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Beiträge von Michael Dienstbier
Top-Rezensenten Rang: 160
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Rezensionen verfasst von Michael Dienstbier "Privatrezensent ohne finanzielle Vorteile" (Bochum)
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
20 Essays auf höchstem Niveau, 17. Februar 2011
Das einzige, was man diesem Essayband eines der bekanntesten und renommiertesten Historiker Deutschlands vorwerfen kann, ist der etwas irreführende Titel. Die in dem Buch versammelten Beiträge behandeln Einzelaspekte in dem Zeitraum von 1918 bis 1945. Die Entwicklungen in der BRD sowie in der DDR spielen keine Rolle. Von den insgesamt 20 Essays sind lediglich sechs schon vorher an anderer Stelle erschienen. Die 20 Beiträge sind in vier Abschnitte unterteilt: 1. Teil - Von Weimar zum Dritten Reich (4 Essays). 2. Teil - Hitlers Aufstieg und Monopolisierung der Macht (6 Essays). 3. Teil - Krise und Verfall des Dritten Reiches (3 Essays). 4. Teil - Der Widerstand im Dritten Reich (7 Essays). Als besonders tiefschürfend und erkenntnisreich habe ich die Aufsätze über Krise und Zerfall des 'Dritten Reiches' empfunden. Hans Mommsen beschränkt sich nicht auf die Darlegung der mehr oder weniger bekannten Fakten, sondern versucht, das Geschehen in der Endphase der nationalsozialistischen Herrschaft unter Berücksichtigung moralischer, psychologischer und gruppendynamischer Prozesse verständlich zu machen. Wieso lief die Vernichtung der europäischen Juden so lange so präzise und perfekt, selbst als die militärische Lage längst hoffnungslos war?: "Hitler", so Mommsen, "war stets der ideologische Motor der 'Endlösung', hielt sich aber bei konkreten Entscheidungen eher bedeckt" (230). Überzeugend analysiert Mommsen die Eigendynamik, die sich bis in die niedersten Ebenen der Gesellschaft entfaltete. Die Stärke der Beiträge über die Widerstandsbewegungen im 'Dritten Reich' ist, dass sie neben der bloßen Darstellung der Vorgehens und der Motive der Beteiligten auch auf deren Vorstellungen für ein Deutschland nach dem Sturz Hitlers eingehen, was sonst häufig vernachlässigt wird. Gerade bei dem zivil orientierten Kreisauer Kreis unter der Führung Helmuth von Moltkes sowie der Verschwörergruppe rund um den 20. Juli gab es erhebliche Unterschiede sowohl im politischen als auch im gesellschaftlichen Bereich. Fazit: Dieses Buch ist beste Werbung für die literarische Form des Essays. Auf relativ wenigen Seiten werden hier zentrale Einzelaspekte der deutschen Geschichte detailliert und sehr gut lesbar behandelt. Grobes Überblickswissen wird in den Beiträgen nicht vermittelt, sondern vielmehr vorausgesetzt.
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12 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
"Wir haben keine Zeit, obwohl wir sie im Überfluss gewinnen" (11)., 30. Januar 2011
Es ist ein Modewort, zugegeben. Aber es ist auch ein Begriff, der die Lebenswirklichkeit von mehr und mehr Menschen zu treffen scheint: Entschleunigung! Denn obwohl wir in einer Welt leben, die durch mannigfache technische Innovationen unser aller Leben angenehmer und entspannter gestalten sollten, haben viele den genau entgegengesetzten Eindruck. Es scheint so, als ob uns immer weniger Zeit bliebe, die Herausforderungen des Alltags zu bewältigen. Handelt es sich hierbei lediglich um ein subjektives und nicht zu bestätigendes Gefühl, oder lassen sich in unserer Gesellschaft Strukturen entdecken, die dieses Phänomen erklären können? In seiner grundlegenden Habilitationsschrift "Beschleunigung - Die Veränderungen der Zeitstrukturen in der Moderne" beschäftigt sich der Soziologe Hartmut Rosa mit dieser Fragestellung und kommt zu Ergebnissen, die zentrale Strukturelemente unserer Gegenwart auf den Punkt bringen. "Wir haben keine Zeit, obwohl wir sie im Überfluss gewinnen" (11) beschreibt Rosa den offensichtlich erscheinenden Widerspruch, dass uns trotz aller technischen Hilfsmittel zur Zeitersparnis, die Zeit immer schneller davon zu rennen scheint. Für Rosa stellt diese technische Beschleunigung aber nur einen, und bei weitem nicht den wichtigsten, Aspekt der Beschleunigung dar. Beschleunigung, so Rosa, stelle ein "Grundprinzip" (15) dar, welches sich auf drei Arten der Beschleunigung zurückführen lasse: "Sie haben es zum Ersten mit technischer Beschleunigung zu tun, die sich [...] abstraktlogisch betrachtet entschleunigend auf das Tempo des Lebens auswirken sollte. Tatsächlich stellt aber die Beschleunigung des Lebenstempos eine zweite, angesichts der technischen Beschleunigung paradoxe Form sozialer Akzeleration dar, die [...] möglicherweise mit einer dritten, analytisch unabhängigen Erscheinungsweise sozialer Beschleunigung zusammenhängt: mit der Beschleunigung der sozialen und kulturellen Veränderungsraten" (16). Beschleunigung dürfe also nicht nur als ein lediglich technisches Phänomen verstanden werden, frei nach dem Motto: Da vom Auto bis zur Internetverbindung alles immer schneller wird, beschleunigt sich auch unser Leben, denn eigentlich sollte ja genau das Gegenteil der Fall sein. Rosa legt dar, dass die technische Beschleunigung nur die Voraussetzung "für die Vielfalt an sozialen Beschleunigungsprozessen [darstellt], welche jenen Veränderungen zugrunde liegen und heute vor allem unter dem Stichwort der Globalisierung diskutiert werden" (174). Es bleibt die Frage, wodurch genau sich die soziale Beschleunigung, die unserer Moderne zugrunde liegt, auszeichnet. Rosas Definition verlangt einiges an geistiger Mühe, liefert aber ein messerscharfes Analyseschema zum Verständnis unserer Gegenwart: "Beschleunigung des sozialen Wandels lässt sich damit definieren als Steigerung der Verfallsraten von handlungsorientierenden Erfahrungen und Erwartungen und als Verkürzung der für die jeweiligen Funktions-, Wert- und Handlungssphären als Gegenwart zu bestimmenden Zeiträume" (133). Als Prozess der "Erlebnisverdichtung" (201) bezeichnet Rosa dieses Phänomen. Die Beschleunigung unseres Lebenstempos zeichnet sich demnach dadurch aus, dass die "Erlebnisepisoden pro Zeiteinheit" (ebd.) ständig zunehmen. Dies habe nicht nur grundlegende Auswirkungen auf das Individuum, welches durch diese Entwicklung gnadenlos überfordert werde (Rosa zieht hier einen Zusammenhang zwischen Beschleunigung und zunehmenden Depressionserkrankungen, vgl. S. 43), sondern auch auf die Institutionen unserer Gesellschaft, die den Beschleunigungskräften der Moderne nicht mehr widerstehen können und somit zu "Beschleunigungshemmnissen" (157) werden, die drohen, ein Opfer dieses Prozesses zu werden. Fazit: Den Prozess der Beschleunigung bewertet Rosa als mit das wichtigste zu bewältigende Problem für unsere Zukunft. Sein Fazit ist alles andere als optimistisch und entfaltet gerade deshalb eine besondere emotionale Überzeugungskraft: "Den Verlust der Fähigkeit, Bewegung und Beharrung zu balancieren, so steht zu vermuten, wird die moderne Gesellschaft schließlich mit der Erzeugung nuklearer oder klimatischer Katastrophen, mit sich rasend schnell ausbreitenden neuen Krankheiten oder neuen Formen des politischen Zusammenbruchs und der Eruption unkontrollierter Gewalt bezahlen, die uns besonders dort zu erwarten stehen, wo die von den Beschleunigungs- und Wachstumsprozessen ausgeschlossenen Massen sich gegen die Beschleunigungsgesellschaft zur Wehr setzen" (489).
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23 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Einblicke in die Konstruktion einer Moral des Mordes, 12. Januar 2011
Es ist eines der unheimlichsten und verstörendsten Dokumente des "Dritten Reiches". Am 4. Oktober 1943 hielt Heinrich Himmler in Posen eine Rede vor knapp 100 SS-Offizieren. Diese Rede wurde heimlich aufgezeichnet und liefert somit einen intensiven Einblick in die internen Vorgänge und Argumentationsstrukturen des Herrenmenschenordens. In seinem knapp dreieinhalb stündigen Vortrag äußert sich Himmler nur gut sechs Minuten zu dem Thema der Vernichtung der europäischen Juden. Seine Worte liefern einen Einblick in die Moral der SS, welche einen bis heute kalte Schauer über den Rücken laufen lässt: "Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn hundert Leichen beisammen liegen, wenn fünfhundert daliegen oder wenn tausend daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei - abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwäche - anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte." Was bildet den Kern dieser Moral, welche Mitleid mit tausenden von dahin geschlachteten Menschen als "Ausnahmen menschlicher Schwäche" und das massenhafte Morden als "anständig" bewertet? "Anständig geblieben" lautet daher auch der passende Titel der neuen Darstellung von Raphael Gross, die sich mit dem Thema der nationalsozialistischen Moral auseinandersetzt. Gross nähert sich dem Thema, indem er verschiedene Aspekte der nationalsozialistischen Gesellschaft aufgreift und sie unter der Fragestellung der Moral analysiert. So wird unter anderem der NS-Propagandafilm "Jud Süß" bezüglich der Konstruktion der Moral in Nazi-Deutschland behandelt (Kapitel 1). In Kapitel 2 und 3 arbeitet der Autor heraus, inwiefern sich die moralischen Normen der Nationalsozialisten im Rechtssystem des "Dritten Reiches" manifestiert haben und welche Rolle die Religion für Herleitung und Rechtfertigung der NS-Moral diente. Des Weiteren werden unter anderem Adolf Eichmann als ein typischer Repräsentant des nationalsozialistischen Täters (Kapitel 8) und abschließend die Bedeutung der NS-Moral für unsere heutige Gesellschaft am Beispiel der Friedenspreisrede Martin Walsers 1998 analysiert. Die zentrale Kategorie im Wertesystem des "Dritten Reiches" bildet die Treue, was auch im Leitspruch der SS "Deine Ehre heißt Treue" zum Ausdruck gekommen ist: "'Treue' bezeichnet in fast jedem moralischen System eine Eigenschaft, die positiv bewertet wird. Sie ermöglicht es erst, dass Menschen langfristig soziale Bindungen eingehen können, und macht das Verhalten innerhalb dieses Rahmens berechenbar. Den Treuebegriff, den wir in den NS-Quellen vorfinden, weicht davon in verschiedener Hinsicht ab [...]. Der Nationalsozialismus betrachtet Treue als eine spezifisch 'deutsche' oder 'arische' Tugend, als seien moralische Werte das Eigentum bestimmter vorgegebener Gemeinschaften" (90). Ein verabsolutierter exklusiver Treuebegriff macht den Kern der NS-Moral aus und kann zumindest in Ansätzen erklären, warum viele Menschen so handelten, wie sie es nun einmal taten. Wenn Treue und Gehorsam zum kategorischen Imperativ einer gesamten Gemeinschaft werden, verliert es an Bedeutung, welche konkreten Inhalte mit den Gehorsam gegenüber bestimmten Befehlen verbunden sind. Das Gehorchen allein bildet von nun an einen Wert an sich. Fazit: Vielfach ist zu hören, dass die Nationalsozialisten schlicht und einfach keine Moral hatten und daher in der Lage waren, ihre Taten zu vollbringen. Genau das Gegenteil ist jedoch der Fall: "Ohne Moral hätte sich der Massenmord nicht bewerkstelligen lassen" (248). Eine bessere Kenntnis dieser Moral ist unerlässlich zum Verständnis des "Dritten Reiches" und der in diesem Zeitraum begangenen Verbrechen gegen die Menschheit.
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13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen
"It's humiliation that makes us human" (88)., 7. Januar 2011
"The Finkler Question" handelt von Verlust - Verlust von geliebten Menschen, Verlust von Sicherheit, Verlust von Identität. Doch zugleich handelt der Roman vom Versuch, sich in dieser Welt voller Verlust und Einsamkeit eine Nische zu schaffen, um so etwas wie Sinn und/oder Geborgenheit zu finden. Im Zentrum der Handlung stehen Julian Treslove, Sam Finkler und Libor Sevcik. Vor Jahrzehnten hat der tschechischstämmige Libor Julian und Sam an einer Londoner Privatschule unterrichtet und die drei Herren haben seitdem nie den Kontakt zueinander verloren, so unterschiedlich sich ihre Lebenswege auch entwickelt haben. Sam hat es zu einem angesehenen Philosophen gebracht, der regelmäßig in Funk und Fernsehen zu Gast ist, wohingegen Julian mit Doubleauftritten seine Brötchen verdienen muss. Nachdem Sam und Libor innerhalb weniger Monate zu Witwern werden und Julian es eh nie lange mit einer Frau aushält, vertieft das geteilte Leid die Männerbeziehung noch einmal: "Bereavement - heartless bereavement - was the reason they were seeing more of one another than they had in thirty years" (23). Ein Überfall kurz nach einem Besuch bei Libor stürzt Julian in eine Identitätskrise: Er meint, die Täterin habe ihn als "You Jew" bezeichnet.Seitdem quält er sich mit der Frage, ob er tatsächlich jüdische Wurzeln hat. Hat diese Person einen Teil seiner Identität erkannt, der er sich bisher selbst nicht bewusst geworden ist? Von nun an entwickelt er eine geradezu manische Besessenheit bezüglich des Thema Jüdischsein, womit er bei Sam und Libor, beides Juden mit einer eher kritischen bis ablehnenden Haltung gegenüber ihrer Kultur, genau an der richtigen Adresse ist. Es entwickelt sich eine Geschichte voller Humor und Tragik, Einsamkeit und Sinnsuche. Fazit: "The Finkler Qustion" wurde im Oktober 2010 mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet. Die damit verknüpften Erwartungen kann der Roman aber nicht durchgängig erfüllen. Julian Tresloves Suche nach seiner Identität weist eindeutig Längen auf. Viele Aspekte wiederholen sich, ohne das Plot oder Charakterzeichnung nennenswert vorangetrieben werden. Somit hinterlässt das Buch einen eher zwiespältigen Eindruck ohne aber vollständig zu enttäuschen.
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13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
"Two is the only number that counts. One defines the real" (224)., 4. Januar 2011
Wie hat die Wirtschafts- und Finanzkrise die USA und vor allem das Leben der einfachen Bevölkerung beeinflusst? Wer anders als Paul Auster, der seit knapp drei Jahrzehnten die Rolle des Menschen in einer uns immer mehr und mehr entgleitenden Postmoderne beschreibt, wäre besser für dieses Unternehmen geeignet? Am Beispiel einer handvoll Personen, deren Schicksal auf mehr oder weniger verschlungenen Wegen miteinander verbunden ist, seziert er die Befindlichkeit eines sich im Niedergang befindenden Landes. Im Zentrum der Handlung steht der Endzwanziger Miles Heller. Er verdient sein Geld damit, in von ihren Besitzern in Eile verlassenen Häusern in Florida für Ordnung zu sorgen, um sie für potentielle Käufer präsentabel zu gestalten. In Krisenzeiten kann er sich über mangelnde Beschäftigung nicht beklagen: "In a collapsing world of economic ruin and relentless, ever expanding hardship, trashing out is one of the few thriving businesses in the area" (4). Ein Hauch von Tragik liegt auch über seiner eigenen Lebensgeschichte und der Frage, warum er sich seit sieben Jahren nicht mehr bei seinen Eltern gemeldet hat. Aufgrund privater Probleme sieht sich Miles dazu gezwungen, Florida zu verlassen. Zusammen mit drei anderen Menschen bezieht er in Sunset Park, einer Gegend in seiner alten Heimat Brooklyn, ein leerstehendes Haus. Die einzelnen Abschnitte werden aus der Perspektive eines jeweiligen Charakters geschildert. Dabei erhalten wir Einblicke in die Lebensgeschichte der einzelnen Personen, was sie in die Zufalls-WG verschlagen hat und wie sie versuchen, mit ihrer Situation klarzukommen und für sich einen Sinn in dieser sinnlosen Welt zu konstruieren. Und völlig auf sich zurückgeworfen entsinnt sich der Mensch darauf, was wirklich zählt und ihn erst zum Menschen macht: "The human body cannot exist without other human bodies. The human body needs to be touched - not just small human bodies, but large human bodies as well. The human body has skin" (225). Fazit: Auch wenn Auster seinen postmodernen Wurzeln immer treu geblieben ist, ist in seinen nach dem 11. September 2001 erschienen Romanen eine Wende hin zum Individuum zu erkennen. Während vorher oft die Geschichte, oftmals verbunden mit mehreren in sich verschachtelten Geschichten, im Vordergrund stand, hat sich der Plot in den vergangenen Jahren immer mehr auf die inneren Empfindungen der Charaktere verlagert. Vielleicht steckt dahinter der Gedanke, dass in einer immer mehr beschleunigten und nicht mehr zu kontrollierenden Welt jeder Mensch verzweifelt versucht, das zu kontrollieren, was ansatzweise noch seiner Kontrolle zu obliegen scheint: Sein eigenes Leben. Und das ist so mitreißend wie eh und je!
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Nemesis
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von Philip Roth Gebundene Ausgabe |
| Preis: EUR 14,95 |
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6 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Über die Terrorherrschaft der gnadenlosen Gleichgültigkeit, 29. Dezember 2010
Philip Roth ist einer der bedeutendsten amerikanischen Autoren der Gegenwart und seit langem ein heißer Kandidat auf den Gewinn des Literaturnobelpreises. In mehr als 40 Jahren hat sich der große Ironiker vor allem dem Wesen der USA sowie dessen Bewohnern angenommen und diese mit gnadenlosen Humor und präziser analytischer Schärfe seziert. Nach Everyman, Indignation und The Humbling ist "Nemesis" die vierte seiner "short novels" seit 2006. Und wieder geht es düster zu in der Welt des Philip Roth. Thematisch dreht sich die Handlung um nicht mehr und nicht weniger als die Rolle des Menschen in einer sinnlosen Welt. Newark 1944: Der 23-jährige Bucky Cantor hätte gerne für sein Land im Zweiten Weltkrieg gekämpft, doch seine limitierte Sehfähigkeit hat dies verhindert. Nun trägt er mit viel Engagement die Aufsicht über einen Spielplatz, auf dem Kinder und Jugendliche ihre Sommerferien verbringen. Doch dieses Idyll wird jäh zerstört, als zuerst eines und dann immer mehr Kinder an Polio erkranken und versterben. Buckys neue Freundin bittet ihn, ihr in ein Sommercamp zu folgen, um dort, fern der unsichtbaren Gefahr, zu arbeiten. Nach langem Zögern willigt er ein. Eine gute Entscheidung? Gibt es so etwas wie Sinn in unser aller Leben? Liegt die Kontrolle über unser Schicksal in unseren eigenen Händen oder sind wir alle nur hilflose Spielbälle des in seiner Gleichgültigkeit grausamen Zufalls? "Sometimes you're lucky and sometimes you're not. Any biography is chance, and, beginning at conception, chance - the tyranny of contingency - is everything" (242f.). Und welche Rolle spielt Gott in dieser Terrorherrschaft der absoluten Kontingenz? "How could there be forgiveness - let alone hallelujahs - in the face of such lunatic cruelty?" (75) fragt sich Bucky verzweifelt. Was soll das für ein Gott sein, der Kinder reihenweise verrecken lässt? Und was sollen das für Menschen sein, die trotzdem an dieser Stelle nach Trost suchen? Fazit: Sprachlich brillant und fesselnd bis zur abschließenden Seite behandelt Philip Roth diese ewig aktuelle Thematik. Der alte Roth ist besser denn je und es bleibt einem nur, sich auf seinen nächsten Roman zu freuen.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Über die Erschaffung eines Mythos, 24. Dezember 2010
Hat man denn etwa im Vatikan dieses Buch nicht gelesen? Ansonsten ist man doch rund um den Petersplatz nicht gerade zimperlich, wenn es um die öffentlichkeitswirksame Verdammung von als das Christentum beleidigend empfundene Literatur geht. Und eine gewisse ketzerische Note hat Philip Pullmans "The Good Man Jesus and the Scoundrel Christ" durchaus, wie es der Titel bereits vermuten lässt. Jesus und Christ wachsen als Zwillingsbrüder bei ihren Eltern auf. Schon bald beginnt, so wie es mehr oder weniger bekannt ist, der Aufstieg Jesu zum populären Wanderprediger mit stetig wachsender Anhängerschaft. Doch jetzt kommt der Clou: Der ebenfalls religiös tickende Christ, der ein bisschen neidisch auf den Erfolg seines Bruders ist, wird von einem mysteriösen Fremden angesprochen und mit dem Auftrag ausgestattet, dem Bruder zu folgen und seine Worte aufzuschreiben: "Sometimes there is a danger that people might misinterpret the words of a popular speaker. The statements need to be edited, the meanings clarified, the complexities unravelled for the simple-of-understanding" (74). Es entwickelt sich eine Diskussion um die künstlerische Freiheit, die sich der Schreiber leisten kann. Der Auftraggeber hat da seine ganz eigenen Ansichten: "In writing of things as they should have been, you are letting truth into history. You are the word of God" (99). Und so entstehen sie dann, die allseits bekannten Mythen aus der Bibel, allesamt konstruiert aus der Sicht von Christ, der seine profanen Beobachtungen mit ein bisschen Metaphysik aufmotzt, um sie publikumswirksamer vermarkten zu können. Doch eines fehlt noch zur Erschaffung der ultimativen Geschichte: Ein Menschenopfer! Und es ist Christ, der bei den folgenden Ereignissen eine zentrale Rolle einnehmen wird. Pullmans Einfallsreichtum ist genial. Was passierte wirklich, als Jesus angeblich Wasser in Wein wandelte? Wie entstand die Legende, Körper und Blut Christi mit Brot und Wein zu symbolisieren? Wie endete Jesus am Kreuz und was trug sich wirklich bei der Auferstehung zu? Pullmanns Neuinterpretationen sind unterhaltsam bis zur finalen Seite und nicht zuletzt auch ein Lehrstück über die Macht von Worten und Literatur. Es ist niemals entscheidend, was denn nun wirklich passiert oder nicht passiert ist, es ist einzig und allein von Bedeutung, was tradiert wird. Und das obliegt demjenigen, der entscheidet, was tradiert werden soll: dem Schriftsteller. Fazit: "The Good Man Jesus and the Scoundrel Christ" erinnert thematisch durchaus in Anklängen an Rushdies The Satanic Verses und Saramagos Das Evangelium nach Jesus Christus und ist von der ersten bis zur abschließenden Seite ein höchst unterhaltsam zu lesender Roman.
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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
Kollateralschaden preiswerter Ernährung..., 12. Dezember 2010
Ich habe dieses Buch nicht gekauft, weil ich Vegetarier bin, noch, weil ich plane, in unmittelbarer Zukunft einer zu werden. Jonathan Safran Foer ist nach seinen genialen Meisterwerken Everything is Illuminated und Extremely Loud and Incredibly Close zu einem meiner Lieblingsautoren avanciert, so dass ich auch bei "Eating Animals" nicht lange gezögert habe, auch wenn mich die Thematik nicht sonderlich angesprochen hat. Und doch ist es schlicht und einfach unmöglich, sich Safran Foers wuchtiger Überzeugungskraft sowie sprachlicher Brillanz zu widersetzen. Nein, Safran Foer wedelt nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, auch wenn er keinen Zweifel daran lässt, was er von der Art und Weise hält, wie unser Fleisch produziert und verarbeitet wird: "What the industry figured out [...] is that you don't need healthy animals to make a profit. Sick animals are more profitable. The animals have paid the price for our desire to have everything available at all times for very little money" (111). Der Autor macht deutlich, dass 99% des Fleisches, welches wir konsumieren, das Ergebnis von industrieller Massenproduktion ist und nichts, aber auch wirklich gar nichts, mit der idyllischen Vorstellung von glücklichen Rindviechern zu tun hat, die glücklich auf einer Weide herumtollen, bis sie ein kurzer und schmerzloser Tod aus den Händen eines mitfühlenden und um Humanität bemühten Farmers ereilt. Und seine Beschreibungen der Massenschlachtungen ähneln doch sehr Bildern aus diversen Splatterfilmen: "When we eat factory-farmed meat we live, literally, on tortured flesh. Increasingly, that tortured flesh is becoming our own" (143). Doch "Eating Animals" ist noch viel mehr als die bloße Beschreibung des unfassbaren Horrors der Massentierhaltung. Safran Foer beschäftigt sich mit der Frage, was es für uns als Menschen bedeutet, uns mit der Frage nach der Herkunft der Nahrung, die wir zu uns nehmen, zu beschäftigen. Es sind diese philosophisch angehauchten Stellen, die zu den Höhepunkten des Romans gehören. "What is suffering?" fragt Safran Foer. "I'm not sure what it is, but I know that suffering is the name we give to the origin of all the sighs, screams, and groans - small and large, crude and multifaceted - that concern us" (77). Dass Tiere leiden, unsäglich leiden. Damit wir es zu den derzeitigen Preisen im Supermarkt kaufen können, sollte allgemein hin bekannt sein und es gehört schon ein ordentliches Maß an Dummheit und/oder Ignoranz dazu, dies zu verdrängen: "Eating industrial meat takes an almost heroic act of not knowing, or, now, forgetting" (228). Dies alles gehe weit über reine Ernährungsfragen hinaus, so Safran Foer: "The question of eating animals is ultimately driven by our intuitions about what it means to reach an ideal we have named, perhaps incorrectly, 'being human'" (264). In "Eating Animals" kommen viele verschiedene Seiten zu Wort: Tierschützer, überzeugte Fleischesser, Biobauern sowie Mitarbeiter aus den Schlachthäusern. So ergibt sich ein ziemlich klares Bild nach der Herkunft unseres Fleisches. Ich esse auch weiterhin Fleisch, jedoch ohne mir irgendwelche Illusionen zu machen. Egal ob Bio, Freiland oder was auch immer: kein Gütesiegel kann vertuschen, dass auch in Europa Tiere systematisch zu Tode gefoltert werden, um Fleisch für alle zu günstigen Preisen anbieten zu können. Auf dieser Basis kann jeder seine Entscheidung treffen. Nur belügen kann sich heutzutage eigentlich keiner mehr...
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Freedom
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von Jonathan Franzen Taschenbuch |
| Preis: EUR 12,20 |
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50 von 55 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen
"He and his wife loved each other and brought each other daily pain" (325)., 16. November 2010
Freiheit - ein Mythos, der eine gesamte Nation in ihrem Handeln und Denken bis zum heutigen Tage formt und uns guten alte Europäern doch fern bleibt: Jeder hat das Recht, eine Waffe zu tragen, denn alles andere wäre doch ein Verstoß gegen die Freiheit. Eine allgemeine staatlich organisierte Krankenversicherung? Nichts als sozialistisches Teufelszeug, denn wo bleibe da denn die Freiheit des Einzelnen. Und ein Sozialversicherungssystem wie in Europa kommt schon gar nicht in die Tüte, da könnte man ja auch gleich nach Nordkorea ziehen. "Freedom" lautet der Titel des lang erwarteten Romans von Jonathan Franzen. Im Zentrum steht, stellvertretend für einen ganzen Kulturkreis, die vierköpfige Familie Berglund, die im Verlauf der tragisch-komischen Geschichte allesamt erfahren, was es bedeutet, zur Freiheit verurteilt zu sein. Die ersten 20 Seiten des Romans erzählen brillant den Verfall einer einst angesehenen Familie aus der amerikanischen Mittelschicht. Walter und Patty Berglund wohnen mit ihren Kindern Joey und Jessica in Ramsey Hill, einer kleinen mittelständigen Vorortsidylle. Er arbeitet als Anwalt für Umweltfragen, der ökologisch korrekt mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt und sie ist leidenschaftliche Hausfrau und hilft allen in der Nachbarschaft gerne aus. Doch urplötzlich ändert sich alles: Patty fängt an zu trinken und schlitzt Autoreifen auf. Joey zieht zu den ultrakonservativen Nachbarn, mit deren Tochter er ein Verhältnis hat und Walter arbeitet auf einmal für eine Kohlefirma. Und dann ziehen die Berglunds weg und alle stellen sich die Fragen: Was steckt hinter der einst so vorbildlich wirkenden Familie? Wie ist sie geworden, als was sie erschien und was für Abgründe liegen hinter deren Schicksal? Das Entlarven dieser Abgründe erfolgt aus unterschiedlichen Erzählperspektiven. Zuerst lesen wir Pattys Autobiografie, geschrieben in der 3. Person Singular, als Ergebnis ihrer psychotherapeutischen Behandlung. Im Zentrum dieser Beichte stehen der Beginn ihrer Beziehung zu Walter und die Bedeutung von Richard Katz, Walters Jugendfreund. Zusammen mit den Perspektiven Walters, Joeys und Richards entsteht das Panorama einer Familie, bestehend aus Menschen, die in ihrem Handeln allesamt gefangen sind in den Mustern, von denen sie in ihrer Vergangenheit geprägt worden sind. Und wo bleibt da die Freiheit? Freiheit erscheint bloß als Illusion, denn der Mensch kann zwar tun was er will, aber niemals wollen was er will. "The personality so susceptible to the dream of limitless freedom is a personality also prone, should the dream ever sour, to misanthropy amd rage" (445). Franzen ist ein kleines Meisterwerk gelungen, dem man die jahrelange Arbeit anmerkt. Die Charaktere werden allesamt, mit leichten Abstrichen bei Jessica, so genau und überzeugend dargestellt, dass die menschlichen Abgründe hinter den Figuren für den Leser zu erahnen sind und er bei ihrem Kampf gegen die Herausforderungen und Zumutungen der Existenz atemlos mitlebt und mitleidet. Zudem ist "Freedom" das Porträt einer ganzen Nation, die hoffnungslos dem Mythos der Freiheit verfallen ist und auf dem schlechtesten Wege ist, so der unterschwellig Tenor des Romans, auf den Pfaden der Familie Berglund zu wandeln. Die USA radikalisieren sich immer mehr, vor allem nach rechts. Präsident Obama hat sich bereits vor offizieller Veröffentlichung des Romans sein Exemplar gesichert. Das ist sicherlich ein gutes Zeichen. Besser für das Land und den Rest der Welt wäre es aber, wenn auch ein paar der Tea-Party-Fundamentalisten das Buch lesen würden, um einen Blick hinter die Fassade der Ideologie zu werfen, der sie so kritiklos wie emphatisch nacheifern.
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5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen
Ein gutes Drehbuch macht noch keinen guten Roman..., 16. November 2010
"Eigentlich schwimmt sein Herz in Liebe, und dann bricht er einen Weltkrieg vom Zaun. Vielleicht macht ihn das so typisch deutsch, denkt Lorenz" (56). Dieser so typisch deutsche Mitbürger heißt Lorenz Brahmkamp und hat ein Problem: Seine heißgeliebte Ehefrau Katrin hat ihn verlassen. So ein aufregender Typ ist er ja echt nicht mit seinem Job bei der Stadtverwaltung und keinerlei Hobbys. Trotzdem versucht er natürlich, seine Katrin zurückzugewinnen. Derweil verdreht der so hipp wirkende Investor Alexander Schönleben der Stadtführung des Provinzkaffs Osthofen mit dem Versprechen eines millionenschweren Großprojekts völlig den Kopf. Lorenz kommt als Verantwortlicher für die Bauaufsicht dahinter, dass Schönleben nichts weiter als ein Schwindler und Gauner ist. Nolens volens wird er in die Machenschaften Schönlebens hineingezogen und versucht dies, mit der Rückeroberung Katrins zu verbinden. Es kommt zum Showdown auf Mallorca. "Erst bei der Suche nach dem Lustigen im Erbärmlichen habe ich entdeckt, wie nah sich beides ist", sagt Autor Ralf Husmann. Dass er ein Experte für die virtuose Verbindung von Tragik und Humor ist, hat er als Drehbuchautor der mehrfach ausgezeichneten Serie Stromberg bewiesen. Doch ein guter Drehbuchautor ist nicht gleichzeitig auch ein guter Romanautor. Wortwitz hat Husmann unzweifelhaft, doch wirken die Sprüche oftmals nur so dahingeklatscht ohne Verbindung zum Rest der Handlung, die durch mehrere Zufälle in Gang gehalten so dahinplätschert. Die subtile strombergsche Mischung aus Tragik und Humor gelingt hier leider kaum, so dass am Ende nur platte Routineware herauskommt. Schade, Husmann kann es viel besser...
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