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Michael Dienstbier "Privatrezensent ohne finanzielle Vorteile" (Bochum)
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Postwar: A History of Europe Since 1945
Postwar: A History of Europe Since 1945
von Tony Judt
  Taschenbuch
Preis: EUR 13,95

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "What really united Europe was football" (782)., 28. Oktober 2011
Es wird zur Zeit viel geschrieben über das gute alte Europa. Griechenland retten, ja oder nein? Milliarden von Steuergeldern zur Verfügung stellen, um den finanziellen Kollaps weiterer Staaten zu verhindern? Motiviert sich diese innereuropäische Solidarität lediglich aus eigennützigen Bewegungsgründen, sprich der Rettung der eigenen Banken, die bei einem Zusammenbruch südeuropäischer Staaten bankrott gehen würden und somit die Wirtschaft in den jeweiligen Ländern kollabieren lassen würde? Oder gibt es noch etwas anderes, was die Staaten Europas zusammenrücken lässt, was ihnen eine eigene Identität verschafft und den Wunsch, dieses gemeinsame Projekt um jeden Preis zu retten? Tony Judt meisterhaftes Buch "Postwar - A history of Europe since 1945" liefert mit seiner Beschreibung der politischen und kulturellen Geschichte Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine Antwort auf die Frage nach dem Wesen des europäischen Projektes.

Das Buch bietet einerseits eine zu jedem Zeitpunkt spannend zu lesende Darstellung der politischen Entwicklungen in Europa seit 1945. Von der Gründung der beiden deutschen Staaten, dem Kalten Krieg, Mauerfall und Vereinigung, Völkermord und Krieg auf dem Balkan bis zur Spaltung der europäischen Staaten bezüglich der Frage nach der Teilnahme an dem Irakkrieg 2003 erhält der Leser eine detaillierte Darstellung der Ereignisse, die in dieser Form nicht ein zweites Mal auf dem Markt zu finden ist.

Neben den großen politischen Entwicklungen analysiert Judt zudem die kulturellen Kräfte, die den Kontinent vereinen. Hierbei betont der Autor vor allem die herausragende Bedeutung, die der Fußball für den innereuropäischen Vereinigungsprozess gehabt hat. Beckenbauer, Beckham, Platini und das Wembley-(Nicht)-Tor sind Teil einer europäischen Identität, die die Menschen weit über die Landesgrenzen hinaus mit einander verbindet.

Höhepunkt des Buches ist der abschließende Essay "From the house of the dead", der sich grundlegend mit der Bedeutung einer gemeinsamen europäischen Erinnerungskultur auseinandersetzt: "Holocaust recognition is our contemporary European entry ticket" (803) beschreibt Judt den Zivilisationsbruch im Zweiten Weltkrieg als erinnerungspolitische Grundlage Europas. Und gerade dieser Erinnerung an die gemeinsame Vergangenheit misst der Historiker eine entscheidende Bedeutung zu, die unseren Kontinent verbindet: "If in years to come we are to remember why it seemed so important to build a certain sort of Europe out of the crematoria of Auschwitz, only history can help us. The new Europe, bound together by the signs and symbols of its terrible past, is a remarkable accomplishment; but it remains forever mortaged to the past. If Europeans are to maintain this vital link - if Europe's past is to continue to furnish Europe's present with admonitory meaning and moral purpose - then it will have to be taught afresh with each passing generation. 'European Union' may be a response to history, but it can never be a substitute" (830f.). Man kann nur hoffen, dass unsere Politiker beim Aufspannen der Rettungsschirme neben den zweifelsohne bedeutenden ökonomischen Faktoren auch die historisch-kulturelle Bedeutung dieses Kontinents im Blick behalten, die es um eigentlich jeden Preis zu bewahren gilt.


Why Marx Was Right
Why Marx Was Right
von Terry Eagleton
  Gebundene Ausgabe

7 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Säkulare Volksbeglückung, 24. Oktober 2011
Rezension bezieht sich auf: Why Marx Was Right (Gebundene Ausgabe)
So ändern sich die Zeiten. Jahrelang war der marxistische Literatur- und Kulturkritiker Terry Eagleton so etwas wie ein Outlaw unter den Intellektuellen. Seine gesellschaftskritischen und literaturtheoretischen Bücher und Aufsätze genossen zwar durchaus Ansehen, doch sein gleichsam fundamentalistischer Glaube an die Lehre von Karl Marx als allein seligmachendes Welterklärungsmodell war vielen dann doch zu einseitig und unreflektiert. Und nun? Dank diverser Finanz-, Wirtschafts- und Bankenkrisen fragt nun sogar Frank Schirrmacher, Herausgeber der konservativen FAZ, ob die Linke nicht doch eigentlich schon immer Recht gehabt habe. In seinem neuen Buch "Why Marx was right" kontert Eagleton in zehn Kapiteln jeweils einen Einwand, der so oder in so ähnlicher Form gegen den Marxismus vorgebracht wird.

Und in der Tat lässt einen das Buch etwas verwirrt zurück. Eagleton ist ein äußerst begabter Autor und schreibt mit viel rhetorischer Finesse, Witz und Überzeugungskraft über sein Thema. Er wirkt dabei vor allem so überzeugend, weil seine höchsteigene Interpretation des 'wahren Sozialismus' wohl auch im Deutschland des beginnenden 21. Jahrhunderts bis weit in die politische Mitte hinein ihre Anhänger finden würde. Gegen den Einwand, der Sozialismus sei "anti-individual" entgegnet Eagleton: "It is democracy taken with full seriousness, rather than democracy as (for the most part) a political charade. And the fact that people are more free means that it will be harder to say what they will be doing at five o'clock on Wednesday" (76). Eine konsequent realisierte kommunistische Gesellschaft, so der Autor, "organises social life so that individuals are able to realize themselves in and through self-realization of others" (86). Das klingt in der Tat wie ein durchaus anzustrebender Gesellschaftszustand, doch Eagleton bleibt unklar, wie dieser Zustand erreicht werden kann.

Gegen den Einwand, der Sozialismus sei von oben verordnete Gleichmacherei, antwortet er: "Genuine equality means not treating everyone the same, but attending equally to everyone's different needs" (104). Diesem Satz würde ja sogar die gesamte FDP-Fraktion zustimmen, womit er aber auch nicht mehr als eine wohlklingende politische Hohlphrase ist, die sich nicht in konkretes politisches Handeln umsetzen lässt.

Wenn Eagleton über das Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit in einer sozialistischen Gesellschaftsordnung schreibt, dürften selbst bei dem erzkonservativsten Reaktionär die Freudentränen fließen: "Marx's work is all about human enjoyment. The good life for him is not one of labour but of leisure. Free self-realisation is a form of 'production,' to be sure; but it is not one that is coercive" (126f.).

Fazit: Mit der Lehre von Marx scheint es so zu sein wie mit Bibel oder Koran. Es ist der reinste Selbstbedienungsladen, in dem jeder das findet, was mehr oder weniger seinem vorgefertigten Weltbild entspricht. So fällt es natürlich leicht, alles und jedem marxistische Tendenzen zu unterstellen. Jetzt fehlt nur noch, dass Frank Schirrmacher mit der roten Fahne vorweg in den Klassenkampf zieht.


Geschichte des Westens: Die Zeit der Weltkriege 1914-1945
Geschichte des Westens: Die Zeit der Weltkriege 1914-1945
von Heinrich August Winkler
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,95

28 von 35 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Warum hat sich Deutschland dem "normativen Projekt des Westens" so extrem verweigert?, 12. Oktober 2011
Ist der 'Westen' mehr als nur eine Himmelsrichtung? Ist die 'westliche Wertegemeinschaft' mehr als nur eine abgedroschene Floskel aus dem Repertoire von Berufspolitikern auf der Suche nach etwas wohlklingendem Überbau im drögen Alltag? Heinrich-August Winkler betrachtet die Geschichte Deutschlands in den vergangenen gut zwei Jahrhunderten als einen langen Weg nach Westen, so der Titel seiner vor 11 Jahren erschienenen monumentalen Darstellung deutscher Geschichte von der Französischen Revolution bis zur Jahrtausendwende. Im ersten Teil der Geschichte des Westens umschrieb Winkler das "normative Projekt des Westens", welches sich aus der Amerikanischen und er Französischen Revolution herausgebildet habe. Zentraler Bestandteil dieses Projektes seien die unveräußerlichen Menschenrechte, die die westlichen Gemeinwesen von allen anderen Gemeinwesen dieser Welt unterscheiden würden (vgl. Geschichte des Westens I, S. 21-24). Beschrieb Winkler im ersten Teil die Geschichte des Westens (Europa und die USA) von der antike bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges, behandelt der mit Spannung erwartete zweite Teil das Zeitalter der Weltkriege von 1914 bis 1945. Für diesen Zeitraum kann Winkler eigentlich nur eine Frage an seinen Untersuchungsgegenstand richten: "Es ist ein Versuch zu klären, wie es dazu kam, daß ein Land, das kulturell zum Westen gehörte, sich dem normativen Projekt des Westens, obenan der Idee der unveräußerlichen Menschenrechte, so hartnäckig verweigern konnte, daß es darüber sich und die Welt in eine Katastrophe stürzte" (12).

Das Buch beinhaltet eine herausragend erzählte sowie eine spannend und gewinnbringend zu lesende Geschichte der Jahre zwischen 1914 und 1945 aus der jeweiligen Sicht der Mitgliedsländer der normativen Projekts des Westens. Wohl noch nie hat es eine derart multiperspektivisch angelegte Untersuchung dieser Epoche gegeben. Winklers Rekonstruktionen, zum Beispiel der Shoah oder der alliierten Bombenangriffe auf Deutschland gegen Ende des Zweiten Weltkrieges, gehen über ein reines Nacherzählen bekannter Fakten hinaus und geben zahlreichen inspirierende Denkanstöße für eine tiefer gehende Beschäftigung mit dem Thema. Ebenso erhellend sind Winklers abschließende Bewertung der Frage, ob man den Ersten und Zweiten Weltkrieg zusammenfassend als zweiten Dreißigjährigen Krieg bezeichnen kann (vgl. S. 1200f.).

Fazit: So wie sich Hans-Ulrich Wehler für seine deutsche Gesellschaftsgeschichte ein geistiges Denkmal gesetzt hat, wird Winkler als Historiker des Westens in die Annalen der Geschichtswissenschaft eingehen. Auf den abschließenden dritten Band kann man sich schon jetzt nur freuen.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 13, 2013 2:56 PM MEST


The Magic of Reality: How we know what's really true
The Magic of Reality: How we know what's really true
von Richard Dawkins
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 23,95

28 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Science has its own magic: the magic of reality" (265)., 10. Oktober 2011
"I hope you agree that the truth has a magic of its own. The truth is more magical - in the best and most exciting sense of the word - than any myth or made-up mystery or miracle. Science has its own magic: the magic of reality" (265).

"The Magic of Reality" ist bisher das mit Abstand 'schönste' Buch von Richard Dawkins. Jede der gut 270 Seiten ist mit farbigen Illustrationen hinterlegt, so dass es sich hierbei um einen optischen Hochgenuss handelt. Im Gegensatz zu seinen populärwissenschaftlichen Darstellungen Selfish Gene und The Ancestor's Tale, richtet sich Dawkins hier nicht nur an ein interessiertes Fachpublikum, welches sich in das Thema Evolution einlesen möchte, sondern sowohl an bisher nicht an der Thematik Interessierte als auch an jugendliche Leser.

Jedes der 12 Kapitel beginnt mit einer Frage, wie zum Beispiel "Who was the first person?", "What
is the sun?" oder "What and how did everything begin?" Zuerst stellt Dawkins die jeweiligen Antworten vor, die in den Mythologien der diversen Kulturen dieser Erde gegeben werden. Auch wenn das Buch im relativ moderaten Ton gehalten ist, lässt Dawkins keinen Zweifel daran, was er von den Erklärungsversuchen gerade von religiöser Seite hält. Nämlich nichts: "Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic" (264) schreibt er über die selbstauferlegten geistigen Schranken vieler religiöser Welterklärungsversuche. Anschließend liefert Dawkins die aktuellen Erklärungsansätze der Wissenschaft. Dabei, so sein Credo, liege doch in der Wissenschaft viel mehr Weisheit, Tiefe und auch Poesie, als im Reich des Mythischen.

Fazit: Dawkins beweist einmal mehr, dass kaum einer in der Lage ist, mit mehr Begeisterung und Überzeugungskraft über die großen Fragen der Menschheit zu schreiben, als er. So eignet sich "The Magic of Reality" sowohl für Dawkinskenner als auch für Neueinsteiger.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 24, 2012 2:44 PM CET


Léon und Louise: Roman
Léon und Louise: Roman
von Alex Capus
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Die Liebe ist doch eine Anmaßung, nicht wahr?" (277), 9. Oktober 2011
Rezension bezieht sich auf: Léon und Louise: Roman (Gebundene Ausgabe)
Die lebenslange Leidenschaft zwischen Léon und Louise ist eine dieser zauberhaften Geschichten, die den Leser in ihren Bann ziehen, einfach, weil man glauben meint zu wissen, was in den beiden Hauptcharakteren vorgeht, ihr Verlangen, ihre Wünsche, ihre Wunden Punkte zu erkennen vermag.

Während des Ersten Weltkrieges lernt der 17-jährige Léon die freigeistige Louise kennen und lieben: "Die verirrte Haarsträhne quer über Louises Stirn fand er hinreißend, weil es ihre Haarsträhne war, und über die Pantomime, mit der sie den Bürgermeister beim Zigarrenrauchen nachahmte, musste er lachen, weil es ihre Pantomime war" (63). Das junge Glück wird durch einen Bombenangriff während der letzten Kriegstage zerstört, so dass der eine den anderen für tot hält. Knapp zehn Jahre später laufen sich die beiden zufällig in der Pariser Metro über den Weg. Léon, mittlerweile verheiratet mit Kind, hat einen sicheren Job und ist die personifizierte Zuverlässigkeit. Louise hingegen pflegt weiter ihren Lebensstil jenseits bürgerlicher Normen. Und doch flammt die alte Liebe wieder auf, was auch die weiteren historischen Brüche des 20. Jahrhunderts nicht zu verhindern vermag.

Eine Liebe, ein bisschen jenseits des sozial Akzeptierten, welche im Laufe der Jahrzehnte immer wieder zueinander findet; das hätte kitschig enden können, ist aber zu einer herrlich unsentimentalen Ode an die mächtigste Emotion des Menschen geraten.


Consider the Lobster
Consider the Lobster
von David Foster Wallace
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,80

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Über Hummer, Pornos, John McCain und vieles mehr..., 3. Oktober 2011
Rezension bezieht sich auf: Consider the Lobster (Taschenbuch)
Was haben Kafka, Dostojewski, die Pornoindustrie, ein neu erscheinendes Wörterbuch, ein Hummerfestival und John McCain gemeinsam? An sich recht wenig, doch trotzdem sind die zwischen 1994 und 2005 verfassten Essays in dem Sammelband "Consider the Lobster" vereint und zeigen, was einen richtig großen Schriftsteller ausmachen. In jedem dieser thematisch so verschiedenen Aufsätze gelingt es David Foster Wallace zu sezieren, was unsere Kultur im inneren zusammenhält und was das wiederum für Auswirkungen auf die in dieser Kultur lebenden Menschen hat.

Die erste Geschichte "Big Red Son" (3-50) ist mit Abstand die am amüsantesten zu lesende. Aufhänger ist die Verleihung der Acadamey Awards, die jährlich von der amerikanischen Pornoindustrie für besonders eindringliche Leistungen vergeben werden und Wallace zu einer detaillierten Analyse der "psychodynamics of porn" (27) veranlassen, was unter anderem Einblicke in die bewegten Lebensgeschichten der Ikonen Harold Hecuba und Dick Filth beinhaltet.

Etwas ernster, obwohl es vordergründig um das Thema Humor geht, ist der Essay "Some remarks on Kafka's funniness from which probably not enough has been removed" (60-65), in dem Wallace von seinen meist vergeblichen Bemühungen berichtet, Studenten den besonderen kafkaesken Humor näher zu bringen. Der besondere Witz von Kafkas Werk, so Wallace, liege darin zu erkennen "that the horrific struggle to establish a human self results in a self whose humanity is inseperable from that horrific struggle. That our endless and impossible journey toward home is in fact our home" (64f.).

"Authority and American Usage" (66-127) ist im Grunde eine stark ausgedehnte Rezension zu dem neu erschienenen Lexikon "A Dictionary of Modern American Usage", in dem Wallace sich mit der Bedeutung von Sprache im Allgemeinen auseinandersetzt und dabei auch linguistische Theorien wie Chomskys universelle Grammatik und eher sprachpraktische kognitive Ansätze streift. Nicht nur für begeisterte Sprachwissenschaftler stellt dies eine flüssig zu lesende Auseinandersetzung eines Autors mit seinem Medium dar.

Im wohl bekanntesten Beitrag "Up, Simba" (156-234) wirft Wallace einen Blick auf den Vorwahlkampf der Republikaner des Jahres 2000, den er für das Magazin "Rolling Stone" im Tross des republikanischen Anwärters John McCain verbrachte. Anhand der von ihm beobachteten Strategien sowohl des McCain-Lagers als auch des Lagers seines größten innerparteilichen Konkurrenten George Bush, jr. sowie der Reaktionen der Bevölkerung auf den unzähligen town hall meetings, gelingen Wallace fundamentale Einsichten in die politische Psyche der Amerikaner, die bis heute, mit Blick auf den aktuellen Politikbetrieb in den Staaten, nichts von ihrer Gültigkeit verloren haben: "The fact of the matter is that [...] the only thing you're certain to feel about John McCain's campaign is a very modern and American type of ambivalence, a sort of interior war between your deep need to believe and your deep believe that the need tp believe is bullshit, that there's nothing left anywhere but sales and salesmen" (229).

Fazit: Die in "Consider the Lobster" versammelte Beiträge eignen sich optimal zum Einstieg in das Werk von David Foster Wallace, denn in allen Essays wird deutlich, worin seine große, ja nahezu einmalige, Stärke liegt: Virtuoses Sprachgeschick verbunden mit präzisen Beobachtungen über unsere westliche Konsumkultur und die Menschen, die darin leben. Allen Interessierten seien daher an dieser Stelle Wallace monumentale Romane Infinite Jest und sein aufgrund seinen Selbstmordes unvollendetes Werk The Pale King empfohlen.


Die Finkler-Frage: Roman
Die Finkler-Frage: Roman
von Howard Jacobson
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Identitäts- und Sinnsuche eines Besessenen, 24. September 2011
Rezension bezieht sich auf: Die Finkler-Frage: Roman (Gebundene Ausgabe)
"Die Finkler-Frage", im vergangenen Jahr unter edm Titel The Finkler Question erschienen, handelt von Verlust - Verlust von geliebten Menschen, Verlust von Sicherheit, Verlust von Identität. Doch zugleich handelt der Roman vom Versuch, sich in dieser Welt voller Verlust und Einsamkeit eine Nische zu schaffen, um so etwas wie Sinn und/oder Geborgenheit zu finden. Im Zentrum der Handlung stehen Julian Treslove, Sam Finkler und Libor Sevcik. Vor Jahrzehnten hat der tschechischstämmige Libor Julian und Sam an einer Londoner Privatschule unterrichtet und die drei Herren haben seitdem nie den Kontakt zueinander verloren, so unterschiedlich sich ihre Lebenswege auch entwickelt haben. Sam hat es zu einem angesehenen Philosophen gebracht, der regelmäßig in Funk und Fernsehen zu Gast ist, wohingegen Julian mit Doubleauftritten seine Brötchen verdienen muss. Nachdem Sam und Libor innerhalb weniger Monate zu Witwern werden und Julian es eh nie lange mit einer Frau aushält, vertieft das geteilte Leid die Männerbeziehung noch einmal: "Bereavement - heartless bereavement - was the reason they were seeing more of one another than they had in thirty years" (23).

Ein Überfall kurz nach einem Besuch bei Libor stürzt Julian in eine Identitätskrise: Er meint, die Täterin habe ihn als "Du Jud" bezeichnet. Seitdem quält er sich mit der Frage, ob er tatsächlich jüdische Wurzeln hat. Hat diese Person einen Teil seiner Identität erkannt, der er sich bisher selbst nicht bewusst geworden ist? Von nun an entwickelt er eine geradezu manische Besessenheit bezüglich des Thema Jüdischsein, womit er bei Sam und Libor, beides Juden mit einer eher kritischen bis ablehnenden Haltung gegenüber ihrer Kultur, genau an der richtigen Adresse ist. Es entwickelt sich eine Geschichte voller Humor und Tragik, Einsamkeit und Sinnsuche.

Fazit: "Die Finkler-Frage" wurde im Oktober 2010 mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet. Die damit verknüpften Erwartungen kann der Roman aber nicht durchgängig erfüllen. Julian Tresloves Suche nach seiner Identität weist eindeutig Längen auf. Viele Aspekte wiederholen sich, ohne das Plot oder Charakterzeichnung nennenswert vorangetrieben werden. Somit hinterlässt das Buch einen eher zwiespältigen Eindruck ohne aber vollständig zu enttäuschen.


The Stranger's Child
The Stranger's Child
von Alan Hollinghurst
  Taschenbuch

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Gegen Ende hin ermüdend, 11. September 2011
Rezension bezieht sich auf: The Stranger's Child (Taschenbuch)
2004 wurde Alan Hollinghurst für seinen Roman Line of Beauty mit dem Booker Prize ausgezeichnet. Und auch sein erstes Buch seit diesem Zeitpunkt hat es wieder auf die Longlist des diesjährigen Booker Prize geschafft. Auf der vor wenigen Tagen veröffentlichten Shortlist war "The Stranger's Child" dann aber nicht mehr zu finden, und das völlig zu Recht. Der Roman, der kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges beginnt und im Jahr 2008 endet, zieht sich gegen Ende doch arg in die Länge und ist auch nicht frei von Klischees.

England 1913: Auf dem Anwesen der Familie Sawles erwartet man gespannt den Besuch des Sohnes George, der in Cambridge studiert und den charmanten Dichter Cecil Valance zu Besuch mitbringt. Der Aufenthalt des Schreiberlings führt zu diversen hormonellen Verwirrungen. Daphne, die 16-jährige Tochter der Familie, verliebt sich in den Poeten und er sich auch in sie. Doch Cecil hat zeitgleich auch mit George was am laufen. Cecil steigt in den kommenden Jahren zum patriotischen Kriegsdichter mit nationalem Ruhm auf. Sein Tod am 1. Juli 1916, dem ersten Tag der legendären Somme-Offensive, an dem 20.000 britische Soldaten den Tod fanden, machen ihn zur Legende. Es ist vor allem das Vermächtnis Cecils und das weitere Leben Daphnes, welches in den folgenden Kapiteln bis hin zur Gegenwart im Mittelpunkt stehen.

Thematisch dreht sich dabei vieles um die Liebesgewohnheiten der Charaktere, wobei sich Hollinghurst vor allem auf schwule Beziehungen konzentriert. Die Darstellung der sexuellen Konventionen im Verlauf des 20. Jahrhunderts werden durchaus humorvoll und unterhaltsam dargestellt, können den Roman aber auch allein über die 564 Seiten tragen. Somit bleibt am Ende ein leichtes Gefühl der Enttäuschung und ein wenig Verwunderung, wie es dieser Roman überhaupt auf die diesjährige Longlist geschafft hat.


Friedrich Nietzsche: Wanderer und freier Geist
Friedrich Nietzsche: Wanderer und freier Geist
von Sabine Appel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Schmiert oft mit Kot..., 6. September 2011
...Salbt einmal sein Bein mit Kot ein. Wickelt Kot in Papier und legt ihn in eine Tischschublade" (230). Nietzsches Zusammenbruch am 3. September 1889 und sein gut zehnjähriges Dahindämmern in völliger geistiger Umnachtung haben sicherlich mit dazu beigetragen, aus dem stets kränkelnden Pfarrerssohn, hochgeachteten Altphilologen und schließlich Philosophen der Überwindung und des Schaffens den bedeutendsten und nachwirkendsten Denker des 19. Jahrhunderts zu machen. Schon die Zeitgenossen versetzte das Schicksal Nietzsches in Ehrfurcht: War da einer so nahe an die brutale Wahrheit der menschlichen Existenz herangerückt, dass er darüber den Verstand verloren hat? Über das Phänomen Nietzsche, sein Leben und seine Philosophie sind schon viele Bücher geschrieben worden. Dabei ist an erster Stelle Rüdiger Safranskis Nietzsche zu nennen, in dem er sich vor allem auf die Texte des Philosophen konzentriert und deren Zusammenhang mit den unterschiedlichen Lebensabschnitten Nietzsches eher weniger Bedeutung beimisst. Appel versucht in ihrer Darstellung eine an der Chronologie orientierte Rekonstruktion der Entstehung von Nietzsches Gedankenwelt unter Berücksichtigung der externen Einflüsse, denen er im Verlaufe seines Lebens ausgesetzt war. Dabei steht vor allem seine vielschichtige Beziehung zu Richard Wagner sowie seine rastlose Wanderzeit auf der Suche nach Linderung für seine körperlichen Leiden nach seiner Frühpensionierung mit nur 34 Jahren im Vordergrund. Das gelingt durchaus überzeugend, so dass das Buch spannend und informativ zu lesen ist.

Appel widmet einen großen Teil ihres Buch einer genauer Rekonstruktion der Beziehung zwischen Nietzsche und Richard Wagner. Nietzsche, der Musikfanatiker, gerät in Basel, wo er an der hiesigen Universität im Jahr 1869 eine Stelle als Professor für Altphilologie angetreten hat, schnell in den Dunstkreis des von ihm vergötterten Komponisten. Zu dessen Geliebten und späteren Ehefrau Cosima fühlt er sich hingezogen, ohne jedoch jemals wirklich aktiv geworden zu sein. In Wagners Musik sah er die Verwirklichung seines Kunstbildes, dass der schöne Schein den Menschen von der schrecklichen Wahrheit ablenken solle, dass das Leben eine unendliche Wiederholung von Leid und Qual sei.

Auf dieser Basis entstand nach der schmerzlichen Trennung von Wagner sowie der Frühpensionierung seine Philosophie der Lebensbejahung, des schaffenden und sich selbst überwindenden Menschen, der Ablehnung tradierter, vor allem christlicher, Moralvorstellungen, die rund um die Begriffe 'ewige Wiederkehr', 'Übermensch' und 'Wille zur Macht' kreist: "Nietzsches 'Wille zur Macht' ist das gestaltende Lebensprinzip, in dem auch der Selbsterhalt nur ein Ausfluss ist, möglicherweise seine mächtigste Form. Aber er wirkt in einer Welt ohne Wahrheit und Hinterwelt, Sinn und Ziel, in der es zwar eine Verwirklichung gibt, aber keine Sicherheiten und keine Inhalte" (206).

Es gehört zu einer der großen Ironien der Philosophiegeschichte, die Nietzsche bis heute zu einer zu schwer zu fassenden Person gestaltet, dass ausgerechnet der Prediger eines lebensbejahenden-ekstatisch-dionysischen Prinzips Zeit seines Lebens ein höflicher, gehemmter, kränkelnder und verklemmter Mann blieb, der bis auf Bordellbesuche nie sexuelle Beziehungen zu Frauen eingegangen ist. Auf dieser Zerrissenheit der Person, die auch in seiner Philosophie zum Ausdruck kommt, liegt der Fokus dieser Biografie. Damit leistet Sabine Appel einen wertvollen Beitrag zum Verständnis dieses deutschen Jahrhundertphänomens.


Brief an den Vater
Brief an den Vater
von Franz Kafka
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Nur eben als Vater warst Du zu stark für mich" (12)., 4. September 2011
Rezension bezieht sich auf: Brief an den Vater (Taschenbuch)
Was macht ein junger Mann, der jahrzehntelang unter seinem tyrannischen, egomanischen, zynischen und niemals zufrieden zu stellenden Vater gelitten hat? Als eben jener junge Mann dem Vater seine Verlobte vorstellt, beschimpft dieser ihn auf das Übelste und empfiehlt ihm regelmäßige Besuche in einem Bordell. Dies war eine Demütigung zu viel für den lebenslang Unterdrückten, der daraufhin in Klausur geht und einen Brief an den Vater verfasst. Doch es wird mehr als nur ein Brief, es wird eine Anklage, die eine Länge von mehr als 100 handbeschriebenen Seiten umfasst. Franz Kafkas "Brief an den Vater" ist einerseits eine bittere Abrechnung mit den Erziehungsmethoden des Vaters, gleichzeitig aber auch eine ehrliche Selbstanalyse, in der Kafka versucht herauszufinden, was für seinen Einfluss seine Erziehung auf sein Leben, sein Lieben und sein Schreiben gehabt hat.

Es sind Worte, die auch nach mehr als knapp 100 Jahren nichts von ihrer Unmittelbarkeit verloren haben und den heutigen Leser erahnen lassen, wie existentiell Kafka den Konflikt mit dem Vater empfunden haben muss: "Zwischen uns war es kein eigentlicher Kampf; ich war bald erledigt; was übrigblieb war Flucht, Verbitterung, Tränen, innerer Kampf" (42f.). Kafka hat seinen Brief nie abgeschickt und so müssen wir heute darüber spekulieren, ob er ihn überhaupt jemals abschicken wollte, oder ob er von vornherein lediglich als eine Art Selbsttherapie gedacht war. Eine andere Frage lautet, ob Kafka seine Erfahrungen gemäß seinen Erinnerungen wahrheitsgemäß dargestellt, oder zugunsten der literarischen Wirkung das eine oder andere Mal übertrieben hat. Was bei all diesen Fragen bleibt ist ein bis heute faszinierendes literarisches Dokument, welches zu Recht als ein Schlüssel zum Werk Franz Kafkas gilt.


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