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Rezensionen verfasst von
Polygraph

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Panic
Panic
Preis: EUR 21,99

4 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Allerhöchstens gute Ansätze, 6. Juni 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Panic (Audio CD)
Um es gleich zu sagen: Hätte ich diese Scheibe als Underground-Geheimtipp von einem Kumpel geliehen, würde ich großzügiger bewerten; wäre diese Musik ein Nebenprojekt von Trent Reznor, das er aus Langeweile zwischen zwei anderen Projekten konzipiert, und als Gratisdownload ins Netz gestellt hat, würde ich nichts sagen - aber ich bin durch explizit positive Rezensionen auf dieses Album aufmerksam geworden, und habe den vollen Ladenpreis dafür bezahlt, und unter diesem Gesichtspunkt hält sich meine Begeisterung stark in Grenzen.

Album und Band werden mit dem Versprechen angepriesen, hier würde 20er Jahre-Swing und Elektromucke kombiniert - beide Musikrichtungen, schätze ich sehr, und stelle mir eine gelungene Kombination sehr reizvoll vor. Die Betonung liegt hier auf "gelungen", denn was die Band hier präsentiert, ist mehr als nur ein bisschen ausbaufähig.
Zuallererst ist der tatsächliche Swing-Anteil keineswegs der dominante, tonangebende Aspekt dieser Musik, sondern erschöpft sich allerhöchstens aus vereinzelten Swing-Elementen, die in eine eher simple Elektro-Soundkulisse eingeflochten sind - hier mal kurz ein Barpiano, da ein Blechbläser-Keyboard. Ein eigentlicher kreativer Anteil der Band ist kaum wahrnehmbar, stattdessen hat man immer wieder hat man den Eindruck, mit niedrigem Aufwand erstellte Remixe zu hören.
Über weite Strecken bietet das Album allerhöchstens swinghaft angehauchte Synthesizer-Arrangements, die man in anderer Zusammensetzung mühelos als nächste 0815-Popnummer verkaufen könnte. "Maniac" ist eine stinknormale (und sehr ermüdende) Elektro-Nummer, deren einziger Swing-Anteil eine Gesangsstimme ist, die man viel Phantasie als Chanson-haft benennen könnte. "The Dirty Side of the Street" - in meinen Augen noch der beste Song des Albums - ist kaum mehr als ein mit doppelter Geschwindkeit abgespielter BigBand-Song, und erinnert dabei stark an die Intro-Melodie der MuppetShow.
Wer will, mag diesen Ansatz als Minimalismus bezeichnen, ich wage zu behaupten, die Band wollte sich einfach nicht anstrengen: Gerade in der zweiten Hälfte, wenn das ohnehin nur sehr spärliche Pulver verschossen ist, verkommt das Album zu einer Aneinanderreihung von vierminütig dahinscheppernden Drumcomputer-Endlosschleifen, über die man vereinzelt eine Handvoll verwaschener 20er-Jahre-Samples geworfen hat.

Die schmale musikalische Bandbreite hätte durch einen gekonnten Gesangseinsatz wieder wettgemacht werden können, aber auch hier hält sich die Band zurück - gerade mal zwei Stücke weisen klaren, unverzerrten Gesang auf, ansonsten durchzieht das Album über weite Strecken blechern-unverständliches Gemurmel, dem man weniger zuhört, als dass man es als bloßen Bestandteil des Geschepper im Hintergrund hinnimmt.

Ich bin mir sicher, auch dieses Album wird seine Liebhaber finden, ich bedaure nur, dass ich nicht einer von ihnen sein kann, und möchte mit dieser Rezension nur jedem ans Herz legen, nicht vorschnell zu urteilen, sondern sich vor dem Kauf einmal die gelisteten Hörproben zu Gemüte zu führen: Mich selbst hat diese Scheibe über weite Strecken kaltgelassen – nicht etwa, weil ich mit den beiden musikalischen Hauptzutaten nichts anfangen könnte, sondern weil sie für meine Begriffe so lustlos kombiniert wurden.
Schon nach dem ersten Durchhören habe ich nicht den Drang verspürt, das Album noch einmal zu hören, habe es dann aber trotzdem getan, und schliesslich innerhalb dieser 54 Minuten das Eine oder Andere herausgehört, das zufriedenstellt, oder das man als generell originell bezeichnen kann. Aber etwas das Einnimmt, das einen Aufhorchen lässt habe ich nicht gefunden. Und spätestens bei dritten Durchlauf nimmt man diesen Klangteppich kaum mehr zur Kenntnis.


Call of Juarez: The Cartel
Call of Juarez: The Cartel
Wird angeboten von Ihr-Heimkino-
Preis: EUR 3,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mehr als nur einen Blick wert, 14. Mai 2013
= Spaßfaktor:4.0 von 5 Sternen 
Rezension bezieht sich auf: Call of Juarez: The Cartel (Videospiel)
The Cartel musste nach Erscheinen mächtig Prügel einstecken, und zumindest ich frage mich warum. Das ist doch ein mehr als solider Shooter – modernes, großstädtisches Szenario, überzeugende Gang-Atmosphäre und eine atmosphärische Inszenierung, bei der man den Straßendreck buchstäblich selbst spürt. Das Rad hat man zwar nicht unbedingt neu erfunden, aber das Spiel liefert genügend außergewöhnliche Ansätze, um vor der mittlerweile weitgehend glattgebügelten Konkurrenz positiv hervorzustechen: die Story spielt in den miesesten Vierteln von L.A. und führt einen bisweilen auch über die mexikanische Grenze. Und während andere vermeintliche „Gangster“-Titel sich in den mittlerweile salonfähigen Gewässern von Bankraub und Alkoholschmuggel bewegen, und Schlimmeres allerhöchstens andeuten, legt The Cartel den Finger direkt in die Wunden des 21. Jahrhunderts: Es geht um Waffenschmuggel, Menschenhandel, Zwangsprostitution.
Und auch wenn man hier zumindest vom Namen hier "die Guten" spielt, fügen sich die drei spielbaren Protagonisten nahtlos in die grimmige Großstadt-Atmosphäre ein: Drei gescheiterte Existenzen mit Polizeimarke, drei verbitterte, korrupte Soziopathen, die alle vor einer schwarzen Vergangenheit davonlaufen, die sie aber im Laufe der Story nach und nach einholt. Hier spielt man Menschen, die nicht eine sympathische Faser in sich tragen, und die einen gerade aufgrund ihrer Skrupellosigkeit dennoch faszinieren: In den Zwischensequenzen muss der Spieler immer wieder mitansehen, wie sich seine Figur für die sg. "gute Sache" mehr und mehr außerhalb von Recht und Moral stellt, und bisweilen Maßnahmen ergreift, die ihn sofort in den Knast bringen würden. Das ganze mündet dann verlässlich in ein Endszenario, dessen Bitterkeit man buchstäblich auf der Zunge schmecken kann.

Die einzigen spürbaren Mängel dies Spiels, sind technische Kinderkrankheiten: Wenn zwei Dialoge überlappen, neutralisieren sie sich bisweilen gegenseitig, wenn man zu schnell vorwegläuft, kann es sein (oder es ist zumindest bei mir vorgekommen), dass die Partner nicht nachkommen und schliesslich ganz verschwinden, so dass man neu laden muss, und die Partner-KI ist zwar im offenen Kampf akzeptabel, in den Fahrtsequenzen rühren die Gesellen aber keinen Finger, um einem die Verfolger vom Hals zu halten, was die Autofahrten zu einem Glückspiel macht, bei dem man nur die Daumen drücken kann, dass man heil durchkommt.
Der gravierendste Kritikpunkt, über den ich hier nicht hinweggehen will, sind allerdings die Telefonanrufe, die man bisweilen erhält; diese kommen sehr häufig zu unpassenden Zeiten, und lassen sich nicht abbrechen, so dass man selbst im Kugelhagel abwarten muss, bis das Gespräch beendet ist.

Dies sind Mängel, die bisweilen ärgerlich sind, am großen Ganzen ändern sie jedoch nichts – anstelle ausgetretene Pfade noch breiter zu machen, anstelle zum tausendsten Mal ein halbseidenes Modern Warfare/Zweiter Weltkriegs-Szenario aufzugießen, hat sich hier Entwicklerteam zur Abwechslung einmal nicht gescheut, neue und riskante Ideen umzusetzen: The Cartel ist nicht perfekt, es hätte auch mit ein wenig mehr Arbeitsaufwand noch besser werden können - aber es hat einen Effekt, den bislang bei mir nur Condemned und der erste Max Payne ausgelöst haben: Als der Abspann lief, wollte ich mir die Hände waschen.


Kidnapped [DVD]
Kidnapped [DVD]
Wird angeboten von RAREWAVES-DE
Preis: EUR 9,63

0 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Terror nach Strickmuster, 12. Mai 2013
Rezension bezieht sich auf: Kidnapped [DVD] (DVD)
Gibt es bei den deutschen DVD-Studios eigentlich ein Büro, in dem sich ein Autorenkollektiv den deutschen Verleihtitel ausdenkt? Steht wirklich ein kreativer Prozess dahinter? Werden allen Ernstes Menschen für diese Tätigkeit bezahlt? Oder gibt man einfach nur die entscheidenden Stichpunkte des Drehbuchs in einen Computer ein, der dann wahllos einen englischen Begriff ausspuckt, der dem Film im weitesten Sinne gerecht wird? "Kidnapped" ist ein weiteres Beispiel für den Zwitter aus Anglisierung und Einfallslosigkeit, der sich auf dem Deutschen Verleihmarkt eingenistet hat – und was noch schlimmer ist: Im Falle des vorliegenden Films ist der Titel sogar explizit falsch, denn selbst ein in juristischen Fragen nicht unbedingt sattelfester Zuschauer wird mühelos feststellen, dass hier keine Entführung, sondern eine Geiselnahme stattfindet.

Aber zum Thema: Eine dreiköpfige Familie wird unmittelbar nach ihrem Einzug in ihrem Eigenheim von drei gewalttätigen osteuropäischen Kriminellen festgehalten und unter Gewaltandrohung ausgeraubt; als der Vater mit einem der Männer zum nächsten Geldautomaten fährt, um dort nach Anweisung das Konto leerzuräumen, kommt es zu Hause zwischen den zwei verbliebenen Männern und Mutter und Tochter zu einigen unschönen Szenen. Die Situation eskaliert.

So schonungslos und brutal sich der Film gibt, so überschaubar ist sein Plot, und so überraschungsfrei bleibt das Drehbuch: Es werden tatsächlich nur im Laufe von 90 Minuten drei Menschen in ihrem Haus gewalttätig drangsaliert, und (ich glaube, hier muss man nicht von Spoilern reden) umgebracht. Die scheinbar dramatischen Wendungen der Geschichte, die für eine schleichende Eskalation der Spannung sorgen, bzw. sorgen sollen, sind altbekannte Horror-Narrativ-Elemente, die keinen Genrefan mehr aus seinem Ruhepuls kitzeln: Der zum Scheitern verurteilte Fluchtversuch und die tote Telefonleitung sind auch im 21. Jahrhundert nicht totzukriegen

Sind dies vielleicht noch unvermeidliche Einfallslosigkeiten in einer ansonsten durchaus brauchbaren Produktion, finden sich bisweilen noch gravierendere Fehltritte, die in ihrer Naivität die gewollt grimmige Atmosphäre des Films drastisch aufweichen: Der Polizist (natürlich nur ein einziger), der überraschend an die Tür klopft, und sich von dem sich als Ehegatten ausgebenden Entführer in eine Falle locken lässt; der Kriminelle, der sich, als sich die Situation kurz zu Gunsten der Opfer verschiebt, seinem vorherigen Opfer versichert, dies alles sei nur die Ideen seiner Kumpanen gewesen, und er selbst sei eigentlich ein netter Kerl (und das Opfer, das darauf hereinfällt), das unbefriedigend-einfallslose Ende, das hoffnungslos wirken soll, aber schon von Beginn an klar war.
Als die drei Soziopathen in der Mitte des Films dann auch kurz ihre Strumpfmasken lüfteten, und sich als smarte, bildhübsche Männer entpuppten, die in jeder Modellagentur mit Handkuss Millionenverträge einstreichen würden, war es mit meiner Sympathie endgültig vorbei.

"Kidnapped" zeigt überdeutlich, dass auch die anhaltende Realo-Folter- Welle, mittlerweile auf einer Sandbank gelandet ist. Der Film beinhaltet beklemmende, realistisch inszenierte Gewalt, aber das Drehbuch in das diese Szenen gebettet sind, ist im Ganzen zu schematisch, um den Zuschauer mitfiebern bzw. mitleiden zu lassen. Funny Games hatte sein verschachteltes Skript, und sein Spiel mit den Erwartungen, Mum & Dad (s. Mum & Dad - UNCUT! in der 4 Minuten längeren Version ) - "Kidnapped" gibt sich Mühe zu schockieren, bleibt aber bis zum Schluss überraschungsfrei.
Der Film ist professionell inszeniert, und die Schauspieler machen ihre Sache gut, und wer bisher nicht mitbekommen hat, was Horror-Regisseure in den letzten Jahren getrieben haben, sitzt mit Sicherheit mit flauem Magen vor dem Fernseher - alle anderen haben, ohne es wahrscheinlich selbst zu wissen, eine sehr klare Vorstellung davon, was in dem Film passiert, wann es passiert, und wie es passiert.


Days Go By
Days Go By
Preis: EUR 11,97

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Wenn so die "erwachsenen" Offspring klingen sollen..., 6. Mai 2013
Rezension bezieht sich auf: Days Go By (Audio CD)
...dann möchte ich lieber nicht wissen, wie die Jungs klingen werden, wenn irgendwann einmal die Midlife Crisis einsetzt. Days Go By zeigt Offspring merkwürdig orientierungslos - es gibt viel Bekanntes für die Fans, aber mindestens genauso viele Expeditionen in fremde, häufig deutlich seichtere musikalische Gefilde; und wie der Titel bereits vermuten lässt, präsentiert sich die Band auf dieser Scheibe textlich und musikalisch betont reif und gesetzt.

Das ist per se auch überhaupt nicht tragisch, denn in der Vergangenheit haben Offspring bereits grüblerisch-skeptische Nummern geschrieben – hier steht aber offenbar die gesamte Scheibe im Zeichen des Weltschmerzes , und gerade im Vergleich zu den früheren Stücken wirkt der Seelenknatsch auf Days Go By mehr als nur eine Spur gekünstelt.
Nach fast dreißig Jahren Bandgeschichte werden Offspring-Songs plötzlich durch langsame Passagen unterbrochen, plötzlich gibt es schwermütige Klavierakkorde, plötzlich sagt Dexter Holland Sätze wie:

- "Will you take what's in my head? And erase me when I'm dead?"
- "Inside a storm is raging, it blows up in your eyes; inside a heart is breaking, rivers running dry!"
- "I've been drowning in the sea, I've tried to please you; it's all I'll ever be!"

Klingt das Album unverwechselbar nach Offspring, ist es doch deutlich glatter und radiotauglicher, als alles, was die Jungs bis dahin veröffentlicht haben, und badet noch dazu über weite Strecken in gefällig-vermarktungsfähiger Schwermut, die aber niemals so weit geht, irgendjemandem wirklich ernsthaft auf die Zehen zu treten. Die ersten drei Songs bieten einen nicht gerade spektakulären, aber unverwechselbar-soliden Einstieg, aber dann beginnt plötzlich eine unerklärliche experimentelle Phase, und die Qualität des Albums bricht für fast den gesamten Mittelteil komplett ein.
Das zuckersüße Nervstück Cruisin California, dessen drei-Ton-Melodieschleife weniger nach Punkrock, als nach der Hintergrundmusik einer Farmsimulation klingt, und dessen belangloser Strandparty-Text sich problemlos auf jedem x-beliebigen BravoHits-Sampler finden liesse, markiert eindeutig einen Tiefpunkt in der Offspring-Discographie. Und auch wenn man mir die eingeschworenen Text-Interpreten hier zum tausendsten Mal um die Ohren hauen werden, dass dieser Song ironisch gemeint ist (woher wisst Ihr das eigentlich?): Mies bleibt mies, egal ob es ironisch, ernst, oder wer weiss was sonst noch gemeint ist.
Und kaum hat man sich von dem Schock erholt, bleibt einem bei der poppigen Softrock-Ballade All I have left is You wirklich alles im Hals stecken – man fragt sich, ob dies noch dieselbe Band ist, die Staring At The Sun, Cool To Hate und Self Esteem aufgenommen haben. Dieser belanglose, glattgeschmirgelte 3-Strophen Song ist so fad und ohne jeden Biss, und textlich dermaßen naiv, dass er bei einem deutschen Problemfilm im Abspann laufen könnte. Den Schlusspunkt setzt dann die zermürbend eintönige Latino-Pop-Parodie O.C. Guns die noch dazu mit dem Abstand albernstem Text aufwartet, den Offspring seit Original Prankster geschrieben hat.

Kurz vor Schluss zieht Days Go By gottseidank dann doch wieder ein wenig an, bietet im letzten Drittel zwar keine Überflieger, hievt die Band jedenfalls wieder auf ihr gewohntes handwerkliches Niveau. Ich möchte aber dennoch betonen, dass es sich hierbei um klassisch-routiniertes Offspring-spielt-Offspring-Füllmaterial handelt, das kaum Hitpotential mitbringt.
Es gibt auf Days Go By unzweifelhaft immer wieder Momente, bei denen man aufhorcht - aber diese sind in der Regel lediglich nur in die Lieder eingewobene "Bestandteile" (die hübsche Hintergrundmelodie des Titelstücks beispielsweise) – aber wirklich gute Songs, Songs aus einem Guss, bei denen alles stimmt, und die einen für Tage nicht loslassen, sind auf dieser Scheibe sehr dünn gesät. Die Band ist auf der Suche nach neuen Impulsen, das ist kaum zu überhören – was sie auf Days Go By ausprobiert haben, sind aber eindeutig mehrere große Schritte in die falsche Richtung.


The Art of Rebellion
The Art of Rebellion
Preis: EUR 7,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Monument des Schmerzes, 26. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Art of Rebellion (Audio CD)
Lange Zeit habe ich nicht begriffen, wie sich der Name SuicidalTendencies mit der doch sehr positiven, energetischen Musik vereinbaren lassen sollte, der unter diesem Namen gespielt wird - nun habe ich dieses frühe Album gehört, und weiss: Dieser Name ist nicht vom Himmel gefallen, die Männer dieser Band hatten früher offenbar einmal massive Probleme.
Fernab von dem funkig-melodischen Skater-Punk, der den Jungs später so unverwechselbar von der Hand ging, reagiert hier sperriger, fast schon psychedelischer Hardcore: Keine Ohrwürmer, keine Mitsing-Refrains, stattdessen schmetternde Gitarrenwände, über weite Strecken stark gedrosseltes Tempo und ein Hörerlebnis, das man streckenweise fast schon als körperlich unangenehm bezeichnen kann.

Die Texte passen nahtlos zum Programm, denn The Art of Rebellion ist ein zwölfteiliges Konzeptalbum über das Thema Qual: Die Texte geben Einblick in eine getretene, geschundene Seele, die sich nicht mitteilen kann, deren Zuneigungen unerwidert bleiben, und deren Hoffnungen immer wieder an gedankenlosen Menschen zerschellen. Mike Mui. zeigt nocheinmal wozu er stimmlich fähig ist – die gequälten Refrains von Sacrifice oder Can't Stop sind zwar nicht unbedingt Ohrwürmer, aber sie vermitteln echte, ungekünstelte Emotion.

Verglichen mit ihrem späteren Output ist dieses Album ohne Zweifel ein harter Brocken, aber es vermittelt zwölf Songs lang echte, ungekünstelte Emotion – meistens rauh, bitter und leer, aber einmal eben auch sanft und melancholisch - denn mit Asleep at the Wheel enthält dieses Album nicht nur einen der besten Songs, den die STs jemals geschrieben haben, sondern eines der schönsten Lieder, das ich kenne.
Ich selbst habe die Phase überlebt, in der ich diese Texte selbst hätte schreiben können, und die Suicidal Tendencies ebenso – gottseidank; dafür haben sie mit diesem Album ein Geschenk an alle Nachgeborenen Teenager gemacht, die noch durch dieselbe Soße waten müssen. Ihr seid nicht allein.


Lincoln
Lincoln
DVD ~ Daniel Day-Lewis
Preis: EUR 5,55

34 von 56 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Unter falscher Flagge, 20. April 2013
Rezension bezieht sich auf: Lincoln (DVD)
Ich mag zwar Steven Spielberg nicht, aber für einen guten Historienfilm – gerade über eine amerikanische Figur - bin ich gerne bereit, die üblichen Verklärungen in Kauf zu nehmen, ohne die es offenbar in diesem Genre nicht geht.
"Lincoln" war für mich eine irritierend simple Enttäuschung - und das lag nicht etwa daran, dass das Leben des großen Präsidenten etwa massenpublikumstauglich glattgebügelt wurde (obwohl dies ohne Zweifel geschehen ist) – meine Irritation (und es ist wirklich mehr Verwunderung als tatsächliche Enttäuschung) beruht auf der für mich schlecht gewählten Ausgangsbasis dieser Produktion, die den Film in die denkbar uninteressanteste Richtung bugsiert.

Anders als der Titel vermuten lässt, handelt es sich zum Anfang nämlich nicht um eine Biographieverfilmung, die Handlung spielt in der Endphase des Bürgerkriegs und umfasst ca. 3 Jahre – Lincoln steht nicht nur bereits mitten im Leben, er ist auch bereits Präsident: Wer ein filmisches Portrait dieses großen Amerikaners sehen will, die Kindheit, die ihn prägte, die Werte, die er übernahm, die Ideale, die er fand muss sich hier auf eine herbe Enttäuschung gefasst machen: Lincoln begegnet uns gewissermaßen als "Fertigprodukt" - gefestigt, entschlossen – fast ein Abziehbild.
Dies ist vielleicht das entscheidende Stichwort, denn das Drehbuch gestattet Abraham Lincoln keinen Fingerbreit Tiefe. Als Gegenbeispiel: Oliver Stone hat es in seiner Biographieverfilmung Nixon geschafft, dem Zuschauer diesen vom ganzen Land gehassten Menschen als getriebenen, beschädigten, mitleiderregenden, ehrgeizigen Mann zu präsentieren, bei dem es schlichtweg kein Weiß und kein Schwarz gab. Der Präsident, den uns Steven Spielberg hier präsentiert, weckt hingegen kaum Interesse - eine schlichter, volkstümlicher Mann ohne Ecken und Kanten, ohne Leidenschaften aber auch ohne innere Abgründe, die den Zuschauer dazu bringen könnten, sein eigenes Geschichtsbild zu überdenken
So darf sich das Publikum noch im Jahre 2013, da sich die sogenannte "Dekonstruktion" von Mythen mittlerweile zum Historiker-Sport entwickelt hat, die Sichtweise einlöffeln lassen, der Norden habe den Bürgerkrieg nur geführt, hunderttausende junge Männer nur geopfert, um die Sklaven zu befreien; nicht etwa um die wirtschaftliche Vorherrschaft zurückzuerlangen. Dass Lincoln, wie einige unbequemere Historiker behaupten, den blutigen Bürgerkrieg billigend in Kauf nahm, um seine Vision eines starken, zentralistischen Staates zu verwirklichen, seine diversen (vorsichtig ausgedrückt) "streitbaren" Äußerungen über die schwarze Bevölkerung, die mittlerweile von jedem eingesehen werden können, der sich dafür interessiert - all das bleibt bei Spielberg selbstverständlich unter dem Teppich.

Daniel Day-Lewis, den ich selbst für den größten lebenden Schauspieler halte, kann einem direkt leidtun, dass ihn sein Ehrgeiz in diese Produktion getrieben hat, denn auch ein Schauspielgenie wie er kann hier nichts rausreissen, da ihm das Drehbuch schlichtweg zu enge Grenzen setzt.
Day-Lewis Darbietung in There Will be Blood liess mich sprachlos zurück – es war eine Figur, die so komplex und gleichzeitig abstoßend war, dass buchstäblich jedes Wort fehl am Platze war – als Abraham Lincoln darf er brav den dörflichen Märchenonkel spielen, als den ihn das Drehbuch verkaufen will, von einer oscarreifen Darbietung ist diese Rolle jedoch meilenweit entfern – unter einem anderen Regisseur hätte Day Lewis mit seiner Ausdruckskraft einen weiteren, unbequemen Kinomeilenstein setzen können; in seiner jetzigen Forum bleibt sein Lincoln eine blasse, schlichte Persönlichkeit (die noch dazu erstaunlich selten auftritt), so dass hier ein weiteres Mal der schale Beigeschmack zurückbleibt, die Akademie würde auch einem Straßenhund eine Trophäe verleihen, wenn er nur den Namen eines amerikanischen Helden trägt.

Auch von der reinen Darbietung abgesehen, erzählt das Drehbuch eine ausgesprochen belanglose Geschichte – der zentrale Angelpunkt der Handlung liegt in einer anstehenden Kongressabstimmung zur Abschaffung der Sklaverei in den (Wieder-)Vereinigten Staaten. Da eine biographische Durchleuchtung Lincolns per se nicht stattfindet, verkommt dieser Film dank seines eher bürokratischen Settings komplett zum Gerichtsdrama: Es werden Akten gewälzt, Mehrheiten eingeholt, Stimmen geworben, bis das ganze dann in einer großen Kongress-Szene kulminiert.
Genau hier liegt das Hauptproblem dieses Films: Das Drehbuch versucht auf Biegen und Brechen ein Spannungsszenario auf historischem Allgemeinwissen aufzubauen. Man muss nicht einmal ein Historiker sein, um diesen Ansatzpunkt missglückt zu finden, ein Blick in die Gegenwart genügt - denn während im Laufe der 180 Minuten ein Kongressabgeordneter kneift, ein anderer dazugewonnen wird, und tatsächlich bis zum Schluss auf der Kippe steht, ob das Gesetz durchkommt oder nicht, bleibt der Zuschauer bei dieser unheilschwanger inszenierten Zitterpartei irritiert außen vor; denn wie jedes Kind weiss, wurde die Sklaverei in den USA ja vor 200 Jahren (*Japs*, Achtung es folgt ein massiver Spoiler) - TATSÄCHLICH ABGESCHAFFT!
Was für eine Erleichterung, was für ein HappyEnd - und ich dachte da drüben würden tatsächlich auch heute noch Schwarze auf Baumwollplantagen schuften, und auf Auktionen vertickt.

Was eine maßgebliche Biographieverfilmung hätte werden können, entpuppt sich so leider als schwerfälliger, dialogaufgeschwemmter 3-Stunden-Film, den ich eigentlich sehr gerne gemocht hätte, der mich aber auf so gut wie jeder Ebene komplett ungerührt gelassen, sein Potential niemals gewinnbringend genutzt hat. Ich wollte nichts weiter, als mich durch einen Film mit epischer Breite über diesen wichtigen Präsidenten belehren zu lassen - aber das Endergebnis hat weniger mit einer kritisch-biographischen Rekonstruktion zu tun, ja nicht einmal mit einem informativen Historienfilm zu tun, sondern wirkt eher wie ein Vorläufer eines ermüdenden Polit-Gerichtsdrama a'la John Grisham, dessen Spannungsszenario noch dazu schon von einem Kind durchschaut werden kann. Wirklich schade.
Kommentar Kommentare (10) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 26, 2013 11:35 PM MEST


Gypsy Punks (Underground World Strike)
Gypsy Punks (Underground World Strike)
Preis: EUR 7,99

5.0 von 5 Sternen Polka-Abend auf Speed, 16. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ach tut das gut nach all dem Einheitsbrei, all dem "Band X beeinflusst Band Y", all dem "nett, aber klingt ein bisschen wie XX..." endlich einmal eine Band zu hören bekommen, die einen komplett neuen Stil begründet hat. Gogol Bordello, das Hätschelkind des Ukrainers Eugene Hutz kombiniert rotzigen Punkrock mit schriller, anarchischer Sinti-Tanzmusik. Schon im ersten Song, als eine kratzige Violine über dem Eingangsgitarrenriff zu scharren beginnt, läuft es einem kalt den Rücken runter, und als der Song in einen stampfenden Polka-Rhythmus übergeht, zieht sich gewissermaßen der Vorhang auf: Das Album nimmt einen mit auf eine humorige Reise durch die New Yorker Immigranten-Quartiere früherer Jahrzehnte- enge Gassen, Wäscheleinen, Tanzbären, Leierkästenmänner mit Affen, dicke Frauen mit Kittelschürze; ein Dutzend Sprachen, verrückte Nachbarn.
Die kulturelle Polarisation, mit denen sich die ironischen Texte beschäftigen, findet ihr unmittelbares Gegenstück in der extrem abwechslungsreichen Materialdurchmischung: E-Gitarre und Akkordeon, gemächliche Reggae-Refrains ("Immigrant Punk") und schweisstreibende Hochgeschwindigkeits-Polka ("Young Again"), mal durchgeknallt und mal melancholisch - hier findet sich wirklich kein einziger langweiliger Song. Was die stimmliche Untermalung angeht, so muss man zwar zugeben, dass Eugene Hutz vielleicht nicht unbedingt über ein breites Oktavenspektrum verfügt, einen besseren Gesang als sein charismatisch-schräges Organ mit dem breiten slawischen Akzent ist für diese Musik aber kaum denkbar.

Ohne Abstriche fünf Sterne für ein brillantes Album und eine der originellsten Bands, die ich seit langer Zeit gehört habe.


Astro Creep - 2000:  Songs of Love,...
Astro Creep - 2000: Songs of Love,...
Preis: EUR 5,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sie wollen mal was anderes hören? Dann bitte weiterlesen..., 8. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
"'White Zombie?' Achso, Rob Zombies Band, bevor er bekannt wurde." So oder ähnlich schlägt es einem immer wieder aus Rezensionen, Foren oder Privatgesprächen entgegen - es mag zwar stimmen, dass der Künstler erst mit seinem Solo-Projekt und als Regisseur weltweit bekannt wurde, seine erste Band aber als reines Warmspielen für den großen Erfolg abzustempeln ist dennoch vollkommen unangebracht. Wenn dieses Album bei mir zum x-ten Mal durchläuft, bin ich sogar geneigt zu sagen: Rob Zombie ist als Solokünstler eher zahmer geworden. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Rob macht auch weiterhin erstklassige Musik, aber sie ist dennoch mehr oder weniger eindeutig zuordnungsfähig: Ein Rob-Zombie-Album ist Rockmusik, meistens überdurchschnittlich gute Rockmusik, aber eben doch aus bekannten Zutaten zusammengesetzt.

AstroCreep aus der W.Zombie-Ära ist dagegen ein Elephant im Genre-Porzelanladen: Auch hier spielt man im weitesten Sinne "Rock" (d.h. E-Gitarren und Schlagzeug), ich habe noch nie ein Album gehört, dass mit einer solchen Fröhlichkeit sämtliche Grenzen niederreisst - und was das wichtigste ist: Damit auch noch Erfolg hat.
AstroCreep ist ein wahnwitzig-durchgeknallter Bastard aus Punk, Rock, Blues, Industrial, Trashorror und Cartoon-Jingles - tausend brillante Ideen zusammengeworfen um eine noch größere, brillante Idee umzusetzen: Was dabei herauskam ist ein ein Album das vor Einfällen buchstäblich nur so sprudelt, und das einem ohne jeden Durchhänger bis zum Schluss bei der Stange hält: Nur 11 Songs aber jeder bietet etwas neues: Der stampfende Refrain des Einstiegs "Electric Head" , oder die komplett abgedrehte Hochgeschwindigkeitsnummer "Super-Charger-Heaven" mit eingespielten Latein-Samples, oder das fies-krachige "More Human Than Human", oder das hypnotische "Blood, Milk and Sky", oder, oder oder....

Auch im 17. Jahre nach seiner Aufnahme strotzt dieses Album noch vor Energie - hier klingt nichts antiquiert, nichts aufgesetzt: Mit AstroCreep haben White Zombie eine Leistung bewältigt, die nur den wenigsten, allerwenigsten Bands je gelingt: Sie haben eine komplett neue musiakalische Spielrichtung ausgelotet, und ein Album aufgenommen, dem man buchstäblich nichts an die Seite stellen kann - denn es ist schlicht und ergreifend einzigartig.


Black Sunday
Black Sunday
Preis: EUR 5,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eine finstere Schönheit, 8. April 2013
Rezension bezieht sich auf: Black Sunday (Audio CD)
Black Sunday; Schwarzer Sonntag. Was für ein Titel. Auf ihrem Debütalbum haben Cypress Hill den HipHop aus seiner Ghetto-Proletkultur-Jauchegrube gehoben und ihm einen flott-fröhlichen Latino-Anstrich verpasst. Auch ihr zweites Album beweist großes musikalisches Einfallsreichtum, geht aber musikalisch in die genau entgegengesetzte Richtung.
Der Erstling war Sommer in Los Angeles: Sonne, offene Autos, kaltes Bier, Meerbrise; mit Black Sunday wird es Herbst in Kalifornien: Wenn man die Augen schliesst, und diese ruhige, aber intensive Musik auf sich wirken lässt, sieht man ein schummriges Latino-Ghetto vor sich - und jeder Song scheint eine eigene Geschichte zu erzählen, die sich während eines verregneten Sonntagnachmittags hinter verschlossenen Türen in diesem Barrio abspielt: An einem verregnet-schwarzen Sonntag, nach den Geschehnissen einer nebelhaften Nacht, wacht ein Mann nach einer Schlägerei grün und blau mit dem Gesicht nach unten auf der Straße auf und wankt nach Hause ("We ain't going out like that"), an einem verregneten Sonntagnachmittag, macht sich ein anderer Mann, die Pistole in der Tasche, auf den Weg, um eine alte Rechnung zu begleichen ("Cock the Hammer"), und an einem gemütlich-verregneten Sonntag, an dem man besser nicht aus dem Haus geht, zündet ein anderer Mann eine Pfeife an, und lässt den Nachmittag ruhig vorbeiziehen ("Hits from The Bong").

Mein Verhältnis zum HipHop bleibt nach wie vor angespannt - so oft ist es nur ordinär und aggressiv, von Auftreten und Habitus (Bling, Bitches, Autos) her sind viele Formationen des 21. Jahrhunderts fast deckungsgleich mit den Rappern der frühen 90er - aber gerade dank dieser generellen Skepsis weiss ich ein gutes HH-Album umso mehr zu schätzen, wenn ich es höre. Cypress Hill haben mit dümmlichen Gangster-Klischees gebrochen, und haben mit düsteren, basslastigen Beats und einem ausgeprägten Ohr für melodische Samples gezeigt, dass Gangster-Rap soviel mehr sein kann, als nur abgehackter Sprechgesang. Black Sunday ist schleppend, atmosphärisch, tiefschwarz; süß, schwer und benebelnd wie eine ausgeatmete Rauchwolke eines gewissen Krauts, das die Band in ihrer Karriere so oft besungen haben.
Ich sehe mich trotzdem leider gezwungen einen Stern abzuziehen, da bei den 14 Liedern mindestens drei einminütige Füllstücke zu hören sind, bei denen kein Gesang stattfindet, sondern lediglich ein Sample wiederholt wird; auch besitzen die Lieder des letzten Drittels ganz eindeutig nicht dieselbe durchkonzipierte Finesse, die das Album sonst kennzeichnet. Im Ganzen tut dies meiner Begeisterung über dieses Album aber keinen Abbruch: Das hier ist ein Meisterwerk, hinter dem sich sämtliche pubertären, blingbehangenen Poser von Ost- und Westküste dreimal verstecken können.


Die Boris Karloff & Bela Lugosi Edition (5 DVDs)
Die Boris Karloff & Bela Lugosi Edition (5 DVDs)
DVD ~ Béla Lugosi

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unerreicht, unverblasst, unvergessen, 1. April 2013
Können Sie auch keine gehirnamputierten Teenager mehr sehen, die von Maskenmännern durch die Häckselmaschine gedreht werden? Haben Sie genug von Wackelkamera und schwerem Atmen? Sind sie auch nicht glücklich mit der jüngsten Entwicklung, dass ein Film immer seltener ein alleinstehendes, befriedigendes Gesamtkunstwerk bedeutet, sondern zunehmend als Sprungbrett zu einer aufgefächerten (mindestens) siebenteiligen Filmreihe herhalten muss? Kurz gesagt: Steht Ihnen das gegenwärtige westliche Horrorkino auch bis ganz oben?
Wenn ja, dann gönnen Sie sich eine Zeitreise zurück in die die Hochphase des klassischen Gruselkinos der 30er Jahre - und wer hat diese Ära mehr geprägt als Boris Karloff und Bela Lugosi? Mehrmals sind sie zusammen aufgetreten, und ihre herausragendsten gemeinsamen Darbietungen wurden uns nun nachträglich mit restauriertem Bild und Ton nachgeliefert (obwohl in Lugosi in The Tower of London nicht vorkommt)

Natürlich, diese Filme sind nicht "gruselig", sie sind sogar eigentlich so harmlos-spannend, dass sie sogar von Kindern angesehen werden könnten (das Gute gewinnt hier immer) – aber diese Film arbeiten mit zwei Elementen, die der westlichen Welt (nicht nur im Kino) mittlerweile komplett abhandengekommen sind: Langsamkeit und Eleganz.
In diesen Filmen tragen die Männer Anzug und sind Gentlemen vom Scheitel bis zur Sohle, und die Frauen sind elegant, reserviert, umwerfend schön und haben eine spielerisch-mondäne Aura, die einer Dame (auf dieses alte, aber schöne Wort kann man nicht verzichten) würdig ist. In diesen Filmen wird nicht geflucht, Sex wird nur angedeutet (und ist trotzdem erkennbar) – es dominiert das Subtile, Geheimnisvolle: Der elegante Mann im Zugabteil, der eine interessante Vergangenheit enthüllt, das geräumige Herrenhaus, in dessen Winkeln sich nachts eigenartiges zuträgt – der Trockennebel steigt aus dem Boden, der Vollmond scheint herein; statt junger hirnloser Collegekinder auf Vergnügungsfahrt, kann man sich hier gar nicht satthören, wenn Karloff und Lugosi in The Black Cat (der mit seiner Satanismus-Thematik übrigens schon in den 30er Jahren die Sittenwächter auf den Plan rief) sich mit ihrem sonoren theatergeschulten Stimmen umkreisen.
Diese Filme haben mich vor langer Zeit zum Horrorgenre geführt, und ich halte Sie noch heute in Ehren. Und je mehr Zeit uns von diesen Filmen trennt, desto stärker fällt die zunehmende Abstumpfung vor neuen Horrorproduktionen auf: Ich habe mir jeden einzelnen SAW-Film angetan, der bisher erschienen ist, und nach Teil 3 habe ich keine Erinnerung mehr, was überhaupt in den jeweiligen 90 Minuten passiert ist - The Raven habe ich hingegen so oft gesehen, dass ich ihn streckenweise mitsprechen konnte. Karloff, Lugosi, Vincent Price - das gesamte Schwarz-Weiss-Gruselkino hat Geschichte geschrieben; durch diese Filme wurde das Fundament gelegt, auf das spätere Horrorproduktionen aufgebaut haben, von denen sich viele als Strohfeuer erwiesen haben. Wer wird in 10 Jahren noch von Hostel reden? Paranormal Activity 4, der noch nicht einmal ein Jahr alt ist, ist bereits in der Versenkung verschwunden. Cloverfield - war da mal was?

Auch in der Gegenwart ist beileibe nicht alles schlecht; aber in der Vergangenheit war vieles gut. Heutzutage sind von zwanzig Horrorfilmen, die ich sehe 15 indiskutabler, zum x-ten Mal aufgegossener Drehbuchmüll, drei sind akzeptabel und einer kann vielleicht begeistern. Die Gruselfilme aus den 30er und 40ern sind vielleicht keine potentiellen Oscargewinner – aber sie liefern immer verlässlich ein angenehmes, unkompliziertes Filmvergnügen. Also auf die nächste Regennacht warten, Kerzen anzünden, Sofakissen aufschütteln, Rotwein eingießen – und das Innenleben von Teenagern, Macheten, Hui-Buh-Schockeffekte und BravoHits-Soundtracks reinigen lassen.
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