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Der Schwanensee (Ga)
Der Schwanensee (Ga)
Preis: EUR 51,80

5.0 von 5 Sternen 5 Sterne, 16. Mai 2012
Rezension bezieht sich auf: Der Schwanensee (Ga) (Audio CD)
Es gibt ein ganze Anzahl Schwanensee-Gesamtaufnahmen, darunter hervorragende, aber auch durchschnittliche. Wo liegen die Unterschiede? Wie findet man die richtige Aufnahme, die dem eigenen Geschmack und Bedürfnis (z.B. Hörfassung/Tanzfassung) entspricht? Da ich einige Schwanensee-CDs habe, möchte ich bei der Findung gern etwas behilflich sein.
Eins vorweg: Gesamtaufnahmen sind keinesfalls immer komplett. Ebenso wie die meisten Schwanensee-Balletts nicht immer vollständig im Sinne des Komponisten/Librettisten sind. Manch eine "Gesamtaufnahme" entspricht also eher der Vollständigkeit einer bestimmten Ballett-Inszenierung als der Originalpartitur.

Bonynge:
Diese Aufnahme (National Philharmonic Orchestra, 1975) ist die längste Fassung (neben Svetlanov und Sawallisch), die ich kenne. Exzellente Tonqualität. Glasklarer, himmlischer Klang der Harfe (rechtes Ohr). Mincho Minchev spielt elegisch die Solo-Violine, z.B. beim Russischen Tanz. Bonynge nutzt nahezu das komplette musikalische Spektrum: verträumt (Pathos) bis dynamisch-explosiv (typisch philharmonisch). Auch sind die Tempi generell - sogar innerhalb der einzelnen Stücke - auffallend abwechslungsreich. Ballettkennern wird der Appendice I im sogenannten Schwarzen Schwan abgehen, und zwar der "Pas de deux" (4 Nummern im 3. Akt), welcher gewöhnlich auf "No. 19 Pas de six" folgt (ohne: 156 Minuten). Hierzu weiche man ggf. auf die 3er-Box (dort Gesamtaufnahme mit 165 Minuten) von Richard Bonynge aus ("Ballette" mit Schwanensee, Dornröschen, Nussknacker); dort ist die Schwanensee-Aufnahme tatsächlich komplett. Eine becken- und bläsergewaltige Offenbarung. 4 Sterne.

Brandenburger Symphoniker (Matthias Förster):
Aufgenommen 1994. Erinnert etwas an Sawallisch. Es fehlen No. 9 und No. 14 (Schwanensee-Themamelodie). Diese sind gewöhnlich identisch mit No. 10, welche vorhanden ist und zügig gespielt wird. Von den 3 Anfangs-Szenen im 2. Akt fehlt die letzte. Bei No. 13 fehlen ganze drei Nummern. Im Schwarzen Schwan (3. Akt) fehlen die 4 Nummern des Pas de deux. Im 4. Akt fehlt der Tanz der kleinen Schwäne. Damit es dem Laien nicht gleich auffällt, hat der Russische Tanz (sonst Appendix 2) die Nr. 27 erhalten. Dieser fällt mit 4:51 Minuten von allen Versionen am längsten aus. Den Solo-Violinisten (Bruno Merse) würde ich -- wenn das nur so einfach ginge -- sofort in die Version von Sawallisch tauschen. Bei No. 19 fehlt eine von 5 Variationen. Im Coda des "Pas de trois" wurde 2 x eine Note verändert. Zwischen den einzelnen Tracks oftmals ungünstig lange Verbindungspausen. Unterm Strich und bei leider so vielen fehlenden Nummern (12!) eine an sich überflüssige Aufnahme. Hervorragende Bläser. 3 Sterne.

Dorati:
Eine beliebte und legendäre Aufnahme aus dem Jahre 1954. Es war die allererste "Gesamtaufnahme" des Schwanensees überhaupt. Aber auch hier fehlt im 3. Akt der Pas de deux, denn kurz nach der Aufnahme war man schlauer. Erst mit der Wissenschaftlichen Gesamtausgabe der Werke Tschaikowskys wurde Schwanensee 1958 für die Öffentlichkeit in der Originalgestalt wieder zugänglich. Dorati verzichtet in dieser Aufnahme außerdem bewusst auf Wiederholungen. Solo-Geige: Rafael Druian. Tanzbar.
Wichtig: Es handelt sich um eine Aufnahme noch in MONO! Wem Stereo also wichtig ist, muss eine andere Wahl treffen. 4 Sterne.

Dutoit:
Orchestre symphonhique de Montréal, 1991. Unter seiner Leitung wurde dieses Orchester nach Meinung der Fachkritik zu einem der weltbesten Ensembles. Im Grunde eine komplette Gesamtaufnahme. Es ist nicht weiter tragisch, dass "No. 14 Scene (Moderato)" im 2. Akt fehlt. Hierzu weiche man einfach auf "No. 10 Scene (Moderato)" aus (ist ja identisch, also nur eine Wiederholung der Schwanensee-Themamelodie). Offensichtlich passte dieses letzte Stück vom 2. Akt nicht mehr auf Disc 1. Und auf Disc 2 wollte man es wohl nicht nehmen, damit der 3. und 4. Akt für sich bleiben. Des Weiteren ist zwar unter No. 13 der 3. Walzer aufgeführt, aber nicht enthalten (weil mit den beiden vorhergehenden Walzern identisch). Es wurden hier und da ein paar Stücke in einem CD-Track untergebracht, was die gezielte Anwahl erschwert (ebenso bei Ozawa) -- dies kann aber auch die programmierte Wiederholung von zusammenhängenden Abschnitten erleichtern. Chantal Juillet spielt zart die Solo-Geige. Ebenfalls schönes Harfenspiel. Dutoit und Lanchbery haben unterm Strich die gleiche Gesamtspielzeit, wobei Lanchbery die entscheidenden, ruhigen Nummern etwas mehr auskostet. Bonynge und Ozawa sind anregend, Dutoit wirkt eher beruhigend, harmonisierend und strahlt eine auffallend wohlige Wärme (durch nahe Celli/Kontrabässe) aus. 154 Minuten Gesamtspielzeit. Einzigartig und von Kennern geliebt. 5 Sterne.

Fedosejew:
Aufnahme aus dem Jahre 1985, Moskau. Großes Rundfunksinfonie-Orchester der UdSSR. Russisch, allerdings deutlich gemäßigter (eben symphonischer) als Svetlanov. Der Pas de deux (Appendix) nach "No. 19 Pas de six" fehlt hier. Alle Volkstänze im 3. Akt sind enthalten. Die Version von Svetlanov (ebenfalls von "Melodia", 1988) ist um Längen interessanter und viel besser als die von Wladimir Fedosejew -- allein schon von den Solisten her. 3er-CD-Box. 4 Sterne.

Fedotov:
Mariinsky Theatre Symphony Orchestra (Kirov), 1994. Bezaubernde Tanzfassung der 1895er-Kurzversion von Schwanensee unter dem Dirigat von Victor Fedotov (135 Min.). Näheres: Siehe bitte unter Gergiev. 5 Sterne.

Gergiev:
Leider fehlt hier der "Russische Tanz" im 3. Akt. Ausgerechnet der dürfte aber bei einer "russischen" Schwanensee-Version (Orchestra of the Marinsky Theatre, 2006) nicht fehlen: das virtuose Geigen-Solo. Des Weiteren wurden etliche Umstellungen der Nummern (sogar in verschiedene Akte hinein) vorgenommen, offensichtlich der Abfolge einer Ballet-Inszenierung entsprechend (DVD: Lopatkina/Koruntsev), die sich an der kürzeren, revidierten Festlegung aus dem Jahre 1895 orientiert statt an der im Westen üblichen und deutlich längeren Abfolge aus dem Jahre 1877. Etliche Kürzungen; aber auch Erweiterungen sind enthalten im letzten Akt, z.B. der Valse bluette (Walzer der schwarzen und weißen Schwäne), abgeleitet von einer Klaviermusik Tschaikowskys -- gehört aber nicht zum Original. Temperamentvoller Czardas und flotte Mazurka.
Der Pas d'action (Adagio) bei Valery Gergiev hingegen mit einer unübertroffenen Länge von 9:10 Minuten, was sogar bei visuellem Faktor (DVD) eigenartig zeitlupenhaft anmutet. Es gilt für diese Festlegung insgesamt die Version von Victor Fedotov (dort 7:34 Minuten) als eindeutig bessere und umfangreichere Alternative; dort finden sich auch der Russische Tanz und 3 weitere Auslassungen dieser Version als Extra. Tanzfassung. 3 Sterne.

Lanchbery:
Philharmonia Orchestra. John Lanchbery ist der bekannte Dirigent des weltberühmten Balletts mit Rudolf Nurejev und Margot Fonteyn auf DVD. Hier andere, hervorragende Aufnahme (1982) -- wie Sawallisch von EMI Classics und diesem vorzuziehen. Allerdings fehlen im 2. Akt 2 Tracks: No. 10 und No. 14. Es handelt sich hierbei um Wiederholungen der Themamelodie. So muss man sich z. B. mit der treibend (Szene: Jagdfieber) gespielten No. 9 begnügen. Bei No. 13 wurde des Weiteren der 3. Walzer (VI) weggelassen, der ja ohnehin mit den anderen beiden identisch wäre (so auch bei Dutoit). Eine Aufnahme, wo die Mazurka deutlich flotter gespielt wird (gewöhnlich viel zu schleppend für mein Musikempfinden). Die Walzer hingegen sind von allen Versionen die langsamsten und ballettigsten. Beste westliche Tanzfassung -- ausdrucksstark und facettenreich. 153 Minuten. Überaus gelungene Orchesterführung. Hochrangige Solisten. 5 Sterne.

Moldoveanu:
Der rumänische Dirigent Nicolae Moldoveanu mit dem Royal Philharmonic Orchestra (Leitung Charles Dutoit), 2009. Unaufdringliche Kopfhörer-Version mit hervorragender Streicher/Bläser/Perkussions-Abmischung. Virtuose Violinistin (Clio Gould) mit einer Stradivari. Prima! Phantastisch, z.B. ihr Russischer Tanz. 4 Nummern fehlen im 3. Akt (Pas de deux) - wie so oft - sowie 4 weitere Nummern (ohnehin Wiederholungen bzw. die unrelevante Zwergen-Nr.). Moldoveanu verzichtet glücklicherweise weitestgehend auf "Explosionen" und hat ein gutes Gespür für die Wahl der ballettigen Tempi, was nicht nur in der Themamelodie, den beiden weißen Akten und den Volkstänzen unter Beweis gestellt wird. Manche Nummern könnten indes durchaus mehr Leben, Gefühl und akzentuierte Raffinesse in einzelnen Passagen vertragen. Somit bleibt seine Aufnahme ein wenig unter dem Niveau von anderen Einspielungen, beispielsweise von Dutoit. Doppel-CD, an der sich jeder Track problemlos und einwandfrei wählen lässt. 145 Minuten. 4 Sterne.

Ozawa:
Eine Aufnahme aus dem Jahre 1978 mit dem Boston Symphony Orchestra. Ihm gelingt es, einen vielschichtigen, schillernden Klangteppich zu erzeugen. Ab und zu muss man allerdings die Lautstärke regulieren, da er tendenziell zu deutlichen Leise-laut-Schwankungen in den einzelnen Nummern neigt (extrem wuchtig/brachial/martialisch), was dem ungetrübten Genuss etwas abträglich ist. Seiji Ozawa war ein Schüler von Herbert von Karajan und Leonard Bernstein. Diese hohe Schule, die ihn zweifellos geprägt hat, erklärt wohl diese heftigen orchestralen Steigerungen/Ausbrüche. Joseph Silverstein spielt die erste Geige. Sein Geigen-Solo ist brillant, gefühlvoll und obertonreich, z.B. in der Danse russe im 3. Akt. Das ist Virtuosität! Kräftige, sonore Kontrabässe. Es fehlt leider Appendice I im 3. Akt (Schwarzer Schwan), d.h.: "Pas de deux": * Introduction, Moderato -- Andante; * Variation I Allegro moderato; * Variation II Allegro; * Coda Allegro molto vivace. Ozawas einzelne Musiknummern sind im Durchschnitt um die 12 Sekunden länger im Vergleich zu Rozhdestvenskys. Dennoch handelt es sich auch hierbei nur um eine Hörfassung (150 Minuten). 4 Sterne.

Pletnev:
Leider ohne Danse russe im 3. Akt. Auch der Pas de deux im selben Akt (4 Nummern) fehlt. Russian National Orchestra. Damals -- im Jahre 2009 -- hätte man inzwischen wissen müssen, dass bei Gesamtaufnahmen immer mehr auf Vollständigkeit Wert gelegt wird. Aber es existieren ohnehin andere russische Aufnahmen mit mehr Struktur und Niveau. (Dafür liefert Mikhail Pletnev aber bei der Gesamtaufnahme von "Sleeping Beauty" neben Neeme Järvi eine hervorragende Hörfassung.) 3 Sterne.

Previn:
Aufnahme aus dem Jahre 1976 unter dem Dirigat des bekannten Jazz- und Filmmusikers. 155 Minuten Gesamtspielzeit. Im Tempo sind die einzelnen Musiknummern um 4 bzw. 8 Sekunden durchschnittlich schneller als bei Dutoit bzw. Ozawa. Bei Andre Previn gibt es natürlich auch Ausnahmen (oder das Gegenteil). Ihm ging es nicht um Tanzbarkeit. Die Solo-Geige spielt die berühmte Ida Haendel, unterstützt durch das renommierte London Symphony Orchestra (siehe auch M. T. Thomas). Previn und sein Orchester bewegen sich im Mittelfeld. Komplette, echte Gesamtaufnahme. 4 Sterne.

Rozhdestvensky:
Auf dieser Doppel-CD (USSR RTV Large Symphony Orchestra, 1969) -- sie ist derzeit leider vergriffen -- wird die Originalpartitur berücksichtigt, also einschließlich Pas de deux im "Schwarzen Schwan" des 3. Aktes (4 zusätzliche Musiknummern) und dem anschließenden Russischen Tanz (Violin-Solo). Wunderbare tiefe Streicher und im Timbre etwas zigeunerhaft klingende Solo-Geige (Mikhail Chernyakhovsky). Die Harfe im Klang warm und technisch sauber. Diese Aufnahme ist eine wohlklingende Hörfassung (großes Radio-Orchester); für diesen Zweck sind die zügigeren Tempi von Gennady Rozhdestvensky optimal gewählt. Genuss pur ("nur" 148 Minuten). Wer diese Aufnahme besitzt, kann sich glücklich schätzen. Sie ist eine echte Gesamtaufnahme und verdient wirklich 5 Sterne.

Sawallisch:
Philadelphia Orchestra, aufgenommen 1993. Beliebt, weil vollständig. Manchmal recht getragen und gezogen gespielt und auch sonst oft deutlich langsamer als bei Ozawa (durchschnittlich um die 12 Sekunden). Es geht leider auch fast allen Volkstänzen im 3. Akt eine gewisse Spritzigkeit ab (z.B. schleppende Mazurka). Wolfgang Sawallisch spielt das Werk tempomäßig eher wie ein einziges Ganzes (158 Minuten). Von manchen wird sein Schwanensee daher als leblos bezeichnet. Ozawa interpretiert es mehr in Form von Einzelstücken -- überspitzt ausgedrückt. Harfe und Solo-Violine (etwas "chinesisches" Geigentimbre/-spiel) werden meisterhaft, aber für Perfektionisten nicht so virtuos und sauber beherrscht wie bei Lanchbery oder Ozawa beispielsweise. Der Höhepunkt in dieser Version ist sicherlich das grandiose Finale (ähnlich beeindruckend bei Bonynge und Dutoit). Tanzfassung. Komplette, echte Gesamtaufnahme. 4 Sterne.

Svetlanov:
Aus dem Jahre 1988. The USSR State Academic Symphony Orchestra. Knapp 154 Minuten reiner Hörgenuss. Eine unübertroffen authentische, ballettige Aufnahme, wie sie Tschaikowsky vermutlich gefallen hätte -- ganz in seinem Sinne und wahrlich ein Glücksgriff. Russisch: angemessen große Lautstärken- und Tempowechsel. Oder anders ausgedrückt: intensiv sentimental bis dramatisch/mächtig. Svetlanov interpretiert Schwanensee mit "Seele". Tadelloser Klang. Solo-Geige (Yuri Torchinsky), -Cello, -Klarinette, -Oboe und Harfe erster Güte (man sitzt nicht neben den Solisten, man ist der Solist). Im Schwarzen Schwan fehlen nach "No. 19 Pas des six" die Nummern des "Pas de deux". Die Version von Evgeny Svetlanov enthält den wohl schönsten Pas de deux im 1. Akt (Geigensolo) und das berührendste Finale (Themamelodie) im 1. Akt aller Aufnahmen durch das vordergründige Harfen-/Oboenspiel. Auch sonst ist der "Wellenschlag" des Harfenspiels (linkes Ohr), das für das Seewasser steht, wunderbar zu hören. In anderen Einspielungen ist es oft deutlich schwächer oder fast gar nicht wahrzunehmen. Zum Niederknien schön ebenso der Pas d'action im 2. Akt (ähnlich berührend bei Fedotov). In No. 14 ahmen die Streicher richtig gut Balalaikas nach, um die Sehnsucht des Prinzen nach Freiheit und die Schönheit des Vogelflugs zu unterstreichen. Und nur im Finale dieser Version glaubt man, alle Vögel des Waldes am See herauszuhören. Ein ekstatisches Erlebnis (gleichfalls beste Tanzfassungen von Dornröschen und Nussknacker als echte Gesamtaufnahmen)! 3 CDs. Exquisite Tanzfassung. 5 Sterne.

Thomas:
London Symphony Orchestra. 1991. 149 Gesamtspielzeit. Alexander Barantschik, Solo-Violine. Douglas Cummings, Solo-Cello. 5 Sterne für alle Solisten. Im 3. Akt fehlen die 4 Nummern des Pas des deux (Appendix). In No. 9, 10 und 14 perfekt gewählte (ruhige) Tempi -- so auch Svetlanov -- der Schwanensee-Themamelodie (bei Lanchbery und Ozawa etwas zu schnell). Sehr angenehme Kopfhörer-Version (ohne Gehörschaden), die mit der Gesamtaufnahme von Dutoit des gleichen Jahres konkurriert. Die Volkstänze im 3. Akt interpretiert Michael Tilson Thomas besser als Bonynge und Sawallisch. Außerdem ist das Klangbild bei Thomas vergleichsweise abgedämpfter (Bläser mehr im Hintergrund) als bei Previn. 4 Sterne.

Yablonsky:
Russian State Symphony Orchestra, 2001. Aufnahme neueren Datums von NAXOS (von der Vorgänger-Version von NAXOS mit Ondrej Lenard, 1989, 140 Minuten, unvollständig, möchte ich sowieso abraten). Dirigent: Dmitry Yablonsky (sonst bekannter Cellist). Harfe, Geige, Cello, Trompete werden in den Solos gekonnt gespielt. In No. 5 (Pas de deux) spielt der virtuose Solo-Geiger allerliebst das Andante. Leider ist deutlich sein schnaufendes Atmen zu hören, was speziell beim Hören über Kopfhörer als störend empfunden wird und sich deshalb dazu nicht eignet. Auch bei seinen anderen Solos trifft das zu. Ein kleiner freundlicher Hinweis des Tontechnikers hätte sicher genügt, um dies abzustellen. Sonst erstklassige Tonqualität. Die Gesamtspielzeit ist bei Rozhdestvensky und Yablonsky (knapp 148 Minuten) identisch, wobei bei Yablonsky die ruhigen Nummern etwas länger ausfallen (leider mit Ausnahme jeweils der Schwanensee-Melodie) und dafür die schnellen Nummmern eine Idee flotter gespielt werden. Auch fallen bei ihm der "Bechertanz" (No. 8) sowie die "Ankunft der Gäste" (No. 17) um die Hälfte kürzer aus im Vergleich mit anderen Einspielungen, und er spielt die Themamelodie von allen Versionen am schnellsten (um es nochmals herauszustellen). Hingegen ist der wichtige Abschnitt "No. 13 Tanz der Schwäne" mit 18:55 Minuten der längste aller Aufnahmen, dicht gefolgt von Svetlanov (18:42). Dasselbe trifft auf den großen Abschnitt "No. 19 Pas de six" zu. Yablonsky ist eine "Verlegenheits"-Alternative zu Rozhdestvensky; eine zu Extremen neigende komplette, echte Gesamtaufnahme mit somit sehr schnellen bzw. langsamen Tempi. 3 Sterne.

RESÜMME:
Die in jeder Hinsicht perfekte Aufnahme von Schwanensee existiert leider bis dato nicht. Letztlich bleibt die Wahl Geschmackssache und ein Kompromiss. Grundsätzlich kann aber gesagt werden, dass die russischen Aufnahmen mehr Kraft und Herz haben und die angloamerikanischen eleganter oder feiner (Nebengeräusch-disziplinierte Musiker) sind. Alle Versionen haben hörenswerte Besonderheiten. Meine Favoriten sind die von Lanchbery, Dutoit und natürlich Svetlanov. Bei der 1895er-Kurzversion ist es einzig und allein die von Victor Fedotov.


Schwanensee (Eloquence)
Schwanensee (Eloquence)
Preis: EUR 12,41

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen 5 Sterne, 16. Mai 2012
Rezension bezieht sich auf: Schwanensee (Eloquence) (Audio CD)
Es gibt ein ganze Anzahl Schwanensee-Gesamtaufnahmen, darunter hervorragende, aber auch durchschnittliche. Wo liegen die Unterschiede? Wie findet man die richtige Aufnahme, die dem eigenen Geschmack und Bedürfnis (z.B. Hörfassung/Tanzfassung) entspricht? Da ich einige Schwanensee-CDs habe, möchte ich bei der Findung gern etwas behilflich sein.
Eins vorweg: Gesamtaufnahmen sind keinesfalls immer komplett. Ebenso wie die meisten Schwanensee-Balletts nicht immer vollständig im Sinne des Komponisten/Librettisten sind. Manch eine "Gesamtaufnahme" entspricht also eher der Vollständigkeit einer bestimmten Ballett-Inszenierung als der Originalpartitur.

Bonynge:
Diese Aufnahme (National Philharmonic Orchestra, 1975) ist die längste Fassung (neben Svetlanov), die ich kenne. Das bedeutet aber nicht, dass sie deswegen auch besonders gut tanzbar wäre. Teilweise ist die Spielweise sogar ausgesprochen hektisch, dann wieder hyperballetig-zäh. Exzellente Tonqualität. Glasklarer, himmlischer Klang der Harfe (rechtes Ohr). Mincho Minchev spielt elegisch die Solo-Violine, z.B. beim Russischen Tanz. Bonynge nutzt nahezu das komplette musikalische Spektrum: verträumt (Pathos) bis dynamisch-explosiv (typisch philharmonisch). Ballettkennern wird der Appendice I im sogenannten Schwarzen Schwan abgehen, und zwar der "Pas de deux" (4 Nummern im 3. Akt), welcher gewöhnlich auf "No. 19 Pas de six" folgt (ohne: 156 Minuten). Hierzu weiche man ggf. auf die 3er-Box (dort Gesamtaufnahme mit 165 Minuten) von Richard Bonynge aus ("Ballette" mit Schwanensee, Dornröschen, Nussknacker); dort ist die Schwanensee-Aufnahme tatsächlich komplett. Becken- und bläserfreudige Aufnahme. 4 Sterne.

Brandenburger Symphoniker (Matthias Förster):
Aufgenommen 1994. Erinnert etwas an Sawallisch. Es fehlen No. 9 und No. 14 (Schwanensee-Themamelodie). Diese sind gewöhnlich identisch mit No. 10, welche vorhanden ist und zügig gespielt wird. Von den 3 Anfangs-Szenen im 2. Akt fehlt die letzte. Bei No. 13 fehlen ganze drei Nummern. Im Schwarzen Schwan (3. Akt) fehlen die 4 Nummern des Pas de deux. Im 4. Akt fehlt der Tanz der kleinen Schwäne. Damit es dem Laien nicht gleich auffällt, hat der Russische Tanz (sonst Appendix 2) die Nr. 27 erhalten. Dieser fällt mit 4:51 Minuten von allen Versionen am längsten aus. Den Solo-Violinisten (Bruno Merse) würde ich -- wenn das nur so einfach ginge -- sofort in die Version von Sawallisch tauschen. Bei No. 19 fehlt eine von 5 Variationen. Im Coda des "Pas de trois" wurde 2 x eine Note verändert. Zwischen den einzelnen Tracks oftmals ungünstig lange Verbindungspausen. Unterm Strich und bei leider so vielen fehlenden Nummern (12!) eine an sich überflüssige Aufnahme. Hervorragende Bläser. 3 Sterne.

Dorati:
Eine beliebte und legendäre Aufnahme aus dem Jahre 1954. Es war die allererste "Gesamtaufnahme" des Schwanensees überhaupt. Aber auch hier fehlt im 3. Akt der Pas de deux, denn kurz nach der Aufnahme war man schlauer. Erst mit der Wissenschaftlichen Gesamtausgabe der Werke Tschaikowskys wurde Schwanensee 1958 für die Öffentlichkeit in der Originalgestalt wieder zugänglich. Dorati verzichtet in dieser Aufnahme außerdem bewusst auf Wiederholungen. Solo-Geige: Rafael Druian. Tanzbar.
Wichtig: Es handelt sich um eine Aufnahme noch in MONO! Wem Stereo also wichtig ist, muss eine andere Wahl treffen. 4 Sterne.

Dutoit:
Orchestre symphonhique de Montréal, 1991. Unter seiner Leitung wurde dieses Orchester nach Meinung der Fachkritik zu einem der weltbesten Ensembles. Im Grunde eine komplette Gesamtaufnahme. Es ist nicht weiter tragisch, dass "No. 14 Scene (Moderato)" im 2. Akt fehlt. Hierzu weiche man einfach auf "No. 10 Scene (Moderato)" aus (ist ja identisch, also nur eine Wiederholung der Schwanensee-Themamelodie). Offensichtlich passte dieses letzte Stück vom 2. Akt nicht mehr auf Disc 1. Und auf Disc 2 wollte man es wohl nicht nehmen, damit der 3. und 4. Akt für sich bleiben. Des Weiteren ist zwar unter No. 13 der 3. Walzer aufgeführt, aber nicht enthalten (weil mit den beiden vorhergehenden Walzern identisch). Es wurden hier und da ein paar Stücke in einem CD-Track untergebracht, was die gezielte Anwahl erschwert (ebenso bei Ozawa) -- dies kann aber auch die programmierte Wiederholung von zusammenhängenden Abschnitten erleichtern. Chantal Juillet spielt die Solo-Geige. Ebenfalls wunderschönes Harfenspiel. Dutoit und Lanchbery haben unterm Strich die gleiche Gesamtspielzeit, wobei Lanchbery die entscheidenden, ruhigen Nummern etwas mehr auskostet. Bonynge und Ozawa sind anregend, Dutoit wirkt eher beruhigend, harmonisierend und strahlt eine auffallend wohlige Wärme (durch nahe Celli/Kontrabässe) aus. 154 Minuten Gesamtspielzeit. Einzigartig und von Kennern geliebt. 5 Sterne.

Fedosejew:
Aufnahme aus dem Jahre 1985, Moskau. Großes Rundfunksinfonie-Orchester der UdSSR. Russisch, allerdings deutlich gemäßigter (eben symphonischer) als Svetlanov. Der Pas de deux (Appendix) nach "No. 19 Pas de six" fehlt hier. Alle Volkstänze im 3. Akt sind enthalten. Die Version von Svetlanov (ebenfalls von "Melodia", 1988) ist um Längen interessanter und viel besser als die von Wladimir Fedosejew -- allein schon von den Solisten her. 3er-CD-Box. 4 Sterne.

Gergiev:
Leider fehlt hier der "Russische Tanz" im 3. Akt. Ausgerechnet der dürfte aber bei einer "russischen" Schwanensee-Version (Orchestra of the Marinsky Theatre, 2006) nicht fehlen: das virtuose Geigen-Solo. Des Weiteren wurden etliche Umstellungen der Nummern (sogar in verschiedene Akte hinein) vorgenommen, offensichtlich der Abfolge einer Ballet-Inszenierung entsprechend (DVD: Lopatkina/Koruntsev), die sich an der kürzeren, revidierten Festlegung aus dem Jahre 1895 orientiert statt an der üblichen und deutlich längeren Abfolge aus dem Jahre 1877. Viele Kürzungen; aber auch eine Erweiterung ist enthalten (Interpolation 2 im letzten Akt): der Valse bluette (Walzer der schwarzen und weißen Schwäne), abgeleitet von einer Klaviermusik Tschaikowskys -- gehört aber nicht zum Original. Der Pas d'action bei Valery Gergiev mit einer unübertroffenen Länge von 9:10 Minuten. Dennoch gilt für diese Festlegung insgesamt die Version von Victor Fedotov (dort 7:34 Minuten) als eindeutig bessere und umfangreichere Alternative; dort findet sich auch der Russische Tanz als Extra. Tanzfassung. 3 Sterne.

Lanchbery:
Philharmonia Orchestra. John Lanchbery ist der bekannte Dirigent des weltberühmten Balletts mit Rudolf Nurejev und Margot Fonteyn auf DVD. Hier andere, hervorragende Aufnahme (1982) -- wie Sawallisch von EMI Classics und diesem vorzuziehen. Allerdings fehlen im 2. Akt 2 Tracks: No. 10 und No. 14. Es handelt sich hierbei um Wiederholungen der Themamelodie. So muss man sich z. B. mit der treibend (Szene: Jagdfieber) gespielten No. 9 begnügen. Bei No. 13 wurde des Weiteren der 3. Walzer (VI) weggelassen, der ja ohnehin mit den anderen beiden identisch wäre (so auch bei Dutoit). Eine Aufnahme, wo die Mazurka deutlich flotter gespielt wird (gewöhnlich viel zu schleppend für mein Musikempfinden). Die Walzer hingegen sind von allen Versionen die langsamsten und ballettigsten. Beste westliche Tanzfassung -- ausdrucksstark und facettenreich. 153 Minuten. Überaus gelungene Orchesterführung. Hochrangige Solisten. 5 Sterne.

Ozawa:
Eine Aufnahme aus dem Jahre 1978 mit dem Boston Symphony Orchestra. Ihm gelingt es, einen vielschichtigen, schillernden Klangteppich zu erzeugen. Ab und zu möchte muss allerdings die Lautstärke regulieren, da er tendenziell zu deutlichen Leise-laut-Schwankungen in den einzelnen Nummern neigt (extrem wuchtig/brachial/martialisch). Seiji Ozawa war ein Schüler von Herbert von Karajan und Leonard Bernstein. Diese hohe Schule, die ihn zweifellos geprägt hat, erklärt wohl diese heftigen orchestralen Steigerungen/Ausbrüche. Joseph Silverstein spielt die erste Geige. Sein Geigen-Solo ist brillant, gefühlvoll und obertonreich, z.B. in der Danse russe im 3. Akt. Das ist Virtuosität! Kräftige, sonore Kontrabässe. Es fehlt leider Appendice I im 3. Akt (Schwarzer Schwan), d.h.: "Pas de deux": * Introduction, Moderato -- Andante; * Variation I Allegro moderato; * Variation II Allegro; * Coda Allegro molto vivace. Ozawas einzelne Musiknummern sind im Durchschnitt um die 12 Sekunden länger im Vergleich zu Rozhdestvenskys. Dennoch handelt es sich auch hierbei nur um eine Hörfassung (150 Minuten). 4 bis 5 Sterne.

Pletnev:
Leider ohne Danse russe im 3. Akt. Auch der Pas de deux im selben Akt (4 Nummern) fehlt. Wie schade! Russian National Orchestra. Damals -- im Jahre 2009 -- hätte man inzwischen wissen müssen, dass bei Gesamtaufnahmen immer mehr auf Vollständigkeit Wert gelegt wird. 3 Sterne. (Dafür ist Mikhail Pletnev aber bei der Gesamtaufnahme von "Sleeping Beauty" für mich der unumstrittene 5-Sterne-Sieger der Hörfassungen.)

Previn:
Aufnahme aus dem Jahre 1976 unter dem Dirigat des bekannten Jazz- und Filmmusikers. 155 Minuten Gesamtspielzeit. Im Tempo sind die einzelnen Musiknummern um 4 bzw. 8 Sekunden durchschnittlich schneller als bei Dutoit bzw. Ozawa. Bei Andre Previn gibt es natürlich auch Ausnahmen (oder das Gegenteil). Die Solo-Geige spielt die berühmte Ida Haendel, unterstützt durch das renommierte London Symphony Orchestra (siehe auch M. T. Thomas). Previn und sein Orchester bewegen sich im Mittelfeld. Komplette, echte Gesamtaufnahme. 4 Sterne.

Rozhdestvensky:
Auf dieser Doppel-CD (USSR RTV Large Symphony Orchestra, 1969) -- sie ist derzeit leider vergriffen -- wird die Originalpartitur berücksichtigt, also einschließlich Pas de deux im "Schwarzen Schwan" des 3. Aktes (4 zusätzliche Musiknummern) und dem anschließenden Russischen Tanz (Violin-Solo). Wunderbare tiefe Streicher und im Timbre etwas zigeunerhaft klingende Solo-Geige (Mikhail Chernyakhovsky). Die Harfe im Klang warm und technisch sauber. Diese Aufnahme ist eine wohlklingende Hörfassung (großes Radio-Orchester); für diesen Zweck sind die zügigeren Tempi von Gennady Rozhdestvensky optimal gewählt. Genuss pur ("nur" 148 Minuten). Wer diese Aufnahme besitzt, kann sich glücklich schätzen. Sie ist eine echte Gesamtaufnahme und verdient wirklich 5 Sterne.

Sawallisch:
Philadelphia Orchestra, aufgenommen 1993. Beliebt und gut. Manchmal recht getragen und gezogen gespielt und auch sonst oft deutlich langsamer als bei Ozawa (durchschnittlich um die 12 Sekunden). Es geht leider auch fast allen Volkstänzen im 3. Akt eine gewisse Spritzigkeit ab (z.B. schleppende Mazurka). Wolfgang Sawallisch spielt das Werk tempomäßig eher wie ein einziges Ganzes (158 Minuten), Ozawa interpretiert es mehr in Form von Einzelstücken -- überspitzt ausgedrückt. Harfe und Solo-Violine (etwas "chinesisches" Geigentimbre/-spiel) werden meisterhaft, aber für Perfektionisten nicht so virtuos und sauber beherrscht wie bei Lanchbery oder Ozawa beispielsweise. Der Höhepunkt in dieser Version ist sicherlich das grandiose Finale. Tanzfassung. Komplette, echte Gesamtaufnahme. 4 Sterne.

Svetlanov:
Aus dem Jahre 1988. The USSR State Academic Symphony Orchestra. Knapp 154 Minuten reiner Hörgenuss. Eine unübertroffen authentische, ballettige Aufnahme, wie sie Tschaikowsky vermutlich gefallen hätte -- ganz in seinem Sinne und wahrlich ein Glücksgriff. Russisch: angemessen große Lautstärken- und Tempowechsel. Oder anders ausgedrückt: intensiv sentimental bis dramatisch/mächtig. Svetlanov interpretiert Schwanensee mit "Seele". Tadelloser Klang. Solo-Geige (Yuri Torchinsky), -Cello, -Klarinette, -Oboe und Harfe erster Güte (man sitzt nicht neben den Solisten, man ist der Solist). Im Schwarzen Schwan fehlen nach "No. 19 Pas des six" die Nummern des "Pas de deux". Die Version von Evgeny Svetlanov enthält den wohl schönsten Pas de deux im 1. Akt (Geigensolo) und das berührendste Finale (Themamelodie) im 1. Akt aller Aufnahmen durch das vordergründige Harfen-/Oboenspiel. Auch sonst ist der "Wellenschlag" des Harfenspiels (linkes Ohr), das für das Seewasser steht, wunderbar zu hören. In anderen Einspielungen ist es oft deutlich schwächer oder fast gar nicht wahrzunehmen. Zum Niederknien schön ebenso der Pas d'action im 2. Akt. 3 CDs. Ein ekstatisches Erlebnis (ebenso der beste Nussknacker als tanzbare Gesamtaufnahme)! Exquisite Tanzfassung. 5 Sterne.

Thomas:
London Symphony Orchestra. 1991. 149 Gesamtspielzeit. Alexander Barantschik, Solo-Violine. Douglas Cummings, Solo-Cello. 5 Sterne für alle Solisten. Im 3. Akt fehlen die 4 Nummern des Pas des deux (Appendix). In No. 9, 10 und 14 perfekt gewählte (ruhige) Tempi -- so auch Svetlanov -- der Schwanensee-Themamelodie (bei Lanchbery und Ozawa zu schnell). Sehr angenehme Kopfhörer-Version (ohne Gehörschaden), die mit der Gesamtaufnahme von Dutoit des gleichen Jahres konkurriert. Die Volkstänze im 3. Akt interpretiert Michael Tilson Thomas besser als Lanchbery und Sawallisch. Außerdem ist das Klangbild bei Thomas vergleichsweise abgedämpfter (Bläser mehr im Hintergrund) als bei Previn. 4 bis 5 Sterne.

Yablonsky:
Russian State Symphony Orchestra, 2001. Aufnahme neueren Datums von NAXOS (von der Vorgänger-Version von NAXOS mit Ondrej Lenard, 1989, 140 Minuten, unvollständig, möchte ich sowieso abraten). Dirigent: Dmitry Yablonsky (sonst bekannter Cellist). Harfe, Geige, Cello, Trompete werden in den Solos gekonnt gespielt. In No. 5 (Pas de deux) spielt der virtuose Solo-Geiger allerliebst das Andante. Leider ist deutlich sein schnaufendes Atmen zu hören, was speziell beim Hören über Kopfhörer als störend empfunden wird und sich deshalb dazu nicht eignet. Auch bei seinen anderen Solos trifft das zu. Ein kleiner freundlicher Hinweis des Tontechnikers hätte sicher genügt, um dies abzustellen. Sonst erstklassige Tonqualität. Die Gesamtspielzeit ist bei Rozhdestvensky und Yablonsky (knapp 148 Minuten) identisch, wobei bei Yablonsky die ruhigen Nummern etwas länger ausfallen (leider mit Ausnahme jeweils der Schwanensee-Melodie) und dafür die schnellen Nummmern eine Idee flotter gespielt werden. Auch fallen bei ihm der "Bechertanz" (No. 8) sowie die "Ankunft der Gäste" (No. 17) um die Hälfte kürzer aus im Vergleich mit anderen Einspielungen, und er spielt die Themamelodie von allen Versionen am schnellsten (um es nochmals herauszustellen). Hingegen ist der wichtige Abschnitt "No. 13 Tanz der Schwäne" mit 18:55 Minuten der längste aller Aufnahmen, dicht gefolgt von Svetlanov (18:42). Dasselbe trifft auf den großen Abschnitt "No. 19 Pas de six" zu. Yablonsky ist eine "Verlegenheits"-Alternative zu Rozhdestvensky; eine zu Extremen neigende komplette, echte Gesamtaufnahme mit somit sehr schnellen bzw. langsamen Tempi. 3 Sterne.

RESÜMME:
Letztlich bleibt die Wahl Geschmackssache. Grundsätzlich kann aber gesagt werden, dass die russischen Aufnahmen mehr Kraft und Herz haben und die angloamerikanischen eleganter oder feiner (Nebengeräusch-disziplinierte Musiker) sind. Alle Versionen haben hörenswerte Besonderheiten. Meine Favoriten sind Dutoit sowie Lanchbery und ganz besonders Svetlanov (obwohl unvollständig).


Der Schwanensee (Gesamtaufnahme)
Der Schwanensee (Gesamtaufnahme)
Wird angeboten von thebookcommunity
Preis: EUR 29,98

4.0 von 5 Sternen 4 Sterne, 16. Mai 2012
Rezension bezieht sich auf: Der Schwanensee (Gesamtaufnahme) (Audio CD)
Es gibt ein ganze Anzahl Schwanensee-Gesamtaufnahmen, darunter hervorragende, aber auch durchschnittliche. Wo liegen die Unterschiede? Wie findet man die richtige Aufnahme, die dem eigenen Geschmack und Bedürfnis (z.B. Hörfassung/Tanzfassung) entspricht? Da ich einige Schwanensee-CDs habe, möchte ich bei der Findung gern etwas behilflich sein.
Eins vorweg: Gesamtaufnahmen sind keinesfalls immer komplett. Ebenso wie die meisten Schwanensee-Balletts nicht immer vollständig im Sinne des Komponisten/Librettisten sind. Manch eine "Gesamtaufnahme" entspricht also eher der Vollständigkeit einer bestimmten Ballett-Inszenierung als der Originalpartitur.

Bonynge:
Diese Aufnahme (National Philharmonic Orchestra, 1975) ist die längste Fassung (neben Svetlanov und Sawallisch), die ich kenne. Exzellente Tonqualität. Glasklarer, himmlischer Klang der Harfe (rechtes Ohr). Mincho Minchev spielt elegisch die Solo-Violine, z.B. beim Russischen Tanz. Bonynge nutzt nahezu das komplette musikalische Spektrum: verträumt (Pathos) bis dynamisch-explosiv (typisch philharmonisch). Auch sind die Tempi generell - sogar innerhalb der einzelnen Stücke - auffallend abwechslungsreich. Ballettkennern wird der Appendice I im sogenannten Schwarzen Schwan abgehen, und zwar der "Pas de deux" (4 Nummern im 3. Akt), welcher gewöhnlich auf "No. 19 Pas de six" folgt (ohne: 156 Minuten). Hierzu weiche man ggf. auf die 3er-Box (dort Gesamtaufnahme mit 165 Minuten) von Richard Bonynge aus ("Ballette" mit Schwanensee, Dornröschen, Nussknacker); dort ist die Schwanensee-Aufnahme tatsächlich komplett. Eine becken- und bläsergewaltige Offenbarung. 4 Sterne.

Brandenburger Symphoniker (Matthias Förster):
Aufgenommen 1994. Erinnert etwas an Sawallisch. Es fehlen No. 9 und No. 14 (Schwanensee-Themamelodie). Diese sind gewöhnlich identisch mit No. 10, welche vorhanden ist und zügig gespielt wird. Von den 3 Anfangs-Szenen im 2. Akt fehlt die letzte. Bei No. 13 fehlen ganze drei Nummern. Im Schwarzen Schwan (3. Akt) fehlen die 4 Nummern des Pas de deux. Im 4. Akt fehlt der Tanz der kleinen Schwäne. Damit es dem Laien nicht gleich auffällt, hat der Russische Tanz (sonst Appendix 2) die Nr. 27 erhalten. Dieser fällt mit 4:51 Minuten von allen Versionen am längsten aus. Den Solo-Violinisten (Bruno Merse) würde ich -- wenn das nur so einfach ginge -- sofort in die Version von Sawallisch tauschen. Bei No. 19 fehlt eine von 5 Variationen. Im Coda des "Pas de trois" wurde 2 x eine Note verändert. Zwischen den einzelnen Tracks oftmals ungünstig lange Verbindungspausen. Unterm Strich und bei leider so vielen fehlenden Nummern (12!) eine an sich überflüssige Aufnahme. Hervorragende Bläser. 3 Sterne.

Dorati:
Eine beliebte und legendäre Aufnahme aus dem Jahre 1954. Es war die allererste "Gesamtaufnahme" des Schwanensees überhaupt. Aber auch hier fehlt im 3. Akt der Pas de deux, denn kurz nach der Aufnahme war man schlauer. Erst mit der Wissenschaftlichen Gesamtausgabe der Werke Tschaikowskys wurde Schwanensee 1958 für die Öffentlichkeit in der Originalgestalt wieder zugänglich. Dorati verzichtet in dieser Aufnahme außerdem bewusst auf Wiederholungen. Solo-Geige: Rafael Druian. Tanzbar.
Wichtig: Es handelt sich um eine Aufnahme noch in MONO! Wem Stereo also wichtig ist, muss eine andere Wahl treffen. 4 Sterne.

Dutoit:
Orchestre symphonhique de Montréal, 1991. Unter seiner Leitung wurde dieses Orchester nach Meinung der Fachkritik zu einem der weltbesten Ensembles. Im Grunde eine komplette Gesamtaufnahme. Es ist nicht weiter tragisch, dass "No. 14 Scene (Moderato)" im 2. Akt fehlt. Hierzu weiche man einfach auf "No. 10 Scene (Moderato)" aus (ist ja fast identisch, also nur eine Wiederholung der Schwanensee-Themamelodie). Offensichtlich passte dieses letzte Stück vom 2. Akt nicht mehr auf Disc 1. Und auf Disc 2 wollte man es wohl nicht nehmen, damit der 3. und 4. Akt für sich bleiben. Des Weiteren ist zwar unter No. 13 der 3. Walzer aufgeführt, aber nicht enthalten (weil mit den beiden vorhergehenden Walzern identisch). Es wurden hier und da ein paar Stücke in einem CD-Track untergebracht, was die gezielte Anwahl erschwert (ebenso bei Ozawa) -- dies kann aber auch die programmierte Wiederholung von zusammenhängenden Abschnitten erleichtern. Chantal Juillet spielt zart die Solo-Geige. Ebenfalls schönes Harfenspiel. Dutoit und Lanchbery haben unterm Strich die gleiche Gesamtspielzeit, wobei Lanchbery die entscheidenden, ruhigen Nummern etwas mehr auskostet. Bonynge und Ozawa sind anregend, Dutoit wirkt eher beruhigend, harmonisierend und strahlt eine auffallend wohlige Wärme (durch nahe Celli/Kontrabässe) aus. 154 Minuten Gesamtspielzeit. Einzigartig und von Kennern geliebt. 5 Sterne.

Fedosejew:
Aufnahme aus dem Jahre 1985, Moskau. Großes Rundfunksinfonie-Orchester der UdSSR. Russisch, allerdings deutlich gemäßigter (eben symphonischer) als Svetlanov. Der Pas de deux (Appendix) nach "No. 19 Pas de six" fehlt hier. Alle Volkstänze im 3. Akt sind enthalten. Die Version von Svetlanov (ebenfalls von "Melodia", 1988) ist um Längen interessanter und viel besser als die von Wladimir Fedosejew -- allein schon von den Solisten her. 3er-CD-Box. 4 Sterne.

Fedotov:
Mariinsky Theatre Symphony Orchestra (Kirov), 1994. Bezaubernde Tanzfassung der 1895er-Kurzversion von Schwanensee unter dem Dirigat von Victor Fedotov (135 Min.). Näheres: Siehe bitte unter Gergiev. 5 Sterne.

Gergiev:
Leider fehlt hier der "Russische Tanz" im 3. Akt. Ausgerechnet der dürfte aber bei einer "russischen" Schwanensee-Version (Orchestra of the Marinsky Theatre, 2006) nicht fehlen: das virtuose Geigen-Solo. Des Weiteren wurden etliche Umstellungen der Nummern (sogar in verschiedene Akte hinein) vorgenommen, offensichtlich der Abfolge einer Ballet-Inszenierung entsprechend (DVD: Lopatkina/Koruntsev), die sich an der kürzeren, revidierten Festlegung aus dem Jahre 1895 orientiert statt an der im Westen üblichen und deutlich längeren Abfolge aus dem Jahre 1877. Etliche Kürzungen; aber auch Erweiterungen sind enthalten im letzten Akt, z.B. der Valse bluette (Walzer der schwarzen und weißen Schwäne), abgeleitet von einer Klaviermusik Tschaikowskys -- gehört aber nicht zum Original. Temperamentvoller Czardas und flotte Mazurka.
Der Pas d'action (Adagio) bei Valery Gergiev hingegen mit einer unübertroffenen Länge von 9:10 Minuten, was sogar bei visuellem Faktor (DVD) eigenartig zeitlupenhaft anmutet. Es gilt für diese Festlegung insgesamt die Version von Victor Fedotov (dort 7:34 Minuten) als eindeutig bessere und umfangreichere Alternative; dort finden sich auch der Russische Tanz und 3 weitere Auslassungen dieser Version als Extra. Tanzfassung. 3 Sterne.

Järvi:
Komplette Gesamtaufnahme, 2013. Bergen Filharmoniske Orkester (Norwegen). Maestro Neeme Järvi kann mit einer eindrucksvollen Diskographie von über 450 Einspielungen aufwarten. Der bekannte Geigen-Virtuose James Ehnes konnte für die jüngste Schwanensee-Aufnahme gewonnen werden. Ebenso Johannes Wik mit seiner magischen Harfe (traumhafte Kadenzen). Beide reihen sich berechtigterweise in die Reihe der Virtuosen älterer Aufnahmen ein, übertreffen sie aber nicht. Das Becken und die Bläser bleiben glücklicherweise im Hintergrund bei präsenten Streichern und in die "Saalmitte" gerückter Oboe. Von allen Aufnahmen trifft Järvi am besten die Wiedergabe des Charakters der Volkstänze und das Tempo dieser (3. Akt). Vom normalerweise ruhiger und verträumt gespielten 4. Akt kann beides indes nicht immer behauptet werden: Bei der Vorgabe, 55 Tracks auf nur 2 CDs unterzubringen, spürt man besonders dort, wie dem Maestro zunehmend die Zeit im Nacken lag. Hiermit ist endgültig der Beweis erbracht, dass eine perfekte Schwanensee-Aufnahme schlichtweg 3 CDs benötigt. Im Vergleich Järvi mit Previn (gleiche Gesamtspielzeit und ebenfalls komplette Gesamtaufnahme auf 2 CDs) trifft Previn die Tempi der beiden weißen Akte unterm Strich besser. Schöne Kopfhörer-Version (Hybrid SA-CD, 96 kHz). 4 Sterne.

Lanchbery:
Philharmonia Orchestra. John Lanchbery ist der bekannte Dirigent des weltberühmten Balletts mit Rudolf Nurejev und Margot Fonteyn auf DVD. Hier andere, hervorragende Aufnahme (1982) -- wie Sawallisch von EMI Classics und diesem vorzuziehen. Allerdings fehlen im 2. Akt 2 Tracks: No. 10 und No. 14. Es handelt sich hierbei um Wiederholungen der Themamelodie. So muss man sich z. B. mit der treibend (Szene: Jagdfieber) gespielten No. 9 begnügen. Bei No. 13 wurde des Weiteren der 3. Walzer (VI) weggelassen, der ja ohnehin mit den anderen beiden identisch wäre (so auch bei Dutoit). Eine Aufnahme, wo die Mazurka deutlich flotter gespielt wird (gewöhnlich viel zu schleppend für mein Musikempfinden). Die Walzer hingegen sind von allen Versionen die langsamsten und ballettigsten. Beste westliche Tanzfassung -- ausdrucksstark und facettenreich. 153 Minuten. Überaus gelungene Orchesterführung. Hochrangige Solisten. 5 Sterne.

Moldoveanu:
Der rumänische Dirigent Nicolae Moldoveanu mit dem Royal Philharmonic Orchestra (Leitung Charles Dutoit), 2009. Unaufdringliche Kopfhörer-Version mit guter Streicher/Bläser/Perkussions-Abmischung. Virtuose Violinistin (Clio Gould) mit einer Stradivari. Prima z.B. ihr Russischer Tanz. 4 Nummern fehlen im 3. Akt (Pas de deux) - wie so oft - sowie 4 weitere Nummern (ohnehin Wiederholungen bzw. die unrelevante Zwergen-Nr.). Moldoveanu verzichtet auf übertriebene "Explosionen" und hat ein gutes Gespür für die Wahl der ballettigen Tempi, was nicht nur in der Themamelodie, den beiden weißen Akten und den Volkstänzen unter Beweis gestellt wird. Manche Nummern könnten indes hier mal mehr Leben und Dynamik, dort mal mehr Gefühl oder aber akzentuierte Raffinesse in einzelnen Passagen vertragen. Somit liegt seine Aufnahme erkennbar unter dem Niveau von anderen Einspielungen, beispielsweise von Dutoit. Doppel-CD, an der sich jeder Track problemlos und einwandfrei wählen lässt. 145 Minuten. 3 Sterne.

Ozawa:
Eine Aufnahme aus dem Jahre 1978 mit dem Boston Symphony Orchestra. Ihm gelingt es, einen vielschichtigen, schillernden Klangteppich zu erzeugen. Ab und zu muss man allerdings die Lautstärke regulieren, da er tendenziell zu deutlichen Leise-laut-Schwankungen in den einzelnen Nummern neigt (extrem wuchtig/brachial/martialisch), was dem ungetrübten Genuss etwas abträglich ist. Seiji Ozawa war ein Schüler von Herbert von Karajan und Leonard Bernstein. Diese hohe Schule, die ihn zweifellos geprägt hat, erklärt wohl diese heftigen orchestralen Steigerungen/Ausbrüche. Joseph Silverstein spielt die erste Geige. Sein Geigen-Solo ist brillant, gefühlvoll und obertonreich, z.B. in der Danse russe im 3. Akt. Das ist Virtuosität! Kräftige, sonore Kontrabässe. Es fehlt leider Appendice I im 3. Akt (Schwarzer Schwan), d.h.: "Pas de deux": * Introduction, Moderato -- Andante; * Variation I Allegro moderato; * Variation II Allegro; * Coda Allegro molto vivace. Ozawas einzelne Musiknummern sind im Durchschnitt um die 12 Sekunden länger im Vergleich zu Rozhdestvenskys. Dennoch handelt es sich auch hierbei nur um eine Hörfassung (150 Minuten). 4 Sterne.

Pletnev:
Leider ohne Danse russe im 3. Akt. Auch der Pas de deux im selben Akt (4 Nummern) fehlt. Russian National Orchestra. Damals -- im Jahre 2009 -- hätte man inzwischen wissen müssen, dass bei Gesamtaufnahmen immer mehr auf Vollständigkeit Wert gelegt wird. Aber es existieren ohnehin andere russische Aufnahmen mit mehr Struktur und Niveau. (Dafür liefert Mikhail Pletnev aber bei der Gesamtaufnahme von "Sleeping Beauty" neben Neeme Järvi eine hervorragende Hörfassung.) 3 Sterne.

Previn:
Aufnahme aus dem Jahre 1976 unter dem Dirigat des bekannten Jazz- und Filmmusikers. 155 Minuten Gesamtspielzeit. Im Tempo sind die einzelnen Musiknummern um 4 bzw. 8 Sekunden durchschnittlich schneller als bei Dutoit bzw. Ozawa. Bei Andre Previn gibt es natürlich auch Ausnahmen (oder das Gegenteil). Ihm ging es nicht um Tanzbarkeit. Die Solo-Geige spielt die berühmte Ida Haendel, unterstützt durch das renommierte London Symphony Orchestra (siehe auch M. T. Thomas). Previn und sein Orchester bewegen sich im oberen Mittelfeld. Wer eine komplette, echte Gesamtaufnahme sucht auf nur 2 CDs, ist mit dieser Version am besten bedient. Wer bei 2 CDs auf Wiederholungen verzichten kann, aber mehr ballettige Intensität wünscht, sollte eher Dutoit oder Lanchbery wählen. 4 Sterne.

Rozhdestvensky:
Auf dieser Doppel-CD (USSR RTV Large Symphony Orchestra, 1969) -- sie ist derzeit leider vergriffen -- wird die Originalpartitur berücksichtigt, also einschließlich Pas de deux im "Schwarzen Schwan" des 3. Aktes (4 zusätzliche Musiknummern) und dem anschließenden Russischen Tanz (Violin-Solo). Wunderbare tiefe Streicher und im Timbre etwas zigeunerhaft klingende Solo-Geige (Mikhail Chernyakhovsky). Die Harfe im Klang warm und technisch sauber. Diese Aufnahme ist eine wohlklingende Hörfassung (großes Radio-Orchester); für diesen Zweck sind die zügigeren Tempi von Gennady Rozhdestvensky optimal gewählt. Genuss pur ("nur" 148 Minuten). Wer diese Aufnahme besitzt, kann sich glücklich schätzen. Sie ist eine echte Gesamtaufnahme und verdient wirklich 5 Sterne.

Sawallisch:
Philadelphia Orchestra, aufgenommen 1993. Beliebt, weil vollständig. Manchmal recht getragen und gezogen gespielt und auch sonst oft deutlich langsamer als bei Ozawa (durchschnittlich um die 12 Sekunden). Es geht leider auch fast allen Volkstänzen im 3. Akt eine gewisse Spritzigkeit ab (z.B. schleppende Mazurka). Wolfgang Sawallisch spielt das Werk tempomäßig eher wie ein einziges Ganzes (158 Minuten). Von manchen wird sein Schwanensee daher als leblos bezeichnet. Ozawa interpretiert es mehr in Form von Einzelstücken -- überspitzt ausgedrückt. Harfe und Solo-Violine (etwas "chinesisches" Geigentimbre/-spiel) werden meisterhaft, aber für Perfektionisten nicht so virtuos und sauber beherrscht wie bei Lanchbery oder Ozawa beispielsweise. Der Höhepunkt in dieser Version ist sicherlich das grandiose Finale (ähnlich beeindruckend bei Bonynge und Dutoit). Tanzfassung. Komplette, echte Gesamtaufnahme. 4 Sterne.

Svetlanov:
Aus dem Jahre 1988. The USSR State Academic Symphony Orchestra. Knapp 154 Minuten reiner Hörgenuss. Eine unübertroffen authentische, ballettige Aufnahme, wie sie Tschaikowsky vermutlich gefallen hätte -- ganz in seinem Sinne und wahrlich ein Glücksgriff. Russisch: angemessen große Lautstärken- und Tempowechsel. Oder anders ausgedrückt: intensiv sentimental bis dramatisch/mächtig. Svetlanov interpretiert Schwanensee mit "Seele". Tadelloser Klang. Solo-Geige (Yuri Torchinsky), -Cello, -Klarinette, -Oboe und Harfe erster Güte (man sitzt nicht neben den Solisten, man ist der Solist). Im Schwarzen Schwan fehlen nach "No. 19 Pas des six" die Nummern des "Pas de deux". Die Version von Evgeny Svetlanov enthält den wohl schönsten Pas de deux im 1. Akt (Geigensolo) und das berührendste Finale (Themamelodie) im 1. Akt aller Aufnahmen durch das vordergründige Harfen-/Oboenspiel. Auch sonst ist der "Wellenschlag" des Harfenspiels (linkes Ohr), das für das Seewasser steht, wunderbar zu hören. In anderen Einspielungen ist es oft deutlich schwächer oder fast gar nicht wahrzunehmen. In No. 10 und No. 14 (jeweils Themamelodie) ahmen die Streicher richtig gut Balalaikas nach, um die Wehmut und Sehnsucht der Schwäne zu unterstreichen. Zum Niederknien schön ebenso der Pas d'action im 2. Akt (ähnlich berührend bei Fedotov). Und nur im Finale dieser Version glaubt man, alle Vögel des Waldes am See herauszuhören. Ein ekstatisches Erlebnis (gleichfalls beste Tanzfassungen von Dornröschen und Nussknacker als echte Gesamtaufnahmen)! 3 CDs. Exquisite Tanzfassung. 5 Sterne.

Thomas:
London Symphony Orchestra. 1991. 149 Gesamtspielzeit. Alexander Barantschik, Solo-Violine. Douglas Cummings, Solo-Cello. 5 Sterne für alle Solisten. Im 3. Akt fehlen die 4 Nummern des Pas des deux (Appendix). In No. 9, 10 und 14 perfekt gewählte (ruhige) Tempi -- so auch Svetlanov -- der Schwanensee-Themamelodie (bei Lanchbery und Ozawa etwas zu schnell). Sehr angenehme Kopfhörer-Version (ohne Gehörschaden), die mit der Gesamtaufnahme von Dutoit des gleichen Jahres konkurriert. Die Volkstänze im 3. Akt interpretiert Michael Tilson Thomas besser als Bonynge und Sawallisch. Außerdem ist das Klangbild bei Thomas vergleichsweise abgedämpfter (Bläser mehr im Hintergrund) als bei Previn. 4 Sterne.

Yablonsky:
Russian State Symphony Orchestra, 2001. Aufnahme neueren Datums von NAXOS (von der Vorgänger-Version von NAXOS mit Ondrej Lenard, 1989, 140 Minuten, unvollständig, möchte ich sowieso abraten). Dirigent: Dmitry Yablonsky (sonst bekannter Cellist). Harfe, Geige, Cello, Trompete werden in den Solos gekonnt gespielt. In No. 5 (Pas de deux) spielt der virtuose Solo-Geiger allerliebst das Andante. Leider ist deutlich sein schnaufendes Atmen zu hören, was speziell beim Hören über Kopfhörer als störend empfunden wird und sich deshalb dazu nicht eignet. Auch bei seinen anderen Solos trifft das zu. Ein kleiner freundlicher Hinweis des Tontechnikers hätte sicher genügt, um dies abzustellen. Sonst erstklassige Tonqualität. Die Gesamtspielzeit ist bei Rozhdestvensky und Yablonsky (knapp 148 Minuten) identisch, wobei bei Yablonsky die ruhigen Nummern etwas länger ausfallen (leider mit Ausnahme jeweils der Schwanensee-Melodie) und dafür die schnellen Nummmern eine Idee flotter gespielt werden. Auch fallen bei ihm der "Bechertanz" (No. 8) sowie die "Ankunft der Gäste" (No. 17) um die Hälfte kürzer aus im Vergleich mit anderen Einspielungen, und er spielt die Themamelodie von allen Versionen am schnellsten (um es nochmals herauszustellen). Hingegen ist der wichtige Abschnitt "No. 13 Tanz der Schwäne" mit 18:55 Minuten der längste aller Aufnahmen, dicht gefolgt von Svetlanov (18:42). Dasselbe trifft auf den großen Abschnitt "No. 19 Pas de six" zu. Yablonsky ist eine "Verlegenheits"-Alternative zu Rozhdestvensky; eine zu Extremen neigende komplette, echte Gesamtaufnahme mit somit sehr schnellen bzw. langsamen Tempi. 3 Sterne.

RESÜMME:
Die in jeder Hinsicht perfekte Aufnahme von Schwanensee existiert leider bis dato nicht. Letztlich bleibt die Wahl Geschmackssache und ein Kompromiss. Grundsätzlich kann aber gesagt werden, dass die russischen Aufnahmen mehr Kraft und Herz haben und die angloamerikanischen eleganter oder feiner (Nebengeräusch-disziplinierte Musiker) sind. Alle Versionen haben hörenswerte Besonderheiten. Meine Favoriten sind die von Lanchbery, Dutoit und natürlich Svetlanov. Bei der 1895er-Kurzversion ist es einzig und allein die von Victor Fedotov.
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La Bayadere
La Bayadere
Preis: EUR 16,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sehr empfehlenswert, 15. Mai 2012
Rezension bezieht sich auf: La Bayadere (Audio CD)
Diese Gesamtaufnahme beinhaltet die Tempelzerstörungsszene; sie ist also tatsächlich komplett und eignet sich auch als Tanz-Version. Die Tempi sind wie in einer Ballettaufführung, optimal. Richard Bonynge dirigiert in einer Anzahl weiterer Ballettaufnahmen Philharmonie-Orchester. Hier jedoch spielt das English Chamber Orchestra -- daher zum großen Glück nicht bläserlastig, was bei "La Bayadere" sehr zu begrüßen ist. Ein Genuss, harmonisch. So wird Musik gespielt! Praktische, leicht zu öffnende CD-Box (keine umständliche CD-Faltbox) mit Broschüre. 5 Sterne.


Schwanensee (Gesamtaufnahme)
Schwanensee (Gesamtaufnahme)
Wird angeboten von thebookcommunity
Preis: EUR 245,02

4.0 von 5 Sternen 4 Sterne, 11. Mai 2012
Rezension bezieht sich auf: Schwanensee (Gesamtaufnahme) (Audio CD)
Es gibt ein ganze Anzahl Schwanensee-Gesamtaufnahmen, darunter hervorragende, aber auch durchschnittliche. Wo liegen die Unterschiede? Wie findet man die richtige Aufnahme, die dem eigenen Geschmack und Bedürfnis (z.B. Hörfassung/Tanzfassung) entspricht? Da ich einige Schwanensee-CDs habe, möchte ich bei der Findung gern etwas behilflich sein.
Eins vorweg: Gesamtaufnahmen sind keinesfalls immer komplett. Ebenso wie die meisten Schwanensee-Balletts nicht immer vollständig im Sinne des Komponisten/Librettisten sind. Manch eine "Gesamtaufnahme" entspricht also eher der Vollständigkeit einer bestimmten Ballett-Inszenierung als der Originalpartitur.

Bonynge:
Diese Aufnahme (National Philharmonic Orchestra, 1975) ist die längste Fassung (neben Svetlanov und Sawallisch), die ich kenne. Exzellente Tonqualität. Glasklarer, himmlischer Klang der Harfe (rechtes Ohr). Mincho Minchev spielt elegisch die Solo-Violine, z.B. beim Russischen Tanz. Bonynge nutzt nahezu das komplette musikalische Spektrum: verträumt (Pathos) bis dynamisch-explosiv (typisch philharmonisch). Auch sind die Tempi generell - sogar innerhalb der einzelnen Stücke - auffallend abwechslungsreich. Ballettkennern wird der Appendice I im sogenannten Schwarzen Schwan abgehen, und zwar der "Pas de deux" (4 Nummern im 3. Akt), welcher gewöhnlich auf "No. 19 Pas de six" folgt (ohne: 156 Minuten). Hierzu weiche man ggf. auf die 3er-Box (dort Gesamtaufnahme mit 165 Minuten) von Richard Bonynge aus ("Ballette" mit Schwanensee, Dornröschen, Nussknacker); dort ist die Schwanensee-Aufnahme tatsächlich komplett. Eine becken- und bläsergewaltige Offenbarung. 4 Sterne.

Brandenburger Symphoniker (Matthias Förster):
Aufgenommen 1994. Erinnert etwas an Sawallisch. Es fehlen No. 9 und No. 14 (Schwanensee-Themamelodie). Diese sind gewöhnlich identisch mit No. 10, welche vorhanden ist und zügig gespielt wird. Von den 3 Anfangs-Szenen im 2. Akt fehlt die letzte. Bei No. 13 fehlen ganze drei Nummern. Im Schwarzen Schwan (3. Akt) fehlen die 4 Nummern des Pas de deux. Im 4. Akt fehlt der Tanz der kleinen Schwäne. Damit es dem Laien nicht gleich auffällt, hat der Russische Tanz (sonst Appendix 2) die Nr. 27 erhalten. Dieser fällt mit 4:51 Minuten von allen Versionen am längsten aus. Den Solo-Violinisten (Bruno Merse) würde ich -- wenn das nur so einfach ginge -- sofort in die Version von Sawallisch tauschen. Bei No. 19 fehlt eine von 5 Variationen. Im Coda des "Pas de trois" wurde 2 x eine Note verändert. Zwischen den einzelnen Tracks oftmals ungünstig lange Verbindungspausen. Unterm Strich und bei leider so vielen fehlenden Nummern (12!) eine an sich überflüssige Aufnahme. Hervorragende Bläser. 3 Sterne.

Dorati:
Eine beliebte und legendäre Aufnahme aus dem Jahre 1954. Es war die allererste "Gesamtaufnahme" des Schwanensees überhaupt. Aber auch hier fehlt im 3. Akt der Pas de deux, denn kurz nach der Aufnahme war man schlauer. Erst mit der Wissenschaftlichen Gesamtausgabe der Werke Tschaikowskys wurde Schwanensee 1958 für die Öffentlichkeit in der Originalgestalt wieder zugänglich. Dorati verzichtet in dieser Aufnahme außerdem bewusst auf Wiederholungen. Solo-Geige: Rafael Druian. Tanzbar.
Wichtig: Es handelt sich um eine Aufnahme noch in MONO! Wem Stereo also wichtig ist, muss eine andere Wahl treffen. 4 Sterne.

Dutoit:
Orchestre symphonhique de Montréal, 1991. Unter seiner Leitung wurde dieses Orchester nach Meinung der Fachkritik zu einem der weltbesten Ensembles. Im Grunde eine komplette Gesamtaufnahme. Es ist nicht weiter tragisch, dass "No. 14 Scene (Moderato)" im 2. Akt fehlt. Hierzu weiche man einfach auf "No. 10 Scene (Moderato)" aus (ist ja identisch, also nur eine Wiederholung der Schwanensee-Themamelodie). Offensichtlich passte dieses letzte Stück vom 2. Akt nicht mehr auf Disc 1. Und auf Disc 2 wollte man es wohl nicht nehmen, damit der 3. und 4. Akt für sich bleiben. Des Weiteren ist zwar unter No. 13 der 3. Walzer aufgeführt, aber nicht enthalten (weil mit den beiden vorhergehenden Walzern identisch). Es wurden hier und da ein paar Stücke in einem CD-Track untergebracht, was die gezielte Anwahl erschwert (ebenso bei Ozawa) -- dies kann aber auch die programmierte Wiederholung von zusammenhängenden Abschnitten erleichtern. Chantal Juillet spielt zart die Solo-Geige. Ebenfalls schönes Harfenspiel. Dutoit und Lanchbery haben unterm Strich die gleiche Gesamtspielzeit, wobei Lanchbery die entscheidenden, ruhigen Nummern etwas mehr auskostet. Bonynge und Ozawa sind anregend, Dutoit wirkt eher beruhigend, harmonisierend und strahlt eine auffallend wohlige Wärme (durch nahe Celli/Kontrabässe) aus. 154 Minuten Gesamtspielzeit. Einzigartig und von Kennern geliebt. 5 Sterne.

Fedosejew:
Aufnahme aus dem Jahre 1985, Moskau. Großes Rundfunksinfonie-Orchester der UdSSR. Russisch, allerdings deutlich gemäßigter (eben symphonischer) als Svetlanov. Der Pas de deux (Appendix) nach "No. 19 Pas de six" fehlt hier. Alle Volkstänze im 3. Akt sind enthalten. Die Version von Svetlanov (ebenfalls von "Melodia", 1988) ist um Längen interessanter und viel besser als die von Wladimir Fedosejew -- allein schon von den Solisten her. 3er-CD-Box. 4 Sterne.

Fedotov:
Mariinsky Theatre Symphony Orchestra (Kirov), 1994. Bezaubernde Tanzfassung der 1895er-Kurzversion von Schwanensee unter dem Dirigat von Victor Fedotov (135 Min.). Näheres: Siehe bitte unter Gergiev. 5 Sterne.

Gergiev:
Leider fehlt hier der "Russische Tanz" im 3. Akt. Ausgerechnet der dürfte aber bei einer "russischen" Schwanensee-Version (Orchestra of the Marinsky Theatre, 2006) nicht fehlen: das virtuose Geigen-Solo. Des Weiteren wurden etliche Umstellungen der Nummern (sogar in verschiedene Akte hinein) vorgenommen, offensichtlich der Abfolge einer Ballet-Inszenierung entsprechend (DVD: Lopatkina/Koruntsev), die sich an der kürzeren, revidierten Festlegung aus dem Jahre 1895 orientiert statt an der im Westen üblichen und deutlich längeren Abfolge aus dem Jahre 1877. Etliche Kürzungen; aber auch Erweiterungen sind enthalten im letzten Akt, z.B. der Valse bluette (Walzer der schwarzen und weißen Schwäne), abgeleitet von einer Klaviermusik Tschaikowskys -- gehört aber nicht zum Original. Temperamentvoller Czardas und flotte Mazurka.
Der Pas d'action (Adagio) bei Valery Gergiev hingegen mit einer unübertroffenen Länge von 9:10 Minuten, was sogar bei visuellem Faktor (DVD) eigenartig zeitlupenhaft anmutet. Es gilt für diese Festlegung insgesamt die Version von Victor Fedotov (dort 7:34 Minuten) als eindeutig bessere und umfangreichere Alternative; dort finden sich auch der Russische Tanz und 3 weitere Auslassungen dieser Version als Extra. Tanzfassung. 3 Sterne.

Lanchbery:
Philharmonia Orchestra. John Lanchbery ist der bekannte Dirigent des weltberühmten Balletts mit Rudolf Nurejev und Margot Fonteyn auf DVD. Hier andere, hervorragende Aufnahme (1982) -- wie Sawallisch von EMI Classics und diesem vorzuziehen. Allerdings fehlen im 2. Akt 2 Tracks: No. 10 und No. 14. Es handelt sich hierbei um Wiederholungen der Themamelodie. So muss man sich z. B. mit der treibend (Szene: Jagdfieber) gespielten No. 9 begnügen. Bei No. 13 wurde des Weiteren der 3. Walzer (VI) weggelassen, der ja ohnehin mit den anderen beiden identisch wäre (so auch bei Dutoit). Eine Aufnahme, wo die Mazurka deutlich flotter gespielt wird (gewöhnlich viel zu schleppend für mein Musikempfinden). Die Walzer hingegen sind von allen Versionen die langsamsten und ballettigsten. Beste westliche Tanzfassung -- ausdrucksstark und facettenreich. 153 Minuten. Überaus gelungene Orchesterführung. Hochrangige Solisten. 5 Sterne.

Moldoveanu:
Der rumänische Dirigent Nicolae Moldoveanu mit dem Royal Philharmonic Orchestra (Leitung Charles Dutoit), 2009. Unaufdringliche Kopfhörer-Version mit hervorragender Streicher/Bläser/Perkussions-Abmischung. Virtuose Violinistin (Clio Gould) mit einer Stradivari. Prima! Phantastisch, z.B. ihr Russischer Tanz. 4 Nummern fehlen im 3. Akt (Pas de deux) - wie so oft - sowie 4 weitere Nummern (ohnehin Wiederholungen bzw. die unrelevante Zwergen-Nr.). Moldoveanu verzichtet glücklicherweise weitestgehend auf "Explosionen" und hat ein gutes Gespür für die Wahl der ballettigen Tempi, was nicht nur in der Themamelodie, den beiden weißen Akten und den Volkstänzen unter Beweis gestellt wird. Manche Nummern könnten indes durchaus mehr Leben, Gefühl und akzentuierte Raffinesse in einzelnen Passagen vertragen. Somit bleibt seine Aufnahme ein wenig unter dem Niveau von anderen Einspielungen, beispielsweise von Dutoit. Doppel-CD, an der sich jeder Track problemlos und einwandfrei wählen lässt. 145 Minuten. 4 Sterne.

Ozawa:
Eine Aufnahme aus dem Jahre 1978 mit dem Boston Symphony Orchestra. Ihm gelingt es, einen vielschichtigen, schillernden Klangteppich zu erzeugen. Ab und zu muss man allerdings die Lautstärke regulieren, da er tendenziell zu deutlichen Leise-laut-Schwankungen in den einzelnen Nummern neigt (extrem wuchtig/brachial/martialisch), was dem ungetrübten Genuss etwas abträglich ist. Seiji Ozawa war ein Schüler von Herbert von Karajan und Leonard Bernstein. Diese hohe Schule, die ihn zweifellos geprägt hat, erklärt wohl diese heftigen orchestralen Steigerungen/Ausbrüche. Joseph Silverstein spielt die erste Geige. Sein Geigen-Solo ist brillant, gefühlvoll und obertonreich, z.B. in der Danse russe im 3. Akt. Das ist Virtuosität! Kräftige, sonore Kontrabässe. Es fehlt leider Appendice I im 3. Akt (Schwarzer Schwan), d.h.: "Pas de deux": * Introduction, Moderato -- Andante; * Variation I Allegro moderato; * Variation II Allegro; * Coda Allegro molto vivace. Ozawas einzelne Musiknummern sind im Durchschnitt um die 12 Sekunden länger im Vergleich zu Rozhdestvenskys. Dennoch handelt es sich auch hierbei nur um eine Hörfassung (150 Minuten). 4 Sterne.

Pletnev:
Leider ohne Danse russe im 3. Akt. Auch der Pas de deux im selben Akt (4 Nummern) fehlt. Russian National Orchestra. Damals -- im Jahre 2009 -- hätte man inzwischen wissen müssen, dass bei Gesamtaufnahmen immer mehr auf Vollständigkeit Wert gelegt wird. Aber es existieren ohnehin andere russische Aufnahmen mit mehr Struktur und Niveau. (Dafür liefert Mikhail Pletnev aber bei der Gesamtaufnahme von "Sleeping Beauty" neben Neeme Järvi eine hervorragende Hörfassung.) 3 Sterne.

Previn:
Aufnahme aus dem Jahre 1976 unter dem Dirigat des bekannten Jazz- und Filmmusikers. 155 Minuten Gesamtspielzeit. Im Tempo sind die einzelnen Musiknummern um 4 bzw. 8 Sekunden durchschnittlich schneller als bei Dutoit bzw. Ozawa. Bei Andre Previn gibt es natürlich auch Ausnahmen (oder das Gegenteil). Ihm ging es nicht um Tanzbarkeit. Die Solo-Geige spielt die berühmte Ida Haendel, unterstützt durch das renommierte London Symphony Orchestra (siehe auch M. T. Thomas). Previn und sein Orchester bewegen sich im Mittelfeld. Komplette, echte Gesamtaufnahme. 4 Sterne.

Rozhdestvensky:
Auf dieser Doppel-CD (USSR RTV Large Symphony Orchestra, 1969) -- sie ist derzeit leider vergriffen -- wird die Originalpartitur berücksichtigt, also einschließlich Pas de deux im "Schwarzen Schwan" des 3. Aktes (4 zusätzliche Musiknummern) und dem anschließenden Russischen Tanz (Violin-Solo). Wunderbare tiefe Streicher und im Timbre etwas zigeunerhaft klingende Solo-Geige (Mikhail Chernyakhovsky). Die Harfe im Klang warm und technisch sauber. Diese Aufnahme ist eine wohlklingende Hörfassung (großes Radio-Orchester); für diesen Zweck sind die zügigeren Tempi von Gennady Rozhdestvensky optimal gewählt. Genuss pur ("nur" 148 Minuten). Wer diese Aufnahme besitzt, kann sich glücklich schätzen. Sie ist eine echte Gesamtaufnahme und verdient wirklich 5 Sterne.

Sawallisch:
Philadelphia Orchestra, aufgenommen 1993. Beliebt, weil vollständig. Manchmal recht getragen und gezogen gespielt und auch sonst oft deutlich langsamer als bei Ozawa (durchschnittlich um die 12 Sekunden). Es geht leider auch fast allen Volkstänzen im 3. Akt eine gewisse Spritzigkeit ab (z.B. schleppende Mazurka). Wolfgang Sawallisch spielt das Werk tempomäßig eher wie ein einziges Ganzes (158 Minuten). Von manchen wird sein Schwanensee daher als leblos bezeichnet. Ozawa interpretiert es mehr in Form von Einzelstücken -- überspitzt ausgedrückt. Harfe und Solo-Violine (etwas "chinesisches" Geigentimbre/-spiel) werden meisterhaft, aber für Perfektionisten nicht so virtuos und sauber beherrscht wie bei Lanchbery oder Ozawa beispielsweise. Der Höhepunkt in dieser Version ist sicherlich das grandiose Finale (ähnlich beeindruckend bei Bonynge und Dutoit). Tanzfassung. Komplette, echte Gesamtaufnahme. 4 Sterne.

Svetlanov:
Aus dem Jahre 1988. The USSR State Academic Symphony Orchestra. Knapp 154 Minuten reiner Hörgenuss. Eine unübertroffen authentische, ballettige Aufnahme, wie sie Tschaikowsky vermutlich gefallen hätte -- ganz in seinem Sinne und wahrlich ein Glücksgriff. Russisch: angemessen große Lautstärken- und Tempowechsel. Oder anders ausgedrückt: intensiv sentimental bis dramatisch/mächtig. Svetlanov interpretiert Schwanensee mit "Seele". Tadelloser Klang. Solo-Geige (Yuri Torchinsky), -Cello, -Klarinette, -Oboe und Harfe erster Güte (man sitzt nicht neben den Solisten, man ist der Solist). Im Schwarzen Schwan fehlen nach "No. 19 Pas des six" die Nummern des "Pas de deux". Die Version von Evgeny Svetlanov enthält den wohl schönsten Pas de deux im 1. Akt (Geigensolo) und das berührendste Finale (Themamelodie) im 1. Akt aller Aufnahmen durch das vordergründige Harfen-/Oboenspiel. Auch sonst ist der "Wellenschlag" des Harfenspiels (linkes Ohr), das für das Seewasser steht, wunderbar zu hören. In anderen Einspielungen ist es oft deutlich schwächer oder fast gar nicht wahrzunehmen. Zum Niederknien schön ebenso der Pas d'action im 2. Akt (ähnlich berührend bei Fedotov). In No. 14 ahmen die Streicher richtig gut Balalaikas nach, um die Sehnsucht des Prinzen nach Freiheit und die Schönheit des Vogelflugs zu unterstreichen. Und nur im Finale dieser Version glaubt man, alle Vögel des Waldes am See herauszuhören. Ein ekstatisches Erlebnis (gleichfalls beste Tanzfassungen von Dornröschen und Nussknacker als echte Gesamtaufnahmen)! 3 CDs. Exquisite Tanzfassung. 5 Sterne.

Thomas:
London Symphony Orchestra. 1991. 149 Gesamtspielzeit. Alexander Barantschik, Solo-Violine. Douglas Cummings, Solo-Cello. 5 Sterne für alle Solisten. Im 3. Akt fehlen die 4 Nummern des Pas des deux (Appendix). In No. 9, 10 und 14 perfekt gewählte (ruhige) Tempi -- so auch Svetlanov -- der Schwanensee-Themamelodie (bei Lanchbery und Ozawa etwas zu schnell). Sehr angenehme Kopfhörer-Version (ohne Gehörschaden), die mit der Gesamtaufnahme von Dutoit des gleichen Jahres konkurriert. Die Volkstänze im 3. Akt interpretiert Michael Tilson Thomas besser als Bonynge und Sawallisch. Außerdem ist das Klangbild bei Thomas vergleichsweise abgedämpfter (Bläser mehr im Hintergrund) als bei Previn. 4 Sterne.

Yablonsky:
Russian State Symphony Orchestra, 2001. Aufnahme neueren Datums von NAXOS (von der Vorgänger-Version von NAXOS mit Ondrej Lenard, 1989, 140 Minuten, unvollständig, möchte ich sowieso abraten). Dirigent: Dmitry Yablonsky (sonst bekannter Cellist). Harfe, Geige, Cello, Trompete werden in den Solos gekonnt gespielt. In No. 5 (Pas de deux) spielt der virtuose Solo-Geiger allerliebst das Andante. Leider ist deutlich sein schnaufendes Atmen zu hören, was speziell beim Hören über Kopfhörer als störend empfunden wird und sich deshalb dazu nicht eignet. Auch bei seinen anderen Solos trifft das zu. Ein kleiner freundlicher Hinweis des Tontechnikers hätte sicher genügt, um dies abzustellen. Sonst erstklassige Tonqualität. Die Gesamtspielzeit ist bei Rozhdestvensky und Yablonsky (knapp 148 Minuten) identisch, wobei bei Yablonsky die ruhigen Nummern etwas länger ausfallen (leider mit Ausnahme jeweils der Schwanensee-Melodie) und dafür die schnellen Nummmern eine Idee flotter gespielt werden. Auch fallen bei ihm der "Bechertanz" (No. 8) sowie die "Ankunft der Gäste" (No. 17) um die Hälfte kürzer aus im Vergleich mit anderen Einspielungen, und er spielt die Themamelodie von allen Versionen am schnellsten (um es nochmals herauszustellen). Hingegen ist der wichtige Abschnitt "No. 13 Tanz der Schwäne" mit 18:55 Minuten der längste aller Aufnahmen, dicht gefolgt von Svetlanov (18:42). Dasselbe trifft auf den großen Abschnitt "No. 19 Pas de six" zu. Yablonsky ist eine "Verlegenheits"-Alternative zu Rozhdestvensky; eine zu Extremen neigende komplette, echte Gesamtaufnahme mit somit sehr schnellen bzw. langsamen Tempi. 3 Sterne.

RESÜMME:
Die in jeder Hinsicht perfekte Aufnahme von Schwanensee existiert leider bis dato nicht. Letztlich bleibt die Wahl Geschmackssache und ein Kompromiss. Grundsätzlich kann aber gesagt werden, dass die russischen Aufnahmen mehr Kraft und Herz haben und die angloamerikanischen eleganter oder feiner (Nebengeräusch-disziplinierte Musiker) sind. Alle Versionen haben hörenswerte Besonderheiten. Meine Favoriten sind die von Lanchbery, Dutoit und natürlich Svetlanov. Bei der 1895er-Kurzversion ist es einzig und allein die von Victor Fedotov.


Schwanensee
Schwanensee
Preis: EUR 23,63

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen 3 Sterne, 11. Mai 2012
Rezension bezieht sich auf: Schwanensee (Audio CD)
Es gibt ein ganze Anzahl Schwanensee-Gesamtaufnahmen, darunter hervorragende, aber auch durchschnittliche. Wo liegen die Unterschiede? Wie findet man die richtige Aufnahme, die dem eigenen Geschmack und Bedürfnis (z.B. Hörfassung/Tanzfassung) entspricht? Da ich einige Schwanensee-CDs habe, möchte ich bei der Findung gern etwas behilflich sein.
Eins vorweg: Gesamtaufnahmen sind keinesfalls immer komplett. Ebenso wie die meisten Schwanensee-Balletts nicht immer vollständig im Sinne des Komponisten/Librettisten sind. Manch eine "Gesamtaufnahme" entspricht also eher der Vollständigkeit einer bestimmten Ballett-Inszenierung als der Originalpartitur.

Bonynge:
Diese Aufnahme (National Philharmonic Orchestra, 1975) ist die längste Fassung (neben Svetlanov), die ich kenne. Das bedeutet aber nicht, dass sie deswegen auch besonders gut tanzbar wäre. Teilweise ist die Spielweise sogar ausgesprochen hektisch, dann wieder hyperballetig-zäh. Exzellente Tonqualität. Glasklarer, himmlischer Klang der Harfe (rechtes Ohr). Mincho Minchev spielt elegisch die Solo-Violine, z.B. beim Russischen Tanz. Bonynge nutzt nahezu das komplette musikalische Spektrum: verträumt (Pathos) bis dynamisch-explosiv (typisch philharmonisch). Ballettkennern wird der Appendice I im sogenannten Schwarzen Schwan abgehen, und zwar der "Pas de deux" (4 Nummern im 3. Akt), welcher gewöhnlich auf "No. 19 Pas de six" folgt (ohne: 156 Minuten). Hierzu weiche man ggf. auf die 3er-Box (dort Gesamtaufnahme mit 165 Minuten) von Richard Bonynge aus ("Ballette" mit Schwanensee, Dornröschen, Nussknacker); dort ist die Schwanensee-Aufnahme tatsächlich komplett. Becken- und bläserfreudige Aufnahme. 4 Sterne.

Brandenburger Symphoniker (Matthias Förster):
Aufgenommen 1994. Erinnert etwas an Sawallisch. Es fehlen No. 9 und No. 14 (Schwanensee-Themamelodie). Diese sind gewöhnlich identisch mit No. 10, welche vorhanden ist und zügig gespielt wird. Von den 3 Anfangs-Szenen im 2. Akt fehlt die letzte. Bei No. 13 fehlen ganze drei Nummern. Im Schwarzen Schwan (3. Akt) fehlen die 4 Nummern des Pas de deux. Im 4. Akt fehlt der Tanz der kleinen Schwäne. Damit es dem Laien nicht gleich auffällt, hat der Russische Tanz (sonst Appendix 2) die Nr. 27 erhalten. Dieser fällt mit 4:51 Minuten von allen Versionen am längsten aus. Den Solo-Violinisten (Bruno Merse) würde ich -- wenn das nur so einfach ginge -- sofort in die Version von Sawallisch tauschen. Bei No. 19 fehlt eine von 5 Variationen. Im Coda des "Pas de trois" wurde 2 x eine Note verändert. Zwischen den einzelnen Tracks oftmals ungünstig lange Verbindungspausen. Unterm Strich und bei leider so vielen fehlenden Nummern (12!) eine an sich überflüssige Aufnahme. Hervorragende Bläser. 3 Sterne.

Dorati:
Eine beliebte und legendäre Aufnahme aus dem Jahre 1954. Es war die allererste "Gesamtaufnahme" des Schwanensees überhaupt. Aber auch hier fehlt im 3. Akt der Pas de deux, denn kurz nach der Aufnahme war man schlauer. Erst mit der Wissenschaftlichen Gesamtausgabe der Werke Tschaikowskys wurde Schwanensee 1958 für die Öffentlichkeit in der Originalgestalt wieder zugänglich. Dorati verzichtet in dieser Aufnahme außerdem bewusst auf Wiederholungen. Solo-Geige: Rafael Druian. Tanzbar.
Wichtig: Es handelt sich um eine Aufnahme noch in MONO! Wem Stereo also wichtig ist, muss eine andere Wahl treffen. 4 Sterne.

Dutoit:
Orchestre symphonhique de Montréal, 1991. Unter seiner Leitung wurde dieses Orchester nach Meinung der Fachkritik zu einem der weltbesten Ensembles. Im Grunde eine komplette Gesamtaufnahme. Es ist nicht weiter tragisch, dass "No. 14 Scene (Moderato)" im 2. Akt fehlt. Hierzu weiche man einfach auf "No. 10 Scene (Moderato)" aus (ist ja identisch, also nur eine Wiederholung der Schwanensee-Themamelodie). Offensichtlich passte dieses letzte Stück vom 2. Akt nicht mehr auf Disc 1. Und auf Disc 2 wollte man es wohl nicht nehmen, damit der 3. und 4. Akt für sich bleiben. Des Weiteren ist zwar unter No. 13 der 3. Walzer aufgeführt, aber nicht enthalten (weil mit den beiden vorhergehenden Walzern identisch). Es wurden hier und da ein paar Stücke in einem CD-Track untergebracht, was die gezielte Anwahl erschwert (ebenso bei Ozawa) -- dies kann aber auch die programmierte Wiederholung von zusammenhängenden Abschnitten erleichtern. Chantal Juillet spielt die Solo-Geige. Ebenfalls wunderschönes Harfenspiel. Dutoit und Lanchbery haben unterm Strich die gleiche Gesamtspielzeit, wobei Lanchbery die entscheidenden, ruhigen Nummern etwas mehr auskostet. Bonynge und Ozawa sind anregend, Dutoit wirkt eher beruhigend, harmonisierend und strahlt eine auffallend wohlige Wärme (durch nahe Celli/Kontrabässe) aus. 154 Minuten Gesamtspielzeit. Einzigartig und von Kennern geliebt. 5 Sterne.

Fedosejew:
Aufnahme aus dem Jahre 1985, Moskau. Großes Rundfunksinfonie-Orchester der UdSSR. Russisch, allerdings deutlich gemäßigter (eben symphonischer) als Svetlanov. Der Pas de deux (Appendix) nach "No. 19 Pas de six" fehlt hier. Alle Volkstänze im 3. Akt sind enthalten. Die Version von Svetlanov (ebenfalls von "Melodia", 1988) ist um Längen interessanter und viel besser als die von Wladimir Fedosejew -- allein schon von den Solisten her. 3er-CD-Box. 4 Sterne.

Fedotov:
Mariinsky Theatre Symphony Orchestra (Kirov), 1994. Bezaubernde Tanzfassung der 1895er-Kurzversion von Schwanensee unter dem Dirigat von Victor Fedotov (135 Min.). 5 Sterne. Näheres: Siehe bitte unter Gergiev.

Gergiev:
Leider fehlt hier der "Russische Tanz" im 3. Akt. Ausgerechnet der dürfte aber bei einer "russischen" Schwanensee-Version (Orchestra of the Marinsky Theatre, 2006) nicht fehlen: das virtuose Geigen-Solo. Des Weiteren wurden etliche Umstellungen der Nummern (sogar in verschiedene Akte hinein) vorgenommen, offensichtlich der Abfolge einer Ballet-Inszenierung entsprechend (DVD: Lopatkina/Koruntsev), die sich an der kürzeren, revidierten Festlegung aus dem Jahre 1895 orientiert statt an der üblichen und deutlich längeren Abfolge aus dem Jahre 1877. Viele Kürzungen; aber auch zwei Erweiterungen sind enthalten im letzten Akt, z.B. der Valse bluette (Walzer der schwarzen und weißen Schwäne), abgeleitet von einer Klaviermusik Tschaikowskys -- gehört aber nicht zum Original. Der Pas d'action (Adagio) bei Valery Gergiev mit einer unübertroffenen Länge von 9:10 Minuten, was sogar bei visuellem Faktor (DVD) eigenartig zäh anmutet. Ohne Bild aber schier unerträglich. Es gilt für diese Festlegung insgesamt die Version von Victor Fedotov (dort 7:34 Minuten) als eindeutig bessere und umfangreichere Alternative; dort finden sich auch der Russische Tanz und 3 weitere Auslassungen dieser Version als Extra. Tanzfassung. 3 Sterne.

Lanchbery:
Philharmonia Orchestra. John Lanchbery ist der bekannte Dirigent des weltberühmten Balletts mit Rudolf Nurejev und Margot Fonteyn auf DVD. Hier andere, hervorragende Aufnahme (1982) -- wie Sawallisch von EMI Classics und diesem vorzuziehen. Allerdings fehlen im 2. Akt 2 Tracks: No. 10 und No. 14. Es handelt sich hierbei um Wiederholungen der Themamelodie. So muss man sich z. B. mit der treibend (Szene: Jagdfieber) gespielten No. 9 begnügen. Bei No. 13 wurde des Weiteren der 3. Walzer (VI) weggelassen, der ja ohnehin mit den anderen beiden identisch wäre (so auch bei Dutoit). Eine Aufnahme, wo die Mazurka deutlich flotter gespielt wird (gewöhnlich viel zu schleppend für mein Musikempfinden). Die Walzer hingegen sind von allen Versionen die langsamsten und ballettigsten. Beste westliche Tanzfassung -- ausdrucksstark und facettenreich. 153 Minuten. Überaus gelungene Orchesterführung. Hochrangige Solisten. 5 Sterne.

Ozawa:
Eine Aufnahme aus dem Jahre 1978 mit dem Boston Symphony Orchestra. Ihm gelingt es, einen vielschichtigen, schillernden Klangteppich zu erzeugen. Ab und zu muss man allerdings die Lautstärke regulieren, da er tendenziell zu deutlichen Leise-laut-Schwankungen in den einzelnen Nummern neigt (extrem wuchtig/brachial/martialisch), was dem ungetrübten Genuss etwas abträglich ist. Seiji Ozawa war ein Schüler von Herbert von Karajan und Leonard Bernstein. Diese hohe Schule, die ihn zweifellos geprägt hat, erklärt wohl diese heftigen orchestralen Steigerungen/Ausbrüche. Joseph Silverstein spielt die erste Geige. Sein Geigen-Solo ist brillant, gefühlvoll und obertonreich, z.B. in der Danse russe im 3. Akt. Das ist Virtuosität! Kräftige, sonore Kontrabässe. Es fehlt leider Appendice I im 3. Akt (Schwarzer Schwan), d.h.: "Pas de deux": * Introduction, Moderato -- Andante; * Variation I Allegro moderato; * Variation II Allegro; * Coda Allegro molto vivace. Ozawas einzelne Musiknummern sind im Durchschnitt um die 12 Sekunden länger im Vergleich zu Rozhdestvenskys. Dennoch handelt es sich auch hierbei nur um eine Hörfassung (150 Minuten). 4 bis 5 Sterne.

Pletnev:
Leider ohne Danse russe im 3. Akt. Auch der Pas de deux im selben Akt (4 Nummern) fehlt. Wie schade! Russian National Orchestra. Damals -- im Jahre 2009 -- hätte man inzwischen wissen müssen, dass bei Gesamtaufnahmen immer mehr auf Vollständigkeit Wert gelegt wird. 3 Sterne. (Dafür ist Mikhail Pletnev aber bei der Gesamtaufnahme von "Sleeping Beauty" für mich der unumstrittene 5-Sterne-Sieger der Hörfassungen.)

Previn:
Aufnahme aus dem Jahre 1976 unter dem Dirigat des bekannten Jazz- und Filmmusikers. 155 Minuten Gesamtspielzeit. Im Tempo sind die einzelnen Musiknummern um 4 bzw. 8 Sekunden durchschnittlich schneller als bei Dutoit bzw. Ozawa. Bei Andre Previn gibt es natürlich auch Ausnahmen (oder das Gegenteil). Ihm ging es nicht um Tanzbarkeit. Die Solo-Geige spielt die berühmte Ida Haendel, unterstützt durch das renommierte London Symphony Orchestra (siehe auch M. T. Thomas). Previn und sein Orchester bewegen sich im Mittelfeld. Komplette, echte Gesamtaufnahme. 4 Sterne.

Rozhdestvensky:
Auf dieser Doppel-CD (USSR RTV Large Symphony Orchestra, 1969) -- sie ist derzeit leider vergriffen -- wird die Originalpartitur berücksichtigt, also einschließlich Pas de deux im "Schwarzen Schwan" des 3. Aktes (4 zusätzliche Musiknummern) und dem anschließenden Russischen Tanz (Violin-Solo). Wunderbare tiefe Streicher und im Timbre etwas zigeunerhaft klingende Solo-Geige (Mikhail Chernyakhovsky). Die Harfe im Klang warm und technisch sauber. Diese Aufnahme ist eine wohlklingende Hörfassung (großes Radio-Orchester); für diesen Zweck sind die zügigeren Tempi von Gennady Rozhdestvensky optimal gewählt. Genuss pur ("nur" 148 Minuten). Wer diese Aufnahme besitzt, kann sich glücklich schätzen. Sie ist eine echte Gesamtaufnahme und verdient wirklich 5 Sterne.

Sawallisch:
Philadelphia Orchestra, aufgenommen 1993. Beliebt und gut. Manchmal recht getragen und gezogen gespielt und auch sonst oft deutlich langsamer als bei Ozawa (durchschnittlich um die 12 Sekunden). Es geht leider auch fast allen Volkstänzen im 3. Akt eine gewisse Spritzigkeit ab (z.B. schleppende Mazurka). Wolfgang Sawallisch spielt das Werk tempomäßig eher wie ein einziges Ganzes (158 Minuten), Ozawa interpretiert es mehr in Form von Einzelstücken -- überspitzt ausgedrückt. Harfe und Solo-Violine (etwas "chinesisches" Geigentimbre/-spiel) werden meisterhaft, aber für Perfektionisten nicht so virtuos und sauber beherrscht wie bei Lanchbery oder Ozawa beispielsweise. Der Höhepunkt in dieser Version ist sicherlich das grandiose Finale. Tanzfassung. Komplette, echte Gesamtaufnahme. 4 Sterne.

Svetlanov:
Aus dem Jahre 1988. The USSR State Academic Symphony Orchestra. Knapp 154 Minuten reiner Hörgenuss. Eine unübertroffen authentische, ballettige Aufnahme, wie sie Tschaikowsky vermutlich gefallen hätte -- ganz in seinem Sinne und wahrlich ein Glücksgriff. Russisch: angemessen große Lautstärken- und Tempowechsel. Oder anders ausgedrückt: intensiv sentimental bis dramatisch/mächtig. Svetlanov interpretiert Schwanensee mit "Seele". Tadelloser Klang. Solo-Geige (Yuri Torchinsky), -Cello, -Klarinette, -Oboe und Harfe erster Güte (man sitzt nicht neben den Solisten, man ist der Solist). Im Schwarzen Schwan fehlen nach "No. 19 Pas des six" die Nummern des "Pas de deux". Die Version von Evgeny Svetlanov enthält den wohl schönsten Pas de deux im 1. Akt (Geigensolo) und das berührendste Finale (Themamelodie) im 1. Akt aller Aufnahmen durch das vordergründige Harfen-/Oboenspiel. Auch sonst ist der "Wellenschlag" des Harfenspiels (linkes Ohr), das für das Seewasser steht, wunderbar zu hören. In anderen Einspielungen ist es oft deutlich schwächer oder fast gar nicht wahrzunehmen. Zum Niederknien schön ebenso der Pas d'action im 2. Akt (ähnlich berührend bei Fedotov). 3 CDs. Ein ekstatisches Erlebnis (gleichfalls beste Tanzfassungen von Dornröschen und Nussknacker als echte Gesamtaufnahmen)! Exquisite Tanzfassung. 5 Sterne.

Thomas:
London Symphony Orchestra. 1991. 149 Gesamtspielzeit. Alexander Barantschik, Solo-Violine. Douglas Cummings, Solo-Cello. 5 Sterne für alle Solisten. Im 3. Akt fehlen die 4 Nummern des Pas des deux (Appendix). In No. 9, 10 und 14 perfekt gewählte (ruhige) Tempi -- so auch Svetlanov -- der Schwanensee-Themamelodie (bei Lanchbery und Ozawa etwas zu schnell). Sehr angenehme Kopfhörer-Version (ohne Gehörschaden), die mit der Gesamtaufnahme von Dutoit des gleichen Jahres konkurriert. Die Volkstänze im 3. Akt interpretiert Michael Tilson Thomas besser als Lanchbery und Sawallisch. Außerdem ist das Klangbild bei Thomas vergleichsweise abgedämpfter (Bläser mehr im Hintergrund) als bei Previn. 4 bis 5 Sterne.

Yablonsky:
Russian State Symphony Orchestra, 2001. Aufnahme neueren Datums von NAXOS (von der Vorgänger-Version von NAXOS mit Ondrej Lenard, 1989, 140 Minuten, unvollständig, möchte ich sowieso abraten). Dirigent: Dmitry Yablonsky (sonst bekannter Cellist). Harfe, Geige, Cello, Trompete werden in den Solos gekonnt gespielt. In No. 5 (Pas de deux) spielt der virtuose Solo-Geiger allerliebst das Andante. Leider ist deutlich sein schnaufendes Atmen zu hören, was speziell beim Hören über Kopfhörer als störend empfunden wird und sich deshalb dazu nicht eignet. Auch bei seinen anderen Solos trifft das zu. Ein kleiner freundlicher Hinweis des Tontechnikers hätte sicher genügt, um dies abzustellen. Sonst erstklassige Tonqualität. Die Gesamtspielzeit ist bei Rozhdestvensky und Yablonsky (knapp 148 Minuten) identisch, wobei bei Yablonsky die ruhigen Nummern etwas länger ausfallen (leider mit Ausnahme jeweils der Schwanensee-Melodie) und dafür die schnellen Nummmern eine Idee flotter gespielt werden. Auch fallen bei ihm der "Bechertanz" (No. 8) sowie die "Ankunft der Gäste" (No. 17) um die Hälfte kürzer aus im Vergleich mit anderen Einspielungen, und er spielt die Themamelodie von allen Versionen am schnellsten (um es nochmals herauszustellen). Hingegen ist der wichtige Abschnitt "No. 13 Tanz der Schwäne" mit 18:55 Minuten der längste aller Aufnahmen, dicht gefolgt von Svetlanov (18:42). Dasselbe trifft auf den großen Abschnitt "No. 19 Pas de six" zu. Yablonsky ist eine "Verlegenheits"-Alternative zu Rozhdestvensky; eine zu Extremen neigende komplette, echte Gesamtaufnahme mit somit sehr schnellen bzw. langsamen Tempi. 3 Sterne.

RESÜMME:
Die in jeder Hinsicht perfekte Aufnahme von Schwanensee existiert leider bis dato nicht. Letztlich bleibt die Wahl Geschmackssache und ein Kompromiss. Grundsätzlich kann aber gesagt werden, dass die russischen Aufnahmen mehr Kraft und Herz haben und die angloamerikanischen eleganter oder feiner (Nebengeräusch-disziplinierte Musiker) sind. Alle Versionen haben hörenswerte Besonderheiten. Meine Favoriten sind Lanchbery und Dutoit, aber ganz besonders Svetlanov (obwohl unvollständig). Bei der 1895er-Kurzversion ist es einzig und allein Victor Fedotov.


Der Schwanensee
Der Schwanensee
Preis: EUR 11,98

4.0 von 5 Sternen 4 Sterne, 10. Mai 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Schwanensee (Audio CD)
Es gibt ein ganze Anzahl Schwanensee-Gesamtaufnahmen, darunter hervorragende, aber auch durchschnittliche. Wo liegen die Unterschiede? Wie findet man die richtige Aufnahme, die dem eigenen Geschmack und Bedürfnis (z.B. Hörfassung/Tanzfassung) entspricht? Da ich einige Schwanensee-CDs habe, möchte ich bei der Findung gern etwas behilflich sein.
Eins vorweg: Gesamtaufnahmen sind keinesfalls immer komplett. Ebenso wie die meisten Schwanensee-Balletts nicht immer vollständig im Sinne des Komponisten/Librettisten sind. Manch eine "Gesamtaufnahme" entspricht also eher der Vollständigkeit einer bestimmten Ballett-Inszenierung als der Originalpartitur.

Bonynge:
Diese Aufnahme (National Philharmonic Orchestra, 1975) ist die längste Fassung (neben Svetlanov und Sawallisch), die ich kenne. Exzellente Tonqualität. Glasklarer, himmlischer Klang der Harfe (rechtes Ohr). Mincho Minchev spielt elegisch die Solo-Violine, z.B. beim Russischen Tanz. Bonynge nutzt nahezu das komplette musikalische Spektrum: verträumt (Pathos) bis dynamisch-explosiv (typisch philharmonisch). Auch sind die Tempi generell - sogar innerhalb der einzelnen Stücke - auffallend abwechslungsreich. Ballettkennern wird der Appendice I im sogenannten Schwarzen Schwan abgehen, und zwar der "Pas de deux" (4 Nummern im 3. Akt), welcher gewöhnlich auf "No. 19 Pas de six" folgt (ohne: 156 Minuten). Hierzu weiche man ggf. auf die 3er-Box (dort Gesamtaufnahme mit 165 Minuten) von Richard Bonynge aus ("Ballette" mit Schwanensee, Dornröschen, Nussknacker); dort ist die Schwanensee-Aufnahme tatsächlich komplett. Eine becken- und bläsergewaltige Offenbarung. 4 Sterne.

Brandenburger Symphoniker (Matthias Förster):
Aufgenommen 1994. Erinnert etwas an Sawallisch. Es fehlen No. 9 und No. 14 (Schwanensee-Themamelodie). Diese sind gewöhnlich identisch mit No. 10, welche vorhanden ist und zügig gespielt wird. Von den 3 Anfangs-Szenen im 2. Akt fehlt die letzte. Bei No. 13 fehlen ganze drei Nummern. Im Schwarzen Schwan (3. Akt) fehlen die 4 Nummern des Pas de deux. Im 4. Akt fehlt der Tanz der kleinen Schwäne. Damit es dem Laien nicht gleich auffällt, hat der Russische Tanz (sonst Appendix 2) die Nr. 27 erhalten. Dieser fällt mit 4:51 Minuten von allen Versionen am längsten aus. Den Solo-Violinisten (Bruno Merse) würde ich -- wenn das nur so einfach ginge -- sofort in die Version von Sawallisch tauschen. Bei No. 19 fehlt eine von 5 Variationen. Im Coda des "Pas de trois" wurde 2 x eine Note verändert. Zwischen den einzelnen Tracks oftmals ungünstig lange Verbindungspausen. Unterm Strich und bei leider so vielen fehlenden Nummern (12!) eine an sich überflüssige Aufnahme. Hervorragende Bläser. 3 Sterne.

Dorati:
Eine beliebte und legendäre Aufnahme aus dem Jahre 1954. Es war die allererste "Gesamtaufnahme" des Schwanensees überhaupt. Aber auch hier fehlt im 3. Akt der Pas de deux, denn kurz nach der Aufnahme war man schlauer. Erst mit der Wissenschaftlichen Gesamtausgabe der Werke Tschaikowskys wurde Schwanensee 1958 für die Öffentlichkeit in der Originalgestalt wieder zugänglich. Dorati verzichtet in dieser Aufnahme außerdem bewusst auf Wiederholungen. Solo-Geige: Rafael Druian. Tanzbar.
Wichtig: Es handelt sich um eine Aufnahme noch in MONO! Wem Stereo also wichtig ist, muss eine andere Wahl treffen. 4 Sterne.

Dutoit:
Orchestre symphonhique de Montréal, 1991. Unter seiner Leitung wurde dieses Orchester nach Meinung der Fachkritik zu einem der weltbesten Ensembles. Im Grunde eine komplette Gesamtaufnahme. Es ist nicht weiter tragisch, dass "No. 14 Scene (Moderato)" im 2. Akt fehlt. Hierzu weiche man einfach auf "No. 10 Scene (Moderato)" aus (ist ja identisch, also nur eine Wiederholung der Schwanensee-Themamelodie). Offensichtlich passte dieses letzte Stück vom 2. Akt nicht mehr auf Disc 1. Und auf Disc 2 wollte man es wohl nicht nehmen, damit der 3. und 4. Akt für sich bleiben. Des Weiteren ist zwar unter No. 13 der 3. Walzer aufgeführt, aber nicht enthalten (weil mit den beiden vorhergehenden Walzern identisch). Es wurden hier und da ein paar Stücke in einem CD-Track untergebracht, was die gezielte Anwahl erschwert (ebenso bei Ozawa) -- dies kann aber auch die programmierte Wiederholung von zusammenhängenden Abschnitten erleichtern. Chantal Juillet spielt zart die Solo-Geige. Ebenfalls schönes Harfenspiel. Dutoit und Lanchbery haben unterm Strich die gleiche Gesamtspielzeit, wobei Lanchbery die entscheidenden, ruhigen Nummern etwas mehr auskostet. Bonynge und Ozawa sind anregend, Dutoit wirkt eher beruhigend, harmonisierend und strahlt eine auffallend wohlige Wärme (durch nahe Celli/Kontrabässe) aus. 154 Minuten Gesamtspielzeit. Einzigartig und von Kennern geliebt. 5 Sterne.

Fedosejew:
Aufnahme aus dem Jahre 1985, Moskau. Großes Rundfunksinfonie-Orchester der UdSSR. Russisch, allerdings deutlich gemäßigter (eben symphonischer) als Svetlanov. Der Pas de deux (Appendix) nach "No. 19 Pas de six" fehlt hier. Alle Volkstänze im 3. Akt sind enthalten. Die Version von Svetlanov (ebenfalls von "Melodia", 1988) ist um Längen interessanter und viel besser als die von Wladimir Fedosejew -- allein schon von den Solisten her. 3er-CD-Box. 4 Sterne.

Fedotov:
Mariinsky Theatre Symphony Orchestra (Kirov), 1994. Bezaubernde Tanzfassung der 1895er-Kurzversion von Schwanensee unter dem Dirigat von Victor Fedotov (135 Min.). Näheres: Siehe bitte unter Gergiev. 5 Sterne.

Gergiev:
Leider fehlt hier der "Russische Tanz" im 3. Akt. Ausgerechnet der dürfte aber bei einer "russischen" Schwanensee-Version (Orchestra of the Marinsky Theatre, 2006) nicht fehlen: das virtuose Geigen-Solo. Des Weiteren wurden etliche Umstellungen der Nummern (sogar in verschiedene Akte hinein) vorgenommen, offensichtlich der Abfolge einer Ballet-Inszenierung entsprechend (DVD: Lopatkina/Koruntsev), die sich an der kürzeren, revidierten Festlegung aus dem Jahre 1895 orientiert statt an der im Westen üblichen und deutlich längeren Abfolge aus dem Jahre 1877. Etliche Kürzungen; aber auch Erweiterungen sind enthalten im letzten Akt, z.B. der Valse bluette (Walzer der schwarzen und weißen Schwäne), abgeleitet von einer Klaviermusik Tschaikowskys -- gehört aber nicht zum Original. Temperamentvoller Czardas und flotte Mazurka.
Der Pas d'action (Adagio) bei Valery Gergiev hingegen mit einer unübertroffenen Länge von 9:10 Minuten, was sogar bei visuellem Faktor (DVD) eigenartig zeitlupenhaft anmutet. Es gilt für diese Festlegung insgesamt die Version von Victor Fedotov (dort 7:34 Minuten) als eindeutig bessere und umfangreichere Alternative; dort finden sich auch der Russische Tanz und 3 weitere Auslassungen dieser Version als Extra. Tanzfassung. 3 Sterne.

Lanchbery:
Philharmonia Orchestra. John Lanchbery ist der bekannte Dirigent des weltberühmten Balletts mit Rudolf Nurejev und Margot Fonteyn auf DVD. Hier andere, hervorragende Aufnahme (1982) -- wie Sawallisch von EMI Classics und diesem vorzuziehen. Allerdings fehlen im 2. Akt 2 Tracks: No. 10 und No. 14. Es handelt sich hierbei um Wiederholungen der Themamelodie. So muss man sich z. B. mit der treibend (Szene: Jagdfieber) gespielten No. 9 begnügen. Bei No. 13 wurde des Weiteren der 3. Walzer (VI) weggelassen, der ja ohnehin mit den anderen beiden identisch wäre (so auch bei Dutoit). Eine Aufnahme, wo die Mazurka deutlich flotter gespielt wird (gewöhnlich viel zu schleppend für mein Musikempfinden). Die Walzer hingegen sind von allen Versionen die langsamsten und ballettigsten. Beste westliche Tanzfassung -- ausdrucksstark und facettenreich. 153 Minuten. Überaus gelungene Orchesterführung. Hochrangige Solisten. 5 Sterne.

Moldoveanu:
Der rumänische Dirigent Nicolae Moldoveanu mit dem Royal Philharmonic Orchestra (Leitung Charles Dutoit), 2009. Unaufdringliche Kopfhörer-Version mit hervorragender Streicher/Bläser/Perkussions-Abmischung. Virtuose Violinistin (Clio Gould) mit einer Stradivari. Prima! Phantastisch, z.B. ihr Russischer Tanz. 4 Nummern fehlen im 3. Akt (Pas de deux) - wie so oft - sowie 4 weitere Nummern (ohnehin Wiederholungen bzw. die unrelevante Zwergen-Nr.). Moldoveanu verzichtet glücklicherweise weitestgehend auf "Explosionen" und hat ein gutes Gespür für die Wahl der ballettigen Tempi, was nicht nur in der Themamelodie, den beiden weißen Akten und den Volkstänzen unter Beweis gestellt wird. Manche Nummern könnten indes durchaus mehr Leben, Gefühl und akzentuierte Raffinesse in einzelnen Passagen vertragen. Somit bleibt seine Aufnahme ein wenig unter dem Niveau von anderen Einspielungen, beispielsweise von Dutoit. Doppel-CD, an der sich jeder Track problemlos und einwandfrei wählen lässt. 145 Minuten. 4 Sterne.

Ozawa:
Eine Aufnahme aus dem Jahre 1978 mit dem Boston Symphony Orchestra. Ihm gelingt es, einen vielschichtigen, schillernden Klangteppich zu erzeugen. Ab und zu muss man allerdings die Lautstärke regulieren, da er tendenziell zu deutlichen Leise-laut-Schwankungen in den einzelnen Nummern neigt (extrem wuchtig/brachial/martialisch), was dem ungetrübten Genuss etwas abträglich ist. Seiji Ozawa war ein Schüler von Herbert von Karajan und Leonard Bernstein. Diese hohe Schule, die ihn zweifellos geprägt hat, erklärt wohl diese heftigen orchestralen Steigerungen/Ausbrüche. Joseph Silverstein spielt die erste Geige. Sein Geigen-Solo ist brillant, gefühlvoll und obertonreich, z.B. in der Danse russe im 3. Akt. Das ist Virtuosität! Kräftige, sonore Kontrabässe. Es fehlt leider Appendice I im 3. Akt (Schwarzer Schwan), d.h.: "Pas de deux": * Introduction, Moderato -- Andante; * Variation I Allegro moderato; * Variation II Allegro; * Coda Allegro molto vivace. Ozawas einzelne Musiknummern sind im Durchschnitt um die 12 Sekunden länger im Vergleich zu Rozhdestvenskys. Dennoch handelt es sich auch hierbei nur um eine Hörfassung (150 Minuten). 4 Sterne.

Pletnev:
Leider ohne Danse russe im 3. Akt. Auch der Pas de deux im selben Akt (4 Nummern) fehlt. Russian National Orchestra. Damals -- im Jahre 2009 -- hätte man inzwischen wissen müssen, dass bei Gesamtaufnahmen immer mehr auf Vollständigkeit Wert gelegt wird. Aber es existieren ohnehin andere russische Aufnahmen mit mehr Struktur und Niveau. (Dafür liefert Mikhail Pletnev aber bei der Gesamtaufnahme von "Sleeping Beauty" neben Neeme Järvi eine hervorragende Hörfassung.) 3 Sterne.

Previn:
Aufnahme aus dem Jahre 1976 unter dem Dirigat des bekannten Jazz- und Filmmusikers. 155 Minuten Gesamtspielzeit. Im Tempo sind die einzelnen Musiknummern um 4 bzw. 8 Sekunden durchschnittlich schneller als bei Dutoit bzw. Ozawa. Bei Andre Previn gibt es natürlich auch Ausnahmen (oder das Gegenteil). Ihm ging es nicht um Tanzbarkeit. Die Solo-Geige spielt die berühmte Ida Haendel, unterstützt durch das renommierte London Symphony Orchestra (siehe auch M. T. Thomas). Previn und sein Orchester bewegen sich im Mittelfeld. Komplette, echte Gesamtaufnahme. 4 Sterne.

Rozhdestvensky:
Auf dieser Doppel-CD (USSR RTV Large Symphony Orchestra, 1969) -- sie ist derzeit leider vergriffen -- wird die Originalpartitur berücksichtigt, also einschließlich Pas de deux im "Schwarzen Schwan" des 3. Aktes (4 zusätzliche Musiknummern) und dem anschließenden Russischen Tanz (Violin-Solo). Wunderbare tiefe Streicher und im Timbre etwas zigeunerhaft klingende Solo-Geige (Mikhail Chernyakhovsky). Die Harfe im Klang warm und technisch sauber. Diese Aufnahme ist eine wohlklingende Hörfassung (großes Radio-Orchester); für diesen Zweck sind die zügigeren Tempi von Gennady Rozhdestvensky optimal gewählt. Genuss pur ("nur" 148 Minuten). Wer diese Aufnahme besitzt, kann sich glücklich schätzen. Sie ist eine echte Gesamtaufnahme und verdient wirklich 5 Sterne.

Sawallisch:
Philadelphia Orchestra, aufgenommen 1993. Beliebt, weil vollständig. Manchmal recht getragen und gezogen gespielt und auch sonst oft deutlich langsamer als bei Ozawa (durchschnittlich um die 12 Sekunden). Es geht leider auch fast allen Volkstänzen im 3. Akt eine gewisse Spritzigkeit ab (z.B. schleppende Mazurka). Wolfgang Sawallisch spielt das Werk tempomäßig eher wie ein einziges Ganzes (158 Minuten). Von manchen wird sein Schwanensee daher als leblos bezeichnet. Ozawa interpretiert es mehr in Form von Einzelstücken -- überspitzt ausgedrückt. Harfe und Solo-Violine (etwas "chinesisches" Geigentimbre/-spiel) werden meisterhaft, aber für Perfektionisten nicht so virtuos und sauber beherrscht wie bei Lanchbery oder Ozawa beispielsweise. Der Höhepunkt in dieser Version ist sicherlich das grandiose Finale (ähnlich beeindruckend bei Bonynge und Dutoit). Tanzfassung. Komplette, echte Gesamtaufnahme. 4 Sterne.

Svetlanov:
Aus dem Jahre 1988. The USSR State Academic Symphony Orchestra. Knapp 154 Minuten reiner Hörgenuss. Eine unübertroffen authentische, ballettige Aufnahme, wie sie Tschaikowsky vermutlich gefallen hätte -- ganz in seinem Sinne und wahrlich ein Glücksgriff. Russisch: angemessen große Lautstärken- und Tempowechsel. Oder anders ausgedrückt: intensiv sentimental bis dramatisch/mächtig. Svetlanov interpretiert Schwanensee mit "Seele". Tadelloser Klang. Solo-Geige (Yuri Torchinsky), -Cello, -Klarinette, -Oboe und Harfe erster Güte (man sitzt nicht neben den Solisten, man ist der Solist). Im Schwarzen Schwan fehlen nach "No. 19 Pas des six" die Nummern des "Pas de deux". Die Version von Evgeny Svetlanov enthält den wohl schönsten Pas de deux im 1. Akt (Geigensolo) und das berührendste Finale (Themamelodie) im 1. Akt aller Aufnahmen durch das vordergründige Harfen-/Oboenspiel. Auch sonst ist der "Wellenschlag" des Harfenspiels (linkes Ohr), das für das Seewasser steht, wunderbar zu hören. In anderen Einspielungen ist es oft deutlich schwächer oder fast gar nicht wahrzunehmen. Zum Niederknien schön ebenso der Pas d'action im 2. Akt (ähnlich berührend bei Fedotov). In No. 14 ahmen die Streicher richtig gut Balalaikas nach, um die Sehnsucht des Prinzen nach Freiheit und die Schönheit des Vogelflugs zu unterstreichen. Und nur im Finale dieser Version glaubt man, alle Vögel des Waldes am See herauszuhören. Ein ekstatisches Erlebnis (gleichfalls beste Tanzfassungen von Dornröschen und Nussknacker als echte Gesamtaufnahmen)! 3 CDs. Exquisite Tanzfassung. 5 Sterne.

Thomas:
London Symphony Orchestra. 1991. 149 Gesamtspielzeit. Alexander Barantschik, Solo-Violine. Douglas Cummings, Solo-Cello. 5 Sterne für alle Solisten. Im 3. Akt fehlen die 4 Nummern des Pas des deux (Appendix). In No. 9, 10 und 14 perfekt gewählte (ruhige) Tempi -- so auch Svetlanov -- der Schwanensee-Themamelodie (bei Lanchbery und Ozawa etwas zu schnell). Sehr angenehme Kopfhörer-Version (ohne Gehörschaden), die mit der Gesamtaufnahme von Dutoit des gleichen Jahres konkurriert. Die Volkstänze im 3. Akt interpretiert Michael Tilson Thomas besser als Bonynge und Sawallisch. Außerdem ist das Klangbild bei Thomas vergleichsweise abgedämpfter (Bläser mehr im Hintergrund) als bei Previn. 4 Sterne.

Yablonsky:
Russian State Symphony Orchestra, 2001. Aufnahme neueren Datums von NAXOS (von der Vorgänger-Version von NAXOS mit Ondrej Lenard, 1989, 140 Minuten, unvollständig, möchte ich sowieso abraten). Dirigent: Dmitry Yablonsky (sonst bekannter Cellist). Harfe, Geige, Cello, Trompete werden in den Solos gekonnt gespielt. In No. 5 (Pas de deux) spielt der virtuose Solo-Geiger allerliebst das Andante. Leider ist deutlich sein schnaufendes Atmen zu hören, was speziell beim Hören über Kopfhörer als störend empfunden wird und sich deshalb dazu nicht eignet. Auch bei seinen anderen Solos trifft das zu. Ein kleiner freundlicher Hinweis des Tontechnikers hätte sicher genügt, um dies abzustellen. Sonst erstklassige Tonqualität. Die Gesamtspielzeit ist bei Rozhdestvensky und Yablonsky (knapp 148 Minuten) identisch, wobei bei Yablonsky die ruhigen Nummern etwas länger ausfallen (leider mit Ausnahme jeweils der Schwanensee-Melodie) und dafür die schnellen Nummmern eine Idee flotter gespielt werden. Auch fallen bei ihm der "Bechertanz" (No. 8) sowie die "Ankunft der Gäste" (No. 17) um die Hälfte kürzer aus im Vergleich mit anderen Einspielungen, und er spielt die Themamelodie von allen Versionen am schnellsten (um es nochmals herauszustellen). Hingegen ist der wichtige Abschnitt "No. 13 Tanz der Schwäne" mit 18:55 Minuten der längste aller Aufnahmen, dicht gefolgt von Svetlanov (18:42). Dasselbe trifft auf den großen Abschnitt "No. 19 Pas de six" zu. Yablonsky ist eine "Verlegenheits"-Alternative zu Rozhdestvensky; eine zu Extremen neigende komplette, echte Gesamtaufnahme mit somit sehr schnellen bzw. langsamen Tempi. 3 Sterne.

RESÜMME:
Die in jeder Hinsicht perfekte Aufnahme von Schwanensee existiert leider bis dato nicht. Letztlich bleibt die Wahl Geschmackssache und ein Kompromiss. Grundsätzlich kann aber gesagt werden, dass die russischen Aufnahmen mehr Kraft und Herz haben und die angloamerikanischen eleganter oder feiner (Nebengeräusch-disziplinierte Musiker) sind. Alle Versionen haben hörenswerte Besonderheiten. Meine Favoriten sind die von Lanchbery, Dutoit und natürlich Svetlanov. Bei der 1895er-Kurzversion ist es einzig und allein die von Victor Fedotov.


Schwanensee
Schwanensee
Preis: EUR 25,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen 3 Sterne, 10. Mai 2012
Rezension bezieht sich auf: Schwanensee (Audio CD)
Es gibt ein ganze Anzahl Schwanensee-Gesamtaufnahmen, darunter hervorragende, aber auch durchschnittliche. Wo liegen die Unterschiede? Wie findet man die richtige Aufnahme, die dem eigenen Geschmack und Bedürfnis (z.B. Hörfassung/Tanzfassung) entspricht? Da ich einige Schwanensee-CDs habe, möchte ich bei der Findung gern etwas behilflich sein.
Eins vorweg: Gesamtaufnahmen sind keinesfalls immer komplett. Ebenso wie die meisten Schwanensee-Balletts nicht immer vollständig im Sinne des Komponisten/Librettisten sind. Manch eine "Gesamtaufnahme" entspricht also eher der Vollständigkeit einer bestimmten Ballett-Inszenierung als der Originalpartitur.

Bonynge:
Diese Aufnahme (National Philharmonic Orchestra, 1975) ist die längste Fassung (neben Svetlanov), die ich kenne. Das bedeutet aber nicht, dass sie deswegen auch besonders gut tanzbar wäre. Teilweise ist die Spielweise sogar ausgesprochen hektisch, dann wieder hyperballetig-zäh. Exzellente Tonqualität. Glasklarer, himmlischer Klang der Harfe (rechtes Ohr). Mincho Minchev spielt elegisch die Solo-Violine, z.B. beim Russischen Tanz. Bonynge nutzt nahezu das komplette musikalische Spektrum: verträumt (Pathos) bis dynamisch-explosiv (typisch philharmonisch). Ballettkennern wird der Appendice I im sogenannten Schwarzen Schwan abgehen, und zwar der "Pas de deux" (4 Nummern im 3. Akt), welcher gewöhnlich auf "No. 19 Pas de six" folgt (ohne: 156 Minuten). Hierzu weiche man ggf. auf die 3er-Box (dort Gesamtaufnahme mit 165 Minuten) von Richard Bonynge aus ("Ballette" mit Schwanensee, Dornröschen, Nussknacker); dort ist die Schwanensee-Aufnahme tatsächlich komplett. Becken- und bläserfreudige Aufnahme. 4 Sterne.

Brandenburger Symphoniker (Matthias Förster):
Aufgenommen 1994. Erinnert etwas an Sawallisch. Es fehlen No. 9 und No. 14 (Schwanensee-Themamelodie). Diese sind gewöhnlich identisch mit No. 10, welche vorhanden ist und zügig gespielt wird. Von den 3 Anfangs-Szenen im 2. Akt fehlt die letzte. Bei No. 13 fehlen ganze drei Nummern. Im Schwarzen Schwan (3. Akt) fehlen die 4 Nummern des Pas de deux. Im 4. Akt fehlt der Tanz der kleinen Schwäne. Damit es dem Laien nicht gleich auffällt, hat der Russische Tanz (sonst Appendix 2) die Nr. 27 erhalten. Dieser fällt mit 4:51 Minuten von allen Versionen am längsten aus. Den Solo-Violinisten (Bruno Merse) würde ich -- wenn das nur so einfach ginge -- sofort in die Version von Sawallisch tauschen. Bei No. 19 fehlt eine von 5 Variationen. Im Coda des "Pas de trois" wurde 2 x eine Note verändert. Zwischen den einzelnen Tracks oftmals ungünstig lange Verbindungspausen. Unterm Strich und bei leider so vielen fehlenden Nummern (12!) eine an sich überflüssige Aufnahme. Hervorragende Bläser. 3 Sterne.

Dorati:
Eine beliebte und legendäre Aufnahme aus dem Jahre 1954. Es war die allererste "Gesamtaufnahme" des Schwanensees überhaupt. Aber auch hier fehlt im 3. Akt der Pas de deux, denn kurz nach der Aufnahme war man schlauer. Erst mit der Wissenschaftlichen Gesamtausgabe der Werke Tschaikowskys wurde Schwanensee 1958 für die Öffentlichkeit in der Originalgestalt wieder zugänglich. Dorati verzichtet in dieser Aufnahme außerdem bewusst auf Wiederholungen. Solo-Geige: Rafael Druian. Tanzbar.
Wichtig: Es handelt sich um eine Aufnahme noch in MONO! Wem Stereo also wichtig ist, muss eine andere Wahl treffen. 4 Sterne.

Dutoit:
Orchestre symphonhique de Montréal, 1991. Unter seiner Leitung wurde dieses Orchester nach Meinung der Fachkritik zu einem der weltbesten Ensembles. Im Grunde eine komplette Gesamtaufnahme. Es ist nicht weiter tragisch, dass "No. 14 Scene (Moderato)" im 2. Akt fehlt. Hierzu weiche man einfach auf "No. 10 Scene (Moderato)" aus (ist ja identisch, also nur eine Wiederholung der Schwanensee-Themamelodie). Offensichtlich passte dieses letzte Stück vom 2. Akt nicht mehr auf Disc 1. Und auf Disc 2 wollte man es wohl nicht nehmen, damit der 3. und 4. Akt für sich bleiben. Des Weiteren ist zwar unter No. 13 der 3. Walzer aufgeführt, aber nicht enthalten (weil mit den beiden vorhergehenden Walzern identisch). Es wurden hier und da ein paar Stücke in einem CD-Track untergebracht, was die gezielte Anwahl erschwert (ebenso bei Ozawa) -- dies kann aber auch die programmierte Wiederholung von zusammenhängenden Abschnitten erleichtern. Chantal Juillet spielt die Solo-Geige. Ebenfalls wunderschönes Harfenspiel. Dutoit und Lanchbery haben unterm Strich die gleiche Gesamtspielzeit, wobei Lanchbery die entscheidenden, ruhigen Nummern etwas mehr auskostet. Bonynge und Ozawa sind anregend, Dutoit wirkt eher beruhigend, harmonisierend und strahlt eine auffallend wohlige Wärme (durch nahe Celli/Kontrabässe) aus. 154 Minuten Gesamtspielzeit. Einzigartig und von Kennern geliebt. 5 Sterne.

Fedosejew:
Aufnahme aus dem Jahre 1985, Moskau. Großes Rundfunksinfonie-Orchester der UdSSR. Russisch, allerdings deutlich gemäßigter (eben symphonischer) als Svetlanov. Der Pas de deux (Appendix) nach "No. 19 Pas de six" fehlt hier. Alle Volkstänze im 3. Akt sind enthalten. Die Version von Svetlanov (ebenfalls von "Melodia", 1988) ist um Längen interessanter und viel besser als die von Wladimir Fedosejew -- allein schon von den Solisten her. 3er-CD-Box. 4 Sterne.

Gergiev:
Leider fehlt hier der "Russische Tanz" im 3. Akt. Ausgerechnet der dürfte aber bei einer "russischen" Schwanensee-Version (Orchestra of the Marinsky Theatre, 2006) nicht fehlen: das virtuose Geigen-Solo. Des Weiteren wurden etliche Umstellungen der Nummern (sogar in verschiedene Akte hinein) vorgenommen, offensichtlich der Abfolge einer Ballet-Inszenierung entsprechend (DVD: Lopatkina/Koruntsev), die sich an der kürzeren, revidierten Festlegung aus dem Jahre 1895 orientiert statt an der üblichen und deutlich längeren Abfolge aus dem Jahre 1877. Viele Kürzungen; aber auch eine Erweiterung ist enthalten (Interpolation 2 im letzten Akt): der Valse bluette (Walzer der schwarzen und weißen Schwäne), abgeleitet von einer Klaviermusik Tschaikowskys -- gehört aber nicht zum Original. Der Pas d'action bei Valery Gergiev mit einer unübertroffenen Länge von 9:10 Minuten. Dennoch gilt für diese Festlegung insgesamt die Version von Victor Fedotov (dort 7:34 Minuten) als eindeutig bessere und umfangreichere Alternative; dort findet sich auch der Russische Tanz als Extra. Tanzfassung. 3 Sterne.

Lanchbery:
Philharmonia Orchestra. John Lanchbery ist der bekannte Dirigent des weltberühmten Balletts mit Rudolf Nurejev und Margot Fonteyn auf DVD. Hier andere, hervorragende Aufnahme (1982) -- wie Sawallisch von EMI Classics und diesem vorzuziehen. Allerdings fehlen im 2. Akt 2 Tracks: No. 10 und No. 14. Es handelt sich hierbei um Wiederholungen der Themamelodie. So muss man sich z. B. mit der treibend (Szene: Jagdfieber) gespielten No. 9 begnügen. Bei No. 13 wurde des Weiteren der 3. Walzer (VI) weggelassen, der ja ohnehin mit den anderen beiden identisch wäre (so auch bei Dutoit). Eine Aufnahme, wo die Mazurka deutlich flotter gespielt wird (gewöhnlich viel zu schleppend für mein Musikempfinden). Die Walzer hingegen sind von allen Versionen die langsamsten und ballettigsten. Beste westliche Tanzfassung -- ausdrucksstark und facettenreich. 153 Minuten. Überaus gelungene Orchesterführung. Hochrangige Solisten. 5 Sterne.

Ozawa:
Eine Aufnahme aus dem Jahre 1978 mit dem Boston Symphony Orchestra. Ihm gelingt es, einen vielschichtigen, schillernden Klangteppich zu erzeugen. Ab und zu möchte muss allerdings die Lautstärke regulieren, da er tendenziell zu deutlichen Leise-laut-Schwankungen in den einzelnen Nummern neigt (extrem wuchtig/brachial/martialisch). Seiji Ozawa war ein Schüler von Herbert von Karajan und Leonard Bernstein. Diese hohe Schule, die ihn zweifellos geprägt hat, erklärt wohl diese heftigen orchestralen Steigerungen/Ausbrüche. Joseph Silverstein spielt die erste Geige. Sein Geigen-Solo ist brillant, gefühlvoll und obertonreich, z.B. in der Danse russe im 3. Akt. Das ist Virtuosität! Kräftige, sonore Kontrabässe. Es fehlt leider Appendice I im 3. Akt (Schwarzer Schwan), d.h.: "Pas de deux": * Introduction, Moderato -- Andante; * Variation I Allegro moderato; * Variation II Allegro; * Coda Allegro molto vivace. Ozawas einzelne Musiknummern sind im Durchschnitt um die 12 Sekunden länger im Vergleich zu Rozhdestvenskys. Dennoch handelt es sich auch hierbei nur um eine Hörfassung (150 Minuten). 4 bis 5 Sterne.

Pletnev:
Leider ohne Danse russe im 3. Akt. Auch der Pas de deux im selben Akt (4 Nummern) fehlt. Wie schade! Russian National Orchestra. Damals -- im Jahre 2009 -- hätte man inzwischen wissen müssen, dass bei Gesamtaufnahmen immer mehr auf Vollständigkeit Wert gelegt wird. 3 Sterne. (Dafür ist Mikhail Pletnev aber bei der Gesamtaufnahme von "Sleeping Beauty" für mich der unumstrittene 5-Sterne-Sieger der Hörfassungen.)

Previn:
Aufnahme aus dem Jahre 1976 unter dem Dirigat des bekannten Jazz- und Filmmusikers. 155 Minuten Gesamtspielzeit. Im Tempo sind die einzelnen Musiknummern um 4 bzw. 8 Sekunden durchschnittlich schneller als bei Dutoit bzw. Ozawa. Bei Andre Previn gibt es natürlich auch Ausnahmen (oder das Gegenteil). Die Solo-Geige spielt die berühmte Ida Haendel, unterstützt durch das renommierte London Symphony Orchestra (siehe auch M. T. Thomas). Previn und sein Orchester bewegen sich im Mittelfeld. Komplette, echte Gesamtaufnahme. 4 Sterne.

Rozhdestvensky:
Auf dieser Doppel-CD (USSR RTV Large Symphony Orchestra, 1969) -- sie ist derzeit leider vergriffen -- wird die Originalpartitur berücksichtigt, also einschließlich Pas de deux im "Schwarzen Schwan" des 3. Aktes (4 zusätzliche Musiknummern) und dem anschließenden Russischen Tanz (Violin-Solo). Wunderbare tiefe Streicher und im Timbre etwas zigeunerhaft klingende Solo-Geige (Mikhail Chernyakhovsky). Die Harfe im Klang warm und technisch sauber. Diese Aufnahme ist eine wohlklingende Hörfassung (großes Radio-Orchester); für diesen Zweck sind die zügigeren Tempi von Gennady Rozhdestvensky optimal gewählt. Genuss pur ("nur" 148 Minuten). Wer diese Aufnahme besitzt, kann sich glücklich schätzen. Sie ist eine echte Gesamtaufnahme und verdient wirklich 5 Sterne.

Sawallisch:
Philadelphia Orchestra, aufgenommen 1993. Beliebt und gut. Manchmal recht getragen und gezogen gespielt und auch sonst oft deutlich langsamer als bei Ozawa (durchschnittlich um die 12 Sekunden). Es geht leider auch fast allen Volkstänzen im 3. Akt eine gewisse Spritzigkeit ab (z.B. schleppende Mazurka). Wolfgang Sawallisch spielt das Werk tempomäßig eher wie ein einziges Ganzes (158 Minuten), Ozawa interpretiert es mehr in Form von Einzelstücken -- überspitzt ausgedrückt. Harfe und Solo-Violine (etwas "chinesisches" Geigentimbre/-spiel) werden meisterhaft, aber für Perfektionisten nicht so virtuos und sauber beherrscht wie bei Lanchbery oder Ozawa beispielsweise. Der Höhepunkt in dieser Version ist sicherlich das grandiose Finale. Tanzfassung. Komplette, echte Gesamtaufnahme. 4 Sterne.

Svetlanov:
Aus dem Jahre 1988. The USSR State Academic Symphony Orchestra. Knapp 154 Minuten reiner Hörgenuss. Eine unübertroffen authentische, ballettige Aufnahme, wie sie Tschaikowsky vermutlich gefallen hätte -- ganz in seinem Sinne und wahrlich ein Glücksgriff. Russisch: angemessen große Lautstärken- und Tempowechsel. Oder anders ausgedrückt: intensiv sentimental bis dramatisch/mächtig. Svetlanov interpretiert Schwanensee mit "Seele". Tadelloser Klang. Solo-Geige (Yuri Torchinsky), -Cello, -Klarinette, -Oboe und Harfe erster Güte (man sitzt nicht neben den Solisten, man ist der Solist). Im Schwarzen Schwan fehlen nach "No. 19 Pas des six" die Nummern des "Pas de deux". Die Version von Evgeny Svetlanov enthält den wohl schönsten Pas de deux im 1. Akt (Geigensolo) und das berührendste Finale (Themamelodie) im 1. Akt aller Aufnahmen durch das vordergründige Harfen-/Oboenspiel. Auch sonst ist der "Wellenschlag" des Harfenspiels (linkes Ohr), das für das Seewasser steht, wunderbar zu hören. In anderen Einspielungen ist es oft deutlich schwächer oder fast gar nicht wahrzunehmen. Zum Niederknien schön ebenso der Pas d'action im 2. Akt. 3 CDs. Ein ekstatisches Erlebnis (ebenso der beste Nussknacker als tanzbare Gesamtaufnahme)! Exquisite Tanzfassung. 5 Sterne.

Thomas:
London Symphony Orchestra. 1991. 149 Gesamtspielzeit. Alexander Barantschik, Solo-Violine. Douglas Cummings, Solo-Cello. 5 Sterne für alle Solisten. Im 3. Akt fehlen die 4 Nummern des Pas des deux (Appendix). In No. 9, 10 und 14 perfekt gewählte (ruhige) Tempi -- so auch Svetlanov -- der Schwanensee-Themamelodie (bei Lanchbery und Ozawa zu schnell). Sehr angenehme Kopfhörer-Version (ohne Gehörschaden), die mit der Gesamtaufnahme von Dutoit des gleichen Jahres konkurriert. Die Volkstänze im 3. Akt interpretiert Michael Tilson Thomas besser als Lanchbery und Sawallisch. Außerdem ist das Klangbild bei Thomas vergleichsweise abgedämpfter (Bläser mehr im Hintergrund) als bei Previn. 4 bis 5 Sterne.

Yablonsky:
Russian State Symphony Orchestra, 2001. Aufnahme neueren Datums von NAXOS (von der Vorgänger-Version von NAXOS mit Ondrej Lenard, 1989, 140 Minuten, unvollständig, möchte ich sowieso abraten). Dirigent: Dmitry Yablonsky (sonst bekannter Cellist). Harfe, Geige, Cello, Trompete werden in den Solos gekonnt gespielt. In No. 5 (Pas de deux) spielt der virtuose Solo-Geiger allerliebst das Andante. Leider ist deutlich sein schnaufendes Atmen zu hören, was speziell beim Hören über Kopfhörer als störend empfunden wird und sich deshalb dazu nicht eignet. Auch bei seinen anderen Solos trifft das zu. Ein kleiner freundlicher Hinweis des Tontechnikers hätte sicher genügt, um dies abzustellen. Sonst erstklassige Tonqualität. Die Gesamtspielzeit ist bei Rozhdestvensky und Yablonsky (knapp 148 Minuten) identisch, wobei bei Yablonsky die ruhigen Nummern etwas länger ausfallen (leider mit Ausnahme jeweils der Schwanensee-Melodie) und dafür die schnellen Nummmern eine Idee flotter gespielt werden. Auch fallen bei ihm der "Bechertanz" (No. 8) sowie die "Ankunft der Gäste" (No. 17) um die Hälfte kürzer aus im Vergleich mit anderen Einspielungen, und er spielt die Themamelodie von allen Versionen am schnellsten (um es nochmals herauszustellen). Hingegen ist der wichtige Abschnitt "No. 13 Tanz der Schwäne" mit 18:55 Minuten der längste aller Aufnahmen, dicht gefolgt von Svetlanov (18:42). Dasselbe trifft auf den großen Abschnitt "No. 19 Pas de six" zu. Yablonsky ist eine "Verlegenheits"-Alternative zu Rozhdestvensky; eine zu Extremen neigende komplette, echte Gesamtaufnahme mit somit sehr schnellen bzw. langsamen Tempi. 3 Sterne.

RESÜMME:
Letztlich bleibt die Wahl Geschmackssache. Grundsätzlich kann aber gesagt werden, dass die russischen Aufnahmen mehr Kraft und Herz haben und die angloamerikanischen eleganter oder feiner (Nebengeräusch-disziplinierte Musiker) sind. Alle Versionen haben hörenswerte Besonderheiten. Meine Favoriten sind Dutoit sowie Lanchbery und ganz besonders Svetlanov (obwohl unvollständig).
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Schwanensee (Ga)
Schwanensee (Ga)
Preis: EUR 16,99

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5.0 von 5 Sternen 5 Sterne, 10. Mai 2012
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Rezension bezieht sich auf: Schwanensee (Ga) (Audio CD)
Es gibt ein ganze Anzahl Schwanensee-Gesamtaufnahmen, darunter hervorragende, aber auch durchschnittliche. Wo liegen die Unterschiede? Wie findet man die richtige Aufnahme, die dem eigenen Geschmack und Bedürfnis (z.B. Hörfassung/Tanzfassung) entspricht? Da ich einige Schwanensee-CDs habe, möchte ich bei der Findung gern etwas behilflich sein.
Eins vorweg: Gesamtaufnahmen sind keinesfalls immer komplett. Ebenso wie die meisten Schwanensee-Balletts nicht immer vollständig im Sinne des Komponisten/Librettisten sind. Manch eine "Gesamtaufnahme" entspricht also eher der Vollständigkeit einer bestimmten Ballett-Inszenierung als der Originalpartitur.

Bonynge:
Diese Aufnahme (National Philharmonic Orchestra, 1975) ist die längste Fassung (neben Svetlanov und Sawallisch), die ich kenne. Exzellente Tonqualität. Glasklarer, himmlischer Klang der Harfe (rechtes Ohr). Mincho Minchev spielt elegisch die Solo-Violine, z.B. beim Russischen Tanz. Bonynge nutzt nahezu das komplette musikalische Spektrum: verträumt (Pathos) bis dynamisch-explosiv (typisch philharmonisch). Auch sind die Tempi generell - sogar innerhalb der einzelnen Stücke - auffallend abwechslungsreich. Ballettkennern wird der Appendice I im sogenannten Schwarzen Schwan abgehen, und zwar der "Pas de deux" (4 Nummern im 3. Akt), welcher gewöhnlich auf "No. 19 Pas de six" folgt (ohne: 156 Minuten). Hierzu weiche man ggf. auf die 3er-Box (dort Gesamtaufnahme mit 165 Minuten) von Richard Bonynge aus ("Ballette" mit Schwanensee, Dornröschen, Nussknacker); dort ist die Schwanensee-Aufnahme tatsächlich komplett. Eine becken- und bläsergewaltige Offenbarung. 4 Sterne.

Brandenburger Symphoniker (Matthias Förster):
Aufgenommen 1994. Erinnert etwas an Sawallisch. Es fehlen No. 9 und No. 14 (Schwanensee-Themamelodie). Diese sind gewöhnlich identisch mit No. 10, welche vorhanden ist und zügig gespielt wird. Von den 3 Anfangs-Szenen im 2. Akt fehlt die letzte. Bei No. 13 fehlen ganze drei Nummern. Im Schwarzen Schwan (3. Akt) fehlen die 4 Nummern des Pas de deux. Im 4. Akt fehlt der Tanz der kleinen Schwäne. Damit es dem Laien nicht gleich auffällt, hat der Russische Tanz (sonst Appendix 2) die Nr. 27 erhalten. Dieser fällt mit 4:51 Minuten von allen Versionen am längsten aus. Den Solo-Violinisten (Bruno Merse) würde ich -- wenn das nur so einfach ginge -- sofort in die Version von Sawallisch tauschen. Bei No. 19 fehlt eine von 5 Variationen. Im Coda des "Pas de trois" wurde 2 x eine Note verändert. Zwischen den einzelnen Tracks oftmals ungünstig lange Verbindungspausen. Unterm Strich und bei leider so vielen fehlenden Nummern (12!) eine an sich überflüssige Aufnahme. Hervorragende Bläser. 3 Sterne.

Dorati:
Eine beliebte und legendäre Aufnahme aus dem Jahre 1954. Es war die allererste "Gesamtaufnahme" des Schwanensees überhaupt. Aber auch hier fehlt im 3. Akt der Pas de deux, denn kurz nach der Aufnahme war man schlauer. Erst mit der Wissenschaftlichen Gesamtausgabe der Werke Tschaikowskys wurde Schwanensee 1958 für die Öffentlichkeit in der Originalgestalt wieder zugänglich. Dorati verzichtet in dieser Aufnahme außerdem bewusst auf Wiederholungen. Solo-Geige: Rafael Druian. Tanzbar.
Wichtig: Es handelt sich um eine Aufnahme noch in MONO! Wem Stereo also wichtig ist, muss eine andere Wahl treffen. 4 Sterne.

Dutoit:
Orchestre symphonhique de Montréal, 1991. Unter seiner Leitung wurde dieses Orchester nach Meinung der Fachkritik zu einem der weltbesten Ensembles. Im Grunde eine komplette Gesamtaufnahme. Es ist nicht weiter tragisch, dass "No. 14 Scene (Moderato)" im 2. Akt fehlt. Hierzu weiche man einfach auf "No. 10 Scene (Moderato)" aus (ist ja identisch, also nur eine Wiederholung der Schwanensee-Themamelodie). Offensichtlich passte dieses letzte Stück vom 2. Akt nicht mehr auf Disc 1. Und auf Disc 2 wollte man es wohl nicht nehmen, damit der 3. und 4. Akt für sich bleiben. Des Weiteren ist zwar unter No. 13 der 3. Walzer aufgeführt, aber nicht enthalten (weil mit den beiden vorhergehenden Walzern identisch). Es wurden hier und da ein paar Stücke in einem CD-Track untergebracht, was die gezielte Anwahl erschwert (ebenso bei Ozawa) -- dies kann aber auch die programmierte Wiederholung von zusammenhängenden Abschnitten erleichtern. Chantal Juillet spielt zart die Solo-Geige. Ebenfalls schönes Harfenspiel. Dutoit und Lanchbery haben unterm Strich die gleiche Gesamtspielzeit, wobei Lanchbery die entscheidenden, ruhigen Nummern etwas mehr auskostet. Bonynge und Ozawa sind anregend, Dutoit wirkt eher beruhigend, harmonisierend und strahlt eine auffallend wohlige Wärme (durch nahe Celli/Kontrabässe) aus. 154 Minuten Gesamtspielzeit. Einzigartig und von Kennern geliebt. 5 Sterne.

Fedosejew:
Aufnahme aus dem Jahre 1985, Moskau. Großes Rundfunksinfonie-Orchester der UdSSR. Russisch, allerdings deutlich gemäßigter (eben symphonischer) als Svetlanov. Der Pas de deux (Appendix) nach "No. 19 Pas de six" fehlt hier. Alle Volkstänze im 3. Akt sind enthalten. Die Version von Svetlanov (ebenfalls von "Melodia", 1988) ist um Längen interessanter und viel besser als die von Wladimir Fedosejew -- allein schon von den Solisten her. 3er-CD-Box. 4 Sterne.

Fedotov:
Mariinsky Theatre Symphony Orchestra (Kirov), 1994. Bezaubernde Tanzfassung der 1895er-Kurzversion von Schwanensee unter dem Dirigat von Victor Fedotov (135 Min.). Näheres: Siehe bitte unter Gergiev. 5 Sterne.

Gergiev:
Leider fehlt hier der "Russische Tanz" im 3. Akt. Ausgerechnet der dürfte aber bei einer "russischen" Schwanensee-Version (Orchestra of the Marinsky Theatre, 2006) nicht fehlen: das virtuose Geigen-Solo. Des Weiteren wurden etliche Umstellungen der Nummern (sogar in verschiedene Akte hinein) vorgenommen, offensichtlich der Abfolge einer Ballet-Inszenierung entsprechend (DVD: Lopatkina/Koruntsev), die sich an der kürzeren, revidierten Festlegung aus dem Jahre 1895 orientiert statt an der im Westen üblichen und deutlich längeren Abfolge aus dem Jahre 1877. Etliche Kürzungen; aber auch Erweiterungen sind enthalten im letzten Akt, z.B. der Valse bluette (Walzer der schwarzen und weißen Schwäne), abgeleitet von einer Klaviermusik Tschaikowskys -- gehört aber nicht zum Original. Temperamentvoller Czardas und flotte Mazurka.
Der Pas d'action (Adagio) bei Valery Gergiev hingegen mit einer unübertroffenen Länge von 9:10 Minuten, was sogar bei visuellem Faktor (DVD) eigenartig zeitlupenhaft anmutet. Es gilt für diese Festlegung insgesamt die Version von Victor Fedotov (dort 7:34 Minuten) als eindeutig bessere und umfangreichere Alternative; dort finden sich auch der Russische Tanz und 3 weitere Auslassungen dieser Version als Extra. Tanzfassung. 3 Sterne.

Lanchbery:
Philharmonia Orchestra. John Lanchbery ist der bekannte Dirigent des weltberühmten Balletts mit Rudolf Nurejev und Margot Fonteyn auf DVD. Hier andere, hervorragende Aufnahme (1982) -- wie Sawallisch von EMI Classics und diesem vorzuziehen. Allerdings fehlen im 2. Akt 2 Tracks: No. 10 und No. 14. Es handelt sich hierbei um Wiederholungen der Themamelodie. So muss man sich z. B. mit der treibend (Szene: Jagdfieber) gespielten No. 9 begnügen. Bei No. 13 wurde des Weiteren der 3. Walzer (VI) weggelassen, der ja ohnehin mit den anderen beiden identisch wäre (so auch bei Dutoit). Eine Aufnahme, wo die Mazurka deutlich flotter gespielt wird (gewöhnlich viel zu schleppend für mein Musikempfinden). Die Walzer hingegen sind von allen Versionen die langsamsten und ballettigsten. Beste westliche Tanzfassung -- ausdrucksstark und facettenreich. 153 Minuten. Überaus gelungene Orchesterführung. Hochrangige Solisten. 5 Sterne.

Moldoveanu:
Der rumänische Dirigent Nicolae Moldoveanu mit dem Royal Philharmonic Orchestra (Leitung Charles Dutoit), 2009. Unaufdringliche Kopfhörer-Version mit hervorragender Streicher/Bläser/Perkussions-Abmischung. Virtuose Violinistin (Clio Gould) mit einer Stradivari. Prima! Phantastisch, z.B. ihr Russischer Tanz. 4 Nummern fehlen im 3. Akt (Pas de deux) - wie so oft - sowie 4 weitere Nummern (ohnehin Wiederholungen bzw. die unrelevante Zwergen-Nr.). Moldoveanu verzichtet glücklicherweise weitestgehend auf "Explosionen" und hat ein gutes Gespür für die Wahl der ballettigen Tempi, was nicht nur in der Themamelodie, den beiden weißen Akten und den Volkstänzen unter Beweis gestellt wird. Manche Nummern könnten indes durchaus mehr Leben, Gefühl und akzentuierte Raffinesse in einzelnen Passagen vertragen. Somit bleibt seine Aufnahme ein wenig unter dem Niveau von anderen Einspielungen, beispielsweise von Dutoit. Doppel-CD, an der sich jeder Track problemlos und einwandfrei wählen lässt. 145 Minuten. 4 Sterne.

Ozawa:
Eine Aufnahme aus dem Jahre 1978 mit dem Boston Symphony Orchestra. Ihm gelingt es, einen vielschichtigen, schillernden Klangteppich zu erzeugen. Ab und zu muss man allerdings die Lautstärke regulieren, da er tendenziell zu deutlichen Leise-laut-Schwankungen in den einzelnen Nummern neigt (extrem wuchtig/brachial/martialisch), was dem ungetrübten Genuss etwas abträglich ist. Seiji Ozawa war ein Schüler von Herbert von Karajan und Leonard Bernstein. Diese hohe Schule, die ihn zweifellos geprägt hat, erklärt wohl diese heftigen orchestralen Steigerungen/Ausbrüche. Joseph Silverstein spielt die erste Geige. Sein Geigen-Solo ist brillant, gefühlvoll und obertonreich, z.B. in der Danse russe im 3. Akt. Das ist Virtuosität! Kräftige, sonore Kontrabässe. Es fehlt leider Appendice I im 3. Akt (Schwarzer Schwan), d.h.: "Pas de deux": * Introduction, Moderato -- Andante; * Variation I Allegro moderato; * Variation II Allegro; * Coda Allegro molto vivace. Ozawas einzelne Musiknummern sind im Durchschnitt um die 12 Sekunden länger im Vergleich zu Rozhdestvenskys. Dennoch handelt es sich auch hierbei nur um eine Hörfassung (150 Minuten). 4 Sterne.

Pletnev:
Leider ohne Danse russe im 3. Akt. Auch der Pas de deux im selben Akt (4 Nummern) fehlt. Russian National Orchestra. Damals -- im Jahre 2009 -- hätte man inzwischen wissen müssen, dass bei Gesamtaufnahmen immer mehr auf Vollständigkeit Wert gelegt wird. Aber es existieren ohnehin andere russische Aufnahmen mit mehr Struktur und Niveau. (Dafür liefert Mikhail Pletnev aber bei der Gesamtaufnahme von "Sleeping Beauty" neben Neeme Järvi eine hervorragende Hörfassung.) 3 Sterne.

Previn:
Aufnahme aus dem Jahre 1976 unter dem Dirigat des bekannten Jazz- und Filmmusikers. 155 Minuten Gesamtspielzeit. Im Tempo sind die einzelnen Musiknummern um 4 bzw. 8 Sekunden durchschnittlich schneller als bei Dutoit bzw. Ozawa. Bei Andre Previn gibt es natürlich auch Ausnahmen (oder das Gegenteil). Ihm ging es nicht um Tanzbarkeit. Die Solo-Geige spielt die berühmte Ida Haendel, unterstützt durch das renommierte London Symphony Orchestra (siehe auch M. T. Thomas). Previn und sein Orchester bewegen sich im Mittelfeld. Komplette, echte Gesamtaufnahme. 4 Sterne.

Rozhdestvensky:
Auf dieser Doppel-CD (USSR RTV Large Symphony Orchestra, 1969) -- sie ist derzeit leider vergriffen -- wird die Originalpartitur berücksichtigt, also einschließlich Pas de deux im "Schwarzen Schwan" des 3. Aktes (4 zusätzliche Musiknummern) und dem anschließenden Russischen Tanz (Violin-Solo). Wunderbare tiefe Streicher und im Timbre etwas zigeunerhaft klingende Solo-Geige (Mikhail Chernyakhovsky). Die Harfe im Klang warm und technisch sauber. Diese Aufnahme ist eine wohlklingende Hörfassung (großes Radio-Orchester); für diesen Zweck sind die zügigeren Tempi von Gennady Rozhdestvensky optimal gewählt. Genuss pur ("nur" 148 Minuten). Wer diese Aufnahme besitzt, kann sich glücklich schätzen. Sie ist eine echte Gesamtaufnahme und verdient wirklich 5 Sterne.

Sawallisch:
Philadelphia Orchestra, aufgenommen 1993. Beliebt, weil vollständig. Manchmal recht getragen und gezogen gespielt und auch sonst oft deutlich langsamer als bei Ozawa (durchschnittlich um die 12 Sekunden). Es geht leider auch fast allen Volkstänzen im 3. Akt eine gewisse Spritzigkeit ab (z.B. schleppende Mazurka). Wolfgang Sawallisch spielt das Werk tempomäßig eher wie ein einziges Ganzes (158 Minuten). Von manchen wird sein Schwanensee daher als leblos bezeichnet. Ozawa interpretiert es mehr in Form von Einzelstücken -- überspitzt ausgedrückt. Harfe und Solo-Violine (etwas "chinesisches" Geigentimbre/-spiel) werden meisterhaft, aber für Perfektionisten nicht so virtuos und sauber beherrscht wie bei Lanchbery oder Ozawa beispielsweise. Der Höhepunkt in dieser Version ist sicherlich das grandiose Finale (ähnlich beeindruckend bei Bonynge und Dutoit). Tanzfassung. Komplette, echte Gesamtaufnahme. 4 Sterne.

Svetlanov:
Aus dem Jahre 1988. The USSR State Academic Symphony Orchestra. Knapp 154 Minuten reiner Hörgenuss. Eine unübertroffen authentische, ballettige Aufnahme, wie sie Tschaikowsky vermutlich gefallen hätte -- ganz in seinem Sinne und wahrlich ein Glücksgriff. Russisch: angemessen große Lautstärken- und Tempowechsel. Oder anders ausgedrückt: intensiv sentimental bis dramatisch/mächtig. Svetlanov interpretiert Schwanensee mit "Seele". Tadelloser Klang. Solo-Geige (Yuri Torchinsky), -Cello, -Klarinette, -Oboe und Harfe erster Güte (man sitzt nicht neben den Solisten, man ist der Solist). Im Schwarzen Schwan fehlen nach "No. 19 Pas des six" die Nummern des "Pas de deux". Die Version von Evgeny Svetlanov enthält den wohl schönsten Pas de deux im 1. Akt (Geigensolo) und das berührendste Finale (Themamelodie) im 1. Akt aller Aufnahmen durch das vordergründige Harfen-/Oboenspiel. Auch sonst ist der "Wellenschlag" des Harfenspiels (linkes Ohr), das für das Seewasser steht, wunderbar zu hören. In anderen Einspielungen ist es oft deutlich schwächer oder fast gar nicht wahrzunehmen. Zum Niederknien schön ebenso der Pas d'action im 2. Akt (ähnlich berührend bei Fedotov). In No. 14 ahmen die Streicher richtig gut Balalaikas nach, um die Sehnsucht des Prinzen nach Freiheit und die Schönheit des Vogelflugs zu unterstreichen. Und nur im Finale dieser Version glaubt man, alle Vögel des Waldes am See herauszuhören. Ein ekstatisches Erlebnis (gleichfalls beste Tanzfassungen von Dornröschen und Nussknacker als echte Gesamtaufnahmen)! 3 CDs. Exquisite Tanzfassung. 5 Sterne.

Thomas:
London Symphony Orchestra. 1991. 149 Gesamtspielzeit. Alexander Barantschik, Solo-Violine. Douglas Cummings, Solo-Cello. 5 Sterne für alle Solisten. Im 3. Akt fehlen die 4 Nummern des Pas des deux (Appendix). In No. 9, 10 und 14 perfekt gewählte (ruhige) Tempi -- so auch Svetlanov -- der Schwanensee-Themamelodie (bei Lanchbery und Ozawa etwas zu schnell). Sehr angenehme Kopfhörer-Version (ohne Gehörschaden), die mit der Gesamtaufnahme von Dutoit des gleichen Jahres konkurriert. Die Volkstänze im 3. Akt interpretiert Michael Tilson Thomas besser als Bonynge und Sawallisch. Außerdem ist das Klangbild bei Thomas vergleichsweise abgedämpfter (Bläser mehr im Hintergrund) als bei Previn. 4 Sterne.

Yablonsky:
Russian State Symphony Orchestra, 2001. Aufnahme neueren Datums von NAXOS (von der Vorgänger-Version von NAXOS mit Ondrej Lenard, 1989, 140 Minuten, unvollständig, möchte ich sowieso abraten). Dirigent: Dmitry Yablonsky (sonst bekannter Cellist). Harfe, Geige, Cello, Trompete werden in den Solos gekonnt gespielt. In No. 5 (Pas de deux) spielt der virtuose Solo-Geiger allerliebst das Andante. Leider ist deutlich sein schnaufendes Atmen zu hören, was speziell beim Hören über Kopfhörer als störend empfunden wird und sich deshalb dazu nicht eignet. Auch bei seinen anderen Solos trifft das zu. Ein kleiner freundlicher Hinweis des Tontechnikers hätte sicher genügt, um dies abzustellen. Sonst erstklassige Tonqualität. Die Gesamtspielzeit ist bei Rozhdestvensky und Yablonsky (knapp 148 Minuten) identisch, wobei bei Yablonsky die ruhigen Nummern etwas länger ausfallen (leider mit Ausnahme jeweils der Schwanensee-Melodie) und dafür die schnellen Nummmern eine Idee flotter gespielt werden. Auch fallen bei ihm der "Bechertanz" (No. 8) sowie die "Ankunft der Gäste" (No. 17) um die Hälfte kürzer aus im Vergleich mit anderen Einspielungen, und er spielt die Themamelodie von allen Versionen am schnellsten (um es nochmals herauszustellen). Hingegen ist der wichtige Abschnitt "No. 13 Tanz der Schwäne" mit 18:55 Minuten der längste aller Aufnahmen, dicht gefolgt von Svetlanov (18:42). Dasselbe trifft auf den großen Abschnitt "No. 19 Pas de six" zu. Yablonsky ist eine "Verlegenheits"-Alternative zu Rozhdestvensky; eine zu Extremen neigende komplette, echte Gesamtaufnahme mit somit sehr schnellen bzw. langsamen Tempi. 3 Sterne.

RESÜMME:
Die in jeder Hinsicht perfekte Aufnahme von Schwanensee existiert leider bis dato nicht. Letztlich bleibt die Wahl Geschmackssache und ein Kompromiss. Grundsätzlich kann aber gesagt werden, dass die russischen Aufnahmen mehr Kraft und Herz haben und die angloamerikanischen eleganter oder feiner (Nebengeräusch-disziplinierte Musiker) sind. Alle Versionen haben hörenswerte Besonderheiten. Meine Favoriten sind die von Lanchbery, Dutoit und natürlich Svetlanov. Bei der 1895er-Kurzversion ist es einzig und allein die von Victor Fedotov.


Tchaikovsky - Schwanensee (Swan Lake) / The Philadelphia Orchestra, Sawallisch
Tchaikovsky - Schwanensee (Swan Lake) / The Philadelphia Orchestra, Sawallisch
Preis: EUR 12,99

4.0 von 5 Sternen 4 Sterne, 10. Mai 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Es gibt ein ganze Anzahl Schwanensee-Gesamtaufnahmen, darunter hervorragende, aber auch durchschnittliche. Wo liegen die Unterschiede? Wie findet man die richtige Aufnahme, die dem eigenen Geschmack und Bedürfnis (z.B. Hörfassung/Tanzfassung) entspricht? Da ich einige Schwanensee-CDs habe, möchte ich bei der Findung gern etwas behilflich sein.
Eins vorweg: Gesamtaufnahmen sind keinesfalls immer komplett. Ebenso wie die meisten Schwanensee-Balletts nicht immer vollständig im Sinne des Komponisten/Librettisten sind. Manch eine "Gesamtaufnahme" entspricht also eher der Vollständigkeit einer bestimmten Ballett-Inszenierung als der Originalpartitur.

Bonynge:
Diese Aufnahme (National Philharmonic Orchestra, 1975) ist die längste Fassung (neben Svetlanov und Sawallisch), die ich kenne. Exzellente Tonqualität. Glasklarer, himmlischer Klang der Harfe (rechtes Ohr). Mincho Minchev spielt elegisch die Solo-Violine, z.B. beim Russischen Tanz. Bonynge nutzt nahezu das komplette musikalische Spektrum: verträumt (Pathos) bis dynamisch-explosiv (typisch philharmonisch). Auch sind die Tempi generell - sogar innerhalb der einzelnen Stücke - auffallend abwechslungsreich. Ballettkennern wird der Appendice I im sogenannten Schwarzen Schwan abgehen, und zwar der "Pas de deux" (4 Nummern im 3. Akt), welcher gewöhnlich auf "No. 19 Pas de six" folgt (ohne: 156 Minuten). Hierzu weiche man ggf. auf die 3er-Box (dort Gesamtaufnahme mit 165 Minuten) von Richard Bonynge aus ("Ballette" mit Schwanensee, Dornröschen, Nussknacker); dort ist die Schwanensee-Aufnahme tatsächlich komplett. Eine becken- und bläsergewaltige Offenbarung. 4 Sterne.

Brandenburger Symphoniker (Matthias Förster):
Aufgenommen 1994. Erinnert etwas an Sawallisch. Es fehlen No. 9 und No. 14 (Schwanensee-Themamelodie). Diese sind gewöhnlich identisch mit No. 10, welche vorhanden ist und zügig gespielt wird. Von den 3 Anfangs-Szenen im 2. Akt fehlt die letzte. Bei No. 13 fehlen ganze drei Nummern. Im Schwarzen Schwan (3. Akt) fehlen die 4 Nummern des Pas de deux. Im 4. Akt fehlt der Tanz der kleinen Schwäne. Damit es dem Laien nicht gleich auffällt, hat der Russische Tanz (sonst Appendix 2) die Nr. 27 erhalten. Dieser fällt mit 4:51 Minuten von allen Versionen am längsten aus. Den Solo-Violinisten (Bruno Merse) würde ich -- wenn das nur so einfach ginge -- sofort in die Version von Sawallisch tauschen. Bei No. 19 fehlt eine von 5 Variationen. Im Coda des "Pas de trois" wurde 2 x eine Note verändert. Zwischen den einzelnen Tracks oftmals ungünstig lange Verbindungspausen. Unterm Strich und bei leider so vielen fehlenden Nummern (12!) eine an sich überflüssige Aufnahme. Hervorragende Bläser. 3 Sterne.

Dorati:
Eine beliebte und legendäre Aufnahme aus dem Jahre 1954. Es war die allererste "Gesamtaufnahme" des Schwanensees überhaupt. Aber auch hier fehlt im 3. Akt der Pas de deux, denn kurz nach der Aufnahme war man schlauer. Erst mit der Wissenschaftlichen Gesamtausgabe der Werke Tschaikowskys wurde Schwanensee 1958 für die Öffentlichkeit in der Originalgestalt wieder zugänglich. Dorati verzichtet in dieser Aufnahme außerdem bewusst auf Wiederholungen. Solo-Geige: Rafael Druian. Tanzbar.
Wichtig: Es handelt sich um eine Aufnahme noch in MONO! Wem Stereo also wichtig ist, muss eine andere Wahl treffen. 4 Sterne.

Dutoit:
Orchestre symphonhique de Montréal, 1991. Unter seiner Leitung wurde dieses Orchester nach Meinung der Fachkritik zu einem der weltbesten Ensembles. Im Grunde eine komplette Gesamtaufnahme. Es ist nicht weiter tragisch, dass "No. 14 Scene (Moderato)" im 2. Akt fehlt. Hierzu weiche man einfach auf "No. 10 Scene (Moderato)" aus (ist ja identisch, also nur eine Wiederholung der Schwanensee-Themamelodie). Offensichtlich passte dieses letzte Stück vom 2. Akt nicht mehr auf Disc 1. Und auf Disc 2 wollte man es wohl nicht nehmen, damit der 3. und 4. Akt für sich bleiben. Des Weiteren ist zwar unter No. 13 der 3. Walzer aufgeführt, aber nicht enthalten (weil mit den beiden vorhergehenden Walzern identisch). Es wurden hier und da ein paar Stücke in einem CD-Track untergebracht, was die gezielte Anwahl erschwert (ebenso bei Ozawa) -- dies kann aber auch die programmierte Wiederholung von zusammenhängenden Abschnitten erleichtern. Chantal Juillet spielt zart die Solo-Geige. Ebenfalls schönes Harfenspiel. Dutoit und Lanchbery haben unterm Strich die gleiche Gesamtspielzeit, wobei Lanchbery die entscheidenden, ruhigen Nummern etwas mehr auskostet. Bonynge und Ozawa sind anregend, Dutoit wirkt eher beruhigend, harmonisierend und strahlt eine auffallend wohlige Wärme (durch nahe Celli/Kontrabässe) aus. 154 Minuten Gesamtspielzeit. Einzigartig und von Kennern geliebt. 5 Sterne.

Fedosejew:
Aufnahme aus dem Jahre 1985, Moskau. Großes Rundfunksinfonie-Orchester der UdSSR. Russisch, allerdings deutlich gemäßigter (eben symphonischer) als Svetlanov. Der Pas de deux (Appendix) nach "No. 19 Pas de six" fehlt hier. Alle Volkstänze im 3. Akt sind enthalten. Die Version von Svetlanov (ebenfalls von "Melodia", 1988) ist um Längen interessanter und viel besser als die von Wladimir Fedosejew -- allein schon von den Solisten her. 3er-CD-Box. 4 Sterne.

Fedotov:
Mariinsky Theatre Symphony Orchestra (Kirov), 1994. Bezaubernde Tanzfassung der 1895er-Kurzversion von Schwanensee unter dem Dirigat von Victor Fedotov (135 Min.). Näheres: Siehe bitte unter Gergiev. 5 Sterne.

Gergiev:
Leider fehlt hier der "Russische Tanz" im 3. Akt. Ausgerechnet der dürfte aber bei einer "russischen" Schwanensee-Version (Orchestra of the Marinsky Theatre, 2006) nicht fehlen: das virtuose Geigen-Solo. Des Weiteren wurden etliche Umstellungen der Nummern (sogar in verschiedene Akte hinein) vorgenommen, offensichtlich der Abfolge einer Ballet-Inszenierung entsprechend (DVD: Lopatkina/Koruntsev), die sich an der kürzeren, revidierten Festlegung aus dem Jahre 1895 orientiert statt an der im Westen üblichen und deutlich längeren Abfolge aus dem Jahre 1877. Etliche Kürzungen; aber auch Erweiterungen sind enthalten im letzten Akt, z.B. der Valse bluette (Walzer der schwarzen und weißen Schwäne), abgeleitet von einer Klaviermusik Tschaikowskys -- gehört aber nicht zum Original. Temperamentvoller Czardas und flotte Mazurka.
Der Pas d'action (Adagio) bei Valery Gergiev hingegen mit einer unübertroffenen Länge von 9:10 Minuten, was sogar bei visuellem Faktor (DVD) eigenartig zeitlupenhaft anmutet. Es gilt für diese Festlegung insgesamt die Version von Victor Fedotov (dort 7:34 Minuten) als eindeutig bessere und umfangreichere Alternative; dort finden sich auch der Russische Tanz und 3 weitere Auslassungen dieser Version als Extra. Tanzfassung. 3 Sterne.

Lanchbery:
Philharmonia Orchestra. John Lanchbery ist der bekannte Dirigent des weltberühmten Balletts mit Rudolf Nurejev und Margot Fonteyn auf DVD. Hier andere, hervorragende Aufnahme (1982) -- wie Sawallisch von EMI Classics und diesem vorzuziehen. Allerdings fehlen im 2. Akt 2 Tracks: No. 10 und No. 14. Es handelt sich hierbei um Wiederholungen der Themamelodie. So muss man sich z. B. mit der treibend (Szene: Jagdfieber) gespielten No. 9 begnügen. Bei No. 13 wurde des Weiteren der 3. Walzer (VI) weggelassen, der ja ohnehin mit den anderen beiden identisch wäre (so auch bei Dutoit). Eine Aufnahme, wo die Mazurka deutlich flotter gespielt wird (gewöhnlich viel zu schleppend für mein Musikempfinden). Die Walzer hingegen sind von allen Versionen die langsamsten und ballettigsten. Beste westliche Tanzfassung -- ausdrucksstark und facettenreich. 153 Minuten. Überaus gelungene Orchesterführung. Hochrangige Solisten. 5 Sterne.

Moldoveanu:
Der rumänische Dirigent Nicolae Moldoveanu mit dem Royal Philharmonic Orchestra (Leitung Charles Dutoit), 2009. Unaufdringliche Kopfhörer-Version mit hervorragender Streicher/Bläser/Perkussions-Abmischung. Virtuose Violinistin (Clio Gould) mit einer Stradivari. Prima! Phantastisch, z.B. ihr Russischer Tanz. 4 Nummern fehlen im 3. Akt (Pas de deux) - wie so oft - sowie 4 weitere Nummern (ohnehin Wiederholungen bzw. die unrelevante Zwergen-Nr.). Moldoveanu verzichtet glücklicherweise weitestgehend auf "Explosionen" und hat ein gutes Gespür für die Wahl der ballettigen Tempi, was nicht nur in der Themamelodie, den beiden weißen Akten und den Volkstänzen unter Beweis gestellt wird. Manche Nummern könnten indes durchaus mehr Leben, Gefühl und akzentuierte Raffinesse in einzelnen Passagen vertragen. Somit bleibt seine Aufnahme ein wenig unter dem Niveau von anderen Einspielungen, beispielsweise von Dutoit. Doppel-CD, an der sich jeder Track problemlos und einwandfrei wählen lässt. 145 Minuten. 4 Sterne.

Ozawa:
Eine Aufnahme aus dem Jahre 1978 mit dem Boston Symphony Orchestra. Ihm gelingt es, einen vielschichtigen, schillernden Klangteppich zu erzeugen. Ab und zu muss man allerdings die Lautstärke regulieren, da er tendenziell zu deutlichen Leise-laut-Schwankungen in den einzelnen Nummern neigt (extrem wuchtig/brachial/martialisch), was dem ungetrübten Genuss etwas abträglich ist. Seiji Ozawa war ein Schüler von Herbert von Karajan und Leonard Bernstein. Diese hohe Schule, die ihn zweifellos geprägt hat, erklärt wohl diese heftigen orchestralen Steigerungen/Ausbrüche. Joseph Silverstein spielt die erste Geige. Sein Geigen-Solo ist brillant, gefühlvoll und obertonreich, z.B. in der Danse russe im 3. Akt. Das ist Virtuosität! Kräftige, sonore Kontrabässe. Es fehlt leider Appendice I im 3. Akt (Schwarzer Schwan), d.h.: "Pas de deux": * Introduction, Moderato -- Andante; * Variation I Allegro moderato; * Variation II Allegro; * Coda Allegro molto vivace. Ozawas einzelne Musiknummern sind im Durchschnitt um die 12 Sekunden länger im Vergleich zu Rozhdestvenskys. Dennoch handelt es sich auch hierbei nur um eine Hörfassung (150 Minuten). 4 Sterne.

Pletnev:
Leider ohne Danse russe im 3. Akt. Auch der Pas de deux im selben Akt (4 Nummern) fehlt. Russian National Orchestra. Damals -- im Jahre 2009 -- hätte man inzwischen wissen müssen, dass bei Gesamtaufnahmen immer mehr auf Vollständigkeit Wert gelegt wird. Aber es existieren ohnehin andere russische Aufnahmen mit mehr Struktur und Niveau. (Dafür liefert Mikhail Pletnev aber bei der Gesamtaufnahme von "Sleeping Beauty" neben Neeme Järvi eine hervorragende Hörfassung.) 3 Sterne.

Previn:
Aufnahme aus dem Jahre 1976 unter dem Dirigat des bekannten Jazz- und Filmmusikers. 155 Minuten Gesamtspielzeit. Im Tempo sind die einzelnen Musiknummern um 4 bzw. 8 Sekunden durchschnittlich schneller als bei Dutoit bzw. Ozawa. Bei Andre Previn gibt es natürlich auch Ausnahmen (oder das Gegenteil). Ihm ging es nicht um Tanzbarkeit. Die Solo-Geige spielt die berühmte Ida Haendel, unterstützt durch das renommierte London Symphony Orchestra (siehe auch M. T. Thomas). Previn und sein Orchester bewegen sich im Mittelfeld. Komplette, echte Gesamtaufnahme. 4 Sterne.

Rozhdestvensky:
Auf dieser Doppel-CD (USSR RTV Large Symphony Orchestra, 1969) -- sie ist derzeit leider vergriffen -- wird die Originalpartitur berücksichtigt, also einschließlich Pas de deux im "Schwarzen Schwan" des 3. Aktes (4 zusätzliche Musiknummern) und dem anschließenden Russischen Tanz (Violin-Solo). Wunderbare tiefe Streicher und im Timbre etwas zigeunerhaft klingende Solo-Geige (Mikhail Chernyakhovsky). Die Harfe im Klang warm und technisch sauber. Diese Aufnahme ist eine wohlklingende Hörfassung (großes Radio-Orchester); für diesen Zweck sind die zügigeren Tempi von Gennady Rozhdestvensky optimal gewählt. Genuss pur ("nur" 148 Minuten). Wer diese Aufnahme besitzt, kann sich glücklich schätzen. Sie ist eine echte Gesamtaufnahme und verdient wirklich 5 Sterne.

Sawallisch:
Philadelphia Orchestra, aufgenommen 1993. Beliebt, weil vollständig. Manchmal recht getragen und gezogen gespielt und auch sonst oft deutlich langsamer als bei Ozawa (durchschnittlich um die 12 Sekunden). Es geht leider auch fast allen Volkstänzen im 3. Akt eine gewisse Spritzigkeit ab (z.B. schleppende Mazurka). Wolfgang Sawallisch spielt das Werk tempomäßig eher wie ein einziges Ganzes (158 Minuten). Von manchen wird sein Schwanensee daher als leblos bezeichnet. Ozawa interpretiert es mehr in Form von Einzelstücken -- überspitzt ausgedrückt. Harfe und Solo-Violine (etwas "chinesisches" Geigentimbre/-spiel) werden meisterhaft, aber für Perfektionisten nicht so virtuos und sauber beherrscht wie bei Lanchbery oder Ozawa beispielsweise. Der Höhepunkt in dieser Version ist sicherlich das grandiose Finale (ähnlich beeindruckend bei Bonynge und Dutoit). Tanzfassung. Komplette, echte Gesamtaufnahme. 4 Sterne.

Svetlanov:
Aus dem Jahre 1988. The USSR State Academic Symphony Orchestra. Knapp 154 Minuten reiner Hörgenuss. Eine unübertroffen authentische, ballettige Aufnahme, wie sie Tschaikowsky vermutlich gefallen hätte -- ganz in seinem Sinne und wahrlich ein Glücksgriff. Russisch: angemessen große Lautstärken- und Tempowechsel. Oder anders ausgedrückt: intensiv sentimental bis dramatisch/mächtig. Svetlanov interpretiert Schwanensee mit "Seele". Tadelloser Klang. Solo-Geige (Yuri Torchinsky), -Cello, -Klarinette, -Oboe und Harfe erster Güte (man sitzt nicht neben den Solisten, man ist der Solist). Im Schwarzen Schwan fehlen nach "No. 19 Pas des six" die Nummern des "Pas de deux". Die Version von Evgeny Svetlanov enthält den wohl schönsten Pas de deux im 1. Akt (Geigensolo) und das berührendste Finale (Themamelodie) im 1. Akt aller Aufnahmen durch das vordergründige Harfen-/Oboenspiel. Auch sonst ist der "Wellenschlag" des Harfenspiels (linkes Ohr), das für das Seewasser steht, wunderbar zu hören. In anderen Einspielungen ist es oft deutlich schwächer oder fast gar nicht wahrzunehmen. Zum Niederknien schön ebenso der Pas d'action im 2. Akt (ähnlich berührend bei Fedotov). In No. 14 ahmen die Streicher richtig gut Balalaikas nach, um die Sehnsucht des Prinzen nach Freiheit und die Schönheit des Vogelflugs zu unterstreichen. Und nur im Finale dieser Version glaubt man, alle Vögel des Waldes am See herauszuhören. Ein ekstatisches Erlebnis (gleichfalls beste Tanzfassungen von Dornröschen und Nussknacker als echte Gesamtaufnahmen)! 3 CDs. Exquisite Tanzfassung. 5 Sterne.

Thomas:
London Symphony Orchestra. 1991. 149 Gesamtspielzeit. Alexander Barantschik, Solo-Violine. Douglas Cummings, Solo-Cello. 5 Sterne für alle Solisten. Im 3. Akt fehlen die 4 Nummern des Pas des deux (Appendix). In No. 9, 10 und 14 perfekt gewählte (ruhige) Tempi -- so auch Svetlanov -- der Schwanensee-Themamelodie (bei Lanchbery und Ozawa etwas zu schnell). Sehr angenehme Kopfhörer-Version (ohne Gehörschaden), die mit der Gesamtaufnahme von Dutoit des gleichen Jahres konkurriert. Die Volkstänze im 3. Akt interpretiert Michael Tilson Thomas besser als Bonynge und Sawallisch. Außerdem ist das Klangbild bei Thomas vergleichsweise abgedämpfter (Bläser mehr im Hintergrund) als bei Previn. 4 Sterne.

Yablonsky:
Russian State Symphony Orchestra, 2001. Aufnahme neueren Datums von NAXOS (von der Vorgänger-Version von NAXOS mit Ondrej Lenard, 1989, 140 Minuten, unvollständig, möchte ich sowieso abraten). Dirigent: Dmitry Yablonsky (sonst bekannter Cellist). Harfe, Geige, Cello, Trompete werden in den Solos gekonnt gespielt. In No. 5 (Pas de deux) spielt der virtuose Solo-Geiger allerliebst das Andante. Leider ist deutlich sein schnaufendes Atmen zu hören, was speziell beim Hören über Kopfhörer als störend empfunden wird und sich deshalb dazu nicht eignet. Auch bei seinen anderen Solos trifft das zu. Ein kleiner freundlicher Hinweis des Tontechnikers hätte sicher genügt, um dies abzustellen. Sonst erstklassige Tonqualität. Die Gesamtspielzeit ist bei Rozhdestvensky und Yablonsky (knapp 148 Minuten) identisch, wobei bei Yablonsky die ruhigen Nummern etwas länger ausfallen (leider mit Ausnahme jeweils der Schwanensee-Melodie) und dafür die schnellen Nummmern eine Idee flotter gespielt werden. Auch fallen bei ihm der "Bechertanz" (No. 8) sowie die "Ankunft der Gäste" (No. 17) um die Hälfte kürzer aus im Vergleich mit anderen Einspielungen, und er spielt die Themamelodie von allen Versionen am schnellsten (um es nochmals herauszustellen). Hingegen ist der wichtige Abschnitt "No. 13 Tanz der Schwäne" mit 18:55 Minuten der längste aller Aufnahmen, dicht gefolgt von Svetlanov (18:42). Dasselbe trifft auf den großen Abschnitt "No. 19 Pas de six" zu. Yablonsky ist eine "Verlegenheits"-Alternative zu Rozhdestvensky; eine zu Extremen neigende komplette, echte Gesamtaufnahme mit somit sehr schnellen bzw. langsamen Tempi. 3 Sterne.

RESÜMME:
Die in jeder Hinsicht perfekte Aufnahme von Schwanensee existiert leider bis dato nicht. Letztlich bleibt die Wahl Geschmackssache und ein Kompromiss. Grundsätzlich kann aber gesagt werden, dass die russischen Aufnahmen mehr Kraft und Herz haben und die angloamerikanischen eleganter oder feiner (Nebengeräusch-disziplinierte Musiker) sind. Alle Versionen haben hörenswerte Besonderheiten. Meine Favoriten sind die von Lanchbery, Dutoit und natürlich Svetlanov. Bei der 1895er-Kurzversion ist es einzig und allein die von Victor Fedotov.


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