Profil für Quagga > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Quagga
Top-Rezensenten Rang: 136.173
Hilfreiche Bewertungen: 658

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Quagga

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2
pixel
Dear Germany: Eine Amerikanerin in Deutschland
Dear Germany: Eine Amerikanerin in Deutschland
von Carol Kloeppel
  Taschenbuch

47 von 48 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen 5 von 10 transkulturellen Aha-Erlebnissen, 14. Juli 2010
Sehr naiv, aber wohl nicht bösgemeint: Die stereotype Weltsicht einer Amerikanerin.

Schon nach dem ersten Drittel des Buchs begann mir die konventionelle, konservative und USA-lastige Weltanschauung der Autorin auf die Nerven zu gehen. Ich konnte das Buch dann aber beenden, weil ich es mehr als privates Tagebuch einer unter Kulturschock stehenden Person betrachtete und gewann dadurch sogar manche Einsicht in die amerikanische Psyche.

Denn man erfährt - indirekt - einiges über die Erziehung und die Bildung der Durchschnittsamerikaner, zu denen Mrs Kloeppel, wie ich annehme, gehört - obwohl dies nun wiederum ein klares Vorurteil meinerseits ist. Aber immerhin bin ich mir dessen bewußt.

Wenn Mrs Kloeppel meint, Bilder nackter Frauen in der Werbung und in Tageszeitungen sollten vor den Augen von Kindern besser geschützt werden und Nacktheit in der Öffentlichkeit (oder vielmehr an FKK-Stränden) sei etwas, was man nur in geschlossener Gesellschaft praktizieren solle, dann mag man dies ihrer traditionellen Erziehung zuschreiben. Es wäre wohl zuviel verlangt, von ihr kritische Worte etwa über die liberalen Waffengesetze der USA zu erwarten, oder eine anerkennende Würdigung der in diesem Punkt restriktiveren Verhältnisse in Europa.

Bei vielen der angesprochenen Themen kann man die Gefühle der Autorin durchaus nachempfinden, besonders wenn man die Verhältnisse in den USA aus eigener Anschauung kennt. Das ändert aber nichts daran, daß man sich gerade von einer Journalistin mehr Urteilsvermögen, bei manchen Themen wohl auch mehr Rechercheleistung und insgesamt weniger Oberflächlichkeit gewünscht hätte.

Ja, es gibt ein paar Stellen, an denen man schmunzeln muß, ein paar Stellen, die witzig geschrieben sind, ein paar Stellen, wo die Autorin tatsächlich Durchblick beweist und man ihr beipflichten muß. Leider gibt es auch langweilige und einfach naive Passagen, denen ein kritisches Lektorat gutgetan hätte.

Ein Wort noch: Die amerikanischen Naturwissenschaftler, mit denen ich beruflich und privat verkehre, zeichnen sich durch ein deutlich höheres Maß an Allgemeinwissen (speziell über die Welt außerhalb Amerikas), Differenzierungsvermögen, Kritikfähigkeit (auch Selbstkritik), Toleranz und Verständnis gegenüber anderen Kulturen und nicht zuletzt Humor aus, als Mrs Koeppel in ihrem Buch demonstriert. Man kann ihr nur raten, zu lernen, Menschen mehr als Individuen denn als Vertreter von Nationen wahrzunehmen und zu beurteilen.

5 von 10 transkulturellen Aha-Erlebnissen.

Abschließend bleibt mir nur noch, den armen Peter Kloeppel herzlich zu bedauern.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 15, 2012 2:03 PM MEST


Terror: Roman
Terror: Roman
von Dan Simmons
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,95

13 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Vier von zehn gut gefütterten Bärenfell-Parkas, 15. April 2010
Rezension bezieht sich auf: Terror: Roman (Taschenbuch)
Die Franklin-Expedition von 1845 war wohl die am spektakulärsten gescheiterte Polarunternehmung der Geschichte, die noch Jahrzehnte nachwirkte und durch die vielen Hilfs- und Suchexpeditionen die tatsächliche Erforschung der kanadischen Arktis wesentlich voranbrachte. Wer jedoch glaubt, in diesem Buch eine glaubwürdige (sprich: mögliche) Interpretation der Ereignisse zu finden, der irrt. Was als recht vielversprechend realistische Schilderung des Unternehmens beginnt, entwickelt sich sehr bald zu einem primitiven Horrorszenario mit einem übernatürlichen menschenfressenden Eis-Monster wie aus einer drittklassigen Fernsehserie. Wer diese Art von Fantasy mag, wird hier auf seine Kosten kommen. Mich öden solche Stoffe mittlerweile nur noch an. Dabei schreibt Simmons stellenweise sehr gut und besonders die Charakterisierung von Captain Crozier ist ausgezeichnet gelungen (bis auf das Ende, wenn Crozier zu einem Inuit-Schamanen mutiert). Auch die Detailtreue und der offensichtlich große Aufwand für historische Recherchen, die der Autor betrieben hat, sind bewundernswert. Aber das Buch ist zu lang mit zu vielen Redundanzen. All die Details über die Schiffe, die Ausrüstung, den Proviant, die Kleidung bis zum letzten Hosenknopf usw. wären in einem Dokumentarbericht gut aufgehoben; in einem Thriller erzeugen sie - wenn wie hier im Überfluß gebraucht - letztlich Langeweile, denn sie hemmen den Handlungsfluß. Die Zeitsprünge sind mehr verwirrend als spannungsfördernd. Wenn der Autor kapitelweise zwischen den einzelnen Expeditionsjahren hin- und herhüpft und einzelne Figuren erst tot, dann wieder am Leben, dann wieder tot sind, verliert man rasch den Überblick. Eine lineare Erzählweise hätte hier nicht geschadet. Das Eismonster selbst verlor nach den ersten Auftritten deutlich an Schrecken; zumindest für mich hielt sich der Terror in ziemlich engen Grenzen. Weitere Bücher dieses Autors werde ich wohl nicht lesen.
Vier von zehn gut gefütterten Bärenfell-Parkas.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 13, 2011 1:29 PM CET


Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod - Folge 4: Das Allerneueste aus dem Irrgarten der deutschen Sprache
Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod - Folge 4: Das Allerneueste aus dem Irrgarten der deutschen Sprache
von Bastian Sick
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

18 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen 7 von 10 nicht alltäglichen Sprachproblemen, 4. Dezember 2009
Daß dem Autor nun allmählich der Stoff ausgeht, ist unübersehbar. Wenigstens die auffälligsten und gröbsten Sprach- und Rechtschreibverstöße sind ja längst in den ersten Bänden der Reihe abgehandelt. Daß Sick oft - viel häufiger als man glaubt - nicht der deutschen Grammatik und Rechtschreibung sondern dem eigenen, subjektiven Sprachempfinden folgt, ist ihm mittlerweile auch lang und breit von Linguisten nachgewiesen worden - deren Fachartikel aber leider, im Gegensatz zu Sicks populären Büchern, der breiten Masse weitgehend unbekannt bleiben. Man kann es aber als tröstlich empfinden, daß sich in der Allgemeinheit offensichtlich ein großes, sogar noch wachsendes Interesse an Sprachthemen entwickelt hat.

Ein guter Hinweis darauf, daß Aufklärung nach wie vor not tut, ist die falsche Katalogisierung des Buches selbst hier auf der größten deutschen Bücher-Webseite. Der erste Untertitel lautet nämlich nicht einfach "04" mit einer völlig aus der Luft gegriffenen, führenden Null, sondern "Folge 4". Der zweite Untertitel beginnt nicht, wie von Amazon falsch angegeben, mit "Das Allerneuste", sondern in gutem und richtigem Deutsch mit "Das Allerneueste". Bastian Sick wird dieses Beispiel in seinem zweifellos zu erwartenden fünften Band sicher mit großem Vergnügen aufgreifen.

Nachtrag 2014: Schau an, nach nunmehr 5 Jahren haben die Leute von Amazon endlich gemerkt, daß sie dieses Buch mit falsch geschriebenem Titel katalogisiert hatten und haben die falschen Schreibweisen endlich berichtigt. Fünf Jahre - spricht das nun für oder gegen Amazon? Und leider bleiben viele andere falsche Buchdaten bei Amazon nach wie vor unkorrigiert.


Das erfundene Mittelalter
Das erfundene Mittelalter
von Heribert Illig
  Broschiert

25 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Null von zehn Punkten für ehrliche Recherche, 2. November 2009
Rezension bezieht sich auf: Das erfundene Mittelalter (Broschiert)
Auf den ersten Blick verblüffende und in ihrer Neuartigkeit für den fachlichen Laien womöglich attraktive Thesen vertritt der Nichthistoriker Heribert lllig in diesem Buch. Illig ist promovierter Germanist und hat als Systemanalytiker in einer Bank gearbeitet, bevor er sich als "Privatgelehrter, freier Autor und Editor" selbstständig machte. Kritik am wissenschaftlichen Establishment (oder an dem, was der Nichtfachmann für das Establishment hält) ist in gewissen Kreisen modern und oft sehr publikumswirksam. Illig stößt hier in eine Marktlücke, die vor allem Leser mittlerer Bildungsniveaus anspricht, für die die Hirngespinste eines Däniken oder Buttlar denn doch zu abstrus sind, die aber kein spezielles Fachwissen in den Geschichtswissenschaften mitbringen und deshalb nur schwer erkennen können, worauf Illigs Thesen gründen: Das "gefälschte Mittelalter" beruht auf gefälschten, falsch dargestellten oder unterschlagenen Fakten.
Lehrreich ist dieses Buch nur in einer Weise: Es zeigt, wie man durch das selektive Leugnen, Ignorieren oder Verdrehen von Befunden und Tatsachen praktisch jede beliebige Theorie vertreten kann.


Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat
Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat
von Pierre Bayard
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,95

25 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen 7 von 10 durchgelesenen - nicht quergelesenen oder vergessenen, und schon gar nicht nichtgelesenen - Büchern, 29. März 2009
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Pierre Bayard, Psychologe und Professor für französische Literatur an der Uni Paris, hat ein erfrischend ehrliches Buch geschrieben, in dem es darum geht, wie man mit anderen Menschen kommuniziert über Bücher, an die man sich kaum mehr erinnert, die man nur überflogen ("quergelesen") oder angelesen hat oder die man gar nur aus der Sekundärliteratur kennt (*). Hier die recht aussagekräftige Inhaltsübersicht mit ein paar Bemerkungen von mir:

"ARTEN DES NICHTLESENS

Erstes Kapitel: BÜCHER, DIE MAN NICHT KENNT
in dem der Leser sehen wird, dass es nicht so sehr darauf ankommt, ein bestimmtes Buch zu lesen, was reiner Zeitverlust wäre, sondern darauf, über die Gesamtheit der Bücher das zu haben, was eine Figur Musils den "Überblick" nennt."

Über die Unmöglichkeit, alles (oder auch nur alles für sein Fach oder für das literarische Allgemeinwissen Relevante) lesen zu können und auch dazu zu stehen.

"Zweites Kapitel: BÜCHER, DIE MAN QUERGELESEN HAT
in dem wir mit Valéry erkennen, dass es reicht, ein Buch querzulesen, um ihm einen ganzen Artikel zu widmen, und dass es bei manchen Büchern geradezu unziemlich wäre, anders vorzugehen.

Drittes Kapitel: BÜCHER, DIE MAN VOM HÖRENSAGEN KENNT
in dem Umberto Eco zeigt, dass es nicht nötig ist, ein Buch in der Hand gehabt zu haben, um detailliert darüber zu sprechen, sofern man nur hört und liest, was andere Leser darüber sagen."

Herangezogen wird William von Baskervilles Konfrontation mit Jorge in der Klosterbibliothek, als William dem Blinden erläutert, was er durch Gespräche mit Mönchen, die mit Lesern des geheimen Buchs gesprochen hatten, durch seine allgemeine Kenntnis des ersten Bandes der "Poetik" und des üblichen Aufbaus der Werke des Aristoteles, und durch die Morde selbst ' kurz, was er über den Inhalt des zweiten Bandes, den er gerade mit sorgsam behandschuhten Fingern durchblättert, erschlossen hatte.
"Doch der Weg zur Wahrheit entpuppt sich im Nachhinein als noch komplexer, da Jorge, der Baskerville nachspioniert und hört, wie er sich seine phantastischen Interpretationen um die Apokalypse herum aufbaut, beschließt, ihn in die Irre zu führen und ihm falsche Indizien zu beschaffen, mit denen sich seine These stützen läßt. Und als Gipfel des Paradoxes täuscht der Mörder Baskerville so lange, bis er schließlich der Täuschung verfällt, wenn er sich einredet, die Todesfälle seien durch einen Plan der Vorsehung angeordnet. So gelangt Baskerville zur Feststellung, daß er die Wahrheit zwar herausgefunden hat, aber nur dank der willkürlichen Anhäufung seiner eigenen Irrtümer."

"Viertes Kapitel: BÜCHER, DIE MAN VERGESSEN HAT
in dem man sich mit Montaigne fragt, ob ein Buch, das man gelesen und komplett vergessen hat, von dem man sogar vergessen hat, dass man es gelesen hat, noch immer ein Buch ist, das man gelesen hat."

Montaigne, dessen Vergeßlichkeit berühmt war, konnte sich den Inhalt von Büchern nicht merken und schrieb deshalb in all seine Bücher kurze Inhaltsangaben und Anmerkungen hinein, um sie nicht versehentlich ein zweites (oder drittes, viertes etc.) Mal zu lesen. Er wird hier als extremer Fall behandelt, um das generelle Phänomen von vergessenen, halb vergessenen oder nur noch bruchstückhaft erinnerten Büchern abzudecken. Montaigne konnte sich nicht einmal den Inhalt der von ihm selbst verfaßten Bücher merken -' ein Zustand, den ich ansatzweise nachfühlen kann, wenn ich nach Details in Inhalten eigener Publikationen gefragt werde, die mittlerweile zehn Jahre zurückliegen. Man fühlt sich so _blöd_, wenn man zugeben muß "Moment, da muß ich erst mal nachlesen, was ich damals darüber geschrieben habe." Ach ja.

"GESPRÄCHSSITUATIONEN

Erstes Kapitel: IM GESELLSCHAFTSLEBEN
in dem Graham Greene von einer alptraumhaften Situation erzählt, in der sich der Held einem ganzen Saal von Bewunderern gegenübersieht, die gespannt darauf warten, dass er sich zu Büchern äußert, die er nicht gelesen hat."

In "Der dritte Mann" gerät der Protagonist, Schreiber von Western"schund"romanen, wegen einer Namensverwechslung in eine Diskussion mit Lesern eines "intellektuellen" Autors; Leser, deren Fragen er kaum versteht und die seine peinlichen Antwortversuche als bissigen Humor, harsche Kritik an Schriftstellerkollegen und satirische Seitenhiebe interpretieren. Die Szene war auch im Film. Überhaupt kommen in Bayards Buch viele verfilmte Bücher vor.

"Zweites Kapitel: EINEM LEHRER GEGENÜBER
in dem sich beim Volksstamm der Tiv bestätigt, dass es absolut unnötig ist, ein Buch aufzuschlagen, um darüber eine kluge Meinung abzugeben, auch wenn das den Wissenschaftlern nicht gefällt."

Anthropologin Laura Bohannon will den nigerianischen Tiv den Hamlet näherbringen, um herauszufinden, ob er wirklich weltweit gültige Menschheitsfragen behandelt, und scheitert bereits bei der Übersetzung des ersten Akts: da die Tiv nicht an Geister glauben [da sage nochmal einer was gegen die angeblich so abergläubischen Naturvölker :-)], nehmen sie ihrer Vorleserin den Geist von Hamlets Vater nicht ab und halten Hamlet für töricht, einer irrealen Erscheinung zu trauen.
Die Anthropologin verstrickt sich mehr und mehr in Erklärungsnöte.
"Tote können nicht gehen", protestierte mein Publikum einstimmig.
Ich war zu einem Kompromiß bereit: "Ein 'ghost' ist der Schatten eines Toten."
Aber sie hatten immer noch Einwände: "Tote haben keinen Schatten."
"In meinem Land haben sie eben einen", versetzte ich kühl."

"Drittes Kapitel: DEM SCHRIFTSTELLER GEGENÜBER
in dem Pierre Siniac zeigt, dass man seine Worte einem Schriftsteller gegenüber abwägen sollte, vor allem, wenn dieser das Buch, dessen Autor er ist, nicht gelesen hat.

Viertes Kapitel: DER ODER DEM LIEBSTEN GEGENÜBER
in dem wir mit Bill Murray und seinem Murmeltier zur Einsicht gelangen, dass es, um jemanden im Gespräch über Bücher zu verführen, die der andere liebt und die wir nicht gelesen haben, das Beste wäre, die Zeit anzuhalten."

Hier gehts im wesentlichen um das Glück, sich mit seiner Partnerin über Bücher unterhalten zu können, die beide gelesen haben. Das Lob des identischen kulturellen Backgrounds oder wie man einen solchen durch Lektüre schaffen kann, exemplifiziert anhand des Films "Groundhog Day".

"EMPFOHLENE HALTUNGEN

Erstes Kapitel: SICH NICHT SCHÄMEN
in dem wir in einem Roman von David Lodge die Bestätigung dafür finden, dass die Grundvoraussetzung für ein Gespräch über nicht gelesene Bücher ist, sich nicht dafür zu schämen.

Zweites Kapitel: SICH DURCHSETZEN
in dem Balzac beweist, dass es umso einfacher ist, seine Meinung über ein Buch durchzusetzen, als dieses kein fester Gegenstand ist, und dass man an dem Verwandlungsprozess der Bücher auch nichts ändern kann, wenn man sie mit einer tintenbefleckten Schnur umwickelt.

Drittes Kapitel: BÜCHER ERFINDEN
in dem man in einem Buch Sosekis den Rat einer Katze und eines Ästhetikers mit Goldbrille bekommt, die beide, in unterschiedlichen Bereichen, die Notwendigkeit des Erfindens vertreten.

Viertes Kapitel: VON SICH SPRECHEN
in dem man mit Oscar Wilde zur Schlussfolgerung gelangt, dass die angemessene Lesedauer eines Buches zehn Minuten beträgt, da man sonst vergessen könnte, dass die Begegnung mit einem Text hauptsächlich eine Anregung ist, seine Autobiographie zu schreiben."

Auch wenn ich noch nicht ganz durch bin (auf das Kapitel "Bücher erfinden" bin ich besonders gespannt), kann ich jetzt schon sagen: Dies ist ein vergnügliches Buch. Die bei intellektuellen Franzosen meist übliche verbosité [zu gut deutsch: Vielschwätzerei ;-)] tritt nicht zu sehr in den Vordergrund, der Inhalt ist geistreich, das Thema ist in der Tat für alle Leute, die sich über Bücher unterhalten, von Interesse und wird zumindest für mich aus ganz neuen Blickwinkeln beleuchtet.

Übrigens schafft es der Autor spielend, den Leser an der Nase herumzuführen. Schon im dritten Kapitel dachte ich: "Ging "Der Name der Rose" wirklich so aus? Und kam das, was er da beschreibt, wirklich drin vor?" War letztlich zu faul, in der Rose nachzuschlagen, und behielt leise Zweifel zurück: Erstens an meiner Erinnerung ans Buch und zweitens an Bayards Darstellung der Handlung. "Hat er das Buch etwa wirklich nicht richtig ...? Diesen Klassiker? Aber nein, das hätten doch seine Lektoren merken müssen. Oder?" Dann kam so etwas in einem anderen Kapitel nochmal vor und schließlich ein drittes Mal. Immer nur Details, die ich selbst nur noch verschwommen im Gedächtnis hatte. Schließlich läßt Bayard durchblicken, daß er diese kleinen Änderungen mit voller Absicht eingebracht hat, der schlaue Hund. Und man begreift sozusagen am eigenen Leib, wie trügerisch oder vielmehr löcherig die Erinnerung ist.
[Witzig: Ein Leser, der eine Amazon-Rezension dazu abgegeben hat, hatte das Buch offenbar nicht bis hierher gelesen, denn er kritisiert in seinem ein-Stern-Review unter anderem, daß Bayard falsche Vermutungen über den Schluß von "Der Name der Rose" äußert '- und tut damit, ohne es zu wissen, genau das, wovon Bayards Buch handelt: Über Bücher sprechen, die man nicht (oder in diesem Fall zumindest nicht vollständig) gelesen hat. :D]

(*) Bayard gibt sich ganz offen und benutzt für alle erwähnten Bücher ein Kürzel, aus dem hervorgeht, ob er das Buch gelesen hat bzw. noch erinnert oder nicht: UB = unbekanntes Buch; QB = quergelesenes Buch; EB = erwähntes Buch ("Bücher, die man in meiner Anwesenheit erwähnt hat"); VB = wieder vergessenes Buch. Und '- da wirkt er dann etwas überheblich -' wagt auch noch eine vierstufige Bewertung (von ++ über + zu - und --) aller Bücher, auch derer, die er nicht gelesen hat.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 31, 2011 8:43 AM CET


Why Not Catch-21?: The Stories Behind the Titles
Why Not Catch-21?: The Stories Behind the Titles
von Gary Dexter
  Gebundene Ausgabe

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen 8 von 10 weißen Kamelien, portugiesischen Sonetten und Hemingway'schen Hoden -' äh, Oden..., 12. März 2009
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
"A deliciously witty and erudite collection which, as with a box of chocolate liqueurs, I had to discipline myself not to consume too quickly. Few writers have ever worn their learning as lightly as Gary Dexter." Gilbert Adair

Entstanden aus einer wöchentlichen Kolumne im "Sunday Telegraph" erläutert Literaturkritiker Dexter den Ursprung von Buchtiteln, deren Bedeutung sich nicht direkt aus Inhalt und Handlung erschließen läßt. 50 Werke werden besprochen, in kurzen Kapiteln von 4 bis 6 Seiten, von Klassikern wie Thomas Mores "Utopia" über "Hamlet" bis zur Moderne mit "The Picture of Dorian Grey", "Ulysses", "The Postman always Rings twice", "1984" oder "A Clockwork Orange". Die Texte sind nicht nur gut geschrieben, sondern auch (soweit ich das beurteilen kann) gut recherchiert und mit Quellenangaben und Zitaten versehen. Und mit Fußnoten (angeordnet als Endnoten am Schluß jedes Kapitels) - für viele bildungsferne Leser der Alptraum schlechthin ;-). Ich mag Fußnoten. [/Bekenntnis]

Der Schwerpunkt in der Auswahl liegt verständlicherweise bei englischsprachigen Werken. Einige fremdsprachige sind dabei: Tolstois "Kreutzersonate", Tschechows "Möwe", Rabelais' "Gargantua et Pantagruel" u. a. Ursprünglich deutsch sind nur Johann David Wyss' "The Swiss Family Robinson" ("Der Schweizerische Robinson") und Sigmund Freuds "The Ego and the Id" ("Das Ich und das Es").

Manche wären unter ihrem deutschen Titel gar nicht unverständlich, etwa Platos "Staat", der im Englischen den erklärungsbedürftigeren Titel "The Republic" trägt, oder "Cinderella, or the Little Glass Slipper", bei dem die Analyse sich vor allem um die Herkunft und Bedeutung des gläsernen Schuhs in der französischen und englischen Version dreht - im "Aschenputtel" ist er nicht aus Glas; dieses Detail kam bei uns erst im 20. Jh. über die Disney-Verfilmungen aus Amerika.

Die Auswahl der Werke zieht sich durch alle Genres: Romane und Dramen, Gedichtsammlungen ("Poems by Currer, Ellis and Acton Bell" von den Brontë-Schwestern), Märchen, Kinderbücher ("Winnie-the-Pooh"), Fantasy (C. S. Lewis' "The Lion, the Witch, and the Wardrobe") und selbst "Pornographie" oder was damals dafür gehalten wurde, denn John Clelands "Fanny Hill", ursprünglich "Memoirs of a woman of pleasure", würde man heute nicht mehr in diese Schublade stecken. Ebensowenig Nabokovs "Lolita"; hier dreht sich die Diskussion um die Herkunft des Namens und Grundmotivs: hat Nabokov einen deutschen Nazi-Autor plagiiert oder nicht? Das vielleicht obskurste Werk in diesem Buch ist "The SCUM Manifesto" von Valerie Solanas, der Frau, die auf Andy Warhol schoß und ihr Leben lang bedauerte, ihn nicht tödlich getroffen zu haben. Das "SCUM (Society for Cutting Up Men) Manifesto" spricht sich für die Abschaffung der Männer aus, was natürlich mittelfristig zum Aussterben des Homo sapiens führt. Gegen Ende ihres Machwerks scheint die Autorin zu erkennen, daß sie sich in eine Ecke manövriert hat: "Why produce even females? Why should there be future generations? What is their purpose?"

ELIZABETH BARRETT BROWNING: "SONNETS FROM THE PORTUGUESE"
Bekannt ist allgemein, daß es sich nicht um aus dem Portugiesischen übersetzte Gedichte handelt, wie der Titel vermuten läßt, sondern um die Liebesgedichte, die Elizabeth 1845-1846 an Robert Browning geschrieben hat, in der Zeit bevor sie heirateten und vor Elizabeths Vater durch halb Europa flohen.

Was ich nicht wußte: Elizabeth hat die Gedichte anfangs vor Robert geheimgehalten und sie ihm erst 1849 in Bagni di Lucca gezeigt. Er überredete sie dann, die Texte in ihr Buch "Poems" (1850) aufzunehmen, und sie tat das unter der Bedingung, daß sie als Übersetzungen fremdsprachiger Werke ausgegeben wurden.

Warum gerade "Portuguese"? Ein Insider-Gag zwischen den beiden Herzchen. Schon bevor er Elizabeth persönlich kennenlernte, hatte Robert ihr "From Catarina to Camoens" gelesen, das die Gedanken einer sterbenden Portugiesin namens Catarina wiedergibt und das ihn angeblich zu Tränen gerührt hatte. "Meine kleine Portugiesin" war dann Roberts Spitzname für Elizabeth geworden.

Daher also "Sonnets from the Portuguese", das im Englischen genausogut "Sonette aus dem Portugiesischen" wie "Sonette von der Portugiesin" heißen kann, ein Wortspiel, das in anderen Sprachen, darunter dem Deutschen, leider nicht funktioniert.

Elizabeth hatte zunächst den Titel "Sonnets translated from the Bosnian" erwogen ...

ALEXANDRE DUMAS D. J.: "DIE KAMELIENDAME"
Habe ich nie gelesen. Hier werde ich nicht nur mit der Zusammenfassung der Story, sondern auch mit den autobiographischen Hintergründen versorgt.

Als Dumas der Jüngere 1895 begraben wurde, nahmen einige Trauergäste Blumen von seinem Sarg und trugen sie an das nicht weit entfernte Grab von Alphonsine Plessis, dem wahren Vorbild der "Kameliendame" Marguerite Gautier. Welches Mißverständnis.

Die Story: Die gefeierte Pariser Kurtisane Marguerite Gautier trägt an fünf Tagen des Monats rote Kamelien, an den übrigen weiße, und angeblich weiß keiner, warum - behauptet der Autor. (Er wußte es sehr wohl: die weißen Kamelien signalisierten ihre sexuelle Verfügbarkeit an diesen Tagen.) Von adeligen Liebhabern umschwärmt und ausgehalten, liebt sie in Wirklichkeit den Schriftsteller Armand Duval [Alexandre Dumas]. Der entführt die an Schwindsucht Leidende aufs Land, wo sie sich an frischer Luft und unter spezieller Diät zu erholen beginnt. Aber Armands Vater besucht sie heimlich und überredet sie, Armand um des guten Namens der Familie willen aufzugeben. Sie willigt schließlich ein, spielt Armand vor, sie sei seiner überdrüssig und verläßt ihn. Krank und einsam stirbt sie in Paris, bis zuletzt Armands Namen vor sich hin flüsternd. Als Armand später die wahren Hintergründe erfährt, macht er sich bitterste Vorwürfe. Er besucht ihr Grab, das gerade geöffnet wird, um sie in eine marmorne Grabstätte zu überführen, und beschreibt den schaurigen Anblick der Leiche, der den Gegenpol zu der liebevollen, enthusiastischen Beschreibung ihres Aussehens bildet, mit der das Buch begonnen hat. Hochtragisch und romantisch also, das Ganze.

Die Wahrheit sieht wie immer ein klein wenig anders aus:
Von ihrem Vater schon mit 12 oder 13 Jahren zum Sex an Bekannte vermietet ging Alphonsine Plessis (*1824) nach Paris, wo sie sich Marie Duplessis nannte, sich selber das Lesen und Schreiben beibrachte und aufgrund ihrer Schönheit und ihres Esprit mit 16 eine bekannte Kurtisane geworden war, die sich in höchsten Kreisen bewegte. Eine zeitlang wurde sie von sieben Aristokraten ausgehalten, von denen jeder einen Wochentag bei ihr reserviert hatte. 1844 traf sie Alexandre Dumas d. J., doch die Beziehung scheiterte nach 11 Monaten. Danach soll der Komponist Franz Liszt die Liebe ihres Lebens gewesen sein, aber 1846 heiratete sie, vielleicht aus finanziellen Erwägungen, den Comte Édouard de Perregaux. Im selben Jahr wurde sie krank, siechte dahin und starb im Februar 1847 mit 23 Jahren. Weder Dumas noch Liszt hatten sie während ihrer Krankheit auch nur besucht.

Im Juni 1847 war Dumas schwer verschuldet auf der Suche nach dem Stoff für einen Bestseller. Das Leben von Marie dafür zu verwursten war naheliegend; er nutzte die Gelegenheit und schrieb seine Version der Geschichte innerhalb von drei Wochen nieder. Dexter meint: "The "Lady of the Camellias", which has survived because it is a beautifully crafted novel of love, is in thruth, beneath its glittering surface, a novel of exploitation. One might almost say betrayal."

MARY SHELLEY: "FRANKENSTEIN, OR THE MODERN PROMETHEUS"
Am 2. September 1814 hatten die Shelleys auf ihrer Deutschlandreise vom Rhein bei Gernsheim aus einen Blick auf die Ruine von Schloß Frankenstein, die Heimat eines gewissen Konrad Dippel von Frankenstein (1673-1734), der sich als Alchimist betätigt hatte und wegen Grabschändung von der Universität Straßburg verwiesen wurde. Es gibt aber keine Belege dafür, daß Mary diese Geschichten gehört hat. Vielleicht gefiel ihr nur der Name. Dexter fügt noch ein kleines Zitat an, in dem Mary die deutsche Landbevölkerung als ausgesprochen widerlich schildert - sie nennt sie "animals" und "monsters". Diese kleinen Histörchen und kontextbezogenen Zusatzinformationen machen einen großen Reiz des Buches aus.

JULES VERNES "IN 80 TAGEN UM DIE WELT" ist fast sowas wie ein Plagiat gewesen. Vorbild war wahrscheinlich der megalomanische amerikanische Eisenbahnmagnat George Francis Train (der hieß wirklich so ;)), der sich als Weltreisender einen Namen machte und mehrfach seinen eigenen Rekord brach, bis er die Erdumrundung in 60 Tagen schaffte. Als er es zum ersten Mal versuchte - während er 1870 gegen Grant für die Präsidentschaft kandidierte - verfehlte er die 80 Tage um gut zwei Monate. Zur gleichen Zeit begann Verne seinen Roman zu schreiben, der ab 1872 in Fortsetzungen in "Le Temps" erschien. Train hat sich immer als Vorbild für Phileas Fogg gesehen und Verne hat sich nie dazu geäußert.

HEMINGWAYS "THE SUN ALSO RISES" ist ein Bibelzitat - hier mit sexuellen Konnotationen. Die Hauptperson ist zeugungsunfähig. Hem schrieb an F. Scott Fitzgerald, der Titel müsse eigentlich lauten "The Sun also Rises (Like your Cock if you Have One)". Hemingway hatte gut lachen: Bei seiner Verletzung im 1. Weltkrieg hatte er über 200 Schrapnellwunden in der unteren Körperhälfte erhalten - darunter 2 im Hodensack, aber die Hoden selbst und sein Penis waren unbeschädigt geblieben. [Sein Hoden wurde in der Rekonvaleszenzphase auf einem speziellen Kissen gelagert. Wie Dexter dazu in einer Fußnote mitteilt, ist dieses Kissen im Hemingway-Museum in Key West _nicht_ zu besichtigen. Gehört auch zu den Fakten-über-Weltliteratur-die-ich-noch-nicht-kannte-und-auch-nicht-vermißt-hätte-die-aber-kuriose-Anekdoten-abgeben. Anspruchsvoller ausgedrückt: Hier läßt sich der Unterschied zwischen einer historischen Hintergrundinformation und einer Randinformation verdeutlichen. Hemingways Verletzung ist ersteres, der Hinweis über das Nichtausgestelltsein seines Hodenkissens ist letzteres.] Im Lazarett konnte er beobachten, wie es Leuten erging, die nicht so viel Glück gehabt hatten, und später hat er das Thema literarisch verarbeitet.

Ob es mal eine deutsche Übersetzung von Dexters Werkchen geben wird? Wohl eher nicht, weil der Inhalt so stark mit der englischen Sprache verknüpft ist und einige Wortspiele unübersetzbar bleiben. Außerdem tragen manche Bücher im Deutschen ganz andere Titel. James M. Cains "The Postman always Rings twice" war 1950 als "Die Rechnung ohne den Wirt" übersetzt worden. Als 1981 die Neuverfilmung mit Jack Nicholson und Jessica Lange in die Kinos kam, erhielt sie den in mehrfacher Hinsicht dämlichsten deutschen Übersetzungstitel der Filmgeschichte: "Wenn der Postmann zweimal klingelt", und unter dem Titel wird seitdem auch das Buch verkauft. Davon abgesehen daß es im Deutschen keinen "Postmann" gibt - "postman" heißt schlicht Postbote oder Briefträger - bleibt der Titel schon deshalb unverständlich, weil in dem ganzen Buch (und Film) kein Postbote vorkommt und auch niemand zweimal klingelt. Eine richtige Übersetzung wäre zwar "Der Postbote klingelt immer zweimal", aber damit kann der Leser/Zuschauer mangels Hintergrundwissens nichts anfangen. Wie es zu dem originalen "The Postman always Rings twice" kam, erläutert Dexter anhand eines Zitats von Cain, der diesen Einfall im Gespräch mit einem Kollegen hatte, aber selbst dieses Zitat läßt noch Fragen offen.

Ein angenehm geschriebenes, informatives und handliches Büchlein, durch die eigenständigen, kurzen Kapitel gut als Zwischendurch-Lektüre geeignet. Ich hab schon ein oder zwei Leute im Auge, denen ich es zum Geburtstag schenken werde. Trotz seiner Taschenbuchgröße ist es solide in relativ starkem Karton gebunden - vielleicht ahnt der Verlag, daß es als Reisebuch Verwendung finden wird.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 17, 2013 10:14 PM CET


Shakespeare - wie ich ihn sehe
Shakespeare - wie ich ihn sehe
von Bill Bryson
  Gebundene Ausgabe

7 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen 8 von 10 Shakespes, Shakspes, Shaksperes, Shakesperes, Shakspeares, Shaxperes, Shagspeeres bzw. Shaggespeares, 12. März 2009
[Diese Rezension bezieht sich auf die Originalversion des Buchs.]

"We are not sure how best to spell his name - but then neither, it appears, was he, for the name is never spelled the same way twice in the signatures that survive. (They read as 'Willm Shaksp', 'William Shakespe', 'Wm Shakspe', 'William Shakspere', 'Willm Shakspere' and 'William Shakspeare'. Curiously, one spelling he didn't use was the one now universally attached to his name.) Nor can we be entirely confident how he pronounced his name. Helge Kökeritz, author of the definitive Shakespeare's Pronunciation, thought it possible that Shakespeare said it with a short a, as in 'shack'. It may have been spoken one way in Stratford and another in London, or he may have been as variable with the pronunciation as he was with the spelling.

We don't know if he ever left England. We don't know who his principal companions were or how he amused himself. His sexuality is an irreconcilable mystery. On only a handful of days in his life can we say with absolute certainty where he was. We have no record at all of his whereabouts for the eight critical years when he left his wife and three young children in Stratford and became, with almost impossible swiftness, a successful playwright in London. By the time he is first mentioned in print as a playwright, in 1592, his life was already more than half over.

For the rest, he is a kind of literary equivalent of an electron - forever there and not there."

Die Bandbreite von Brysons literarischem Austoß ist bemerkenswert, genauso auch dessen Qualität. Es gibt von ihm Bücher, die sich fast von selbst lesen: Man legt sich mittags aufs Sofa und fängt an; plötzlich ist es draußen dunkel und man hat das Buch durch und immer noch ein Grinsen im Gesicht, fühlt sich dabei unterhalten und informiert (z.B. Down Under). Andere sind weniger gut und eines ist bei mir schwer mitgenommen, nicht weil ich es so oft gelesen habe, sondern weil ich es beim Lesen so oft wütend in die Ecke gepfeffert habe: seine Jugendsünde Neither Here nor There.

Das Shakespeare-Buch ist eins seiner besten. Ein Sachbuch, eine literarische Biographie, ein Überblick über mehrere Jahrhunderte Shakespeare-Forschung, lebendig und klug geschrieben.

Nun ist Will Shakespeares Leben ein Thema, das man auf 20 Seiten erschöpfend abhandeln könnte, wenn man sich auf die bloßen Fakten beschränkte, die über sein Leben bekannt sind. Bryson bietet Hintergrundinformationen, einmal über das kulturelle Leben und die politische Situation im 16./17. Jahrhundert, zum anderen umreißt er immer wieder Aspekte der geschichtlichen Entwicklung der Shakespeare-Forschung: wann wer was herausgefunden hat und wie sich jedes Puzzleteilchen einfügt in ein ' wenn auch äußerst unvollständiges ' Gesamtbild.

Am Schluß wird es übrigens richtig lustig. Kapitel neun enthält die "Claimants". Es behandelt die diversen Verschwörungstheorien und deren Vertreter, von den total Irren (im Wortsinne: Delia Bacon, die erste Verschwörungstheoretikerin, endete in einer Nervenheilanstalt im Glauben, sie sei der Heilige Geist) bis zu den Akademikern, die es eigentlich besser wissen müßten. Bryson zerpflückt die Argumente der Anti-Statfordianer mit Gusto und Witz, wobei er sich da natürlich auf Generationen von Shakespeare-Forschern stützen kann.

Als kurze und kurzweilige Einführung in das Phänomen Shakespeare kann ich das 200-Seiten-Büchlein sehr empfehlen, sowohl für Leute, die noch nicht viel über Shakespeare wissen und nur mal kurz in diese Problematik hineinschnuppern möchten als auch für Fans des swan of Avon. Einziger Wermutstropfen: Es gibt keine Abbildungen. So bleibt einem nichts anderes übrig, als nebenher den Computer laufen zu lassen und nach dem Chandos-Portrait und anderen visuellen Quellen zu gugeln.

Das Cover des Buchs ist übrigens bescheiden, doch das sagt nichts über den Inhalt aus. Man sollte sich also nicht von der drittklassigen Zeichnung des stoppelbärtigen, triefäugigen Will abschrecken lassen. [Die deutsche Ausgabe hat ein anderes Cover.]


Die andere Evolution
Die andere Evolution
von Lynn Margulis
  Gebundene Ausgabe

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen 8 von 10 Endosymbionten, 11. März 2009
Rezension bezieht sich auf: Die andere Evolution (Gebundene Ausgabe)
Wer sich für Wissenschaftsgeschichte interessiert, kann hier auf seine Kosten kommen. Lynn Margulis, Ex-Frau von Carl Sagan und Mutter von Dorion Sagan, außerdem - und wichtiger - die "Mutter" der Endosymbiontentheorie, plaudert nämlich hier auch ein bißchen aus der Schule, sprich: aus ihrem Leben. Obwohl das Buch primär eine historische Übersicht der Entwicklung der Endosymbiontentheorie bietet, enthält es auch einiges Privates, so über jugendliche Eskapaden.
"In secret exercise of my perceived rights as a person of free will I snuck out of the University of Chicago eight-grade laboratory school, with its vastly inferior pool of potential boyfriends, and returned to the huge public high school where I had decided I belonged. I refused to stay another day in that lab school, where everything was so familiar and algebra was so hard. I was living in my parents' lovely South Shore Drive apartment and decided that running away was the only solution. Of course, I had no money, nowhere to go, and a rigid schedule of classes and duties."
Es kam wie es kommen mußte.
"Fury hit the fan when the high school administrators realized that my parents had no idea that I was not in the lab school; when I had told them that I was leaving I hadn't admitted that my parents didn't know. Of course my parents had not noticed the missing tuition bill. - Many teary sessions followed in and out of school."
Man bekommt aber einen Endruck, warum sich der charismatische Carl Sagan von dieser dickköpfigen jungen Dame angezogen gefühlt haben mag.
"At age fourteen I was lucky indeed to be accepted into the University of Chicago's special early entry program. Although three and a half years later I graduated with many acquisitions, including a liberal arts degree and a husband [Sagan], by far the most lasting was a thoroughgoing, finely nurtured critical scepticism. I cherish my University of Chicago education for its central teaching: one must always strive to distinguish bullshit from authenticity."

Obwohl das Buch nun schon ein paar Jahre alt ist (1998) bietet es einen immer noch aktuellen, allgemeinverständlichen, aber knapp gehaltenen (146 S.) Überblick sowohl über die Endosymbiontentheorie als auch über die Gaia-Hypothese. Ein klein wenig Grundwissen über beide Themen sollte man allerdings mitbringen. Der einzige Wermutstropfen ist die spärliche Ausstattung mit nur wenigen und durchgehend schwarzweißen Abbildungen. Beide, die serielle Endosymbiontentheorie (SET à la Margulis) und die Gaia-Hypothese, werden im Kontext ihrer historischen Entwicklung dargestellt. Insofern ist dies nicht nur ein Lehrbuch, sondern vielmehr ein Geschichtsbuch aus individueller Sicht ' aber wie gesagt: man sollte sich wirklich für Biologiegeschichte interessieren.

Margulis ist von Grund auf Optimistin. Sie meint, die Erde wird auch mit so schädlichen Organismen wie Homo sapiens fertigwerden: "Gaia, a tough bitch, is not at all threatened by humans".
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 11, 2012 12:46 PM MEST


Lexikon des Unwissens: Worauf es bisher keine Antwort gibt
Lexikon des Unwissens: Worauf es bisher keine Antwort gibt
von Kathrin Passig
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,90

44 von 45 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen 7 von 10 theoretisch postulierten aber noch unentdeckten Elementarteilchen, 6. März 2009
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Trotz des merkwürdigen Titels ist dies ein kurzweiliges Büchlein, verfaßt von einer Redakteurin / Programmiererin und einem Astronomen. In der Danksagung wird ferner die Mitarbeit von zwei Dutzend Experten gewürdigt.

Der Band gibt kurze, komprimierte Überblicke über Fragestellung und aktuellen Forschungsstand zu verschiedenen noch ungeklärten Phänomenen. Die Themen bewegen sich zwischen Mathematik (P/NP-Probleme, Riemann-Hypothese), allgemeinen und speziellen naturwissenschaftlichen Fragen (Elementarteilchen, Dunkle Materie, Kugelsternhaufen, Rotation von Sternen, Kugelblitze, Entstehung des Lebens, Plattentektonik bis hin zu Rotem Regen, Massenauftreten von Tausendfüßlern, der herbstlichen Laubverfärbung), anatomischen Themen (Warum und mit welchem Organ schnurren Katzen? Wozu dient die weibliche Ejakulation und woraus besteht das Ejakulat? Wie funktioniert eigentlich das Riechen? Warum und von wem werden bestimmte Geräusche als unangenehm empfunden? Warum gähnt man und warum ist das ansteckend? Warum nimmt Kurzsichtigkeit in den letzten Jahrzehnten zu - vor allem in Asien - und warum ist sie überhaupt so ungleich verbreitet?) bis hin zu historischen Fragen (Wann, von wo aus und gegebenenfalls wie oft wurde der amerikanische Kontinent besiedelt? Deutungen des Voynich-Manuskripts. Was war der Stern von Bethlehem? Welchen Ursprung hat die Hitze im kalifornischen Los-Padres-Nationalpark (stellenweise 300°C in vier Meter Bodentiefe)? Was war das Tunguska-Ereignis?). Selbst einen Artikel zur Laffer-Kurve gibt es: Diese Kurve beschreibt den Zusammenhang zwischen der Höhe der Steuersätze und den resultierenden Steuereinnahmen des Staates. Mit zunehmender Steuerhöhe sinken nämlich irgendwann die Steuereinnahmen; am Anfang und am Ende der Kurve gehen die Einnahmen gegen Null.

Die Themen sind - soweit ich das beurteilen kann - durchaus kompetent dargestellt und man erfährt viel Wissenswertes, was zumindest einen Einblick ins jeweilige Thema erlaubt. Meistens werden unterschiedliche Deutungen oder konkurrierende Theorien dargestellt, häufig erhält man einen historischen Abriß zur jeweiligen Forschungsgeschichte. Zu jedem Kapitel gibt es weiterführende Literatur bzw. Weblinks. Aufgrund der thematischen Bandbreite (es sind 42 Kapitel, von denen ich nur einen Teil genannt habe) ist wohl für jeden Leser etwas dabei und nur der manchmal etwas schnoddrige Tonfall wirkt an der einen oder anderen Stelle deplaziert.

Dieses Büchlein eignet sich perfekt zum einmal Durchlesen und dann Weiterverschenken an wißbegierige und lesefreudige Bekannte. Aufgrund der unabhängigen Kapitel ist es gut als Unterbrechungslektüre, z.B. für kürzere Bahn- und Busfahrten oder WC-Sitzungen, geeignet.


Das Geheimnis der Kornkreise
Das Geheimnis der Kornkreise
von Werner Anderhub
  Gebundene Ausgabe

5 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen 7 von 10 mitternächtlich-heimlich schuftenden Kornkreis-Künstlern, 13. Januar 2008
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Um es gleich vorwegzunehmen: Dieser Bildband steht in meinem Bücherregal im Fach "Kunst" zwischen "Skulptur" und "Diverses". In Buchhandlungen findet man ihn unter "Esoterik", aber zu diesem Thema hab ich zu wenig Literatur für ein eigenes Regalfach. Überhaupt würden dergleichen Schriften bei mir unter "Psychologie, Religion und Aberglauben" landen.

Aber zum Buch: Es handelt sich um eine Dokumentation von Kornkunst aus England und Mitteleuropa, die der Erstautor in den 90er Jahren in zahllosen Flugstunden aus der Luft fotografiert hat und in beeindruckenden Bildern vorstellt.

Da gibt es einfache und komplizierte Formen, von keltischen Münzen abgeguckte Kornkreismuster, Kornkreise mit in Flechtwerkart gelegtem Getreide und vieles erstaunliche mehr. Als in den 90er Jahren Fraktale die große Mode waren und Dutzende Bücher und Grafiken über dieses Thema herauskamen, begannen plötzlich auch fraktale Kornkreise zu erscheinen. (Die Aliens richten sich eben immer ganz nach dem menschlichen Geschmack.)

Das Buch enthält jedoch nicht nur schöne Bilder, sondern auch Text. Der liefert zum Teil genauere Informationen über die vorgestellten Kornkreise und ist insoweit nützlich. Zum anderen ist er natürlich auf die Zielgruppen solcher Literatur zugeschnitten und deshalb für den "normalen" oder naturwissenschaftlich-logisch ausgerichteten Leser bedeutungslos.

Der Autor hat höchstselbst unerklärliche nächtliche Lichterscheinungen über einem (bereits bestehenden) Kornkreis beobachtet und legt großen Wert darauf, das Ereignis so vage zu schildern, daß viel Interpretationsspielraum bleibt, so daß er keiner der verschiedenen Mythologie- und Esoterik-Fraktionen und UFO-Jüngern das Wasser für ihre jeweilige Lieblingsinterpretation ganz abgräbt. So werden denn auch die weniger gelungenen (oder total mißlungenen oder mitten im Bau aufgegebenen) Kornkreise, deren anthropogene Herkunft sich beim besten Willen nicht abstreiten läßt, empört als menschengemachte "Fälschungen" angeprangert. Hier bietet der Text - wie die gesamte Subkultur der "Croppies" - sicher ein weites Feld für Psychologen, aber für mich war das nur ein Nebenaspekt. Der hauptsächliche Reiz liegt in den Bildern, die diese vergänglichen Kunstwerke für die Nachwelt dokumentieren. Bildlegenden wie
"Der Dreimond", Oliver's Castle, 27. Juli 1994, 110 m, Weizen.
erinneren nicht von ungefähr an die Bildlegenden, wie man sie auch von anderen Kunstwerken gewohnt ist, sagen wir
"Weizenfeld", 1794, 45 x 23 cm, Öl auf Leinwand, Paris (Louvre).

In ihrer Vergänglichkeit erinnert die Kornkunst an Spraygraffiti oder Straßenpflaster-Malereien. Es ist das Verdienst des Bildautors, diese zum Teil faszinierenden Werke dauerhaft dokumentiert zu haben. Dafür (und wohlgemerkt _nur_ für den Bildteil) gibt's von mir

7 von 10 mitternächtlich-heimlich schuftenden Kornkreis-Künstlern


Seite: 1 | 2