Profil für Plattenfreak > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Plattenfreak
Top-Rezensenten Rang: 4.615
Hilfreiche Bewertungen: 457

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Plattenfreak "angu" (Österreich)

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9
pixel
Der Briefwechsel
Der Briefwechsel
von Raimund Fellinger
  Taschenbuch
Preis: EUR 18,00

5.0 von 5 Sternen Meisterhaft und suchterzeugend! 5 Sterne reichen nicht!, 2. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Der Briefwechsel (Taschenbuch)
Mit der Korrespondenz zwischen dem zu Lebzeiten umstrittenen, mittlerweile zum österreichischen "Kulturheiligtum" (dieser Ausdruck stammt nicht von mir) erklärten Thomas Bernhard und seinem Verleger Siegfried Unseld ist den Herausgebern ein großes Werk gelungen. Selbst die Taschenbuchausgabe ist noch beeindruckend, auf 800 Seiten finden sich die Texte von 524 längeren und kürzeren Briefen, Postkarten und Telegrammen, ergänzt um teilweise sehr umfangreiche Fußnoten, einer Einleitung von Bernhards Halbbruder Peter Fabjan und einem Nachwort der Herausgeber. Ein paar Abbildungen ergänzen den Inhalt, es hätten ruhig noch mehr sein dürfen.

Kann ein Briefwechsel spannend sein? Dieser ist es auf jeden Fall. Das geistreiche Hin und Her der beiden Schreiber stellt den Leser die immer wieder neue Frage "Was kommt als Nächstes?", weckt Ahnungen und Erwartungen. So liest man weiter, den jeweils folgenden Brief. Das bescherte mir etliche lange Leseabende und -nächte, an denen ich die Uhrzeit vergessen konnte.

Zum Inhalt:
Am 22. Oktober 1961 schreibt der 30-jährige Bernhard dem Verlagschef von Suhrkamp und Insel, Unseld, und drückt seine Wertschätzung für dessen literarische Produkte aus, verbunden mit dem Wunsch, seine Texte ebenfalls bei Suhrkamp verlegen zu lassen. Drei Jahre später beginnt die eigentliche Beziehung zwischen Autor und Verleger. Was nun folgt, ist das Dokument eines künstlerischen, persönlichen, psychologischen und geschäftlichen Dialogs, der ein Teil der deutschsprachigen Literaturgeschichte wird. Dieser Dialog endet mit dem letzten kurzen Brief von Thomas Bernhard am 25. November 1988. Er wirkt endgültig, wie ein abrupter Schlusspunkt. Das könnte jedoch täuschen, denn im Laufe der vorangegangenen 27 Jahre kommt es immer wieder zu Brüchen zwischen den beiden, die jedoch in persönlichen Gesprächen zumindest teilweise gekittet werden können. Im Jahr 1988 ist der Schriftsteller jedoch schon todkrank. Eine letzte Aussprache zwischen Unseld und Bernhard findet Ende Januar 1989 statt, zwei Wochen vor seinem Tod. Eine Zusammenfassung dieses letzten Treffens, niedergeschrieben von Siegfried Unseld, bildet als seitenlange Fußnote den Epilog des Briefwechsels. Es hätte durchaus weitergehen können zwischen den beiden ...

Meine Interpretation:
Der Briefwechsel ist nicht bloß eine Zusammenfassung trockener Bürokorrespondenz. Immer öfter während der mehrwöchigen Lektüre kam mir zu Bewusstsein, dass dieses Buch als mindestens vier verschiedene Bücher gelesen werden kann.

1. Der „Briefwechsel“ gewährt dem literarisch interessierten Leser einen einzigartigen Einblick in das Zusammenspiel zwischen einem Autor und seinem Verlag bzw. seinem Verleger als Person sowie in den Prozess des Bücher-Schreibens, Bücher-Machens und Bücher-Verkaufens. Es geht eben nicht nur um Geist und Kunst, sondern sehr oft um Geld, um Honorare, Kredite, Rechte und um Erpressung. Die Geschäftsbeziehung zwischen Thomas Bernhard und Suhrkamp war durchaus nicht exklusiv. Man spürt geradezu, wie es Siegfried Unseld persönlich trifft, wenn Thomas Bernhard seine Verbindungen zu einem Salzburger Verlag trotz anders lautender Vereinbarungen nie ganz abreissen lässt.

2. Das Buch liest sich wie ein Entwicklungsroman. Zwei Menschen lernen einander kennen. Der eine ein genial-schwieriger „Geistesmensch“, der andere ein Geschäftsmann der Kultur, ein Spieler in seiner Selbsteinschätzung, der sich jedoch um die Werke seines ihm Anvertrauten mit Begeisterung und Engagement bemüht. Geduldig erträgt er die Stimmungsschwankungen des Geistesmenschen, seine Vorwürfe und Beleidigungen. Er weiß, dass er mithilft, Großes zu erschaffen. Immer wieder kommt es zu Zerwürfnissen aber auch zu Annäherungen voller Charme und Liebenswürdigkeit. Diese beiden brauchen einander, obwohl sie so verschieden sind. Nur der Tod kann so etwas beenden.

3. „Der Briefwechsel“ ist auch ein Zwei-Personen-Drama, eine Art überlanges Stück, das Thomas Bernhard mit dem Co-Autor Siegfried Unseld über Jahrzehnte geschrieben und zugleich aufgeführt hat. Es enthält Komödiantisches und Tragisches, große Monologe, aber auch ganz Alltägliches, Beiläufiges. Viele „stumme“ Nebenfiguren liefern fortwährend Impulse für den Dialog. Die beiden Protagonisten beherrschen ihre jeweils ihre ganz eigene Sprache, wenn auch die Figur „Unseld“ manchmal sprachliche Elemente der Figur „Bernhard“ übernimmt. Am Ende bedauert man, dass der Vorhang unwiderruflich fällt.

4. Schließlich: Das Werk behandelt einen bedeutenden Teil deutschsprachiger Literaturgeschichte und ist zugleich ein Dokument der österreichischen Zeitgeschichte. Die öffentlichen Reaktionen auf den schwierigen Autor mit seiner vielzitierten „Hassliebe“ zu Österreich beweisen, dass er mit seinen oft maßlosen, literarisch unübertroffenen Übertreibungen auch dort hintraf, wo es weh tat. Gerade das Theaterstück "Heldenplatz" zeugt davon, wenn es auch im Briefwechsel wenig Raum einnimmt.

Genug geschwafelt: Ich habe den „Briefwechsel“ mit äußerstem Vergnügen gelesen. Er ist eine einzige Anregung, sich mit dem literarischen Werk Thomas Bernhards zu beschäftigen. Ich werde das jedenfalls tun.


Waiting for Cousteau
Waiting for Cousteau
Preis: EUR 6,66

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Höhepunkt am Beginn der Neunziger!, 30. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: Waiting for Cousteau (Audio CD)
Ich weiß nicht, wie es anderen Liebhabern der Musik Jarres geht: Nach den hervorragenden Alben "Oxygene", "Equinoxe" und "Magnetic Fields" wird die Freude an seiner Musik dadurch getrübt, dass die nachfolgenden Werke durch digitale kalte Klänge und zunehmenden Bombast geprägt waren (Einzige Ausnahme vielleicht: "Zoolook", wegen seines Ethno-Konzepts).
Und dann dieses Meisterwerk: Die Musik auf "Waiting For Costeau" ist auch mit digitalen Synthesizern gespielt, aber der das Überladene ist (beinahe) weg. Jarre bedient sich in den ersten Stücken einer Steel-Drum-Band und eines Drummers. Das verleiht der Musik Seele. Im Gegensatz zu "Revolutions" klingt die Musik transparent, knackig und abwechslungsreich. Gerade "Calypso, Part 2", mit seinen repetitiven Elementen, gefällt mir sehr gut.
Herausragend aber ist das Titelstück, das beinahe 47 Minuten (!) lang ist. Ein Stück Ambient-Musik in Moll, fließend, flüssig, mit vielen Klang-Kleinigkeiten veredelt und für meine Begriffe alles andere als langweilig. Die hingetupften Pianoklänge zwingen zum Nach-Hören. Am Ende bedauert man, dass es nicht länger dauert.
Schön, dass es wieder veröffentlicht wurde. Es ist jeden Euro wert.


Der futurologische Kongreß: Aus Ijon Tichys Erinnerungen (suhrkamp taschenbuch)
Der futurologische Kongreß: Aus Ijon Tichys Erinnerungen (suhrkamp taschenbuch)
von Stanislaw Lem
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,00

5.0 von 5 Sternen Ein Trip zum Lesen, 19. Dezember 2014
Ein Buch, das man am besten in einem halben Tag am Stück durchliest. Es lässt einen verwundert, schmunzelnd, verwirrt aber auch etwas schockiert zurück. Zumindest mir ging es so. Bis hatte ich von Stanislaw Lem nur „Solaris“ gelesen, ein längeres Werk, eher nüchtern, etwas ernsthafter und auch ein bisschen philosophisch.
„Der futurologische Kongress“ dagegen ist ein grelles Panoptikum auf knapp 140 Seiten. Lem treibt die Handlung um den Reisenden Ijon Tichy schnell und wendungsreich voran. Ein Bericht über eine triste, unsichere Gegenwart und eine nur auf den ersten (!) Blick bessere Zukunft. Ein Spiel mit Utopien, Halluzinationen und Alpträumen, durchwirkt mit galligem Humor. Beim Lesen beschlich mich das Gefühl, dass dieses 1970 geschriebene Werk manches vorwegnimmt, das uns heute durchaus bekannt vorkommt, wenn auch Lem sicher Zeiterscheinungen seiner Gegenwart aufgreift, besonders in der ersten Hälfte des Buches, die in einem fiktiven lateinamerikanischen Militärstaat spielt. Um den Genuss des Lesens nicht zu trüben, greife ich hier jedoch nicht vor. Nur soviel: Nehmen Sie Aldous Huxley, Philip K. Dick, Ray Bradbury, Douglas Adams und etwas George Orwell: wer fehlt in dieser Aufzählung? Stanislaw Lem!
Wer „Schöne neue Welt“, „Träumen Androiden von elektrischen Schafen“, „Fahrenheit 451“, „1984“ und „Per Anhalter durch die Galaxis“ gelesen hat, der kommt auch an diesem Buch nicht vorbei.


Extensions
Extensions
Preis: EUR 17,99

4.0 von 5 Sternen Ein Tribut an die Meister, 15. Dezember 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Extensions (Audio CD)
4hero gehören zu den Künstlern, die leider viel zu selten eigenes Material veröffentlichen. Sowohl die Bearbeitungen fremder Stücke als auch ihre Studiowerke zeichnen sich durch hohen Wiedererkennungswert aus. Schon einmal veröffentlichten sie eine Doppel-CD, auf deren einer Hälfte bekannte DJs und Elektroniker 4hero bearbeiten. Auf "Extensions" gehen die beiden Masterminds nun einen Schritt weiter: Ihre Stücke werden von anderen Musikern interpretiert. Ich vermeide bewusst den Begriff "gecovert", er passt einfach nicht. Viele verschiedene Musiker und Gruppen, unter Anderem auch das Sonar Kollektiv Orchester, re:jazz und Christian Prommer machen aus ihrer Musik Eigenes, zwischen Trio-Jazz und orchestralen Klängen. Als Liebhaber von 4hero sollte man sich das unbedingt antun. Ein bisschen irritiert war ich von "Star Chasers" in der Fassung von re:jazz. Das einleitende Gitarrenmotiv entspricht genau dem Intro von "Seven Wonders" von Fleetwood Macs 1987er-Album "Tango in the night". Bewusst geklaut? Ich weiß es nicht, der Song ist trotzdem gut.
Aber das eigentliche Highlight für mich ist "Humans". Das Sub-Ensemble macht aus dem sehr elektronischen und etwas abstrakten Original ein kleines Meisterwerk des Spiritual Jazz. Das atmet irgendwie den Geist John Coltranes und beweist, dass zeitgenössische elektronische Musik und Klassiker des modernen Jazz, Programmiertes und Seelenvoll-akustisches zusammengehören können. 4hero haben daran einen großen Anteil!


In Cinema
In Cinema
Preis: EUR 17,34

5.0 von 5 Sternen Crossover-Jazz mit Tiefenwirkung, 12. Dezember 2014
Rezension bezieht sich auf: In Cinema (Audio CD)
In der Regel finde ich allzu bildhafte Beschreibungen für Musik ziemlich klischeehaft. Da wird dann schnell z. B. Musik aus Skandinavien mit Etiketten wie "nordische Weiten", "Eismeer" oder ähnlich Plattem versehen. Also werde ich es vermeiden.
Es ist aber nicht leicht: denn die finnische Band "Oddarrang" malt Bilder mit ihrer Musik. Kann man es Jazz nennen? Wenn man mit Jazz Blues-Form, Synkopierung und Improvisation meint, dann eher nicht. Sieht man Jazz aber weiter - als Haltung, in der Musiker ihre Grenzen erweitern und individuellen klanglichen Ausdruck suchen, dann ist das schon Jazz. Und zwar jener, der sich nicht mehr um Konventionen und Genres kümmert, sondern lustvoll in allen Ecken und Enden der Musik sucht, Einflüsse aufnimmt und verarbeitet.

"In Cinema" ist der passende Titel für dieses Werk. Der Musik geht in die Breite; die Hauptinstrumente Cello, Posaune, Schlagzeug, Bass und Gitarre (ergänzt um ökonomisch eingesetzte Elektronik), walzen Stücke aus, die sich in meistens langsam aufbauen. So beginnt das Album mit "Introduction" mit Ambientklängen, nach und nach steigen andere Instrumente ein, die angezerrte Gitarre, die Posaune mit getragenen Melodien. Im zweiten Stück "Self Portrait" bricht dann gegen Ende die Gruppe in härteren Rock aus. Etliche Nummern bauen sich aus repetetiven Figuren auf, steigern sich zu mal verhaltenen, mal wilden Höhepunkten und schwellen dann wieder ab. Der Höhepunkt sind die letzten beiden Titel "Journey" und "Quiet Steps": Das erste beginnt mit einem sich wiederholdenden Gitarrenton, der nach und nach durch andere Instrumente und Harmonien erweitert wird, unterlegt durch einen markanten E-Bass. Nach vier Minuten kommt es beinahe zum Stillstand, Klavier und Schlagzeug langsam ein. Posaune und Cello spielen eine Melodie, sensibel akzentuiert. 3 Minuten später ein Gitarren-Bass-Stakkato, das sich zu einer wüsten Sound-Orgie steigert. Einfach grandios! "Quiet Steps" schließlich lässt die Platte mit fast sakral anmutenden Akkorden würdevoll und gemessen ausklingen.

Die Grenzen zwischen Komposition und Improvisation sind auf "In Cinema" nicht leicht zu finden, man erkennt jedoch, wie sich die Gruppe in die Musik hineintastet. So etwas im Konzert zu erleben, ist sicher ein großes Ereignis.
Wie ist "In Cinema" im Koordinatensystem verschiedener Musiker und Richtungen zu verorten?
Für mich bewegt es sich, wie schon erwähnt, im Quadrat zwischen Jazz, Rock, Filmmusik und Ambient – auch etwas Minimal Music spielt hinein. Die hymnischen und langsamen Posaunenmelodien erinnern etwas an die Nils Landgrens Duo-Aufnahmen mit Esbjörn Svensson (auch schon lang her), die leicht angerauhten Gitarrenklänge an Eivind Aarset und sogar Mike Oldfield blitzt kurz auf. Als ergänzendes Werk würde sich Nils Petter Molvaers letzte Platten "Switch" geradezu zwingend anbieten.

In einer Zeit, in der Festtags-Horror-Musik Menschen zum Kaufen animieren soll, in der "atemloser" Techno-Schlager scheinbar das Größte ist und ein sonnenbebrillter Volks-Musiker auf Metal macht, ist "In Cinema" eine wirkliche Wohltat: Es gibt noch schöne Musik im wahrsten Sinn. Aufmerksam hören und genießen!


Trialogue [Vinyl LP] [Vinyl LP]
Trialogue [Vinyl LP] [Vinyl LP]
Preis: EUR 16,99

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Bedeutung der "3" ..., 5. Dezember 2014
Rezension bezieht sich auf: Trialogue [Vinyl LP] [Vinyl LP] (Vinyl)
Drei Musiker veröffentlichen eine Platte mit dem Titel "Trialogue", das Cover bildet drei weiße, gezeichnete Vögel auf dunkel-violettem Hintergrund ab, die Musiker stehen für 3 verschiedene Zugänge zum Jazz ...
Bugge Wesseltoft: ein versierter Pianist, Keyboarder und Elektroniker mit Sinn fürs Lyrische, der zwischen Jarrett und House pendeln kann. Dan Berglund: Bassist des legendären Esbjörn Svensson Trios, Spezialist für warme, zupackende und holzige Basstöne, jedoch auch für metal-gefärbte Soli mit gestrichenem Kontrabass, durch Gitarren-Verzerrer gejagt. Henrik Schwarz: Spezialist für Musik aus dem Laptop, die jedoch nicht kalt und steril klingt, sondern seelenvoll und verfremdend zugleich.
Diese 3 treffen auf "Trialogue" zusammen. Wesseltofts Klavier mal mit repetitiven Figuren, mal mit ohrwurmverdächtigen Akkordprogressionen. Berglunds Bass, akustisch, warm, spielt sich nicht sehr oft in den Vordergrund. Schwarz sorgt für dezente Beats und Rhythmusmuster und modifiziert die Sounds der beiden anderen Musiker, indem er Störgeräusche, Klirren und Rückkopplungen geschickt platziert.
Diese Platte soll man am Stück hören. Besonders hervorzuheben: "Valiant", "Movement Seventeen", "Take A Quick Break", "This is my Day" und "Round Midnight": So hat man diesen Monk-Standard noch nie gehört!


Slowly Rolling Camera
Slowly Rolling Camera
Preis: EUR 17,98

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Jazzelektroniktriphopsoulpopwasweißich!, 16. August 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Slowly Rolling Camera (Audio CD)
Mit Genres ist das so eine Sache: Einerseits mag ich Genrebezeichnungen nicht wirklich, da Musik damit in Schubladen gesteckt wird, andererseits sind sie wieder hilfreich, um etwas Neues in Vergleich mit Bekanntem zu setzen.
So bleiben diesem grandiosen Album Vergleiche und Genre-Zuweisungen nicht erspart. Stilistisch bewegen sich Slowly Rolling Camera zwischen Soul, Trip Hop, Jazz und Breitwand-Pop. Meistens kommen diese Elemente in den Stücken gleichzeitig vor, mit Gewichtsverschiebungen natürlich. Die Rhythmen sind (oder wirken) zumindest meist live gespielt, sie rollen eher langsam aber massiv vorwärts und treiben getragene Melodien, die von Streichern und Klavier getragen werden. Als Klammer dient zumeist die sehr soulige Stimme der Sängerin Dionne Bennett. Gelegentlich sind auch Saxofonsoli zu hören. Besonders schön kommt der gezupfte Kontrabass zur Geltung, der etliche Nummern vor einem elektronischen Hintergrund einführt.
Direkte Anspieltipps möchte ich nicht abgeben, da man so ein Album am besten von Anfang bis zum Schluss hört.
Diese Art elektronische Musik, die stark vom Jazz beeinflusst ist, ist zur Zeit nicht allzu häufig zu hören. Aber ich finde, dass sie sehr gut zu folgenden Alben passt: "Two Pages" von 4hero, "Nuspirit Helsinki" vom gleichnamigen finnischen Kollektiv, "In Between" von Jazzanova, sowie "Archipelago" und "Night Walks" von Hidden Orchestra. Von der Ferne grüßen noch Massive Attack und Alpha. Auf jeden Fall ist "Slowly Rolling Camera" eine Bereicherung für die eigene, feine Musiksammlung!


Drum Lesson Vol 1 (15 Tracks)
Drum Lesson Vol 1 (15 Tracks)

5.0 von 5 Sternen Tief in der Jazztradition?, 15. August 2014
Rezension bezieht sich auf: Drum Lesson Vol 1 (15 Tracks) (Audio CD)
Ein Album, das elektronische Musik (z. B. von Kraftwerk bis Daft Punk) in Jazz umsetzt, soll in der Tradition stehen?
Ja, und zwar ganz tief. Von Anfang an nahm der Jazz populäre Musik außerhalb des Genres auf und interpretierte ihn neu. "Summertime", der wohl bekannteste Jazzstandard aller Zeiten ist eine Arie aus der Gershwin-Oper "Porgy and Bess", viele andere sogenannte Standards sind Schlager und Musical-Nummern, und in den letzten zwei Jahrzehnten wurde es zusehends üblich, Rock- und Pop-Stücke in einen Jazzkontext zu stellen. Deshalb ist es logisch, dass auch ursprünglich für den Club gemachte Musik aufgenommen wird. Das ist z. B. auch mit dem Projekt "Re:Jazz" geschehen und es wird hier ebenfalls genial umgesetzt.
Im Unterschied zu "Re:Jazz" wird hier konsequent auf Vokalisten und Gast-Instrumentalisten verzichtet. Die Basis ist ein Piano-Trio, das durch einen Percussionisten ergänzt wird. Melodien und Rhythmen werden eher kurz aufgegriffen und in energiegeladenen Jazz transformiert. Dem ist nichts hinzufügen. Der Rest muss "erhört" werden.


Groß in Fahrt: Roman
Groß in Fahrt: Roman
von Alois Brandstetter
  Taschenbuch
Preis: EUR 6,90

4.0 von 5 Sternen Ein wahres Bildungsbuch, 15. August 2014
Rezension bezieht sich auf: Groß in Fahrt: Roman (Taschenbuch)
Groß in Fahrt ist hier auf jedenfall der Autor, der scheint mir, mit dem Ich-Erzähler identifiziert werden kann. Die literarische Gattungsbezeichnung "Roman" führt augenzwinkernd in die Irre, denn es handelt sich hier um einen knapp 200-seitigen Monolog, in dem der Erzähler vordergründig von seinem Bruder Franz, dem Fahrer von politischen Größen und späteren Rettungsfahrer erzählt. Wer eine Abrechnung mit dem Rettungswesen à la "Zu Lasten der Briefträger" erwartet hat, dessen Erwartungen werden hier nicht erfüllt. Statt dessen werden hier Gedanken über Gott, die Welt und auch die Sprache ausgebreitet, die geschickt mit humanistischer Bildung verwoben werden. Nicht alles ist brillant, aber sprachlich sehr ansprechend, gerade für Freunde der Wörter.
Ich verstehe das Buch auch als Plädoyer für eine umfassende Allgemein- und gegen eine vor allem wirtschaftlich nutzenorientierte Fachbildung, wenn diese die zuerst erwähnte zu ersetzen droht. Und mir gefiel, dass sich der Leser zusätzlich zum Vergnügen literarisch mit Fremdwörtern auseinandersetzen kann, ohne mein Ansicht nach fragwürdige Rhetorik-Ratgeber dazu zu verwenden (Siehe "How to use Fremdwörter, without sich zu flambieren").
In jedem Fall ein nettes Buch für einen oder zwei ruhige Nachmittage.


4
4
Preis: EUR 14,99

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein neues Meisterwerk elektronischer Musik, 11. April 2014
Rezension bezieht sich auf: 4 (Audio CD)
War "Satta" aus dem Jahr 2001 beinahe ein Downbeat-Klassiker (die dazwischen liegenden beiden Alben kenne ich nicht), ist "4" eine bemerkenswerte Öffnung zu neuen Ufern. Das darf man ruhig wörtlich nehmen, wenn man das tolle Cover-Kunstwerk betrachtet. Aus den Titeln der einzelnen Stücke lässt sich das Thema "Arktis/Norden" ableiten. So wie das Artwork ist auch die Musik des Albums in Grau gehalten, allerdings nicht langweilig oder eisig, sondern warm und in ganz verschiedenen Tönen. Aus verschiedenen elektronischen und traditionellen Zutaten ergibt sich ein vielfältiges Klangbild. Der erste Track (mit dem Trompeter Markus Stockhausen) erinnert an manches aus dem Werk von Nils-Petter Molvaer. Es gibt Bezugspunkte zu Minimal Techno, Ambient und Dub. Dem ganzen Werk liegt meiner Ansicht nach der Geist des Jazz zugrunde. Die Rhythmen bewegen sich im Mid-Tempo und gelegentlich bleibt die Musik förmlich stehen und wirkt fast frei improvisiert. Eine Platte dieser Art muss man am Stück hören - und das am besten hintereinander. Elektronikkünstler des Jahres 2014 müssen sich also ordentlich anstrengen, um in diesem Jahr etwas ähnlich Gutes zu produzieren. Es sei ihnen gewünscht.


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9