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Beiträge von Gerfried Pongratz
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Rezensionen verfasst von
Gerfried Pongratz (Osterwitz, Österreich)
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Karl der Große: Die Korrektur eines Mythos
Karl der Große: Die Korrektur eines Mythos
von Rolf Bergmeier
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

10 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein neues Bild des angeblich "Großen" und seiner Zeit, 13. April 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
In Kenntnis der Bücher des Historikers Rolf Bergmeier (z.B. "Schatten über Europa", "Christlich- abendländische Kultur - eine Legende", "Kaiser Konstantin und die wilden Jahre des Christentums") sind die Erwartungen hoch gesteckt und werden - das sei vorweggenommen - nicht enttäuscht. In klarer Sprache, zuweilen mit Ironie gewürzt, versteht es der Autor, die angebliche Lichtgestalt Kaiser Karl, die seit Jahrhunderten verehrte, in Schul- und sonstigen Büchern sonder Zahl hochgepriesene Figur des angeblichen "Vater Europas" auf seine historisch greifbaren Eigenschaften und Taten zurückzuführen und damit zu entmystifizieren. Mit Akribie und beeindruckendem Kenntnisreichtum gelingt es Bergmeier, die Widersprüche, Verfremdungen und Fälschungen um die Person des Karolinger aufzuzeigen und ein neues Bild des angeblich "Großen" und seiner Zeit zu vermitteln.

Neben Einleitung und Epilog gliedert sich das 320 Seiten umfassende Buch in 10 Haupt- und zahlreiche Unterkapitel, Exkurse und zahlreiche Einschübe zu Begriffsbestimmungen erweitern und vertiefen das Verständnis komplexer Fragen.

Die Bewertung Karls erfordert den Vergleich und so beginnen die Ausführungen des Buches auch mit einem Ausflug in die Antike zu deren schöpferischer Fantasie, zur "Idee des Schönen" und zur Entfaltung des Geistes. Darauf aufbauend formten die Römer eine weit ausgreifende Bildungs- und Zivilisationslandschaft; Wissenschaft, Kunst und Kultur gelangten zu hoher Blüte, blühende Städte mit zahlreichen Bibliotheken und Schulen prägten die Spätantike. Ab dem 4. Jahrhundert beeinflusst der Streit um das "richtige" Christentum das politische und öffentliche Leben; mit dem Erlass "Cunctos populos" im Jahr 380 wird das Christentum zur Staatskirche und zur beherrschenden Größe im Reich, ab dem 5. Jahrhundert - zusammenfallend mit der Ausbreitung des Katholizismus - beginnt für das lateinsprachige Mitteleuropa die Periode des Untergangs der griechisch-römischen Bildungskultur. Über Ursachen dieses "Kultur- und Zivilisationsverfalls", lässt sich streiten, fest steht, dass die katholischen Frankenherrscher im Mittelpunkt dieses Geschehens stehen; unter dem Einfluss der katholischen Lehre von der Nichtigkeit des Diesseits werden dem Volk weder Schulen noch Bibliotheken zur Verfügung gestellt. Unter Karl wird die Politik, das breite Volk von Wissen und Wissenschaft fern zu halten und stattdessen zu einem bedingungslosen Glauben zu erziehen, forciert; er fördert ausschließlich Schulen für den katholische Klerus, rund 95% der Menschen werden von diesem Schulsystem nicht erfasst.

Historiker sind sich weitgehend einig, eine objektive Darstellung Karls ist nicht möglich, Spekulationen sowie fragwürdige Überlieferungen und phantasievoll lobpreisende Ausschmückungen und Legenden - überwiegend religiös motiviert - bestimmen sein Bild bis heute. Rolf Bergmeier spürt Fälschungen und Mythen nach und entblößt - in detailreicher kritischer Auseinandersetzung mit alten und neuen Quellen - die wahre Gestalt des Kaisers. Das Resultat ist ernüchternd, Karl verdient weder den Beinamen "der Große", noch ihm zugesprochene Attribute wie "Leuchtturm der Weisheit", "Markstein der europäischen Geschichte", "Retter Europas" usw., auch seine im Jahr 1165 erfolgte Heiligsprechung ist wohl eher seiner rigorosen, extrem brutalen Verbreitung und Durchsetzung des Katholizismus, als einem segensreichen Wirken, oder gar "heiligen" Leben, geschuldet.

Rolf Bergmeiers Anliegen, Karl und seine Zeit, bzw. sein Wirken, objektiv zu erfassen, beschränkt sich nicht auf die Darstellung von Karls Herrschaftswesen mit dessen Auswirkungen auf Wissen, Gelehrsamkeit, Sprache, Schrift, Ökonomie, Architektur etc., sondern zieht auch Vergleiche mit zeitgenössischen Entwicklungen in der arabischen und byzantinischen Welt heran. Die Gegenüberstellungen erweisen, dass das Karolingerreich nicht nur in der Geistes- und Kulturentwicklung deutlich zurückgeblieben war, sondern auch auf vielen anderen Gebieten, wie z.B. in Handel und Verwaltung, in Apathie danieder lag; Karls 40jährige Kriegsführung und seine mindere Bildung (er konnte kaum lesen und schreiben) haben das ihre dazu beigetragen.

Geschichteaffinen Lesern sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Seine Stärke liegt nach Ansicht des Rezensenten nicht nur in der Korrektur der Mythen um Karl, sondern auch in der profunden Darstellung der vor allem durch die Christianisierung ausgelösten negativen Entwicklungen in der spätantiken/frühmittelalterlichen Welt Mitteleuropas.


Feedback: Wie Rückkopplung unser Leben bestimmt und Natur, Technik, Gesellschaft und Wirtschaft beherrscht
Feedback: Wie Rückkopplung unser Leben bestimmt und Natur, Technik, Gesellschaft und Wirtschaft beherrscht
von Jürgen Beetz
  Taschenbuch
Preis: EUR 19,99

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Geistig fordernde Lektüre zu einem der mächtigsten Wirkprinzipien der Welt, 8. Februar 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ein Opus magnum zu einem Thema, das, als eines der mächtigsten Wirkprinzipien der Welt, in seinen vielen Facetten eine nahezu unüberschaubar komplexe Fülle von Einflüssen und Auswirkungen auf die belebte und unbelebte Natur, notabene auch auf Menschen und menschliches Verhalten besitzt. Populärwissenschaftliche Bücher müssen den "Spagat" bewältigen, interessierten Laien wie auch vorinformierten Lesern interessanten Stoff zu bieten, ohne die einen zu überfordern und die anderen zu langweilen; dem Mathematiker und Wissenschaftsautor Jürgen Beetz gelingt dies, indem er in anschaulicher - oftmals mit feinem Humor gewürzter - Erzählweise anhand vieler Beispiele und zahlreicher Zitate das nötige Grundwissen vermittelt und gleichzeitig sehr umfassend die damit verbundenen naturwissenschaftlichen, philosophischen und gesellschaftlich relevanten Erkenntnisse erläutert.

Das 378 Seiten umfassende Buch gliedert sich in 11 Haupt- und zahlreiche Unterkapitel, die "beginnend bei Situationen des Alltags" in das Thema Rückkopplung als "Ursprung von allem" sowie Rückkopplung als Grundelement sämtlicher evolutionärer Prozesse einführen und weiterführend die Verschränkungen und Wechselbeziehungen mit den Prinzipien der Selbstbezüglichkeit (zyklische Prozesse), der Selbstorganisation und Emergenz (das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile) sowie von Ursache-Wirkung-Systemen tiefgründig beschreiben. Neben Rückkopplung in der Technik widmen sich ausführliche Kapitel der Rückkopplung in der Natur (besonders in der Evolution), im Sozialleben, in Psychologie, Politik und Geschichte wie auch in der Wirtschaft. Rückkopplung "im Größten und im Kleinsten", vom Universum bis zu Elementarteilchen und Quanteneffekten, wie auch die (Zitat: "wagemutige") Vermutung "Feedback ist der Ursprung von allem und führt zu einer endlosen Kette der Entwicklung" beschließen die Ausführungen zu einem in seiner Bedeutung nicht überschätzbaren Prinzip: Rückkopplung bei der Entstehung der Welt (des Universums) bis zu deren voraussichtlichem Ende, Rückkopplung in allen Bereichen des Lebens bis in unzählige feinste Verästelungen, Rückkopplung in nahezu unüberschaubaren Wechselwirkungen und mit oftmals nicht vorhersehbaren Folgen.

Da die übergroße Themenvielfalt des Buches mit den dazugehörenden Beispielen, Erläuterungen und aufgeworfenen Fragen eine umfassende Darstellung an dieser Stelle nicht einmal annäherungsweise ermöglicht, nachstehend nur einige dem Rezensenten wesentlich erscheinende Kernaussagen:
' Rückkopplungen kommen überall in technischen, biologischen, geologischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Systemen vor, die Prinzipien der Kybernetik gelten in allen Lebens- und sonstigen Bereichen im gesamten Universum. Die Welt ist nicht linear-kausal, sondern besteht aus einem komplexen Netzwerk von rückgekoppelten Wirkungen und Rückwirkungen.
' Je nach Art und Richtung der zurückgeführten Größe kommt es zur Selbstverstärkung der durch das System bedingten Prozesse (positive Rückkopplung; aufschaukelnd, kann zu "Teufelskreisen" führen) oder zu deren Abschwächung, bzw. Selbstbegrenzung (negative Rückkopplung; dämpfend, stabilisierend).
' Selbstbezüglichkeit ist der Kern der Rückkopplung, zyklische Sprüche sind deren sprachlicher Ausdruck; Beispiele: "Die Lebewesen verändern die Umwelt verändert die Lebewesen; die Wirklichkeit formt das Modell formt die Wirklichkeit; die Ursache erzeugt die Wirkung erzeugt die Ursache". Selbstbezüglichkeiten können allerdings auch Paradoxien - alle Kreter lügen, sagt der Kreter Epimenides - erzeugen.
' Einfache Regeln erzeugen bei Rückkopplung komplexe und oftmals nicht mehr vorhersagbare Systeme. Aus einfachen Systemen kann mit Rückkopplung sowohl Ordnung, wie auch Chaos entstehen.
' Lineare, monokausale Systeme sind selten, es überwiegen komplexe, vernetzte, dynamische, rückgekoppelte Systeme, meist in Regelkreisen (Wirkung beeinflusst die Ursache); die Frage, wer oder was zuerst da war, ist bei Regelkreisen sinnlos.
' Evolution (physikalisch, chemisch, biologisch, kulturell) als mächtigstes Prinzip der Welt enthält - neben Vererbung, Mutation, Selektion - als gleich wichtigstes Wirkelement Rückkopplung; diese befähigt Lebewesen u.a. zur Selbstorganisation und Regelung ihrer Prozesse.
' Leben ist durch 3 Eigenschaften gekennzeichnet (differenzierte Systeme - Stoffwechsel, Selbstproduktivität und Mutabilität - Veränderbarkeit), die im Zusammenspiel mit Rückkopplung Emergenz erzeugen, wobei Letztere als Entstehung neuer Systeme aus vorhandenen Komponenten (Materie, Energie, Naturgesetze) definiert wird ("mehr ist anders").
' Die Dynamik komplexer rückgekoppelter Systeme wird oft nicht verstanden, bzw. kann nur schwer, oder gar nicht, durchschaut werden; dies führt u.a. in Sozial- und Wirtschaftssystemen zu Aufschaukelungen und Verwerfungen. Vermeintlich einfache Lösungen komplexer, vernetzter, Probleme sind meist falsch und Eingriffe in diese Systeme erweisen sich überwiegend als gefährlich.
' Intelligenz entsteht durch Rückkopplung von Denken und Wirklichkeit, Lernen ist ein perfekter Rückkopplungseffekt mit einem Regelkreis aus Erwartung und Erfahrung, auch Spracherwerb beruht auf Rückkopplungsprozessen. Das gesamte menschliche Weltbild entsteht durch Rückkopplung plus selektiver Wahrnehmung (Mustererkennung: richtig oder vermeintlich richtig); "Erkenntnis" hat sich evolutionär in Rückkopplungsschleifen entwickelt.
' Rückkopplung ist das Grundprinzip des sozialen Zusammenlebens, wie auch des individuellen Verhaltens; die "Theory of Mind" ("Theorie des Geistes", die Fähigkeit von Lebewesen, Vorstellungen von den Gedanken von anderen zu entwickeln) besteht aus einer Vielzahl von Rückkopplungsschleifen. Korrigierende - negative - Rückkopplungen fördern Erkenntnisse, positive verstärken (u.U. auch realitätsferne) Meinungen.
' Rückkopplungsprozesse spielen auch in der Psychologie und im Sozialleben eine sehr wichtige Rolle. Der Mensch kommt ohne plausible Kausalitätszusammenhänge nicht aus; dies kann dazu führen, dass durch Rückkopplungen aus eklatanten Widersprüchen stimmige Geschichten gesponnen werden.
' In den sozialen, gesellschaftlichen und politischen Strukturen unserer Welt existieren Rückkopplungsprozesse ohne Ende, kein einziges geschichtliches Ereignis verläuft oder verlief linear und hat nur eine Ursache und eine Wirkung, man hat es immer mit komplexen, vernetzten Strukturen und vielfältigen Rückkopplungskreisen zu tun. Wesentlich dabei ist, zwischen positiver und negativer Rückkopplung zu unterscheiden.
' Die Welt ist in Hierarchien geschichtet, zwischen deren Ebenen Wechselwirkungen bestehen, Hierarchien wachsen durch Differenzierungen zu komplexen Systemen, die deterministisch bestimmt sind und trotzdem chaotisches Verhalten zeigen können.

Im Hinblick auf (aktuelle) Probleme und Nöte der Menschheit besteht nach Ansicht des Autors eines der Hauptprobleme darin, dass wir Menschen auf komplexe Systeme Erfahrungen anwenden, die wir mit einfachen Systemen gesammelt haben - was meist schiefgeht: "Der Mensch ist die einzige Art, die aktiv zu ihrer eigenen Vernichtung beiträgt... Wir stehen - erstmalig in der menschlichen Geschichte - an einem globalen Wendepunkt, einem Kipp-Punkt, der über die Zukunft unserer Art entscheidet. Ewiges Wachstum ist unmöglich, ebenso wie die Beherrschung immer komplexerer Systeme.... Diese theoretischen Erkenntnisse zeigen heute ihre praktischen Konsequenzen: instabile Prozesse. Die Sensibilität dafür zu erhöhen war Ziel dieses Buches" (S. 358).

Ein Buch, das - mit persönlicher Note des Autors - weite Horizonte eröffnet und in seiner Themenverschränkung mit vielen Wissensgebieten wie auch mit aktuellen sozialen, gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Erscheinungen tiefe Einsichten - nicht nur zum Thema "Feedback" - vermittelt. Manche Ausführungen und die Vielzahl der Beispiele mögen eiligen Lesern vielleicht etwas zu lang oder zu üppig geraten sein, die Teilzusammenfassungen am Ende jedes Kapitels sowie eine Gesamtzusammenfassung und eine Box mit den wichtigsten Aussagen und Thesen zum Thema "Feedback" am Ende des Buches kompensieren z.T. eventuell vorher übersprungene Einzeldarstellungen. Eine uneingeschränkt empfehlenswerte - geistig fordernde - Lektüre für alle, die zu den Fragen "warum die Welt so ist wie sie ist und wie wir darauf reagieren können" mehr wissen möchten!

(Für die Fairness des Autors spricht, dass er neben der Darstellung des Themas aus naturalistischer Weltsicht auch einen Theologen ["....am Anfang stand göttlicher Geist...."] zu Wort kommen lässt (S. 350)).
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 9, 2016 11:39 AM CET


Der Sinn des menschlichen Lebens
Der Sinn des menschlichen Lebens
von Edward O. Wilson
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

14 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Spannende Reise zu den Grundlagen und Grundfragen der Spezies Mensch, 3. Dezember 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ein Buchtitel, der Skepsis weckt. Wer kann sich zutrauen, den Sinn des menschlichen Lebens (aus evolutionärer Sicht) umfassend zu beschreiben? Der 86jährige, weltweit sehr bekannte amerikanische Biologe, Insektenkundler, Evolutionstheoretiker und Soziobiologe Edward O. Wilson - Träger zahlreicher hoher und höchster wissenschaftlicher Auszeichnungen sowie auch des Pulitzer-Preises - unternimmt das Wagnis.

Wilson nähert sich dem Thema als Ich-Erzähler, als Führer einer Reise durch den Ursprung unserer Art und zu ihrem Platz in der biologischen Welt - mit der Diskussion ausgewählter Schritte (in den Natur- und Geisteswissenschaften) zu den Fragen "wer sind wir", "wohin gehen wir" und "warum". "Sinn" wird nicht als Zweck oder Absicht gedeutet, sondern in der Weltsicht, dass die Zufälle der Geschichte - nach den Gesetzen des Universums in sich überlappenden Netzwerken von Ursachen und Wirkungen - und nicht die Absichten eines Schöpfers unser Dasein ergeben.

Die abwechslungsreiche und mit reichem Wissen garnierte - zuweilen allerdings sprunghafte - Reise führt interessierte Leser und Leserinnen in die phantastischen Welten unserer belebten, aber auch unbelebten Umwelt. Sie führt über die Welt von Mikroorganismen und Insekten sowie von höher entwickelten Tieren zur Spezies Mensch und darüber hinaus zu Sternensystemen und Überlegungen bezüglich außerirdischen Lebens. Die biologischen und sozialen Entwicklungsschritte vom Homo habilis zum Homo sapiens, die komplexe evolutionäre Entwicklung von Eusozialität über Verwandtenselektion (Individual- und Gruppenselektion) zur Multilevel-Selektion und die daraus resultierenden Folgen - positiv und negativ - werden ausführlich erläutert (bis dato konnten 20 Evolutionslinien identifiziert werden, die in altruistischer Arbeitsteilung fortgeschrittenes Sozialverhalten erreichten; dies wird u.a. am Beispiel Ameisen überaus spannend dargestellt).

Von "neuer Aufklärung" über die "Unumgänglichkeit der Geisteswissenschaften", von den Antriebskräften der sozialen Evolution über "andere Welten" (z.B. Pheromon-Welten) bis zu "Idolen des Geistes" (Instinkt, Religion, Freier Wille) und Gedanken zur Zukunft der Menschen spannt sich ein weiter Bogen wissenschaftlicher Erkenntnisse und darauf aufbauender scharfsinniger Gedanken.

Dem Autor ist sehr daran gelegen, "Einheit des Wissens" herzustellen. Natur- und Geisteswissenschaften unterscheiden sich in der Beschreibung der Spezies Mensch radikal, ihr kreatives Denken besitzt aber einen gemeinsamen Ursprung, der die heute oft getrennten Wege wieder zusammenführen sollte. Die Erwartungen der Aufklärung, dass naturwissenschaftliches Wissen zu weiseren Entscheidungen führt, haben sich nicht erfüllt (Emotionen sind stärker als Wissen), auch steht die Menschheit - durch wissenschaftlichen und technischen Fortschritt bedingt - vor dem größten Dilemma ihrer Geschichte: vor der Abschaffung der natürlichen Selektion, vor der Umformung - dem Design - der Natur des Menschen. Nur das Zusammenwirken von Natur- und Geisteswissenschaften kann die daraus erwachsenden Probleme lösen und (auch in kultureller Evolution) negativen Entwicklungen begegnen.

Die menschliche Natur besteht - in den Hirnstrukturen angelegt - in einer Kombination von Vernunft und Emotion; Instinkte (aber auch Phobien) sowie verschiedene Aspekte der Eusozialität - z.B. Stammesbewusstsein (Tribalismus) - und Religiosität spielen im Verhaltensrepertoire eine große Rolle.

Religionen besitzen psychologischen Nutzen, sie sind Quelle von Trost, aber auch - u.a. bedingt durch Gruppenselektion und Tribalismus - von endlosem, unnötigem Leid. Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass es religiöse Instinkte, bzw. Gene gibt, die über neuronale und biochemische Mechanismen religiöse Empfindungen - ähnlich wie musikalische - auslösen. Religiöser Glaube kann als darwinscher Mechanismus, Überleben und zahlreiche Nachkommen zu sichern, definiert werden, kein Stamm hätte überleben können, wenn der Sinn seiner Existenz nicht durch eine Schöpfungsgeschichte begründet worden wäre. Leider manifestiert sich aber in Religionen - als Ausfluss alter tribalischer Instinkte - immer wieder auch Hass und, daraus resultierend, Gewalt: Glaube gegen Glaube!

"Freier Wille" und "Eine Zukunft für den Menschen" bilden die Schlusskapitel von 204 Seiten Wissensvermittlung, gepaart mit zahlreichen Überlegungen:
Der Glaube an einen freien Willen beinhaltet einen biologischen Adaptionsvorteil und die Frage, ob es freien Willen gibt, beantwortet der Autor mit "ja, wenn auch nicht in letztgültiger Realität, so doch zumindest im operationellen Sinn als Notwendigkeit für geistige Gesundheit und damit für das Fortleben des Menschen".
Der Mensch müsste als sein größtes Ziel verfolgen, zu einer "Einheit der Menschheit" zu gelangen. Dazu der Appell des Autors, die heuristische und analytische Kraft der Naturwissenschaften mit der introspektiven Kreativität der Geisteswissenschaften zu verbinden.

Die Ankündigung im Titel des Buches beantwortet Edward O. Wilson wie folgt:
"Was also ist der Sinn des menschlichen Lebens? Meines Erachtens liegt er in der Erzählung unserer Spezies, die mit der biologischen Evolution und der Urgeschichte begann und weiter in die historischen Zeiten vordrang und jetzt, Tag für Tag, immer schneller in die offene Zukunft; zu dieser unserer Erzählung gehört auch das, was wir aus eigener Entscheidung heraus werden wollen".

Eine lohnende Lektüre (5*) nicht zuletzt wegen der interessanten Geschichten und neuen Erkenntnisse, die der Autor zu verschiedensten Themenbereichen (besonders zu seinem Spezialgebiet, dem Leben der Ameisen) sehr farbig und auch für Laien gut verständlich, erzählt. Ob ihm dabei auch die Absicht, den Sinn menschlichen Lebens darzustellen, gelungen ist, muss jede Leserin, jeder Leser, selbst entscheiden. Aus der Sicht des Rezensenten haben Philosophen über Jahrhunderte - beginnend bei den "alten Griechen"' (Epikur u.a.) - schlüssigere Antworten gefunden; im vorliegenden Buch bleiben diesbezüglich - frei nach Brecht - "der Vorhang zu und viele Fragen offen".
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 27, 2015 11:48 AM CET


Mohamed: Eine Abrechnung
Mohamed: Eine Abrechnung
von Hamed Abdel-Samad
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

27 von 34 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein wichtiges Werk islamischer Aufklärung, 3. Oktober 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Mohamed: Eine Abrechnung (Gebundene Ausgabe)
Eine empfehlenswerte, sachlich fundierte Auseinandersetzung mit einem – da religiös konnotiert – schwierigen Thema. Leben, Werk und geschichtliche Bedeutung des "Propheten" werden kenntnis- und detailreich erläutert, wobei viele Widersprüche seiner Lehren sowie seiner moralischen und politischen Forderungen (Mitgefühl und Barmherzigkeit, Grausamkeit und Gewalt, Umgang mit Frauen etc.) aus seinem persönlichen Gewordensein und einer vermuteten psychischen Erkrankung, aber auch aus dem historischen Umfeld seines Lebens erklärbar werden.

Die entschiedene Ablehnung des Buches durch gläubige Muslime ist emotional verständlich, es spricht aber Bände, dass (bisher) keine einzige der auch an dieser Stelle geposteten kritischen Stimmen mit sachlichen Gegendarstellungen aufwarten konnte. Ich – und wahrscheinlich auch viele andere Leser – warte/warten auf seriöse Falsifizierungen der Aussagen dieses Buches.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 7, 2015 6:23 AM CET


Zur Kritik der irrationalen Weltanschauungen: Religion - Esoterik - Verschwörungstheorie - Antisemitismus
Zur Kritik der irrationalen Weltanschauungen: Religion - Esoterik - Verschwörungstheorie - Antisemitismus
von Merlin Wolf
  Broschiert
Preis: EUR 16,00

12 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gegen selbstverschuldete Unmündigkeit (sapere aude)!, 21. Juli 2015
Vorneweg: Ein nicht nur hochinteressantes, sondern - nach Meinung des Rezensenten - auch höchst notwendiges Buch, das als Sammelband einer Vortragsreihe 2014 an der Universität Heidelberg Geschichte, Wesen, Inhalte und Erscheinungsformen der wichtigsten irrationalen Weltbilder darstellt und tiefgründig analysiert. Angesichts gefühlter, bzw. auch tatsächlich vorhandener neuer Bedrohungen im Weltgeschehen boomen Ideologien und Lehren als irrationale Interpretationsversuche einer schwer zu begreifenden Welt; sie alle eint die Annahme, dass es geheime Vorgänge, geheimes Wissen, geheime Verbindungen etc. gibt, die nur von Initiierten wahrgenommen und entsprechend bekämpft, neutralisiert oder implementiert werden können. Die Aufklärung hat irrationale Weltanschauungen nicht zum Verschwinden gebracht, sondern auch neue Formen, Mythen und Einbildungen geschaffen; dies aufzuzeigen kann wohl als Hauptzweck des Buches genannt werden.

Der Inhalt des nur 202 Seiten umfassenden, gut lesbaren Bandes gliedert sich in 10 Kapitel verschiedener Autoren, das Themenspektrum reicht von Religionskritik über Mythos und Aufklärung bei Adorno und Horkheimer - Aberglaube - kritische Theorie der Esoterik - Anthroposophie - Verschwörungstheorien - Klimawandel - Antisemitismus bis zu "Suicide Attack" (über heutige Konstellationen von "irrationaler" Weltanschauung und "rationaler" Politik). Im Vorwort des Herausgebers Merlin Wolf werden die wichtigsten Aussagen der einzelnen Kapitel übersichtsmäßig knapp und klar dargestellt; für eilige, bzw. zeitknappe Leser bietet dies eine gute Möglichkeit, die jeweils besonders interessierenden Themen vorab auszuwählen.

Es würde den Rahmen dieser Besprechung bei weitem sprengen, den Inhalten der einzelnen Kapitel im Detail nachzuspüren; die Darstellungen sind weit umfassend und beinhalten - neben Begriffsklärungen - auch die Motive und Bedürfnisse sowie die gesellschaftlichen Hintergründe und Schnittmengen verschiedener "Glaubensrichtungen" untereinander. Auch die Methoden und Konstrukte der Akteure, die Merkmale autoritärer Syndrome sowie ihre psychologischen Aspekte und nicht zuletzt auch die positiven Effekte für den Einzelnen, bzw. die Mitglieder der jeweiligen Gemeinschaft, werden eingehenden Analysen unterzogen.

Summa summarum ein Buch, das allen Interessierten uneingeschränkt empfohlen werden kann.


Die Kraft der Naturgesetze: Emergenz und kollektive Fähigkeiten von den Elementarteilchen bis zur menschlichen Gesellschaft
Die Kraft der Naturgesetze: Emergenz und kollektive Fähigkeiten von den Elementarteilchen bis zur menschlichen Gesellschaft
von Günter Dedié
  Taschenbuch
Preis: EUR 15,00

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erkennen, was die Welt im Innersten....., 14. April 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ein hochinteressantes, auch spannend zu lesendes Buch für Leserinnen und Leser, die verstehen möchten, wie sich unsere Welt aus sich selbst heraus entwickelt hat und welche Konsequenzen sich aus dieser Erkenntnis ergeben. Gäbe es die Möglichkeit, den Inhalt nach verschiedenen Kriterien, wie Umfassung des Themas, Tiefgründigkeit und Klarheit der Darstellung sowie Verständlichkeit der Ausführungen zu beurteilen, müsste er in nahezu allen Bereichen Bestnoten erhalten. Dem Anspruch, das Naturgeschehen der Welt durchgängig, überschaubar und gut verständlich - dabei auch anschaulich mit vielen interessanten Beispielen - darzustellen, konnte der promovierte Physiker Günter Dedié wohl auch deshalb in so hohem Maße gerecht werden, da er mehrere Jahre als Physiklehrer und "Jugend forscht" - Betreuer tätig war.

Der Untertitel des Buches "Emergenz und kollektive Fähigkeiten durch spontane Selbstorganisation, von den Elementarteilchen bis zur menschlichen Gesellschaft" verdeutlicht das Hauptziel der Ausführungen, wobei man die emergente Entwicklung der Welt durch Selbstorganisation kurzgefasst wie folgt beschreiben kann:
Mehrere, viele, oder sehr viele, elementare Bausteine (Elemente) verbinden sich auf der Basis ihrer Wechselwirkungen, die meist nur zwischen den nächsten Nachbarn wirken, spontan zu Systemen mit neuen Strukturen und Eigenschaften. Aus einfachen Elementen mit einfachen Wechselwirkungen untereinander entstehen Systeme mit sehr komplexen kollektiven Strukturen, Eigenschaften und Fähigkeiten, die aus den Strukturen und Eigenschaften der einzelnen Elemente nicht erklärt oder vorhersagt werden können.

Die Vielfalt emergenter Prozesse in der belebten und unbelebten Natur ist nahezu unüberschaubar groß und findet in unterschiedlichen Bezeichnungen (Emergenz, Selbstorganisation, Komplexitätstheorie, Synergetik, Holismus, Evolution, Symbiose, Autopoiesis etc.) ihren Ausdruck. Die diesen Prozessen zugrundeliegenden Spezialgebiete wissenschaftlicher Forschung können jedoch - unter dem Aspekt der Selbstorganisation - zu einem Gesamtbild der Emergenz, die als durchgängiges Prinzip auch eine Brücke zwischen der unbelebten und der belebten Natur sowie zwischen der materiellen Welt und der Welt des Geistes bildet, zusammengefügt werden.

In 17 Kapiteln - mit einer jeweils vorangestellten Kurzzusammenfassung der wesentlichsten Aussagen - beschreibt der Autor das Prinzip der Selbstorganisation und Emergenz; von den Grundlagen der Physik, Chemie, Biologie bis zum Menschen in den natürlichen und sozialen Bedingtheiten seiner Existenz, spannt sich der Bogen des 255 Seiten umfassenden Textes (beginnend beim Urknall und der Entstehung der Welt, über fundamentale Teilchen und Kräfte sowie Prinzipien und Theorien der Physik, weiter auch über Quantenphänomene und chaotische Prozesse bis zu chemischen Prozessen; von Molekülen bis zur Entwicklung des Lebens von Vorstufen bis zu höheren Lebewesen).

Dem Gehirn des Menschen (u.a. Aufbau, Gedächtnis, "Wirklichkeit", Arbeitsweise, Lernen, Inspiration) als Paradebeispiel eines emergenten Systems und der menschlichen Gesellschaft - in Wechselwirkung ihrer geistigen und kulturellen Fähigkeiten - sind zwei ausführliche Kapitel gewidmet, wobei u.a. auch die Themen "Ethische und moralische Grundlagen" (inklusive kritischer Beleuchtung der Rolle von Religionen) sowie "Sozialordnung und Staat" unter dem Aspekt der Emergenz und Selbstorganisation tiefgründig analysiert werden. Das Interesse der Menschen an geistigen Dingen (Spiritualität) wird als Folge emergenter Fähigkeiten des Gehirns beschrieben, das daraus resultierende gesellschaftliche Konzept führt zu spontaner Sozialordnung. Der Autor verdeutlicht auch die seiner Ansicht nach stark zunehmenden Gefahren "extraktiver" Systeme (Konzentration von Macht, Reichtum und Wissen auf eine kleine, selbsternannte Elite) und spart dabei nicht an - für den Rezensenten nur teilweise nachvollziehbarer - Kritik an EU, Euro, Banken und Medien.

Das letzte Kapitel "Rück- und Ausblick" betont kurzgefasst die Rolle von Emergenz als "Thema mit Variationen" für kooperative Prozesse der Selbstorganisation wie Symbiosen, Ko-Evolutionen und soziale Kooperationen mit Empathie und eusozialem (analog zu staatenbildenden Insekten) Verhalten. Synergetische Zusammenarbeit, nicht "Kampf ums Dasein", bildet den Erfolgsfaktor der Evolution (einschließlich der sozialen Entwicklung des Menschen), wobei die Verbreitung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse auch Geisteswissenschaften beeinflusst und Defizite in Ethik und Moral vermindert. Der Appell "Es ist höchste Zeit dafür!" beschließt das Buch.

Ein uneingeschränkt empfehlenswertes Buch vor allem für natur-, aber auch geistes- und sozialwissenschaftlich interessierte Laien (mit etwas Vorwissen), Fortgeschrittene und Experten!
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 27, 2015 11:39 AM MEST


Wie das Gehirn die Seele macht
Wie das Gehirn die Seele macht
von Gerhard Roth
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

41 von 47 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kompaktes Wissen der Neurobiologie und Psychoanalytik gut verständlich!, 16. Februar 2015
Ein anspruchsvolles, inhaltlich sehr umfangreiches und dabei gut verständliches Buch für Leserinnen und Leser, die sich zum Themenkomplex Hirnforschung und Psychotherapie umfassend informieren möchten. Die nachstehend stichwortartige Beschreibung kann bei weitem nicht alle behandelten Themen darstellen, bzw. ihnen auch nur ansatzweise gerecht werden, sie ist der Versuch, dem Rezensenten besonders wichtig erscheinende Aspekte des Buches aufzuzeigen.

Persönlicher Grundeindruck:
* Hochinteressantes, in der Sprache sehr wissenschaftliches, Buch, das - wieder einmal - klar erläutert, wie sehr unser Denken, Fühlen, Wollen etc. biologisch determiniert ist und wie wichtig es für unser Selbst- und Fremdverständnis (wie auch Handeln) ist, dies zumindest ansatzweise zu verstehen.
* Das Buch macht deutlich, wie sehr geisteswissenschaftliche Konzepte letztlich doch auf materieller Basis beruhen, wobei der praktische Aspekt, was diese Erkenntnisse bedeuten, wie und ob man mit ihnen "arbeiten" kann, im Buch deutlich wird.
* Hilfreiche Zusammenfassungen - speziell zum Aufbau des Gehirns und der Funktion der Neurochemie - helfen, komplizierte Ausführungen und Details überschlagen zu können.

Ziele der Darstellung:
* Zusammenschau von Hirnforschung und Psychotherapie.
* Hinterfragung von psychotherapeutischen Therapieformen und Glaubenssätzen.
* Beschreibung der Psyche als ein Produkt sehr komplexer neurochemischer Prozesse.
* Beschreibung, wie die Seele "emergiert" (aus dem hervorgeht, was sich im Gehirn abspielt), ohne Reduktionismus auf "Gehirn und Seele sind das Gleiche".
* Beschreibung von Persönlichkeitsentwicklungen und psychischen Erkrankungen aus neurobiologischer Perspektive.
* Beschreibung aus neurobiologischer Sicht, wie psychische Erkrankungen entstehen und warum psychotherapeutische Therapien nützen.
* Darlegung der verbindenden wissenschaftlichen Ergebnisse auf dem Feld der Bindungsforschung.
* Diskussion "Primat des Unbewussten" als persönlichkeitsbestimmende Kraft im Menschen.
* Darlegung des aktuellen Standes der Gehirnforschung in Bezug auf die Entwicklung der Persönlichkeit und die "Seele" des Menschen
* Psychische Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen: Depressionen, Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörungen, Zwangsstörungen, Borderline Persönlichkeitsstörungen, antisoziale Persönlichkeitsstörungen und Psychopathie.

Grundaussagen des Buches:
* Was unbewusst war, wird unbewusst bleiben, aber dennoch auf die Psyche wirken.
* Gehirn und Seele (als Gesamtheit aller Vorgänge, die sich in unserem bewussten, vorbewusst-intuitiven und unbewussten Fühlen, Denken und Wollen ausdrücken) sind nicht identisch.
* Für das Psychische ist entscheidend, was sich auf der Ebene der synaptischen Kommunikation ereignet. Ein positiver Effekt von Psychotherapien muss demnach auf der synaptisch-neurochemischen Ebene nachweisbar sein.
* Die neurobiologischen Grundlagen der Persönlichkeit sind: Stressverarbeitung - Selbstberuhigung - Belohnung und Belohnungserwartung - Bindungsverhalten - Impulskontrolle - Realitätssinn.

Aufbau des Buches (auszugsweise):
* Dicht gedrängte Informationen zum Aufbau des Gehirns und der Areale des sogenannten "Limbischen Systems", in dem die Entstehung von Emotionen verortet wird (für Laien ziemlich kompliziert).
* Darstellung der Wirkungen der verschiedenen "Neurotransmitter" wie Dopamin, Serotonin, Vasopressin oder Oxytocin.
* Entwicklung eines Modells von "sechs psychoneuronalen Grundsystemen", die das seelische Leben bestimmen.
Wie ein Mensch reagiert und was er fühlt, hängt vielfach davon ab, welche der Neurotransmitter auf welche Weise aufgenommen werden können und wie sich die neuronalen Rezeptoren ausbilden. Das hat sehr viel mit der genetischen Grundausstattung zu tun, aber auch viel mit Umwelteinflüssen wie frühen Bindungserfahrungen oder Traumatisierungen, die ihre Spuren im Hirn hinterlassen. Sie können sogar epigenetisch auf die nächste Generation übergehen.
Zitat:
Neben den eigentlichen genetischen Informationen wird dabei das Ausmaß vererbt, mit dem die Gene exprimiert werden. Im Klartext bedeutet dies, dass eine Person mit frühen negativen Erfahrungen die veränderte Ausbildung von Bindungsstellen für verschiedene neurochemische Substanzen einschließlich aller Konsequenzen an ihre Kinder weitergeben kann.
* Greifbarmachung psychischer Erkrankungen:
Psychische Erkrankungen werden als Fehlfunktionen im limbischen System beschrieben, Krankheitsbilder schlagen sich hirnphysiologisch nieder. Depressionen gehen z.B. mit einer verringerten Oxytocin-Konzentration im Blut einher, bei posttraumatischen Belastungsstörungen ist der Cortisol-Spiegel herabgesetzt, Cortisol-Unterfunktion findet sich auch bei psychopathischen Personen.
Zitat:
Das Zusammenspiel der verschiedenen Komponenten ist hoch komplex. Generell wird aber damit begreiflich, warum etwa frühkindliche Traumatisierung so nachhaltig zerstörend wirkt oder warum man aus psychopathischen Gewalttätern keine einfühlsamen Zeitgenossen machen kann.
* Darstellung der kritischen Perioden der Hirnentwicklung (eigenes Kapitel zur Entwicklung des Gehirns).
* Der Nutzen von Psychotherapie:
Sie vollbringt keine Wunder, aber fast alle Therapieformen, unabhängig von ihrer Methode, verbuchen zumindest einmal - dank Oxytocin-Ausschüttung - Anfangserfolge.
Zitate:
Es besteht kein Zweifel, dass freundliche, lobende oder aufmunternde Worte, aber auch nichtverbale Kommunikation, eine Ausschüttung "positiver" neuroaktiver Substanzen wie etwa endogener Opioide, Serotonin und Oxytocin auslösen können. Man kann davon ausgehen, dass auch die Wirksamkeit der therapeutischen Allianz auf einer erhöhten Oxytocin-Freisetzung im Gehirn des Patienten beruht.
.....Therapien wirken wohltuend aufgrund der therapeutischen Beziehung und in zweiter Linie auch durch ein mögliches begrenztes Umlernen fehlgeleiteter Gewohnheiten.


Der Ego-Tunnel: Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik
Der Ego-Tunnel: Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik
von Thomas Metzinger
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,99

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Buch, das weite (auch neue) Horizonte eröffnet, 15. Februar 2015
Ein in jeder Hinsicht höchst lesenswertes und inhaltsreiches sowie für das Verständnis des eigenen ICH wichtiges Buch! Nach den Erfahrungen aus zahlreichen Diskussionen mit anderen Lesern erscheint es dem Rezensenten hilfreich zu sein, wichtige Begriffsbestimmungen und Kernsätze des Autors (hauptsächlich aus Teil I des Buches) in Stichwörtern zu erläutern:

BEWUSSTSEIN ist das Erscheinen der Welt als evolutionäres biologisches Phänomen. Es ist Teil der Welt und enthält die Welt. Es gibt keine Entität, die wir selbst sind, Erleben ist ein subjektives Phänomen.

PHÄNOMENOLOGIE: Beschreibung des Erlebens als solches (auch in veränderten Bewusstseinszuständen).

MEINIGKEIT: Eigenes Handlungsbewusstsein, Gefühl von Willensfreiheit. Globale Meinigkeit lässt uns den Körper als Ganzheit erleben (durch OBEs = out of body experience auch außerhalb des Körpers). Meinigkeit = Essenz des Selbstgefühls = ein transparentes Körperbild lokalisiert in Raum und Zeit. Agentivität (bewusstes Erleben einer Handlung), Emotion, Willensakte sind dazu nicht notwendig, Meditation genügt.

OBE’s: Können mit Elektrodenstimulation des Gyrus angularis bei jedem Menschen künstlich erzeugt werden, Schizophrenie führt häufig zu OBEs, diese führten geschichtlich zum Körper-Seele-Dualismus (Seele ist in allen Religionen ein Astralkörper, nach Ansicht des Autors ist sie der Fluss von Informationen im Gehirn).

REPRÄSENTATION: Widerspiegelung, Darstellung der Außenwelt als Wahrnehmung und innere Vorstellung. Der Mensch kann, im Gegensatz zu Tieren, sich selbst im Akt des Wissens und Denkens beobachten und damit seine Repräsentation noch einmal repräsentieren.
Wir präsentieren uns als repräsentative Systeme in phänomenaler Echtzeit, dadurch entsteht kulturelle Evolution. Aus Selbstpräsentation entsteht ein Phänomenales Selbstmodell = PSM

PHÄNOMENALES SELBSTMODELL (PSM): Sein Inhalt ist das EGO
PSM lässt uns selbst als Ganzheit begreifen. Es steht in Wechselwirkung zur Umwelt, es ermöglicht gegenseitiges Verstehen (durch Empathie, soziale Kognition, Spiegelneuronen), es ermöglicht uns durch Externalisierung Kooperation, Kultur, Bildung komplexer Gesellschaften.
PSM vermittelt das Gefühl von Meinigkeit, bildet das Selbstgefühl, ermöglicht bewusstes Erleben.

Das PSM ist TRANSPARENT: Das Medium, durch das uns Informationen erreichen, ist uns nicht bewusst (es ist durchsichtig wie ein Fenster, durch das wir einen draußen vorbeifliegenden Vogel betrachten).
PSM – SELBST- und/oder WELTMODELL: Wegen der Transparenz des PSM besitzt unser Gehirn keine Möglichkeit, herauszufinden, dass es Modelle sind. Das Erleben des SELBST wird dadurch verursacht, dass das PSM im Gehirn transparent ist.

PSM = EGO = ICH = SELBST: Ist Inhalt eines transparenten Selbstmodells, Inhalt eines inneren Bildes, im Gehirn eines Organismus!
Wir empfinden uns als Ego, weil wir nicht erkennen, dass es eine Simulation unseres Gehirns ist! Das PSM als eigener Standpunkt in ein Weltmodell eingebettet, ergibt eine stabile Erste-Person-Perspektive. Das PSM ist außerdem ein virtuelles Werkzeug auch für soziale Kognition (Artgenossen erkennen, ev. täuschen) sowie auch für Selbsttäuschungen durch Erschaffung metaphysischer Welten (Wahn- und Glaubensvorstellungen).

Der EGO-TUNNEL: Ist Metapher für bewusstes Erleben. Das Bewusstsein ist wie ein Tunnel, nur ein sehr kleiner Ausschnitt der realen Außenwelt (Filter) wird in unserem Wirklichkeitsmodell abgebildet. Unser bewusstes Erleben ist wie ein Tunnel DURCH die Wirklichkeit; das Gehirn erzeugt eine perfekte Simulation der Welt, deren Bild als Ganzheit (für unseren Körper, unsere mentalen Zustände, unsere Beziehung zu Vergangenheit und Zukunft, zu anderen Lebewesen) erscheint.
Das ICH (Innenperspektive, bewusstes Leben im Ego-Tunnel jetzt und hier) ist verbunden mit Körpergefühl: Es entsteht durch Gegenwärtigkeit (ist ein vom Gehirn erzeugtes inneres Phänomen), Meinigkeit, Agentivität und ein Ort im Raum–Gefühl. Die Fähigkeit, Freude zu empfinden, bzw. zu leiden, beginnt im Ego-Tunnel.

Das Ego ist ein vom Gehirn erzeugtes virtuelles Werkzeug; jeder von uns lebt in seinem eigenen Ego-Tunnel ohne direkten Kontakt zur Wirklichkeit, aber mit PSM plus Erster-Person-Perspektive ausgestattet. Dabei verleiht der Ego-Tunnel ein Gefühl von Kontakt zur Außenwelt mit gleichzeitiger außerhirnlicher Erfahrung und Gefühl des eigenen Selbst.

Das Ego und sein Tunnel sind repräsentative Phänomene, sie erzeugen ein inneres Bild von Wirklichkeit. Hirnphysiologisch gesehen ist das Ego ein sehr komplexes Ereignis der Erzeugung eines Aktivierungsmusters in unserem Zentralnervensystem.

HANDLUNGSZIELE: Das Gehirn ist ein komplexes System, das ständig danach strebt, Ordnung aus Chaos zu erzeugen. Überleben, Fitness, Wohlbefinden, Sicherheitsbedürfnis sind innere Darstellungen (Halluzinationen) von Zielen. Die Evolution hat uns nicht für Glück optimiert, sondern auf eine hedonistische Tretmühle gesetzt: Glück suchen, Unglück vermeiden ist der Motor unserer psychologischen Evolutionsausstattung (in der biologischen Evolution war/ist Glücklichsein kein zweckbestimmendes Kriterium).

EMPATHISCHES EGO: Das PSM erfordert soziale Korrelate, der eigene Ego-Tunnel steht in Erster-Person-Perspektive in sozialer Resonanz zu anderen Ego-Tunnels.
Soziale Resonanz durch geteilte Mannigfaltigkeit, auf 3 Ebenen: Phänomenologisch durch Empathie, funktional durch Handlungen, subpersonal durch den „Wir-Raum“ („wir“ Empfindung).

Die 6 wichtigsten Grundprobleme für eine Theorie des Bewusstseins:
1. Das Eine-Welt-Problem (Frage nach der Einheit des Bewusstsein); 2. Das Jetzt-Problem (wie ist das Erscheinen eines gelebten Moments möglich); 3. Das Wirklichkeits-Problem (warum werden wir als naive Realisten geboren); 4. Das Problem der Unaussprechlichkeit (worüber wird man nie sprechen können); 5. Das Evolutionsproblem (wozu war/ist Bewusstsein wichtig); 6. Das Wer-Problem (Frage nach der Entität, die bewusstes Erlebnis in der Wirklichkeit besitzt)

BEWUSSTSEINSREVOLUTION versus GLAUBE: (Das Ego ist auch ein auch virtuelles Werkzeug zur Selbsttäuschung):
Glaube ist ein unspiritueller Versuch, den Ego-Tunnel umzugestalten, die hedonistische Tretmühle zu überlisten. Er ist aber auch ein erfolgreicher Weg, stabile innere Zustände zu erreichen (wie eine Droge), das PSM als Wurzel allen Leidens ruhig zu stellen.
Wissenschaft zerstört mehr und mehr diese Funktion des Glaubens, wachsender religiöser Fundamentalismus ist die Folge. Die Schere zwischen Wissenden und Unwissenden wird immer größer (Bewusstseinsrevolution), es entsteht anthropologische und normative Leere.
Veränderte Bewusstseinszustände (durch z.B. Meditation, Schamanismus, Drogen, Medikamente) werden in ihren neuronalen Grundlagen immer klarer erkannt; Neurowissenschaft und Neurotechnologie werden sich früher oder später zu Bewusstseinstechnologien entwickeln; diese erfordern eine neue Bewusstseinsethik, die für Handlungen neuronaler Veränderungen 3 Postulate enthalten müssen: 1. Leid minimieren, 2. Erweiterung von Einsicht und Wissen, 3. Verhaltenskonsequenzen.

(Die Konsequenzen aus sich abzeichnenden neurotechnologischen Veränderungen – mit Ausblick auf mögliche Entwicklungen und deren Folgen - sowie Vorschläge für eine darauf adaptierte Ethik werden im Teil III des Buches ausführlich behandelt.)


Letzte Hilfe: Ein Plädoyer für das selbstbestimmte Sterben
Letzte Hilfe: Ein Plädoyer für das selbstbestimmte Sterben
von Uwe-Christian Arnold
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,95

40 von 42 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Recht auf würdevolles Leben und würdevollen Tod, 7. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Der eigene Tod: Ein Thema, das früher oder später (fast) jeden von uns beschäftigt, (fast) jedem von uns zu elementaren Fragen des eigenen Lebens und Sterbens Antworten abnötigt. "Der Tod bleibt immer gleich, doch jeder Mensch stirbt seinen eigenen Tod" (Carson McCullers). Doch wie, unter welchen Umständen, sollte dieser - der nur mich betreffende, der nur mir gehörende Tod - eintreten? Die allgemein erwünschte Antwort: Nach einem langen und erfüllten Leben, rasch und möglichst schmerzlos, im "noch"- Vollbesitz mentaler und körperlicher Grundfähigkeiten und somit auch in größtmöglicher persönlicher Würde! - So weit der Wunsch; dass seine Erfüllung vielen Menschen nicht vergönnt ist, ist den meisten von uns schmerzlich bewusst.

Wie kann unsere Gesellschaft ein würdevolles Sterben ermöglichen? Antwort: Indem sie die dazu notwendigen Bedingungen schafft! Doch wie sehen diese Bedingungen aus, wie haben sie auszusehen? Der Berliner Arzt Uwe-Christian Arnold (unterstützt vom Philosophen Michael Schmidt-Salomon) hat dazu ein wichtiges, ein auch höchst notwendiges Buch vorgelegt, das in der derzeit stattfindenden Debatte zu palliativmedizinischer Sterbebegleitung, zu eventuellem Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen und zu eventueller Beihilfe zur Selbsttötung, Klarheit schafft und besonders den letzten Punkt in all seinen Facetten darstellt. Es bietet umfassend fachliche Erläuterungen und ist gleichzeitig auch ein sehr persönliches Buch des Autors, das, oftmals berührend, zahlreiche Fälle aus seiner Suizidbegleitung, die in Deutschland - im Gegensatz zu Österreich - erlaubt ist, beschreibt. In etwa 300 Fällen hat er schwerstkranken, in Einzelfällen auch sehr alten, sehr lebensmüden Menschen dabei geholfen, ihrem Wunsch nach einem selbstbestimmten Ende in Würde (und meist auch in heiterer Gelassenheit) nachzukommen.

Die Wichtigkeit palliativmedizinischer Versorgung und ein weiterer Ausbau aller dazu notwendigen Einrichtungen steht für den Mediziner Arnold am Anfang aller Forderungen und Überlegungen; wenn jedoch - trotz bester palliativmedizinischer Versorgung - der Wunsch des Patienten nach einem aus seiner Sicht "guten" Ende" übermächtig wird, sollte der Arzt sich diesem nicht verschließen. "Was wir unter menschenwürdiger Existenz verstehen, kann jeder für sich selbst bestimmen, das Recht auf ein würdevolles Leben beinhaltet auch das Recht auf einen würdevollen Tod". Selbstbestimmung darf nicht enden, wenn es um das Sterben geht und einzig der Betroffene selbst sollte entscheiden können, wie dies vonstatten zu gehen hat; ebenso wenig, wie Suizidbegleitung Palliativmedizin ersetzen kann, kann Palliativmedizin Suizidbegleitung ersetzen.

Nach einer Einleitung vermittelt der Autor in 3 Teilen ("Aus der Praxis eines Sterbehelfers", "Das selbstbestimmte Sterben und seine Gegner", "Plädoyer für ein Sterben in Würde") - neben einer kurzgefassten Kulturgeschichte des Suizids - die wichtigsten Erkenntnisse sowie internationalen Erfahrungen zum Thema Suizidbegleitung, wobei er auch den Gegenargumenten breiten Raum gibt. "Es ist jedem Menschen unbenommen, aus seinem religiösen Weltbild, oder aus gesellschaftlich-, bzw. standesrechtlichen Gründen, eine Pflicht zum Leben abzuleiten, es steht aber keinem Menschen zu, diese Pflicht anderen Menschen aufzuzwingen"!

Ein wichtiges Buch für alle, die zum Thema "selbstbestimmtes Lebensende" mehr wissen und sich - unabhängig von Ideologien und Weltanschauungen - ein eigenes Urteil bilden (und eventuell auch Hilfe erhalten) möchten. Aus der Sicht des Rezensenten ist zusammenfassend festzuhalten, dass Sterbehilfe in Form von Suizidbegleitung ein Akt der Barmherzigkeit ist und - neben Palliativmedizin - auch Lebenshilfe bietet; die Gewissheit, dass es jemanden gibt, der, "wenn die Zeit gekommen ist", zu helfen bereit ist, vermittelt Gelassenheit und Zuversicht für den Blick in die Zukunft - wo alle Hoffnung schwindet, bleibt Vertrauen!


Hitlers Theologie des Todes
Hitlers Theologie des Todes
von Anton Grabner-Haider
  Broschiert
Preis: EUR 9,95

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Religiöse und philosophische Aufrüstung vor den beiden Weltkriegen, 13. September 2014
Rezension bezieht sich auf: Hitlers Theologie des Todes (Broschiert)
"Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ heißt es in Paul Celans "Todesfuge“, der renommierte Philosoph, Kulturwissenschaftler, Theologe, Autor und Universitätsprofessor Anton Grabner-Haider widmet das vorliegende Buch der Frage, wie es dazu kommen konnte:

Wie wurde das Entsetzliche möglich? Wo liegen die mythischen Wurzeln und Denklinien christlicher Theologie, wo die Aussagen irrationaler Philosophie, die das bis dahin Unvorstellbare begünstigten und in weiterer Folge Realität werden ließen? Wie konnte die überwiegende Mehrheit der NS-Gefolgsleute dazu gebracht werden, einer unendlich grausamen und menschenverachtenden Ideologie und deren Führern bedingungslos – bis zur eigenen Aufopferung - zu folgen?

Das Buch gliedert sich in 7 Abschnitte plus einen Anhang mit persönlichen Erinnerungen des Autors. Im ersten Abschnitt, "Hitlers Theologie des Todes“, wird der mythische und religiöse Hintergrund von Hitlers Denken und Handeln anhand seiner Schriften ("Mein Kampf“) und Reden beleuchtet. Seine klaren Anleihen bei einem – so formuliert - "arisch, wehrhaften“ Christentum (bei gleichzeitiger Ablehnung des Kirchenchristentums) sowie seine "Gottgläubigkeit“ mündeten in das Gefühl eigener göttlicher Erwähltheit als "Werkzeug der Vorhersehung“, verbunden mit dem Anspruch auf totale Gefolgschaft, blinden Gehorsam und unerbittlichen Glauben an sein "Auserwähltsein“, seine "Mission“. Hitlers und seiner Paladine Ziel, einen neuen Typ von Weltanschauung zu schaffen, verbunden mit einer Art neuer Gottgläubigkeit für "Herrenmenschen“, diente nicht zuletzt auch dazu, die "Volksgenossen“ auf den großen Krieg vorzubereiten.

Im Abschnitt "Mythen des Krieges“ wird dargestellt, wie die NS-Ideologie – mit Absolutheitsanspruch ähnlich monotheistischen Religionen - auf archaische Mythen und Lehren wie "kosmischer Kampf“, "Kriege folgen göttlichen Gesetzen“, "Krieger töten und Opfer sterben nach göttlichem Plan“ etc., verwies. Kampf und Töten werden metaphysisch und religiös überhöht, der Kampf sei nicht nur politisch gerecht und göttlich gerechtfertigt, sondern auch als “reinigende Kraft“ notwendig, "alles Weichliche und Weibische“ auszulöschen. Tötungsverbote sind aufgehoben, es gilt nur mehr eine höhere Moral im Dienste für Führer, Volk und Vaterland.

Der Abschnitt "Christliche Denklinien“ beschreibt die Religionsgeschichte von den antiken Fruchtbarkeitsgöttinnen zum Kriegsgott Jahwe, vom frühen Christentum bis zur christlichen (römischen) Reichsreligion ab dem Jahr 380 - Parallelen zum Erwähltheitsmodell der NS-Ideologie sind unübersehbar. Sowohl die grausame Verfolgung von Häretikern, Ketzern, Hexen etc., wie auch die Kreuzzüge, wurden theologisch gerechtfertigt und das Töten von "Gottesfeinden“ als gottgefällig erklärt. Frühgeschichtlicher Judenhass (u.a. von Paulus) verstärkt sich in der christlichen Theologie ab dem 9. Jhdt. und dauert – z.B. in Jesuitenpredigten - bis ins späte 19. Jhdt. (politischer Antisemitismus bei Theologen und Bischöfen war auch im 20. Jhdt. noch gang und gäbe). Hitler und andere NS-Ideologen beriefen sich immer wieder auf diese Manifestationen des Hasses und christlichen Apokalypsen des Todes.

In "Philosophische Denklinien des Todes“ wird dargestellt, wie zahlreiche Philosophen versuchten, eine mythisch-religiöse Weltdeutung auf profane Weise fortzuführen. Ausgehend von Plato (totalitärer Staat), über Machiavelli (Willkür des Fürsten), Thomas Hobbes (Faszination der Macht), F.W. Schelling (dunkler Urgrund der Welt), Schopenhauer (blinder Urwille), besonders stark bei Nietzsche (blonder Übermensch), wird Wille zur Macht, zur Herrschaft, z.T. auch zum Töten, in philosophischen Abhandlungen gerechtfertigt. Max Scheler sprach 1914 vom edlen Krieg und dass Handlungen der Soldaten keiner sittlichen Norm unterworfen seien, wie auch, dass Krieg große Führer und Ideen benötige, denen unbedingt Gehorsam zu leisten sei. Theologen, Feldprediger und Offiziere im 1. Weltkrieg verbreiteten diese Auffassungen, Soldaten internalisierten sie und brachten sie nach dem Krieg mit nach Hause - als ideale Grundlage für die spätere NS-Ideologie. Während der NS-Zeit waren es vor allem Martin Heidegger, Ernst Jünger und Alfred Rosenberg, die die Ideologie eines permanenten, notwendigen (auch metaphysischen) Kampfes zwischen Leben und Tod verbreiteten, besonders Heideggers Existenzphilosophie führte zu einer "Metaphysik des Todes“.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass von deutschen Philosophen bereits lange vor der NS-Zeit ein Nährboden bereitet worden war, der dazu führte, dass eine überwiegende Mehrheit der "Volksgenossen“, wie auch viele deutsche Philosophen in der NS-Zeit, den fanatischen Kampf der NS-Ideologen gegen das Gedankengut der europäischen Aufklärung unterstützten und sich vom kritischen und rationalen Denken abwandten.

Im Abschnitt "Die intellektuelle Aufrüstung“ beleuchtet Grabner-Haider die geistige und moralische Motivation für den 1. Weltkrieg sowie das religiöse Denken dieser Zeit, das im Kampf gegen Liberalismus, Demokratie und den "Verfall der Sitten“ für ein "entschiedenes“ Christentum im Namen Gottes gegen "westliche Dekadenz“ eintrat. In mehreren Unterkapiteln werden theologische und philosophische Denkimpulse, die später zur Rechtfertigung der NS-Ideologie dienten, dargestellt; sie führten zu einem deutschen "Sonderweg“ mit Kampf gegen Humanismus, in der Abkehr von den Lehren der Aufklärung und einer Hinwendung des Deutschen Idealismus zu theologischen Denkmodellen - unter Betonung von Mystik und der "dunklen Seite der deutschen Seele“. Protestantische und katholische Theologen sowie national denkende Philosophen brachten bereits lange vor dem 1. Weltkrieg eine von Aurelius Augustinus, Thomas von Aquin, Martin Luther und Johannes Calvin vorformulierte "Theologie des Todes“ unters Volk, Hitler und seine NS-Ideologen übernahmen sehr viele dieser Denkmodelle und führten sie zu schrecklicher Entfaltung und Übersteigerung.

Der Abschnitt "Maschinerie des Tötens“ beschreibt in mehreren Kapiteln die schrecklichen Menschenvernichtungsorgien der NS-Zeit mit ihren aberwitzigen Begründungs- und Rechtfertigungsversuchen: Euthanasie ("gnädiger Tod“), Rassenwahn, Juden-, Sinti- und Romaverfolgung, Raubkrieg, Vernichtungslager, Massentötungen, Holocaust, irrationale Formen der Selbstzerstörung und die Politik der verbrannten Erde als Ausflüsse pervertierten ideologischen Denkens und Handelns.

Die letzten Kapitel des Buches behandeln die Lehren, die aus dieser unheilvollen Zeit zu ziehen sind; dabei auch, wie wichtig Erinnerung an all die namenlosen Opfer, wie notwendig Betroffenheit, Respekt und Trauerarbeit sind, um mittels interkulturellem Lernen zu einer höchst notwendigen "Theologie des Lebens“ zu gelangen. Eigene Unterkapitel werden auch der (im Katholizismus sehr spät erfolgten) Anerkennung von Schuld, der Verteidigung der Menschenrechte und dem Dialog der Religionen gewidmet. Berührende persönliche Erinnerungen des Autors (geb. 1940), der am elterlichen Bauernhof in der Oststeiermark bereits als kleiner Bub einiges vom Schrecken des Krieges und von den Ereignissen in der unmittelbaren Nachkriegszeit mitbekommen hat, beschließen die Ausführungen.

Ein höchst empfehlenswertes Buch für alle, die über die beiden großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts mehr wissen und vor allem deren Wurzeln und Denklinien sowie geistige Hinter-, bzw. Abgründe verstehen möchten! "Wenn du verstehst, dann ist dieses Verstehen bereits Handeln“ (Jiddu Krishnamurti).


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