Profil für Arndt Stroscher > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Arndt Stroscher
Top-Rezensenten Rang: 191.024
Hilfreiche Bewertungen: 67

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Arndt Stroscher

Anzeigen:  
Seite: 1
pixel
Boy 7: Vertraue niemandem. Nicht einmal dir selbst.
Boy 7: Vertraue niemandem. Nicht einmal dir selbst.
von Mirjam Mous
  Broschiert

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Boy 7 - ein Kampf um Erinnerung und Identität, 23. Februar 2011
'Boy 7' ' so harmlos kommt der Titel daher. 'Vertraue niemandem außer Dir selbst.' Auch keine weltbewegende Neuigkeit ' eher der eigenen Lebenserfahrung entsprechend und damit auch nicht gerade der Türöffner in eine andere Welt ' in die Welt der phantasievollen Jugendliteratur.

Wäre da nicht die Beschreibung des Inhaltes auf der Rückseite des unschuldigen schneeweißen Taschenbuches ' wäre da nicht das erste Kapitel, das mit seiner Ausgangssituation so einzigartig daherkommt, dass es unmöglich scheint, sich dem Sog der Handlung zu entziehen.

Ein Junge kommt inmitten einer einsamen Grasebene zu sich. Nichts in seinem Inneren vermag ihn daran zu erinnern, warum er sich dort befindet oder welcher Weg ihn dorthin geführt hat. Nichts ' weder Gefühl noch Verstand sind in der Lage, seine physische Existenz in den situativen Kontext seiner Umgebung zu setzen. Allein mit sich und seinen Gedanken wird ihm langsam klar, dass sich sein Gehirn, verglichen mit der Festplatte eines Hochleistungscomputers, im Status 'frisch formatiert' befindet. Die Vergangenheit ist nicht existent. Amnesie ' Gedächtnisverlust ' Identitätsverlust ' anders lässt sich das nicht fassen, was er empfindet.

Er weiß nicht einmal mehr, wie er heißt und nur den Namensetiketten in seiner Kleidung kann er entnehmen, dass er wohl 'Boy 7' sein muss. So ist jedes Kleidungsstück, das er am Leibe trägt, gekennzeichnet.

Und doch ist er nicht ganz auf sich selbst gestellt. Er trägt zum Glück einen Rucksack bei sich, in dem sich Gegenstände befinden, die Teile seiner Geschichte in die Gegenwart projizieren. Die wichtigsten Träger von Informationen sind hierbei ein Handy und das Notizbuch des Jungen. Es mutet an, als habe er sich selbst Nachrichten geschickt ' wissend um die Möglichkeit, irgendwann mit gelöschtem Zentralspeicher in der Einsamkeit der Wildnis zu landen. Wie sonst könnte man sich erklären, dass sich auf dem Handy eine Sprachmitteilung befindet ' augenscheinlich an ihn selbst gerichtet ' unverkennbar seine eigene Stimme und geheimnisvoll die Botschaft 'Was auch geschieht, ruf nicht die Polizei'.

Plausibel und mehr als spannend konstruiert führt uns dieser Roman den Verlust von Vergangenheit und Identität vor Augen, den Verlust von Vertrauen anderen Menschen gegenüber und das Fehlen jeglicher Erfahrungen. Boy 7 ' man muss sich an seine Fersen heften um zu erfahren wo seine Reise endet, was es mit dem Schließfachschlüssel auf sich hat, den er im Rucksack findet und ob die Menschen, die ihn finden Zufall, Fügung oder mehr sind'.

Diesem Buch gelingt, wozu nur wenige Romane in der Lage sind. Man konsumiert sie nicht ' man reflektiert von Seite zu Seite, von Wort zu Wort. Während des Lesens denkt man sich selbst. Bei jedem Schritt des Jungen geht man den eigenen. Bei jedem Problem blickt man tief in sich hinein. Die zentrale Frage, die umtreibt und beschäftigt lautet immer wieder:

'Wenn ich wüsste, dass ich Morgen nichts mehr weiß, was würde ich wissen müssen, um überleben zu können!'

Welche meiner Lebensinformationen sind verzichtenswert, welche lebensnotwendig? Welche subjektiven Erfahrungen können mich retten, welche Fähigkeiten stellen sich automatisch ein und welche meiner Gefühle sind DIEJENIGEN, ohne die das Leben nicht mein Leben wäre? Was hätte ich mir zu sagen, wenn ich mir eine Nachricht zukommen lassen wollte? Was würde ich mir schreiben? Mit welchen Faktoren müsste ich mich begnügen, um ein Mindestmaß an Identität zurück zu erlangen. Und was wäre gut versteckt in meinem (Über)Lebensrucksack?

Über all dem steht das gefestigte Bewusstsein um den Luxus unseres Gedächtnisses und die Vielschichtigkeit der Elemente, die meine Persönlichkeit für mich und meine Umgebung definieren. Ich bestehe nicht nur aus meinem EC-Kartencode, einer Adresse und Kontodaten.

Ich denke, ich bin mehr'
Ich denke, mit weniger könnte ich nicht leben'
Mit weniger könnte ich nicht überleben'
Gut dass ich denke'.


Jacob beschließt zu lieben: Roman
Jacob beschließt zu lieben: Roman
von Catalin Dorian Florescu
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

10 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Jacob beschließt zu lieben - Weltliteratur?, 23. Februar 2011
In der Weltliteratur gibt es einen Jungen, der beschloss nicht mehr zu wachsen, um dem Irrsinn der Welt zu entfliehen. Mit einer Trommel aus Blech bewaffnet wird er zum Symbol der Verweigerungshaltung gegenüber dem Unabwendbaren. Oskar Matzerath beschloss ein Kind zu bleiben. Die Blechtrommel gelangte zu Weltruhm.

Jacob beschließt zu lieben

Ungewöhnlich mutet der Titel des Romans von Catalin Dorian Florescu an. Rational eine emotionale Ebene anzustreben scheint ebenso unmöglich, wie sich dem Wachstum zu verweigern. Assoziativ gehen Jacob und Oskar Hand in Hand durch die gleiche Epoche der Weltgeschichte ' jeder auf seine Weise, unverwechselbar ' in meinem Herzen jedoch eng miteinander verbunden. Nicht nur der gemeinsame Geburtszeitpunkt Anfang der zwanziger Jahre und die Erzählperspektive Anfang der fünfziger Jahre, auch die näheren Umstände der Geburten lassen mich die Nähe der beiden Protagonisten zueinander fühlen.

In einem monumentalen Gemälde beschreibt Florescu nicht nur das Leben des Banater Deutschen Jacob Obertin, sondern entführt uns in die generationsübergreifende Geschichte seiner ganzen Familie. Hierbei spannt er den Bogen vom Dreißigjährigen Krieg bis in die frühen fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

Jedes Kapitel muss beschrieben werden, um die Auswirkungen zu begreifen ' jede Seite ist wichtig um Verstehen zu können, warum Menschen handeln und warum manchmal eben nicht. Der Roman zeigt gerade durch diese epochale Klammerbewegung auf, woran es liegen mag, dass man zum falschen Zeitpunkt einfach am falschen Ort ist.

Jacobs Vorfahren glaubten an eine neue Welt, verließen im 18. Jahrhundert die Enge und zunehmende Armut eines kleinen Dorfes in Lothringen und führten viele Gleichgesinnte nach Rumänien. Dem Versprechen des österreichischen Monarchen folgend, im Banat als Siedler ein Leben jenseits des Hungers führen zu können. Deutsch musste man sein, katholisch und möglichst verheiratet. Dem entsprachen die Obertins und der große Sprung in die Fremde gelang.

Sie gründeten Siedlungen und etablierten sich in einer nicht immer freundlichen Umgebung. Triebswetter ' diesen Namen gaben sie ihrer neuen Heimat, in der sie doch immer Fremde bleiben sollten. Als Banater Schwaben schrieben sie Geschichte.

Die Weltgeschichte machte es ihnen nicht leicht. Als Deutsche in Rumänien zu leben war problematisch genug. Dies an der Schwelle des Zweiten Weltkrieges zu überleben war schier unmöglich.

Jacob wächst in einer Umgebung auf, die durch einen ungeschönten Überlebenskampf gekennzeichnet ist. Gewalt- und Opferbereitschaft gehen Hand in Hand und die Besitznahme von Land und Menschen ist eine Lebensversicherung und gehört zum kargen täglichen Brot.

Jacob ist schwächlich, unbegabt und entspricht in keiner Weise den Vorstellungen seines Vaters. Dieser hatte vorgemacht, wie man überlebt, sich Besitz und eine Frau aneignet und durch gelebte Stärke den Fortbestand seines Hofes sichert. Keine Zugeständnisse und wo erforderlich, selbstlose Gewalt als erstes Mittel ' nur so war das Überleben kein Spiel, sondern eine Chance.

Die Opfer sind schnell gefunden ' Einheimische, Juden und Zigeuner ' einfach jeder, der dem Zweck nicht dient, ist ein Feind.

Und Jacob erfüllt keinen Zweck. Nicht den Geringsten.

Während des Krieges nehmen die Zufälle des geschichtlichen Irrsinns unkontrollierbare Formen an. Selbst für Jacobs Vater. Deportationen, Unterdrückung und drohender Genozid ' all dies richtet sich nicht mehr nur gegen die 'üblichen' Verdächtigen sondern im Zuge der siegreichen russischen Armee nun auch gegen die Banater Deutschen. Überleben wird zum Zufall. Kommunismus zum Rahmen ' Besitzlosigkeit zum Programm.

In dieser Umwelt wächst Jacob über alle Dimensionen hinaus. Er hat der Gewalt und der Vernichtung nichts entgegenzusetzen als sein reines Herz und den Willen, lieben zu können. Unbefangen in der Lage, das Gute zu sehen, es zu fühlen und ohne Vorbehalte einfach Wärme leben zu können. Unbewusst und mit wahrem Gefühl. Auch noch, als ihn sein Vater ans Messer liefert!

Es wird sich zeigen, welcher Weg derjenige ist, der das eigene Überleben sichert ' wie viele Verletzungen überstanden werden können und wie schwer der erlebte Verrat des eigenen Vaters wiegt. Wie viel Verlust kann ein liebender Mensch ertragen? Vergebung und Zuneigung sind die einzigen Waffen Jacob Obertins ' und er führt sie meisterlich gegen die erdrückende Übermacht der rohen Gewalt.

Jacob Obertins Geschichte macht Mut ' sie ist eine Ballade vom gewaltlosen Kampf und dem Mut, sich zu seinen Schwächen zu bekennen. Gerade darin liegt die Stärke.

Oskar Matzeraths Schwäche war seine körperliche Größe ' Jacob Obertins Schwäche ist die Größe seines Herzens ' zwei Schwächen in der Weltliteratur. Die Größe.


Kriegstagebuch 1914-1918
Kriegstagebuch 1914-1918
von Helmuth Kiesel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 32,95

15 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Jugend im Krieg, 23. Februar 2011
Rezension bezieht sich auf: Kriegstagebuch 1914-1918 (Gebundene Ausgabe)
In dem bei Klett-Cotta erschienenen Kriegstagebuch aus dem Ersten Weltkrieg werfen wir einen ungeschönten Blick auf das Gefühlsleben eines Menschen, seiner Motive und naiven Hoffnungen im tobenden Sturm der Jahre 1914 ' 1918. Jünger ist hier der große Diarist seines eigenen Lebens, schildert frei von ideologischem Pathos oder verbrämten Leitbildern den unvorstellbaren Alltag in den Schützengräben eines Zermürbungskrieges.

Seine erste Flucht vor dem gestrengen Vater führte ihn in den Dienst der französischen Fremdenlegion. Schnell platzten die Wunschträume von Abenteuer und Reisen um die Welt im brutalen Einsatz der Legionäre in Afrika. Nur seinem Vater (welche Ironie) konnte es gelingen, seinen Sohn unbescholten aus der Legion herauszuholen. Nur um dann sofort mitzuerleben, wie sich dieser junge Mann dann erneut an die Front des vor der Haustür tobenden Krieges wirft ' wieder freiwillig und wieder getrieben von Fluchtgedanken und Abenteuerlust.

Sachlich und protokollartig beschreibt Jünger seine Tage in den Schützengräben. Soldatenjargon und die Banalitäten des Kriegslebens von der Ernährung bis zum Ungeziefer bilden hier den Rahmen der Darstellungen. Auch das Töten selbst ist hier eine Banalität. Sein schneller Aufstieg zum Offizier ist den hohen Verlustraten des Gefechts geschuldet. Und Jünger schreibt und schreibt und schreibt. Seine Sichtweise auf den allgegenwärtigen Tod, auf Verlust und Angst lassen klar werden, was die jahrelange Zermürbung aus einem jungen Menschen macht kann. Abstumpfung und Verlust von Ethik und Gefühl können klare Folgen des Kampfes sein ' eines Kampfes der um des Kampfes willen gefochten wird.

Und doch finden wir hier erstaunlicherweise nichts anderes als den Rohstoff für Jüngers spätere Werke.

Den Extrakt der Erlebnisse, komprimiert in Tagebuchform und Jahre danach mit allen Bestrebungen aufgegossen, dem Sterben und den unzähligen Toten doch noch einen Sinn zu geben. Ein verlorener Krieg war unerträglich genug ' verlorene Schicksale und ein verlorenes Leben wollte und konnte Jünger nicht riskieren. 'In Stahlgewittern' kann man dies nachlesen, aufspüren und fühlen. Jüngers Blick zurück war mit den frischen Erlebnissen aus seinen Lebensprotokollen unglaublich geschärft und für Außenstehende mehr als greifbar.

Jüngers Kriegstagebuch ist genau das geworden, was er beim Verfassen der Zeilen sicher nicht beabsichtigte: ein großes Werk gegen den Krieg, dessen Sinnlosigkeit und Menschenverachtung. Die Lektüre dieser mit ausführlichen Anhängen ergänzten Ausgabe zeigt ein völlig neues Bild des bis zu seinem Tod im Jahre 1998 eher abgeklärt wirkenden Autors. Er war selbst hitziges und kaltblütiges Opfer des Krieges.

Die Botschaften tragen bis in die heutige Zeit.

Große Autoren, wie auch Erich Maria Remarque, haben sich Gehör verschafft. Sie haben einerseits verarbeitet und andererseits sind ihre Bilderfluten zu wortgewaltigen literarischen Wogen geworden, die ohne eigene Erlebnisse niemals so entstanden wären. Der klare und ungeschminkte Blick auf die Realität und das menschliche Sein wäre niemals in dieser Ausprägung entstanden.

Dabei ist Krieg nicht nur Teil der Vergangenheit oder abstrakter Gegenstand der Literatur, die wir im Laufe des Jahres lesen. Er ist auch in diesem Jahrhundert Bestandteil unserer modernen Gesellschaft. Das Wort beginnt wieder 'salonfähig' zu werden. Politiker verlieren zunehmend die Scheu und Fassungslosigkeit, das beim Namen zu nennen, was keinen anderen Namen verdient. Und damit stehen sie den Betroffenen und Angehörigen näher als die bequemen Weichspüler, die lediglich an die Sicherheit ihrer Ämter denken!

Unsere Sprache greift zurück auf das unfassbar Fassbare ' auf Worte, die keinerlei Interpretation mehr bedürfen und trotzdem nicht leicht über die Lippen kommen. Keinesfalls.

Wir finden keinen Gefallen am 'Gefallen' ' aber das Wort ist wieder da!

Auch heute kehren junge Menschen aus Kriegen zurück. Auch heute versuchen sie sich wieder Gehör zu verschaffen oder schreibend von Erlebtem zu befreien und vielleicht sind auch unter ihnen die zukünftigen Literaten zu finden, deren klarer Blick sich in ihren noch zu schreibenden Werken wiederfindet.

Wir sollten ihnen zuhören, so wie man Ernst Jünger zugehört hat, so wie man Erich Maria Remarque zugehört hat ' anfangs um zu lesen, wie es jungen Männern und Frauen im Krieg erging und dann schließlich um zu lesen, welch große Worte dort entstanden, wo tiefste Sprachlosigkeit herrschte. Nichts wird beschönigt, nichts dramatisiert und niemand schreibt, um sein Ego auszuleben. Und einen Krieg verherrlicht schon lange niemand mehr!

Es sind Nachrichten aus der Ferne an diejenigen, die sich ' in sicherer Distanz zum Geschehen ' vor dem Fernseher mal kurz zurücklehnen und für den Bruchteil einer Sekunde zwischen dem dramatischen Schicksal eines Unfallopfers bei 'Wetten dass' ' und der nächsten Sportsendung daran denken, dass 'DA' ja auch noch was war' 'DA' ja auch was passiert und 'DA' gottlob ganz schön weit weg ist. Nicht jedoch für diejenigen, die sich dort befinden.


Winter in Maine: Roman
Winter in Maine: Roman
von Gerard Donovan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,95

4 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was machen Bücher mit Euch Menschen?, 3. Januar 2011
Rezension bezieht sich auf: Winter in Maine: Roman (Gebundene Ausgabe)
Mein Name ist Schneeflocke, ich bin ein Border Collie und gehöre - nein, das ist falsch - ich gehöre nicht, ich lebe im Hause Rail. Bin Hütehund und Gefährte, Freund und Beschützer, Therapeut und Lesehund. Was das ist, werden Sie fragen, ein Lesehund? Nun, ganz einfach. Ich liege bei Mr. Rail, wenn er liest. Ich liege neben ihm und suche seine Nähe, wie er die Meine sucht. Und da er viel liest, habe ich immer einen guten Grund bei ihm zu liegen. Deshalb liebe ich Bücher - sie geben mir einen Platz und wenn ich Raily am Buchregal sehe, die Hand am Kinn und die Stirn gekräuselt, dann setze ich mich neben ihn und hoffe, dass er eine gute Wahl trifft, ein Buch das ihn Lachen macht und seine Gedanken beflügelt. Ja - das spüre ich - Buchinstinkt, sozusagen.

Er greift zu einem weißen Band. 'Winter in Maine' liest er mir vor und ich trolle mich zu unserem Leseplatz. Rails Hand liegt auf meinem Kopf und er beginnt lesend zu kraulen oder kraulend zu lesen. Doch er wird nicht beflügelt, er streichelt nicht mehr sanft, er beginnt zu klammern, mein Fell zu halten und als ich ihn anblicke, da sehe ich Gefühl in seinem Gesicht - eine Mischung aus unendlicher Wut und Trauer. Er beugt sich zu mir und nimmt mich in seine Arme.

Was liest er da nur? Was lösen diese Worte in ihm aus? Warum ist er eiskalt und warm zugleich..

Ich beginne die Handlung zu erschnuppern. Ein Mann lebt mit seinem Hund in der Einsamkeit der Wälder von Maine. Sie verbringen ihre Tage am Rande der Zivilisation in der Hütte, die der Großvater und der Vater des Mannes bereits bewohnt haben. Er heißt Julius und seinen Hund ruft er Hobbes. Julius lebt in der Welt seiner Väter, mit ihrem Erbe und ihren Büchern - um genau zu sein mit 3282 von ihnen, einerseits Lesestoff, andererseits gebundenes Isoliermaterial gegen die Kälte von Außen.
Er liest Shakespeare und liebt die alten Worte in ihrer ursprünglichen Bedeutung. Ein Gefährte ist für ihn Geleit und Aufruhr ist Wirrnis.

Er lebt dort allein mit Hobbes, weil seine Väter nicht mehr leben und die einzige Frau, mit der er sich ein Leben in dieser Einsamkeit hätte vorstellen können, ihn verließ - einfach so. Und er lebt mit einem alten Enfield Gewehr - der Waffe seiner Väter, mit eigener Geschichte aus zwei Kriegen - einer Scharfschützenflinte, mit der Julius bisher nur zweimal geschossen hat. Zur Übung.

Und genau dieser Julius beklagt eines Morgens den größten Verlust, den er in dieser Situation beklagen könnte. Hobbes ist tot. Erschossen. Nicht aus großer Entfernung - nein - aus nächster Nähe. Ein aufgesetzter Schuss aus einer Schrotflinte, was darauf schließen lässt, dass Hobbes seinen Mörder gekannt haben muss, ja ihm sogar freudig entgegengelaufen sein muss, um ahnungslos seinen Todesschuss zu empfangen.

Julius gerät in große Wirrnis, nimmt sich die Enfield seiner Väter zum Geleit und beginnt einen Rachefeldzug - einen eiskalt gesteuerten Amoklauf gegen den unbekannten Mörder. Es ist gleichsam ein Kampf gegen alle Verluste seines Lebens.

Ich lege meine Schnauze auf das Knie meines lesenden Gefährten und spüre zum ersten Mal seit ich ihn kenne die aufziehende Dunkelheit der Kälte - für einen Moment fühle ich, dass er Julius verstehen kann, sehe dass er verstört darüber ist, dass er Morde gut heißt, dass er das Motiv für die Taten nicht verurteilt. Und ich sehe dass er trauern würde. Maßlos....

Mir wird kalt... was machen die Bücher mit Euch Menschen?

'"Immer wieder glitt die Schaufel aus dem Licht ins Dunkel ... und die Erde fiel auf seinen Bauch, den Rücken, in seine Ohren und Augen, während ich ihn zusammen mit allem, was ihn ausgemacht hatte, begrub. ... All das nahm er mit in die Stille und Reglosigkeit. Ich schaufelte die ganze Welt auf meinen Freund und spürte ihr Gewicht, als läge ich dort bei ihm im Dunkeln."'
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 24, 2011 6:16 PM CET


Sommerwogen: Eine Liebe in Briefen
Sommerwogen: Eine Liebe in Briefen
von Mark Twain
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,95

5.0 von 5 Sternen "Jungs wie mich gibt`s nicht alle Tage...", 3. Januar 2011
Es ist vielleicht etwas in Vergessenheit geraten, dass man es bei Mark Twain mit dem zu Lebzeiten berühmtesten Prosaschriftsteller Amerikas zu tun hat. Heute schätzt man ihn, der eigentlich Samuel Longhorne Clemens hieß, in erster Linie als den großen Autor der unvergesslichen humoristischen Geschichten von Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Doch das ist nur die eine Seite eines schillernden literarischen Diamanten.

Die andere Seite zeigte er im Verborgenen nur der Liebe seines Lebens. Olivia Langdon ' oder 'Livy' wie er sie zärtlich nannte, erhielt seit den ersten Tagen ihres gemeinsamen Lebensweges aufwühlende und romatische Liebesbriefe vom größten Erzähler seiner Zeit.

Nur wenn man versucht, beide Seiten miteinander in Einklang zu bringen und darüber hinaus die natürliche pessimistisch zynische Veranlagung Twains nicht vergisst, lässt sich die durchaus widersprüchliche Persönlichkeit Mark Twains erahnen.

Geboren wird Mark Twain 1835 in einem kleinen Dorf im US-Bundesstaat Missouri. Um nicht als Söldner im amerikanischen Bürgerkrieg dienen zu müssen, flieht er in den Wilden Westen und schreibt erste Zeitungsbeiträge als Reporter. 1867 startet er zu einer Rundreise durch Europa, dessen Kultur er aus seiner Sicht als reisender US-Amerikaner auf die Schippe nimmt. Sein Bericht 'Die Arglosen im Ausland' (1869) macht ihn, ebenso wie ein Nachfolgeband, zum gefeierten Autor. In dieser Zeit lernt er 'Livy' kennen, verliebt sich unsterblich und beginnt ihr zu schreiben. Er lässt sie an seinen Lesereisen teilhaben, versprüht Hoffnung und Leidenschaft bis zur Hochzeit der Beiden und hat niemals damit aufgehört, seiner Frau zahllose emotionale Briefe zu schreiben.

'"Jungs wie mich gibt`s nicht alle Tage. Wir sind überaus selten. Wir sind eine Art menschliche Jahrhundertpflanze, & wir blühen nicht in jedem Vorgarten'."

Diesen 'Vorgarten' fand Mark Twain im Alter von fast 32 Jahren, als er sich zum ersten und einzigen Mal verliebte. Seine, in Sommerwogen veröffentlichten, Liebesbeweise an 'Livy' werden zum Lebenswegbegleiter der Beiden, sind gleichzeitig Zeichen von Hoffnung und Zweifel, Hinweis auf Ängste, aber auch kraftvolle und lustige Momentaufnahmen aus einem bewegten Leben.

Kurz vor ihrer Hochzeit schreibt er: "'Dieser 4. Februar wird der prachtvollste Tag unseres Lebens, der heiligste & der für uns beide großzügigste ' denn er wird zwei unvollständige Leben vereinen. Er gibt zwei ziellosen Existenzen Arbeit & verdoppelt die Kraft eines jeden, sie zu meistern. Er gibt zwei Suchenden einen Grund, um zu leben, & etwas, wofür sich das Leben lohnt. Er wird dem Sonnenlicht neue Freude schenken, den Blumen neuen Duft, der Erde neue Schönheit, dem Leben ein neues Geheimnis, & Livy, er wird der Liebe eine neue Offenbarung schenken, dem Kummer eine neue Tiefe, der Anbetung einen neuen Ansporn' wir werden eine neue Welt erblicken.'"

Die Briefe zeugen aber auch davon, wie die Twains die großen Probleme in Zeiten wirtschaftlicher Krisen und persönlicher Rückschläge meistern, sie verdeutlichen, wie stabil eine große Liebe sein muss, um selbst den Tod der liebsten Tochter Susy verkraften zu können.

Ich trage das Buch immer bei mir ' immer wenn ich die Zeit finde und sie finden möchte, begleite ich Mark Twain auf dem Weg durch sein Leben an der Seite der Liebe seines Lebens. Von Livy selbst sind keine Antworten auf die Briefe erhalten, aber der im Aufbau Verlag neu erschienene Band 'Sommerwogen' lässt eben genau den Spielraum, darüber nachzudenken, wie sehr ihn seine Lebensfrau inspiriert haben muss.

Zur Geburt Mark Twains war der Halleysche Komet wie alle 75 Jahre an der Erde vorüber gezogen. 'Nächstes Jahr wird er wiederkommen', wird der Schriftsteller am Ende seines Lebens zitiert. 'Ich erwarte, dass er mich mitnimmt.' Der Komet erfüllt ihm den Wunsch. Sechs Jahre nach dem Tod seiner geliebten Livy stirbt Twain vor fast genau 100 Jahren am 21. April 1910, als der Komet über seinem Haus in Redding, Connecticut, erstrahlt.


Apocalypsia: Roman
Apocalypsia: Roman
von Andreas Izquierdo
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nichts geschieht ohne Grund..., 3. Januar 2011
Rezension bezieht sich auf: Apocalypsia: Roman (Gebundene Ausgabe)
'"Es heißt, nichts geschieht ohne Grund und alles spielt eine Rolle. Alles dreht sich und hält niemals an, jedes Rad hat eine Funktion, und nichts endet wirklich. Wenn das eine stirbt, wird das andere geboren ' ein Rad bleibt stehen und setzt ein anderes in Bewegung. So bewegen wir uns nicht, sondern werden bewegt, so gestalten wir nicht, sondern erfüllen unser Schicksal. Nur wer alles kennt, weiß, dass alles Sinn macht."'

Diese Worte begleiten den Leser von Andreas Izquierdos Roman APOCALYPSIA durch die Handlung des gesamten Werks. Diese Worte bewegen viele Menschen in meinem Umfeld, die sich der Literatur verschrieben haben. Vieles dreht sich um diesen Roman und es hält niemals an. Wenn einer das Buch liest und es schließt, dann stößt er seinen Nachbarn an und empfiehlt diesem, es ebenfalls zur Hand zu nehmen. Nichts geschieht ohne Grund. Empfehlungen werden nicht leichten Herzens ausgesprochen. So lesen wir nicht zufällig, sondern werden 'getrieben' zu lesen und zu verstehen. Nur wer das Buch kennt, weiß, das es Sinn macht.

Auf der Erde geschehen die seltsamsten Dinge - Kontinentalplatten geraten in Bewegung, das Firmament erstrahlt weltweit im Schimmer leuchtender Polarlichter und die Menschen bestaunen ein blutrotes Meer. Die Ursachen für dieses Chaos auf unserem Heimatplaneten zu suchen ist nicht der Schlüssel zur Lösung dieses apokalyptischen Bildes. Inmitten dieser Szenerie kämpfen Esther und Judith um mehr als ihre nackte Existenz. Sie versuchen, die traumatischen Erlebnisse ihrer tiefsten Verluste zu überstehen und stehen doch am Abgrund, denn

Gott liegt im Sterben!

Nicht mehr und nicht weniger - wirklich nicht.

Die gesamte Schöpfung hält nicht nur den Atem an - die eigentlichen Lieblinge des Allmächtigen - die Heerschar der himmlischen Engel - geraten in den Strudel des Kampfes um die Nachfolge des Herrn. Luzifer, seit Jahrmillionen verbannt, befreit sich und fordert sein Recht ein.

Die Nachfolge auf dem Thron der Schöpfung.

Nicht mehr und nicht weniger.

Er ist mächtiger als jemals zuvor und die hierarchische Gliederung der Engel gerät ins Wanken. Seraphim und Cherubim vermögen es nicht, der Urgewalt Luzifers alleine widerstehen zu können und sie warten auf die Verwirklichung einer uralten Prophezeiung, der zufolge ein Engel erscheinen wird, der sie alle führt und rettet.

Kann es sich hierbei um Nathanael handeln? Missgestaltet wie nie ein Engel zuvor und augenscheinlich nur ein einfaches himmlisches Wesen. IAX, ein mächtiger Mitstreiter der höchsten Engel wird ausgesandt um herauszufinden, ob sich in Nathanael die Prophezeiung erfüllt.

Währenddessen streben, verursacht durch das Chaos auf der Erde immer mehr Engel in den Himmel, um deren Gefolgschaft ein erbitterter Kampf entbrennt. Ist Nathanael die ersehnte Lösung und Erlösung in dieser Apokalypse, oder nur eine einfache Seele? Und schließt sich auf der Erde im erfolglos scheinenden Kampf Esthers und Judiths der Kreis, der in der Lage ist, die gesamte Schöpfung zu retten?

Spannend und großartig geschrieben. Mit der Figur des "IAX" ist Andreas Izquierdo ein großer Wurf gelungen. Wer Protagonisten wie "Juan Sanchez Villa-Lobos Ramirez" (gespielt von Sean Connery im Filmklassiker Highlander) mag, der wird IAX lieben, mit ihm leiden und das Buch nicht mehr aus der Hand legen können. Mein Wort drauf...


Gänseblümchen - Mein glückliches Leben mit meinem behinderten Sohn
Gänseblümchen - Mein glückliches Leben mit meinem behinderten Sohn
von Gitta Becker
  Taschenbuch

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bemerkens- und bewundernswert..., 3. Januar 2011
"Aber wir waren zufrieden, es hätte schlimmer sein können.Er konnte so fröhlich sein, sich an dem einzigen Gänseblümchen, das dem Rasenmäher entkommen war, erfreuen. Er war der einzige, der es überhaupt fand. Er konnte lachen, auch wenn ihm zum Weinen zumute war, weil er den nächsten Anfall schon spürte... Wir waren zufrieden in unserer kleinen, heilen Welt."

Andreas, geboren im April 1980 ist der Sonnenschein der Familie. Er ist gelichzeitig ersehntes Wunschkind und wird nach erlebter Traumschwangerschaft der erwartete Mittelpunkt einer kleinen Familie. Alles beginnt, wie es beginnen sollte, doch schon nach kurzer Zeit beginnen die Krämpfe, zeigen sich Symptome,die beunruhigender nicht sein können und die ersten Krankenhausaufenthalte mit Andreas verlangen seinen Eltern alles ab.

Ein Lebensweg beginnt eigene Formen anzunehmen und Gitta Becker arrangiert sich mit der neuen Situation - sie nimmt den Weg ebenso an, wie jede Herausforderung, die sich daraus ergibt. Niederschmetternd die Diagnose, so absolut die Prognose und so ausweglos der Weg, den es zu beschreiten gilt.

Epilepsie in Verbindung mit einer 100 %igen geistigen Behinderung. Der Traum vom normalen Leben ist schnell ausgeträumt und doch entwickelt die Familie eine Dynamik, die den Absturz in Selbstmitleid und den Absturz in ein Leben voller Krankheit und Isolation verhindert. Andreas bleibt nicht das einzige Kind der Familie. Zwei Schwestern folgen und der eigene Entwurf des Lebens wird immer tragfähiger, wenn auch physisch und psychisch mehr als belastend.

Die "Unnormalität" wird als gegebenes Schicksal akzeptiert und durch eine unglaubliche Willensstärke in "Normalität" gewandelt. Der Entschluss der Familie ist schnell gefasst. Nicht nur die Therapie soll den Schwerpunkt des Lebens ausmachen - nein - Andreas soll ein Leben führen, wie es jeder Mensch verdient hat. Ein von der Familie unabhängiges Leben, in dem er eigene Freunde um sich herum hat, eigene Aufgaben bewältigt und eigenständiger Teil eines sozialen Umfelds ist.

Letztlich stellt sich die Familie auch der Trennung von Andreas und gemeinsam beschließt man, ihn im Alter von jungen 16 Jahren in einer Einrichtung, die seiner Krankheit angemessen erscheint, unterzubringen. Hier blüht Andreas auf und zeigt in seinem Verhalten und seiner eigenen Form der Kommunikation, wie richtig dieser neue Weg war.

Andreas lebt nicht mehr - schwer kommen diese Zeilen heraus. Gänseblümchen vermag er nicht mehr zu finden, sein Lachen ist vergangen, seine Krämpfe und Schmerzen jedoch auch.

Was bleibt ist die Botschaft einer starken Frau - die Botschaft und keinesfalls eine Rechtfertigung aus schlechtem Gewissen, wie wichtig es ist, sein Kind gehen zu lassen. Ihm einen Weg zu ermöglichen, der ihm angemessen ist. Ihm seine Welt zu geben ohne egoitsisch zu klammern oder sich selbst aufzugeben. Vor dieser Frage stehen alle Eltern irgendwann und hier schließt sich der Kreis zur gelebten Normalität in diesem einzigartigen Leben. Andreas wurde diese Welt geschenkt und er hat sie angenommen. Wie schwer es war, ihn loszulassen, wird nicht ermessen werden können. Nicht hier und nicht an anderer Stelle.

Das Buch macht Mut und gibt Kraft. Bemerkens- und bewundernswert.

Ich schließe diese kleine Rezension mit einem Blick auf eines der letzten Photos von Andreas. Leise und doch nicht traurig. Gar nicht traurig - er lacht so unvergleichlich schön.


Die große Wörterfabrik (große Ausgabe)
Die große Wörterfabrik (große Ausgabe)
von Agnès de Lestrade
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 13,90

31 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unbezahlbar, 3. Januar 2011
Stell` Dir vor:
Es gibt ein Land, in dem die Menschen kaum reden.
Ein Land, in dem die Menschen ihre Wörter erst kaufen müssen, um zu sprechen.
Ein Land in dem man die gekauften Wörter zu sich nehmen muss, um sie in Sprache zu verwandeln.
Ein Land, in dem besonders schöne Wörter schier unbezahlbar teuer sind.
Ein Land, in dem nur die Reichen über die wirklich wichtigen Wörter verfügen.

Stell` Dir vor:
Man lebt in diesem Land und ist arm.
Man lebt dort und kann nichts Schönes oder Wichtiges sagen.
Man lebt und muss mit preiswerten Wörtern zurecht kommen oder gar in Armut schweigen.
Man lebt dort und kann sich seine Sprache nicht leisten.
Während die Reichen unbedacht die schönsten Wörter zu Floskeln machen.

Stell` Dir vor:
Man kann es sich nicht leisten, die schönsten Gedanken in die Welt zu schreien.
Zu arm zum Sprechen.

Agnès de Lestrade ist es gelungen, mir diese Vorstellung zu vermitteln. In wenigen Worten (wertvollen Worten, unbezahlbaren Worten). Valeria Docampo ist es gelungen, mir diese Vorstellung unauslöschlich in mein so sehr verwöhntes Leserhirn zu brennen. Mit ihren Illustrationen (wertvollen Illustrationen, unbezahlbaren Illustrationen).

Beiden ist es gelungen, mir vor Augen zu führen, wie es wäre, in Armut erstarrt, nicht über die einfachsten Mittel zu verfügen, die bedeutendsten drei Worte auf Erden sagen zu können. Sie mir nicht leisten zu können. Mit Abfallwörtern einer Wohlstandsgesellschaft auskommen zu müssen und bei jedem gesprochenen Wort zu überlegen, ob es die Bemerkung wirklich wert ist.

Ein in Bild und Text einzigartiges Werk. Ein anrührendes Lehrstück für die Jüngsten unter uns und die ältesten Liebenden auf Erden. Ein bild- und sprachgewaltiges Epos auf diejenigen Menschen, die mit wenig Worten auskommen und diejenigen unter uns, die nicht vieler Worte bedürfen um zu glauben.

Begleitet Paul auf seinem Weg zu Marie. Er möchte ihr sein Herz öffnen. Aber wie soll er das machen? Für all das was er ihr so gerne sagen würde, bräuchte er ein Vermögen!

Meine Empfehlung des Jahres 2010 - mir fehlen die Worte!


Heinrich Pommerenke, Frauenmörder: Ein verschüttetes Leben
Heinrich Pommerenke, Frauenmörder: Ein verschüttetes Leben
von Thomas Alexander Staisch
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

2 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Humanität beweist sich im Umgang mit dem Bösen, 2. Januar 2011
Ein Buch fordert mich heraus!

'Ich wollte provozieren!'
'Das ganze Buch muss aus Opfersicht eine Provokation darstellen''

Thomas Alexander Staisch, Autor des Buches 'Heinrich Pommerenke, Frauenmörder. Ein verschüttetes Leben', in einem Interview am 18.10.2010. (BNN)

Provokation:

'Provokation ist das gezielte Hervorrufen einer Reaktion mit den Mitteln der Übertreibung oder Regelverletzung ''

Dies ist dem Autor gelungen. Hier meine Reaktion. Selten hat mich ein Buch so aufgewühlt, so sprachlos und wütend gemacht, wie die Aufarbeitung des Lebens des Serienmörders Heinrich Pommerenke.

Mit jedem gelesenen Satz habe ich einen zweiten, ungelesenen, gedacht. Mit jedem geschriebenen Argument habe ich ein zweites, ungeschriebenes, verknüpft und mit jedem betrachteten Bild habe ich ein anderes, unbetrachtetes, wahrgenommen. Mit jeder vergossenen Träne, eine zweite. Mit jedem Schrecken, einen weiteren. Das hat dieses Buch mit mir gemacht!

Die Fakten:

Freiburg, 22. Oktober 1960:

Der 22-jährige Heinrich Pommerenke wird wegen vierfachen Mordes in Verbindung mit Schändung der Opfer (vor, während und nach dem Tat), siebenfachen Mordversuchs, 25-facher versuchter und zweifach vollendeter Vergewaltigung, gefährlicher Körperverletzung, fünffachen schweren Raubes, zehnfacher Einbruchdiebstähle und sechsfacher Diebstähle zu sechs Mal lebenslang plus 15 Jahren verurteilt.

Die Gesamtstrafe beläuft sich somit auf 156 Jahre.

Die Morde und Vergewaltigungen stellen in ihrer unvorstellbaren Grausamkeit ein noch nie dagewesenes Verbrechen in der noch jungen Bundesrepublik dar. Die Todesstrafe war gerade erst abgeschafft und schon schreien das Volk und die Medien nach dem Kopf des 'Monsters'.

Die Presse bezeichnet ihn fortan als 'Grauenmenschen', 'Bestie ohne Eigenschaften' oder schlichtweg 'Satan'. Die Justiz handelt im vorgegebenen Rahmen und sperrt den Serienmörder weg.

Fast 50 Jahre lang, fast 18000 Nächte. Einzel- und Isolationshaft. Ein verschüttetes Leben im Vergessen. Ein verschüttetes Leben voller Repressalien. Ein verschüttetes Leben ohne eine einzige Stunde therapeutischer Begleitung oder den Versuch, Heinrich Pommerenke in der Haft ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen. Ein menschenunwürdiges Leben, dem erst ab dem Jahr 2001 ein gestuftes Vollzugslockerungsprogramm zugebilligt wurde ' allerdings niemals mit dem Ziel der Freilassung

Am 27. Dezember 2008 stirbt Heinrich Pommerenke im Alter von 71 Jahren ' er stirbt hinter Gefängnismauern.

Das Buch:

Thomas Alexander Staisch schildert mit bestechender und brillanter Stilsicherheit die menschenverachtenden Umstände der 'trockenen Todesstrafe'. Unvorstellbar in einem modernen Rechtsstaat, in dem die Grundfragen der Sicherheitsverwahrung und die Definition des Begriffes 'lebenslange' Haft immer und immer wieder diskutiert werden, einen Menschen fast 50 Jahre einfach nur einzusperren. Ihn seiner Würde zu berauben und gegen jedes Gebot der Mitmenschlichkeit zu verstoßen. Unvorstellbar.

Staisch listet akribisch auf, wie oft man Pommerenke die Zelle wechseln ließ, um jegliches Gefühl für Konstanz zu unterbinden ('Das tut ihm gut' ' so die Justiz); wie selten er Besuch bekommen durfte ('Die besondere Schwere der Schuld' ' so die Jusitz); wie oft seine persönliche Habe aussortiert und weggeworfen wurde ('Es liegt alles durcheinander' ' so die Justiz) und wie häufig er in das Vollzugskrankenhaus Hohenasperg überstellt wurde, um dort alleine in 19 Fällen im Bereich der Psychiatrie mit Nervendämpfungsmitteln 'behandelt' zu werden.

Staisch führt die wenigen Menschen auf, die engeren Kontakt zu ihm hatten. Darunter die wohl wichtigste Person seines Gefängnislebens. Der einzige Freund ' der Gefängnispfarrer. Eine Verbindung, die erst mit dem Tod Pommerenkes endete.

Staisch führt uns die Medien vor Augen, die ein Zerrbild eines Inhaftierten zeichneten, Interviews veröffentlichten, die niemals geführt wurden und Geschichten erzählten, die jeglicher Grundlage entbehrten und nur dem Ziel dienten die Angst vor Pommerenke am Leben zu halten.

Und ' Staisch führt uns die Taten des Serienmörders vor Augen. In aller Schonungslosigkeit und Detailschärfe, in aller menschenverachtenden Brutalität und mit all den Auswirkungen auf die Familien der Opfer und die Überlebenden bis zum heutigen Tag!

Staisch führt uns die Entwicklung des Menschen Pommerenke in zermürbenden 50 Jahren Isolation und Bestrafung vor Augen. Er konnte selbst mit ihm sprechen und hat damit einen Verschütteten ans Tageslicht gebracht.

Staisch vermag es, durch die unterschiedlichen Betrachtungsweisen, dem Täter Pommerenke einen Teil der Menschenwürde zuzubilligen, die ihm zeitlebens im Gefängnis verwehrt wurde. Staisch suchte einen Täter und fand einen Menschen, der auch Opfer war.

Ich:

Fühle mich auf jeder Seite des Buches provoziert. Beim Lesen nistet sich ein Satz in meinem Kopf fest, den ich einfach nicht verscheuchen kann. Ein Satz, der alle Auflistungen Staischs in meinem Inneren überstrahlt. Die Listen über Besuche, Gespräche, Freigänge (18 in 49 Jahren) und die schrecklichen Verhältnisse der Haft ('ein verschüttetes Leben'). Der Satz schreit mich an:

ABER DIE OPFER SIND LEBENSLANG TOT!

Die Schicksale derer, die den Weg des Serienmörders kreuzten verschwimmen zu Taten. Tatortskizzen und Gewaltbildern. Pommerenke erhält eine Identität im Buch, die den Opfern lebenslang verwehrt bleibt. Er erhält Besuch, der den Opfern lebenslang verwehrt bleibt und er wird Freigänger ' den Opfern verwehrt. Verwehrt. Verwehrt.

Die Mordopfer tauchen in Staischs Gliederung unter der Überschrift 'Einwurf' auf. Eingeworfen in das Leben eines Mörders und verworfen als Opfer.

Die Provokation im Buch setzt Gedanken frei ' lässt mich aufhorchen, wenn es um Aspekte der Sicherheitsverwahrung geht. Lässt mich tief durchatmen, wenn es um Diskussionen geht in denen Täter zu Opfern werden. Lässt mich böse werden, wenn ich daran denke, dass es in unserem Rechtsstaat möglich sein kann 'verschüttet' zu werden ' gegen jeglichen Anspruch an alle Aspekte unseres Grundgesetzes. Aber es lässt mich auch verzweifeln im Gedanken, wie die Angehörigen der Opfer dieses Buch wohl empfinden.

Ein mutiges Buch ' ein nervenaufreibendes Buch ' eines, das nicht aufhört zu wirken, nachdem man es gelesen hat. Eine Provokation in Reinkultur! Staisch hat diese Reaktion gezielt hervorgerufen!

Das Buch ist wichtig ' erstmals war es durch die Aufarbeitung aller Fakten einem renommierten Psychiater möglich, die Schuldfähigkeit Pommerenkes zu durchleuchten und zu dem Ergebnis zu kommen, dass er die Morde in 'weitgehend schuldunfähigem Geisteszustand' begangen habe. Damals wurde er für voll schuldfähig erklärt! Das reine Wegsperren war der falscheste Weg ' das war unwürdig!

'"Man hätte eine Therapie versuchen müssen''..."

Schlussbemerkung:

Ein Buch endet für mich mit dem letzten Satz des letzten Kapitels. Im Buch lasse ich mich gerne provozieren ' im Buch lasse ich vieles gelten, was Grenzen überschreitet. Aber wenn ich das Buch verlasse, erwarte ich vom Provokateur eine Position zu seinem Handeln.

Staisch hat in seinem Nachwort das Buch verlassen. Hier schreibt er nicht mehr als 'Agent Provocateur' sondern bedankt sich. Bei seiner Frau und seiner Familie. Bei Archiven für Unterstützung und guten Kaffee. Hier ist Thomas Alexander Staisch privat.

Wenn aber dann der letzte Satz des Nachwortes lautet:

'"Ich danke Heinrich Pommerenke für sein Leben'"

dann hat der Autor genau an dieser Stelle für mich den Bogen des Nachvollziehbaren überspannt. Dieser Satz macht mich sprachlos! Aber es scheint typisch für Thomas Alexander Staisch, den Schwung seiner aufrüttelnden Gedanken nicht im Buch enden zu lassen.

Ende:

Sind wir heute weiter als vor 50 Jahren? Haben uns Fußfesseln, Internet-Outing oder psychologische Gutachten und ein moderner Strafvollzug innerlich weitergebracht in unserer Hilflosigkeit gegenüber den Abgründen der menschlichen Psyche? Reagiert die Gesellschaft differenzierter, wenn dem Täter Opferaspekte zugebilligt werden? Ich wage dies zu bezweifeln.

Staischs Buch ist ein wichtiger Beitrag in der zeitgemäßen Auseinandersetzung mit diesem Thema. Ein schonungsloses Buch' auch für den Leser.

Provokation als Stilmittel ' in diesem Fall ein gerechtfertigter Weg. Mit Ausnahme des Nachwortes vielleicht!

Ein Nachwort:

'"Es war nicht human, ihn wegzusperren ' es wäre nicht human gewesen, ihn freizulassen.'"
(Ein Freund Heinrich Pommerenkes)


Seite: 1