Profil für Michael Dienstbier > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Michael Dienstbier
Top-Rezensenten Rang: 223
Hilfreiche Bewertungen: 12696

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Michael Dienstbier "Privatrezensent ohne finanzielle Vorteile" (Bochum)
(TOP 500 REZENSENT)   

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11-20
pixel
The Scarlet Letter (World Classics)
The Scarlet Letter (World Classics)
von Brian Harding
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,10

5.0 von 5 Sternen "No man [...] can wear one face to himself, and another to the multitude" (205)., 9. August 2014
Es ist ein Symbol, was nun wirklich jeder in den USA kennt; das rote A, von dem nie explizit gesagt wird, wofür es eigentlich steht, ist sogar, ein ultimativer Ritterschlag!, in einer Folge der Simpsons verewigt worden, als Maggie mithilfe einer Ketchup-Flasche ein riesiges A auf die Brust des vermeintlichen Liebhabers von Marge spritzt. Vielleicht beschreibt nichts die aktuelle Situation der Vereinigten Staaten besser als die Zustände in der puritanischen Gemeinde Salem irgendwann gegen Ende des 17. Jahrhunderts, in der sich die standhafte Hester Prynne weigert, den Namen des Vaters ihres engelsgleichen Kindes Pearl preiszugeben. Der moralisch empörte Puritaner-Mob verdonnert sie daraufhin, von nun an als ewiges Stigma für alle sichtbare ein rotes A (adultery? adulteress? angel?) an ihrer Kleidung zu tragen. Unter den Anklägern befindet sich auch, wie sich schnell herausstellt, Pearls Vater, ausgerechnet der hochangesehene Geistliche Arthur Dimmesdale, der von Schuldgefühle zerfressen doch zu feige ist, sich zu offenbaren. Aber noch jemand beobachtet diese öffentliche Demütigung, ganz hinten stehend und nur von Hester bemerkt; Roger Chillingworth, ihr Ehemann, den in der Gemeinde allerdings noch nie jemand gesehen hat, da er erst jetzt aus dem Mutterland in die neu gegründete Kolonie dazugestoßen ist und so von dem "Verbrechen" seiner Frau erfährt.

In den spektakulären Anfangskapitel, deren gesamte Kraft und Genialität erst nach dem zweiten und dritten Lesen deutlich werden, legt Hawthorne die Grundlage für die wohl diabolischste Dreiecksgeschichte in der amerikanischen Literatur. Chillingworth, von Rachegelüsten zerfressen, erschleicht sich das Vertrauen Dimmesdales und treibt diesen mit subtilen Psychoterror nach und nach in den Wahnsinn. Aber auch er selbst degeneriert immer mehr zu einer Kreatur, die nur noch von Hass und vom Wunsch nach Zerstörung getrieben wird: "In a word, old Roger Chillingworth was a striking evidence of man's faculty of transforming himself into a devil, if he will only, for a reasonable space of time, undertake a devil's office. This unhappy person had effected such a transformation by devoting himself [...] to the constant analysis of a heart full of torture, and deriving his enjoyment thence, and adding fuel to those fiery tortures which he analyzed and gloated over" (160f.). Ein finaler Showdown scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

“The Scarlet Letter" beschreibt den Zustand der amerikanischen Seele bis zum heutigen Tage. In keinem anderen Land der (westlichen) Welt unterliegt das Privatleben des einzelnen Menschen einer derart intensiven Kontrolle durch die Öffentlichkeit, basierend auf einem ungeschriebenen Moralkodex, wie in den USA. In keinem anderen (westlichen) Land besteht eine größere Diskrepanz zwischen der zur Schau gestellten Demonstration dieser Werte durch öffentliche Personen, oftmals Politiker, und dem Verhalten im Privaten. Und in keinem anderen (westlichen) Land werden Menschen, die gegen diese Normen verstoßen haben, derart unerbittlich mit dem roten A gebrandmarkt und müssen, wie Hester Prynne, ein Leben abseits der jeweiligen Gemeinschaft führen. Ein Buch als zeitlosen Klassiker zu bezeichnen, mag ein wenig abgedroschen klingen, aber für "The Scarlet Letter" ist diese Phrase absolut zutreffend.


Himmler privat: Briefe eines Massenmörders
Himmler privat: Briefe eines Massenmörders
von Katrin Himmler
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was schockiert, ist die Trivialität dieses Massenmörders..., 12. Juli 2014
"Mögen die Briefe heute zuweilen zum Lachen reizen, muss man sich im Grunde vor ihrer scheinbaren kleinbürgerlichen Normalität fürchten" (23). Vielleicht war Himmler der größte Verbrecher in einem verbrecherischen Regime. Der verklemmte Landwirt und Hühnerzüchter aus dem Bayrischen machte nach dem Ersten Weltkrieg Karriere in der NSDAP, stieg zum Chef der SS auf und verband wie kaum ein anderer ideologischen Rassenwahn mit gnadenloser Effizienz. Zusammen mit dem Historiker Michael Wildt hat Katrin Himmler, Heinrich Himmlers Großnichte, den Briefwechsel zwischen dem “Reichsführer-SS” und seiner Ehefrau Marga zwischen 1927 und 1945 zusammengestellt, redigiert und kommentiert. Ergebnis ist das erschreckendes Dokument eines Mannes, der selbst nach einem Besuch im Vernichtungslager Auschwitz in seinen Briefen eine tiefe Befriedigung über die zwar harte, aber auch "notwendige" Arbeit anklingen lässt.

Die Briefe entwerfen das Bild eines karrierebewussten und kleingeistigen Spießers, dem es immer geradezu penetrant wichtig war, was seine Umgebung von ihm gedacht hat und der seine Schreiben an seine Frau fast immer mit unfreiwillig komischen Abschiedsformeln wie "Ich küsse Dich, meine liebe, kleine Frau! dein Heini" (47) beendete. Es fällt auf, dass sich Himmler in seinen Briefen fast nie zu unverblümten Hass- oder Mordgedanken den Juden oder anderen gegenüber hinreißen lässt. Anders seine Frau, die als Krankenschwester auch in Polen tätig war und im März 1940 schrieb: "Dieses Judenpack, die Pollacken, die Meisten sehen gar nicht wie Menschen aus, u. der unbeschreibliche Dreck. Es ist eine unerhörte Aufgabe dort Ordnung zu schaffen" (226).

Wie konnte es möglich sein, dass Durchschnittsmenschen maßgeblich an der Organisation und Exekution einen Massenmordes beteiligt und dabei der festen Überzeugung waren, das Richtige zu tun? Vielleicht muss man Himmler verstehen, um zumindest in Ansätzen nachvollziehen zu können, wie es zu diesem Menschheitsverbrechen kommen konnte. Doch je intensiver man als heutiger Leser in diese abgründige Welt der scheinbaren Normalität eintaucht, desto größer wird dieses Rätsel, desto größer die Diskrepanz zwischen Person und Taten.


Der islamische Faschismus: Eine Analyse
Der islamische Faschismus: Eine Analyse
von Hamed Abdel-Samad
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,00

13 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Mohamed versetzte seine Gegner [...] in Angst und Schrecken und pflanzte die Saat der Intoleranz in das Herz des Islam" (66)., 5. Juli 2014
Nein, dieses Buch versucht es noch nicht einmal, eine sachliche und um Objektivität bemühte Analyse des titelgebenden Bedrohungspotentials zu liefern. Vielmehr handelt es sich bei "Der islamische Faschismus" um eine Kampfschrift, eine Kampfschrift gegen den Mainstream-Islam, gegen den zeitgeistkonformen Multikulti-Toleranz-Diskurs, für eine selbstbewusste Verteidigung der Werte des Westens. Das ruft natürlich Kritik hervor, ist aber spannend zu lesen und ein wertvoller Beitrag in dieser Diskussion, die aktueller denn je ist.

Hamed Abdel-Samad macht keinen Hehl daraus, dass er recht wenig von der wohlfeilen Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus hält. Die Probleme, so der Autor, liegen nicht in der falschen Auslegung des Korans durch einige verirrte Seelen, sondern seien in der Schrift bewusst angelegt: "Die koranische Einteilung der Welt in Gläubige und Ungläubige ist das Problem. Die Unantastbarkeit des Propheten ist das Problem. Die Bildung, die sich vom Propheten und vom Koran nicht lösen kann, ist das Problem. Denn der Kampf wird erst am Ende aller Tage aufhören" (128). Samad versucht aufzuweisen, dass der Islam viele Eigenschaften mit dem Faschismus teilt und stützt sich dabei auf die Faschismusanalyse des Linguisten und Schriftstellers Umberto Eco ("Eckpfeiler des Ur-Faschismus", S. 20ff.) und kommt dabei zu dem Schluss, dass "Faschismus und Islamismus [...] Krankheiten 'verspäteter Nationen' oder solcher [sind], die auf eine glorreiche Geschichte zurückblicken, sich nun aber in einem Prozess des Zerfalls befinden" (22). Gerade für seine eher unreflektierte Darstellung des Faschismusdiskurses ist Samad heftig kritisiert worden. Aus vielen Theorien greife er sich die Einzelaspekte heraus, die seine Argumentationslinie unterstützen und ignoriere alles andere. Dies ist sicherlich ein Vorwurf, den sich Samad bei seinen plakativen und oftmals auch provokanten Darlegungen stellen muss.

Im zweiten Kapitel seines Buches widmet sich Samad den Muslimbrüdern als prototypische Repräsentanten des faschistischen Islam. Er analysiert das sogenannte Fünfzig-Punkte-Programm der Vereinigung (vgl. 43f.) und wirft daraufhin dem Westen vor, die Absetzung von Mursi in Ägypten durch das Militär als undemokratisch kritisiert zu haben: "Seine Absetzung war kein Putsch, sondern eine Notwendigkeit. Um der Demokratie zu ihrem Recht zu verhelfen" (55f.). Viele Menschen im Westen seien schlicht zu naiv und hätten die Gefahr der Brüder unterschätzt. Wer, wenn nicht das Militär, hätte deren Treiben ein Ende setzen können, zu einem Zeitpunkt, an dem alle demokratischen Institutionen entweder ausgeschaltete oder bereits von den Brüdern kontrolliert worden seien?, fragt Samad. Gegen Faschisten helfen keine Argumente, sondern nur Gewalt, schreibt er seinen Lesern ins Stammbuch.

Auch hier ist Samad in seinen Schlussfolgerungen konsequent und animiert sicherlich viele Menschen zum Widerspruch. Trotzdem beschleicht einen doch der Gedanke, dass sich der Anspruch des Islam nicht mit den Grundwerten einen liberal-demokratischen Rechtsstaates nicht vereinbaren lässt und mittlerweile viele Länder Europas vor einem selbstbewussten Insistieren auf die eigenen Werte zurückschrecken. In immer mehr deutschen Städten rekrutieren Salafisten in aller Öffentlichkeit neue Mitglieder für ihre radikale Auslegung des Islam und man lässt sie gewähren. In Birmingham haben Islamisten mehrere staatliche Schulen unterwandert, radikale Prediger eingeladen, andersgläubige Schüler unter Druck gesetzt und Geschlechtertrennung implementiert und die Schulaufsicht ist erst eingeschritten, als die Lage für viele Menschen lebensbedrohlich geworden ist. Es ist wahrlich kein Wunder, dass eine solch sendungsbewusste Ideologie wie der Islam immer aggressiver auftritt, wenn die Länder des Westens aus Feigheit vor dem Feind oder aus Angst vor dem Vorwurf der "Intoleranz" kampflos die eigenen Werte auf dem Altar einer „bunten Gesellschaft“ opfern: "Im Namen der Toleranz werden mitten in Europa Zustände geduldet, die die Radikalisierung fördern, die Gesellschaft spalten und die Entstehung von Parallelgesellschaften begünstigen" (192). Mit diesem Satz trifft Samad voll ins Schwarze!

Fazit: Das Buch hat definitiv seine Schwächen, aber Samad legt mit seiner rhetorischen Wucht und einem guten Schuss Polemik den Finger in die Wunde. Wo sind die Grenzen der Toleranz? Wann muss eine liberale und offene Gesellschaft das Diskutieren einstellen und anfangen zu handeln, um zu verhindern, dass eine Gastkultur die gewachsenen Normen und Werte der gastgebenden Kultur unterminiert und somit beginnt, das Leben der heimischen Bevölkerung in einem nicht mehr zu akzeptierenden Ausmaß zu beeinflussen? Die sind mittel- und langfristig die wichtigsten Fragen, denen sich Europa im 21. Jahrhundert stellen muss.


All That Is
All That Is
von James Salter
  Gebundene Ausgabe

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Meister der Verdichtung, 8. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: All That Is (Gebundene Ausgabe)
Weltweit flippten die Kritiker aus, als der 87-jährige James Salter 2013 seinen neuen Roman veröffentlichte. In seltener Einigkeit wurde "All that is" als Meisterwerk gefeiert. Der Roman beschreibt das Leben von Philip Bowman, der nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges als junger Mann in die Heimat zurückkehrt, in einem Verlag als Lektor beginnt und dort in den kommenden Jahren äußerst erfolgreich Karriere macht. Mit den Frauen läuft es jedoch nicht so gradlinig; sie kommen und gehen, Ehen scheitern, doch nie findet Bowman so etwas wie dauerhaftes Glück und das Gefühl, dass er etwas entbehrt, lässt ihn ein Leben lang nicht los.

So weit der eher simpel klingende Plot. Das Besondere an Salter ist seine Fähigkeit, Ereignisse, die sich über Jahre hinziehen, in nur wenigen Sätzen verdichtet darzustellen und dabei beim Leser dennoch den Eindruck entstehen zu lassen, dass alles Wesentliche gesagt worden ist. Ebenso beeindruckend sind die zahlreichen Nebencharaktere, Menschen, die Bowman beispielsweise auf einer Party trifft, einige wenige Sätze mit ihnen spricht, bevor diese wieder von der Bühne verschwinden, deren Leben, Wünsche, Verletzungen und Hoffnungen Salter in nur einem Nebensatz zu sezieren weiß. Sein verdichtender und präzise-ökonomischer Schreibstil kann viel und begeistert über weite Strecken des Romans und stößt doch das eine oder andere Mal an seine Grenzen. Verglichen mit anderen großen Gesellschaftsromanen wie Jonathans Franzens "Freedom" oder Jeffrey Eugenides "The Virgin Suicides" erreicht Salters Buch nicht durchgehend die Komplexität der genannten Romane.

Fazit: Toller Roman, zweifelsohne, aber die extreme Lobhudelei erscheint mir doch ein bisschen übertrieben und scheint eher das Werk der findigen Marketingabteilung zu sein. Dennoch bleibt "All that is" sehr zu empfehlen.


Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur: Eine Intervention
Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur: Eine Intervention
von Aleida Assmann
  Taschenbuch
Preis: EUR 16,95

10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Erinnerung setzt Vergessen voraus. Erinnern per se für etwas Gutes zu halten ist Unsinn" (180)., 2. Juni 2014
Erinnerungskultur als Modewort – Kaum eine Diskussion über Vergangenes mehr, ohne dass dieser Begriff bemüht wird. Und gerade 2014, im Jahr des "Gedenkmarathons", wird ein geradezu inflationärer Gebrauch offensichtlich. Aleida Assmann, zusammen mit ihrem Mann Jan Assmann seit Jahren maßgeblich beteiligt, sowohl an der theoretischen Ausarbeitung des Konzeptes als auch an der praktischen Erforschung der deutschen und europäischen Erinnerungskultur, rekonstruiert in ihrer neuen Darstellung “Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur” den aktuellen Stand eben dieser, geht aber auch auf die immer wieder geäußerte Kritik daran ein.

Im Zentrum des Buches steht die Erinnerung an die beiden Unrechtsregime auf deutschem Boden im 20. Jahrhundert und welchen Stellenwert diese im deutschen und europäischen kulturellen Gedächtnis einnehmen. Nach einem einleitenden ersten Kapitel, in welchem die theoretischen Grundlagen des Konzepts dargelegt werden, widmet sich Assmann zuerst der äußerst erfolgreichen ZDF-Produktion 'Unsere Mütter, unsere Väter' und zeigt auf, welche neuen erinnerungskulturellen Akzente dieser Film bezüglich der Rekonstruktion der NS-Vergangenheit setzt. Heftig kritisiert Assmann die apologetischen Tendenzen, die ihrer Meinung hier deutlich werden: "Das ZDF-Epos enthält zudem längere Passagen in polnischer Sprache, die den krassen Antisemitismus polnischer Partisanen schildern, was in diesem Fall nicht nur eine Gedankenlosigkeit, sondern die problematische 'Externalisierung' eines deutschen Problems ist, von dem die zentralen Charakter frei gehalten sind und das auf diese Weise einfach über die Grenze geschoben wird" (198). Allein schon Assmanns Analyse dieses Films lohnt den Kauf des Buches.

Der deutsche Umgang mit der eigenen dunklen Vergangenheit wird weltweit gelobt. Das Credo 'Nie wieder Auschwitz' bildet den kategorischen Imperativ unserer Republik. Doch Assmann fragt provokant: "Ist die deutsche Erinnerungskultur [...] eine versteckte Fortsetzung deutscher Hybris?" (59) Sie legt dar, dass nicht nur die Neue Rechte aus politischen Gründen der intensiven Erinnerung an von deutschen begangenes Unrecht ablehnend gegenübersteht, sondern auch viele Historiker zunehmend kritischen Töne äußern. Ist es nicht anmaßend, dass die deutsche Erinnerungskultur vielen ein Gefühl der moralischen Überlegenheit vermittelt, welches sich aus der Übernahme der Opferperspektive speist?, formuliert Assmann dieses titelgebende neue Unbehagen (vgl. 59ff..). Besteht durch den deutscher Erinnerung zugrundeliegenden moralischen Impetus nicht die Gefahr, dass legitime abweichende Meinungen zunehmend diskreditiert werden?: "Political Correctness lässt sich definieren als eine Form der Selbstkontrolle der öffentlichen Meinung mit dem Mittel der Moralisierung" (82), formuliert Assmann. Überzeugend gelingt es ihr, den Grenzbereich zwischen dem unbedingt notwendigen moralischen Anspruch deutscher Erinnerungskultur und dem Moralisieren zwecks Unterdrückung anderer Meinungen auszuloten.

Fazit: An dieser Darstellung kommt keiner an der Thematik Interessierter vorbei. Detailliert analysiert Assmann die aktuellen Akzentverschiebungen im deutschen erinnerungskulturellen Haushalt und geht erstmals auch in Buchform auf Kritik an dem Konzept ein. Dies alles ist spannend und mit viel Gewinn zu lesen und wird der Debatte sicherlich neuen Schwung verleihen, gerade im Jahr 2014.


Report from the Interior
Report from the Interior
von Paul Auster
  Taschenbuch
Preis: EUR 13,61

5.0 von 5 Sternen "I sometimes shudder to realize that I am unfit to be loved by anyone" (238)., 18. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Report from the Interior (Taschenbuch)
Paul Auster ist nun seit knapp drei Jahrzehnten, spätestens seit der Veröffentlichung seines genialen Romans "The New York Trilogy" im Jahr 1988, einer der ganz großen Schriftsteller der Vereinigten Staaten. In seinen Büchern seziert er immer gekonnt und schonungslos die amerikanische Psyche, die Traumata einer Nation und wie der einzelne Mensch versucht, sich in diesem Chaos nicht zu verlieren. In "Brooklyn Follies" rekonstruiert Auster anhand eines einzelnen Charakters, Nathan Glass, das Leben eines Durchschnittsamerikaners kurz vor 9/11, und im großartigen "Sunset Park" schildert Auster das Leben eines Jedermanns im von der Finanzkrise heimgesuchten Amerika. In den vergangenen Jahren jedoch hat Auster sich von den großen Themen des Weltgeschehens verabschiedet und sich mehr und mehr der eigenen Person zugewandt. In "Winter Journal" beschrieb Auster seinen schriftstellerischen Werdegang und wählte dazu die eher ungewöhnliche Du-Erzählperspektive. In seinem nun vorliegenden neuen Buch "Report from the Interior" geht er noch einen weiteren Schritt zurück in die Vergangenheit und macht zunächst sein eigenes kindliches Ich zum Fokus dieser fiktionalisierten Autobiografie: "In thinking where you want to go with this, you have decided not to cross the boundary of twelve, for after the age of twelve you were no longer a child" (5).

Der Roman besteht aus drei Abschnitten. Im ersten versucht Auster, seine ersten Lebensjahre zu Papier zu bringen, seine ersten Erinnerungen, sein erster Aufenthalt in einem Ferienlager, die ersten nachwirkenden Aha-Erlebnisse in der Schule. Anschließen beschreibt Auster zwei Filme, die er als Junge immer wieder geschaut hat und die ihn tief beeindruckt haben. Die Beschreibung dieser Filme, "The Incredible Shrinking Man" und "I am a Fugitive from a Chain Gang", gelingt so lebhaft und besitzt einen derart mitreißenden Spannungsaufbau, dass man es kaum erwarten kann, sich diese alten Schinken einmal selbst anzuschauen. Im abschließenden Kapitel legt Auster da, wie er zufällig in den Besitz der Briefe gekommen ist, die er als junger Mann seiner zukünftigen ersten Ehefrau geschrieben hat. Hier erkannt man deutlich die ersten Gehversuch des Schriftstellers in spé.

Fazit: "Report from the Interior" ist für jeden Auster-Fan ein Muss. Glänzend geschrieben, ist die Reise in die eigene Vergangenheit des alternden Schriftstellers genauso spannend zu lesen wie seine besten Romane. Auster-Neulingen sei aber zuerst einmal einer seiner vielen großartigen Romane empfohlen.


The Blazing World: A Novel
The Blazing World: A Novel
von Siri Hustvedt
  Gebundene Ausgabe

11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Celebrity is life in the third person" (346)., 4. Mai 2014
Die Künstlerin Harriet Burden fühlt sich missachtet und will es der selbstverliebt-dekadenten Kunstwelt mal so richtig zeigen. Also erschafft sie in einem Zeitraum von fünf Jahren drei Installationen, die tatsächlich allesamt zu großen Erfolgen werden, nur mit dem kleinen Haken, dass sie sich für jedes Projekt einen Mann engagiert hat, der für die Öffentlichkeit als Erschaffer fungiert. Als finalen Akt möchte sie die Bombe platzen lassen und somit die Welt wissen lassen, dass es in der Kunstwelt nur um Schein und Marketing geht und Frauen immer noch diskriminiert werden. Jahre später stößt Professor Hess (ob es sich dabei um einen Mann oder eine Frau handelt, bleibt unklar) auf diesen fehlgeschlagenen Coup und versucht, die genauen Abläufe, die zu diesem Experiment geführt haben, zu rekonstruieren. Die Aufzeichnungen bestehen aus Tagebuchaufzeichnungen der mittlerweile verstorbenen Harriet, diversen Interviews, Aufzeichnungen der Tochter und des Liebhabers und vieles mehr. So ergibt sich langsam ein komplettes Bild von einer irren Idee, die langsam außer Kontrolle gerät und tiefe Einblicke in die Psyche einer gekränkten und egomanischen Frau liefert.

Siri Hustvedts neues Buch “The Blazing World” ist ein wahnsinnig spannender Roman, der bis zur letzten Seite fesselt und mit seiner Offenlegung von menschlichen Abgründen fasziniert. Wie auch in "What I loved" und "The Sorrows of an American" zeigt Hustvedt wieder einmal, wie gut sie Anspruch und Unterhaltung zu verbinden weiß. Mit ihrer brillanten Sprache schafft sie es immer wieder, die wirren und vielschichtigen Ereignisse von den außenstehenden Charakteren kommentieren zu lassen und somit in einen breiteren Kontext einzuordnen: "But it is not what is said that makes us who we are. More often it is what remains unspoken" (51). "The Blazing World" ist ein Muss für den Liebhaber zeitgenössischer amerikanischer Literatur.


Deutschland von Sinnen: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer
Deutschland von Sinnen: Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer
von Akif Pirincci
  Broschiert
Preis: EUR 17,80

25 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Better a witty fool than a foolish wit" (Twelfth Night, I,v, l.36)., 18. April 2014
Wer ist immer der mächtigste Charakter in den Dramen William Shakespeares? Der König? Mitnichten, der arme Mann verlebt zumeist, umgeben von Neidern oder zerfressen von der eigenen Machtgier, keine ruhige Minute und ist am Ende von Akt fünf zumeist tot. Selbiges gilt für die des Öfteren ebenso machtaffine Ehefrau des Königs sowie dessen Beraterstab. Nein, der mächtigste Charakter bei Shakespeare ist der Narr, "fool" genannt im englischsprachigen Original. Offiziell zur Unterhaltung des Königs und der gesamten Hof-Entourage angestellt, formuliert der fool unter dem Deckmäntelchen der Narretei teils heftige Kritik an Person und/oder Politik des Königs und kommt stets ungeschoren davon, da sich am Ende alles in Gelächter auflöst und der König seinem ungezogenen Narren auf die Schulter klopft und ihm im Spaß für seine bösen Worte rügt. Mit Akif Pirincci betritt nun ein neuer Narr die Bühne der Bundesrepublik Deutschland. Nicht bewaffnet mit Zahlen, Statistiken und Konzepten, siehe Sarrazin oder Buschkowsky, sondern mit wüsten Beschimpfungen, pauschalen Verunglimpfungen und einer unzensiert-prolligen Sprache pöbelt Pirincci gegen Sozis, Grüne, Sozialarbeiter, Soziologen, Gendermainstreaming, Muslime sowie die Harmonie- und Toleranzsucht im "linksversifften" (12) Deutschland der Gegenwart.

Nein, Pirinnci macht keinen Hehl daraus, dass er den Stellenwert, den der Islam und Homosexuelle in Deutschland im Moment innehaben, für übertrieben hält, und auch mit sonst allem, was sich politisch links verorten lässt, recht wenig am Hut hat: "Die Heterosexualität [...], das Normale, wird entweder als ein Witz oder als graue Zahlenkolonne abgehandelt. Es sei denn, es dreht sich um Muslims, da singt sogar der Lederschwule von der taz das Hohelied des Heteros und verteidigt Ayses Kopftuch mit Zähnen und Klauen, damit sie nicht etwas durch das obszöne Zeigen ihres Haares auf Schritt und Tritt, wie es in Deutschland so der Brauch ist, vergewaltigt wird" (12). Und gleich zu Beginn so richtig in Rage, wirft er den Grünen, seinen Lieblingsgegnern, vor, das Inzestverbot abschaffen zu wollen, "so daß eines nicht allzu fernen Tages der Papa hoffentlich und endlich die eigene Tochter knallen und die Mutter sich vom eigenen Sohn lecken lassen kann" (15).

Ohne Frage, das ist alles grenzenlos polemisch, unfair, obszön und für den einen oder die andere zartbesaitete Zeitgenossin sicherlich auch verletzend. Jedoch zeigen die Reaktionen auf Pirinccis Buch (rechtsradikal, menschenverachtend, hasserfüllt etc.pp.), dass der Autor mit seiner Grundkritik in einigen Punkten doch richtig zu liegen scheint. Der Narr artikuliert hier Dinge, die gar nicht erst diskutiert, sondern gleich diffamiert werden. Ijoma Mangold, Feuilletonchef der Zeit, war sich in seiner Rezension zu „Deutschland von Sinnen“ dann auch wirklich nicht zu schade, den selten dämlichen Mein-Kampf-Vergleich zu ziehen. Damit hat er bewiesen, dass er zumindest eines der Bücher niemals gelesen hat. Hitlers Machwerk ist, trotz einiger absurd-komischer Passagen, wo er seitenweise mit biologisch nicht ganz korrekten Tiervergleichen glänzt, ein kaum zu lesendes Geschreibsel, welches nach 800 Seiten dann auch schlicht und einfach langweilig wird. Langweilig ist Pirrincis Buch, ob man es nun mag oder nicht, zu keiner Zeit. Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass es in Mein Kampf keine Stellen wie diese gibt, die wohl auch Mangold sofort unterschreiben würde: "Denn eine Gesellschaft ohne ihre Paradiesvögel, Abgründigen [...] und eben Andersartigen ist eine im Geiste arme und stinklangweilige, vor allem keine innovative" (23). Oder auch: "Und alle Kritik fängt mit Religionskritik an. [...] Das Recht, gottlos und freien Geistes zu leben, wurde einst mit Blut erkämpft. Soll das alles umsonst gewesen sein?" (29f.) Das sind eher die Worte eines Liberalen und bestimmt nicht die des Deppen aus Braunau.

Die spannende Frage ist, warum sich "Deutschland von Sinnen" so ungeheuer erfolgreich verkauft. Welchen Nerv hat Pirincci, so wie vor ihm auch Sarrazin, getroffen? Ich denke, dass Pirinccis direkte Sprache, ohne jedwede Rücksicht auf wie auch immer geartete Konventionen, von vielen Menschen als befreiend empfunden wird, in einer Zeit, da sich Sprache mehr und mehr einem Diskurs anzudienen hat, der peinlich darauf bedacht ist, alles und jeden einzuschließen. Aus Studenten werden StudentInnen und später dann Studierende, aus Fußgängern werden Zu Fuß Gehende, aus Assimilierung wird Anpassung wird Integration wird Recht auf Teilhabe, aus Ausländern werden Mitbürger mit Migrationshintergrund. Dieses Neusprech verkörpert ein neues Denken, welches von immer mehr Menschen zunehmend kritisch gesehen wird. Die Idee scheint zu sein, dass das Andere per se als etwas positives und bereicherndes angesehen werden soll, egal, worin dieses Andere besteht. Stets wird die „bunte Gesellschaft“ als etwas schönes und gutes beworben, obwohl dies schlicht und einfach nicht der Lebenswirklichkeit von Millionen von Menschen entspricht. Auch hat diese Entwicklung nichts mehr mit dem ursprünglichen Toleranzbegriff zu tun. Tolerant sein bedeutet dem Wortsinn nach, etwas zu ertragen, was man zutiefst ablehnt, um so den gesamtgesellschaftlichen Frieden zu sichern. In diesem Sinne ist Pirincci eigentlich ein nahezu prototypischer Vertreter des ursprünglichen Toleranzbegriffes im Geiste von Voltaire.

Fazit: Ich bin für die Homo-Ehe, Homosexuelle sollen auch Kinder adoptieren dürfen, und auch gegen das Recht auf Abtreibung habe ich nichts einzuwenden. Trotzdem habe ich „Deutschland von Sinnen“ mit großem Vergnügen gelesen und die einhellige Verdammung in den meisten Medien als äußerst entlarvend empfunden. Nicht Pirincci ist das Problem, sondern der Zwang, als guter Staatsbürger, alles, was neu und anders ist, als Bereicherung ansehen zu müssen. Dadurch fühlen sich viele Menschen nicht mehr in Politik und Medien repräsentiert, die zwar aus voller Überzeugung Toleranz im ursprünglichen Sinne ausüben und leben wollen, sich aber auch das Recht herausnehmen, Neues auch abzulehnen und den Anspruch erheben, dass jeder, der Teil der deutschen Gesellschaft sein möchte, hiesige Normen und Werte ohne wenn und aber zu akzeptieren hat. Wenn das bereits als „rechts“ diffamiert wird, zeigt das, dass unsere Eliten in Politik und Medien den Bezug zur Realität verloren haben.
Kommentar Kommentare (35) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 22, 2014 9:22 PM MEST


Goethe - Kunstwerk des Lebens: Biografie
Goethe - Kunstwerk des Lebens: Biografie
von Rüdiger Safranski
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 27,90

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Die Vernetzung aller mit allen..., 17. April 2014
...ist die große Stunde des Konformismus" (15) schreibt Rüdiger Safranskis gleich auf der ersten Seite seiner Biographie über den wohl deutschesten aller deutschen Dichter. Unsere heutige Gegenwart ist vernetzter, als jemals zuvor. Jeder kann mit jedem über alles und nichts kommunizieren; der Zugang zu Filmen, Büchern und Musik, mitsamt mal mehr mal weniger qualifizierten Kommentaren zu eben diesen, ist grenzenlos. Kann ein solches Zeitalter der ultimativen Verfügbarkeit von Informationen überhaupt noch einen Menschen von solcher Schöpfungskraft und solch einer Masse von Produkten hervorbringen? Auch Goethe, so Safranski, sei immer interessierter Beobachter und Teilnehmer des politischen und kulturellen Lebens seiner Zeit gewesen. Doch viel wichtiger: "Er machte es sich zum Grundsatz, nur so viel Welt in sich aufzunehmen, wie er auch verarbeiten konnte [...]. Er konnte auch wunderbar ignorieren" (ebd.). Diese Kunst des Ignorierens, im Zeitalter des penetranten Dauerinputs eigentlich wichtiger denn je, scheint heute jedoch nur noch von wenigen beherrscht zu werden. Rüdiger Safranskis neues Buch "Goethe – Kunstwerk des Lebens" ist eine glänzend recherchierte und hervorragend geschriebene Darstellung dieses deutschen Genius' als Mensch seiner Zeit in all seinen verschiedenen Rollen.

Safranski beschreibt das Leben des hochbegabten Sprosses einer wohlhabenden Frankfurter Juristenfamilie, der bereits zu Schulzeiten mit zahlreichen Gedichten seinen Freundeskreis beglückt, dann zum Studium nach Leipzig und Straßburg ging, dort seine vielen Liebeleien wiederum in Gedichten verarbeitet und reflektierte und später dann als Intimus des Herzogs von Weimar Karriere zu machen, ohne dabei viel arbeiten zu müssen. Safranski nähert sich dabei den entscheidenden Ereignissen im Leben Goethes anhand der von ihm zu dieser Zeit verfassten Schriften. Dabei gelingt ihm ein Einblick in das Gesamtwerk Goethes, wobei er es schafft, die zentralen Aspekte eines Werkes auf den Punkt zu bringen, ohne dabei allzu sehr zu vereinfachen oder ins platitüdenhafte abzudriften. Zudem gelingt dem Buch mit der Beschreibung von Goethes Leben und Werken sowie der Rezeption und Diskussion um eben diese eine lebhafte Rekonstruktion des politischen, literarischen und philosophischen Panoramas vom Deutschland des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Die Auswirkungen des Sturm und Drang, Goethes Freundschaft mit Schiller sowie die Revolutionskriege und Goethes persönliche Bekanntschaft mit Napoleon sind nur einige Aspekte, die Safranski hier aufgreift.

Goethe als Nonkonformist, der selten jemanden nach dem Mund sprach, aber auch von Hause aus die Unabhängigkeit besaß, dies für sein Auskommen nie nötig gehabt zu haben; Goethe der Charmeur, der ständig flirtete, aber wohl erst während seines Italien-Aufenthaltes das erste Mal mit einer Frau schlief; es sind auch diese Widersprüche, die die bis heute andauernde Faszination für diesen wohl letzten Universalgelehrten ausmachen, dem Safranski hier ein Denkmal setzt, welches wohl auf Jahre das Standardwerk über Goethe bleiben wird.


Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki
Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki
von Haruki Murakami
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Irgendwo zwischen Kitsch und Literaturnobelpreis, 11. April 2014
Ein weiterer entwurzelter männlicher Charakter in der weiten Welt de Haruki Murakami. Der Mitdreißiger Tsukuru Tazaki lebt alleine in Tokio und arbeitet für ein Unternehmen, welches Bahnhöfe baut und instandhält. Seiner neuen Freundin Sara vertraut er das große traumatisches Ereignis seiner Jugendjahre an. Mit 20 wurde er ohne Angabe von Gründen von seinen vier besten Freunden aus der gemeinsamen Clique verstoßen. Seitdem quält Tsukuru die Frage, warum die Menschen, die ihm am nächsten standen, dies angetan haben. Sara setzt ihm die Pistole auf die Brust: Er darf sie erst wiedersehen, wenn er seine ehemaligen Freunde aufgesucht und zur Rede gestellt hat. Also begibt sich Tsukuru auf eine bewegte Reise in seine Vergangenheit, die ihn in seine alte Heimatstadt Nagoya und ins ferne Finnland führt.

"Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" beinhaltet alle bekannten Elemente eines Murakami-Romans: Der Protagonist driftet teilnahmslos durch sein eigenes Leben, bis er irgendwann, animiert durch ein mal weltliches, mal übernatürliches Ereignis, aus seinem Trott gerissen wird und sich auf die Suche nach seinem "wahren Selbst" macht. Garniert wird diese Sinnsuche mit zum Teil unfreiwillig komischen Sprüchen wie: "Gedanken sind wie Barthaare. Sie sprießen erst, wenn man erwachsen ist" (52). Fairerweise muss man dazu sagen, dass im japanischen Original wahrscheinlich tiefsinnige Bemerkungen im Übersetzungsprozess des Öfteren auf das Niveau von Kalenderblättchenweisheiten reduziert werden. Doch auch wenn sich Murakami stets haarscharf an der Grenze zum Kitsch bewegt, besitzen seine Romane eine Anziehungskraft, der man sich auch als nicht Kitsch-affiner Leser schwer entziehen kann. Die emotionale Leere und Einsamkeit der Charaktere sind überzeugend dargestellt, ebenso wie die Sehnsucht nach so etwas wie Sinn bei der kleinsten sich offerierenden Gelegenheit. Die Verkaufszahlen belegen, dass Murakami mit dieser Mischung einem Bedürfnis der Gegenwart entspricht.

Fazit: Billiger Wohlfühlschund? Große Literatur? Darüber werden sich Leser und Kritiker wohl noch lange die Köpfe heiß diskutieren. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen und jeder muss selbst entscheiden, in welche Kategorie er Murakami einzuordnen gedenkt.


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11-20