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Polygraph

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Suicidal Tendencies
Suicidal Tendencies
Preis: EUR 3,99

1.0 von 5 Sternen Dass sie es danach noch geschafft haben, ist ein Wunder, 12. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Suicidal Tendencies (MP3-Download)
Die Suicidal Tendencies sind eine verdiente, talentierte Band, und eine Formation, deren Output ich seit längerem verfolge. Wenn man sich ihr Debüt anhört, dann kann man von Glück reden, dass sie überhaupt entdeckt wurden, denn das einzige, was diese Scheibe bietet, ist ein lückenloser Grad von Dilettantismus, für dessen detaillierte Beschreibung die gängigen Adjektive ("untalentiert", "langweilig", "stumpfsinnig“ oder das gute alte "schlecht") kaum ausreichen.

Man erhält direkt Mitleid mit all den Studiomitarbeitern draußen im Land, die sich tagtäglich durch dutzende und aberdutzende von talentfreien Demotapes hören müssen, denn genau auf diesem Niveau bewegen wir uns hier; wobei, nein, es gibt ja auch professionelle, erfolgreiche Demobands, die ihren Band zu einem Vertrag, einer Karriere im Business und mehreren goldenen Schallplatten verhelfen, aber davon ist hierbei rein gar nichts zu hören.

Wie bzw. dass dieses Album einen Klassikerstatus für sich beanspruchen kann, wie manche Rezensenten hier suggerieren ist kaum nachvollziehbar: was man hier über sich ergehen lässt, ist nichts anderes als eine halbe Stunde primitiver MetalPunk (da Gitarre+Schlagzeug+Bass), wie ihn Millionen von Amateurkrachis in ihren Garagen fabrizieren: Echter Hardcore waltzt Dich platt, echter Skatepunk geht ins Ohr - hier wird man das Gefühl nicht los, ein paar Jugendliche hätten sich bei angeschaltetem Mikrophon ausgetobt.
Die Tracks (von „Liedern“ will ich hier nicht sprechen) dauern irgendwas zwischen einer und zwei Minuten und haben weder Unterscheidungs- noch Wiedererkennungwert: amateurhaftes E-Gitarrengeschepper während der Drummer im Hintergrund ein mehr oder weniger wahlloses Geklopfe und Gerumpel darüberlegt. Mike Muir hatte seinen Stil damals auch noch nicht recht gefunden - am Anfang gibt es ein bisschen gekünstelt irres Gelächter, danach kreischt, kiekst und sabbert(!) sich hier in schönster Obituary-Manier durch die Lieder.

Keine Finesse, keine Spur von Melodien - ich habe schon viele ärgerliche, missglückte oder schlichtweg langweilige Alben gehört, aber ein so talentfreies, buchstäblich primitives Album wie diese Scheibe ist mir wirklich selten untergekommen. Hier stimmt nichts, aber auch rein gar nichts; es bleibt beim ersten und einzigen Durchhören – bis zum Ende meiner Tage wird dieses Album in einem Ordner auf meiner Festplatte virtuellen Staub ansetzen. Denn da ich dieses Album leider digital gekauft habe, kann ich es nichtmal als Bierdeckel benutzen.


Low Voltage
Low Voltage
Preis: EUR 10,64

1.0 von 5 Sternen Aufs falsche Pferd gesetzt, 28. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Low Voltage (Audio CD)
Stellen Sie sich vor, sie gehen ins Ritz und der Kellner sagt: "Tut mir leid, wir verkaufen nur noch pappige Hamburger." Stellen Sie sich vor, Sie gehen zu McDonalds und der Typ am Tresen sagt: "Tut mir leid, wir verkaufen nur noch gehobene französische Molekularküche, die sich niemand leisten kann." Wie würden Sie da reagieren? Wahrscheinlich mit dem Satz: "Aber ihr habt doch bisher immer…."

Welchen Sinn hat es also, wenn eine Band, deren verlässliches Erfolgsrezept Energie, Schmiss, und gute Laune war, plötzlich eine Platte mit faden, dudeligen Chill-Out-Versionen ihrer größten Hits herausbringt? Ganz richtig – gar keinen (ach halt, den Scheck der Plattenfirma habe ich vergessen).
Man kann als Künstler sehr gerne mal etwas anderes machen, als das Gewohnte, aber wenn man das KOMPLETTE GEGENSTÜCK von dem Gewohnten macht, kann eigentlich nichts Gutes dabei herauskommen – wie diese Scheibe auch überdeutlich demonstriert: BossHoss, die jahrelang Stimmungsgaranten bei Grillabenden und Strandparties waren, deren traditionelles Yee-HAW! vor dem Konzert die Massen durch die Decke gehen liess, versuchen sich plötzlich als Band für eine verrauchte Bar zu später Stunde: Ein Versuch der in jeder Hinsicht katastrophal ausfällt.

Mehrere ihrer großen musikalischen Flaggschiffe wurden fröhlich hingeschlachtet, das Tempo ist grundsätzlich um zwei Stufen runtergefahren; die großen Refrains, die einem im Original auch nach dem zwanzigsten Durchhören ein Lächeln aufs Gesicht zauberten, sind kaum mehr wiederzuerkennen. Statt Polkabeats und Country-Arrangements säuseln nun lahme, klägliche Streich- und Blechblaspassagen im Hintergrund, und der einst so markante Gesang, diese breitmaulige, gewollt amerikanische Diktion wandelt sich dank der gedrosselten Geschwindigkeit zu einem kaum erträglichen zweistimmigen Genöle.

Ich weiss nicht, welche Wette die Jungs verloren haben, dass sie soetwas eingespielt (bzw. veröffentlicht) hat – man kann unterm Strich aber nichts anderes feststellen, dass eine Band, die einstmals lässig einen Ohrwurm nach dem anderen aus dem Ärmel schüttelte, hier eine Form von Musik vorgelegt hat, die man selbst in Arztpraxen, Frisiersalons und Telefon-Warteschleifen nicht ertragen würde.
Ich würde hier gerne einen Troststern geben, ich würde gerne einen Song hervorheben oder eine Neufassung als halbwegs gelungen bezeichnen – aber ich bitte mir zu glauben, dass mir dies hier schlichtweg nicht möglich ist. Keine der Neufassungen übertrifft (bzw. erreicht) das Original, das Album ist viel zu anbiedernd leger um zu überzeugen, und das ganze riecht noch dazu verdächtig nach Kommerz.
Was kann man da noch sagen? Ein Stern - so leid es mir tut.


Do Or die
Do Or die
Preis: EUR 8,97

5.0 von 5 Sternen Ein Album für Männer, 28. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Do Or die (Audio CD)
Nach Do or Die haben sich die Murphys entschieden weiterentwickelt - manche werden sagen, sie hätten danach erst ihren charakteristischen Stil entdeckt, denn sämtiche IrishFolk-Elemente sind auf dem Debüt noch sehr dünn gesät; auf der anderen Seite bietet dieses Album einen echten rotzig-räudigen Straßenpunkrock, den man in dieser Authentizität leider nie wieder zu hören bekam. Auch textlich sind sie nach diesem Album eigentlich zu einer komplett anderen Band geworden: Heute präsentieren sie sich als Trinker, Geschichtenerzähler und Partylöwen; auf ihrem ersten Album sind sie Stahlarbeiter und Kistenschlepper - Männer er mit ölverschmierten Gesichtern und Schwielen an den Händen.

Neben der deutlich weniger melodischen, aber dafür umso kraftvolleren Musik (tatsächlich mehr britischer Oi-Punk als Celticrock) ist besonders der Sänger Mike McColgan hervorzuheben, der nach diesem Album eine Karriere bei der Bostoner Feuerwehr antrat, und erst später mit den Street Dogs wieder zur Musik zurückkehrte. Das ruppige Organ dieses Mannes und sein deutlich hörbarer Boston-Akzent sind begnadet und verleihen seinen Texten über das Dasein der werktätigen Bevölkerung eine Glaubwürdigkeit, die man bei den meisten "alternativen" Punkbands schon lange nicht mehr findet: Hier singen keine Langzeitstudenten, die noch bei ihren Eltern wohnen, über das ungerechte System und die Leiden der Navajo-Indianer; hier singt ein Ex-Soldat und Golfkriegsveteran über Männer, die um 4 Uhr morgens aufstehen.

Do or Die ist ein Album, dessem ruppigem Charme man(n) sich schwer entziehen kann -und das sage ich hier ganz bewusst; denn das Lebensgefühl und, ja, auch die Romantik, dieses Albums sprechen eine Zone an, die man der besseren Hälfte einfach nicht erklären kann. Die Zone von Dosenbier, Rocky-Filmen und schweisstreibender, energetischer Rockmusik - Männersachen eben.


Game Day [inkl. 5 Extra Songs]
Game Day [inkl. 5 Extra Songs]
Wird angeboten von Crawley Music
Preis: EUR 14,95

3.0 von 5 Sternen Nächste Ausfahrt: Voice-of-Germany, 27. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Game Day [inkl. 5 Extra Songs] (Audio CD)
Was haben die Baseballs und BossHoss gemeinsam? Eine ganze Menge. Beide kommen aus Deutschland, beide besitzen neben ihren regulären Songs noch dazu ein fantastisches Gespür für schmissige Coverversionen, beide haben einen per se uncoolen, veralteten Stil wieder populär gemacht, und nicht zuletzt schaffen es beide, einem auch noch beim vierzigsten Hören im Auto ein Mitwippen und ein sattes Lächeln zu entlocken.
Dieser Liste von Gemeinsamkeiten muss man nun – leider – nun noch eine weitere Hinzufügen: Beide befinden sich auf dem absteigenden Ast – und das offenbar auch aus demselben Grund. BossHoss haben mit Flames of Fame letztes Jahr ein ausgesprochen zahnloses, radiotaugliches Album veröffentlicht und schwirren seitdem munter durch die Niveau-Abgründe des deutschen Privatfernsehens; soweit ist es bei den Baseballs Gottseidank noch nicht, aber mit dem vorliegenden Album machen sie einige erschreckend große Schritte in Richtung Mainstream-Pop.

Der Sound ist unverkennbar (wie bei BossHoss eben auch), aber die Sorge um ein möglichst breites Massenpublikum ist bei jedem Song kaum zu überhören. Alles wirkt etwas sanfter, glatter, auf Nummer Sicher – nicht unbedingt schlecht, aber eben auch alles andere als gut. Musik, die man sich Gefallen lässt, aber über die man nach Durchlaufen der einzelnen Songs nicht mehr nachdenkt. Kaum ein Song bietet ansprechende oder mitreissende Melodien, und eine bewusst samtige Produktion, schmirgelt verlässlich noch die letzten verbleibenden Ecken und Kanten ab. Die Energie, der berühmte Schmiss, der die Jungs einst (verdient) zum Erfolg brachte, ist hier gleich um zwei Stufen heruntergefahren: Die Baseballs wirken nicht mehr wie eine eigene Band, sondern eher wie ein "Act", der das liefert, was man erwartet.

Es bleibt ein Album, das von jung und alt wirklich jedem gefällt, weil es schlicht und ergreifend auch niemanden stört – ich vergebe hier drei Sterne für einen dennoch vorhandenen Stimmungsfaktor, und auch für das kongeniale 50er-Revival Retrospect, wo die Band wieder einmal unmissverständlich klarmacht, was sie kann, wenn man sie lässt. Im Vergleich zu den Vorgängern ist Game Day aber kaum mehr als eine blasse Kopie.
Bleibt zu wünschen, dass die Jungs den Schuss nicht überhören, und ihre Fanbasis nicht noch mit weiterer Kommerz-Anbiederung verprellen. Zwei Cowboys aus Berlin liefern da doch gerade ein wirklich abschreckendes Beispiel ab, wo man mit soetwas landet.


Never Mind the Bastards
Never Mind the Bastards
Preis: EUR 19,91

1.0 von 5 Sternen Grandiose Idee, grandios versiebt., 9. April 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Never Mind the Bastards (Audio CD)
Man sollte mittlerweile eine Strafgebühr für Künstler jeglicher Art einfordern, die sich die Rechte an großartigen Ideen und Stoffen liefern, nur um sie dann schonungslos zu verhunzen: Eine IrishPunk-Version der SexPistols wäre für mich eine Jahrhundertidee, aber wenn sich vier Münsteraner daranwagen, deren einzige Gemeinsamkeit mit der Grünen Insel beim Spirituosenkonsum endet, dann kann nichts gutes dabei rauskommen.

Was geliefert wurde, ist sogar noch schlimmer als befürchtet: Es ist nichtmal misslungen – es ist ein langweiliger und gelangweilter, halbherziger Versuch. Denn statt die Songs neu zu erfinden, statt sie aufzubrechen und als FolkPUNK neu aufzubauen, hat man das Album der Sex Pistols einfach nochmal brav, fast schon leicht poppig, bis auf die letzte Note neu eingespielt und hier und dort ein verschämtes Flötchen (welches noch dazu fatal nach Keyboard-Konserve klingt) oder ein undefinierbares Blasinstrument drübergelegt. Keine Ideen, kein neuer Charme, kein Moment bei dem man aufhorchen und schmunzeln könnte, nichts eigenes und vor allem rein gar nichts, von der rohen Energie, die immer noch in dem Originalalbum steckt: Ich bin mir sicher, jeder, der das hier liest, hat mindestens eine Amateurband im Freundeskreis, die nicht bessere und schmissigere SexPistols-Cover spielt, als das, was einem hier geboten wird.

Stimmlich sieht es nicht besser, ja sogar schlechter auf. Auch das Originalalbum mag keine gesangliche Höchstleistung gewesen sein, aber es war stimmlich aggressiv und hat mitgerissen. Hier hört man bei jedem Stück aufs neue denselben kraftlosen, matt-leiernden Sprechgesang: allein die Intonation von "Anarchy in the UK" – grausam.

Ich habe dieses Album zweieinhalb mal gehört, und ich sage bewusst zwei-einhalb Mal. Zweimal wollte der Funken nicht überspringen, und als ich es dann zum dritten Mal durchlaufen liess, war es mir nach der Hälfte zu blöd. Ein Stern mag grausam sein, da ja ein gewisser "Hörbarkeits"-Faktor gegeben ist - ich möchte aber ausdrücklich betonen, dass dieses Album wirklich auf keiner Ebene liefert: Coverversionen sind mehr, als ein Album eins-zu-eins neu einzuspielen, Irish Folk ist mehr, als nur hin und wieder mal eine Bleichpfeife im Hintergrund, und Singen bedeutet mehr, als nur Innerhalb einer halben Oktave vor sich hin zu nuscheln.

Ich habe dieses Album unglücklicherweise blind im MP3-Format gekauft – ein weiterverticken bzw. Trade-In ist daher leider nicht drin. Bleibt nur die gut gemeinte Warnung an alle geneigten Käufer, mit ihrem Geld (neu kostet das Album immerhin 20 Tacken) nicht einen Musiker zu unterstützen, der eine grandiose Idee mit Karacho gegen den Baum gefahren hat. Johnny Rotten würde jedenfalls an die Decke gehen, wenn er das hier hören würde - von den Dropkick Murphys und Flogging Molly gar nicht zu reden.


81 - The Other World: The World of Hells Angels
81 - The Other World: The World of Hells Angels
DVD ~ Dimitrios Lukas
Preis: EUR 15,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Yvan Eht Nioj!, 9. April 2014
Es wurde bereits gemutmaßt, dass es sich bei dem vorliegenden Film nicht um eine eigenständige Dokumentar-Produktion eines unabhängigen Regisseurs sondern um ein von den Hells Angels finanziertes PR-Werk handelt: Dieser Interpretation möchte ich mich in vollem Umfang anschliessen, denn dass ein ernstzunehmendes Studio in Deutschland einen so einseitigen, argumentativ löcherigen und journalistisch mehr als fragwürdigen Film finanzieren würde, ist schwer vorstellbar.

Hauptbestandteile des Films sind entweder Zeitlupenaufnahmen von Rockeraufmärschen (unterlegt von einem monoton abgelesenen, verrenkt-poetischem Begleittext) oder nahezu abstumpfende Aneinanderreihungen von kurzen, druckreifen Statements, in denen verschiedene HA's sich selbst und die Welt erklären: Da niemand kritisch nachfragt bleiben diese Sätze natürlich unkommentiert im Raum stehen: Und natürlich stehen die HA's für nichts anderes als Freiheit, Brüderlichkeit, Ehre, und Loyalität - wenn nur da nicht das böse, böse "System" wäre, das die HAs nicht in Ruhe lässt. Und der kriminelle Kontext, den der eine oder andere Zuschauer vielleicht mit den HA's in Verbindung bringt? Alles gelogen natürlich!

Dass diese Soundschnippsel nur so daherbehauptet werden und daher für ein echtes, tieferes Verständnis der HA's komplett ohne Mehrwert sind, ist hierbei nicht minder tragisch, als das man hier 90 Minuten lang ergrauten, übergewichtigen Männern in Lederkluft ausgesetzt ist, die darüber schwadronieren, dass sie nach eigener Ansicht die letzten Männer auf dem Planeten sind, für die Sitte und Anstand noch etwas zählt. Den Vogel schiesst jedoch Ben Becker ab (sein Bibelstudium ist ihm offenbar zu Kopf gestiegen) der hier gewissermaßene eine Erzähler-Funktion erfüllt - vor schwarzem Hintergrund sitzt, an seinem Totenkopfring herumdreht, und mit vor Bewunderung zitternder Stimme von der "unnahbaren Schönheit" der Rockerbande schwärmt.

Wenn es dann doch mal kurz um Drogen, Prostitution, Waffenschmuggel und Bandenkriege geht, dann natürlich nur im Zusammenhang mit den Lügen, die die Presse über die HA's verbreitet. Ich bin ja bereit zu akzeptieren, dass MANCHES was über die Rocker in der Zeitung steht, aufgebauscht oder schlecht recherchiert ist, aber dass ALLES gelogen sein soll; dass sich Millionen von Journalisten und Politikern rund um den Globus aus reiner Boshaftigkeit gegen einen netten privaten Motorradklub verschworen haben, wie hier nahegelegt wird – das glaube ich nicht.
Dass sich der Film auf so einer Grundlage zunehmend in Widersprüche verstrickt, versteht sich von selbst: Dieselben Männer, die eben noch beteuert haben, nur unbehelligt Motorrad fahren zu wollen, zeigen sich plötzlich beim Kraftsport, und verkünden, dass man sich besser nicht mit ihnen anlegt (Warum sollte man das auch? Es sind doch nur nette Motorradfahrer?). Dieselben Männer, die eben noch betonen, dass alle Berichte über kriminelle Machenschaften erstunken und erlogen sind, sieht man plötzlich ohne Erklärung und Überleitung im Rotlichtmilieu wo sie "für Ordnung sorgen." Und um auch noch die letzten Zweifel zu beseitigen, dass die Jungs doch eine positive soziale Funktion erfüllen, wird uns zum Schluss noch eine banale Anekdote präsentiert, in der die Rocker mal einen Pädophilen zusammengeschlagen haben. Die Moral von der Geschicht? Die HA's greifen durch wo luschige Polizisten und Richter versagen.

Selbst wenn man die Einseitigkeit und argumentativen Ungereimtheiten bei der Bewertung außen vor lässt (und das ist schwer genug), bietet der Film schlichtweg keine tiefschürfenden Erkenntnisse, die Kaufpreis, Lebenszeit und vielleicht einen Troststern rechtfertigen würden: Keine Privataufnahmen, keine Polizeiberichte, keine Statistiken – der Lernwert dieser 90 Minuten liegt auf Wahl-Werbespot-Niveau. Statt einem interessanten Ausflug in eine andere Welt, statt packender Berichte aus dem sozialen Unterbauch, statt Aufklärung über Banden und Struktur im In- und Ausland reden 90 Minuten lang hier HA's über HA's und was sie für tolle Kerle sind.
Und zwei sehr wichtige Fragen hat man natürlich ebenfalls unter den Tisch gekehrt: Zum einen, was Mitglieder der HA's eigentlich den ganzen Tag machen, wenn sie nicht Motorrad fahren, oder an Motorrädern rumschrauben - denn über Geld, Arbeit und Broterwerb der Mitglieder schweigt sich der Film natürlich aus.
Zum Zweiten hätte mich auch sehr interessiert, was Polizisten, das BKA, HA-Aussteiger, erpresste Ladenbesitzer, Prostituierte oder die rivalisierenden Bandidos so über die Jungs zu sagen hätten. Aber die wurden natürlich nicht eingeladen.


Winners & Boozers
Winners & Boozers
Preis: EUR 14,99

5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Schau Mal Mama, ich bin ein Ire!, 7. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Winners & Boozers (Audio CD)
Was passieren kann, wenn man sich zu sehr in eine kulturelle Affinität hineinsteigert, das zeigt einem das Phänomen Fiddlers Green mit schonungsloser Konsequenz: Die Combo stammt aus Erlangen, d.h. Deutschland, d.h. einem Kulturkreis, der traditionell eher wenig mit Pub, Dudelsack und grünen Auen zu tun hat – wenn man aber der Band und ihren Songs über Trinker, Eckkneipen, Soldaten und Seeräubern Glauben schenken will, dann haben sie ihr Guinness schon mit der Muttermilch eingesogen. Fiddlers Green sind irischer als irisch, und 16 Songs lang schreien sie es von den Dächern. Sämtliche Zweifel werden bereits im ersten Song, in der ersten Textzeile ausgeräumt: "A Night in Dublin, a Night in Cork, we're on the way to Connemara, we are leaving for New York" – deutlicher kann man wohl nicht machen, dass man irischen und nichts als irischen Folkpunk spielt.

Warum kauft man der Band – aller musikalischen Professionalität zum Trotz- ihren Habitus nicht ab? Ganz einfach - von der ersten bis zur letzten Minute wirkt Band und Album kalkuliert, überzogen, unnatürlich in ihrer guten Laune. Die Songs und Refrains sind so anbiedernd-penetrant auf Stimmungsmache, Schunkeln und Bierzelt ausgerichtet, dass einem spätestens nach drei Songs die Partylaune vergeht.
Was die großen Vorbilder aus dem Ärmel schüttelten, scheint bei Fiddlers Green das Ergebnis einer maschinellen Kalkulation. Dudelsack + E-Gitarre + Schiebermütze + Trinklyrik ergibt aber eben nicht automatisch ein CelticPunk-Album, wenn es an Charme und Esprit mangelt. Richtig witzig wird es dann, wenn man mal das Booklet aufschlägt - denn wogegen zumindest die Murphys einen echten, ruppigen Arbeitercharme zelebrieren (und nebenher auch gewerkschaftsnahe Stiftungen unterstützen) blicken einen von den Bandfotos sechs wohlmeinende Lehramt-Refrendars-Typen an, von denen gleich zwei sogar noch modische Börsenmakler-Brillen tragen.

Der Eindruck , dass hier Kinder der deutschen Mittelschicht versuchen, harte, markige Typen zu mimen, schlägt sich auch in den Texten nieder: von dem FM-typischen augenzwinkerndem Trinkerhumor keine Spur, es dominieren schale, abgegriffene Durchhalte-Sprüche (das Wortpaar "Never Hide" fällt in dem gleichnamigen Song dank des sehr eingängigen Refrains so oft, dass man meint, der Song dauere 10 Minuten), auf "raise your voice" folgt das unvermeidliche "make some noise" und wenn Fiddlers Green mal ihre grüblerische, melancholische Seite zeigen, dann wird uns eine minutenlange Gegenüberstellung von Selbstverständlichkeiten als große Lebensweisheit verkauft: "Sometimes it's better and sometimes it's worse, sometimes its simple and sometimes it hurts (...) sometimes you're happy and sometimes you cry, once it's your birthday and once (*Trommelwirbel*, na Leute, wollt ihr's wirklich hören, sollen wir's wirklich bringen? Na, na - was kommt wohl als nächstes, na? na? Steht auf, put your hands in the air, und ruft es alle im Chor:) YOU MUST DIE!" Was für Einsichten, was für Tiefsinn. Und ich dachte der Wandkalender, den mir die AOK zur 20jährigen Mitgliedschaft geschenkt hat, wäre inspirierend.

Für mich, der von Irish/Celtic-Punk kaum genug kriegen kann, war Fiddlers Green ein hoffnungsvoller Spontangriff, aber es wurde ein Griff in die Kloschüssel – sechs Erlanger, die sich kleiden wie Zeitungsjungen aus den 20er Jahren, ein bisschen irisches NameDropping betreiben und meinen, damit als Inselbewohner durchzugehen - nee, das zündet nicht. Ich vergebe hier zwei Sterne für einen minimalen Stimmungsfaktor, aber neben DKM und FM wirken Fiddlers Green wie der uncoole Nachbarsjunge, der unbedingt mit den Großen spielen will. Möglich, dass die Band auf anderen Alben etwas ehrlicher und reifer rüberkommt – ich habe aber nicht die geringste Lust, mich selbst davon überzeugen und werde jetzt erstmal The Warrior's Code einlegen, um mir diese übereifrige Betriebsfaschings-Mucke durch echten, stinkenden Straßenpunk wieder aus den Gehörgängen zu spülen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 21, 2014 1:00 PM CET


Panic
Panic
Preis: EUR 21,95

3 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Allerhöchstens gute Ansätze, 6. Juni 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Panic (Audio CD)
Um es gleich zu sagen: Hätte ich diese Scheibe als Underground-Geheimtipp von einem Kumpel geliehen, würde ich großzügiger bewerten; wäre diese Musik ein Nebenprojekt von Trent Reznor, das er aus Langeweile zwischen zwei anderen Projekten konzipiert, und als Gratisdownload ins Netz gestellt hat, würde ich nichts sagen - aber ich bin durch explizit positive Rezensionen auf dieses Album aufmerksam geworden, und habe den vollen Ladenpreis dafür bezahlt, und unter diesem Gesichtspunkt hält sich meine Begeisterung stark in Grenzen.

Album und Band werden mit dem Versprechen angepriesen, hier würde 20er Jahre-Swing und Elektromucke kombiniert - beide Musikrichtungen, schätze ich sehr, und stelle mir eine gelungene Kombination sehr reizvoll vor. Die Betonung liegt hier auf "gelungen", denn was die Band hier präsentiert, ist mehr als nur ein bisschen ausbaufähig.
Zuallererst ist der tatsächliche Swing-Anteil keineswegs der dominante, tonangebende Aspekt dieser Musik, sondern erschöpft sich allerhöchstens aus vereinzelten Swing-Elementen, die in eine eher simple Elektro-Soundkulisse eingeflochten sind - hier mal kurz ein Barpiano, da ein Blechbläser-Keyboard. Ein eigentlicher kreativer Anteil der Band ist kaum wahrnehmbar, stattdessen hat man immer wieder hat man den Eindruck, mit niedrigem Aufwand erstellte Remixe zu hören.
Über weite Strecken bietet das Album allerhöchstens swinghaft angehauchte Synthesizer-Arrangements, die man in anderer Zusammensetzung mühelos als nächste 0815-Popnummer verkaufen könnte. "Maniac" ist eine stinknormale (und sehr ermüdende) Elektro-Nummer, deren einziger Swing-Anteil eine Gesangsstimme ist, die man viel Phantasie als Chanson-haft benennen könnte. "The Dirty Side of the Street" - in meinen Augen noch der beste Song des Albums - ist kaum mehr als ein mit doppelter Geschwindkeit abgespielter BigBand-Song, und erinnert dabei stark an die Intro-Melodie der MuppetShow.
Wer will, mag diesen Ansatz als Minimalismus bezeichnen, ich wage zu behaupten, die Band wollte sich einfach nicht anstrengen: Gerade in der zweiten Hälfte, wenn das ohnehin nur sehr spärliche Pulver verschossen ist, verkommt das Album zu einer Aneinanderreihung von vierminütig dahinscheppernden Drumcomputer-Endlosschleifen, über die man vereinzelt eine Handvoll verwaschener 20er-Jahre-Samples geworfen hat.

Die schmale musikalische Bandbreite hätte durch einen gekonnten Gesangseinsatz wieder wettgemacht werden können, aber auch hier hält sich die Band zurück - gerade mal zwei Stücke weisen klaren, unverzerrten Gesang auf, ansonsten durchzieht das Album über weite Strecken blechern-unverständliches Gemurmel, dem man weniger zuhört, als dass man es als bloßen Bestandteil des Geschepper im Hintergrund hinnimmt.

Ich bin mir sicher, auch dieses Album wird seine Liebhaber finden, ich bedaure nur, dass ich nicht einer von ihnen sein kann, und möchte mit dieser Rezension nur jedem ans Herz legen, nicht vorschnell zu urteilen, sondern sich vor dem Kauf einmal die gelisteten Hörproben zu Gemüte zu führen: Mich selbst hat diese Scheibe über weite Strecken kaltgelassen – nicht etwa, weil ich mit den beiden musikalischen Hauptzutaten nichts anfangen könnte, sondern weil sie für meine Begriffe so lustlos kombiniert wurden.
Schon nach dem ersten Durchhören habe ich nicht den Drang verspürt, das Album noch einmal zu hören, habe es dann aber trotzdem getan, und schliesslich innerhalb dieser 54 Minuten das Eine oder Andere herausgehört, das zufriedenstellt, oder das man als generell originell bezeichnen kann. Aber etwas das Einnimmt, das einen Aufhorchen lässt habe ich nicht gefunden. Und spätestens bei dritten Durchlauf nimmt man diesen Klangteppich kaum mehr zur Kenntnis.


Call of Juarez: The Cartel
Call of Juarez: The Cartel
Wird angeboten von Better Games Inc.
Preis: EUR 4,50

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mehr als nur einen Blick wert, 14. Mai 2013
= Spaßfaktor:4.0 von 5 Sternen 
Rezension bezieht sich auf: Call of Juarez: The Cartel (Videospiel)
The Cartel musste nach Erscheinen mächtig Prügel einstecken, und zumindest ich frage mich warum. Das ist doch ein mehr als solider Shooter – modernes, großstädtisches Szenario, überzeugende Gang-Atmosphäre und eine atmosphärische Inszenierung, bei der man den Straßendreck buchstäblich selbst spürt. Das Rad hat man zwar nicht unbedingt neu erfunden, aber das Spiel liefert genügend außergewöhnliche Ansätze, um vor der mittlerweile weitgehend glattgebügelten Konkurrenz positiv hervorzustechen: die Story spielt in den miesesten Vierteln von L.A. und führt einen bisweilen auch über die mexikanische Grenze. Und während andere vermeintliche „Gangster“-Titel sich in den mittlerweile salonfähigen Gewässern von Bankraub und Alkoholschmuggel bewegen, und Schlimmeres allerhöchstens andeuten, legt The Cartel den Finger direkt in die Wunden des 21. Jahrhunderts: Es geht um Waffenschmuggel, Menschenhandel, Zwangsprostitution.
Und auch wenn man hier zumindest vom Namen hier "die Guten" spielt, fügen sich die drei spielbaren Protagonisten nahtlos in die grimmige Großstadt-Atmosphäre ein: Drei gescheiterte Existenzen mit Polizeimarke, drei verbitterte, korrupte Soziopathen, die alle vor einer schwarzen Vergangenheit davonlaufen, die sie aber im Laufe der Story nach und nach einholt. Hier spielt man Menschen, die nicht eine sympathische Faser in sich tragen, und die einen gerade aufgrund ihrer Skrupellosigkeit dennoch faszinieren: In den Zwischensequenzen muss der Spieler immer wieder mitansehen, wie sich seine Figur für die sg. "gute Sache" mehr und mehr außerhalb von Recht und Moral stellt, und bisweilen Maßnahmen ergreift, die ihn sofort in den Knast bringen würden. Das ganze mündet dann verlässlich in ein Endszenario, dessen Bitterkeit man buchstäblich auf der Zunge schmecken kann.

Die einzigen spürbaren Mängel dies Spiels, sind technische Kinderkrankheiten: Wenn zwei Dialoge überlappen, neutralisieren sie sich bisweilen gegenseitig, wenn man zu schnell vorwegläuft, kann es sein (oder es ist zumindest bei mir vorgekommen), dass die Partner nicht nachkommen und schliesslich ganz verschwinden, so dass man neu laden muss, und die Partner-KI ist zwar im offenen Kampf akzeptabel, in den Fahrtsequenzen rühren die Gesellen aber keinen Finger, um einem die Verfolger vom Hals zu halten, was die Autofahrten zu einem Glückspiel macht, bei dem man nur die Daumen drücken kann, dass man heil durchkommt.
Der gravierendste Kritikpunkt, über den ich hier nicht hinweggehen will, sind allerdings die Telefonanrufe, die man bisweilen erhält; diese kommen sehr häufig zu unpassenden Zeiten, und lassen sich nicht abbrechen, so dass man selbst im Kugelhagel abwarten muss, bis das Gespräch beendet ist.

Dies sind Mängel, die bisweilen ärgerlich sind, am großen Ganzen ändern sie jedoch nichts – anstelle ausgetretene Pfade noch breiter zu machen, anstelle zum tausendsten Mal ein halbseidenes Modern Warfare/Zweiter Weltkriegs-Szenario aufzugießen, hat sich hier Entwicklerteam zur Abwechslung einmal nicht gescheut, neue und riskante Ideen umzusetzen: The Cartel ist nicht perfekt, es hätte auch mit ein wenig mehr Arbeitsaufwand noch besser werden können - aber es hat einen Effekt, den bislang bei mir nur Condemned und der erste Max Payne ausgelöst haben: Als der Abspann lief, wollte ich mir die Hände waschen.


Kidnapped [DVD]
Kidnapped [DVD]
Wird angeboten von Dreamlands
Preis: EUR 16,99

0 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Terror nach Strickmuster, 12. Mai 2013
Rezension bezieht sich auf: Kidnapped [DVD] (DVD)
Gibt es bei den deutschen DVD-Studios eigentlich ein Büro, in dem sich ein Autorenkollektiv den deutschen Verleihtitel ausdenkt? Steht wirklich ein kreativer Prozess dahinter? Werden allen Ernstes Menschen für diese Tätigkeit bezahlt? Oder gibt man einfach nur die entscheidenden Stichpunkte des Drehbuchs in einen Computer ein, der dann wahllos einen englischen Begriff ausspuckt, der dem Film im weitesten Sinne gerecht wird? "Kidnapped" ist ein weiteres Beispiel für den Zwitter aus Anglisierung und Einfallslosigkeit, der sich auf dem Deutschen Verleihmarkt eingenistet hat – und was noch schlimmer ist: Im Falle des vorliegenden Films ist der Titel sogar explizit falsch, denn selbst ein in juristischen Fragen nicht unbedingt sattelfester Zuschauer wird mühelos feststellen, dass hier keine Entführung, sondern eine Geiselnahme stattfindet.

Aber zum Thema: Eine dreiköpfige Familie wird unmittelbar nach ihrem Einzug in ihrem Eigenheim von drei gewalttätigen osteuropäischen Kriminellen festgehalten und unter Gewaltandrohung ausgeraubt; als der Vater mit einem der Männer zum nächsten Geldautomaten fährt, um dort nach Anweisung das Konto leerzuräumen, kommt es zu Hause zwischen den zwei verbliebenen Männern und Mutter und Tochter zu einigen unschönen Szenen. Die Situation eskaliert.

So schonungslos und brutal sich der Film gibt, so überschaubar ist sein Plot, und so überraschungsfrei bleibt das Drehbuch: Es werden tatsächlich nur im Laufe von 90 Minuten drei Menschen in ihrem Haus gewalttätig drangsaliert, und (ich glaube, hier muss man nicht von Spoilern reden) umgebracht. Die scheinbar dramatischen Wendungen der Geschichte, die für eine schleichende Eskalation der Spannung sorgen, bzw. sorgen sollen, sind altbekannte Horror-Narrativ-Elemente, die keinen Genrefan mehr aus seinem Ruhepuls kitzeln: Der zum Scheitern verurteilte Fluchtversuch und die tote Telefonleitung sind auch im 21. Jahrhundert nicht totzukriegen

Sind dies vielleicht noch unvermeidliche Einfallslosigkeiten in einer ansonsten durchaus brauchbaren Produktion, finden sich bisweilen noch gravierendere Fehltritte, die in ihrer Naivität die gewollt grimmige Atmosphäre des Films drastisch aufweichen: Der Polizist (natürlich nur ein einziger), der überraschend an die Tür klopft, und sich von dem sich als Ehegatten ausgebenden Entführer in eine Falle locken lässt; der Kriminelle, der sich, als sich die Situation kurz zu Gunsten der Opfer verschiebt, seinem vorherigen Opfer versichert, dies alles sei nur die Ideen seiner Kumpanen gewesen, und er selbst sei eigentlich ein netter Kerl (und das Opfer, das darauf hereinfällt), das unbefriedigend-einfallslose Ende, das hoffnungslos wirken soll, aber schon von Beginn an klar war.
Als die drei Soziopathen in der Mitte des Films dann auch kurz ihre Strumpfmasken lüfteten, und sich als smarte, bildhübsche Männer entpuppten, die in jeder Modellagentur mit Handkuss Millionenverträge einstreichen würden, war es mit meiner Sympathie endgültig vorbei.

"Kidnapped" zeigt überdeutlich, dass auch die anhaltende Realo-Folter- Welle, mittlerweile auf einer Sandbank gelandet ist. Der Film beinhaltet beklemmende, realistisch inszenierte Gewalt, aber das Drehbuch in das diese Szenen gebettet sind, ist im Ganzen zu schematisch, um den Zuschauer mitfiebern bzw. mitleiden zu lassen. Funny Games hatte sein verschachteltes Skript, und sein Spiel mit den Erwartungen, Mum & Dad (s. Mum & Dad - UNCUT! in der 4 Minuten längeren Version ) - "Kidnapped" gibt sich Mühe zu schockieren, bleibt aber bis zum Schluss überraschungsfrei.
Der Film ist professionell inszeniert, und die Schauspieler machen ihre Sache gut, und wer bisher nicht mitbekommen hat, was Horror-Regisseure in den letzten Jahren getrieben haben, sitzt mit Sicherheit mit flauem Magen vor dem Fernseher - alle anderen haben, ohne es wahrscheinlich selbst zu wissen, eine sehr klare Vorstellung davon, was in dem Film passiert, wann es passiert, und wie es passiert.


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