nicht so viel Geld hatten durfte es auch nicht so teuer sein. Das waren dann einfache, oft derbe Landweine, die aber zu den kräftigen Speisen passten. Da der Weingenuss selbstverständlich war ist an Fest- oder Feiertagen dann auch besseres gekauft worden. - Meine Empfehlung: Zur Pizza muss es kein Chianti von Antinori sein, auch kein Santa Cristina aus dem gleichen Haus, den es schon für etwas über 6.- Euro gibt (Tipp). Selbst probieren macht Spaß, und ab und zu eine etwas bessere Flasche, quasi als Benchmark.

Zum Preis einer Flasche sollte man sich diese Buch auf jeden Fall leisten.


Hunsrück-Momente/Hunsrück moments/Moments l'Hunsrück
Hunsrück-Momente/Hunsrück moments/Moments l'Hunsrück
von Ernst Zeimetz
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

3.0 von 5 Sternen Schöner Bildband mit begrenztem Gebrauchswert, 29. Oktober 2015
Wunderschöne, zum Teil stimmungsvolle Fotos - als Hunsrücker Neubürger, der im schönen Hahnenbachtal gelandet ist habe ich mir das Buch spontan gekauft, da ich natürlich für jede Information über meine neue Heimat dankbar bin.

Inzwischen bin ich etwas ratlos, was ich mit dem Werk anfangen soll. Zunächst einmal: Der Titel und erst recht die Übersichtskarte am Ende des Buches täuschen. Ein Blick auf die Rückseite des Bandes hätte genügt, behandelt wird nicht der Hunsrück an sich, sondern ein Teil des Rhein-Hunsrück-Kreises. Und daran hält sich der Autor so penibel, als wäre er Beamter. Ein Bsp.: Die kleine Ruine Hellkirch wird mit einer Doppelseite bedacht. Die Ruine liegt an der Hahnenbach-Traumschleife, einem 10 km langen Rundwanderweg, der sehr bekannt ist. Ganz in der Nähe liegen spektakuläre Sehenswürdigkeiten wie das Besucherbergwerk Herrenberg, die Keltensiedlung Altburg sowie die berühmte Schmidtburg. Die werden alle nicht erwähnt. Warum? Sie liegen alle kurz hinter der Landkreisgrenze, in der Gemeinde Bundenbach, die im Kreis Birkenfeld liegt. Kurzer Blick auf die Verlagshomepage: Der Autor ist tatsächlich pensionierter Beamter. Ach ja, im Anhang „Auch das ist Hunsrück“ gibt es dann ein Bild Bundenbach im Nebel… .

Leute, die in den fünf berücksichtigten Verbandsgemeinden leben freuen sich sicher über den schönen Bildband mit wertiger Verarbeitung. Als Reiseführer ist das Werk leider gar nicht zu gebrauchen, als solcher war es wohl auch nicht gedacht. Dabei wäre Platz für Zusatzinformationen gewesen, wenn die zu den Bildern gehörenden Kurztexte nicht auch in Englisch und Französisch wiedergegeben würden. Diverse Bildatlanten machen vor, wie so etwas geht. So komme ich, wenn ich durch die schönen Bilder zum Besuch eines Zieles angeregt worden bin, nicht darum herum, mir Informationen aus dem Internet oder aber Reiseführern zu besorgen.

Während des Schreibens dieser Rezension wäre ich fast von drei auf zwei Sterne gegangen. denn es ist aufwändig, in dem Buch überhaupt etwas zu finden. Ein Stichwortverzeichnis fehlt völlig, und das Inhaltsverzeichnis verdient den Namen nicht: Es ist eine Auflistung der fünf in dem Buch behandelten Verbandsgemeinden. Wer etwas sucht muss wissen, in welcher Verbandsgemeinde das Ziel liegt und dann das gesamte Kapitel durchblättern. Und das ist für ein Buch in dieser Preisklasse etwas wenig.


Das Schwert: Thriller
Das Schwert: Thriller
Preis: EUR 6,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Erschreckend realistisch, 4. September 2015
Rezension bezieht sich auf: Das Schwert: Thriller (Kindle Edition)
"Das Schwert" ist 2007 erschienen. Acht Jahre und viele TV-Berichte über das Wirken des IS später wird der Leser erschreckt erkennen, dass hier kein Thriller mit Splatter-Elementen vorliegt, sondern dass der islamistische Terrorismus unglaublich realitätsnah geschildert wird.

Das Buch überzeugt auch durch die sehr präzise Schilderung der Verhältnisse in Kairo, die einen tieferen Eindruck hinterlässt als ein Film dies je könnte. Genauso präzise werden auch die Gewaltorgien der Islamisten geschildert; das muss man vorher wissen, wem das zu weit geht, der sollte vom Lesen dieses Thrillers Abstand nehmen. Das unglaubliche Verhalten des britischen Geheimdienstes hätte man vor ein paar Jahren noch als bösartige Beschimpfung bezeichnet, inzwischen wissen wir (NSA-Affäre), dass man da vor massivem Rechtsbruch selbst gegen befreundete Staaten nicht zurückschreckt. Und auch dass die Polizei des United Kingdom die Hauptperson, einen renommierten Islamwissenschaftler, ohne weiteres als Massenmörder verdächtigt und andere Spuren nicht verfolgt - nun, unsere Polizei hat die Taten des NSU zunächst auch als "Döner-Morde" abgetan. Leider gehört zur Realität auch, dass vor allem Gute und Unschuldige sterben müssen. Wenigstens gibt es ein Happy End, wenngleich das Ende offen ist.

Was gibt es zu kritisieren? Der Autor bringt Handlungselemente ein, die dann überhaupt nicht weitergeführt werden. Gleich die erste Szene, die nach der eigentlichen Romanhandlung spielt, gehört dazu: Ein von den Afghanen geschnappter MI6-Agent wird von den Afghanen lebendig ans Kreuz genagelt; ein Scharfschütze, britisch oder amerikanisch, beobachtet das aus der Ferne. Er soll seinen Kollegen erschießen, um zu verhindern, dass dieser redet. Warum er dem Todeskampf (der detailliert geschildert wird) stundenlang zusieht und erst schießt, kurz bevor der Kollege ohnehin gestorben wäre, das bleibt offen. Man erfährt eigentlich nur, dass der Verbleib des Schwertes sowohl den Geheimdiensten wie auch den Islamisten nicht bekannt ist. - Oder aber: In dem Buch tauchen kurz Nachkommen von nach Ägypten geflohenen Nazis auf, die Verbindung zu den Islamisten haben. Punkt. Nichts weiter. Obwohl man in einem Thriller daraus etwas hätte machen können.


Das Evangelium des Blutes: Thriller (Erin-Granger-Reihe, Band 1)
Das Evangelium des Blutes: Thriller (Erin-Granger-Reihe, Band 1)
von James Rollins
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

3 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Schlechtester Rollins bisher, 4. September 2014
Ich habe bisher schon einige Bücher von James Rollins gelesen. Wer das macht, der weiß, dass immer auch ein Schuss Fantasy dabei ist, der die High-Tech-Handlung ergänzt. Nach der Kurzbeschreibung bin ich eigentlich davon ausgegangen, hier eine spannende Reiselektüre vor mir zu haben.

Leider wird das Geschehen von Anfang an von bizarren Gestalten wie guten Vampiren, bösen Vampiren, Grimwölfen etc. bestimmt. Dadurch fällt es schwer, überhaupt in die Handlung reinzufinden. Es ist eher ein Märchenbuch, das allerdings für Kinder etwas zu blutrünstig ist.

1 Stunde vor meinem Reiseziel, etwa auf Seite 200, ist es mir dann zu bunt geworden. Ich habe nach hinten geblättert, um wenigstens zu erfahren, wie es ausgeht, und war froh, mir den Rest erspart zu haben. Auf dem Münchener Hbf habe ich das Buch dann umweltfreundlich entsorgt. Pech gehabt, eigentlich hätten mich die Besprechungen hier misstrauisch machen sollen.


Das Erbe der ersten Menschheit
Das Erbe der ersten Menschheit
von Klaus Seibel
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Tolle Grundidee, aus der viel mehr hätte gemacht werden können, 25. August 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das Erbe der ersten Menschheit (Taschenbuch)
Es handelt sich um einen Fortsetzungsroman; der erste Teil war "Krieg um den Mond", der dritte Teil soll Ende 2014 herauskommen.Im "Erbe der ersten Menschheit" geht es darum, die auf dem Mond hinterlegten Container zu bergen, auf die Erde zu bringen und auszuwerten. Dazu muss zunächst einmal eine extrem starke Strahlenquelle ausgeschaltet werden, die den Einsatz ferngesteuerter Geräte unmöglich macht.Das klappt auch irgendwie, selbst ohne Spezialgerät. Wie überhaupt diese Mondmission erstaunlich knapp ausgerüstet ist. Dramatik gewinnt dieser erste Teil daraus, dass zufälligerweise genau zum Zeitpunkt der Mondmission ein großer Asteroid vorbeifliegt (etwas kleiner als Apophis, der uns 2029 beehren wird), von dem bisher niemand etwas wusste. Noch mehr Zufall: Ein Trümmerstück schlägt genau da auf dem Mond ein, wo die Container liegen und gefährdet so die Mission.

Die Bergung der Container gelingt binnen Jahresfrist und wird nur am Rande erwähnt. Gleichzeitig wird in der Sahara ein gewaltiges Forschungszentrum errichtet. Diese Leute sollte man für den Berliner Flughafen engagieren... . - Der Inhalt der Container ist jedenfalls fantastisch, ich will hier nicht zu viel verraten. Ein skrupelloser Wissenschaftler, der den Nobelpreis haben will, und die Geheimdienste sorgen natürlich für Ärger.

Warum trotzdem nur drei Sterne? Nun, für meine Begriffe ist die Handlung etwas flach geraten. Das gilt, wie schon von zahlreichen Rezensenten bemerkt, zum einen für die Charaktere, in die man sich nie richtig reinversetzen kann. Dadurch, dass man im Grunde einen einzigen Roman, verteilt auf drei oder vier Bücher bekommt bleiben auch viele Fragen offen. Vielleicht gibt es ja später Antworten, nur ich habe das Buch halt jetzt gelesen, und ob ich mir den nächsten Teil kaufe weiß ich nicht. Wir wissen zum Bsp., dass am Ende des Mesozoikums, als die "Lantis", die Vormenschen, gelebt haben, schon andere Säugetiere auf der Erde gelebt haben. Diese hatten etwa die Größe von Mäusen und Ratten, deswegen haben sie die Ereignisse an der KT-Grenze überlebt. Selbst von diesen Winzlingen hat man Spuren gefunden. Und von den Lantis, die so stabile Werkstoffe hatten, dass sie 65 Mio Jahre überdauerten, findet man gar nichts? Keine Versteinerungen, keine Überbleibsel der damaligen Zivilisation? Ist vielleicht alles im Meer untergegangen, At-Lantis bietet sich als Assoziation ja an? Aber wie passt so ein hochentwickelter Organismus in die Evolutionskette? Besiedlung aus dem All?

In der Forschungsstation in der Sahara will man die Flora (und ggf. auch die Fauna) der Kreidezeit nachbauen. Und da gibt es keinerlei Diskussion auf der Erde? Wir haben heute schon Probleme, wenn Pflanzen oder Tiere z.Bsp. aus Asien nach Europa eingeschleppt werden. Wer schon mal invasive Pflanzen wie Götterbäume in seinem Garten hatte, der weiß, was ich meine. Niemand auf der ganzen Erde macht sich offenbar Gedanken darüber, wie sich Pflanzen und Tiere aus der Zeit der Dinosaurier heute in das Ökosystem einpassen - das meine ich mit geringer Tiefe. Aber für derartige Erwägungen ist das Buch auch zu dünn.

Dadurch, dass die Forscher sich nicht an die von den Lantis vorgegebene Reihenfolge halten (Container Nr. 5 war geborsten und damit eh schon offen) ergeben sich bestimmt Gefahren, das ahnt der Leser. 30 Seiten vor Ende des Buches fragte ich mich, wie der Autor das jetzt noch alles glaubhaft hinkriegen will. Antwort: Gar nicht! Wie in einer TV-Soap bricht die Handlung ab, und man wird auf die nächste Folge heiß gemacht. Das mag im TV funktionieren, wo die nächste Folge am nächsten Tag oder in der nächsten Woche kommt. Bei Büchern ist das problematisch. Eine Fortsetzung nach einem halben oder dreiviertel Jahr, da kann sich kein Spannungsbogen aufbauen. Und viele Ungereimtheiten, s.o., bleiben einfach im Raume stehen.

Vielleicht ist diese Besprechung ungerecht: Ich habe unmittelbar davor "Blackout" von Marc Elsberg gelesen, 800 Seiten, toll recherchiert und Spannung von Anfang bis Ende. Und das fast zum gleichen Preis... . Spaß kann der an dem Buch "Das Erbe der ersten Menschheit" haben, der es als Fantasy einstuft und auf logische Erklärungen verzichtet.


Der Medicus
Der Medicus
DVD ~ Tom Payne
Preis: EUR 5,00

137 von 175 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein großes Buch, ein sehr guter Film, 25. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Medicus (DVD)
Eine Bemerkung vorab: Dieser Besprechung liegt der Kinobesuch zugrunde; die DVD erscheint erst ein Jahr später, ich werde sie mir aber mit Sicherheit kaufen! In der Zwischenzeit kann die Besprechung vielleicht als Anregung für einen Kinobesuch wirken. Ohne entsprechende große Kinofilme könnte Amazon auch keine DVD 's verkaufen! Und noch eine Vorbemerkung: Für das Buch gibt hier es mehrere hundert Besprechungen, die auch auf den Inhalt eingehen, insoweit sei hier auf die Kurzbeschreibung verwiesen. Die vielen Millionen, die das Buch gelesen haben werden noch nicht einmal diese benötigen.

Wenn ein großer und sehr erfolgreicher Roman verfilmt wird, dann hört man als Reaktion immer: „Das Buch ist besser gewesen“. Für die Verfilmung des „Medicus“ gilt dies nicht: Der Film ist etwas anderes, und zum Teil ist er sogar besser als die Romanvorlage. Letzteres deshalb, weil der bei einer Verfilmung immer gegebene Zwang zur Verkürzung und Dramatisierung hier dazu führt, dass einige historische Fehler der Romanvorlage mit weggekürzt worden sind. Das fängt gleich im ersten Teil des Films an, dem Leben des jungen Waisen Rob Cole im England kurz nach der ersten Jahrtausendwende. Der Roman schildert zwar auch ein hartes Leben, aber immerhin sorgt ein blühendes Zunftwesen (im Jahr 1020!) zumindest für ein ganz kleines Mindestmaß an sozialer Sicherung. Ein solches Zunftwesen gab es damals nicht. Der Film zeigt das elende Leben der einfachen, armen Bevölkerung mit aller Härte. Wenn ich das Buch erneut, dann zum dritten Mal, lese, werde ich diese Bilder im Kopf haben.

Natürlich ist die Verkürzung nicht immer gut: Für den ganzen Film gilt, dass die gigantische Willensanstrengung des Titelhelden, der sich immerhin in die jüdische Lebensweise einleben muss und auch noch Fremdsprachen wie arabisch zu lernen hat, überhaupt nicht rüber kommt. Schon bei seinem Bader in England war es für ihn (im Buch) eine Frage des Überlebens, mit möglichst vielen Bällen jonglieren zu lernen, im Film ist auch die Schaustellerei des Baders nur eine Randnotiz. Richtig schade habe ich einen, den wohl größten Schnitt gefunden. Die ganze Reise durch das mittelalterliche Europa, vom (heutigen) Frankreich auf dem Festlandweg über Byzanz und das Osmanische Reich bis nach Isfahan ist weitestgehend weggefallen. Das hätte tolle Bilder gegeben. Allerdings wäre der Film dann mindestens eine Stunde länger geworden, etwa so lange wie „Vom Winde verweht“, und das machen die Kinos heute wohl nicht mehr mit. Die ARD, die ja Mit-Produzent ist, hätte allerdings eine Mini-Serie draus machen können, 4 Folgen zu je eineinhalb Stunden; es wäre nicht das erste Mal, dass man von einem Kinofilm eine wesentlich längere TV-Fassung produziert. Herr Stölzl, Herr Hofmann, noch leben alle Schauspieler und sind nicht wesentlich gealtert, könnte man nicht ein paar Stunden nachdrehen? Zumal Tom Payne als Titelheld eine echte Entdeckung ist. Das gute an dem Schnitt: die grotesken historischen Fehler von Noah Gordon hinsichtlich der politischen Situation in Mitteleuropa sind so gleich mit weggefallen. Der Grenzübertritt vom schönen Frankreich ins finstere und gefährliche Deutschland, das es damals noch gar nicht gab; und das Ganze auch noch bei Straßburg, einer rein französischen Stadt? Man kann sich ja mal irren, aber gleich um mehr als ein halbes Jahrtausend?

Leider fehlt im Film damit auch die Schilderung des faszinierenden jüdischen Netzwerkes, von Europa bis zu Orient, mittels dessen Rob Cole sich bis nach Isfahan zu dem berühmte Ibn Sina durchschlagen kann. Er muss sich ja als Jude ausgeben, da er als Christ in den islamischen Staaten nie geduldet worden wäre. Allerdings auch hier eine positive Seite: Dadurch, dass Rob im Hafen von Dover das Schiff besteigt und in der nächsten Szene im Orient, in Ägypten wohl, wieder aussteigt wird der Kontrast zwischen dem damals zurückgebliebenen Europa und dem damals blühenden Orient um so deutlicher. Der unbändige Drang von Rob, dort lernen zu wollen, wird so umso verständlicher.

Bei der Schilderung von Isfahan im Film fängt dann richtig großes Historienkino an. Der Schah, wie im Roman ein halb aufgeklärter Tyrann, wird hervorragend von Oliver Martinez dargestellt: genauso habe ich ihn mir nach der Lektüre des Buches vorgestellt. Ben Kingsley wird auch in anderen Besprechungen als Idealbesetzung dargestellt, dem kann ich beipflichten. Mit der Figur der Rebecca (Emma Rigby) ist das so eine Sache: Der Roman ist in sexueller Hinsicht sehr freizügig; der Film ist auf eine FSK-Freigabe ab 6 Jahren getrimmt. Da Rebecca auch noch mehr Objekt als Handelnde ist bleibt sie relativ blass. – Dafür überzeugen großartige, monumentale Aufnahmen der Landschaft und der mittelalterlichen Stadt Isfahan (gedreht in Marokko), und auch der Schrecken einer mittelalterlichen Pest-Epidemie vermittelt sich dem Zuschauer eindringlich.

Nach Intrigen und der Eroberung von Isfahan durch die Seldschuken kehrt Rob als ausgebildeter Medicus nach England zurück. Warum tut der Drehbuchautor dem gelungenen Film ein solch abstruses Ende an: Der nach London zurückgekehrte Bader, der einst den jungen Waisen aufgenommen hatte, hat plötzlich keine Kunden mehr; er erfährt von einem Wunder-Medicus aus dem Orient namens Rob Cole, der ein Krankenhaus betreibt, wo selbst arme Bettler-Jungen stationär behandelt werden, mit Wunder-Medizin, in Betten mit weißen Laken, mit Musikberieselung. Und das im Jahr 1030 oder 1040 in London!!

Hat der Film auch eine Aussage? Oh ja, und sie kommt m.E. wesentlich deutlicher rüber als in dem 850-Seiten-Roman. Der Feind allen Wissens ist der Aberglaube, und wo die Grenze zwischen Religion und Glaube einerseits und Aberglaube andererseits ist, das ist so eine Sache. Schon der junge Rob Cole, der gerne wissen möchte, wie es im menschlichen Inneren aussieht, um besser helfen zu können, wird von seinem entsetzten Bader belehrt, dass allein schon der Wunsch dazu führen könnte, dass ihn seine christlichen Mitmenschen bei lebendigem Leibe auf dem Scheiterhaufen zu Tode rösten. Und seine (bescheidene) Heilkunst darf auch nicht zu erfolgreich sein, sonst setzt er sich dem Vorwurf der Zauberei aus. Bedrohlich tauchen im Film denn auch einige Herren mit Mönchskutte und Tonsur auf. – Richtig ernst wird es in Isfahan, wo konservative Mullahs den Schah stürzen wollen, und natürlich auch dem sündigen Universitätsklinikum von Ibn Sina den Garaus machen wollen. Einige Szenen des Films könnte man in der Tagesschau als Zwischenschnitt einfügen, so aktuell wirken sie. Auch die Juden bekommen ihr Fett weg, als sie die schöne Rebecca wegen Ehebruch zu Tode steinigen wollen. Obwohl ihr Ehemann sie durch Handelsgeschäft doch rechtmäßig käuflich erworben hat. So gesehen ist der Film auch ein Aufruf zu Menschlichkeit und Rationalität, und gegen Intoleranz und Fundamentalismus, gleich durch welche Art von Religion, soweit deren Credo heißt: “Du sollst nicht erkennen“. Essen vom Baum der Erkenntnis als Ursünde, die zur Vertreibung aus dem Paradies geführt hat, dieser Film sieht das etwas anders.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 30, 2013 3:57 PM CET


Target
Target
von Tom Cain
  Taschenbuch

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Ein Thriller, für Splatter-Freunde geeignet, 17. Juli 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Target (Taschenbuch)
„Samuel Carver ist ein Killer. Für geheime Regierungskreise lässt er Terroristen und Verbrecher von der Bildfläche verschwinden.“ Ich kannte den Klappentext, als ich das Buch gekauft habe, darf mich daher eigentlich nicht beschweren. Die Mischung aus Real Fiction und Verschwörungstheorie hat mich halt gereizt, das Buch als Urlaubslektüre zu kaufen. Was wäre, wenn 1997 der Unfall von Lady Di, der „Königin der Herzen“ in Wirklichkeit ein Attentat gewesen wäre? Spekulationen gab es ja, und es gibt sie heute noch. Aus dem Thema kann man was machen.

Was der Autor daraus gemacht hat: Einen atemberaubend schnellen Thriller mit sehr viel Action; wem das ausreicht, der kann das Buch trotz der schlechten Bewertung durch mich durchaus kaufen. Er wird sich dann auch nicht daran stören, dass der „Held“, Samuel Carver, etwas arg perfekt und außerdem praktisch unverwundbar ist. Wenn man vom Schluss absieht, wo er sich, von Liebe benebelt, freiwillig in die Hände der Russenmafia begibt, wo er fast zu Tode gefoltert wird. Das Motiv dafür, warum Lady Di sterben musste (sie störte den illegalen Waffenhandel) erscheint mir etwas zu konstruiert, aber bitte… . Nicht stören lassen darf man sich davon, dass Gewalt sehr detailliert beschrieben wird, und das immer und immer wieder. Fast genüsslich. Da wird niemand nur einfach erschossen, vielmehr zerplatzt der Schädel, und Blut, Gehirnmasse und Knochensplitter spritzen umher. So drastische Schilderungen kann man als Stilmittel in einem Thriller schon einsetzen; setzt man sie zu oft ein, dann verlieren sie ihre Wirkung. Höhepunkt der Gewaltschilderung ist dann die Folterung von Samuel Carver am Schluss des Werkes, die so genau beschrieben wird, dass ich das Buch fast dem Splatter-Genre zurechnen würde.

Wenn man großzügig ist, und ich bin schließlich nicht die FSK, dann könnte man sagen: Ein mitteprächtiger Thriller, nicht für jeden geeignet. Warum dann nur einen Stern? Weil es einige Dinge gibt, die m.E. auch in einem Thriller nicht zu akzeptieren sind. „Samuel Carver ist ein Killer. Für geheime Regierungskreise lässt er Terroristen und Verbrecher von der Bildfläche verschwinden.“ - 007, der mit der Lizenz zum Töten, ist eine Agentenparodie, und in einer Parodie mag es so was geben. In „Target“ wird vorausgesetzt, dass es so etwas tatsächlich gibt. „Verbrecher verurteilen wir durch die Justiz, und wenn wir ihnen nichts beweisen können, dann lassen wir sie umlegen.“ Durch Männer wie Samuel Carver. Die auftraggebenden Regierungskreise sind westliche Regierungen, nicht etwa Nord-Korea oder Iran. In dem Thriller fehlt jede Distanzierung von einer derartigen Vorgehensweise. Eine Distanzierung hätte z.Bsp. so aussehen können, dass nur ein einzelner skrupelloser Ehrgeizling in der Regierung so einen Mordauftrag erteilt. Tom Cain erweckt den Eindruck, als sei das alles Routine. Und das geht zu weit. Jetzt sind diejenigen, die uns regieren, unvollkommen. Sie machen Fehler, sie sagen uns oft die Unwahrheit. Manche wirtschaften möglicherweise in die eigene Tasche. Aber: Sie allesamt pauschal als Mörderbanden darzustellen, das ist absurd.

Aber genau das macht der Autor, denn das, was Samuel Carver im Auftrag dieser Regierungskreise macht, das ist Mord in Reinform. Nicht etwa Totschlag (das ist die vorsätzliche Tötung eines Menschen) sondern Mord. Der Unterschied: Mord liegt dann vor, wenn zum Totschlag noch etwas Erschwerendes hinzukommt. Niedere Beweggründe z.Bsp., oder aber die Verwendung gemeingefährlicher Mittel, so, wie sie Samuel Carver verwendet. Deswegen ist es völlig egal, dass der Held des Stückes nicht, wie ihm vorgegaukelt wurde, einen Sklavenhändler tötet, sondern Lady Di. Auch die Tötung des Sklavenhändlers wäre Mord gewesen. Der Irrtum wird vom Autor offenkundig benutzt, das Handeln von Samuel Carver moralisch in einem besseren Licht erscheinen zu lassen. Es ist nicht auszuschließen, dass so mancher Leser dem Gedankengang des Autors folgt. Und deswegen halte ich das Buch für schädlich.


Gottes Gehirn: Thriller
Gottes Gehirn: Thriller
von Jens Johler
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Guter Wissenschaftssthriller; aber weniger wäre mehr gewesen!, 9. August 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Gottes Gehirn: Thriller (Taschenbuch)
Ich mag diese Form von Thrillern mit wissenschaftlichem Hintergrund; man hat gute Unterhaltung und tut gleichzeitig etwas für seine Allgemeinbildung. Unter der Voraussetzung, dass der Autor (oder hier das Autorengespann)bestimmte Spielregeln einhält und nicht in den Bereich der Fantasy abgleitet. Bei dem ansonsten sehr guten Thriller "Gottes Gehirn" ist das, vor allem am Ende, leider der Fall.

Davon abgesehen handelt es sich um einen spannenden Roman: Spitzenwissenschaftler, die alle an einer ganz bestimmte Konferenz teilgenommen haben, kommen reihenweise zu Tode. Fachmännisch hat man ihnen das Gehirn entnommen. Ein deutsches Journalistenpaar beginnt in den USA zu recherchieren. Durch die Befragung anderer Konferenzteilnehmer wird dem Leser einiges an Wissen aus unterschiedlichsten Bereichen wie Genetik, künstliche Intelligenz etc. vermittelt. Man ahnt Übles, wenn z. Bsp. der Schimpanse vorgeführt wird, dem man ein zweites Schimpansengehirn eingepflanzt hat und der sich dann menschenähnlich entwickelt hat und sprechen kann. Um dann, in gewählten Worten, von seiner Sehnsucht nach dem Urwald in Afrika zu sprechen, und wie gerne er einem anderen Affen den Bauch aufreißen möchte, um ihm bei lebendigem Leib die Eingeweide aufzufressen... . Das Buch bietet genug, um auch einen erfolgreichen Film daraus zu machen.

Seltsame Dinge geschehen auf der Welt: Die reichen Staaten erlassen der Dritten Welt auf einmal alle Schulden, von einem Tag auf den anderen. Israel und die Palästinenser werden auf einmal zu dicken Freunden und planen einen gemeinsamen Staat. Das Superhirn scheint etwas tolles zu sein. Aber warum werden Tiere auf einmal so aggressiv. Und warum verhundertfachen oder vertausendfachen Pflanzen plötzlich ihr Wachstum? Es soll hier nicht zu viel von der Handlung verraten werden. Aber manches ist nicht zu Ende gedacht, und manches ist hanebüchen. Ein Bsp. (weil es keine so große Rolle im Gesamtzusammenhang spielt): Der Schuldenerlass und die israelisch-palästinensische Aussöhnung werden dadurch erreicht, dass Superhirn sich mühelos in alle Regierungscomputer hacken kann und dort die Redemanuskripte verändert. Jetzt kommt es zwar vor, dass Politiker nur vom Blatt ablesen, man denke an Schabowski und die versehentliche Maueröffnung 1989. Trotzdem: So einfach? Kein einziger Außenminister, der sein Manuskript vorher mal durchliest? Keiner, der angesichts des dramatischen Kurswechsels Rücksprache mit seiner Regierung nimmt? Keiner, der gar kein Manuskript braucht, weil er frei redet? Und dass derartige Verträge von jedem einzelnen nationalen Parlament ratifiziert werden müssen ist auch kein Problem? Immerhin, hier wird noch versucht, eine nachvollziehbare Erklärung zu liefern. Bei anderem gleitet das Buch am Schluss in den Bereich der Fantasy ab. Und am Schluss kommt, wie im Western, die Cavalry (in Gestalt der Polizei) und bringt die Rettung.

Bis auf das Ende ist das bereits in den Neunzigern geschriebene Buch,das jetzt neu aufgelegt worden ist, absolut lesenswert. Nur sollte man halt nicht alles glauben.


Der Kulturinfarkt: Von Allem zu viel und überall das Gleiche. Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention.
Der Kulturinfarkt: Von Allem zu viel und überall das Gleiche. Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention.
von Dieter Haselbach
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

13 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eine hilfreiche Polemik, 23. März 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die Denkansätze der Autoren sind absolut richtig, man kann nur hoffen, dass das Buch dazu hilft, die Diskussion um den modernen subventionierten Kulturbetrieb wieder etwas zu beleben. Ich hatte mir trotzdem etwas mehr erhofft: Mehr praktische Beispiele zum Beispiel. Belastbares Zahlenmaterial (mit Quellenangaben) z.Bsp.. Und insgesamt eine etwas strukturiertere Gestaltung. Da haben die Autoren leider einiges verschenkt.

Dies ist auch auf den geringen Umfang dieser Streitschrift zurückzuführen. Die Kulturszene ist extrem vielschichtig, und damit sind die sich stellenden Probleme überall anders. Die Situation der hochsubventionierten Theater (die in der Regel den Löwenanteil des Kulturetats verbrauchen) ist nur schwer mit der Situation von Museen oder Bibliotheken oder gar der freien Szene zu vergleichen. Manche Institutionen, die auch oder gerade Bildung und Wissenschaft dienen, werden bei einer Forderung nach einer Selbstfinanzierungsquote von 30 Prozent, die die Autoren aufstellen, zu Recht einwenden, dass das gar nicht geht. Bei Museen und vor allem Theatern würde dies eine Kulturrevolution auslösen, darüber muss man sich klar sein. Trotzdem ist es besser, wenn man endlich anfängt, kontrolliert Wildwuchs zu beseitigen, ehe es aus Geldmangel zum unkontrollierten Kollaps kommt (und das wird passieren).

Genial sind der Titel und der Untertitel des Buches ('Der Kulturinfarkt, von allem zuviel und überall das Gleiche'). Die Problematik, um die es geht wird dadurch auf den Punkt gebracht. Ein konkretes Beispiel aus meiner Heimatstadt Mannheim. Die Stadt mit gut 300000 Einwohnern verfügt über ein Stadttheater, dessen Oper bis in die 80er-Jahre zu den führenden Wagner-Bühnen Deutschlands gehörte. Der ganz überwiegende Teil des Kulturetats der Stadt fließt in dieses Theater. Ludwigshafen liegt auf der anderen Seite des Rheins, ist etwas kleiner. Die Fahrscheine des ÖPNV gelten in beiden Städten. Zum 200. Wagner-Geburtstag 2013 bringt Mannheim den 'Ring des Nibelungen' neu heraus. Was macht man in Ludwigshafen? Richtig, man bringt den 'Ring' neu heraus, alle vier Teile. Von allem zuviel, und überall das Gleiche' . Würde es einen Zwang zu betriebswirtschaftlichem Verhalten geben wäre das unmöglich. Mit der Straßenbahn kann man übrigens auch noch das Drei-Sparten-Theater in Heidelberg erreichen, das sind 20 km. In 50 bzw. 60 km erreicht man die Staatstheater in Darmstadt und Karlsruhe, und nach Stuttgart sind es mit dem ICE 37 Minuten! Und trotzdem wird jeder zum Leibhaftigen erklärt, der es wagt, eine Kooperation zu fordern.

Ich war 10 Jahre, bis Mitte des Jahrzehnts, im Betriebsausschuss (einer Art Aufsichtsrat) dieses Theaters. Es ist schon faszinierend, wie die Gremien, die über die Zuschüsse zu entscheiden haben, belogen und betrogen werden. Konkret: Die Hälfte meiner Amtszeit habe ich gebraucht, um zu erreichen, dass dem Aufsichtsgremium nicht die vom Intendanten 'aufbereiteten' Zuschauerstatistiken präsentiert werden, sondern die Rohdaten von der Kasse. Kann ich übrigens nur empfehlen! Als die Daten dann endlich vorgelegt wurden, da war schnell klar, was die Geheimniskrämerei bezweckte: Hohe Auslastungsquoten wurden etwa erreicht, indem ein Teil der Plätze als 'gesperrt' deklariert wurde. Der Rekord war eine Schüleraufführung im Opernhaus (ca. 1100 Plätze), da wurden 550 Plätze 'gesperrt'; die Aufführung war mit 550 Besuchern 'ausverkauft'. Oder aber man sperrt im Schauspielhaus den Zuschauerraum komplett und platziert die wenigen Zuschauer auf der Bühne. Oder: Opernpremiere von 'Carmen', eigentlich ein Blockbuster, der normalerweise für ein volles Haus sorgt. Wenn dann schon bei der Premiere 222 Freikarten (die Zahl konnte man sich gut merken) verteilt werden mussten, damit die Presse nicht über die vielen leeren Plätze berichten kann, dann hätte das in einem normalen Unternehmen zu arbeitsrechtlichen Konsequenzen geführt.

Das sind einige wenige, willkürlich herausgesuchte Beispiele aus einer einzigen mittelgroßen Stadt. Wenn man gesucht hätte, dann hätte man bestimmt noch viele extremere Beispiele finden können. Hamburg, gab es da nicht was mit einer Philharmonie an der Elbe? Oder Berlin, 'arm, aber sexy', und das mit drei Opernhäusern, bezahlt mit westdeutschem Steuergeld?

Das Buch ist eine Polemik, deshalb darf man keine Ausgewogenheit verlangen. Wer sich auskennt, der weiß, dass die praktische Umsetzbarkeit radikaler Kürzungswünsche extrem schwierig ist. So unterliegen große Teile der Verwaltung, aber auch von Orchester, Opernchor etc. dem Recht des öffentlichen Dienstes und sind praktisch unkündbar. Feuern kann man Solisten und Schauspieler, auf Null setzen die Ausstattungsetats der Museen. Die Null wird dann wenigstens gut verwaltet.

Ich hatte das Vergnügen, die ersten Rezensionen der veröffentlichen Meinung in der Presse zu lesen. Wenn getroffene Hunde bellen, dann hat das Buch ins Schwarze getroffen!
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 2, 2012 10:43 AM MEST


Die Skorpionin: Odenwald Krimi - Ein echter Thriller
Die Skorpionin: Odenwald Krimi - Ein echter Thriller
von Manfred H. Krämer
  Broschiert
Preis: EUR 9,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Von Rache und der Ethik eines Strafverteidigers, 29. September 2011
Mit "Die Skorpionin" hat Manfred Krämer einen Thriller vorgelegt, bei dem man es fast bedauert, dass er "nur" als Regional-Krimi erschienen ist. Ob ein Buch mit dem Untertitel "Odenwald-Thriller" sich in Bayern, Berlin oder dem Ruhrgebiet so gut verkaufen lässt, das kann bezweifelt werden. Verdient hätte "Die Skorpionin" es.

Bei der Skorpionin handelt es sich um eine starke Frau, die sich vom naiven Möchtegern-Model zur Inhaberin eines milliardenschweren Modeimperiums hocharbeitet. Anfangs geht sie dabei buchstäblich über Leichen, später schlägt das Schicksal bei ihr selbst zu. Aber auch als Opfer hat sie von ihrer alten Skrupellosigkeit nichts verloren. Mehr soll hier nicht verraten werden. - Die Handlung ist intelligent aufgebaut, viele anscheinend nicht zusammen gehörende Handlungsstränge fügen sich am Schluss logisch zusammen. Allzu zartbesaitet sollte der Leser nicht sein; so wird der skrupellose Kinderschänder dadurch vom Leben zum Tode gebracht, dass die Skorpionin, Mutter des geschändeten Kindes, dem Täter das Tatwerkzeug nebst angrenzender Körperteile bei lebendigem Leibe von einer ausgehungerten Ziege wegfressen lässt. Lecker! Hannibal lässt grüßen.

Damit ist auch klar, was diesen Thriller aus der Masse, die überwiegend aus dem angloamerikanischen Raum stammt, heraushebt: Der Leser wird gezwungen, sich mit einigen grundlegenden Problemen zu beschäftigen, hier mit dem Thema Selbstjustiz. Wie ist die Tat einer Mutter zu beurteilen, die fürchterliche Rache an dem Mann nimmt, der ihr das Liebste genommen hat? Man erinnert sich an den Fall Marianne Bachmeier.

Der Mannheimer Rechtsanwalt Stephan Glimm, dessen realer Name im Buch selbst offengelegt wird, hat die Verteidigung der Skorpionin übernommen. Und er erreicht tatsächlich, dass sie trotz der Grausamkeit der Tat nur zu einer relativ milden Strafe verurteilt wird. Jahre zuvor hat er den skrupellosen Kinderschänder verteidigt. Und ebenfalls erreicht, dass auch dieser extrem glimpflich davon kommt. Das führt zu der zweiten Frage, über die der Leser nachdenken muss: Ist ein Verteidiger, der es geschickt erreicht, dass ein Verbrecher unangemessen gut davon kommt, nicht so etwas Ähnliches wie ein Komplize des Täters? Wie kann der Anwalt so etwas vor sich selbst rechtfertigen? Hier hätte ich mir gewünscht, dass das Buch, wenn es diese Frage schon aufwirft, auch eine Antwort gibt. Ich bin selbst Rechtsanwalt und habe diese Frage für mich selbst auch beantworten müssen. Und ich weiß, dass viele Menschen sich derartige Fragen stellen.

Die Skorpionin jedenfalls sieht in dem Rechtsanwalt so etwas wie den Gehilfen des Kinderschänders; wie es aussieht hat sie auch ihn töten wollen. Deswegen steht sie nicht nur wegen der vollendeten Tötung vor Gericht, sondern auch wegen versuchtem Mord an Rechtsanwalt Glimm. Wie denn? Der ist doch ihr Verteidiger?! Richtig, und hier gleitet der ansonsten hervorragende Thriller ab ins Absurde. Schade eigentlich. Man stelle sich das vor:

Der bekannte Rechtsanwalt Glimm wird Opfer eines versuchten Mordes. Deshalb ist er automatisch einer der Hauptzeugen der Anklage. Und als Zeuge verpflichtet, die Wahrheit zu sagen. Gleichzeitig ist er der Verteidiger der Täterin, die zu belasten er als Zeuge eigentlich gezwungen wäre. Daran ändert auch das Geständnis der Täterin nichts. Das geht einfach nicht. Auch wenn Verteidiger nicht wegen Besorgnis der Befangenheit abgelehnt werden können, sie dürfen (nach der Rechtsanwaltsordnung) auf keinen Fall widerstreitende Interessen vertreten. Dazu gehört auch ein Konflikt zwischen den eigenen Interessen des Herrn Glimm (als Geschädigter) und den Interessen seiner Mandantin. Kein Vorsitzender würde ihn als Verteidiger akzeptieren.

Überhaupt ähnelt die Schilderung der Gerichtsverhandlung dem, was uns in den Gerichtsshows des Privatfernsehens zugemutet wird. Bei einer Romanreihe, in deren Mittelpunkt ein Strafverteidiger stehen soll, besteht hier evtl. Nachbesserungsbedarf. So wird man es kaum je erleben, dass bei einem spektakulären Kapitalverbrechen nur ein Verhandlungstag angesetzt wird: Morgens Verlesung der Anklage, dann ein paar Stunden Beweisaufnahme (ohne den Hauptbelastungszeugen, der ja gleichzeitig Verteidiger sein soll), und am Nachmittag die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Wobei das Plädoyer des Verteidigers Glimm der Höhepunkt ist. Der eröffnet während seines Plädoyers einfach die (bereits geschlossene) Beweisaufnahme, was er in der Realität gar nicht könnte, er vernimmt ein Kind als Zeuge, was in der Realität nur der Vorsitzende darf, und er führt sämtliche entlastenden Beweismittel erst im Rahmen seines Plädoyers in die Verhandlung ein. Vom Gericht keine Reaktion. Sowas funktioniert nur bei RTL und SAT 1. Die armen Anwälte in Deutschland dürfen es dann ausbaden, wenn die Mandanten vollkommen falsche Vorstellungen davon haben, was vor Gericht geht und was nicht.

Die gute Bewertung erfolgt deshalb, weil die Käufer dieses Buches einen guten Thriller haben wollen und keine Nachhilfe in Strafverfahrensrecht. Wobei ich der festen Überzeugung bin, dass mehr Realitätsnähe der Spannung keinen Abbruch tun würde.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 22, 2011 9:27 AM MEST


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