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Rezensionen verfasst von
Sebastian Kerkhoff "cyranodecorveau" (Montréal)
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Ric Flair: To Be the Man (WWE)
Ric Flair: To Be the Man (WWE)
von Ric Flair
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,82

11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Gelungen - aber mit Schwächen., 3. Oktober 2006
Rezension bezieht sich auf: Ric Flair: To Be the Man (WWE) (Taschenbuch)
Eine Einleitung über Ric Flair kann ich mir an dieser Stelle sicherlich sparen. Wer Ric Flair nicht kennt wird sich ohnehin kaum für dieses Buch interessieren. Um es kurz zu machen: Ric Flair debütierte im Jahre 1972 und ist heute noch aktiv. In der Zwischenzeit gewann er so ziemlich jeden Titel, den es ist in der (US-amerikanischen) Wrestlingwelt zu gewinnen gibt und gilt für viele Fans als der beste Worker aller Zeiten (Alle eingefleischten Fans mögen mir die folgende Erklärung verzeihen: Mit "worken" meint man in diesem Zusammenhang die Ausführung des sportlichen Teils des Wrestlings im Ring).

Mit 55 Jahren entschied er sich, seinen Werdegang als Wrestler in einem Buch niederzuschreiben. Da Ric Flar zu diesem Zeitpunkt bereits 32 Jahre aktiv war, liest man mit seiner Geschichte gleichsam die Geschichte des modernen Wrestlings. Die Entwicklung des Wrestlings aus den Augen eines des besten und erfolgreichen Wrestlers aller Zeiten - das klingt nicht nur interessant, sondern das ist es auch. Es ist die stärkste Seite des Buches.

Ebenfalls interessant, wenn auch durchaus umstritten, sind die Äußerungen Flairs über sein sportlichen Zeitgenossen. Ric äußert sich über Hogan, Foley, Hart, Triple H, Shawn Michaels, Kurt Angle und viele weitere. Nicht immer positiv und, wie mancher finden mag, nicht immer fair. Aber lesenswert ist es. Auch, weil es viel über Flair selbst erzählt. Und auch hier: Sicherlich nicht immer positiv.

Kommen wir aber zu den im Titel angekündigten Schwächen des Buches: Es ist nicht der Schreibstil (der ist in Ordnung) und es gibt auch keine, wie man durch den Titel ("To be the man") vermuten könnte, Selbstglorifizierung des 16maligen World Champions (Flair ist zum Teil durchaus selbstkritisch). Es ist der Umstand, dass man dem Buch zu sehr anmerkt, dass Flair Angestellter der WWE ist. So lobt er Vince MacMahon über alle Maßen und preist das Produkt und die Historie der WWE (früher WWF) in grenzenlosen Dimensionen an. Und leider tritt dies nicht nur einmal im Buch auf sondern an vielen Stellen. Flair mag eine positive Meinung von Vince MacMahon und seinem Produkt haben und natürlich darf er eine solche auch in seinem Buch darlegen - aber derartig übertriebene Lobeshymnen, wie hier auf den Besitzer der WWE und sein Produkt niederregnen, können nicht ernst genommen werden. Und das sollten sie auch nicht.

Das schadet dem Buch. Aber nicht derart, dass die Geschichte von Ric Flair nicht immer noch höchst lesenswert wäre. Für Wrestlingfans, die Ric Flair auch nur halbwegs etwas abgewinnen können, sicherlich ein Muss. Und für solche auch empfehlenswert.


The Curious Incident of the Dog in the Night-Time: A Novel
The Curious Incident of the Dog in the Night-Time: A Novel
von Mark Haddon
  Taschenbuch

159 von 163 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Triumph, 19. September 2006
Der in Oxford lebende Mark Haddon hat mit diesem Buch ein kleines Meisterwerk geschaffen. Die Geschichte ist aus der Sicht des 15jährigen Jungen Christopher geschrieben, der aufgrund seiner autistischen Veranlagung zwar sehr gut in Mathe und Physik ist, jedes Land der Welt inkl. Hauptstadt kennt und ein sehr gutes Erinnerungsvermögen hat, aber nicht fähig ist, menschliche Emotionen zu verstehen. Dieser Junge findet eines Tages den Hund der Nachbarin getötet vor und beschließt, diesen "Kriminalfall" aufzuklären und darüber dieses Buch zu schreiben.

Das Buch ist in kleine Kapitel eingteilt. Die ersten fünf Kapitel sind jedoch nicht die Kapitel 1,2,3,4,5 usw. sondern die Kapitel 2,3,5,7,11 - denn Christopher mag Primzahlen. Es sind diese Details, die das Buch nicht nur interessant, sondern höchst originell und zu Teilen sehr amüsant machen. Man sollte jedoch nicht glauben, dass es sich um ein ausschließlich lustiges Buch handelt. Die Gedankengänge Christophers sind nämlich keineswegs ausschließlich erheiternd oder leicht zu verdauen. So offenbart der Junge, dass es einer seiner schönsten Träume ist, sich vorzustellen, dass alle Menschen auf der Welt außer ihm tot wären (inkl. seiner Elern). Dann würde ihn niemand mehr etwas fragen und es wäre nicht alles voller Menschen - denn Christopher hasst Menschenmengen. Sein autistisch bedinger und oft schockierend bedingungsloser Egoismus ist ein ebenso prägendes Element wie seine Ausführungen über mathematische Probleme und auf puren Fakten basierenden Schlussfolgerungen.

Ironisch genug: Das Buch, das aus der Sicht eines Jungen geschrieben ist, der nicht fähig ist, Emotionen wahrzunehmen, ist in höchsten Maße emotional. Es belustigt, belehrt und schockiert den Leser gleichermaßen.

Nach 221 Seiten versteht man die Welt eines autistischen Jungen. Man begreift, wie er denkt, wie er fühlt. Und ein größeres Kompliment kann man Haddon nicht geben. Dieses Buch erinnert eindrucksvoll daran, dass das Leben nicht durch die Aufaddierung von Fakten beschrieben werden kann.

Uneingeschränkt empfehlenswert.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 17, 2012 11:17 PM CET


Du und Wieviel Von Deinen Freunden
Du und Wieviel Von Deinen Freunden
Preis: EUR 16,99

27 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Goodbye Endorphin!, 20. Juli 2003
Rezension bezieht sich auf: Du und Wieviel Von Deinen Freunden (Audio CD)
1999 veröffentlichte die deutsche Punk Band "But Alive" ihr letztes Album "Hallo Endorphin" und schlugen damit erstmals deutlich poppigere Töne an. Zwei Jahre später gründet Bandleader Marcus Wiebusch mit Schlagzeuger Frank Tirado-Rosales und drei neuen Bandmitgliedern (Erik Langer, Lars Wiebusch und Reimer Bustorff - die Namen müssen schon sein) "Kettcar" und führt diese Entwicklung mit "Du und wieviel von Deinen Freunden?" zu Ende.
Vom Punk hat man sich verabschiedet. Nicht jedoch, von dem textlichen Einfallsreichtum, den bereits But Alive (die von Visions übrigens mit dem zweifalhaften Kompliment gewürdigt wurden, die "Oasis des Deutschpunks" zu sein) ausgezeichnet hat. Niemals pseudointellektuell, doch stets clever und originell. Da ist es kein Wunder, dass wir auf Kettcars Angebot "und du kannst ja gehen und wir sagen dir dann, wie's war" im Opener "Volle Distanz" nicht eingehen und weiter zuhören. Denn trotz textlicher Abstraktion verdrehen wir niemals die Augen. Nicht, wenn sich Wiebusch zu Beginn von "Ladungsbrücken raus" fragt: "Wollt ich leben und sterben wie ein Toastbrot im Regen?" und auch nicht, wenn er in "Hiersein" berichtet: "ich hör wie die Butter in der Pfanne applaudiert". Also eben doch: "Wir bleiben bis zum Schluß" wird in der Schlusnummer "Ich danke der Acadmey" richtig diagnostiziert.
Zwischendurch werden wir zum Lachen gebracht und zu Tränen gerührt. "Beim Lachen erwischt" - wie wahr. Und wenn jetzt schon rezensiert wird, als wäre dies ein Text auf Plattentest online, können wir sie auch gleich einmal zu Wort kommen lassen. Denn, egal, ob Kattcar nun den verbitterten Mann vom "Balkon gegenüber" bedauern oder "Jenseits der Bikinilinie" sich selbst, Plattentest online diagnositiert richtig: Am liebsten möchte man die Boxen umarmen.
Am meisten vielleicht bei der potentiellen Genreationshymne "Im Taxi weinen". Einen Text über eine Trennung zu schreiben ist in der Musikwelt keine neue Idee, aber selten wird dabei so viel Weisheit verarbeitet. "Es ist auch nur die Angst, die bellt, wenn ein Königreich zerfällt in ziemlich genau zwei gleich grosse Teile." und "Und wer hält was er verspricht, wenn er nicht glaubt was er sagt? Ich hab zuerst gefragt!". Wir wollen ja nicht die gleichen Stellen bewundern, die die anderen Kritiken schon als Beleg verwendet haben.
Und all diese Texte, die ganze Poeseialben füllen könnten sind umgeben von der Musik. Natürlich. Weitab von Punk, das haben wir schon geklärt. Doch was dann eigentlich? Pop? Sicher. Das muss wohl ausreichen, will man sich nicht an den verkrampften Versuchen beteiligen, Begriffe wie "German Emo" einzuführen. "Deutschrock" - meinetwegen. Vielleicht auch, für die Schubladenfanatiker unter uns "elektronisch angehauchter Deutschrock mit Lounge-Einflüssen". Ja, ich stimme zu: Belassen wir es bei Pop.
Viel entscheidender ist auch, dass diese Musik genau den passenden Rahmen für die nun ausreichend bewunderten Texte bildet. Das wäre schon Kompliment genug. Kettcars Harmonien sind zwar einfach und sie stellen keinen Musikwissenschaftler vor eine analytische Lebensaufgabe, aber sie klingen leicht, unbeschwert und berühren. Und da will man sich gleich noch fester an die Box klammern und sie bis zum letzten Ton von "Ich danke der Academy" nicht mehr loslassen. Kein Wunder, denn während Kettcar leichtfüßig zwischen schleppenden Balladen und beherzten Rock-Pop-Hmynen pendeln als hätten sie nie etwas anderes getan, bricht die Atmosphäre niemals ab. Eine Atmosphäre, die irgendwo zwischen Fröhlichkeit und Depression anzusiedeln ist und die, werden wir zum Ende hin doch ruhig ein bisschen kitschig, sich einfach lebendig anfühlt..
Und somit ist das Instrumentale sicherlich sehr simpel gehalten und nach bereits wenigen Durchläufen der CD gibt es musikalisch nichts mehr zu entdecken. Doch wen wird das stören, wenn er dafür derart schönen Melodien und Texten lauschen darf und zum ersten Mal seit Ewigkeiten das Gefühl hat, als wäre diese Platte speziell für sein persönliches Lebensgefühl aufgenommen worden? Meine Butter jedenfalls spendet tosenden Applaus.


Du und Wieviel Von Deinen Freunden
Du und Wieviel Von Deinen Freunden
Preis: EUR 16,99

45 von 46 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die unglaubliche Leichtigkeit des Hierseins, 12. Juli 2003
Rezension bezieht sich auf: Du und Wieviel Von Deinen Freunden (Audio CD)
1999 veröffentlichte die deutsche Punk Band "But Alive" ihr letztes Album "Hallo Endorphin" und schlugen damit erstmals deutlich poppigere Töne an. Zwei Jahre später gründet Bandleader Marcus Wiebusch mit Schlagzeuger Frank Tirado-Rosales und drei neuen Bandmitgliedern (Erik Langer, Lars Wiebusch und Reimer Bustorff - die Namen müssen schon sein) "Kettcar" und führt diese Entwicklung mit "Du und wieviel von Deinen Freunden?" zu Ende.
Vom Punk hat man sich verabschiedet. Nicht jedoch, von dem textlichen Einfallsreichtum, den bereits But Alive (die von Visions übrigens mit dem zweifalhaften Kompliment gewürdigt wurden, die "Oasis des Deutschpunks" zu sein) ausgezeichnet hat. Niemals pseudointellektuell, doch stets clever und originell. Da ist es kein Wunder, dass wir auf Kettcars Angebot "und du kannst ja gehen und wir sagen dir dann, wie's war" im Opener "Volle Distanz" nicht eingehen und weiter zuhören. Denn trotz textlicher Abstraktion verdrehen wir niemals die Augen. Nicht, wenn sich Wiebusch zu Beginn von "Ladungsbrücken raus" fragt: "Wollt ich leben und sterben wie ein Toastbrot im Regen?" und auch nicht, wenn er in "Hiersein" berichtet: "ich hör wie die Butter in der Pfanne applaudiert". Also eben doch: "Wir bleiben bis zum Schluß" wird in der Schlusnummer "Ich danke der Acadmey" richtig diagnostiziert.
Zwischendurch werden wir zum Lachen gebracht und zu Tränen gerührt. "Beim Lachen erwischt" - wie wahr. Und wenn jetzt schon rezensiert wird, als wäre dies ein Text auf Plattentest online, können wir sie auch gleich einmal zu Wort kommen lassen. Denn, egal, ob Kattcar nun den verbitterten Mann vom "Balkon gegenüber" bedauern oder "Jenseits der Bikinilinie" sich selbst, Plattentest online diagnositiert richtig: Am liebsten möchte man die Boxen umarmen.
Am meisten vielleicht bei der potentiellen Genreationshymne "Im Taxi weinen". Einen Text über eine Trennung zu schreiben ist in der Musikwelt keine neue Idee, aber selten wird dabei so viel Weisheit verarbeitet. "Es ist auch nur die Angst, die bellt, wenn ein Königreich zerfällt in ziemlich genau zwei gleich grosse Teile." und "Und wer hält was er verspricht, wenn er nicht glaubt was er sagt? Ich hab zuerst gefragt!". Wir wollen ja nicht die gleichen Stellen bewundern, die die anderen Kritiken schon als Beleg verwendet haben.
Und all diese Texte, die ganze Poeseialben füllen könnten sind umgeben von der Musik. Natürlich. Weitab von Punk, das haben wir schon geklärt. Doch was dann eigentlich? Pop? Sicher. Das muss wohl ausreichen, will man sich nicht an den verkrampften Versuchen beteiligen, Begriffe wie "German Emo" einzuführen. "Deutschrock" - meinetwegen. Vielleicht auch, für die Schubladenfanatiker unter uns "elektronisch angehauchter Deutschrock mit Lounge-Einflüssen". Ja, ich stimme zu: Belassen wir es bei Pop.
Viel entscheidender ist auch, dass diese Musik genau den passenden Rahmen für die nun ausreichend bewunderten Texte bildet. Das wäre schon Kompliment genug. Kettcars Harmonien sind zwar einfach und sie stellen keinen Musikwissenschaftler vor eine analytische Lebensaufgabe, aber sie klingen leicht, unbeschwert und berühren. Und da will man sich gleich noch fester an die Box klammern und sie bis zum letzten Ton von "Ich danke der Academy" nicht mehr loslassen. Kein Wunder, denn während Kettcar leichtfüßig zwischen schleppenden Balladen und beherzten Rock-Pop-Hmynen pendeln als hätten sie nie etwas anderes getan, bricht die Atmosphäre niemals ab. Eine Atmosphäre, die irgendwo zwischen Fröhlichkeit und Depression anzusiedeln ist und die, werden wir zum Ende hin doch ruhig ein bisschen kitschig, sich einfach lebendig anfühlt..
Und somit ist das Instrumentale sicherlich sehr simpel gehalten und nach bereits wenigen Durchläufen der CD gibt es musikalisch nichts mehr zu entdecken. Doch wen wird das stören, wenn er dafür derart schönen Melodien und Texten lauschen darf und zum ersten Mal seit Ewigkeiten das Gefühl hat, als wäre diese Platte speziell für sein persönliches Lebensgefühl aufgenommen worden? Meine Butter jedenfalls spendet tosenden Applaus.


Hail to the Thief
Hail to the Thief
Wird angeboten von Lowe Records
Preis: EUR 11,80

34 von 37 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Aus der Tiefe des Raumes, 19. Juni 2003
Rezension bezieht sich auf: Hail to the Thief (Audio CD)
Sie seien "eine Band für Intelektuelle", so sagt es uns der Spiegel. Sie werden als "die vielleicht beste Rockband heutiger Tage" gefeiert, aber manchmal unterstellt man ihnen auch, wie Nick Hornby in seiner Kolumne der New York Times, einen "nur bedingten Nutzen". Sie sind Radiohead - eine Band, dessen Platten man kaum noch gerecht werden kann, ohne sich schmerzhaftem Immer-wieder-Hören zu unterziehen und einer langen Liste Jazz-Elektronik-Verweise nachzugehen, die so ziemlich jeden Kritiker an den Rand seines Wissens stoßen lässt.
Und es wird nicht einfacher. "Hail To The Thief" vereint all das Spezielle, was dafür gesorgt hat, dass Radiohead "als vielleicht faszinierendste Band der Welt" (Musikexpress) gilt. Plattentest online zeigt es auf: Die monolithische Sperrigkeit von "Kid A", die pastorale Überhöhung von "OK Computer", der rockistische Überschwang von "The Bends", der sanfte Trost von "Amnesiac" - all das vereint sich auf diesen 60 Minuten Musik unter einem Titel, mit dem politisch Stelllung bezogen wird. "Hail To The Thief" ist nicht nur Name des Albums, sondern auch und vor allem Slogan einer Anti-Bush-Bewegung.
Musikalisch finden wir gitarrenstarke Unbequemlichkeiten, finstere Psychotrips, bewegen uns an den Rand der bisher gültigen Harmonielehre und hören - natürlich - das Erklingen unsterblicher Songs. Beziehungsweise Songpartikel. Denn etwas so einfaches wie ein Song wird einem bei Radiohead nicht unterkommen. Was wir finden sind vielmehr Aneinanderreihungen musikalischer Ideen, in denen Yorke seine Stärken verbindet. Er nimmt uns mit auf panische, hektische Ritte durch meditative Textzeilenwiederholungen, präsentiert britrockige Gitarrendonner, arbeitet mit Sequenzerloops, barocken und kammermusikalischen Parts.
Und es ist, als findet man diesen musikalischen Einfallsreichtum in jedem einzelnen Songpart, in jeder Zeile, Sekunde, in jeder - und wir übertreiben nur ein bisschen: Note. So viele Kleinstkosmen fantastischer Musikideen in nur einer einzigen Zeile. Und das mal 1000 macht einen Song - nein, keinen Song (das hatten wir schon).
Aber diese Track-Einheit wiederum mit 13 multipliziert ergibt den Makrokosmos, das Album "Hail To The Thief". Und auf diesem Makrokosmos gibt es so viel zu entdecken, dass ein Dauerhören der Platte nicht ausbleiben wird. Dafür jedoch werden die Gehörgänge, nach und nach, mit immer klarer erscheinenden Großartigkeiten belohnt: Computerspielereien, die angesprochenen großartigen Harmonien, die sich gar ausserhalb der Klassik-ästhetik befinden, Kontrapunktumkehrungen - oder auch, ganz konkret, analog-altmodische Konservativismen wie der Beginn des zunächst folk-lastigen "Go To Sleep". Und, gut versteckt vor scheinbarem Glattlauf, polyrhythmische Strukturen.
Alles so komplett verstrickt, dass selbst das Bestimmen des Tongeschlechts zu einem schier unmöglichen Unterfangen wird. Dur? Moll? Eigentlich ist es auch egal! Und sähe sich ein Musikwissenschaftler jetzt noch nicht ausreichend analytisch gefordert, so darf er sich gerne an die Polytonalität von "We Suck Your Blood" heranwagen - und es wird ihm kaum möglich sein.
Und wer von all dieser musikalischen Brillianz noch nicht überzeugt ist - wer immer noch, wie der anfangs erwähnte Nick Hornby, einen "bedingen Nutzen" unterstellt, oder wer wie der "New Musical Express" in dem groß angekündigten ersten weltweiten Review von "Verlust von Gefühlen" spricht - dem sei entgegengehalten, dass Radiohead bei allen musikalischen Purzelbäumen auch eine andere Weiterentwicklung zu "Kid A" und "Amnesiac" vollbracht haben. Alles klingt unbeschwerter und sogar das Mitsingen fällt wieder leichter.
Und das, obwohl Yorke wieder einmal alle Facetten seines gesangstechnischen Könnens zieht. Mal Monteverdi-Oper-Kastratenton, mal leidend, später wieder spöttisch-ironisch, manchmal auch punky, auf jeden Fall immer präsent - stets im Vordergrund. Stets das Zentrum. Der schwarze Faden durche ein rundum fantastisches Werk. Und da macht es auch nicht mehr viel, dass die metaphorischen Texte nicht unbedingt leicht zu interpretieren sind. Es würde ja auch nicht passen, wenn es anders wäre.
Und so sind Radiohead zwar komplex, aber genießbar und für einen Hörer, der seinem musikalischen Horizont eine Herausforderung gönnt, ein echtes Vergnügen. Aber, trotz aller Brillianz und trotz der konsequent notwendigen Höchstnote, eben auch nur für diese Sorte Hörer. Für die aber tut sich ein Stück große Kunst vor ihnen auf. Bei jedem Druck der Repeat-Taste ein wenig mehr.


Hail to the Thief
Hail to the Thief
Wird angeboten von Lowe Records
Preis: EUR 11,80

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Radiohaed - höher, weiter, schwieriger - und doch so leicht., 18. Juni 2003
Rezension bezieht sich auf: Hail to the Thief (Audio CD)
Sie seien "eine Band für Intelektuelle", so sagt es uns der Spiegel. Sie werden als "die vielleicht beste Rockband heutiger Tage" gefeiert, aber manchmal unterstellt man ihnen auch, wie Nick Hornby in seiner Kolumne der New York Times, einen "nur bedingten Nutzen". Sie sind Radiohead - eine Band, dessen Platten man kaum noch gerecht werden kann, ohne sich schmerzhaftem Immer-wieder-Hören zu unterziehen und einer langen Liste Jazz-Elektronik-Verweise nachzugehen, die so ziemlich jeden Kritiker an den Rand seines Wissens stoßen lässt.
Und es wird nicht einfacher. "Hail To The Thief" vereint all das Spezielle, was dafür gesorgt hat, dass Radiohead "als vielleicht faszinierendste Band der Welt" (Musikexpress) gilt. Plattentest online zeigt es auf: Die monolithische Sperrigkeit von "Kid A", die pastorale Überhöhung von "OK Computer", der rockistische Überschwang von "The Bends", der sanfte Trost von "Amnesiac" - all das vereint sich auf diesen 60 Minuten Musik unter einem Titel, mit dem politisch Stelllung bezogen wird. "Hail To The Thief" ist nicht nur Name des Albums, sondern auch und vor allem Slogan einer Anti-Bush-Bewegung.
Musikalisch finden wir gitarrenstarke Unbequemlichkeiten, finstere Psychotrips, bewegen uns an den Rand der bisher gültigen Harmonielehre und hören - natürlich - das Erklingen unsterblicher Songs. Beziehungsweise Songpartikel. Denn etwas so einfaches wie ein Song wird einem bei Radiohead nicht unterkommen. Was wir finden sind vielmehr Aneinanderreihungen musikalischer Ideen, in denen Yorke seine Stärken verbindet. Er nimmt uns mit auf panische, hektische Ritte durch meditative Textzeilenwiederholungen, präsentiert britrockige Gitarrendonner, arbeitet mit Sequenzerloops, barocken und kammermusikalischen Parts.
Und es ist, als findet man diesen musikalischen Einfallsreichtum in jedem einzelnen Songpart, in jeder Zeile, Sekunde, in jeder - und wir übertreiben nur ein bisschen: Note. So viele Kleinstkosmen fantastischer Musikideen in nur einer einzigen Zeile. Und das mal 1000 macht einen Song - nein, keinen Song (das hatten wir schon).
Aber diese Track-Einheit wiederum mit 13 multipliziert ergibt den Makrokosmos, das Album "Hail To The Thief". Und auf diesem Makrokosmos gibt es so viel zu entdecken, dass ein Dauerhören der Platte nicht ausbleiben wird. Dafür jedoch werden die Gehörgänge, nach und nach, mit immer klarer erscheinenden Großartigkeiten belohnt: Computerspielereien, die angesprochenen großartigen Harmonien, die sich gar ausserhalb der Klassik-ästhetik befinden, Kontrapunktumkehrungen - oder auch, ganz konkret, analog-altmodische Konservativismen wie der Beginn des zunächst folk-lastigen "Go To Sleep". Und, gut versteckt vor scheinbarem Glattlauf, polyrhythmische Strukturen.
Alles so komplett verstrickt, dass selbst das Bestimmen des Tongeschlechts zu einem schier unmöglichen Unterfangen wird. Dur? Moll? Eigentlich ist es auch egal! Und sähe sich ein Musikwissenschaftler jetzt noch nicht ausreichend analytisch gefordert, so darf er sich gerne an die Polytonalität von "We Suck Your Blood" heranwagen - und es wird ihm kaum möglich sein.
Und wer von all dieser musikalischen Brillianz noch nicht überzeugt ist - wer immer noch, wie der anfangs erwähnte Nick Hornby, einen "bedingen Nutzen" unterstellt, oder wer wie der "New Musical Express" in dem groß angekündigten ersten weltweiten Review von "Verlust von Gefühlen" spricht - dem sei entgegengehalten, dass Radiohead bei allen musikalischen Purzelbäumen auch eine andere Weiterentwicklung zu "Kid A" und "Amnesiac" vollbracht haben. Zwar ist die Musik komplex wie eh und je, doch klingt sie unbeschwerter und sogar das Mitsingen fällt wieder leichter.
Und das, obwohl Yorke wieder einmal alle Facetten seines gesangstechnischen Könnens zieht. Mal Monteverdi-Oper-Kastratenton, mal leidend, später wieder spöttisch-ironisch, manchmal auch punky, auf jeden Fall immer präsent - stets im Vordergrund. Stets das Zentrum. Der schwarze Faden durche ein rundum fantastisches Werk. Und da macht es auch nicht mehr viel, dass die metaphorischen Texte nicht unbedingt leicht zu interpretieren sind. Es würde ja auch nicht passen, wenn es anders wäre.
Und so sind Radiohead zwar komplex, aber genießbar und für einen Hörer, der seinem musikalischen Horizont eine Herausforderung gönnt, ein echtes Vergnügen. Aber, trotz aller Brillianz und trotz der konsequent notwendigen Höchstnote, eben auch nur für diese Sorte Hörer. Für die aber tut sich ein Stück große Kunst vor ihnen auf. Bei jedem Druck der Repeat-Taste ein wenig mehr.


Metropolis Part 2-Scenes from a Memory
Metropolis Part 2-Scenes from a Memory
Wird angeboten von Multi-Media-Trade GmbH - Alle Preisangaben inkl. MwSt.
Preis: EUR 10,49

27 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Scenes from a progressive Masterpiece, 14. Juni 2003
Bei dem mittlerweile 5. Studioalbum wagen sich Dream Theater erstmals an ein Konzeptalbum. Ein Silberling mit einer Menge komplexer Musikverschachtelung, instrumentaler Perfektion und großartiger Produktion - soweit die Dinge, die ohnehin jeder von Dream Theater erwartet. Natürlich wird er sie auch diesmal finden.
Thematisch erleben wir die Session eines gewissen Nicholos bei einem Psychater, durch dessen Betreung er hofft, seine verwirrenden Träume besser zu verstehen. Träume, in denen er immer wieder von einem Mädchen namens Victoria heimgesucht wird, die bereits vor langer Zeit verstorben ist. Auf den insgesamt 77:14 Minuten erfolgt nun eine musikalische Reise durch Nicholas Unterbewusstsein.
Dass Dream Theater gerade jetzt zu einem Konzeptalbum neigt, scheint eine logische Konsequenz. Das Vorgängeralbum "Falling Into Infinity" stieß, für Dream Theater ungewohnt, erstmals auf negative Kritiken. Die Musik sei "selbstverliebt" und "angeberisch" titelte zB. der Musical Express. Natürlich - Mike Portnoy beweise wieder einmal, dass er der wohl beste Drummer der Welt sei (und der größte Angeber noch dazu) und auch Petrucci und Myung lieferten eine instrumentelle Meisterleistung - doch darüber hinaus habe Dream Theater das Schreiben der Songs vergessen. "Musik der Selbstdarstellung willen" warf der "Metal Observer" den Amerikanern vor. "Musikalische Onanie" sogar.
Ob diese Kritik nun berechtigt war, oder nicht - Dream Theater schien sie zum Anlass genommen zu haben, noch abstraktere Themen musikalisch umzusetzen. Die Reise eines Mannes durch seine Psyche. Spirituelle Todeserfahrung, Reinkarnation, psychologische Abgründe - darunter machen sie es nicht.
Und so erleben wir, einmal mehr, Mike Portnoys brilliantes Drumspiel, Petruccis perfekte Gitarrenskits, Myungs fantastische Bassbeherrschung und Rudess' Zauberei am Keyboard. Nichts neues soweit. Und wieder ist da dann noch jemand der singt: James LaBrie - gut, aber eben nicht überragend und somit das schwächste Glied der Dream Theater Kette. Fähig, die Qualität des Instrumentalen zu erhalten, aber nicht fähig, dem Ausnahmespiel von Portnoy, Petrucci, Myung und Rudess noch etwas hinzuzufügen.
Hatte man bei "Falling Into Infinity" teilweise tatsächlich noch den Eindruck, dass die Songs nur eine musikalische Präsentationsbühne für instrumentalen Extremsport waren, so erleben wir hier ein rundum verbundenes Werk. Wenn James LaBrie zwischen Keyboard und Drumsolo in einer anfänglich an Pink Floyd erinnernden Ballade "Fatal Tragedy" "Without faith, Without hope, There can be no peace of mind" in die Gehörgänge des Hörers schmettert, dann passt alles zusammen.
Die Harmonien, die Modulationen, die Kontrapunkte - alles scheint perfekt gesetzt und fügt sich in das Gesamtbild. Dream Theater führen uns durch Nicholas' psychologische Tiefen und spätestens wenn die orientalischen Melodien vom musikalischen Mittelstück "Home" verklungen sind und sich der Song mit eingebauten Samples zu orgiastischen Instrumental-Passagen steigert, kann man sich der Magie der Musik kaum entziehen. Das folgende, 6-minütige "Dance Of Eternety" schwelgt im gleichen Rausch weiter, steigert diesen gar noch in ungeahnte Höhen und Dream Theater erreichen ihren komplexen Höhepunkt. Bereits wenig später erklingt die Schlussnummer "Finally Free", in der noch einmal tragende musikalische Motive des Albums aufgegriffen werden und eine Reise zu Ende geführt wird.
Eine Reise vierer Ausnahmemusiker mit Sänger, die Kritik nur noch ihrer selbst Willen zulassen wird. Entsprechend hilflos waren Dream Theater Gegensprecher diesmal und flüchteten sich in nichtssagende Argumenationen. So entblödeten sich einige Kritker nicht, erneut darauf hinzuweisen, Dream Theater wolle zu viel und habe vor lauter musikalischer Brillianz das vergessen, worauf es ankommt. Keine dieser Stimmen konnte jedoch, vielsagender Weise, wirklich aufzeigen, wo der Schwachpunkt dieses Albumbs genau liegen soll.
Wie Keyboarder Rudess später in Interviews preisgab entstand "Scenes from a memory" völlig ohne Einwirken der Plattenfirma, welches bei dem ungeliebten Vorgänger ausartend der Fall gewesen sei.
Mag dies nun der Grund sein, oder auch nicht. Gab es jemals eine kreative Krise bei Dream Theater, so ist sie überwunden. "Metropolis Part II - Scenes from a memory" erreicht genau das, was ein gutes Progressive Album ausmacht. Beim ersten Hören bleibt kaum etwas hängen, ausser Überwältigung und der Gewissheit, so eben etwas Großes gehört zu haben. Desto öfter man jedoch die Play Taste seines CD-Spielers betätigt, desto mehr Freude findet man an diesem Album. Und so hört man es immer und immer wieder, entschlüsselt es mehr und mehr und entdeckt immer mehr von seiner Schönheit. Eine Schönheit, die schlichtweg überwältigend ist.
So überwältigend, dass bei der Benotung kein Spielraum bleibt.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 2, 2013 7:53 AM MEST


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