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Rezensionen verfasst von
Rainer Müller

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Supervisions-Tools: Die Methodenvielfalt der Supervision in 55 Beiträgen renommierter Supervisorinnen und Supervisoren (Edition Training aktuell)
Supervisions-Tools: Die Methodenvielfalt der Supervision in 55 Beiträgen renommierter Supervisorinnen und Supervisoren (Edition Training aktuell)
von Heidi Neumann-Wirsig
  Broschiert
Preis: EUR 49,90

5.0 von 5 Sternen Die Beobachtung der Beobachtung, 25. August 2015
Obwohl ich zugeben muss, keine spezielle Weiterbildung zum Supervisor absolviert zu haben, arbeite ich seit einigen Jahren mehr oder weniger als solcher und unterstütze Psychologische Berater bzw. Heilpraktiker für Psychotherapie dabei, schwierige Fälle (sowie sich selbst) zu reflektieren, mit denen sie sich während ihrer Ausbildung beschäftigen. Wie beim Coaching geht es hierbei auch darum, neue Perspektiven zu entdecken und Lösungen für die praktische Arbeit zu entwickeln. Parallel dazu werden stets persönliche Verwicklungen, blinde Flecken und Wahrnehmungsverzerrungen betrachtet, was (im Idealfall) dazu beiträgt, die Entwicklung in Richtung einer fachlichen Professionalisierung zu fördern. Die Bewusstmachung der jeweils eigenen Anteile, die in den Kontakt mit den Klienten hineinspielen und sich gelegentlich störend bzw. irritierend auf den Prozess der Zusammenarbeit auswirken, ist meinem Verständnis zufolge das, was eine gute Supervision ausmacht. Die Aufgabe des Supervisors ist es, diese Reflexion durch gezielte Fragen und Hinzuziehung geeigneter Modelle zu initiieren bzw. zu unterstützen. Kurzum: Die Beobachtung der Beobachtung.

Im Vorwort des Buches gibt Heidi Neumann-Wirsig zu bedenken, dass die Anwendung von Tools in diesem Kontext lange Zeit kritisch beäugt wurde, da sie die in jahrelanger Selbsterfahrung und reflexiver Selbstbetrachtung erarbeitete Kompetenz eines Supervisors in Frage stellen könnte. Tools könne ja schließlich jede(r) anwenden. Zunächst erläutert sie den historischen Ursprung dieser Betrachtungsweise (Tiefenpsychologie und Gruppendynamik) und zeigt dann auf, wie sich das professionelle Selbstverständnis der Supervisoren im Laufe der vergangenen Jahrzehnte verändert hat, wobei vor allem dem systemischen Ansatz eine immer größere Bedeutung zukam. Sie stellt dar, dass die (auch offizielle) Verwendung von Tools heutzutage kein Makel mehr sei, sondern als eine sinnvolle Bereicherung des Handlungsspielraums angesehen werde, solange sie einer durch Flexibilität bestimmten Vorgehensweise nicht im Wege stehen. Obwohl mir viele der in den folgenden Kapiteln vorgestellten Techniken bereits bekannt waren und es einige Überschneidungen mit jenen gibt, die vielfach im Coaching oder im Rahmen von Workshops zur Teamentwicklung angewendet werden, schaffte sie es in der Einleitung, die Besonderheiten einer Supervision klar herauszuarbeiten und meine Neugier auf den Rest des Buches zu wecken.

Am Ende der Einleitung sind die 55 Tools in einer Tabelle den verschiedenen Phasen sowie dem Setting (Einzel-, Gruppen-, Team-Supervision) zugeordnet, in denen sie der Autorin zufolge zur Anwendung kommen könnten. Dann schließen sich vier Kapitel an, in denen die dazu passende Methoden kompakt dargestellt werden: Teil 1: Einstieg gestalten, Anwärmen ermöglichen und Kontakt aufnehmen, Teil 2: Themenfindung, Problembeschreibung, Zielklärung, Teil 3: Bearbeiten, Intervenieren, Teil 4: Auswerten, Abschließen, Evaluieren. Die 51 Autoren gewähren dabei Einblicke in ihre jeweiligen Arbeitsweisen, die sich aufgrund ihres fachlichen Hintergrundes mitunter sehr voneinander unterscheiden. Neben einigen klassischen Interventionen ist hierbei jedoch eine klare Tendenz zum Systemischen erkennbar. Nach der kurzen Beschreibung eines Tools werden Anwendungsbereiche, die Zielsetzung und mögliche Effekte benannt. Daraufhin folgt eine ausführliche Beschreibung mit einer Erläuterung der einzelnen Schritte, die hier und da durch alternative Vorschläge ergänzt wird. Abgerundet wird jedes „Werkzeug“ mit einer persönlichen Einschätzung, Quellenangaben bzw. Literaturhinweisen sowie technischen Hinweisen. Die klare (einheitliche) Struktur und die Kurzbeschreibungen am Anfang der jeweiligen Abschnitte verhelfen zu einem schnellen Auffinden geeigneter Ansätze für die praktische Arbeit.

Obwohl einige der Tools den meisten Lesern (zumindest in ähnlicher Form) wahrscheinlich vertraut sind, werden auch erfahrene Supervisoren sicher neue Anregungen in diesem Buch finden. Nützlich sind sie m. E. jedenfalls alle. Da ich es für müßig halte, sie dezidiert zu besprechen, möchte ich exemplarisch auf nur eine Methode näher eingehen, von der ich besonders begeistert bin: „Ferien vom Ich“ von Jutta Beck. Hierbei wird einzelnen Mitgliedern einer Supervisionsgruppe die Möglichkeit geboten, für ein Problem in eigener Sache einen Perspektivwechsel vorzunehmen, um auf diese Weise eine Musterunterbrechung zu erreichen. Schwierigkeiten mit dem Selbstmanagement, eingefahrene Gewohnheiten, dysfunktionale Verhaltens- und Reaktionsmuster sowie irrationale Ängste etc. können damit bearbeitet werden. Das problematische Verhalten wird in seinem Ablauf so detailliert geschildert, dass es von der Gruppe (die Verständnisfragen stellen darf, die auf eine Beschreibung abzielen) exakt kopiert und ggf. in einem Rollenspiel von Stellvertretern nachgespielt bzw. szenisch gespiegelt werden kann. Zu welchen Einsichten das führen kann, brauche ich wohl an dieser Stelle nicht zu erläutern… In meiner nächsten Sitzung werde ich das nun einmal ausprobieren!

Fazit: „Supervisions-Tools“ ist eine wunderbare Sammlung unterschiedlichster Ideen, deren Anschaffung sich für mich sehr gelohnt hat.


Stress-Kompass. Strategisches Stress-Management für Ihr Unternehmen aufbauen - Konzepte und Umsetzung (Edition Training aktuell)
Stress-Kompass. Strategisches Stress-Management für Ihr Unternehmen aufbauen - Konzepte und Umsetzung (Edition Training aktuell)
von Mathias Hofmann (Hrsg.)
  Broschiert
Preis: EUR 49,90

5.0 von 5 Sternen Über den professionellen Umgang mit Stress in der Arbeitswelt, 8. Juli 2015
Wie man mit psychischen bzw. beruflichen Belastungen umgehen kann, ohne dass sie gesundheitsschädlichen Stress erzeugen, ist eines meiner zentralen Themen als Trainer. Allein deshalb machte mich diese Veröffentlichung der managerSeminare Verlags GmbH neugierig. Da es viele Aspekte gibt, die man hierbei berücksichtigen kann bzw. sollte, erhoffte ich mir, die ein oder andere Anregung für meine eigene Arbeit entdecken zu können. Nachdem ich allerdings die ersten 134 Seiten gelesen bzw. weitestgehend überflogen hatte, war ich zunächst enttäuscht. Wider Erwarten ging es kaum um Stress bzw. dessen Bewältigung, sondern um die Begleitung von Veränderungsprozessen sowie um die Arbeit mit Gruppengrößen von über 50 Personen in vergleichbaren Kontexten. Zum Glück habe ich aber weitergelesen…

In den mittleren Kapiteln werden verschiedene Anregungen für Seminare oder Workshops für Führungskräfte, Mitarbeitende und Teams gegeben, von denen ich einige sicher in meine Arbeit einbinden werde. Zunächst einmal werden jeweils ein paar Modellannahmen erläutert und anschließend ein ausgearbeitetes Trainingskonzept vorgestellt, inklusive eines Spannungsbogens sowie nützlichen Hinweisen für die praktische Arbeit. Im weiteren Verlauf werden dann einzelne Tools besprochen, von denen ich im Folgenden gern drei vorstellen und benennen möchte, welchen Nutzen ich darin sehe.

1. Gut gefallen hat mir z. B. die Erläuterung des Schaubildes „Führen in Krisen“, in dem vier Aktivitäten voneinander unterschieden werden: (1) Präsent sein, (2) Orientierung geben, (3) Aktivieren und (4) Rückhalt geben. Zusammen mit den ergänzenden Erläuterungen lassen sich für verschiedenartige Kontexte zielführende Handlungsoptionen erarbeiten. Eine Übung nach diesem Vorbild lässt sich hervorragend in das Themenfeld „gesunde Führung“ integrieren.

2. Obwohl mir die einzelnen Methoden seit langer Zeit vertraut sind, empfand ich auch die Systematik des Kognitionstrainings für Führungskräfte sehr hilfreich. Hier haben die Autorinnen Gerlind Pracht und Friederike Michel verschiedene Fragestellungen aus den Ansätzen der positiven Selbstinstruktion, der Kognitiven Verhaltenstherapie sowie der Lösungsorientierung miteinander verknüpft, wodurch die Führungskräfte nach einer Selbstreflexion dazu anregt werden, eine partizipative Strategie für Mitarbeitergespräche zu entwickeln.

3. Obgleich ich anzweifle, dass ein Vorgesetzter in der Lage sein sollte, einen Burnout bzw. Depersonalisation, innere Leere oder eine Depression zu erkennen, halte ich die entsprechenden Hinweise zum Umgang mit betroffenen MItarbeitern in den verschiedenen Phasen des Syndroms für eine nützliche Heuristik, die allerdings im Rahmen einer Diskussion kritisch hinterfragt werden sollten. Wie die Ansprache bei beobachtbaren Auffälligkeiten erfolgen kann, wird in diesem Abschnitt zwar nur angedeutet, allerdings lässt sich die in diesem Zusammenhang beschriebene Übung zum „Burnout-Rad“ ohne großen Aufwand an das eigene Format anpassen. Ziel dabei könnte eine Sensibilisierung für Führungskräfte sein.

Des Weiteren haben mir bspw. die effektiven Bewältigungsstrategien für Führungskräfte in der Sandwich-Position, die Übungen „5-4-3-2-1“ (sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken), „Unser Bild der Zusammenarbeit“, „Ist denn heute schon Weihnachten“ sowie der „Aufgabentisch“ ausgezeichnet gefallen. Immer haben die Autoren/-innen sich dabei die Mühe gemacht, eventuell auftretende Widerstände seitens der Teilnehmer zu benennen, und Ideen an die Hand gegeben, wie sich diese auflösen lassen.

Abschließend wird dann ein m. E. gut durchdachtes Konzept zur Ausbildung von Stress-Lotsen in Unternehmen vorgestellt, das sicher auch den ein oder anderen Leser interessieren dürfte. Allerdings muss ich zugeben, dass ich auch diese Seiten lediglich überflogen habe.

Vom didaktischen Aufbau her ist das Buch sehr gelungen. Die theoretischen Modelle und die empfohlenen Methoden sind verständlich erläutert, klar strukturiert und lassen sich ohne Weiteres in das eigene Repertoire integrieren. Die zahlreichen Schaubilder, Grafiken, Tabellen, die Hervorhebung zentraler Aspekte sowie möglicher Fallstricke, Literaturhinweise u.v.m. erleichtern dies enorm. Auch wenn mir die Online-Materialien, die der Verlag auf seiner Webseite zum Download bereithält, wenig nützlich erscheinen (mit Ausnahme der Übung „Tagesschau“), kann ich dieses Buch jedem empfehlen, der sich mit der professionellen Auflösung beruflich bedingten Stresses beschäftigt. Neue Ideen habe ich jedenfalls reichlich darin gefunden.


Mitten ins Herz - Storytelling im Coaching: Die Kraft von Storytelling für Coaching und Beratung nutzen (Edition Training aktuell)
Mitten ins Herz - Storytelling im Coaching: Die Kraft von Storytelling für Coaching und Beratung nutzen (Edition Training aktuell)
von Christina Budde
  Broschiert
Preis: EUR 49,90

5.0 von 5 Sternen Mögen Sie Geschichten? Ein tolles Buch, das sich auch zur Selbstreflexion eignet., 4. Juni 2015
Im Coaching ist es in der Regel nicht üblich, Ratschläge zu geben, selbst dann nicht, wenn darum gebeten wird. Als zweckmäßiger wird es betrachtet, zur Selbstreflexion und zum Finden eigener Lösungen anzuregen. Doch welchen Sinn macht es dann, eine Geschichte zu erzählen? Darüber berichtet Christina Budde in ihrem neuen Buch.

Durch das indirekte Angebot, sich mit einem der Protagonisten zu identifizieren und dessen Erkenntnisse auf das eigene Leben zu übertragen, lassen sich Widerstände, auf die (gut gemeinte) Ratschläge treffen können, leichter umgehen. Man sucht sich aus dem Gehörten einfach das aus, was zu einem passt, und wird somit in die Lage versetzt, eigene Schlüsse daraus zu ziehen. Komplizierte Vorgaben scheint es dabei kaum zu geben, nur irgendwie stimmig sollte sich das Ganze für die Klienten schon anfühlen. Über die Kraft, die von Bildern oder Vorstellungen ausgehen kann, und welche Wirkung sich damit erzielen lässt, muss ich an dieser Stelle wohl nichts sagen...

Welchen Zweck das Storytelling erfüllen kann und wie genau es funktioniert bzw. auf was man dabei achten sollte, wird in den ersten Kapiteln des Buches ausführlich erörtert. Immer wieder werden Übungen dazu angeboten, mittels derer man die einzelnen Inhalte für sich lebendig werden lassen kann. Gut gefallen hat es mir zudem, dass die Autorin einleitend ihren persönlichen Bezug darstellt und diverse Anwendungsbeispiele aus der Praxis gegeben werden, die dazu anregen, die Methode selbst einmal auszuprobieren, sollte man das noch nicht getan haben. Hilfreich sind auch die zahlreichen Beispiele für Geschichten, die thematisch sortiert am Ende des Buches zu finden sind. Fällt es einem vielleicht schwer, sich eigene Geschichten zu überlegen oder sich diese irgendwo heraus zu suchen, lassen sie sich mühelos verwenden. Eine enorme Gedächtniskapazität ist dafür jedenfalls nicht erforderlich.

Sehr interessant berichtet Christina Budde darüber, wie man mit den Geschichten, die Klienten erzählen, so arbeiten kann, dass es besonders hilfreich ist bzw. der Fokus gezielt auf jene der darin enthaltenen Aspekte gerichtet wird, die einer Erweiterung der Perspektive dienen. Techniken, die in jedem professionellen Gespräch nützlich sind, wie z. B. der Umgang mit Tilgungen, Generalisierungen oder Verzerrungen, werden fachlich präzise und anwendungsgerecht dargestellt. Vieles war mir zwar bereits sehr vertraut oder zumindest gängig, dennoch habe ich beim Lesen mein Bewusstsein erneut dafür geschärft, wie förderlich gewisse Vorgehensweisen sind.

Ob ich nun ein 'richtiger' Storyteller werde oder (noch) öfter Metaphern oder Analogien in meine Sitzungen einfließen lasse, als ich es bereits tue, möchte ich bezweifeln. Allerdings hat sich die Lektüre allein deshalb gelohnt, da sich in der Toolbox (Kapitel 5), die immerhin 65 Seiten des Buches ausmacht, etliche Übungen finden, die mir so teilweise noch nicht bekannt waren. Einige davon werden meinen Werkzeugkoffer nun sinnvoll ergänzen. Die ein oder andere probiere ich wohl bald auch aus. Die Einfachheit, mit der sie beschrieben sind, hat meine Fantasie jedenfalls angeregt.

Didaktisch ist das Buch großartig. An der Seite des Fließtextes findet man jeweils Begriffe oder einfache Sätze, die einem einen hervorragenden Überblick über das geben, was darin im Einzelnen erklärt oder ausgeführt wird. So verliert man nie den Überblick, kann einzelne Abschnitte beim Lesen überspringen und bestimmte Aussagen leicht wiederfinden. Schön sind auch die vielen Hinweise auf die Ursprünge der jeweiligen Modelle oder Methoden. Die entsprechenden Fragenkataloge sind zumeist systemisch und lösungsorientiert bzw. so konzipiert, dass sie viel Spielraum für die eigene Anwendung lassen.

Literaturhinweise, Informationen über die Gastautoren sowie ein Stichwortverzeichnis runden das Werk ab. Für die Beratung, das Coaching, die Mediation oder die therapeutische Arbeit ist dieses Buch eine gute praktische Hilfe, weil es sich schnell lesen lässt und zudem zur Umsetzung inspiriert. Kurzum: Ich bin begeistert und kann dieses Buch auch jenen empfehlen, die um das Storytelling bislang einen Bogen gemacht haben. Besonders angesprochen hat es mich, wie einfach es scheint, die Ideen so zu nutzen, dass sie 'mitten ins Herz' treffen und nachhaltige Veränderungsprozesse bei Klienten bewirken können. Zudem bietet es Anregungen zur Selbstreflexion, die auch ohne professionelle Begleitung sehr wertvoll sind.


Etwas mehr Hirn, bitte: Eine Einladung zur Wiederentdeckung der Freude am eigenen Denken und der Lust am gemeinsamen Gestalten
Etwas mehr Hirn, bitte: Eine Einladung zur Wiederentdeckung der Freude am eigenen Denken und der Lust am gemeinsamen Gestalten
von Gerald Hüther
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

96 von 102 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Wohltat für die Seele!, 12. März 2015
Warum mischt sich dieser „Schulprophet“ eigentlich in alles ein? Als ich dieses Buch zur Hand nahm, war ich aufgrund der vielen kritischen Stimmen, die sich in den vergangenen Jahren gegen den Autor erhoben haben, zunächst skeptisch. Dann habe ich angefangen, es zu lesen, und vor lauter Begeisterung erst wieder damit aufgehört, als ich am Ende des Buches angelangt war. Prof. Dr. Gerald Hüther beschäftigt sich mit einem Thema, das uns allen am Herzen liegen sollte. Und er tut es auf eine Weise, bei der sehr deutlich wird, dass er auch tatsächlich etwas zu sagen hat!

Der erste Teil („Das Leben als erkenntnisgewinnender Prozess“) beschäftigt sich mit den Fragen, warum wir (in unserer Gesellschaft) so viele Probleme haben, woran sich unser Denken orientiert, wie wir zu Erkenntnissen (über uns, andere Menschen und die Welt) gelangen und welche Prozesse im Gehirn dafür verantwortlich sind, dass wir uns so entwickeln, wie wir es tun. Mit all dem, was auf den ersten fünfzig Seiten über das Glück, das Leben, die Erziehung und über unsere Gesellschaft ausgesagt wird, hat mir der Autor sozusagen aus der Seele gesprochen. Für mich war es jedenfalls eine wahre Wohltat, das einmal so zu lesen, fast schon mit psychotherapeutischem Effekt!

Eingeleitet mit der Aussage von Gregory Bateson („Die Natur lässt sich nicht verändern, außer dass man sich ihr fügt.“), lädt er daraufhin dazu ein, vier Grundüberzeugungen zu hinterfragen, die unser eigenes Selbstverständnis und unsere Beziehungen zu anderen Lebewesen gegenwärtig noch immer bestimmen. Dabei geht es um die Intentionalität eines jeden Lebewesens, deren Selbstorganisation („Sie erfinden sich selbst immer wieder neu im Prozess ihres eigenen Werdens.“, S. 65), den Unterschied zwischen dem Zwang zur fortschreitenden Spezialisierung durch Wettbewerb und dem spielerischen Ausprobieren und Zusammenführen von bisher Getrenntem, also wirklicher Weiterentwicklung, sowie um den koevolutionären Prozess der Potentialentwicklung mit der Schlussfolgerung, dass wir als soziale Wesen auch auf alle anderen Lebensformen angewiesen sind.

Schon während meines Psychologiestudiums musste ich mich mit der Neurophysiologie befassen, zahlreiche Fachbegriffe auswendig lernen und mich mit unserem gesamten Nervensystem so gut auskennen, um die Prüfung in „Biologische Psychologie“ zu bestehen. Obwohl das dann wider Erwarten sehr gut gelang, beschloss ich, mich niemals wieder mit diesem Thema zu beschäftigen. Erst als mir Anfang dieses Jahrtausends allmählich bewusst wurde, dass die Hirnforschung dank der bildgebenden Verfahren die sogenannte „emotionale Wende“ eingeläutet hatte, begann ich wieder, mich dafür zu interessieren. Im zweiten Teil dieses Buches erläutert Gerald Hüther nun, wie sich das menschliche Gehirn durch soziale Erfahrungen strukturiert. Hierbei geht er vor allem auf das Prinzip der Selbstorganisation ein, und er tut es so, dass sogar ich ihm dabei sehr gut folgen kann. Seine fachliche Kompetenz wird allein schon durch die gelungene Reduktion der Komplexität deutlich, ohne dass er sich hierfür mit Fachbegriffen oder ermüdenden wissenschaftlichen Erläuterungen hervortun muss.

Das Prinzip der Kohärenz, was die Bemühung des Gehirns beschreibt, möglichst wenig Energie zu verbrauchen, wird hierbei ebenso plausibel dargestellt, wie auch die vielen (nur zeitweilig erfolgreichen) Versuche des Individuums, diese herzustellen. Mit seiner Beschreibung der vorgeburtlichen Strukturierung der neuronalen Netzwerke sowie jener, die das Kind anschließend durch eigene Erfahrungen macht, bietet der Autor eine Analogie zu unserer Gesellschaft an, die u. a. aufzeigt, welche Bedeutung die „Entschleunigung“ sowie die fundamentalen Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Autonomie tatsächlich haben. Die Funktion der Spiegelneuronen, die Entstehung von Metaerfahrungen, die subjektive Bedeutsamkeit der objektiven Umwelt und die transgenerationale Weitergabe von Erfahrungen sind weitere Aspekte, die im Fokus stehen, und die sich – wie ich finde – sehr stimmig in das Gesamtwerk einfügen.

Abschließend führt er aus, zu welchen Verwicklungen unsere gleichzeitige Suche nach Freiheit und Verbundenheit führen kann, benennt die „subjektive Zuschreibung von Bedeutsamkeit“ als DAS Schlüsselwort und leitet daraus eine Vision ab, wie sich unser gesellschaftliches Zusammenleben transformieren ließe. Im dritten Abschnitt des Buches widmet er sich – nach einer umfassenden Gesellschaftskritik – der Frage, warum niemand seine Potenziale allein entfalten kann und wie wir zueinander in Beziehung stehen (sollten). Hierbei geht er insbesondere auf die Unterscheidung von Subjekt- und Objektbeziehungen ein.

Obwohl ich den von ihm genannten Beispielen, die er für ein gelingendes Miteinander anführt, gut folgen kann, bleibe ich, was die Schlussfolgerung betrifft, dass der sechste Kondratjew-Zyklus aus der Basisinnovation einer Verbesserung sowie dem Ausbau der Beziehungen aller Beteiligten bestehen wird, eher skeptisch. Jedenfalls ist es aber eine schöne Utopie!

Abgerundet wird das Gesamtwerk durch die Emutigung des Autors, uns mit anderen zusammenzutun, uns einzuladen, zu ermutigen und gegenseitig zu inspirieren, Neues auszuprobieren und unsere Freude am gemeinsamen Gestalten wiederzuentdecken.

Zu kritisieren ist m. E. lediglich, dass sich das Buch aufgrund des lockeren Schreibstils und seiner nur 187 Seiten leider viel zu schnell lesen lässt. Kurzum: Ich bin begeistert! Vielen herzlichen Dank.


Was quält mich, und wenn ja, warum?: Faszinierende Geschichten aus der Hypnose-Therapie
Was quält mich, und wenn ja, warum?: Faszinierende Geschichten aus der Hypnose-Therapie
von Irina Schlicht
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Ein gelungener Einblick in die Hypnose-Therapie!, 5. März 2015
In diesem bereits 2011 erschienenen Buch berichtet die Autorin von ihrer Arbeit als Hypnose-Therapeutin. Da ich mich erst vor gut einem Jahr das erste Mal intensiver mit der Hypnotherapie von Milton H. Erickson befasst hatte und durch die vielen Berichte meiner Schüler neugierig geworden bin, wie die Arbeit mit Hypnose im therapeutischen Setting praktisch funktioniert, kam mir diese Buchempfehlung gerade recht.

Irina Schlicht war einige Jahre als Verhaltenstherapeutin tätig und ergänzte ihr Repertoire durch eine hypnotherapeutische Ausbildung, obwohl Verfahren dieser Art in den 1990er Jahren noch stark mit Esoterik und Magie in Verbindung gebracht wurden. Gleich zu Beginn macht sie deutlich, dass die Hypnotherapie zwar kein Wunder- oder Allheilmittel ist, aber eine beachtliche Erfolgsquote aufweist.

In der Verhaltenstherapie wird davon ausgegangen, dass alles Verhalten gelernt sei. So auch die damalige Panik der Autorin vor Katzen und Felltieren. Diese konnte sie zwar mittels einer Expositionstherapie (Konfrontation mit angstauslösenden Reizen) zeitweilig reduzieren, der finale Durchbruch gelang ihr aber erst dank einer Hypnose-Sitzung bei einer Kollegin. Diese persönliche Erfahrung machte ihr deutlich, welche tiefen emotionalen Erfahrungen im Rahmen einer Trance möglich sind und was in Kombination mit einer Vielfalt von psychotherapeutischen Vorgehensweisen unter Hypnose bewirkt werden kann.

„In der Hypnose befindet sich der Patient [also] in einem anderen Bewusstseinszustand, den wir auch Trance nennen.“ Insbesondere den Hypnoseprinzipien von Milton H. Erickson ist es zu verdanken, dass sie als therapeutisches Heilverfahren ihren heutigen Stellenwert erreicht hat. Das Wachbewusstsein eines Menschen sorgt dafür, den Alltag zu bewältigen, wobei es dafür schon so viele Informationen benötigt, dass alles „Überflüssige“ ins Unbewusste abtaucht. Das gilt auch für emotionale Belastungen, Konflikte oder Traumata, die innerlich abgewehrt und somit nicht in das Gesamterleben integriert worden sind. Manchmal werden die damit zusammenhängenden Gefühle aber durch aktuelle Ereignisse wieder ins Bewusstsein gerufen und so stark, dass sie nicht wieder verdrängt werden können. Mit entsprechenden Suggestionen unter Hypnose können diese unverarbeiteten Erlebnisse im Hier und Jetzt bewältigt werden. Dabei wird aber niemandem etwas gegen seinen Willen eingeredet, sondern es werden Angebote zur inneren Lösung des Problems unterbreitet.

In „Die ersten Schritte im Therapieprozess“ schildert die Autorin nun, wie sie einen therapeutischen Prozess einleitet. Dabei erfährt der Leser, was z. B. unter einem „safe place“ oder der Augenfixationsmethode zu verstehen ist. Dann folgen acht Kapitel, in denen sie jeweils einen Fall aus ihrer Praxis darstellt. Nach einer Einführung in die Problematik der Klienten erläutert sie Schritt für Schritt, wie sie diese erfolgreich behandeln konnte. Interessant sind diese Fallbeispiele vor allem deshalb, weil etliche Tranceinduktionen im Wortlaut wiedergegeben sind (z. B. die Handlevitation), was zu einem besseren Verständnis führt und zugleich eine gute Hilfestellung für all jene ist, die selbst mit Hypnose arbeiten. Auch zeigt sie auf, wie die Einbindung verschiedenster psychotherapeutischer Methoden (z. B. die Screen-Technik, die Desensibilisierung durch Konfrontation mit angstauslösenden oder traumatischen Situationen im entspannten Zustand, das Nachnähren bzw. Reparenting, die Transformation von Glaubenssätzen etc.) zum Gelingen einer Problemlösung beitragen kann. Die Fallbeispiele reichen von einem unerträglichen Lampenfieber bei Präsentationen, der Abgrenzungsproblematik einer Krebspatientin, den „Denkfehlern“ bei einer Depression, quälenden Schmerzen, sexuellen Störungen u.v.m., sind also sehr facettenreich und geben somit einen hervorragenden Einblick in die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten des Verfahrens. Zu betonen ist, dass sie an keiner Stelle übertrieben wirken und sie zugleich die Notwendigkeit eines individuellen Vorgehens verdeutlichen. Zudem wird beim Lesen spürbar, dass sich die Autorin ihrer Verantwortung, die mit einer solchen Behandlung einhergeht, stets bewusst ist. Auch zeigt sie die Grenzen auf, die z. B. bei akuten Psychosen, der Schizophrenie oder einigen Persönlichkeitsstörungen gegeben sind.

Abschließend gibt die Autorin Hinweise darauf, in welchen Anwendungsbereichen eine Hypnose sinnvoll sein kann, und praktische Hilfestellungen für die Suche nach einem geeigneten Therapeuten. Es folgen noch ein paar Literaturhinweise sowie ein Glossar, in dem die wichtigsten Fachbegriffe kurz und leicht verständlich erklärt werden.

Fazit: Obwohl ich bei meiner eigenen Arbeit einen großen Bogen um tranceinduzierende Verfahren mache, konnte ich bei der Beschreibung der Fallbeispiele etliche Interventionen entdecken, von deren Nutzen ich überzeugt bin. Ob sich diese unter Hypnose tatsächlich wirkungsvoller einsetzen lassen, bleibt für mich zwar fraglich, meine grundsätzliche Skepsis konnte ich aber auflösen. Von daher kann ich dieses Buch sehr empfehlen.


Das Mobbingsyndrom: Diagnostik, Therapie und Begutachtung im Kontext zur in Deutschland ubiquitär praktizierten psychischen Gewalt
Das Mobbingsyndrom: Diagnostik, Therapie und Begutachtung im Kontext zur in Deutschland ubiquitär praktizierten psychischen Gewalt
von Argeo Bämayr
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Plädoyer für die strafrechtliche Verfolgung psychischer Gewalt!, 25. Januar 2015
In diesem Buch, das bereits 2012 erschienen ist, wird eine erschreckende Perspektive auf die Situation von Mobbing betroffener Menschen eingenommen, die sich von den meisten anderen Büchern zu diesem Thema sehr unterscheidet. Schon der Titel macht deutlich, dass es sich um ein Fachbuch handelt, mit einer seichten Lektüre also nicht zu rechnen ist... Wer weiß schon aus dem Stegreif, was „ubiquitär“ bedeutet? Aber m. E. lohnt es sich, es zu lesen und darüber nachzudenken.

Nach einer Bestandsaufnahme der individuellen, strukturellen psychischen Gewalt aus psychiatrischer und psychotherapeutischer Sicht werden verschiedene Mechanismen sowie Kriterien der psychischen Gewaltkonstellation erläutert. Dabei werden u. a. Machtkonstellationen politischer Herrschaft sowie Führungspersönlichkeiten, die die Struktur „egoistischer Alphatypen“ aufweisen, genauer betrachtet. Wie in Deutschland mit dem Thema „Mobbing“ umgegangen wird und welches Chaos in Diagnostik und Therapie bezüglich Opfern psychischer Gewalt herrscht, allgemeine Hinweise zu Kriterien und Definitionen, die Herleitung des „Mobbing-Syndroms“, Hinweise zur Behandlung von Betroffenen sowie die Rolle der Krankenkassen und Jobcenter beleuchtet er kritisch.

Dr. Ageo Bämayr widmet sich dem Thema „Mobbing“ aus seiner Perspektive als Psychiater und Psychotherapeut mit einer ungewöhnlichen Schärfe. So konstatiert er, dass obwohl die Betroffenen oftmals von Selbsthilfegruppen, Mobbingberatungsstellen, Gewerkschaften oder kirchlichen Institutionen empathisch aufgefangen werden, der medizinische Beistand durch Ärzte und psychologische Psychotherapeuten ebenso wie die juristische Lage noch erhebliche Lücken bzw. Mängel aufweist. Ihm zufolge könnte sich diese Situation durch eine eigenständige Mobbingdiagnose (dem sogenannten „Mobbingsyndrom“) vom Rang einer Indiztatsache oder eines Beweismittels verbessern. Aktuell ist allerdings die von ihm vorgeschlagene „kumulative traumatische Belastungsstörung“ in keinem Schlüsselverzeichnis für Diagnosen repräsentiert. Das wiederum habe eine uneinheitliche Diagnostik sowie eine dieser entsprechenden Therapie und Begutachtung von Opfern psychischer Gewalt zur Folge.

Seiner Meinung nach ist vor allem die sehr häufig vorzufindende Diagnose „Anpassungsstörung“ unangebracht für die Betroffenen einer „Mobbing-Katastrophe“. Das „Bedrängnis“ bei Mobbing ist nicht „subjektiv“, sondern „objektiv“! Niemand könne sich einem Psychoterror mit dem Zweck einer psychosozialen Destabilisierung „anpassen“. Zudem führe eine solche Diagnose zu einer klassischen Opferbeschuldigung. Sie ist also diskriminierend. Auch weist er eindringlich auf das Problem einer Verkehrung von Ursache und Wirkung hin, d. h. dass vielen Betroffenen unterstellt werde, dass ihre Erkrankung die Ursache und nicht eine Folge des Mobbings sei.

Fazit: Dem Autor ist eine überzeugende Analyse eines komplexen und schwierigen Themas gelungen. Auch seine Argumentation bezüglich der „kumulativen traumatischen Belastungsstörung“ finde ich stimmig.


Straining: Eine subtile Art von Mobbing
Straining: Eine subtile Art von Mobbing
von Harald Ege
  Taschenbuch
Preis: EUR 19,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein erfolgreiches System für mögliche Beweiserleichterungen vor Gericht, 16. Dezember 2014
Prof. Dr. Harald Ege war in seiner Funktion als Gutachter maßgeblich daran beteiligt, dass das Parameter-System zur Anerkennung von Mobbing- und Strainingfällen in Italien beigetragen hat. Ohne dieses System würde es dort wohl kaum so eine ausgedehnte Rechtsprechung im Straining und Mobbing geben. Es könnte vielleicht auch in Deutschland als Vorbild für mögliche Mobbingbeweiserleichterungen dienen. Da die gängigen Definitionen von Mobbing vor Gericht einen großen Interpretationsspielraum aufweisen und ihm zufolge längst nicht alles als Mobbing ausgelegt werden könne, was von den Betroffenen als solches empfunden wird, hat er ein neues Konstrukt eingeführt, über das er nun ein neues Buch herausgebracht hat: das Straining.

Straining leitet sich ab aus dem englischen Verb 'to strain', was sich mit 'beanspruchen', 'belasten', 'anstrengen' usw. übersetzen lässt. Ein Strainingfall wäre demnach ein Konflikt am Arbeitsplatz, bei dem wenige Handlungen (manchmal sogar nur eine einzelne) einen weitreichenden negativen Effekt auf das Arbeits(er)leben des Opfers haben bzw. hat. Vergleichbar mit dem Mobber wird einem Strainer dabei eine Verfolgungsabsicht unterstellt.

In seinen Buch beschreibt er nun zunächst das Mobbing, anschließend das Straining, hebt beides von dem herkömmlichen (Arbeits-)Stress ab, und widmet sich dann dem Stalking sowie weiteren mit Arbeitsplatzkonflikten zusammenhängenden Phänomenen.

Wie gesagt, um den Interpretationsspielraum vor Gericht möglichst klein zu halten, wurde in Italien das oben genannte Parameter-System eingeführt, durch welches sich die einzelnen Fälle juristisch sehr klar den besagten Phänomenen zuordnen lassen, wenn jeweils alle Parameter ausnahmslos erfüllt sind. In dem Buch werden diese sehr ausführlich und anhand zahlreicher Fallbeispiele beschreiben, detailliert erläutert sowie mittels zusammenfassender Tabellen veranschaulicht.

Die einzelnen Parameter-Systeme stützen sich auf entsprechende Phasenmodelle sowie juristische Definitionen der darin enthaltenen Begrifflichkeiten.

1. Mobbing

Das Phasenmodell des Mobbings beschreibt einen typischen Verlauf, wobei im Einzelfall nicht alle Phasen tatsächlich durchlaufen werden müssen. Die Null-Kondition erfasst jenen systemischen Zustand, der das Auftreten von Mobbing begünstigt (drohende Entlassungen, Umstrukturierungen, wirtschaftliche Krisen etc.). In der ersten Phase wird daraus ein zielgerichteter Konflikt, in der zweiten beginnt das Mobbing, woraufhin erste psychosomatische Symptome folgen. Dann kommt es zu Fehlern und Übertragungen seitens der Personalabteilung (Stigmatisierung des Opfers), was zu einer weiteren Verschlechterung des psycho-physischen Gesundheitszustandes des Betroffenen führt. Am Ende steht der Verlust des Arbeitsplatzes.

Die sieben Parameter erfassen den Ort, die Häufigkeit, die Dauer (wobei hier noch ein kürzer andauerndes, sogenanntes 'Quick-Mobbing' unterschieden wird), die Art der Handlung, die Ungleichheit der Protagonisten sowie den Verlauf nach Phasen und die Verfolgungsabsicht.

Ort: Jeder Fall kann ausgeschlossen werden, der nicht am Arbeitsplatz stattfindet.
Häufigkeit der Aktionen: Die Mobbinghandlungen müssen mindestens monatlich stattfinden (Ausnahme: 'Stein im Wasser', s. u.).
Dauer: Mobbing muss mindestens 6 Monate andauern. Die Begründung leitet sich daraus ab, weil ab diesem Zeitraum laut DSM IV auch eine Erkrankung 'chronisch' ist. Es handelt sich demnach bei Mobbing also um eine chronische Konfliktsituation. Eine Ausnahme stellt das sogenannte 'Quick-Mobbing' dar, welches nur drei Monate nachweisbar sein muss.
Mindestens eine feindselige Handlung, die eine permanente Veränderung der Arbeitssituation hervorruft. Dabei wird auf die typischen Mobbinghandlungen von Leymann Bezug genommen.
Ungleichheit zwischen den Antagonisten: Opfer-Täter-Ungleichgewicht
Verlauf nach Phasen: Mobbing ist ein dynamischer Konflikt, d. h. kein statischer. Es gibt also verschiedene Phasen (vgl. Phasenmodell von Mobbing).
Es muss eine Verfolgungsabsicht gegeben sein. Mobbing findet nicht zufällig statt, sondern gezielt.

Um die Verfolgungsabsicht vor Gericht darzulegen, wird nach den Zielen der Beteiligten gefragt. Da ein Mobber niemals zugeben wird, gemobbt zu haben und er auch die Gründe dafür nicht nennen wird, kann überprüft werden, wer vom Ausscheiden des Opfers aus dem Unternehmen profitiert. So lässt sich das strategische Ziel des Täters in der Regel relativ klar aufzeigen. Bei den subjektiven (vor allem persönliche Beschuldigungen und Abwertungen) und konflikthaften (z. B. Provokationen) Zielen ist das etwas einfacher.

'Stein im Wasser'

Die unter dem Parameter 'Häufigkeit' genannte Ausnahme lässt sich feststellen, wenn folgende Punkte erfüllt sind:

- Eine einzelne tragende, feindselige Handlung hat tägliche und interne (d. h. am Arbeitsplatz) Folgen, die auch nach dem eigentlichen Abschluss der Handlung zum Tragen kommen.
- Der ursprünglichen Handlung folgen mindestens zwei weitere feindselige Handlungen einer anderen Kategorie (oder sie wird von ihnen begleitet).
- Die begleitenden Handlungen werden von anderen Aggressoren verübt und haben eine Häufigkeit von wenigstens mehrmals monatlich.

Die Feststellung des Schadens

In einem Prozess geht es immer auch um eine Feststellung des Schadens, der durch das Mobbing entstanden ist. Hier lassen sich vier Ebenen voneinander unterscheiden:

1. Beruflicher Schaden: Hat eine Person nicht die gleichen Aufstiegschancen? Bekommt die Person ungleiche Lohnerhöhungen als seine Kollegen? Erhält jemand nicht die gleichen Prämien auf derselben Grundlage oder wird er ausgeschlossen? Dies wären alles Beispiele für einen sogenannten Vermögensschaden. Auch fehlende Einladungen zu Fortbildungsangeboten sind eine Form des beruflichen Schadens. Nach einiger Zeit ist der Mitarbeiter dann nicht mehr auf dem neueste Stand und kann mit seiner Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt nichts mehr anfangen.
2. Biologischer Schaden: Hierunter fallen psychosomatische Schäden, Schlafstörungen, Störungen im Verdauungstrakt, Schweißausbrüche, Depressionen, Panikattacken, die posttraumatische Verbitterungsstörung (Prof. Dr. Linden) etc.
3. Existenzieller Schaden: Hier geht es um die Existenz und die Lebensqualität der Person. Dazu zählen die folgenden vier Säulen: 1) Intimität und Sexual- bzw. Familienleben, 2) Sozialleben, 3) Sportaktivitäten und Fitness, 4) Hobbys. Ein existenzieller Schaden ist ebenfalls ein Vermögensschaden! Das Vermögen des Arbeiters ist sein Körper und sein Intellekt! Deshalb entsteht ihm ein Vermögensschaden, wenn er seine regenerativen Fähigkeiten oder an Lebensqualität verliert.
4. Strafschaden: Hierbei wird das Opfer zivilrechtlich abgekoppelt vom eigentlichen Ereignis, d.h. dass jemand für die Schwere einer Tat bestraft wird.

2. Straining

Laut einer Statistik der Associazione PRIMA (Bologna, 2005) über die Verteilung von Arbeitsplatzkonflikten in Italien sind nur 20% tatsächliche Mobbingfälle, während es sich bei 60% um Straining handelt. Maßgeblich hierfür scheint das Prinzip der 'aktiven Passivität' zu sein, demzufolge eine Isolation der Betroffenen durch einzelne Handlungen zum Ausschluss aus dem Arbeitsalltag führt, was eine erzwungene Stresssituation mit langanhaltenden Konsequenzen zur Folge hat.

Eine feindselige Handlung (Phase 1) hat arbeitsplatzrelevante Folgen, die von dem Opfer als permanent empfunden werden (Phase 2), was dann psychophysische Konsequenzen mit sich bringt (Phase 3) und letztendlich zu einem Verlust der Arbeit führt (Phase 4). Die gleichen Parameter, die auch zur Feststellung von Mobbing verwendet werden, können nun auch beim Straining zur Anwendung kommen. Sie unterscheiden sich natürlich in ihrer inhaltlichen Ausgestaltung an einigen Stellen. Interessant dabei ist, dass auch hier ein Konflikt (mindestens) sechs Monate andauern muss, um als Straining anerkannt werden zu können.

Beim Straining müssen mindestens ein strategisches (Beseitigung, Entfernung, Bestrafung oder Blockierung) sowie ein diskriminierendes Ziel vorliegen. Unter einem diskriminierenden Ziel versteht man das gezielte Vorgehen gegen einen Einzelnen (im Gegensatz zu einem, von dem alle Mitarbeiter gleichermaßen betroffen wären).

3. Stalking und weitere Phänomene, die oftmals mit Mobbing verwechselt werden

Obwohl arbeitsplatzbezogenes Stalking lediglich 1% aller Konflikte (am Arbeitsplatz) ausmacht (Associazione PRIMA, Bologna, 2005), widmet sich der Autor auch diesem Phänomen sehr ausführlich und schlägt ein ähnliches Vorgehen (Parameter-System, Phasenmodell) vor, um es juristisch greifbar zu machen. Im vierten Kapitel widmet sich der Autor dann noch der sexuelle Belästigung (andere Form eines Konfliktes), dem Stress und dem Burnout (als mögliche Folgen eines Konfliktes), dem Glass Ceiling (damit sind Mechanismen gemeint, die verhindern, dass Frauen Einzug in die Chefetage halten) sowie der Arbeitssucht und grenzt diese Phänomene faktisch von Arbeitsplatzkonflikten wie Mobbing und Straining ab.

Fazit: Dieses Buch könnte vielleicht dazu dienen, die Position der von Mobbing (oder von Straining) betroffenen Menschen vor Gericht zu verbessern, würde man ein solches Parameter-System auch in Deutschland einführen. Trotz der Kritik, die man einzelnen der Parameter entgegenhalten kann, scheinen sie dem Pragmatismus der Justiz im hohen Maße dienlich und funktional zu sein. Zudem beschreibt Prof. Dr. Harald Ege, anhand welcher Kriterien welche Art von Schaden festgestellt werden könne, widmet sich kurz der sexuellen Belästigung und abschließend den möglichen gesundheitlichen Auswirkungen von dauerhaftem Stress (z. B. Burnout). Empfehlenswert ist die Lektüre für Gutachter sowie für all jene, die sich für ein mögliches Anti-Mobbing-Gesetz interessieren. Das Buch ist leicht verständlich geschrieben und es bietet (auch Laien) einen guten Einblick in die Arbeit des Autors sowie in die Besonderheiten der italienischen Rechtsprechung.


Gut beraten in der Krise: Konzepte und Werkzeuge für ganz alltägliche Ausnahmesituationen (Edition Training aktuell)
Gut beraten in der Krise: Konzepte und Werkzeuge für ganz alltägliche Ausnahmesituationen (Edition Training aktuell)
von Gunther Schmidt (Hrsg.)
  Broschiert
Preis: EUR 49,90

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sehr gut beraten in der Krise! Rezension zur 3. Auflage von 2014, 6. Oktober 2014
Nach den einleitenden Worten von Prof. Dr. Gerald Hüther, der darüber reflektiert, was eine Krise eigentlich ist und was durch sie bei jemandem ausgelöst wird, der in einer solchen steckt, folgt ein längeres Kapitel von Dr. Gunther Schmidt über die Hypnosystemische Krisenberatung. Zunächst beschreibt er, wie das Erleben einer krisengeschüttelten Zeit in dem Einzelnen wirkt bzw. wie dieser seine Wahrgebungen so gestaltet, dass sie zu einer antizipierten Ausweglosigkeit und Lähmung führen. Dazu werden typische Phänomene des Krisenerlebens reflektiert und die Mündung erfolgloser Lösungsversuche in destruktive Eskalationsprozesse beschrieben. Die Entstehung sogenannter Muster, in denen Menschen das ihnen Widerfahrene konstruieren und aufrechterhalten, wird beleuchtet und der Fokus anschließend auf die Wiedergewinnung von entsprechenden Lösungskompetenzen gerichtet. Bezug nimmt er dabei auf die Sprachmuster der modernen Hypnotherapie sowie auf systemische Betrachtungsweisen. Ziel einer solchen Beratung ist es ihm zufolge, mittels einer erweiterten Sicht auf etwaige, neu zu formulierende Zielvorstellungen, den Klienten ihre eigene Handlungsfähigkeit wieder erlebbar zu machen. Spannend hierbei sind der Begriff der „systemischen Demut“, die er als grundlegende Haltung in einem solchen Prozess benennt, sowie die Einbeziehung sogenannter Rückmeldekompetenzen des Körpers (u. a. basierend auf der Emotionstheorie von Antonio Damasio). Hinweise auf ein gelingendes und wertschätzendes Pacing runden seine Ausführungen ab.

In dem zweiten Teil des Buches geht es dann um Techniken, die in der Praxis zur Anwendung kommen können. Die „Münchhausen-Techniken“ beschreiben Möglichkeiten, wie es mittels einer Umfokussierung gelingen kann, sich selbst aus dem Krisen-Sumpf zu ziehen. Sandra Hofmann-Arnold erläutert hierfür eine Technik, die es erlaubt, sich nur noch zu bestimmten, vorher festgelegten Zeiten mit dem Problem zu befassen. Es folgt eine Erörterung verschiedener Gesprächsabläufe zum Einzel-, Führungs- und Teamcoaching (Ziel definieren, Erfolg vorstellen bzw. fühlen, Ressourcen finden, erschließen und nutzen, Hindernisse visualisieren und „beseitigen“, hilfreiche Attribuierungen finden, sich selbst erfüllende Prophezeiungen nutzen, Probehandeln und dabei heitere Gelassenheit empfinden). Daraufhin meldet sich Dr. Gunther Schmidt in den Kapiteln „Intervention gegen Krisenerleben“ sowie „Problem-Lösungs-Gymnastik und Kompetenz-Balance“ erneut zu Wort. Zunächst erklärt er in einzelnen Schritten eine Technik, bei der man sich mittels der Imagination zweier möglicher Zukunfts-Ichs (Horror-Ich und Wunsch-Ich) der Spannweite seines Verhaltens bewusst werden und dieses in angemessener Weise regulieren kann. Hierbei werden sämtliche Sinneskanäle sowie eine Utilisation des intuitiven Körperwissens („balancierende Hände“) herangezogen. Schön dabei ist der Hinweis darauf, dass in der Regel eine stimmige Lösung angestrebt wird, d. h. eine Balance zwischen beiden Verhaltensmustern. Bei der Problem-Lösungs-Gymnastik handelt es sich eigentlich um eine Abfolge von Fragen, die zu dem Bewusstsein führen sollte, dass jeweils immer nur Teilaspekte der Persönlichkeit von einem Problem betroffen sind. Ähnlich wie bei der Methode des Inneren Teams werden diese benannt und mit gewissen Attributen versehen (Gestalt, Geschlecht, Alter und/oder Größe). Zuvor wird eine optimale Steuerungsposition bzw. ein Steuerungs-Ich etabliert, welches mit diesen Anteilen kommuniziert (über sogenannte somatische Marker), um deren positive Aspekte zu integrieren. Es wird unterstellt, dass durch diese Form der Körperarbeit, das Wissen auf einer tieferen Ebene verarbeitet wird. Grundsätzlich lässt sich dieses Vorgehen aber auch ohne diese spezielle Form der Gymnastik zielführend anwenden. Besonders gefallen hat mir hierbei der Begriff der „Ehrenrunde“, der für einen „Rückfall“ in gewohnte Verhaltensmuster steht und durch den das Erlernte nochmals reflexiv überprüft werden kann.

Es folgen etliche weitere Coaching-Werkzeuge für Einzelinterventionen in Krisensituationen. Zunächst wird die Möglichkeit erörtert, sogenannte Einstreugeschichten in den Prozess einzubinden, also solche, in denen den Klienten wie in einem Gleichnis vermittelt wird, dass man ihre Situation versteht. Sie erfüllen – je nachdem, wann sie eingesetzt werden – verschiedene Zwecke: Dissoziation vom Problemerleben und Fokussierung der Aufmerksamkeit auf gewünschtes Verhalten, ein Umdeuten der Wirklichkeit bzw. das Erlangen einer veränderten Einstellung zur Problemlage, Motivation zur Umsetzung des Gelernten in den Alltag u.v.m. Wichtig beim Erzählen ist es, dass die Geschichten glaubwürdig sind bzw. sie das Vertrauen in den Beratungsprozess nicht abmindern. Eine weitere schöne Idee ist das Ressourcen-Mandala. Hierbei geht es um die Betrachtung dessen, worauf Klienten stolz sind, wovor sie Angst haben, welche (positiven) Visionen sie von ihrer Zukunft haben und welchen Beitrag sie dazu leisten können, diese zu realisieren. Diese Aspekte werden von ihnen im Rahmen einer Stillarbeit in einem Kreis symbolisch dargestellt. Abgerundet wird diese Idee mit einem schriftlich ausformulierten Motto.

Es folgen Ausführungen über eine Methode, wie sich das U-Modell von Otto Scharmer im Rahmen eines Krisencoachings einsetzen lässt, sowie eine Imaginationsübung, in der sich die Krise als Haus vorgestellt wird. Hierbei sind es wahrscheinlich vor allem die gezielten Fragetechniken, die die Wirksamkeit der Interventionen erklären. Wesentlich spannender fand ich dann die Idee, Klienten mittels eines Kompetenzprofils darin zu unterstützen, wieder Anschluss an ihr kompetentes und wirksames Selbst zu finden. Dazu werden vier verschiedene Bereiche hinterfragt, die diese dazu befähigen. Bei den (1) Kernkompetenzen geht es um jene Talente und individuellen Gestaltungsimpulse, die die Klienten auszeichnen. Diese können sich am ehesten unter bestimmten (2) Arbeitsbedingungen und im Rahmen geeigneter (3) Kernthemen entfalten. Zum Abschluss geht es um die (4) Lebensphilosophie, die Aufschluss darüber gibt, welcher persönliche Beitrag zu einem Gelingen geleistet werden kann. Ganz im Sinne einer Positiven Psychologie wird hier also auf Stärken und Affinitäten fokussiert. Beim „Rückblick des weisen Alten“ wird versucht, mittels eines Perspektivwechsels eine neue Sicht auf die Dinge einzunehmen, dabei Gelingendes zu entdecken und in Form von Handlungsplänen in den Alltag einzubinden. Auch das Wertequadrat von Prof. Dr. Friedemann Schulz von Thun wird aufgegriffen und in seinem Nutzen anhand von zwei Beispielen dargestellt.

Im Anschluss daran folgen Konzepte, die im Rahmen von Trainings eingesetzt werden können. So zum Beispiel der Agendapunkt „Kotz“, bei dem störende Einflüsse offen angesprochen und bearbeitet werden. Das Vorgehen hierbei ist simpel aber plausibel. Gleiches gilt für die darauffolgende Problemlösebrücke. Diese kann als Metapher eingesetzt werden, um schwierige Phasen zu überwinden. Das Modell zum Skizzieren komplexer Systeme, welches am Beispiel der Finanzkrise ausführlich dargestellt wird, kann viel Licht in verworrene Zusammenhänge bringen. Des Weiteren werden Vorschläge gemacht, wie eine systemische Beratungsarbeit bei krisenbedingtem Mitarbeiterabbau zu betreiben und erfolgreich umzusetzen ist, wie man in Unternehmen, die in einer Krise stecken, gemeinsam Handlungsmöglichkeiten erarbeitet etc. Etwas skeptisch sehe ich vor allem das Kapitel „Verjüngungskur mit alten Weisen“, in dem auf schamanische Techniken zugegriffen wird. Aber diese Art „Training“ ist sicher Geschmackssache...

Abschließend werden im letzten Abschnitt des Buches noch einige Trainingskonzepte angeboten, die entweder zur Prävention oder im Falle einer tatsächlichen Krise nützlich sein können. Hilfreich an den fünf offerierten Designs sind deren detaillierte Darstellungen, die eine Anwendung unmittelbar ermöglichen. Auf der Webseite des Verlags finden sich zudem für einige der in dem Buch angesprochenen Trainings noch hilfreiche Unterlagen, die zum Download angeboten werden.

Fazit: Nicht alles, was in dem Buch besprochen wird, erscheint mir tatsächlich wirksam zu sein. Dennoch finden sich sehr viele nützliche Gedanken darin, die eine Anschaffung in jedem Fall rechtfertigen. Vor allem die ersten Kapitel sind äußerst gelungen und gewähren einen fantastischen Einblick in die hypnosystemische Beratungsarbeit. Auch etliche der beschriebenen Methoden und Trainingsformate lassen sich hervorragend in die berufliche Praxis integrieren. Somit kann ich dieses Buch jedem empfehlen, der sich mit der Bewältigung von Krisen befasst. Einen besseren Leitfaden zu diesem speziellen Thema für Coachs und Trainer habe ich jedenfalls bislang noch nicht gelesen.


Therapie wirkt!: So erleben Patienten Psychotherapie
Therapie wirkt!: So erleben Patienten Psychotherapie
von Sven Barnow
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wann macht welche Psychotherapie Sinn? Fakten & Erfahrungen, 3. Oktober 2014
In „Therapie wirkt!“ bietet Prof. Dr. Sven Barnow (Universität Heidelberg) einen kurzen Einblick in die Wirksamkeit, die Verfahren und in den Ablauf einer Psychotherapie, schreibt über die Behandlung einiger Störungsbilder und gibt eine kurze Anleitung zur Selbsthilfe in Sachen Emotionsregulation. Auch der Frage, ob eine Psychotherapie schaden kann, geht er in einem Kapitel nach. Des Weiteren lässt er sieben Patienten zu Wort kommen, die aus verschiedenen Gründen eine Therapie absolviert haben. Das Werk bietet sowohl jenen, die sich mit der Frage beschäftigen, ob sie eine Therapie machen sollten, wie auch z. B. Beratern, die sich sich beruflich mit Menschen befassen, die psychisch belastet sind, einen guten Überblick. Schön daran sind nicht nur die zahlreichen Tipps und wissenschaftlichen Erläuterungen, sondern auch die Tatsache, dass Betroffene von ihren Erfahrungen berichten, wodurch viele der getätigten Aussagen an Authentizität gewinnen.

In dem einleitenden Kapitel geht der Autor der Frage nach, ob eine Psychotherapie überhaupt wirkt? In diesem Zusammenhang hinterfragt er u. a. die Sinnhaftigkeit der Einnahme von Antidepressiva: Die von der Pharmaindustrie veröffentlichten Studien über die Wirksamkeit ihrer Präparate blenden in der Regel ein Phänomen aus, das man „Regression zur Mitte“ nennt, welches besagt, dass beim Vorliegen hoher Werte über die Zeit sehr wahrscheinlich ist, dass diese Werte in der Gruppe (auch ohne entsprechende Intervention) abnehmen. Berücksichtigt man diesen Effekt, stellt sich der erwartete Nutzen einer Behandlung mit gängigen Antidepressiva deutlich geringer dar. Auch scheinen die Abbruchquoten aufgrund von Unverträglichkeiten relativ hoch zu sein. Eine Überlegenheit zur Psychotherapie ist demnach nur in gewissen Ausnahmefällen gegeben. Zudem wird immer wieder behauptet, dass eine Kombination aus Psychotherapie und Antidepressiva zu empfehlen sei. Der Autor stellt nun dar, dass Kombinationsbehandlungen tatsächlich besser wirken, als ein Antidepressivum allein, sie allerdings im Vergleich mit einer Psychotherapie ohne Medikamente aber relativ wenig bringen. Ausnahmen sind schwere Depressionen, Zwangsstörungen sowie chronische Verläufe.

Besonders spannend war die Kritik an der Serotoninmangelhypothese: Serotonin ist ein Neurotransmitter, der eher affektneutral agiert. Allerdings werden geistige und emotionale Prozesse durch diesen Botenstoff gedämpft und die parasympathische Aktivität nimmt zu. Dadurch ist man entspannter, was sich entängstigend und positiv auf die Stimmung auswirkt. Deshalb wird angenommen, ein Serotoninmangel sei für Depressionen und Angststörungen verantwortlich. Tatsächlich zeigt sich aber, dass bei Einnahme von Antidepressiva, die die Serotonin-Wiederaufnahme hemmen, der Spiegel bereits nach zwei Tagen deutlich erhöht ist, die Symptome allerdings erst nach ca. zwei bis vier Wochen vermindert werden. Deshalb geht man inzwischen davon aus, dass Antidepressiva eher die Neurogenese in bestimmten Hirnregionen (z. B. im Hippocampus) positiv beeinflussen. Neuere Studien scheinen dies zu belegen.

Welche Therapie hilft bei welcher Störung? Die Analytische Psychotherapie, die Tiefenpsychologische Psychotherapie, die Verhaltenstherapie, die Systemische Psychotherapie sowie die Gesprächspsychotherapie werden erläutert und dann die Kriterien hinterfragt, welche Form der Therapie zu wem am besten passt. Auch Aspekte der Dauer sowie der Kostenübernahme durch eine gesetzliche Krankenkasse werden thematisiert. Zudem wird der Frage nachgegangen, was einen guten Therapeuten ausmacht und wie schnell mit einem Abklingen der Symptome zu rechnen ist. Die größten Effekte treten demzufolge nach etwa 25 bis 35 Stunden auf, wohingegen ab der 60. Stunde kaum noch Besserungen zu erwarten sind. Allerdings gibt es auch Ausnahmen (z. B. bei Borderline-Patienten).

Auf den folgenden Seiten werden daraufhin zunächst verschiedene psychische Erkrankungen und ihre Behandlungsweisen dargestellt: Depressionen, Angststörungen und Zwänge, Substanzstörungen (speziell Alkoholmissbrauch), Essstörungen, Posttraumatische Belastungsstörungen sowie die Borderline Persönlichkeitsstörung. Dabei werden immer Angaben über die Wirksamkeit verschiedener therapeutischer Ansätze gemacht und klare Empfehlungen ausgesprochen. Immer wieder wird hierbei auch auf die Möglichkeit einer medikamentösen Behandlung eingegangen bzw. dessen Wirksamkeit kritisch hinterfragt. Zusätzlich gibt der Autor für jede der benannten Störungen Filmtipps und verweist auf informative Seiten im Internet.

Nach einer kurzen Erörterung der Frage, ob Therapie schaden kann, wird ein Einblick in die Möglichkeiten gegeben, die man selbst hat, um die eigenen Gefühle zu regulieren. Dieser Abschnitt ist relativ kurz gehalten, entspricht aber inhaltlich in etwa dem, was Prof. Dr. Sven Barnow ein Jahr später nochmals in dem Buch „Gefühle im Griff“ ausführlicher darstellte. Die Tipps sind praxisnah und für jeden Leser mittels kleiner Übungen direkt umsetzbar.

Die zweite Hälfte des Buches ist dann Interviews gewidmet, die der Autor mit sieben Patienten führte (oder führen ließ), die sich aus verschiedenen Gründen für eine Psychotherapie entschieden haben. Jeder Patient wurde hierfür zweimal befragt. In dem ersten Gespräch ging es vor allem um die Vorgeschichte und um die Entscheidung, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Circa ein halbes Jahr später würden die Menschen erneut interviewt. Bei fast allen zeigte sich eine deutliche Besserung der Symptome bzw. ihrer Befindlichkeit. Obwohl ich zunächst daran dachte, diesen Teil des Buches lediglich zu „überfliegen“, war ich von den Inhalten so gefesselt, dass ich ihn vollständig las. Es war spannend zu beobachten, welche Entwicklungen die einzelnen Charaktere gemacht hatten und was sie über sich selbst sowie über ihre Psychotherapie dachten. Interessant waren zudem die Aussagen darüber, was ihnen tatsächlich geholfen hat, ihr Leben wieder besser in den Griff zu bekommen.

Fazit: Das Buch ist großartig, weil es viele Denkanstöße und zudem eine gute Orientierung darüber bietet, wann welche Form der Therapie am erfolgversprechendsten ist.


Trainer-Kit Reloaded. Die wichtigsten Theorien, Beratungsformate, Prozessdarstellungen - und ihre Anwendung im Seminar (Edition Training aktuell)
Trainer-Kit Reloaded. Die wichtigsten Theorien, Beratungsformate, Prozessdarstellungen - und ihre Anwendung im Seminar (Edition Training aktuell)
von Anja Leao (Hrsg.)
  Broschiert
Preis: EUR 49,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein hervorragender Einstieg - Grundlagen und Struktur, 29. September 2014
Wer darüber nachdenkt, sich als Trainer betätigen zu wollen, oder am Beginn einer entsprechenden Laufbahn steht, findet in dem Buch „Trainer-Kit Reloaded“ eine gelungene Einführung in grundlegende Modelle, die sich in der Praxis seit vielen Jahren bewährt haben. Bekannte Ideen, wie zum Beispiel das GROW-Modell, die SMART-Ziele, das lösungsorientierte Kurzzeit-Coaching, die vier Schritte der Gewaltfreien Kommunikation, das Wertequadrat, das Reflecting Team, die Denkhut-Methode nach Edward de Bono, das Tetralemma oder die Walt-Disney-Strategie etc. werden in dem Buch nicht nur vorgestellt, sondern so aufbereitet, dass man nach einer kurzen Lesezeit umgehend damit arbeiten kann. Für jedes Modell werden zunächst die Ziele sowie der Kontext benannt, in dem es zur Anwendung kommen kann. Nach einer theoretischen Einleitung, die stets sehr präzise, auf das Wesentliche reduziert und trotzdem leicht verständlich ist, folgt eine detaillierte Darstellung einer möglichen Umsetzung im Rahmen eines Workshops. Die einzelnen Artikel wurden von Trainern unterschiedlichster Ausrichtung bzw. facettenreicher Ausbildungen verfasst. Sie bestechen durch Praxisnähe und es wird beim Lesen spürbar, dass hinter jeder Aussage umfangreiche Erfahrungen stehen. Zeitschätzungen, die Dauer der einzelnen Übungen betreffend, sowie Visualisierungen (vor allem für Flipcharts) sind (gerade für den Einstieg) ebenso hilfreich wie die technischen Hinweise zu benötigten Materialien, Raumanforderungen, Ausstattung etc. Des Weiteren finden sich an vielen Stellen nützliche Querverweise, die eine problemlose Kombination verschiedener Modelle ermöglichen. Kurze Hinweise über die Biographie der entsprechenden Urheber sowie zu weiterführender Literatur runden die einzelnen Kapitel ab. Zudem stehen auf der Webseite des Verlags wieder etliche Arbeitsblätter zum kostenlosen Download bereit.

Obwohl ich beim ersten Durchsehen des Inhaltsverzeichnisses nur wenig entdecken konnte, was ich nicht kannte, hat es mich interessiert, wie die Inhalte von den Autoren aufbereitet wurden. Besonders gut gefallen haben mir die Erläuterungen zum Thema „Change“, wobei ich das Phasenmodell als schöne Wiederholung empfand und mir das SCARF-Modell gänzlich neu und somit eine tatsächliche Entdeckung für mich war, die ich nun in mein Portfolio integrieren werde. Auch die Aufbereitung der Themen „Team“ und „Führung“ haben mir teilweise sehr zugesagt. Die Darstellung des Inneren Teams in seiner Anwendung mit dem Riemann-Thomann-Kreuz war mir zwar schon lange bekannt, allerdings hatte ich den Sinn (anhand der Originalliteratur) ehrlich gesagt nie so hundertprozentig verstanden, was mir dank dieser kurzen Beschreibung nun aber gelungen ist. Eine gute Idee, die ich künftig sicher im Kontext verhaltenstherapeutischer Verfahren anwenden werde, ist die der STOPs, die im Zusammenhang mit dem Inner Game zur Sprache kommen. In den Abschnitten „Coaching“, „Stressmanagement“ und „Kreativität“ konnte ich zwar nichts Nützliches für meine Arbeit finden, was aber wohl vor allem daran liegt, dass mir die einzelnen Themen seit langer Zeit entweder sehr vertraut oder sogar bereits Teil meines Unterrichts sind. Inhaltlich hatte ich daran jedenfalls nichts auszusetzen. Beim Thema „Konfliktklärung“ war ich jedoch etwas überrascht über die Auswahl der Modelle. Das Wertequadrat und die Methode der Gewaltfreien Kommunikation sind m. E. grundlegende Werkzeuge. Weniger verständlich hingegen fand ich die Auflistung der Grundannahmen des NLP?! Aber gut, wer davon noch nie etwas gehört hat, findet hier sicher eine schöne Einführung. Nur die Zweckmäßigkeit im Rahmen einer „Konfliktklärung“ hat sich mir nicht so recht erschlossen. Da kenne ich deutlich wirkungsvollere Möglichkeiten, um die Verschiedenartigkeit von Sichtweisen zu erhellen. Auch die Grundhaltungen nach Berne sowie die sogenannten „Systemischen Gesetzmäßigkeiten“ würde ich im Rahmen meiner Arbeit wahrscheinlich eher beiläufig erwähnen (und tue dies auch), anstatt sie in der hier vorgeschlagenen Ausführlichkeit zu behandeln. Aber auch das ist Geschmackssache und hängt wohl sehr von den Zielen eines Trainings ab. Dass auch Bert Hellinger und das U-Modell von Otto Scharmer Platz in dem Buch finden, löste bei mir Stirnrunzeln aus. Meine Irritation konnte aber durch die ausgesprochen saubere und teilweise kritische Darstellung weitestgehend aufgelöst werden.

Fazit: Empfehlen kann ich dieses Buch jedem, der einen Einstieg in die grundlegenden Modelle sowie eine Hilfe zur konzeptionellen Gestaltung von Trainings sucht. Die klaren Vorgaben zur Struktur sowie die präzisen und dennoch knappen Erklärungen haben mir sehr gut gefallen. Auch fortgeschrittene bzw. erfahrene Trainer finden sicher die ein oder andere sinnvolle Ergänzung für ihren Handwerkskoffer, zumindest aber eine gelungene Auffrischung ihres (vielleicht längst verstaubten) Wissens. Das Buch lässt sich schnell lesen und inspiriert zum Ausprobieren so mancher darin enthaltener Idee.


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