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MemmiHH "memmi01"

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Die dritte Stimme: Kriminalroman
Die dritte Stimme: Kriminalroman
von Rolf Börjlind
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Großartiger 2. Fall für Olivia Rönning, 19. November 2014
In Marseille wird eine blinde, schöne junge Frau ermordet und zerstückelt. Kurz darauf wird in Stockholm der Zollbeamte Bengt Sahlmann erhängt aufgefunden. War das wirklich Selbstmord? Olivia Rönning, gerade von ihrem Selbstfindungstrip nach Mexiko auf den Spuren ihrer Mutter und nach ihrer eigenen Herkunft zurückgekehrt, wird zunächst aus Hilfsbereitschaft in den Fall ihres toten Nachbarn mit hineingezogen. Bald verstrickt sie sich immer tiefer in die Sache und stellt bei ihren Nachforschungen fest, dass ihr Fall nicht nur mit dem Marseiller Mord, sondern auch mit ihrer Lieblingsfeindin Jackie Berglund sowie mit dem Lieblingsfeind Tom Stiltons, Rune Forss, zusammenhängt und weitaus weitere Kreise zieht, als sie sich hat träumen lassen.

Kriminalkommissarin Mette Olsäter kann nicht verhindern, dass sich ihre Freunde eigenmächtig einmischen und zudem jeder seinen eigenen Racheplan verfolgt. So versucht Tom seinen Erzfeind Forss aus dem Verkehr zu ziehen und Abbas den Tod des blinden Mädchens zu rächen, das er einmal gut gekannt hat. Nach und nach verknüpfen sich die Fälle und dadurch die Handlungen der Freunde immer mehr, und nicht immer geht alles glimpflich aus. Bald überschlagen sich die Ereignisse, es geschehen weitere Morde, Mette erleidet einen Herzinfarkt, Olivia gerät mehrfach in große Bedrängnis, und Tom Stilton wird des Mordes verdächtigt.

Großartiger 2. Fall des ungewöhnlichen Ermittlerteams um Mette, Tom, Abbas und Olivia! Falls überhaupt möglich fast noch besser als der erste Band „Die Springflut“, lässt „Die dritte Stimme“ keine Thrillerfan-Wünsche offen! Die verschiedenen Perspektiven erlauben tiefe Einblicke in Täter, Opfer und Ermittler und der fesselnde Schreibstil des Autorenduos tut sein Übriges, alles um sich herum zu vergessen und tief in die Geschichte einzutauchen. Ehe man sich versieht steckt man mittendrin, stellt Hypothesen auf, zieht (meist falsche) Schlüsse und wird durch Wendungen und Geschehnisse immer wieder überrascht. So ist auch die Auflösung einigermaßen überraschend und durchaus befriedigend. Das Ende lässt zudem auf weitere Fälle hoffen!

Den Autoren gelingt es meisterhaft, die verschiedenen Handlungsstränge miteinander zu verknüpfen und dabei auch noch ausführlich auf die einzelnen Konflikte der Protagonisten einzugehen. Insofern ist es auch ratsam, den ersten Band gelesen zu haben, man versteht die Handlungen und die Psyche der Personen einfach besser und ihre Reaktionen sind nachvollziehbarer. Wie eng die beiden verknüpft spiegelt sich auch am durchaus verstörenden Cover wider, die beide sehr ähnlich sind. Die Fälle sind aber in sich abgeschlossen und deren Auflösung versteht man auch so, die Spannung baut sich mit jeder Seite kontinuierlich auf. Besonders Olivia ist ein komplizierter und interessanter Charakter, sie verarbeitet in diesem Band ihre traumatischen Erlebnisse aus dem ersten Band und – auch wenn sie am Ende wieder ein schreckliches Ereignis erleben muss – geht gestärkt aus dem Fall hervor. Ebenso interessant sind Tom Stilton und Abbas al Fassi, die jeder für sich eigenwillig und skrupellos ihre Ziele verfolgen, aber ebenso treu und loyal zu ihren Freunden stehen und zur rechten Zeit an Ort und Stelle sind, wenn ihre Hilfe benötigt wird. Ohne Olivias, Toms und Abbas‘ Mithilfe hätte Mette, die geniale Analytikerin, die Verknüpfungen nicht erkannt und die Fälle nicht so schnell gelöst. Dieses Team ist ebenso unkonventionell wie unschlagbar! Doch auch Mette haut ihre Freunde mehr als einmal aus brenzligen Situationen heraus und hat zudem in ihren Mitarbeitern Bosse und Lisa treue und tatkräftige Mitstreiter, die ebenso verständnisvoll und loyal gegenüber den „Außenstehenden“ sind! Die Charaktere sind bis in die Nebendarsteller hervorragend herausgearbeitet, man will immer mehr über sie wissen. Auch wenn die Stimmung nicht gerade durchweg fröhlich ist, so blitzt doch mehr als einmal köstlich-trockener Humor durch, und einige ironische Kommentare der Protagonisten lassen den Leser schmunzeln. Zum Glück vermeiden die Autoren die für Schwedenkrimis typische, mitunter übertrieben schaurig-düstere Atmosphäre, die ich inzwischen ein bisschen langweilig finde, sondern bauen ganz auf ihre starken Charaktere und die Komplexität der Fälle.

Fazit: Das Lesen sei für alle Thriller- und Krimifans wärmstens empfohlen, und in diesem Zusammenhang sei allen auch gleich Band 1, „Die Springflut“ ans Herz gelegt. In meinen Augen haben wir hier eine überdurchschnittlich gute neue Krimireihe auf dem Markt, die Lust auf Mehr macht und deren Bände bislang beide echte Pageturner waren. Ich jedenfalls freu mich schon riesig auf das nächste Wiedersehen mit Mette, Olivia, Tom und Abbas!


Mein langer Weg nach Hause: Wie ich als Fünfjähriger verloren ging und fünfundzwanzig Jahre später meine Familie wiederfand
Mein langer Weg nach Hause: Wie ich als Fünfjähriger verloren ging und fünfundzwanzig Jahre später meine Familie wiederfand
von Saroo Brierley
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,99

5.0 von 5 Sternen Die wahre Geschichte einer anrührenden Suche, 19. Oktober 2014
Der 5jährige Saroo lebt in einer Kleinstadt im westlichen Indien. Die Mutter muss ihre vier Kinder alleine durchbringen und arbeitet hart, die Kinder sind viel alleine. Die drei Jungen stromern viel umher, betteln, stehlen oder versuchen sonst auf irgendeine Art und Weise, zu Essen zu kommen. Eines Tages schläft Saroo in einem Zug ein und wacht erst wieder auf, als dieser sich in Bewegung gesetzt hat – mit unbekanntem Ziel. Saroo findet sich in Kalkutta wieder, der 4,5 Millionen Metropole in Ostindien. Für ihn beginnt ein Überlebenskampf auf der Straße, der ihn schließlich über Waisenhäuser zu einer Adoptivfamilie im australischen Hobart führt. Er erlebt eine glückliche Kindheit und Jugend, doch immer wieder fragt er sich, wo er eigentlich herkommt. Seine Ursprungsfamilie, an die er intensive Erinnerungen hat, lässt ihn nicht los. Er beginnt zu recherchieren, und das Unglaubliche geschieht: Mit Hilfe von Google Earth und nach Jahren der Suche erkennt er seinen Heimatort wieder und macht sich schließlich auf die Suche nach seiner Mutter und seinen Geschwistern.

Eine unglaubliche Geschichte, ein Märchen, das umso tiefer unter die Haut geht, weil es wahr ist! Saroo schreibt in einfachen Sätzen und Worten, eben so wie ein Kind denkt und fühlt, und man spürt sowohl seine Verzweiflung als auch sein Glück. Es ist schier unfassbar, wie er überlebt in einem Moloch, in dem die Menschen entweder gleichgültig sind oder Kindern schlichtweg übel wollen. Der Leser erfährt aber auch viel – und das fand ich besonders interessant – über eine Welt, die unserer so fremd ist wie etwas nur sein kann, und über das wirkliche Leben in Indien, über die Armut, aber auch das Glück der Familien, einander zu haben. Obwohl man auch das Gefühl hat, dass ein Menschen- und besonders ein Kinderleben nicht viel gilt, erkennt man doch, dass es großen Zusammenhalt in den Familien und Stadtvierteln und auch viel Hilfsbereitschaft gibt.

Dass Saroo als 5jähriger allein überleben kann, erscheint uns komplett unglaublich, doch das Leben der Kinder aus armen Familien ist mit dem unseren nicht zu vergleichen. Die Mutter ist oft mehrere Tage weg um zu arbeiten, und die Kinder müssen sich selbst um ihr Essen kümmern, lesen und schreiben oder sonstige Schulbildung ist schlichtweg nicht machbar. Das Leben ist ein einziger Überlebenskampf, und so schlimm es klingt, so kommt dies Saroo in Kalkutta zu Gute. Sein Verstand und mehr noch sein Instinkt helfen ihm zu überleben, und er bleibt Fremden gegenüber oft misstrauisch. Das bewahrt ihn mehr als einmal vor Schlimmerem. Trotz seiner jungen Jahre und Unerfahrenheit hat er eine gute Menschenkenntnis, und so vertraut er sich dann doch einem Teenager an, der ihn zur Polizei bringt. So gelangt er schließlich in Waisenhäuser, und da man seine Familie nicht ausfindig machen kann, wird er zur Adoption frei gegeben. Hier muss er – ein kleiner Junge! – die Entscheidung treffen, ob er zu fremden Menschen in ein fremdes Land möchte, und er entscheidet sich dafür.

Als Leser ist man zwiegespalten: Ist es nicht besser, er wäre zu seiner eigenen Familie zurück gekommen, die ihn liebt und vermisst? Andererseits: Was für Möglichkeiten hätte er da gehabt, und er fand in seinen Adoptiveltern liebe- und verständnisvolle Eltern, die ihm alles gaben, was er für ein glückliches Leben braucht. Dass er seine Ursprungsfamilie nie vergessen konnte, spricht für eine große emotionale Bindung, und er versucht in seiner Kindheit und Jugend, die Erinnerungen und Bilder im Kopf nie zu verlieren. Mehr als einmal verzweifelt er an der fast unmöglichen Suche nach seinem Heimatort, eine Suche, die schwieriger ist als die berühmte Nadel im Heuhaufen. Wie lebt man mit ihm mit, nicht nur bei seinem Kampf ums Überleben, mehr noch bei seiner Suche, und als er dann tatsächlich findet, was er sucht – zuerst seinen Geburtsort, dann auch tatsächlich seine Familie - freut man sich fast genauso sehr wie er!

Seine Beschreibung über sein Leben in Indien, das stellvertretend für das Milliarden anderer steht, ist recht erschütternd, obwohl er auch sicherlich viele schöne Momente erlebt hat. Für uns jedoch ist es eine fremde Kultur, über die man per se wenig weiß, und solch ein Kampf ums täglich Brot ist für uns unvorstellbar. Es ist aufrüttelnd zu lesen, wie andere Menschen, besonders Kinder, in solchen Ländern überleben, was für Kämpfe sie täglich bestehen müssen, wie wenig ihr Leben eigentlich wert ist. Es ist schlichtweg auch viel Glück dabei gewesen, dass Saroo überlebt hat und die Brierleys solch verantwortungsbewusste und liebevolle Menschen sind. Nicht zuletzt half ihm auch seine Anpassungsfähigkeit, er kann sich auf fremde Menschen und neue Situationen sehr rasch einstellen. Sehr schön fand ich übrigens seine zusätzlichen Informationen, etwa die Beschreibung der Brierleys, ihre Motive für eine Adoption, ihre Lebensgeschichte, aber auch die Geschichte seines Adoptivruders Mantosh oder die Arbeit von ISSA. Der Leser erfährt sehr viel hilfreiches Hintergrundwissen und kann Handlungen und Verhalten besser nachvollziehen.

Fazit: Ein tolles und sehr anrührendes Buch, eine Geschichte, die zu Herzen geht. In einfachen Worten, mit dem Herzen eines Kindes geschrieben, ein Kind, das soviel erlebt hat, dass man meinen könnte, es zerbricht daran, das uns jedoch immer wieder mit seinem Mut und seinem unbedingten Überlebenswillen überrascht. Als Leser findet man sofort Zugang zu Saroo und seiner Geschichte und lebt alles intensiv mit ihm mit. Das Happy End ist natürlich in Wahrheit kein Ende, sondern ein wundervoller neuer Anfang. Saroo hat nun zwei Familien, die er beide liebt und die ihn lieben. Das Buch liest sich gut und flüssig herunter, und die sehr schönen, sehr privaten Fotos von seinen Stationen im Leben geben der Geschichte einen zusätzlichen, sehr emotionalen Charakter, so dass man das Gefühl hat, in einem Familienalbum zu blättern und an einer sehr privaten Familiengeschichte Teil zu haben.


Marcos und der Zauber des Augenblicks
Marcos und der Zauber des Augenblicks
von Albert Espinosa
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

3.0 von 5 Sternen Marcos und die Liebe, 12. Oktober 2014
Madrid, in naher Zukunft: Marcos hat eine besondere Gabe: Er kann in die Herzen der Menschen sehen und dabei ihre 2 extremsten sowie 12 weitere positive Erinnerungen erkennen. Dies macht sich die Madrider Polizei bei der Verbrechensbekämpfung zu nutze. Eines Tages wird er zu einem außergewöhnlichen Auftrag gerufen: Er soll einen angeblichen Außerirdischen auf Herz und Nieren prüfen. Obwohl er gerade vom Tod seiner Mutter erfahren hat und seitdem das Haus nicht mehr verlassen hat, nimmt er den Auftrag an. Danach ist nichts mehr wie es war.

Vordergründig ist es ein Sience Fiction Roman, der uns in die nahe Zukunft. Die Welt kommt uns bekannt vor, und dass etwas anders ist erfährt der Leser mehr in Nebensätzen, wie z.B. dass man nicht mehr schlafen muss oder dass Marcos im Jahr 2001 noch nicht geboren war. Anfangs ist es denn auch hauptsächlich eine Aneinanderreihung von Marcos' Gedanken, er sinniert über sein Leben mit und seine Liebe zu seiner Mutter. Dies - so muss ich gestehen - ging mir dann auch schnell auf den Wecker, denn da ging es fast nur um Sex, wovon er und seine Mutter buchstäblich besessen zu sein scheinen. Interessant wurde es erst, als er den Fremdling trifft, von da an ändert sich die Stimmung, dieser ist ihm überlegen und birgt ein Geheimnis. Im Laufe der 2. Hälfte des Buches kommt dann auch das eigentliche große Thema heraus: die Liebe und besonders die Liebe über den Tod hinaus.

Fazit: An sich wirklich ein schönes Thema, aber in meinen Augen hätte man da wirklich mehr draus machen können. Der Erzählstil ist durchaus flüssig und gut zu lesen, und durch die komplette Konzentration auf Marcos erhält die Geschichte einige Emotionalität. Trotzdem fand ich die Sätze irgendwie abgehackt, und vieles kam inhaltlich zu kurz. Der Klappentext verspricht mehr als das Buch halten kann. Schade.


Drei auf Reisen
Drei auf Reisen
von David Nicholls
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,90

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Roadstory über das Bewahren der Liebe, 10. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Drei auf Reisen (Gebundene Ausgabe)
Douglas Petersen fällt aus allen Wolken: Seine Frau Connie eröffnet ihm eines Nachts, dass sie ihn womöglich verlassen will, sobald Sohn Albie zwecks Ausbildung ausgezogen ist. Douglas wähnte sich in einer glücklichen Ehe, und dies wirft ihn völlig aus der Bahn. Die geplante „Grand Tour“, eine Art Bildungsreise der gesamten Familie durch Europa, soll aber Albie zuliebe trotzdem stattfinden, und Douglas beschließt diese Reise zu nutzen, um seine Ehe zu retten und das kühle Verhältnis zu seinem Sohn wieder auf Vordermann zu bringen. Die Reise wird zu einer Odyssee verletzter Gefühle und Vorwürfen, aber auch der Selbstreflektion, und bald beschleicht Douglas die Erkenntnis, dass es noch etwas Anderes geben könnte als akribisch durchgeplante Reisepläne, minutiöses Abklappern der kunsthistorischen Stätten und ständige Ermahnungen an weniger gut organisierte Reisegenossen.

Köstlich!! Wunderbar humorvoll und mit einer guten Portion Ironie und Selbstkritik beschreibt Ich-Erzähler Douglas seine Reise durch Europa, die gleichzeitig eine Reise in sein Innerstes ist. In neun Teilen, die sich an den Aufenthaltsorten quer durch Europa orientieren, und in kurzen Kapiteln mit sehr treffenden Überschriften wird der Leser nicht nur stiller Zeuge der Reisestationen, der Städte, Cafés, Museen und Kunstobjekte, sondern auch der Reflektion Douglas‘ über sein Leben. In Rückblenden erzählt er, wie alles begann und fragt sich immer wieder, wie eine solche Frau wie Connie, Künstlerin und Freigeist, sich ausgerechnet in ihn, den Wissenschafts-Nerd, verlieben konnte. Nach und nach kommen aber auch die Probleme ans Licht, die eine Beziehung zweier so unterschiedlicher Charaktere aus so unterschiedlichen sozialen Hintergründen mit sich bringen, und die Schicksalsschläge, die auch nicht unbedingt zur Stärkung der Beziehung beigetragen haben.

Ich muss gestehen, dass mir Connie zu großen Teilen mit ihrer Emotionalität und ihrem chaotischen Wesen eher fremd blieb, Douglas hingegen fand ich intelligent und fähig zur inneren Einsicht. In dem Maße wie er analytisch und sachlich, ordentlich, organisiert und loyal ist, ist sie irrational, chaotisch und flatterhaft. Sicherlich hat er Fehler gemacht, was seine Aussagen gegenüber Albie betrifft, und seine Pedanterie und sein Ehrgeiz trafen sicherlich nicht den Nerv des hypersensiblen Albie, der im Übrigen meines Erachtens gute Aussichten hat, als Clochard in der Gosse von Paris zu enden. Nichtsdestotrotz spricht aus jeder von Douglas‘ Handlungen und Gedanken seine große Liebe zu seiner Familie und sein Wunsch, Connie und besonders Albie zu beeindrucken. Er möchte, dass beide stolz auf ihn sind und macht sich Sorgen um ihr Wohlergehen. Dies erkennen beide meines Erachtens nicht wirklich an, sie formen eine Front gegen ihn und fehlinterpretieren sein Verhalten als Kontrollzwang und Perfektionismus. Kommunikation scheint mir das Hauptproblem der Familie zu sein – keiner sagt, was er wirklich fühlt, und Missverständnisse sind vorprogrammiert. Dies wird erst zum Schluss besser, nach einer Reihe von Verwicklungen und teilweise sehr überraschenden Wendungen.

Der Autor schafft es meisterhaft, die Stimmung der Protagonisten und die Atmosphäre einzufangen und dem Leser nahe zu bringen und dadurch nicht zuletzt eine wirklich fesselnde Geschichte zu erzählen, die mit viel Situationskomik gewürzt ist. Einzig die mitunter recht langen Beschreibungen einzelner Bilder oder Kunstwerke fand ich etwas übertrieben. Natürlich ist der Roman auf die Figur des Douglas, aus dessen Sicht alles erzählt wird, ausgerichtet, was ein wenig einseitig daher kommen könnte. Die Nebenfiguren wie zum Beispiel Kat oder Freja haben nur kurze Auftritte, diese sind aber bedeutsam und zukunftsweisend. Dadurch dass das Geschehen komplett Douglas Erlebnissen entspricht, er also nicht allwissend ist, sondern nur das beschreiben kann, was er selbst erlebt, fühlt und denkt, wird die Gesichte sehr emotional und der Leser kommt nicht umhin, mit Douglas intensiv mit zu fühlen. Man baut eine große Nähe zu ihm auf, hat aber dadurch eben auch nur seine Sichtweise. Dadurch blieben mir auch Connie und Albie fremd und einiges an ihrem Verhalten ging mir auf die Nerven. Douglas hingegen war mir so sympathisch, dass ich ihm seine Verfehlungen verzieh und meistens auf seiner Seite war. Er wirkt auf mich wie ein exzellenter Beobachter, er möchte die Gefühle und Motive seiner Frau und seines Sohnes verstehen. Sicherlich möchte er auch selbst gerne gut dastehen, wird aber im Laufe des Buches, i.e. der Reise, immer kritischer mit sich selbst, und so kommt er am Ende zu recht überraschenden Erkenntnissen. Dies führt denn auch zu einem "Ende mit offenem Ausgang", das heißt ein einigermaßen offenes Ende mit Aussicht auf eine verheißungsvolle Zukunft.

Fazit: Ein schönes Buch der leisen Töne und der stillen Action, aber dafür mit umso mehr tiefsinnigen Gedanken, komisch und tragisch zugleich. Eine wundervolle Familie, die verletzlich ist und zu großen Gefühlen fähig, die aber letztlich doch aufgrund ihrer unterschiedlichen Lebenseinstellung nicht zueinander kommt. Wer keine große Action braucht, sondern eine moderne Roadstory lesen möchte, dabei gerne auch mal schmunzeln will, ist hier genau richtig. Ein edles Buch, das durchweg schöne Stunden an unterhaltsamer Lektüre bietet.


Das Lied des Blutes: Rabenschatten 1
Das Lied des Blutes: Rabenschatten 1
von Anthony Ryan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Packendes Fantasy-Spektakel á la Game of Thrones, 3. Oktober 2014
Lord Verniers, der Geschichtsschreiber seiner Majestät des Kaisers des alpiranischen Reiches, soll den kaiserlichen Gefangenen Vaelin Al Sorna auf die Meldeneischen Inseln bringen, wo dieser einen Kampf Mann gegen Mann auf Leben und Tod ausfechten soll. Verniers ist voller Rachegedanken und Hass, hat dieser Mann doch die Hoffnung des Reiches, den erwählten alpiranischen Thronerben, im Krieg getötet. Zunächst ist Verniers distanziert, doch der Kämpe weiß ihn zu ködern: Auf der Überfahrt zu den Inseln erzählt Vaelin dem Chronisten die Geschichte seines Lebens, eine Geschichte voller Kämpfe, Krieg, Blut und Verrat.

So wie Vaelin weiß auch der Autor, wie man Menschen, in dem Fall uns Leser, ködert: Mit einer guten Geschichte, die packend erzählt wird, die vom ersten Augenblick an fesselt und zudem noch fesselnde Charakter beinhaltet. An sich ist der immerhin über 770 Seiten starke Wälzer ein typischer Vertreter des Fantasy-Genres. Der Autor beschwört eine Welt herauf, die mittelalterlich anmutet. Das Sozialsystem ist feudal angehaucht, es gibt mehrere Reiche und konkurrierende Religionen. Auch die Begriffe sind mittelalterlich, es gibt Ritter, edle Damen, Brüder und Schwestern, die in Orden organisiert sind. Die Namen der Protagonisten muten je nach Herkunft gälisch, lateinisch oder orientalisch an, es gibt verschiedene menschliche Rassen. Frauen spielen lediglich eine untergeordnete Rolle, wenn dann tauchen sie als Heilerinnen/Ordensschwestern, als Huren oder als Prinzessinnen auf. Ihr Leben in einer von Männern dominierten Welt ist jedenfalls weitgehend aufs Haus beschränkt. Alles in allem eine Welt, die uns bekannt vorkommt, außer dass es andere Namen für Monate und Tage gibt und natürlich uns unbekannte Völker.

Die insgesamt 6 Orden haben sich alle auf eine bestimmte Aufgabe spezialisiert. Die des 6. Ordens, dem Held Vaelin angehört, ist ein Kämpferorden. Die Kinder werden früh in den Orden geschickt, haben ihre Familie zu vergessen und leben fortan nur noch für den Orden. Hier werden sie auf ihre zukünftige Aufgabe gedrillt: Krieg führen. Heiraten oder auch nur bei Frauen liegen ist ihnen untersagt. Die Schwere dieses Lebens spiegelt sich im Unterricht und in den sieben Prüfungen wider, die die Jungen während der Ausbildung absolvieren und bei denen bereits ordentlich ausgesiebt wird. Wer Glück hat, wird nur des Ordens verwiesen – viele andere sterben während einer Prüfung.

Vaelin selbst wird von seinem Vater in den Orden gebracht, ohne wissen warum. Er glaubt, dass dieser ihn nach dem Tod der Mutter nicht mehr bei sich haben will und lernt ihn zu hassen. Die Jungen in seiner Truppe sind ein bunt zusammengewürfelter Haufen unterschiedlicher familiärer und gesellschaftlicher Herkunft. Und doch wird aus fünf von ihnen – Vaelin, Nortah, Dentos, Barkus und Caenis – eine eingeschworene Gemeinschaft, ein harter Kern, der sich im Krieg und bei allen anderen Taten und Untaten unterstützt und sein Leben für den anderen geben würde. Diesen Prozess während der Ausbildungsphase zu verfolgen ist schon äußerst spannend. Ansonsten ist Vaelins Geschichte seines bisherigen Lebens eine Geschichte des Kämpfens, und das ist denn auch das Hauptthema des gesamten Buches. Schon in der Ausbildung müssen die Jungen, und besonders Vaelin, sich ständig beweisen, retten Freunde und sich selbst aus ausweglosen Situationen, verzetteln sich in Prügeleien und Scharmützeln. Nach ihrer Ausbildung sind sie vollwertige Brüder des Ordens und führen fortan ein Leben in Heerlagern, befinden sich im Lazarett oder in Gefangenschaft, werden gerettet oder sterben, kurzum: Sie führen Krieg.

Trotzdem wäre es zu simpel zu behaupten, dass dieses Buch eine bloße Aneinanderreihung von kriegerischen Auseinandersetzungen oder Zweikämpfen ist. Es geht es um mehr als nur ums Töten und Getötetwerden. Es geht um Freundschaft und Aufopferung, um Verrat und Treue, um Selbstfindung, die stark an die mittelalterliche Quest erinnert. Jeder der Protagonisten hat einen eigenen – mitunter sehr starken - Charakter, und jeder sucht sein persönliches Glück. Unter den Freunden im Orden und den anderen Protagonisten sticht natürlich Vaelin – eine Art Primus inter pares – am Deutlichsten hervor. Vaelin, der sich vom lebenslustigen Jungen zur tödlichen Kampfmaschine wandelt, der ohne Gewissensbisse und Reue tötet, aber auch Mitleid empfindet und Opfer verschont, der unerschütterlich treu und loyal bleibt, selbst wenn er starke Zweifel an der Richtigkeit einer Sache hat, und der selbst nach einem Verrat noch die Motive des Verräters zu verstehen versucht. Ein geradezu idealer Held, ein edler Ritter, der nie seinen Glauben in Frage stellt, der selbst bei offenen Hassausbrüchen ihm gegenüber noch höflich-höfisch bleibt und der zudem – und jetzt wird es magisch! - eine besondere Gabe hat: Er hört das Lied des Blutes. Diese Gabe, die ihn vor Gefahren warnt und mit der er in die Herzen der Menschen sehen kann, verfeinert er im Laufe des Buches, allerdings erlangt er erst am Ende eine gewisse Meisterschaft darin. Anfangs belastet es ihn eher und er kann damit nicht umgehen.

Insofern ist Vaelin der für mich packendste Charakter, das Buch ist ganz klar auf ihn und seine Persönlichkeit ausgerichtet, die Geschichte wird aus seiner Sicht erzählt und ich muss gestehen, dass er mein Herz erobert hat. Aber auch die anderen Protagonisten, und das spricht für die Fähigkeiten des Autors, sind vielschichtige Charaktere und bis in die Nebenfiguren gut herausgearbeitet. Prinzessin Lyrna zum Beispiel wirkte anfangs auf mich wie ein verwöhntes Gör, stellte sich jedoch als intelligente junge Frau heraus, die zwar recht skrupellos ihre Interessen verfolgt, aber auch Opfer ihrer Zeit ist. Ihre Intelligenz muss sie den Machenschaften der Männer unterordnen, ihre besonderen Gaben hält sie geheim, über ihr Leben kann sie nicht frei verfügen. Ihre Klugheit und ihr Humor blitzen jedoch immer mal wieder hervor, und insofern halte ich sie für den interessanteren Charakter als Sherin, Vaelins große Liebe. Und von anderen Frauenfiguren wollen wir gar nicht reden, sie spielen keine größere Rolle. Auch Vaelins Freunde Nortah und Canis und auch Lord Verniers, der Chronist, werden so spannend beschrieben, das man eigentlich am liebsten mehr über sie erfahren möchte.

Strukturell ist das Buch in fünf Teile gegliedert, jeder Teil beginnt mit Verniers Bericht, in der Ich-form erzählt, dann folgt Vaelins Lebensgeschichte mit eigener Kapitelzählung. Jeder Teil beginnt wieder bei Kapitel eins, obwohl die Ereignisse chronologisch verlaufen. Vorangestellt ist jeweils ein Auszug aus Chroniken oder Gedichten der bekannten - fiktiven - Welt. Die zwei unterschiedlichen Erzählperspektiven werden zudem optisch hervorgehoben: Verniers Bericht ist kursiv gedruckt. Das Buch kommt edel gebunden daher mit hochwertigen Schutzumschlag und ansprechendem, ebenfalls mittelalterlich anmutendem Cover. Inhaltlich versorgt es den geneigten Leser zudem mit Kartenmaterial, einem Namensregister der wichtigsten Personen sowie die Regeln des Spiels Keschet – ein äußerst anspruchsvolles Strategiespiel, das dem Schach ähnlich ist und das Prinzessin Lyrna meisterhaft beherrscht und nicht nur auf dem Spielbrett erfolgreich anwendet.

Fazit: Ein tolles und fesselndes Buch mit offenem Ende, das natürlich nach einer Fortsetzung schreit, schließlich heißt es ja im Untertitel Rabenschatten 1, und die im Englischen ja auch schon erschienen ist und auf deren Übersetzung und Herausgabe im Deutschen wir nun mit Hochspannung warten („Tower Lord“). Zu keinem Zeitpunkt langweilig, obwohl das alles beherrschende Thema das Töten und Kämpfen ist, und bei Weitem nicht nur für spezielle Fantasy-Fans geeignet. Für die natürlich ein Muss, ebenso für alle, die Games of Thrones mochten und solche, die einfach gute Action gepaart mit doch mitunter überraschend tiefsinnigen Gedankengängen und spannenden Charakteren mögen.


Der Palast der Borgia: Roman (insel taschenbuch)
Der Palast der Borgia: Roman (insel taschenbuch)
von Sarah Dunant
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,99

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Farbenprächtiger opulenter historischer Roman, 17. September 2014
Rom, 1492: Die Stadt hat einen neuen Papst! Der Spanier Rodrigo Borgia besteigt als Alexander VI. den Stuhl des obersten Hirten der Christenheit. Dem ging eine lange Zeit von Intrigen und Bestechungen voraus, dass er Ausländer ist und mehrere Kinder hat, spricht nicht gerade für ihn. Nun jedoch bricht für die Familie Borgia eine neue Zeit an. Durch geschickte Heiratspolitik, Skrupellosigkeit und politisches Kalkül baut Alexander seine Macht aus und festigt sie. Wenn ein Schwiegersohn oder ein politischer Verbündeter zu mächtig oder überflüssig wird, beseitigt er sie. Tatkräftig unterstützt wird er hierbei durch seinen ältesten Sohn Cesare, der zunächst als Kardinal, später als Feldherr bald gehasst und gefürchtet ist.

All seine Kinder, vor allem jedoch seine einzige Tochter Lucrezia, benutzt der Papst, um politische Bündnisse zu schmieden und Feinde ruhig zu stellen, indem er sie günstig verheiratet. In politische oder geistliche Ämter setzt er bevorzugt ihm zugeneigte Männer ein. Die Familienpolitik trägt durchaus mafiöse Züge. Und wenn alles nichts hilft, führt er auch Krieg, um den Kirchenstaat zu vergrößern und seinen Machthunger zu stillen. Da ist es kein Wunder, dass immer einmal Rebellionen gegen seine Herrschaft angezettelt werden, und auch vor Mord schrecken seine Feinde nicht zurück...

Farbenprächtiger, atmosphärisch dichter und praller historischer Roman über eine aufregende Zeit und eine spannende Familie. Der Roman liest sich nicht so einfach, fesselt aber durch seinen guten anspruchsvollen Schreibstil und seine Schlag auf Schlag folgenden Ereignisse. Die Autorin hat hervorragende Kenntnisse des historischen Hintergrundes und großartig recherchiert und sie bringt dem Leser die Figuren so nah, dass sie real und menschlich werden. So lebt man besonders mit Lucrezia mit, die sich gegen die Verschacherung ihrer Person auf dem Heiratsmarkt am allerwenigsten wehren kann und anfangs alles demütig hinnimmt. Ihre Bewunderung und Liebe zu ihrer Familie ist so groß, dass sie deren Methoden nicht hintfragt. Erstaunlicherweise ist sie ihren Ehemännern durchaus zugetan oder bemüht sich zumindest ihre Pflichten zu erfüllen, die sie sehr ernst nimmt. Zudem ist sie ihrer Rolle gemäß eine fromme, keusche und folgsame Tochter. Sie wandelt sich jedoch vom 12jährigen Kind zu einer selbstbwussten jungen Frau, die nach einigen furchtbaren Ereignissen ihre Augen nicht mehr vor der Grausamkeit besonders ihres Bruders Cesare verschließen kann und eigenständig handelt, auch wenn dies ihrem Vater und Bruder nicht gefällt.

Cesare ist im Übrigen einer der interessantesten Charaktere im Buch. Einerseits skrupellos, grausam, ohne Gewissen, setzt er seine Interessen und die der Familie vor allem anderen. Er ist krankhaft ehrgeizig und braucht permament Bestätigung und Bewunderung. Andererseits verteidigt er die Familienehre wie kein anderer und tut alles, um Macht und Erfolg zu erhalten. Besonders liebt er Lucrezia, er tut alles für sie und würde ihr kein Haar krümmen, allerdings ist diese Liebe schon recht ungesund. Als sie sich dessen bewusst wird, geht sie auf Abstand. Ihr Ruf ist zwar sowieso schon schlecht, doch will sie nicht noch Öl ins Feuer gießen. Aber auch die anderen Charaktere im Buch sind hervorragend herausgearbeitet und vielschichtig, durch das Erzählen aus verschiedenen Perspektiven gewinnen die Figuren Struktur und geben tiefe Einblicke in ihr Innenleben. Dies wirkt so authentisch, dass man überzeugt ist, so kann es tatsächlich gewesen sein. Selbst Nebenfiguren wie die Mutter der Borgia-Kinder, Vanozza, oder Michelotto, sind vielschichtig und nie nur gut oder nur böse. Und einer Nebenfigur, dem Zeremonienmeister Johannes Burchard, verdanken wir besonders intime Einblicke in das Innere des Vatikans und die Gefühlswelt des Papstes, der penible Deutsche arbeitet mehr als 10 Jahre für die Borgias und zeichnet alles akribisch in einem geheimen Tagebuch auf...

Formal ist der Roman in 10 Teile unterteilt mit sehr passenden Überschriften, die einzelnen Kapitel verlaufen fortlaufend, die Geschichte vollzieht sich chronologisch. Dem Ganzen vorangestellt sind sehr hilfreiche Stammbäume der wichtigsten Familien Italiens, um die Heiratspolotik zu verdeutlichen, sowie eine Karte Italiens im 15. Jahrhundert und eine Vorbemerkung. Als Schmankerl gibt es noch eine Nachbemerkung der Autorin zu ihrer Recherchearbeit sowie eine ausführliche Bibliografie.

Fazit: Großartiger historischer Roman über eine Familie, über die schon viel geschrieben und spekuliert wurde, die polarisiert und zu der es immer wieder neue Forschungsergebnisse gibt. Fesselnd, packend, aufwühlend. Der Schluss schreit nach einer Fortsetzung und diese wird zum Glück auch im Nachwort angekündigt. Für alle Geschichtsintessierten ein absolutes Muss, und es sei auch allen denenigen, die etwas über eine aufregende Zeit erfahren wollen, dringend empfohlen!


Der eiserne Sommer: Reitmeyers erster Fall. Kriminalroman (suhrkamp taschenbuch)
Der eiserne Sommer: Reitmeyers erster Fall. Kriminalroman (suhrkamp taschenbuch)
von Angelika Felenda
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,99

5.0 von 5 Sternen Toller historischer Krimi!, 18. August 2014
München, 1914: Kommissär Reitmeyer schlägt sich mit Einbruchsdelikten, Streiks und Kleinkriminellen herum, bis an einer Isarbrücke ein Toter gefunden wird. Reitmeyer und sein Team, Kriminalassistent Steiger und Polizeischüler Rattler, beginnen zu ermitteln. Während alle von einem Unfall ausgehen, gräbt Reitmeyer tiefer und gerät bald in einen Sumpf aus Erpressung, Vertuschung und Bedrohung. Da wird ein zweiter Toter gefunden, und mit Hilfe seiner alten Freundin Caroline von Dohmberg, inzwischen Ärztin, findet Reitmeyer heraus, dass es sich zweifelsfrei um Mord handelt und dass es beim Militär offensichtlich dunkle und heimliche Machenschaften gibt, die keiner öffentlich machen will. Von Rechts wegen darf Reitmeyer aber beim Militär nicht ermitteln, denn es genießt Immunität in einem Kaiserreich, dessen erste Stütze das Heer ist und das zudem kurz vor dem Krieg steht und sich daher der Loyalität all seiner Einheiten versichern muss. Als weitere Morde, der Selbstmord eines stadtbekannten Künstlers und mehrere Überfälle geschehen und Reitmeyer immer tiefer in sowohl höchste als auch niedrigste Kreise eindringt, wird auch die enge Verstrickung seiner alten Freunde von Dohmberg in die Sache immer deutlicher, und auch sein Polizeischüler scheint ihm nicht in allen Dingen anstandslos zu folgen. Reitmeyer muss seine Arbeitsmethoden sehr kreativ auslegen, um zur Lösung des Falls vorzudringen und gleichzeitig die Dohmbergs und seine Mitarbeiter zu schützen. Immer öfter wird er zum Polizeipräsidenten zitiert, und die Drohung, dass indiskretes Vorgehen ihn seinen Job kosten könnte, steht mehr als einmal im Raum. Ein letzter, nicht ganz legaler und sehr gefährlicher Coup jedoch bringt ihn der Lösung näher, als ihm lieb ist...

Toller Krimi vor spannendem historischen Hintergrund, etwas schrulliger, hochintelligenter Ermittler und vielschichtige Charaktere! Ein überaus gelungener Einstieg in eine neue Krimiserie um Kommissär Reitmeyer, der Lust auf mehr macht. Sehr flüssig und eingängig geschrieben, aber trotzdem nicht simpel, und mit spannenden Dialogen liest sich dieser Krimi sehr gut und fesselt von der ersten Seite an. Mit wechselnden Perspektiven gibt die Autorin Einblicke in die Seelen der Opfer und der Täter, und erst nach und nach tun sich die Abgründe auf, die hinter jeder Fassade verborgen liegen. Die Charaktere sind durchweg gut herausgearbeitet, und besonders wohltuend ist der Kommissär, der realistisch und sachlich, nicht zu gefühlsduselig, aber auch nicht zu distanziert und kalt daher kommt. Sein Privatleben spielt durchaus eine Rolle, wird aber auch nicht übermäßig herausgestellt, er wird sich seiner Gefühle sehr wohl bewusst, lässt sich durch sie aber nicht in seiner Arbeit behindern. Er kann sich und seine Gefühle sehr gut einschätzen und ist auch bereit, Risiken einzugehen, sofern es der Sache dient.

Reitmeyer ist ein interessanter Charakter, er hält sich mit politischen Meinungen in einer politisch hochbrisanten Zeit zurück und macht seine Arbeit, auch wenn er mit den Oberen nicht konform ist. Mit abgebrochenem Studium hatte er nicht viele Jobmöglichkeiten, trotzdem macht er seine Arbeit gerne, und in diesen Fall verbeißt er sich in dem Maße, wie man versucht, ihn davon abzuhalten. Selbst als klar wird, wie tief seine besten Freunde, die von Dohmbergs, darin verstrickt sind, lässt er sich in seinem Gerechtigkeitssinn nicht von der Aufklärung abhalten. Der Fall an sich ist zunächst einmal gar nicht so verzwickt, erhält aber eine ungeheure Brisanz durch die Tatsache, dass der Kommissär in seiner Arbeit behindert wird, nicht in den Militärkreisen, wo die Wurzel allen Übels zu suchen ist, ermitteln darf und dass seine Freundin Caroline Informationen zurückhält, die ihn schon viel eher an die Lösung heran geführt hätten. Die politische Lage und der historische Hintergrund spielen sicherlich eine große Rolle, es sind aber keine intimen Kenntnisse der Geschichte vonnöten, um die Handlung und die Geschehnisse zu verstehen. Die Handlung nimmt unabhängig davon ihren Lauf, und die Autorin versteht es meisterhaft, die Handlungsstränge, die Ermittlungsergebnisse und Aktionen der Protagonisten logisch aufzubauen, so dass der Leser alles immer nachvollziehen kann. Der Leser selbst ist allerdings gegenüber Reitmeyer im Vorteil, da er eher als Reitmeyer die Aufzeichnungen des Offiziers kennt. Nichtsdestotrotz wird auch hier nicht zu viel verraten, sondern die vorangegangenen Aktionen eher ergänzt, so dass der Spannungsbogen kontinuierlich aufrecht erhalten wird.

Abwechslungsreich und spannend ist der Roman auch aufgrund der Tatsache, dass Reitmeyer in vielen Milieus und Gesellschaftsschichten ermitteln muss, d.h. er ist sowohl in reichen Bürgerhäusern als auch beim Adel zu finden, muss aber ebenso mit Prostituierten und Arbeitern sprechen. Jeder hat seine Päckchen zu tragen und hat andere Ressentiments, und allen muss Reitmeyer Rechnung tragen. Dass er hier manchmal über die Stränge schlägt, ist nur seinem über allem stehendem Gerechtigkeitssinn geschuldet. Er weiß sich sehr wohl durchzusetzen und mitunter auch mit unkonventionellen Methoden zum Erfolg zu kommen.

Formal ist der Roman in drei Teile sowie einen Pro- und einen Epilog gegliedert. Die sehr passenden Überschriften bilden eine Art übergeordnetes Thema zu dem jeweiligen Teil, die jedoch alle nahtlos und chronologisch ineinander übergehen und nur eine Zeitspanne von einem Monat abdecken. Lediglich der Epilog spielt dann zwei Jahre später und bildet die letzte endgültige Auflösung des Falles. Aufgrund der brisanten Situation muss leider gesagt werden, dass der Gerechtigkeit nicht in allen Teilen genüge getan wird und so eine komplett befriedigende Lösung (und gerechte Strafe für alle Täter) nicht möglich ist. Das tut aber dem Lesevergnügen überhaupt keinen Abbruch und macht im Gegenteil Lust nach mehr Fällen für Kommissär Reitmeyer!

Fazit: Sehr gelungenes, sehr spannendes und hochwertig geschriebenes Krimidebüt. Ein Ermittler, der überzeugt und der das Potential hat, sich charakterlich und beruflich weiter zu entwickeln. Nicht nur der historische Hintergrund, auch das Leben der Menschen und besonders das Reitmeyers und seiner Mitstreiter sind so interessant, dass man mehr über sie erfahren möchte. Absolut zu empfehlen für alle, die einen höher wertigen historischen Krimi lesen und sich in eine hoch brisante Zeit hinein versetzen lassen wollen!


Die Frau von Shearwater Island: Roman
Die Frau von Shearwater Island: Roman
von Magali Robathan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Liebe und Verrat, 17. August 2014
Seit dem Tod ihrer Eltern lebt Alice Fisher allein in ihrem Haus auf Shearwater Island, einer kleinen, schlecht erreichbaren Insel in der britischen See. Auf der Insel leben nur eine Handvoll Menschen, und obwohl alle aufeinander angewiesen sind und sie alle eine eingeschworene Gemeinschaft bilden, graut Alice vor den einsamen Wintermonaten. Da kommt ihr die Anfrage des Schriftstellers Patrick Fox gerade recht: Er möchte die Wintermonate auf der Insel verbringen, um an seinem Buch zu arbeiten. Kurz entschlossen und entgegen der Widerstände der Inselbewohner nimmt Alice Patrick bei sich auf, und es dauert nicht lange, da genießt sie die gemeinsamen Abende, kocht für ihn und richtet bald ihr ganzes Leben auf ihn aus.

Patrick bemüht sich sehr, auch mit den anderen Inselbewohner Freundschaft zu schließen, doch nicht jeder steht ihm aufgeschlossen gegenüber. Alice jedoch verliebt sich in ihn, und entgegen jeder Warnungen lässt sie sich auf ihn ein und glaubt an eine gemeinsame Zukunft. In ihren gemeinsamen Abenden und Nächten vertraut sie ihm immer mehr Klatsch und Tratsch und ihr Wissen über die Inselbewohner an, und auch ihr eigenes, bestens gehütetes Geheimnis findet bald seinen Weg zu ihm. Da jedoch begeht Patrick einen Verrat an ihr und an den Inselbewohnern, und Alice steht im Kreuzfeuer der Kritik, war sie es doch, die die meisten Geheimnisse und damit ihre Gemeinschaft an einen Fremden verraten hat. Alice muss sich entscheiden, wem ihre Loyalität gilt und wie sie ihre Zukunft gestalten will.

Ein bemerkenswerter Roman über eine junge Frau, die an mehreren Scheidewegen steht und die ihre Feigheit, Sturheit, ihr Selbstmitleid und ihre Angst vor der Einsamkeit überwinden und selbständig Entscheidungen treffen muss. Die schlimmsten Geheimnisse sind die unausgesprochenen und nicht verarbeiteten, und so knabbert auch Alice an einem Trauma aus ihrer Kindheit. Durch ihre Feigheit und Angst werden zwei Menschen völlig falsch eingeschätzt, wird der eine verunglimpft und der andere in den Himmel gelobt, dabei weiß sie es besser, deckt aber die wahren Umstände nicht auf. Sie selbst schlägt sich durch Verdrängung durchs Leben und unterdrückt ihre wahren Gefühle und Begierden. Insofern ist es sicherlich Patrick zu verdanken, der ungeahnte Gefühle in ihr weckt und ihre Befangenheit löst, sie fühlt sich begehrt und geliebt. Dass Patrick aus ganz anderen Motiven heraus Interesse an ihr hat, geht ihr erst viel zu spät auf. Auch hier funktioniert ihr Verdrängungsmechanismus ganz hervorragend, und unbequeme Fragen blendet sie einfach aus.

Der große Pluspunkt dieses Romans sind die gut herausgearbeiteten Charaktere, die großartig beschriebene Gesellschaft der Insel, die teilweise turbulenten Kleinkriege und die kleinen und großen Geheimnisse der Insel. Sonst passiert nicht allzu viel. Der Roman lebt aber auch nicht von großen Action- oder Liebesszenen, sondern von den Kümmernissen der Einzelnen und dem Zusammenhalt der Gemeinschaft und den mitunter skurrilen und allesamt sehr liebenswerten Inselbewohnern. Zum Glück geht mit Alice ein deutlicher Wandel vor, denn sonst sind ihre Naivität und Ignoranz zeitweise nicht zu ertragen. Dass Patrick sie ausnutzt und dass es mit ihm nichts wird, wird dem Leser schon recht früh klar. Patrick ist egozentrisch, eitel, berechnend, selbstverliebt und benötigt permanent Zuspruch und Aufmerksamkeit und nutzt Alice nur aus, um eine gute Story erzählen zu können. Neugierig schnüffelt er in intimen Geheimnissen herum und sensationsgierig geiert er nach immer mehr schmutzigen Details. Der eine oder andere Inselbewohner erkennt das recht schnell, Alice benötigt aber einen eindeutigen Beweis, um sich darüber klar zu werden, dass Patrick sie ganz bewusst hintergangen und ausgenutzt hat. Ihre Entscheidung jedoch, zu sich und ihren Plänen zu stehen und Verantwortung zu übernehmen, ist nachvollziehbar und großartig, entspricht ihrem Charakter und macht sie authentisch und sympathisch. Ihre Fähigkeit zu verzeihen und sich auf Menschen, die sie vermeintlich enttäuscht haben und die sie glaubt enttäuscht zu haben, wieder einzulassen und etwas Neues zu beginnen nötigen großen Respekt ab. Am Schluss beweist sie große Stärke und so versöhnt das Ende doch sehr mit dem teilweise schwer nachvollziehbarem Verhalten Alices.

Fazit: Für alle Fans des stillen Gesellschaftsromans. Keine reine Liebesgeschichte, keine große Action, aber tolle Charaktere und wunderbare Beschreibungen der Menschen. Wie die Inselbewohner mit ihren Schicksalsschlägen und Fehlern umgehen ist bewundernswert, und der Wandel von Alices Persönlichkeit ist spannend und wiegt ihre vergangenen (Fehl-)Entscheidungen, ihre Passivität und Feigheit auf. Der Schluss ist sehr befriedigend, ein „happy end“. Der Roman lässt sich sehr gut lesen, ist flüssig geschrieben, jedoch alles andere als simpel. Weder belehrend noch hochtrabend psychologisch, sondern eine liebevolle Darstellung des Lebens auf engstem Raum. Die Beschreibungen der Insel sind fast schon poetisch, und das raue und abgeschiedene Eiland in der britischen See wird zum Zufluchtsort und erstrebenswerten Ziel, an dem man sich geborgen fühlt und auf dem sich alle aufeinander verlassen können. Ein Buch zum Fallenlassen und Wegträumen!


Totenleuchten: Ein Lappland-Krimi
Totenleuchten: Ein Lappland-Krimi
von Klara Nordin
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

5.0 von 5 Sternen Spannender Krimi, liebenswerte Charaktere!, 14. August 2014
Jokkmokk ist ein kleiner Ort in Schweden am nördlichen Polarkreis und das Zentrum der samischen Kultur in Schweden. Der Ort ist jedoch alles andere als beschaulich: Erst verunglückt der gelähmte Emil an seinem Geburtstag mit dem Motorschlitten im Eis, dann wird sein bester Freund Lucas brutal ermordet, ebenfalls an seinem Geburtstag, abgeschlachtet wie ein Rentier. Die örtlichen Ermittler Bengt und Margareta sind überfordert und warten händeringend auf ihre neue Chefin, Kriminalkommissarin Linda Lundin aus dem südschwedischen Lund. Deren Einstieg verläuft jedoch alles andere als reibungslos: Auf glatter Fahrbahn hat sie einen Unfall und ist erst einmal außer Gefecht gesetzt. So dauert es ein paar Tage, bis sie sich in die Ermittlungen einschalten kann, und sie fragt sich, wer könnte ein Motiv haben, einen jungen Mann so brutal zu ermorden? So richtig aufgeschlossen stehen die Bewohner von Jokkmokk ihren Fragen nicht gegenüber, und es ist mehr eine glückliche Fügung, die sie schließlich zum Täter führt…

Spannender Krimi mit liebenswerten und teilweise recht skurrilen Protagonisten! Sehr kompakt erzählt, ohne überflüssige Drehungen und Wendungen schafft es die Autorin, Spannung aufzubauen und diese auch zu halten, und präsentiert uns schließlich einen Täter, den zumindest ich nicht so erwartet hätte, dessen Motive aber letztlich völlig logisch und nachvollziehbar sind. Man denkt sich, da hätte ich auch von selber drauf kommen können, aber geschickt verwebt die Autorin die Kriminalgeschichte mit der Geschichte ihrer Figuren und der samischen Kultur und schickt uns und ihre Protagonisten zunächst auf eine falsche Fährte, und hinter der Fassade taucht so mancher Abgrund auf. Viel reden tun die Samen sowieso nicht, und der Rest der Gemeinschaft ist natürlich darauf bedacht, so gut wie möglich da zu stehen und kein dunkles Geheimnis an die Oberfläche kommen zu lassen. Dadurch werden die Ermittlungen ungemein behindert. Ermittlerin Linda Lundin hat es zusätzlich schwer, da sie weder die Menschen vor Ort kennt und auch nicht ihre Vergangenheit noch die Kultur der Samen, die eine große Rolle spielt. Ohne die Hilfe ihrer beiden hervorragenden Mitarbeiter Bengt und Margareta wäre sie also völlig aufgeschmissen, und doch schaffen es die drei, mehr und mehr Überraschendes, Kurioses und vor allem Schreckliches an den Tag zu bringen.

An sich eine klassische Detektivgeschichte, bei der die Frage, wer der Täter ist, die größte Rolle spielt, jedoch scharf gewürzt mit Beschreibungen der samischen Kultur und den Kümmernissen der Protagonisten und der Händel der Bewohner untereinander, oftmals sehr humorvoll auf den Punkt gebracht. So hat nicht nur Linda ihre Probleme, sich einzufinden, sondern auch ihre Mitarbeiter haben ihre Päckchen zu tragen und erfahren einige schockierende Dinge. Die Geschichte um die Journalistin Julla, die Unterschlupf bei der Samin Satu findet, die sich wiederum um ihren Enkel Per Ante sorgt, der ein sehr guter Freund Emils war, läuft zunächst parallel mit. Doch immer mehr zeigt sich die Vernetzung der Bewohner untereinander, und auch Julla dringt immer tiefer in die Gemeinschaft von Jokkmokk und deren Geheimnisse ein und spielt letztendlich auch eine Rolle bei der Ergreifung des Täters.

Die Zeitspanne der Ermittlungen umfasst denn auch nur zwei Wochen. Praktischerweise sind die Abschnitte mit dem Datum versehen und jeder Tag beginnt wieder mit Kapitel 1. Die Kapitel selbst sind recht kurz und die Perspektive wechselt häufig, was den kompakten Eindruck unterstreicht und die Spannung aufrecht erhält, und der Schreibstil ist flüssig und liest sich gut herunter. Die Geschichte wird komplett chronologisch erzählt, der Prolog steht dem Mord voran, der Epilog bildet den Abschluss und liefert eine zusätzliche überraschende Lösung für die vorangegangenen Ereignisse, so dass sich der Kreis äußerst befriedigend schließt. Interessanterweise lässt die Autorin die privaten Probleme der Protagonisten ungelöst, so dass es hier sicherlich Potential für die folgenden, hoffentlich ebenso spannenden Fälle gibt. Da mir die Figuren, allen voran Satu und Julla, aber auch viele andere, sofort und intensiv ans Herz gewachsen sind, hoffe ich natürlich auf eine Fortsetzung ihrer Geschichte bei den nächsten Fällen!

Fazit: Sehr gelungenes und fesselndes Debüt, spannender klassischer Krimi vor außergewöhnlicher Kulisse und vor dem Hintergrund der interessanten samischen Kultur, die uns hier nicht so geläufig ist und über die man gerne mehr erfahren würde. Gut ist außerdem, dass vorne und hinten im Buch eine Karte gedruckt ist mit Jokkmokk als Zentrum und dessen näherer Umgebung – sonst wüsste der Laie nicht, wovon im Buch die Rede ist. Gut herausgearbeitete Charaktere und genau die richtige Mischung aus spannendem Kriminalfall, sympathischen Figuren und seelischen Abgründen. Mehr davon!


Der Sommer der Freiheit: Roman
Der Sommer der Freiheit: Roman
von Heidi Rehn
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Der Sommer der Freiheit, 14. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Sommer der Freiheit: Roman (Taschenbuch)
Für Selma ist im Sommer des Jahres 1913 die Welt bestens in Ordnung. Seit jeher fährt sie jedes Jahr mit ihrer Familie in die Sommerfrische nach Baden-Baden, so auch dieses Jahr wieder. Verlobt ist sie mit dem Gutsbesitzersohn Gero, den sie innig liebt. In diesem Jahr lernt sie Constanze, eine junge Unternehmertochter aus Metz, kennen, sowie Robert, einen französischen Fotografen. Die jungen Leute verbringen eine unbeschwerte Zeit miteinander, und es knistert heftig zwischen Selma und Robert.

Doch der Krieg wirft bereits seine Schatten voraus, und es dauert nicht lange, da bricht er aus, und Gero und Selmas Bruder Grischa werden eingezogen. Die ersten Kriegsjahre verbringt Selma noch recht unbehelligt vom Geschehen mit ihrer kleinen Tochter Alma in Berlin, bis jedoch so nach und nach die Essensrationen immer geringer werden und der Notstand ausbricht. Als Gero vermisst wird, macht sie sich mit ihren Freunden Constanze und Robert auf eine abenteuerliche Reise ins Kriegsgebiet, um nach Gero zu suchen. Sie findet einen schwer traumatisierten, vom Krieg seelisch zerstörten Mann, mit dem ein Zusammenleben nicht mehr möglich ist. Gero lässt sich erneut einziehen und kommt nicht mehr zurück.

Als sich der Krieg bereits dem Ende zuneigt, beschließt Selma nach Bonn zu ihrem Eltern zu ziehen. Der Kontakt zu Constanze und Robert reißt ab. Erst Großmutter Meta schafft es, die Freunde nach dem Krieg wieder zusammen zu bringen, und schließlich muss sich Selma entscheiden, welchen Weg sie zukünftig gehen will…

Der Roman beschreibt recht anschaulich die Zeit vor, während und kurz nach dem Ersten Weltkrieg, eine Zeit des Umbruchs und der Umwälzungen. Nach dem Krieg, als Deutschland am Boden liegt, ist nichts mehr so wie vorher, der Kaiser ist weg, Essen ist knapp, und doch bricht für viele Menschen, vor allem für Frauen, eine aufregende neue Zeit an. Sie dürfen wählen, tragen Hosen und kurze Haare und können Berufe ausüben, die ihnen vorher verwehrt waren. Sehr treffend heißen die drei Teile des Romans denn auch Aufbruch, Ausbruch und Umbruch. Der erste Teil beschreibt die Zeit vor dem Krieg, der zweite die Zeit während und der dritte die Zeit nach dem Krieg. Vorangestellt ist ein Epilog, der auch chronologisch vor allem liegt und die idyllische Zeit der Sommerfrische beschreibt, nachgestellt ist ein Epilog, der ebenfalls in der wieder aufgenommenen Sommerfrische in Baden-Baden spielt und der somit den Kreis schlüssig abrundet.

Ich muss leider gestehen, dass mir die Figuren fast alle durchweg fremd blieben oder unsympathisch waren. Selma als Hauptfigur ist eine verwöhnte, selbstbezogene Göre aus reichem Hause mit Mittelpunkt-Neurose, die eifersüchtig wird, wenn sich nicht alles um sie dreht. Sie denkt nur an ihr Vergnügen, an Tanz, Theater und Kino, und selbst während des Krieges geht sie lieber tanzen und vernachlässigt ihre Tochter. Ihre Motive für ihre Handlungen bleiben oft unklar, ihr Festhalten an Traditionen, obwohl sie so modern sein will, ist unlogisch und steht im Widerspruch zu ihren Äußerungen. Ebenso finde ich ihren Sexhunger und ihre dauernde sexuelle Erregung unglaubwürdig. Warum sie die Ehe mit Gero eingeht, ist mir schleierhaft und lässt sich eigentlich nur mit ihrem Wunsch nach Sicherheit und heile Welt erklären, die sie sucht, beziehungsweise mit dem Wunsch nach dem Erhalt ihres hohen Status'. Gero bietet ihr eine gute gesellschaftliche Stellung und finanzielle Absicherung, ansonsten behandelt er sie phasenweise wie Dreck und betrügt sie aufs Übelste. Die Suche nach ihm begründet sie immer damit, es ihm schuldig zu sein. Nicht einmal Constanze und Robert verstehen dies so richtig. Zwei Drittel des Buches ging sie mir immer mehr auf die Nerven, und ich habe auch noch nie erlebt, dass sich soviel um den Hals gefallen und umarmt wurde, dass man „dankbar“ war oder sich anschmiegen musste. Gegen Ende wird sie dann ihrer Rolle als moderne junge Frau, die den Umbruch für sich nutzt, etwas mehr gerecht. Mit Hilfe ihrer Großmutter Meta wird sie Autorin und veröffentlicht sogar unter eigenem Namen. Dies war keinesfalls selbstverständlich, und Selma macht sicherlich in gewisser Hinsicht eine Wandlung durch, indem sie zur selbstbewussten, finanziell und gesellschaftlich nicht mehr vom Mann abhängigen Frau wird.

Den anderen Figuren stand ich ebenfalls zwiegespalten gegenüber, Selmas Familie bleibt blass, die Eltern verkörpern die „alte Zeit“, besonders ihre Mutter Hedda. Ihr Bruder ist ein Fliegerass und kehrt schwer verwundet zurück, findet jedoch trotzdem seinen Weg, anscheinend ohne größeres Trauma. Großmutter Meta ist ein bisschen zu gewollt modern und aufgeschlossen und wirkt mitunter unglaubwürdig, ist aber nichtsdestotrotz sympathisch. Was alle an Robert finden, war mir bis zum Schluss ebenfalls schleierhaft. Ein Geck, der genau weiß, dass er gut aussieht und dabei charakterlich farblos und unausgereift bleibt. Überhaupt hätte man meines Erachtens die Charaktere der einzelnen Protagonisten deutlich mehr herausarbeiten und viel vielschichtiger anlegen können.

Die einzige, über die ich wirklich gerne mehr erfahren hätte, ist Constanze. Als erste Frau macht sie ein Ingenieursstudium und schließt es mit Auszeichnung ab. Sie übernimmt die Firma ihres Vater, welche er ihr wunderbarerweise überschreibt, und modernisiert sie mit neuen Erfindungen. Sie ist die einzige, die von Anfang an „modern“ ist und wie keine andere für die neue Zeitrechnung steht. Trotz ihrer Jugend weiß sie von Anfang an was sie will und zieht es durch, und selbst ihre Zuneigung zu Robert kann nichts an ihren Plänen ändern. Für Selma ist sie immer da, obwohl diese sie abfällig Küken nennt und ihr ihren mangelnden Stil mehr als einmal unter die Nase reibt. Selma auf der anderen Seite ist jedoch oftmals eifersüchtig und fühlt sich neben der klugen Constanze minderwertig. Constanze hingegen ist nicht nur klug, sie ist einfach ein guter Mensch und steht für ihre Sache ein.

Der Schreibstil des Romans ist recht gewöhnungsbedürftig und liest sich nicht so flüssig wie erwartet. Die Autorin verwendet eine altmodisch anmutende Erzählweise und verwendet ebensolche Begriffe. Ein Gesicht ist hier ein Antlitz, man sagt Liebster (oder ganz innovativ Darling) und Kino ist Kintopp. Mitunter geraten ihre Beschreibungen, vor allem die der Mode, etwas sehr langatmig und zur besseren Vorstellung tragen sie auch nicht bei. Die altmodische Sprache und sittenstrenge Zeit stehen zudem in krassem Gegensatz zu den detailliert beschriebenen Sexszenen, die meiner Meinung nach etwas weniger weitschweifig hätten ausfallen können und oftmals unnötig sind. Einige Begriffe werden zwar im Anhang erklärt, das stört aber wiederum den Lesefluss. Der Weltkrieg spielt im ersten Teil gar keine Rolle, die Politik bleibt nebensächlich. Natürlich sind die Figuren und besonders Selma vom Krieg betroffen, kommen aber recht unbeschadet aus ihm hervor. Er bedeutet für sie alle letztendlich vor allem einen Neuanfang, und nach seinem Ende nimmt man seine Gewohnheiten mehr oder minder normal wieder auf.

Fazit: Interessanter historischer Hintergrund, tolle Kulisse und an sich ein schöner Gesellschaftsroman, der meines Erachtens aber einiges an Spannung verliert, da die Hauptfiguren einem fremd bleiben. Es fiel mir zunehmend schwer am Ball zu bleiben, und auch der Schluss war letztlich zu blumig-heiter, obwohl ich Happy Ends liebe. Dass Heidi Rehn schreiben kann, ist unbenommen, ich fand den Stil und die Aufarbeitung des Themas leider zu langatmig, um mich wirklich zu fesseln.


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