Fashion Sale Hier klicken Fußball Fan-Artikel studentsignup Cloud Drive Photos Learn More MEX Shower roesle Hier klicken Fire Shop Kindle PrimeMusic Autorip NYNY
Profil für Michael Dienstbier > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Michael Dienstbier
Top-Rezensenten Rang: 160
Hilfreiche Bewertungen: 14253

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Michael Dienstbier "Privatrezensent ohne finanzielle Vorteile" (Bochum)
(TOP 500 REZENSENT)   

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11-20
pixel
Weltflucht und Massenwahn: Deutschland in Zeiten der Völkerwanderung
Weltflucht und Massenwahn: Deutschland in Zeiten der Völkerwanderung
von Thorsten Hinz
  Broschiert
Preis: EUR 14,90

10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Willkommenskultur als "Ästhetisierung der Handlungsschwäche" (91)., 11. Juni 2016
Thorsten Hinz ist einer der profiliertesten Denker und Gesellschaftskritiker der Wochenzeitung „Junge Freiheit“. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich in seinen Artikeln und Büchern mit Fragen der nationalen Identität, Vergangenheitsbewältigung und ob es so etwas wie eine typisch deutsche Mentalität gebe. Sein bekanntestes Buch Die Psychologie der Niederlage: Über die deutsche Mentalität ist mittlerweile in 5. Auflage erschienen. In dem nun erschienenen Sammelband "Weltflucht und Massenwahn" finden sich insgesamt 20 Beiträge von Thorsten Hinz – die meisten davon publiziert seit der Merkel’schen Grenzöffnung vom 4. September 2015 -, in denen er sich in einer Mischung aus analytischer Distanz, wachsendem Unglauben und zunehmender Fassungslosigkeit mit den Ereignissen und vor allem den Reaktionen der Politiker, Medien sowie der Öffentlichkeit auseinandersetzt.

Den Deutschen attestiert Hinz eine Passivität verbunden mit einer Geringschätzung des Eigenen und einer Überhöhung des Fremden, eine Mischung, welche die mentale Grundlage der sogenannten Willkommenskultur bilden würde: "Der Einbruch des "Anderen" wird vielerorts gar nicht mehr empfunden, denn er setzt das Bewußtsein von einem "Eigenen" voraus, das Vorhandensein von Sicherheit, Gewohnheiten, von Kontinuität [...]. Die halbe Welt meint das Recht zu haben, sich in Deutschland anzusiedeln und das Land soziokulturell und ethnisch umzudefinieren, ohne bei den Deutschen auf Widerstand zu stoßen" (12f.).

Hinz schreibt über die zunehmende Moralisierung des öffentlichen Diskurses, der den kontinuierlichen Rechtsbruch Merkels nicht nur hinnimmt, sondern auch noch jubelnd als sogenannten humanitären Imperativ in den Himmel lobt und gleichzeitig die auf die Gültigkeit bestehender nationaler und internationaler Rechtsnormen hinweisenden Kritiker mit Vokabeln wie "Mischpoke", "Pack" oder "Rechtspopulisten" abqualifiziert. Einen Grund für diese Akzeptanz sieht Hinz in dem sedierenden Politikstil Angela Merkels, der auf Konfliktvermeidung und Harmonie ausgelegt sei: "Die Erklärung der Kanzlerin zum Islam gehört zu ihrem Schonungsprogramm der Politikvermeidung. Sie hofft offenbar, gesellschaftliche Harmonie durch Entgegenkommen oder besser: Anbiederung zu erreichen" (43). Wer Konfliktvermeidung als oberstes Ziel von Politik betrachtet, der darf sich nicht wundern, wenn ein Volk eher dazu bereit ist, das Verschwinden der eigenen Rechtsordnung und der eigenen Lebensweise zu akzeptieren, als selbstbewusst für die Bewahrung persönlicher Sicherheit und kultureller Identität zu kämpfen. Es ist nicht ausgemacht, welche Ergebnisse die aktuelle Entwicklung zeitigen wird, doch die Gefahren einer unkontrollierten Massenzuwanderung nennt Hinz klar beim Namen, sodass später niemand wird behaupten können, er sei nicht informiert gewesen.


Der Aufstand gegen die sekundäre Welt: Aufsätze
Der Aufstand gegen die sekundäre Welt: Aufsätze
von Botho Strauß
  Taschenbuch
Preis: EUR 17,90

5.0 von 5 Sternen Ansichten eines Außenstehenden, 29. Mai 2016
Botho Strauß – eine Art Kassandra der vergangenen Jahrzehnte. 1993 erschien im Spiegel sein Essay "Anschwellender Bocksgesang" und sofort brach eine Welle der Empörung über den Dramatiker zusammen. Rechts sei er, tendenziell rassistisch, menschenverachtend, unmodern, rückständig und so gar nicht bunt, divers und weltoffen. Im Rückblick ist es erschreckend, wie präzise Strauß bereits 1993 genau das vorhergesehen hat, was heute unser Land in seinen Grundfesten erschüttert, und noch viel erschreckender, wie der politisch-mediale Komplex Strauß verdammt, ignoriert und diffamiert hat, geleitet durch den immer größer werdenden Einfluss einer außer Kontrolle geratenen Political Correctness, die bereit ist, Sicherheit und Lebensqualität der eigenen Bevölkerung auf dem Altar der Fremdenliebe zu opfern.

"Daß ein Volk sein Sittengesetz gegen andere behaupten will und dafür bereit ist, Blutopfer zu bringen, das verstehen wir nicht mehr und halten es in unserer liberal-libertären Selbstbezogenheit für falsch und verwerflich. Es ziehen aber Konflikte herauf, die sich nicht mehr ökonomisch befrieden lassen" (59). Diesen prophetischen Worten folgten New York 2001, die Hinrichtung von Theo van Gogh in den Niederlanden 2004, die Anschläge von Madrid 2004 und London 2005, zweimal Paris 2015, Brüssel 2016 und die Neujahrspogrome in vielen deutschen Städten 2016. Man kann das alles zynisch als einzelne Akte von entwurzelten Jugendlichen betrachten, um die sich die Gesellschaft nie genug gekümmert habe. So sagte Simone Peter kürzlich in einer Talkshow, man müsse bei den Kölner Vergewaltigern zuerst einmal danach fragen, ob ihnen denn der Staat auch genug Integrationsangebote unterbreitet habe. Die Argumentationsstrategie ist klar: Schuld hat die autochthone Bevölkerung, die Fremden seine lediglich unterprivilegierte Opfer einer kalten, ausschließenden Gesellschaft. Strauß legte schon damals den Finger in die Wunde, indem er einer durch und durch pazifizierten und domestizierten Kultur ins Gedächtnis prügelte, dass es auf unserem Planeten immer noch Völker und Kulturen gebe, die bereit seien, für ihr Überleben und ihren Vorteil zu kämpfen, zu töten und Krieg zu führen. Ein völlig neues Phänomen sei, so Strauß, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft ihre eigene Marginalisierung auch noch als eine Art Befreiung willkommen heißt: "Intellektuelle sind freundlich zum Fremden, nicht um des Fremden willen, sondern weil sie grimmig sind gegen das Unsere und alles begrüßen, was es zerstört" (61).

Pointiert seziert Strauß auch das System der Entstehung der sogenannten öffentlichen Meinung, welches bestimmte Wahrheiten produziere und andere Ansichten sanktioniere und abwerte: "Das Regime der telekratischen Öffentlichkeit ist die unblutigste Gewaltherrschaft und zugleich der umfassendste Totalitarismus der Geschichte. Es braucht keine Köpfe rollen zu lassen, es macht sie überflüssig" (69). Alles, was viele Menschen seit der sogenannten Flüchtlingskrise umtreibt, hat Strauß in seinem Essay antizipiert: Fragen der Identität, der kulturelle Selbsthass einer linken Elite, eine Medienlandschaft, die nicht mehr kritisch berichtet, sondern sich in den Dienst der Regierung gestellt hat und die daraus resultierende Bedrohung des Verschwindens des Eigenen durch das Fremde.

Fazit: Neben "Anschwellender Bocksgesang" enthält der Sammelband "Der Aufstand gegen die sekundäre Welt" eine Vielzahl von Essays, die Botho Strauß als einen der klügsten und stilistisch versiertesten Kunst- und Gesellschaftskritiker zeigen, die dieses Land hat. Er schreibt über Heidegger und Spengler, über Rudolf Borchhardt und Gerhard Richter und abschließend über die Finanzkrise 2008. Großartige Gedanken eines großartigen Denkers!


Ein sterbender Mann
Ein sterbender Mann
von Martin Walser
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

5.0 von 5 Sternen "Das Schreiben liefert den Hauch einer Weiterlebensillusion" (62)., 28. Mai 2016
Rezension bezieht sich auf: Ein sterbender Mann (Gebundene Ausgabe)
Ein schrecklicher Typ, dieser Theo Schadt – ein sich permanent selbst bemitleidender, egozentrischer, parasitärer Narzisst, der einen an ihm begangenen Verrat als Rechtfertigung nimmt, alle in seiner Umgebung in einen Abgrund zu ziehen, was er in seinem Wahn erst spät, zu spät, wahrnimmt. Theo, mittlerweile 72, wurde hintergangen von seinem (ehemaligen) besten Freund Carlos Kroll, einem Dichter, der in Sachen Selbstherrlichkeit sogar noch eine Stufe über ihm steht, und eine Geschäftsidee für einen Millionenbetrag an einen Konkurrenten verkauft hat. Seitdem jobbt der Betrogene im Laden seiner Frau Iris, die Tangozubehör verkauft. Dort trifft ihn, dem sich dem Weltschmerz Hingebende, der Schlag, als die adrette Sina Baldauf vor ihm steht: "Was war passiert? Eine Explosion. Nur noch Licht. Hellste Helle" (56). Wie besessen nimmt er, der Betrogene und leidlich erfolgreiche Verfasser von simpler Ratgeberliteratur, Kontakt zu Sina auf und es entsteht ein reger Mailverkehr zwischen den beiden. Des Weiteren hat sich Theo in einem Suizidforum angemeldet, um sich dort sein Selbstmitleid von der Seele zu schreiben. Und gestorben wird in ein "Ein sterbender Mann" in der Tat reichlich, doch ganz anders, als der geneigte Leser zuerst denken mag.

Walser wechselt munter zwischen der Ich- und Er-Perspektive hin und her und erzählt die Geschichte zudem anhand der Dokumentation des regen Mailverkehrs zwischen Theo und Sina sowie Aster, seiner Hauptkommunikationspartnerin im Suizidforum. So ergibt sich das Bild eines völlig gestörten Seniors, der tatsächlich Opfer eines Betruges geworden ist, dessen Reaktion aber an Selbstsucht und Minderwertigkeitskomplexen eines stets zu kurz gekommen kaum zu überbieten ist. Der Roman nimmt einen sofort gefangen, was mitunter auch daran liegt, dass es überhaupt keinen sympathischen Charakter gibt – vielleicht mit Ausnahme von Iris – die aber nur als Randfigur in Erscheinung tritt, was wohl den Stellenwert verdeutlichen soll, den sie im Bewusstsein ihres Gattens einnimmt. Viele Rezensenten haben sich darüber mokiert, dass der Roman keinen Plot habe. Diese Kritik ist für mich nicht nachvollziehbar, denn Lug, Betrug, Rache, Liebe, Besessenheit und Tod durchziehen den Roman wie ein roter Faden und sorgen für eine Spannung, die auf jeder Seite zu spüren ist. Sprachlich sind Walser-Romane eh immer eine Klasse für sich. In "Ein sterbender Mann" benutzt er eine hochstilisierte Kunstsprache, um die Seelenqualen der bildungsbürgerlichen Protagonisten darzustellen und der Lächerlichkeit preiszugeben. Ein großer Roman eines großen Autors!


Die 33. Hochzeit der Donia Nour: Roman
Die 33. Hochzeit der Donia Nour: Roman
von Hazem Ilmi
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,00

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Religion ist das, was die Armen davon abhält, die Reichen zu töten" (203)., 18. Mai 2016
Was für ein Roman! Was für eine Provokation! Natürlich konnte "Die 33. Hochzeit von Donia Nour" nur von einem Muslim geschrieben werden, da sonst wieder die Empörungsindustrie Vorwürfe à la Islamophobie, partielle Menschenfeindlichkeit u.ä. ins Feld geführt hätte. Genauso selbstverständlich ist es auch, dass Hazem Ilmi nicht der tatsächliche Name des Autors ist, da eine Fatwa gegen ihn nur eine Sache von wenigen Tagen gewesen wäre. In Eigeninitiative hat er den Roman in seiner Heimat Ägypten veröffentlicht und wie erwartet heftige Reaktionen hervorgerufen. Angesiedelt im Jahre 2048, stellt das Buch nichts weniger als einen Frontalangriff auf den Islam dar und seziert gnadenlos das Frauenbild, den totalitären Machtanspruch und die Verlogenheit dieser Religion.

Ägypten, 2048: Das Land hat sich zu einem totalitären Überwachungsstaat Orwell'scher Manier entwickelt, das unter der Kontrolle des Nizam, der allmächtigen religiösen Führung steht. Elektronische SWs (Sittenwächter) fliegen allgegenwärtig durch die Straße und kontrollieren Handeln und Denken der Menschen, welche zudem dazu verpflichtet sind, jeden Tag möglichst viele sogenannte Gute-Taten-Punkte zu sammeln, um irgendwann ins Himmelreich zu gelangen. Donia Nour, eine junge Frau Anfang 20, arbeitet im Ministerium, welches für die Erfassung und Auswertung dieser Punkte zuständig ist. Sie will nur noch weg aus diesem Land, einen Platz auf einem der Schleuserboote ergattern, welche angeblich regelmäßig zahlungswillige Kundschaft außer Landes bringen. Dafür braucht sie jedoch ein Kilo Gold, welches sie sich seit mehreren Jahren als Prostituierte verdient, indem sie sogenannte Genussehen eingeht – tatsächlich ein übliches Prozedere in der heutigen arabischen Welt – die sofort nach dem Akt wieder geschieden werden. Doch bei ihrer 33. Hochzeit geht etwas schief und Donia gerät in die Fänge des widerlichen Richters Zulkheir.

Und dann kommt noch ein wenig Science-Fiction dazu: 1952 wird der Philosoph Ostaz von den Ilmani, einer gutmütigen außerirdischen Spezies, entführt. Ein paar Jahre fliegen sie mit ihm durchs All, bevor, sie ihm mitteilen, ihn nun doch wieder in seine alte Heimat Ägypten zurückzuschicken. Er solle dort einer gewissen Donia Nuir beistehen, die seine Hilfe benötige und da die Zeit im All langsamer verstreiche als auf der Erde, schrieben wir nun dort bereits das Jahr 2048. Voller Vorfreude wird der lebensfrohe Atheist zurück zur Erde gebeamt und gerät innerhalb von Sekunden in Konflikt mit den nun dort vorherrschenden Sitten und Gebräuchen. Der Auftakt einer irren Geschichte!

Nein, subtil kommt die Islamkritik nun wahrlich nicht daher. Die Tirade, die Ostaz vom Stapel lässt, klingen wie eine Mischung aus Marx, Feuerbach, Nietzsche und Richard Dawkins und gipfeln in Bonmots wie: "Und wenn ihr mich fragt, dann neigt diese Sorte Tyrann dazu, irgendetwas zu kompensieren. Das wirft die Frage auf: Hat Gott einen kleinen Penis?" (150) Für uns Abendländer ist all dies nicht neu und auch nicht mehr sonderlich provokant. Für die gesamte arabische Welt jedoch müssen diese Worte allerdings in der Tat dieselbe Wucht haben wie einst die Worte Voltaires oder Nietzsches. Daher sind wir auch nicht die Zielgruppe – die Zielgruppe sind Muslime, die fähig und willig sind, die Dogmen ihrer Religion zu hinterfragen, Wahrheiten jenseits des Korans zu akzeptieren und endlich eine gewisse Gelassenheit mit den über 5,5 Milliarden Kuffar auf diesem Planeten zu entwickeln. Ganz davon abgesehen bietet der Roman, neben allen schockierenden Passagen, beste Leseunterhaltung, viel Witz und Humor, bleibt spannend bis zur letzten Seite und hat daher eine möglichst breite Leserschaft verdient.


In Stahlgewittern
In Stahlgewittern
von Ernst Jünger
  Broschiert
Preis: EUR 18,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einzigartiges Dokument der "Orgie der Vernichtung" (104)., 17. Mai 2016
Rezension bezieht sich auf: In Stahlgewittern (Broschiert)
Gemeinhin wird Ernst Jüngers "In Stahlgewittern", erstmals erschienen 1920, als Gegenstück zu Erich Maria Remarques Antikriegsklassiker Im Westen nichts Neues gesehen. Wohingegen Remarques 1929 veröffentlichter Roman als furiose Anklage gegen den Irrsinn des Krieges gelesen wird, welche das brutale, sinnlose Massensterben an der Westfront schonungslos dem Leser vor Augen führt, wirft man Jünger eine Verherrlichung des Krieges vor, der zudem noch einem völlig atavistischen Männlichkeitsideal huldige. Nachdem ich „In Stahlgewittern“ nun endlich selbst gelesen habe, frage ich mich doch, wie man Jüngers Frontberichterstattung ernsthaft als Glorifizierung des Krieges begreifen kann, wo doch hier die Grausamkeit der Jahre 1914 bis 1918 noch deutlicher zum Vorschein kommt als in Remarques Klassiker.

Ernst Jünger, im Ersten Weltkrieg einfacher Soldat, Leutnant und Zugführer an der Westfront, wurde mehrfach im Einsatz verwundet und mit den höchsten Orden ausgezeichnet. In der Darlegung seiner Kriegserlebnisse, in denen er durchaus immer wieder zu erkennen gibt, dass er viel von sich und seinem Handeln hält, bringt Jünger ungeschminkt die Brutalität des Krieges zum Ausdruck: "Bald kommen wir an der Stelle vorbei, wo es eingeschlagen hatte. Die Getroffenen waren schon fortgeschafft. Blutige Zeug- und Fleischfetzen hingen rings um den Einschlag an den Gebüschen" (25), schreibt Jünger gleich zu Beginn des Buches. Später wird er noch plastisch-anschaulicher: "Dem einen war der Kopf abgeschlagen, und der Hals saß am Rumpf wie ein blutiger Schwamm. Aus dem Armstumpf des zweiten ragte der zersplitterte Knochen, und die Uniform war vom Blut einer großen Brustwunde durchtränkt" (140).

Wer jedoch eine deutlich ausformulierte Verurteilung des Krieges erwartet oder gar eine dezidierte Anklage gegen die Sinnlosigkeit des Massensterbens, der wird in der Tat enttäuscht. Jünger beschreibt, er wertet nicht, zumindest nicht ausdrücklich, und überlässt das Urteilen ganz seiner Leserschaft. Zudem bringt er an mehreren Stellen klar zum Ausdruck, dass der Kampf für ihn persönlich nicht sinnlos war: "Wie schön war doch das Land, wohl wert, dafür zu bluten und zu sterben" (35). Die Bewertung, ob diese ex post Sinnaufladung jetzt Ausdruck einer ehrlichen Gesinnung oder doch eher in den Bereich des psychologischen Selbstschutzes zu verorten ist, bleibt ebenfalls dem Leser überlassen. Der heutige Zeitgeist rümpft auf jeden Fall pikiert die Nase. Genauso unzeitgemäß ist Jüngers Ansicht vom Krieg als eine Art Schule des Lebens, die das Beste im Manne hervorbringe: "In diesen Männern war ein Element lebendig, das die Wüstheit des Krieges unterstrich und doch vergeistigte, die sachliche Freude an der Gefahr, der ritterliche Drang zum Bestehen eines Kampfes. Im Laufe von vier Jahren schmolz das Feuer ein immer reineres, ein immer kühneres Kriegertum heraus" (145).

Fazit: Jünger und Remarque selbst haben sich nie als Antipoden gesehen, sondern vielmehr als Geistesgefährten, die beide ihre Kriegserfahrungen in ihren Büchern verarbeitet haben. Der Preis für den besseren Ästheten geht aber zweifelsohne an Ernst Jünger. Sein Stil ist klar, scheinbar neutral und lediglich rein deskriptiv, dabei aber doch fesselnd und die Schrecken des Krieges auf jeder Seite überzeugender transportierend als ein Stil, der zwanghaft auf dieses Vorhaben fixiert ist.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 18, 2016 8:26 PM MEST


Aphorismen und Ähnliches
Aphorismen und Ähnliches
von Michael Klonovsky
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,90

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Wer sich allzusehr feminisiert, ob Mann oder Land,..., 15. Mai 2016
Rezension bezieht sich auf: Aphorismen und Ähnliches (Gebundene Ausgabe)
...sollte sich nicht wundern, wenn er schließlich auch gefi..t wird" (25). Einen guten Aphorismus zu Papier zu bringen, ist beileibe nicht so einfach, wie es vielleicht erscheinen mag. Es ist vielmehr eine wahre Kunst, ein aktuelles politisch-gesellschaftliches Phänomen pointiert in Form eines Einzeilers zu verdichten. Der Publizist und ehemalige Journalist beim Focus Michael Klonovsky ist einer der ganz wenigen, die diese Kunst in der aktuellen Gegenwart virtuos beherrscht. Im 2014 erschienenen Sammelband "Aphorismen und Ähnliches" findet sich seine Zusammenstellung seiner besten Weisheiten der vergangenen Jahre, die er in seinen zahlreichen Büchern, Artikeln oder dem Internettagebuch Acta Diurna veröffentlicht hat.

Es sind vor allem der aktuelle Zeitgeist und, damit verbunden, die Konsequenzen der sogenannten Flüchtlingskrise, die Klonovsky umtreiben:

"Jeder Muezzinruf beinhaltet eine Feinderklärung" (19).

"Islamistische Anschläge in Europa? Warum das Haus demolieren, in das man einzieht?" (29)

"Welch sinniges Schauspiel: die Toleranten, zusammengetreten von den Tolerierten" (38).

"'Burn out', das paßt allenfalls auf Dresden im Februar 1945" (73).

"Der Sozialstaat ist am beliebtesten bei den Asozialen" (112).

"Die islamische Invasion Europas würde nicht nur Nachteile bringen; Feminismus, Gender Studies und Regietheater würden immerhin verschwinden" (121).

Klonovsky formuliert scharf, er formuliert polemisch, seine Aussagen sind provokant, erzeugen Widerspruch und regen zum Denken an. Dies legt nicht zuletzt daran, dass er ohne Scheuklappen spricht bzw. schreibt und mit offensichtlicher Freude gegen bestehende Konventionen verstößt. Solche rhetorisch versierten, unabhängigen Denker sind gerade in Zeiten eines ständig zunehmenden Konformitätsdruckes wichtiger denn je. Zum 1. Juni 2016 wird Klonovsky die Seiten wechseln und als Kommunikationschef der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry aktiv auf dem Spielfeld Politik mitwirken. Es bleibt zu hoffen, dass er sich seinen unabhängigen und unbequemen Kopf bewahren kann.


Tristesse Droite: Die Abende von Schnellroda
Tristesse Droite: Die Abende von Schnellroda

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Unser politischer Eros, der liegt zum einen an unserer antiutopistischen Realbindung ans Leben" (135)., 10. Mai 2016
Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der Neuen Rechten. Dieses, ganz sanft, modifizierte Marx’sche Diktum passt zur gegenwärtigen Situation wie die Faust aufs Auge. Die sogenannte Flüchtlingskrise zerreißt das Land, die AfD ist in aller Munde und in immer mehr Landtagen und es ist Hochzeit für eine Vielzahl von unsäglichen Nazivergleichen. Doch wer sind die Köpfe dieser Neuen Rechten, welche Ideen stehen im Zentrum ihres Denkens und auf welche Vorbilder berufen sie sich? Wer an dieser Thematik interessiert ist, dem sei der vorliegende Gesprächsband "Tristesse Droite" wärmstens empfohlen. Vom 28. bis zum 31. Dezember 2013 luden Ellen Kositza und Götz Kubitschek eine illustre Runde auf ihr Rittergut im sachen-anhaltinischen Schnellroda ein, um über Rechtssein in Deutschland im 21. Jahrhundert zu diskutieren.

Kositza und Kubitschek, Publizisten, Verleger und Herausgeber der Zeitschrift "Sezession", haben sich in den vergangenen Jahren als zwei Hauptvertreter neurechter Intelligenz herauskristallisiert. Seit einigen Monaten hat sich die Medienpräsenz vor allem von Götz Kubitschek spürbar erhöht, da er als Stichwortgeber der sehr erfolgreichen AfD in Sachsen-Anhalt gilt und zudem Björn Höcke seinen berüchtigten Vortrag über das Fortpflanzungsverhalten von Afrikanern im Rahmen einer Veranstaltung des Instituts für Staatspolitik (IfS) in Schnellroda hielt. In den Gesprächen geht es den Anwesenden um den Kern rechten Denkens im Gegensatz zum links-liberalen Zeitgeist und um Potenziale der Veränderung des vorherrschenden geistigen Klimas in der BRD. Unter den Diskutanten befinden sich Thorsten Heinz, Journalist bei der "Jungen Freiheit", der Schriftstiller und Übersetzer Martin Lichtmesz sowie Erik Lehnert, zurzeit Geschäftsführer des IfS.

Die Gespräche oszillieren zwischen der persönlichen Erfahrungswelt der Teilnehmer, persönlichen politischen Erweckungserlebnissen und aktuellen Hoffnungen und Erwartungen sowie aktuellen Grundlagen neurechten Denkens: "Die Aushebelung des Unterschieds, die Aushebelung des Schicksals, die Aushebelung der falschen Entscheidung hat das Konservative an sich zerstört. Also die Hierarchie, die Würdigung der besseren Leistung, die Würdigung der Anstrengungsbereitschaft" (43) fasst Kubitschek zusammen, um etwas später seinen Wunsch zu formulieren: "[E]twas mehr Armut, etwas mehr Lust zur Veränderung und etwas mehr Zorn wären mir lieber als diese warme Badewanne, in der unser Volk ertrinkt" (61). Es lebe der Thymos! Um aktuelle Tagespolitik geht es kaum; vielmehr besinnt man sich auf das Denken der persönlichen geistigen Inspirationsquellen – Nietzsche, Heidegger, Carl Schmitt, Ernst Jünger oder Armin Mohler und somit vor allem Denker der später so bezeichneten Konservativen Revolution während der Weimarer Republik hatten bei allen Anwesenden einen formativen Einfluss auf die Genese des persönlichen Weltbildes. Des Weiteren bildet die gemeinsame Arbeit im metapolitischen Bereich eine immer wiederkehrende Thematik. Lässt sich politische Veränderung durch kontinuierliche publizistische Tätigkeit überhaupt erreichen oder ist der Zeitgeist zu mächtig, die eigene Klientel zahlenmäßig zu gering?

Fazit: Das Buch ist optisch sehr ansprechend gestaltet und weist zudem an den entsprechenden Stellen Literaturverweise zu den in der Gesprächsrunde diskutierten Denkern oder Autoren auf. Nicht alle Diskussionsteilnehmer haben Substanzielles beizutragen, aber vor allem die oben genannten Personen bieten einen Einblick in das Denken der neurechten Intelligenz. Egal ob links oder rechts, liberal oder konservativ – wer jenseits von Parolen und Polemik fundiert am aktuellen Diskurs teilnehmen möchte, kommt an "Tristesse Droite" nicht vorbei.


Die Liebe in Zeiten der Lückenpresse: Reaktionäres vom Tage. Acta diurna 2015 (Edition Sonderwege bei Manuscriptum)
Die Liebe in Zeiten der Lückenpresse: Reaktionäres vom Tage. Acta diurna 2015 (Edition Sonderwege bei Manuscriptum)
von Michael Klonovsky
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,80

32 von 34 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Die zum Diskriminieren längst zu schwach sind, erklären sich für tolerant" (86)., 4. Mai 2016
Vor gut einer Woche gab der Journalist und Publizist Michael Klonovsky bekannt, dass er ab dem 1. Juni 2016 neuer Kommunikationschef der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry werden wird. Beim Focus, seinem zukünftigen Ex-Arbeitgeber, scheinen sie nicht unbedingt traurig darüber zu sein, Klonovsky neue Wege beschreiten zu sehen. Zu deutlich hat er sich in den vergangenen Jahren politisch positioniert, zu spitz formuliert und mit zu viel offensichtlicher Wonne die Konventionen der Political Correctness verletzt. Sein Schritt zur AfD ist nur folgerichtig, da er bereits 2010 vehement eine neue konservative Partei gefordert hat. Dass Klonovsky von Kommunikation Ahnung hat, beweist er einer breiten Öffentlichkeit seit 2012 in seinem Internettagebuch "Acta Diurna", in welchem er sich nahezu täglich mit dem politisch-kulturellen-politischen Alltagswahnsinn auseinandersetzt. Mit "Liebe in Zeiten der Lückenpresse" liegen nun die Einträge aus dem ereignisdichten Jahr 2015 in Buchform vor.

Es gibt in Deutschland m.E. keinen Publizisten, der rhetorisch-sprachliche Brillanz, ein klares politisches Urteilsvermögen und Lust an der Provokation derart gekonnt verbindet wie Michael Klonovsky. Peter Sloterdijk urteilte einst im Philosophischen Quartett, dass man sich durch seine Kommentare und Aphorismen in die Zeiten Kurt Tucholskys zurückversetzt fühlen würde. Diese Einschätzung bestätigt sich auf jeder Seite des vorliegenden Buches: "Es gibt Momente, in denen ist der Ruf nach mehr Differenzierung die letzte Zuflucht des Feiglings" (208) schreibt er am 9. Oktober 2015, fünf Wochen nach der Proklamation der neuen deutschen "Wirschaffendas"-Doktrin der Kanzlerin. Während viele Deutsche noch begeistert zum Applaudieren den Bahnhof ihrer Wahl aufsuchen, werden die Einträge des Internettagebuches länger, der Ton ernster und zunehmend fassungsloser ob der offen zu Tage liegenden Kollektivneurose der deutschen Bevölkerung und der ebenso offensichtlich abnehmenden Zurechnungsfähigkeit der bundesdeutschen Regierungschefin, die zudem auch noch pampig zu Protokoll gibt, dass dies nicht mehr ihr Land sei, wenn der deutsche Michel es wagen würde, gegen die Auflösung staatlicher Strukturen zu protestieren. Dieses in diversen Milieus bis heute andauernde Klima dieser Monate bezeichnet Klonovsky treffend als "freiheitszersetzenden Totalitarismus des Wohlmeinens" (333). Wenn sich in Zukunft die Historiker und Psychoanalytiker an die Arbeit machen werden, die Ereignisse und Mentalitäten dieser Epoche zu rekonstruieren, werden sie an den Beobachtungen und Kommentaren des Zeitgenossen Klonovsky nicht vorbeikommen.

Nein, optimistisch blickt der Autor nun wahrlich nicht in die Zukunft: "Europa wird entweder faschistisch im Sinn einer radikalen ethnischen Selbsterhaltung oder sukzessive schwarz; die erbaulichere Variante wähle jeder selbst" (378). Der Ton seines öffentlichen Tagebuches 2012-2014, vergangenes Jahr unter dem Titel Bitte nach Ihnen: Reaktionäres vom Tage erschienen, war heiterer, fröhlicher, spielerischer. Doch die Zeiten haben sich verändert, dramatisch verändert, und es wird deutlich, dass Klonovsky die staatliche, kulturelle, politische und ethnische Integrität Deutschlands bedroht sieht. Daher rührt wohl auch seine Entscheidung, die Rolle des kommentierenden Beobachters zu verlassen und selbst politischer Akteur zu werden. Gleichzeitig hat er angekündigt, "Acta Diurna" in bekannter Form fortzusetzen. Hoffentlich hält er Wort!
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 17, 2016 11:00 PM MEST


The Wallcreeper
The Wallcreeper
von Nell Zink
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,20

3.0 von 5 Sternen "Disgust is a prerequisite for love" (107)., 2. Mai 2016
Rezension bezieht sich auf: The Wallcreeper (Taschenbuch)
Nell Zinks Debutroman "The Wallcreeper", der 2014 erschienen ist, fand große Beachtung in den diversen Feuilletons, was wohl weniger an der zu erwartenden Qualität des Buches lag, wie soll man das bei einem Erstlingswerk auch antizipieren können, sondern vielmehr an der wohlwollenden Flankierung durch Jonathan Franzen. Nun, mit den komplexen Gesellschaftsromanen des Großmeisters amerikanischer Erzählkunst hat dieses Werk recht wenig zu tun. Die gesellschaftskritische Komponente, die bei Franzen immer eine Rolle spielt, spart Zink völlig aus und konzentriert sich ganz auf die beiden Protagonisten, Tiffany und Stephen, die jung geheiratet haben, in diversen europäischen Großstädten leben, ihren zahlreichen Affären nachgehen, eine Leidenschaft für die Vogelwelt entwickeln bis einer von ihnen schließlich einen recht harmlosen ökoterroristischen Akt an der Elbe begeht. Dies alles ist durchaus souverän erzählt und hat den einen oder anderen gekonnten Aphorismus zu bieten. Doch ein neuer Franzen zeichnet sich hier nun wirklich nicht ab.

"Marriage isn't a sacrament. It's just a bunch of forms to fill out. It either works or it doesn't. Do what you want" (63), philosophiert Tiffany, die Ich-Erzählerin von 'The Wallcreeper'. Sie hat viel Zeit, um solche Bonmots von sich zu geben, da sie nicht arbeitet und als Anhängsel ihres Gatten von Stadt zu Stadt zieht. Ihr existentielles Ennui kompensiert sie mit regelmäßig wechselnden Liebhabern, was man getrost als eine Art Notwehr bezeichnen kann, um den Narzissmus von Stephen ertragen zu können. Tiffany selbst oszilliert zwischen Selbstmitleid und Ich-Bezogenheit und verbringt die Hälfte ihrer Tage mit Jammern und dem Versuch, die selbst attestierte Armseligkeit ihrer Existenz in die passende sprachliche Form zu gießen: "My life was like falling off a log comfortably located somewhere light-years above the earth" (30). Nell Zink hat es geschafft, mit Tiffany einen Charakter zu kreieren, der mich als Leser regelrecht auf die Palme gebracht hat. Unfähig ein eigenes Leben zu führen, heiratet sie den Erstbesten, der ihr über den Weg läuft, und jammert dann die ganze Zeit über die Unerträglichkeit ihres alimentierten Daseins. Das Problem ist, dass der Roman nicht viel mehr zu bieten hat als diese permanente Selbstreflexion Tiffanys. Dies hat durchaus innovative und erhellende Momente, trägt aber nicht über die gesamte Länge der 200 Seiten dieses Romans.


The Soul of the Marionette: A Short Inquiry Into Human Freedom
The Soul of the Marionette: A Short Inquiry Into Human Freedom
von John Gray
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,82

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Human beings may behave like puppets, but no one is pulling the strings" (136)., 1. Mai 2016
Einen düsteren Blick auf die Spezies Mensch hat er, dieser John Gray, politischer Philosoph, der sich seit 2008 im Ruhestand befindet. Fortschritt hält er für eine Illusion, die Aufklärung für eine von vielen Ideologien Religionen für eine politische Waffe. Seine Bücher betrachten die Ideengeschichte Europas der vergangenen Jahrhunderte aus einem neuen Blickwinkel und schaffen es daher regelmäßig, dem geneigten Leser zu neuen Einsichten zu verhelfen. In seinem neuesten Buch "The Soul of the Marionette" wirft er einen kritischen Blick auf die Freiheit des Menschen und den westlichen Rationalismus.

Gray beschreibt den Menschen als Puppe, als Marionette, dem man die Fäden durchtrennt hat und jetzt mehr oder weniger hilflos durch seine Existenz zappelt. Um diesen Gedanken zu verdeutlichen, konzentriert sich Gray zu Beginn seiner Darstellung auf den Gnostizismus als eine bestimmte Spielart des Christentums, die in den christeninternen Machtkämpfen marginalisiert worden ist: "The Gnostics did not deny that order existed in the world; but they viewed this order as a manifestation of evil to which they refused to submit. For them the creator was at best a blunderer, negligent or forgetful of the world it had fashioned, and possibly senile, mad or long dead" (15). Kein Gott, sondern zahlreiche Götter und diese Götter keine allmächtigen und gütigen Wesen, sondern gleichgültige oder gar bösartige Demiurgen, die die missratene Schöpfung Mensch sich selbst überlassen haben und sich ab und zu einen üblen Scherz erlauben. Dieses Prinzip manifestiere sich auch, so Gray, in der globalen politischen Situation der Gegenwart, in welcher wiederum menschliche Demiurgen ihr Unheil anrichteten. Die unheilvollen Interventionen der westlichen Welt beschreibt Gray wie folgt: "[F]ailed states, zones of anarchy and new and worse tyrannies; but in order that they may see themselves as world-changing figures, our leaders have chosen not to see what they have done" (89).

Genau hier liegt der antiaufklärerische Impetus von John Gray: Der Mensch sei nicht gemacht für ein Leben in Vernunft und Rationalität, er sei sogar abhängig vom demiurgischen Prinzip, von Mythen, vom Irrationalen, um nicht völlig den Verstand zu verlieren: "In Gnosticism, the world is a plaything of the demiurge. For conspiracy theorists, history is scripted by occult agencies. For secular rationalists, enlightenment is thwarted by sinister forces of superstition and reaction. There is a pattern here: if you aim to exorcize mystery from your mind, you end up [...] locked in a paranoid universe and possessed by demons" (164).

Fazit: Hoffnung ist etwas für Naive, Visionen für Dummköpfe und wer an die Freiheit des Menschen glaubt, dem sei eh nicht mehr zu helfen. Gray provoziert mit seinen These, und doch wohnt seinem an der Oberfläche so kaltem Weltbild etwas Ermutigendes inne: Wer sich von allem befreit, wer seine Hoffnungen nicht an Ideologien oder Mythen der Vergangenheit knüpft, der kann auch in einem Universum voller übernatürlicher und weltlicher Demiurgen ein Leben in gewisser Freiheit und Unabhängigkeit führe. Wer ein Mehr an Hoffnung verlangt, der bewege sich unweigerlich im Reich von Selbsttäuschung und Illusion.


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11-20