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Schatz, ich will ein Buch von dir! - Der Bücherblog

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Die Bücherfreundinnen
Die Bücherfreundinnen
von Jo Platt
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

4.0 von 5 Sternen Leichte Unterhaltung - nicht mehr und nicht weniger, 6. Juni 2016
Rezension bezieht sich auf: Die Bücherfreundinnen (Taschenbuch)
***3,5 von 5 Sternen***

Über Jo Platts ersten Roman "Herz über Kopf" haben sich die Kritiker ja vor Begeisterung überschlagen. "Die Bücherfreundinnen" war allerdings mein erstes Buch dieser Autorin, und ich nehme es sowieso nicht allzu ernst, wenn Bücher bzw. Autoren so über den Klee gelobt werden. Dementsprechend hatte ich keine hochtrabenden Erwartungen an diesen Roman und konnte mich so ganz unvoreingenommen darauf einlassen.

In diesem Buch gibt es viele Figuren - zum Glück gab es eine Übersicht über die 6 Mitglieder des Buchclubs, denn es hat bei mir etwas gedauert, bis ich alle einordnen konnte. Einige der Buchclub-Mitglieder blieben eher Nebenfiguren. Was ok ist, denn bei so vielen Leuten wäre es einfach zuviel gewesen, wenn jeder eine eigene Storyline erhält.

Im Mittelpunkt steht ganz klar Alice, aus deren Sicht der Roman auch geschrieben ist. Sie war mir von Anfang an sympathisch. Alice ist so ein Mensch, den man sich gut als Freundin vorstellen kann. Wobei das nicht nur auf sie zutrifft...

Irgendwie tummeln sich in diesem Buch (fast) ausnahmslos die Sympathieträger. Auf der einen Seite ist das ganz schön, diese tollen Freundschaften und Beziehungen zu sehen, auf der anderen Seite ist es nicht gerade realistisch, dass eine solch große Gruppe verschiedener Menschen immer total homogen und megaharmonisch agiert und sich Neuzugänge problem- und nahtlos einfügen.

Alle Personen in diesem Roman - abgesehen von ein paar Typen, die Alice übel mitspielen - sind einfach nur nett. Ganz furchtbar nett. Wer hätte zum Beispiel nicht gerne einen jungen Chef, mit dem man auch nach Feierabend noch gerne einen trinken geht und der einem regelmäßig Gehaltserhöhungen aufdrängt, obwohl man der Meinung ist, dass man bereits eh schon viel zu üppig für die Arbeit, die man liebt, bezahlt wird?

Und alle sind selbstverständlich attraktiv. Ganz furchtbar attraktiv. Es wird ja auch oft genug erwähnt, wie attraktiv immer alle sind. Vor allem die Single-Männer, mit denen Alice befreundet ist, aber auch alle Single-Frauen. Käme es zu einer Verfilmung, könnte man die Figuren sehr gut mit perfekt aussehenden Hollywoodschauspielern besetzen.

Erfolgreich sind sie natürlich auch alle, zumindest haben alle Figuren erfüllende Jobs, wenn sie nicht gerade liebevolle Mütter und Ehefrauen sind, die ihren erfolgreichen Männern den Rücken stärken. Wenn man gerade nicht seinen Traumjob aktiv ausübt oder im Buchclub Bücher bespricht bzw. Wein trinkt, trifft man sich zum Essen und trinkt dabei noch mehr Wein. Und gibt es doch mal eine Krise (z. B. eine Ehekrise), löst sich diese auch bald wieder in Wohlgefallen auf. Das echte Leben eben!

Nicht falsch verstehen: Aus mir spricht nur der pure Neid. Ich habe mich zwischen Alice und ihren Freunden richtig wohlgefühlt und mir selbst so eine tolle Clique gewünscht. Und einen Traumjob und ein perfektes Aussehen. Es sei ihnen ja auch gegönnt, weil sie alle so nett sind! Aber ein paar mehr Macken, Ecken und Kanten hätte ich ganz schön und vor allem realistischer gefunden.

Im Klappentext wird herausgestellt, dass Jon der Witwer von Alices an Krebs gestorbener Freundin Lydia ist. Dies wird natürlich auch gerade zu Anfang der Geschichte und unter anderem durch Rückblenden (Z. B. wie Alice und Lydia sich kennenlernen, wie Lydia Jon ihren Freundinnen vorstellt, wie Alice von der Krebsdiagnose erfährt.) thematisiert, ist dann aber letztendlich doch kaum relevant für die Entwicklung der Geschichte. Die Rückblenden hören auch irgendwann abrupt auf. Wäre Jon kein Witwer gewesen und aus anderen, rein platonischen Gründen mit Alice und dem Buchclub befreundet gewesen, hätte die Story so auch funktioniert. Es ist ja nicht so, dass es die Variante "Beste Freundin verliebt sich in besten Freund" nicht schonmal gegeben hätte...

Schon beim Lesen des Klappentextes ist klar, wie der Haupthandlungsstrang verlaufen wird. Man sollte also nicht erwarten, dass man hier mit furchtbar vielen Überraschungen und unvorhersehbaren Wendungen beglückt wird. Die Paar-Kombinationen, die sich bis zum Happy End so bilden, sind für den Leser schnell vorhersehbar. Nur Alice war immer etwas begriffsstutzig, aber man muss ihr hier zu gute halten, dass sie ja auch zahlreiche platonische Beziehungen zu attraktiven Single-Männern unterhält und deshalb vielleicht auch einfach nicht so schnell Hintergedanken hat, wenn Single-Mann und Single-Frau aufeinandertreffen. Eigentlich fand ich das ganz angenehm. Und im Gegensatz zu manch anderen, etwas hohlen Chick Lit-Protagonistinnen fiel der Groschen dann ja doch noch meist relativ zeitnah.

Nach all der Kritik nun das Positive: Dieses Buch unterhält. Die Charaktere sind sympathisch und man fühlt sich wohl mit ihnen. Es passiert was, es ist zwar nicht immer furchtbar spannend oder überraschend, aber es ist kurzweilig, amüsant und manchmal auch emotional.

"Die Bücherfreundinnen" ist eigentlich so wie Alice und ihre Clique: Wirklich nett. Ich bin regelrecht durch die Seiten geflogen. Nicht unbedingt, weil ich das Buch vor lauter Spannung nicht mehr aus der Hand nehmen konnte, sondern weil es locker-luftig geschrieben ist und sich gut zum Abschalten eignet. Das großzügige Layout tat sicherlich noch sein Übriges.

Alles in Allem ist "Die Bücherfreundinnen" kurzweilige Unterhaltung für verregnete Tage auf der Couch oder auch die perfekte Urlaubslektüre am Strand. Ein Wohlfühlroman mit nicht allzu hohen Ansprüchen an den Leser. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.


Der Pfau: Roman
Der Pfau: Roman
von Isabel Bogdan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Teambuilding in den schottischen Highlands mit einigen Irrungen und Wirrungen, 2. Juni 2016
Rezension bezieht sich auf: Der Pfau: Roman (Gebundene Ausgabe)
Der Schreibstil ist eloquent und flüssig zu lesen. Anfangs fand ich es recht ungewohnt, dass in dem Buch keine wörtliche Rede vorkommt; es gibt tatsächlich nur die indirekte Rede. Entgegen meinen Erwartungen fand ich das aber nicht störend.

Der Humor dieses feinen Büchleins ist recht subtil. Ob es der typisch britische Humor ist, kann ich nicht beurteilen, da ich mit diesem eher selten in Berührung komme. Aber mir hat er gut gefallen, da er weder albern noch angestrengt wirkt.

Neben den liebenswürdigen Lord und Lady McIntosh mit den beiden ebenfalls sympathischen Hausangestellten Ryszard und Aileen sowie ihrem wilden Geflügel geht es hier vorrangig um die Gruppe Londoner Banker unter Leitung der toughen Liz. Die verschiedenen Charaktere werden gut skizziert, und es ist für jeden Liebhaber von Stereotypen was dabei. Zum Beispiel der Spaßvogel, der alles toll findet und die Teamaufgaben mit Elan angeht; der ewige Nörgler, der sich den Gruppenübungen verweigert; oder der freundliche, zurückhaltende, eher unscheinbare junge Kollege. Neben den Bankern gibt es noch die patente Köchin, die kulinarische Meisterwerke kreiert und bei Problemen zupackt, statt zaudert sowie die junge Psychologin, die bald feststellen muss, dass bei dieser inhomogenen Gruppe ein Teambuildingseminar nach Schema F nicht funktionieren wird. Gerade dieser Handlungsstrang ist am Amüsantesten zu lesen, vor allem wohl für Leute, die bereits selbst an solchen Seminaren teilnehmen mussten. Auch ich kam schon zweimal in den zweifelhaften Genuss und kannte die eine oder andere Szene, wenn auch in abgewandelter Form.

Im Endeffekt spielt der titelgebende Pfau eine untergeordnete Rolle, zumal er leider nicht bis zum Ende des Buches mitspielen darf. Er ist aber sozusagen Bindeglied zwischen den verschiedenen Gruppen (Besitzer, Angestellte, Gäste) und sorgt als roter Faden durch die Geschichte für viel Wirbel. Es gibt viele Missverständnisse, doch sind diese an und für sich nicht so schwerwiegend, dass sie eine Katastrophe heraufbeschwören könnten. So geht es eher um lustige, harmlose Irrungen und Wirrungen. Der große Knall oder das große Drama bleiben hier ebenso sehr aus wie große Emotionen. Eben very british unaufgeregt, was aber einen gewissen Charme hatte.

Alles in Allem ist „Der Pfau“ ein kurzweiliges, amüsantes Lesevergnügen, das nicht nur Großbritannien-Fans ansprechen dürfte. Isabel Bogdans Debüt als Romanautorin ist auf jeden Fall geglückt – und das, wo Pfauenfedern doch eigentlich Unglück bringen sollen!


Aron und der König der Kinder: Roman
Aron und der König der Kinder: Roman
von Jim Shepard
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

4.0 von 5 Sternen Das Leben im Warschauer Ghetto beklemmend und eindrücklich wiedergegeben, 5. Mai 2016
Der Roman ist aus Sicht des jungen Aron erzählt. Er ist ein kleiner Taugenichts, da er viel Blödsinn anstellt und seinen Eltern mehr Kummer als Freude bereitet. Im Ghetto wird er ein echter Überlebenskünstler und schließt sich mit Lutek, Boris, Adina und Zofia zu einer Schmugglerbande zusammen. Das Leben zwingt die Jugendlichen dazu, kriminell zu werden, jedoch hatte ich vor allem bei Boris und Lutek das Gefühl, dass hier bereits schon vor dem Einmarsch der Deutschen viel kriminelle Energie vorhanden war. Die beiden hatten kein Mitleid für irgendwen und hätten genauso gut auf die andere Seite, die der Täter, gepasst. Die Bande war mir deshalb auch von Anfang an umsympathisch.

Aron mochte ich anfänglich nicht. Er ist zwar nicht so herzlos wie Boris und Lutek, aber auch nicht wirklich sympathisch. Hierzu trug sicherlich auch der nüchterne Erzählstil bei, in dem er das entbehrungsreiche Leben und später auch die von ihm beobachteten Gräuel wie Erschießungen relativ emotionslos schildert. Dadurch werden die Agierenden und auch der Protagonist auf Distanz zum Leser gehalten. Erst als Aron ganz alleine ist und auf Korczak trifft, wirkt er viel verletzlicher und unschuldig wie das Kind, das er noch immer ist. Erst hier konnte mich die Geschichte abholen, vorher habe ich sie recht emotionslos heruntergelesen.

Die Geschichte gewinnt viel durch den Auftritt des Waisenhausleiters Korczak. Dieser ist eine faszinierende Persönlichkeit, die auch wirklich damals gelebt hat und nicht vom Autor erfunden wurde. Korczaks Hingabe für seine Waisenkinder war beeindruckend und rührend. So ging er mit den Kindern freiwillig ins Vernichtungslager und somit in den Tod, statt das Angebot anzunehmen und sich selbst zu retten.

Das Leben im Ghetto und die menschenunwürdigen Lebensumstände werden eindringlich und realistisch wiedergegeben und lösen beim Lesen Beklemmungen aus. Jegliche Menschlichkeit geht unter den Ghettobewohnern nach und nach verloren, Opfer werden Täter, es zählt das nackte Überleben, das Recht des Stärkeren. Man bekommt ein gutes Gefühl dafür, wie schlimm das Leben dort war, wie gefährlich, entbehrungsreich und menschenunwürdig.

Ich habe ja schon viele Bücher über den Holocaust gelesen, in der Regel Zeitzeugenberichte und Sachbücher, so dass die Erlebnisse von Aron und den jüdischen Bewohnern des Ghettos mich nicht mehr erschrecken konnten. Dennoch ist diese mehr oder weniger fiktive Geschichte beklemmend und erschütternd und ließ mich traurig zurück.


Hippokrates in der Hölle: Die Verbrechen der KZ-Ärzte
Hippokrates in der Hölle: Die Verbrechen der KZ-Ärzte
von Michel Cymes
  Broschiert
Preis: EUR 19,95

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erschütterndes und aufschlussreiches Werk über die Menschenversuche im Dritten Reich, 1. Mai 2016
Als ich die Anfrage erhielt, ob ich "Hippokrates aus der Hölle" gerne rezensieren möchte, musste ich erstmal überlegen, da es nach einer wirklich harten Lektüre klang. Da ich mich aber sehr für den Holocaust interessiere, siegten letztendlich Neugierde und Wissensdurst. Als das Buch dann ankam, habe ich mich ein paar Wochen vor der Lektüre gedrückt. Ich hatte Sorge, dass ich die ganzen Details darin zu eklig und unerträglich finden würde und mich durch das Buch regelrecht durchquälen musste, auch wenn ich schon so viele schlimme Sachen zu dem Thema gelesen habe.

Letztendlich war meine Sorge aber (zum größten Teil) unbegründet. Man kriegt hier natürlich abscheuliche Gräueltaten zu lesen, aber der Autor ist nicht so sensationslüstern, dass er hier genüsslich die ekligsten Details ausbreitet. Das muss er auch gar nicht, denn das, was man zu lesen bekommt, ist schon plastisch genug und reicht aus, um sich vorstellen zu können, wie furchtbar die damaligen Versuche für die Opfer sein mussten. Beziehungsweise - nein, eigentlich kann man sich das nicht vorstellen. Menschen, die in Eiswasser getaucht werden, bis sie an Erfrierungen sterben. Menschen, die innerlich verätzen. Menschen, die bei lebendigem Leibe und ohne Betäubung aufgeschnitten werden, damit man sich in Ruhe ihre Organe anschauen kann. Kann man sich sowas wirklich vorstellen?

Der Eid des Hippokrates besagt unter anderem, dass man als Mediziner alles zum Wohle des Patienten zu tun und zu unterlassen habe. Doch die Ärzte in den KZs haben diesen Eid mit Füßen getreten, auch wenn einige von ihnen glaubten, sie würden nicht dagegen verstoßen, denn ihre Versuche sollten ja letztendlich für den Erhalt und die schnellere Genesung der "Herrenrasse" dienen. Die "Versuchskaninchen" waren in ihren Augen keine Menschen, nur eine Unterrasse, die bestenfalls als Arbeitskraft diente.

Es werden verschiedene KZ-Ärzte und ihre Experimente vorgestellt, z. B. der auf Unterkühlungs- und Höhenversuche spezialisierte Sigmund Rascher, der "Schlächter von Mauthausen" Aribert Heim und natürlich der berühmte Auschwitz-"Todesengel" Josef Mengele, der an der Ankunftsrampe mit einem kurzen Blick darüber entschied, wer sofort ins Gas gehen musste. Später wollten sich die, die vor Gericht kamen, damit herausreden, sie hätten nur Befehle befolgt. Doch die Initiative der meisten Menschenversuche ging von den Ärzten selbst aus, und viele von ihnen führten nicht nur stoisch ihre Versuchsreihen durch, sondern fanden einen perfiden Gefallen daran, ihre Opfer zu quälen und Herr über Leben und Tod zu spielen. Auftraggeber war meist der SS-Funktionär Heinrich Himmler, der bereitwillig mit der Maxime "Nur zu, experimentieren Sie! Irgendetwas wird schon dabei herauskommen." die Todesurteile Tausender Menschen unterschrieb. Ironisch mutet es an, dass der große Tierfreund Hitler Tierversuche ab 1933 gesetzlich verbot und somit Medizinern dadurch noch ein weiteres Argument für Menschenversuche lieferte...

Umso schlimmer, dass die meisten der Verbrechterärzte letztendlich unbehelligt blieben. Einige begingen Selbstmord, andere wurden hingerichtet oder mussten Haftstrafen verbüßen. Nicht wenige konnten jedoch fliehen oder wurden gar freigesprochen und konnten sich ein neues Leben - oft als niedergelassene Ärzte! - aufbauen, etwas, das ihren Opfern nicht mehr möglich war. Und oft war es so, dass die Aliierten diese Verbrecher nicht bestraften, sondern selbst einstellten und von ihrem Wissen profitierten!

Doch nicht nur die einzelnen Mediziner tragen Schuld. Die Menschenversuche im Dritten Reich waren nicht (nur) die Werke Einzelner, sondern eines ganzen Systems. Universitäten und vor allem die Pharmaindustrie unterstützten ihre Kollegen. So verlangte z. B. die IG Farben, die unter anderem das in den Gaskammern verwendete Zyklon B herstellte, Menschenversuche mit den Krebserregern Rutenol und Acridin. Diese kosteten viele Häftlinge den Tod und brachten - wie ein Großteil der in diesem Buch vorgestellten Versuchsreihen - keinerlei brauchbare Ergebnisse.

Michel Cymes ist selbst Arzt und macht keinen Hehl aus seiner Verachtung und Abscheu für diese Bestien. Es ist immer wieder unfassbar, welche Gräueltaten im Dritten Reich (und auch darüber hinaus heute noch) begangen wurden, doch dass hier die Massenmörder Ärzte waren, die sich doch dem Schutz des Menschenlebens verschrieben haben, ist umso erschreckender. Cymes hat selbst beide Großväter in Auschwitz verloren, auch sie sind vermutlich damals die berühmte Selektionsrampe unter den Augen Mengeles entlanggegangen.

So ist der Autor ungleich vorbelasteter als ein normaler Leser wie ich, die weder Medizinerin ist noch Verwandte im 2. Weltkrieg verloren hat. Dadurch ist dieses Sachbuch nicht durch und durch nüchtern geschrieben, was aber dem lebendigen Schreibstil sicherlich zu Gute kommt und mir persönlich auch sympathisch war. Zudem verzichtet Cymes dankenswerterweise auf medizinisches Fachgeplänkel, so dass ich durch die Seiten förmlich durchgeflogen bin.

Ergänzt werden Cymes Ausführungen durch 21 Fotos und eine zweiseitige Bibliographie.

"Hippokrates in der Hölle" ist ein sehr interessantes und aufschlussreiches Werk über die Menschenversuche der KZ-Ärzte im Dritten Reich. Erschütternd, grausam und sicherlich nichts für Zartbesaitete, aber dennoch ein weiteres wichtiges Dokument über den Holocaust.


Norahib bikom heißt willkommen: Von ehrenamtlicher Flüchtlingshilfe, einer syrischen Familie und mir. Eine Freundschaftsgeschichte.
Norahib bikom heißt willkommen: Von ehrenamtlicher Flüchtlingshilfe, einer syrischen Familie und mir. Eine Freundschaftsgeschichte.
von Bettina Schuler
  Broschiert
Preis: EUR 14,95

4.0 von 5 Sternen Erfrischend ehrlicher Bericht einer Ehrenamtlichen, 27. April 2016
Die Flüchtlingskrise ist aktuell wie nie zuvor. Während die Politiker diskutieren, ohne handfeste Lösungen zu präsentieren, können Behörden und Sozialarbeiter das enorme Pensum kaum noch stemmen. Hier setzt die Arbeit der Ehrenamtlichen an.

Die Autorin stolpert regelrecht in ihr Ehrenamt und muss erst langsam hineinwachsen. Sie ist genauso unbedarft wie der Durchschnittsbürger, so dass ich mich gut mit ihr identifizieren konnte. Sie stellt sich simple Fragen, die wohl jeden beschäftigen, der sich überlegt, ein Ehrenamt zu übernehmen: Kann ich das? Was genau kann ich bieten, das von Nutzen ist? Habe ich überhaupt Zeit dafür? Werde ich das auch dauerhaft durchziehen?

Neben der Handlung, die episodenhaft erzählt wird, macht sich die Autorin viele Gedanken über ihr Ehrenamt und eine gelingende Integration von Flüchtlingen. Sie sieht sich mit vielen neuen Dingen konfrontiert und stößt manchmal auch an ihre Grenzen, z. B. wenn es um die Idiotie von gesetzlichen Regelungen oder die Sturheit mancher vorurteilsbehafteter Menschen geht. Manchmal fragte ich mich jedoch, ob die Autorin, die ja als Akademikerin und Journalistin sicherlich sehr belesen ist, wirklich so wenig Wissen zu manchen Themen hatte oder ob die vielen, regelrecht belehrenden Gespräche mit Anderen nur ein Stilmittel waren, um den Leser auf den gleichen Wissensstand zu holen.

Der Schreibstil ist - auch dank vieler Dialoge - lebendig und das Buch lässt sich wirklich angenehm und schnell lesen. Manche Kapitel hätte ich mir aber ein bisschen ausführlicher gewünscht. Trotz der ernsten Thematik ist das Buch nicht schwermütig, sondern durchaus auch humorvoll. Für die meisten Schmunzler hat bei mir wohl die 16jährige Arees gesorgt, die zwar eine anstrengende Flucht aus einem von Bürgerkrieg zerrütteten Land hinter sich hat, aber dennoch letztendlich vor allem eins ist: Ein Teenager auf der unermüdlichen Suche nach WLAN. Ich gebe zu, dass es mir bis dahin gar nicht in den Sinn kam, dass ein syrisches Mädchen als Emo herumläuft. Aber ja, warum eigentlich nicht?

Mein persönlicher Held war aber Bettinas Ehemann Karl. Er unterstützt das Engagement seiner Frau, nimmt Arwas Familie mit offenen Armen auf und agiert ein bisschen als kleines Engelchen auf der Schulter, das der Autorin immer dann den Spiegel vors Gesicht hält, wenn sie in ihrem Eifer auch mal unfair wird gegenüber anderen Ehrenamtlichen oder denen, die sich gar nicht engagieren. Oft muss Bettina einsehen, dass sie manchmal zu vorschnell urteilt und die Ansprüche, die sie an andere hat, selbst nicht (immer) erfüllen kann.

Wie der Untertitel bereits sagt, steht die Geschichte von Arwa und Bettina und ihrer besonderen Freundschaft im Mittelpunkt. Es werden zahlreiche Themen angesprochen, die mit der Flüchtlingskrise einhergehen, die aber aufgrund ihrer Komplexität hier nur oberflächlich behandelt werden können. Wer sich über die Thematik an sich informieren will, sollte besser (zusätzlich) zu einem Sachbuch greifen. "Norahib bikom" hat sicherlich nicht den Anspruch, umfassend über die Flüchtlingskrise aufzuklären, sondern ist ein Erfahrungsbericht, der unterhalten und Lust auf ein Ehrenamt machen soll. Und das tut er auch.


Woza Sisi: Die mutigen Frauen Afrikas
Woza Sisi: Die mutigen Frauen Afrikas
von Margit Maximilian
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

4.0 von 5 Sternen Frauenpower auf Afrikanisch!, 18. April 2016
Margit Maximilian ist ORF-Redakteurin und Afrika-Spezialistin. Ihr Plan, Powerfrauen aus Sub-Sahara-Afrika zu porträtieren, war kein leichtes Unterfangen. Reisehindernisse und Terminprobleme waren nur zwei der zahlreichen Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hatte. Deshalb mussten auch manche Porträts, die die Autorin geplant hatte, leider wegfallen. Schade, denn es gibt noch so viele interessante Frauen, über die ich gerne etwas gelesen hätte. Die 10 hier porträtierten Afrikanerinnen sind aber ein guter Querschnitt.

Die Autorin trifft diese Frauen direkt vor Ort ihres Wirkungskreises und begleitet sie ein paar Tage. Sie erzählt von diesen Begegnungen, porträtiert die Frauen, ihre Vergangenheit und ihr gegenwärtiges Tun, und liefert ggf. auch noch politische und geschichtliche Hintergründe.

Allen Frauen ist gemein, dass sie unermüdlich daran arbeiten, sich von den gängigen, teils mittelalterlichen Rollenbildern der afrikanischen Frau zu lösen und ihr Land vorwärts zu bringen. Dies tun sie auf ganz unterschiedliche Weise, im Kleinen oder im Großen.

Da ist z. B. die ehemalige "Miss Kibera" Winnie Akinyi (Kenia), die noch immer - obwohl sie es nicht mehr nötig hätte - in ihrem alten Slum lebt und Slumkindern die Schulausbildung finanziert. Oder Sylvia Tamale (Uganda), die Rechtsprofessorin und Feministin, die wegen ihrer Aufklärungsarbeit zur Sexualität afrikanischer Völker und ihrer Unterstützung gleichgeschlechtlicher Liebe sogar 2003 zur "schrecklichsten Frau des Jahres" gekürt wurde - neben einem fanatischen Rebellenführer und Massenmörder. Wirklich beeindruckend fand ich z. B. die Nonne Adriana Dwoki (Südsudan), die Schulen und Heime für Straßenkinder baut und ihnen ein neues Zuhause gibt, oder Martine de Souza, die in Dörfern über Kinderhandel aufklärt und selbst heimatlose Kinder aufnimmt.

Weniger anfangen konnte ich mit der Bildhauerin Reinata Sadimba (Mosambik), die zwar eine interessante Lebensgeschichte hat und mit ihren Kunstwerken weltweit berühmt wurde, die aber einzig für ihre Kunst lebt und sich sonst nicht weiter engagiert. Dann wird noch die bekannte Moderatorin und TV-Produzentin Mo Abudu vorgestellt, die vor allem eine Geschäftsfrau ist und ein sehr luxuriöses Leben führt. Man kann darüber streiten, ob diese Frauen so recht in die Reihe der "Kämpferinnen" passen, aber letztendlich sind die hier vorgestellten Afrikanerinnen alle recht unterschiedlich darin, wie sie wirken und leben. Egal, ob ihr Tun nur ein paar Menschen hilft oder weitere Kreise zieht, so sind sie alle faszinierende Persönlichkeiten, über die ich gerne gelesen habe. Nebenbei habe ich etwas mehr über Geschichte und Kultur der 10 afrikanischen Länder erfahren.

Margit Maximilian ist eine gute und kritische Beobachterin. Manchmal hat mir aber ein roter Faden in den Porträts gefehlt, es wurde viel zwischen Gegenwart (dem Treffen) und Vergangenheit oder politischen Begebenheiten hin- und hergesprungen. Auch waren die Treffen manchmal etwas unkoordiniert, was aber wohl einfach den Verhältnissen geschuldet ist. Außerdem hätte ich gerne weiterführende Informationen, z. B. Links zu den Projekten der Frauen oder Literatur zu den angesprochenen Themen, erhalten. Im Mittelteil finden sich einige Farbfotos, die den porträtierten Frauen auch ein Gesicht geben. Das finde ich bei einem solchen Buch sehr wichtig.

"Woza Sisi" ist ein informatives, spannendes Sachbuch über afrikanische Frauenpower. Die Lektüre macht auf jeden Fall nachdenklich, denn hier wird nicht nur die Unterdrückung afrikanischer Frauen thematisiert, sondern auch z. B. Menschenhandel, Armut oder die Ausbeutung Afrikas durch den Westen. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, woher diese Frauen die Kraft und den Willen haben, immer weiter zu machen. Das ist wirklich bewundernswert und ringt mir meinen größten Respekt ab. Außerdem ist mir wieder klar geworden, was für ein privilegiertes Leben ich in Deutschland führen darf. Schließen möchte ich mit diesem schönen Zitat:

"Die Menschheit ist ein Vogel mit zwei Flügeln. Ein Flügel ist weiblich, der andere männlich. Wenn nicht beide gleichermaßen entwickelt sind, dann wird die Menschheit nicht in der Lage sein, zu fliegen."


Willkommen in Night Vale
Willkommen in Night Vale
von Joseph Fink
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Ohne Hintergrundwissen verwirrend, ein wilder Ritt durch Absurdistan, 12. April 2016
Rezension bezieht sich auf: Willkommen in Night Vale (Gebundene Ausgabe)
~~~ 1,5 Sterne ~~~

Da ist dieses Buch. Es ist nicht anders als andere Bücher. Also, stellen Sie sich ein Buch vor. Andererseits ist es ganz anders als andere Bücher. Stellen Sie sich dieses Buch also noch einmal vor. Abgesehen davon, dass es zugleich anders und nicht anders als andere Bücher ist, ist es genau wie alle anderen Bücher. Hinsichtlich seiner Form ist es nicht anders als andere Bücher. Es hat eine buchähnliche Form. Würde man Leuten ein Bild von ihm zeigen, würden sie sagen, dass es sich definitiv um ein Buch handelt...

So kann man "Willkommen in Night Vale" in der ihm eigenen "Night Vale"-Manier beschreiben - oder auch nicht. Weitere Kostprobe gefällig?

>>> "Gestern Abend erinnerte der Stadtrat auf einer Pressekonferenz daran, dass der Dog Park ein Erholungsgebiet für die ganze Gemeinde ist, es ist also wichtig, dass ihn niemand betritt, ansieht oder an ihn denkt. Sie werden neuartige Kameras installieren, um die hohen schwarzen Mauern des Dog Parks ständig im Auge behalten zu können, und sollte jemand dabei erwischt werden, wie er reinzukommen versucht, wird er gezwungen werden, den Park zu betreten, und man wird nie wieder etwas von ihm hören. Sollten Sie vermummte Gestalten im Park sehen, dann haben Sie, nein, keine gesehen. Diese Gestalten stellen absolut keine Gefahr dar, und man sollte sich ihnen auf gar keinen Fall nähern. Die Mitglieder des Stadtrats schlossen ihre Pressekonferenz, indem sie mit ihren scharfen Zähnen und Reibeisenzungen eine rohe Kartoffel verschlangen. es gab keine weiteren Fragen, allerdings ein paar weitere Schreie." (S. 31) <<<

In dieser Art geht es auf fast 400 Seiten munter weiter. Bibliotheken sind lebensgefährliche Orte, in denen Bibliothekare ihre Besucher fressen. Engel sind Wesen, die offiziell nicht existieren dürfen und deshalb illegal untertauchen müssen. Sie sind geschlechtslos und heißen deshalb alle Erika. Die Protagonistin Jackie ist seit Jahrzehnten 19 Jahre alt und betreibt ein ominöses Pfandhaus. Die andere Protagonistin Diane hat einen Teenagersohn, der Gestaltenwandler ist und sich quasi minütlich in etwas Anderes verwandelt. Zusammen begeben sich die beiden Frauen auf die Suche nach einem komischen Mann in einem hellbraunen Jackett, der einen Hirschlederkoffer trägt und den jeder sofort wieder vergisst.

Das Buch ist einfach nur abgedreht. Im Endeffekt ergibt so ziemlich nichts Sinn, was man hier liest. Wer die Podcasts kennt und dadurch gegebenenfalls über Hintergrundwissen verfügt, hat vielleicht richtig Spaß mit dem Buch. Wer - so wie ich - völlig unbedarft an die Lektüre rangeht, könnte jedoch verstört sein. Das Ganze liest sich, als hätten die beiden Autoren während eines sehr langen Trips allerlei Fantasien zusammengepinselt, die in ihren Köpfen aufgeploppt sind. Und was das sein soll, erschließt sich mir leider nicht.

Die Personen und Kreaturen, die hier auftreten, sind einfach nur skurril und bleiben bis zum Schluss fremd. Ich vermisse Erklärungen und Auflösungen. Stattdessen ist es ein wilder Trip durch Absurdistan, der mich total überfordert hat. Habe ich zu wenig Fantasie, zu wenig Humor? Ich weiß es nicht.

Dennoch muss ich anerkennen: Es ist schon irgendwie beeindruckend, welche Ideen die Autoren so hatten. Nur leider kam ich damit nicht so richtig klar. Mehr als ein paar Seiten am Stück habe ich nie geschafft, dann hatte ich meist keine Lust mehr. "Willkommen in Night Vale" ist wohl ein Buch, das man entweder liebt oder hasst, und welches vielleicht eher einen kleinen, exklusiven Leserkreis bedient. Ich habe mich leider von den vielen positiven Stimmen blenden lassen, die mich glauben ließen, dass "Night Vale" ein genialer Roman sein soll..

Den 1. Stern erhält das Buch für den wirklich beeindruckenden Sprachstil, der trotz aller Skurrilitäten und Absurditäten eine gewisse Raffinesse hat. Und einen halben Stern gibt es noch dafür, dass ich einfach die falsche Zielgruppe war und mich wohl besser hätte informieren müssen, bevor ich zugriff. Wer die Podcasts bzw. total absurde Geschichten mag und sich voll und ganz auf "Night Vale" und seine schrägen Einwohner einlassen kann, hat ja aber vielleicht Freude an der Lektüre. Ich persönlich habe mich durch "Night Vale" richtig quälen müssen und dabei gelernt, dass man sich nicht von guter Werbung verleiten lassen sollte.


Nichts ist wahr und alles ist möglich: Abenteuer in Putins Russland
Nichts ist wahr und alles ist möglich: Abenteuer in Putins Russland
von Peter Pomerantsev
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,99

3.0 von 5 Sternen Gut recherchiert, aber etwas langatmig - zeichnet ein sehr düsteres Bild von Russland, 10. April 2016
Peter Pomerantsev lebt in London, ist aber selbst russischstämmig. Als TV-Produzent hat er neun Jahre lang in Moskau gelebt und gearbeitet und dort den täglichen Wahnsinn miterlebt, bevor er wieder in den Westen zurückkehrte, weil er die Propagandamaschinerie nicht mehr ertrug. In seinen Erzählungen begegnet der Autor Neureichen, Kriminellen, neureichen Kriminellen, kriminellen Neureichen, und natürlich geldgeilen Gold Diggern - jungen Frauen, die nichts anderes tun, als reichen Männern ("Forbes") aufzulauern.

Diejenigen, die nicht zu den Reichen und Mächtigen gehören, gehen in dem korrupten System komplett unter. Da werden Unschuldige für absolut lächerliche Vergehen in Nacht- und Nebelaktionen ins Gefängnis geworfen und kommen nicht durch faire Verfahren, sondern nur durch Schmiergeld wieder raus - wenn überhaupt.

Was man hier über Russland lernt, ist schockierend und entmutigend. Die Macht des Kremls ist noch größer, als ich mir das vorgestellt hatte. Die meiste Zeit habe ich den Kopf geschüttelt oder mich gefragt, wie das alles möglich ist - ja, der Titel verspricht tatsächlich nicht zu viel.

Pomerantsevs Ausführungen sind kritisch und investigativ, er greift auf eigene Erlebnisse zurück und ergänzt diese mit - so weit ich das beurteilen kann - gut recherchierten Fakten. Der Schreibstil ist eloquent, anspruchsvoll und lässt sich gut lesen. Aber irgendwie hat mir etwas gefehlt. Das Buch hat mich nicht wirklich vom Hocker gerissen. Manche Geschichten, vor allem die Einzelschicksale, waren ganz interessant, aber es gab doch leider viele Stellen, die ich langweilig fand. Ich habe ziemlich lange für die Lektüre gebraucht, da mich die teils langatmigen Ausführungen zu Politik, Architektur oder Infrastruktur Russlands nicht begeistern konnten und ich das Buch öfter zur Seite legte.

Außerdem hat es mich auch stellenweise regelrecht ermüdet, all die negativen Dinge über Russland zu lesen. Ich schätze, ich hatte einfach etwas Anderes erwartet. Aufgrund des Covers dachte ich, dass die Erzählungen zumindest teilweise amüsant sind - das ist allerdings nicht der Fall. Man könnte meinen, es gibt nichts Liebenswertes an diesem Land, was ich etwas schade finde, ist doch der Autor selbst Sohn von Russen, mit einer Moskowiterin verheiratet und reist regelmäßig mit seiner Tochter in ihre zweite Heimat. Aber Russland wird hier ausnahmslos als Land voller Korruption, Kriminalität und Kreml-gesteuerter Marionetten gezeichnet, das seine eigenen Kinder auffrisst. In diesem Länderporträt gibt es nichts, das mich dazu bringen würde, Russland jemals in meinem Leben besuchen zu wollen.

"Nichts ist wahr und alles ist möglich" ist für Russland-Interessierte und Kreml-/Putin-Kritiker sicherlich eine sehr spannende Lektüre. Mich hat das Buch leider ziemlich gelangweilt und mit einem sehr negativen Russland-Bild zurückgelassen. Immerhin weiß ich nach dieser Lektüre wieder sehr zu schätzen, dass ich in einem Land lebe, in dem Grundrechte noch etwas wert sind.


Das letzte Nashorn: Roman
Das letzte Nashorn: Roman
von Lodewijk van Oord
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

5.0 von 5 Sternen Heiter-tragischer Roman um eine aussterbende Spezies - regt zum Nachdenken an, 7. April 2016
Rezension bezieht sich auf: Das letzte Nashorn: Roman (Gebundene Ausgabe)
Der Roman um Albrecht & Co. spielt in einem Zeitraum von insgesamt vier Jahren. Da es keine konkreten Datumsangaben gibt, bleibt es offen, ob wir uns hier in der Gegenwart oder (nahen) Zukunft befinden. Es gibt ja durchaus noch Nashörner auf der Welt, aber wenn man mal nachforscht, so findet man schnell heraus, dass viele Nashornarten bereits ausgestorben sind und der Fortbestand dieses wunderschönen Tieres in Gefahr ist. Schuld daran sind vor allem Wilderer, die die Tiere wegen ihres wertvollen Hornes töten.

Die Geschichte wird abwechselnd aus drei Perspektiven erzählt: Neben dem ehrgeizigen Zoodirektor Edo Morell kommen auch die Tierschützerin Sariah Malan und der betagte Vorsitzende des Zoovorstandes, Frank Rida, zu Wort. Die drei Protagonisten wechseln sich pro Kapitel der Reihe nach ab. Trotzdem hat es bei mir manchmal schon ein bis zwei Seiten gedauert, bis mir anhand des Kontextes klar war, wer nun erzählt. Hier hätte ich mir vielleicht einen kleinen Verweis auf den aktuellen Erzähler gewünscht (z. B. in der Überschrift). Aber das nur am Rande.

Die verschiedenen Perspektiven machen die Geschichte noch spannender, als sie ohnehin ist. An und für sich waren mir alle drei Figuren recht sympathisch, aber Edo hat bei mir ambivalente Gefühle ausgelöst. Auf der einen Seite ist ihm sehr an dem Fortbestand der Nashörner gelegen und auch an dem Wohlergehen der anderen Zootiere. Doch mit der Zeit lernt man, dass es ihm hier vor allem um eine gelungene Präsentation nach außen geht. Denn nur, wenn die Besucher den Eindruck haben, den Tieren geht es gut, werden sie auch wiederkommen. Auch wenn Edo durchaus eine gewisse Verbundenheit zu "seinen" Tieren spürt, so ist ein gelungenes Marketing und die Unterhaltung der Besucher für ihn immer vorrangig, er betrachtet die Tiere als Mittel zum Zweck.

Sariah hingegen liebt Tiere über alles, und eigentlich findet sie es grausam, sie in Käfige zu sperren und auszustellen. Auf Edos Projekt lässt sie sich nur ein, da sie einsieht, dass das Nashorn in der Wildnis keine Überlebenschance mehr hat. Vielleicht gelingt es ja tatsächlich, diese Spezies zumindest in Gefangenschaft vor dem Aussterben zu bewahren. Umso tragischer, dass die Wilderer nun mittlerweile sogar schon ihre Wege in Zoos gefunden haben...

Zwischen Edo und Sariah entspinnt sich eine zarte Liebesgeschichte, die jedoch unter ihren häufigen Meinungsverschiedenheiten leidet. Die Storyline zwischen den beiden wird aber eher in den Hintergrund gerückt, hier steht wirklich Nashon Albrecht im Mittelpunkt.

Frank ist ein gutmütiger, gebildeter Herr, der für Edo väterliche Gefühle hegt und ihn deswegen uneingeschränkt in seinem Vorhaben unterstützt. Als Kunsthistoriker beschäftigt er sich viel mit der Vergangenheit und bietet dem Leser historische Fakten, vor allem aus der Kunstwelt, über das Nashorn. Dies war teilweise interessant, zuweilen aber auch etwas langweilig. Da Frank sich auch mit Sariah gut versteht, steht er oft zwischen den Stühlen.

Der Schreibstil ist lebendig, mit vielen Dialogen. Die Geschichte ist eine Mischung aus heiter und tragisch und hat mit dem Thema "Bedrohte Tierarten" einen sehr ernsten Hintergrund. Dadurch, dass die Nashörner Namen haben, werden sie - zumindest empfand ich es als Leserin so - vermenschlicht, und das macht das Ganze nur noch tragischer, als es sowieso schon ist. Ich habe öfter Seufzer des Bedauerns und der Enttäuschung von mir gegeben, das Schicksal von Albrecht und seinen Artgenossen ließ mich nicht kalt. Ich verrate nicht, ob die Nashörner am Ende aussterben, aber sagen wir so: Das Ende ist sehr realistisch.

Dank Edo lernt man viel über Marketing und Eventmanagement. Seine Ideen sind einerseits tatsächlich erstaunlich kreativ und wirkungsvoll, andererseits überschreiten sie irgendwann auch eine Grenze. Gerade auf den letzten Seiten wurde ich als Leserin mitten hineingezogen in die Gewissenskonflikte der Protagonisten. Wir müssen Tiere anständig behandeln, ihr Überleben sichern - aber dürfen wir aus ihnen Menschen machen? Stört es Tiere überhaupt, wenn ihre Art ausstirbt? Trauern sie um ihre Artgenossen, oder ist es ihnen nur wichtig, dass sie ihre Triebe befriedigen können? Ist das Aussterben von Tierarten nicht seit jeher gängig und gehört einfach zum natürlichen Prozess? Sollten wir aussterbende Tierarten in Ruhe ihre letzte Zeit auf Erden verbringen lassen, oder sollten wir sie herumreichen wie einen Superstar und den Menschen noch einmal die Gelegenheit geben, die letzten lebenden Exemplare aus der Nähe betrachten zu können?

Das Buch regt zum Nachdenken an. Darüber, wie wir Menschen mit Tieren umgehen. Darüber, wie man Zoos betrachten soll. Manche Leute gehen gerne hin, da sie sie als einzige Möglichkeit sehen, bestimmte Tiere aus nächster Nähe bewundern zu können. Manche Leute wiederum meiden Zoos, da sie es nicht ertragen können, wie die Tiere dort eingesperrt sind. Ich bin hin- und hergerissen, und auch in diesem Buch werden verschiedene Sichtweisen dargestellt, die alle für sich eine Daseinsberechtigung haben.

Ich habe "Das letzte Nashorn" in einem Rutsch gelesen, und Albrechts Schicksal hat mich berührt, auch wenn es - vorerst - nur fiktiv war. Ich lege das Buch vor allem - aber nicht nur! - denen ans Herz, die sich für Tiere und bedrohte Arten interessieren.


Uebel unterwegs: Skurriles und Bemerkenswertes vom Landweg Hamburg-Shanghai
Uebel unterwegs: Skurriles und Bemerkenswertes vom Landweg Hamburg-Shanghai
von Tina Uebel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

5.0 von 5 Sternen Mit Humor und Mut durch die Welt, 27. März 2016
Tina Uebel ist ein richtiges Allround-Talent. Sie schreibt nicht nur Romane und Reisebücher und bloggt, sondern ist auch noch unter anderem Clubbesitzerin auf St. Pauli und Poetry-Slam-Organisatorin.

Ihr Repertoire an Expeditionen ist beeindruckend und weit entfernt vom üblichen Pauschaltourismus. Kein noch so exotisches Land ist vor ihr sicher, egal, wie anstrengend und abenteuerlich der Reiseweg auch sein mag. Als sie ein Schriftsteller-Stipendium in Shanghai erhält, setzt sich Tina Uebel deshalb auch nicht einfach in ein Flugzeug und fliegt direkt nach China - nein, sie will die komplette Strecke auf dem Landweg zurücklegen. Und das tut sie auch trotz aller Widrigkeiten!

Uebels Reiseerlebnisse wurde damals im Jahr 2010 online in Blogform veröffentlicht. Wieso es fast 6 Jahre gedauert hat, bis er nun auch in Buchform vorliegt, weiß ich nicht. Manche der Gegebenheiten, die die Autorin vor Ort vorgefunden hat, mögen sich in manchen Ländern wohl mittlerweile geändert haben (Infrastruktur, Politik,...), aber das muss den Lesespaß ja nicht trüben.

Uebels Schreibstil ist eloquent und mit viel Humor gespickt. Er bietet teilweise eine regelrechte Sprachexplosion ganz im Stil des Poetry Slams und ist sehr bildhaft.

ZITAT: "Mir ist zu heiß, ich bin zu durstig, alles ist zu unbequem und ich bin happy. Wie ich hier sitze, kurz vor der letzten Kontrolle, die mich nach Usbekistan bringen wird. Seht mich auf Google Earth, zoomt immer näher ran von der Gesamtansicht unseres runden Planeten, da, das Kreatürchen auf dem Kantstein zwischen Turkmenistan und Usbekistan, das bin ich, trotz starker Verstaubung und detailschwacher Auflösung sollte man erkennen, wie gut es mir geht. Einen Moment wie diesen will ich mir in Gießharz gießen. Als Briefbeschwerer für lausige Tage." (S. 116)

In Tagebucheinträgen bereist man mit der Autorin also sieben Länder von Bulgarien nach China, und hier gilt: Der Weg ist das Ziel. Uebel ist mutig und geht unbekümmert und vorurteilsfrei auf fremde Kulturen und Menschen zu. Ihr vorrangiges Interesse gilt nicht den Landschaften und Sehenswürdigkeiten, sondern den Leuten, die ihre Wege kreuzen. Und tatsächlich sind vor allem die Gespräche mit Mitreisenden und Einheimischen oft das Spannendste an ihren Reiseepisoden.

Mit der Autorin reist der Leser entspannt durch die noch so irrwitzigsten Situationen. Sie versprüht auch in Situationen, in denen ich bereits heulend und fauchend die Reise abbrechen würde, einen bewundernswerten "Hakuna Matata"-Charme. Hilfreich ist sicherlich nicht nur ihre unbändige Lust auf Neues, sondern auch eine gehörige Portion Humor. Trotz der frechen Art, in der sie von ihrer Reise berichtet, ist sie voller Respekt und Ehrfurcht vor den Ländern, Menschen und Kulturen, die sie kennenlernen darf. Bereits im Vorwort blieb ich an folgenden weisen Worten hängen:

ZITAT: "Ich denke, Freiheit ist, wahrscheinlich, wie Licht. Man bemerkt sie erst in ihrer Abwesenheit. Ich denke, wüssten wir, wie glücklich wir sind, wir ertaubten unter dem permanenten ohrenbetäubenden Jubelgeschrei, das durchs Land gellte. Aber was weiß ich schon, ich denke, ich weiß nicht viel, deshalb reise ich, in der Hoffnung, vielleicht ein klein bisschen weniger dumm zurückzukehren. Ich kann reisen, ich habe den Pass, es zu tun, und gedenke davon ausgiebig Gebrauch zu machen, in Demut und Dankbarkeit, in einer unermesslich großen Welt, die sich in bloß sieben Wochen per Bahn schon halb durchqueren lässt."

Dank Tina Uebel durfte ich neue, teilweise mir bislang unbekannte Länder bereisen und interessante Menschen kennenlernen. Ich kann ihre lebendigen, bildreichen und witzigen Reiseberichte wärmstens empfehlen.


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