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Rezensionen verfasst von
Josefine Gottwald "Ewigewelten" (Dresden, Sachsen)
(REAL NAME)   

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Voll viel Geräusch
Voll viel Geräusch
von Kaddi Cutz
  Broschiert
Preis: EUR 9,99

5.0 von 5 Sternen Nonsense und Sensibility, 6. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Voll viel Geräusch (Broschiert)
Ist ein Opa, der Origami kann, ein alter Falter? Braucht der Weihnachtsmann eigentlich einen R(o)utenplaner? Und ist Geduld tatsächlich einfach »die Kunst, nur langsam wütend zu werden«?

Die gestandene Poetry Slammerin Kaddi Cutz präsentiert in ihrem ersten Erzählband Kurzprosa, Gereimtheiten und typisch knackige Slam-Texte in liebevoller Gestaltung. Der Rhythmus, der beim Lesen oft mitschwingt, macht die Texte gleichförmig, aber auch mitreißend – ein Stil, mit dem man sich auf 92 Seiten gut anfreunden kann. Cutz überspitzt nüchtern und voll trockenem Humor und Selbstironie und zeigt uns die Gesellschaft samt vorlauter Halbwüchsiger, beschränkter Proleten, Mottopartys und Tauschmuttis.

»Was die Optik betrifft, verfüge ich inzwischen über eine beachtliche Frustrationstoleranz und verfahre frei nach dem Prinzip: Auch Rückenhaare sind okay, solange ich den Arsch noch seh'.«

Mit diesem Buch lernt man, ein Stück zufriedener zu sein, mit dem, was man erreicht hat, weil das eigene Leben scheinbar doch nicht ganz so chaotisch läuft wie es vielleicht könnte (»So ein Herzklopfen hatte ich das letzte Mal vor Jahren als ich dachte, ich hätte meine Katze mitgewaschen«). Zwischen den Zeilen spürt der Leser das Herz, das für Dresden schlägt, für die kleinen Dinge, die Wunder des Alltags und manchmal auch die ganz einfachen Menschen.

»Ich bin ein Erinnerungsmessie//ich kann einfach nichts wegschmeißen//ich muss alles aufheben//und Emotionen wie Fotos in Alben an Wände kleben//bis sie sich irgendwann wieder hervorheben//in mein Gedächtnis treten und mein Leben erschüttern//wie Erdbeben.«

»Voll viel Geräusch« ist ein kleiner Seelentröster, der sagt: »Alles halb so wild!«, gewürzt mit kabarettistischen Anspielungen, die vielleicht viel zu schnell veralten. Es ist ein Buch für den Moment, zum Genießen und Begleiten, auf einer Reise und in einer kurzen Lebensphase, die in Erinnerung bleibt wie ein spaßiger Abend mit Freunden. Ein Büchlein, das durchaus dicker sein dürfte!


Späte Stunde der Wahrheit
Späte Stunde der Wahrheit
von Henning H. Wenzel
  Broschiert
Preis: EUR 15,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Alltägliches, durch die Augen eines Dichters betrachtet, 6. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Späte Stunde der Wahrheit (Broschiert)
»Gibt es ein Leben vor dem Tod? Gibt es eine Sonne, die vor der Sonne aufgeht? Eine Sonne, die auch im Winter wärmt und nicht nur blendet?« (Aus: »Der letzte Vorhang«)

Henning H. Wenzel besticht durch Fantasie und Poesie – auch, wenn die Relevanz seiner Themen vielleicht nicht jeden Geschmack überzeugt. In seinem Erzählband präsentiert er gesammelte Kurzgeschichten, einzelne Gedichte und »alberne Dialoge« mit alltäglichem, oft tiefsinnigem, manchmal beunruhigendem Inhalt mit meist kuriosen Elementen.

Die Aufmachung ist hochwertig, das Cover nicht unbedingt überwältigend. Das Bild deutet den fast schon thrillerhaften Charakter der ersten Storys an, aber mit Wahrheit hat das Ganze wohl weniger zu tun – eher schon mit verschiedenen Blickwinkeln. Es geht um Leidenschaften, um Männer und Frauen, bisweilen auch um Belanglosigkeiten. Titel wie »Mopsquartett«, »Der Mond, der Spargel und die hellste Glocke im Hafen«, »Ein T-Shirt-Spruch kommt immer auch drin vor« oder auch »Ein mögliches und wenn, dann unfreiwillig belauschtes Selbstgespräch« deuten bereits an, dass es um ein bisschen Verrücktheit geht, die in jedem von uns steckt – wahrscheinlich sogar etwas mehr.

Der gepflegte Nonsense spricht durch Wenzels »alberne Dialoge«, geführt zum Beispiel zwischen »einem« und »einem anderen«, »Hupp« und »Happ« oder einem Verkäufer und »Frau Blatt«, die ausgerechnet nach Raupen sucht... Auch die Vermenschlichung von Tieren kommt da schon mal vor: »Blöd, dachte er. Wo sind die alle? Ich habe Hunger und mir ist kalt.« (Aus: »Der Kauz«)

Handwerkliches Geschick beweist der Autor durch unerwartete Pointen und einen ausgereiften Stil mit einer Wortwahl, die ebenso bewusst wie genussvoll ist: »Die Leute hatten Angst vor ihr. Sie gehörte zu denen, die aus der Zeit gefallen waren. Zu denen, die ihre Unterhose über der Hose trugen, Wintermäntel im Sommer ausführten, leere Kinderwagen durch die Straßen schoben, vor Notenpulten stehend auf einer Querflöte immer denselben Ton spielten oder lauthals in ihre gespreizten Finger hineintelefonierten. Skurril, verrückt und unbeeindruckt von den Wirren ihrer Umstände. Das beunruhigte die Leute.« (Aus: »Schneekugel«)

Henning H. Wenzel ist ein leidenschaftlicher Erzähler, der gelegentlich zum Grübeln neigt; nicht jeder Leser wird seinen Gedanken folgen können. Doch darin besteht auch sein Mut, der diesen kleinen Erzählband von anderen abhebt. Ein Autor mit großem Talent, von dem man sich gut auch einen Roman vorstellen könnte, in dem er sich – nur ab und an – in Details verliert.

»Wenn Ritas Vater wiederkam, nahm er sie in den Arm. Niemand durfte zu ihnen ins Zimmer. Eines Tages kam ihr Vater nicht wieder und ihre Mutter hörte ganz auf zu sprechen. Von da an mochten ihre Brüder nicht mehr mit Rita von Bäumen pinkeln. Der eine ging zur Armee und blieb in einem fernen Land unter der Erde. Der andere schrieb Lieder und starb an Mitteln, die angeblich die Worte schneller fließen lassen würden.« (Aus: »Der letzte Vorhang«)


Das Truthuhnparadies
Das Truthuhnparadies
Preis: EUR 3,99

4.0 von 5 Sternen Außerirdische und penetrante Tierschützer, 30. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Das Truthuhnparadies (Kindle Edition)
Eigentlich klingt die Geschichte alltäglich: Maria zieht aus dem langweiligen Paderborn in die Metropole Berlin, um sich von ihren Eltern zu lösen und auf eigenen Füßen zu stehen. Dort angekommen, versucht sie, ihren Alltag zu bewältigen und trifft ab und an auf seltsame Menschen. Alles völlig normal – nur eben erzählt von Stephan Sarek.

Maria stolpert mehr chaotisch ihren Weg in die Unabhängigkeit entlang, ihre ländliche Naivität kompensiert sie dabei mit ausgeprägter Selbstironie.

»Es war die perfekte Ausgabe eines Tante-Emma-Ladens und bis ins kleinste Detail originalgetreu. An alles hatte man gedacht, sogar an die zwei Frauen, die mit Einkaufstaschen in der Hand im Eingang standen, um sich über irgendein Thema auszulästern. Sie rückten kaum beiseite, als ich den Laden betrat.«

Sareks lebendige Charaktere und sein erfrischender Humor halten den Leser bei Laune, auch wenn der lange nicht merkt, worum es in der Geschichte eigentlich geht. Marias verrückter Nachbar Björn hat Angst vor Frauen und glaubt, dass Truthühner Außerirdische sind, die im Auftrag der Regierung gefoltert werden. In seinen Wahnvorstellungen, an denen er bisweilen selbst zu zweifeln beginnt, erscheint er Maria zuerst bemitleidenswert. Doch die Entwicklung der Figuren ist gelungen: Sie wachsen dem Leser ans Herz und in der Geschichte über sich hinaus. Und Maria und Björn wachsen über einen Banküberfall und eine wahnwitzige Truthuhn-Rettungsaktion schließlich immer mehr zusammen.

Neben einem ausgefeilten Spannungsbogen – der obgleich nicht gerade Weltbewegendes zu thematisieren scheint, zumindest nichts, was die Welt der Leser bewegen sollte – bietet Sarek niveauvolle Unterhaltung durch eine erfrischende Sprache in bildhaftem Stil.

»Die Fassades des Hauses hielt sich tapfer an den Steinen der Wand. Wie ein fauler Zahn ragte sie in einer Reihe anderer fauler Zähne mit ihren Balkons in die Straße hinein.«

Vielleicht ist das Buch eine verrückte Liebesgeschichte mit einigen unglaublichen Umwegen, auf jeden Fall aber ein skurriles Truthuhn-Abenteuer für Tierschützer, Verschwörungstheoretiker oder Selbstzweifler – oder einfach für Zwischendurch.

»Björns Wohnung lag verlassen unter meiner. Seine Uhren würden wohl nach und nach ihren Geist aufgeben. Mehr als einmal malte ich mir das apokalyptische Bild aus, dass, wenn die letzte Uhr aufhören würde zu ticken, sein Schicksal besiegelt wäre. Mehr als einmal verwarf ich den Gedanken, in seine Wohnung einzubrechen, um die Uhren aufzuziehen.«

Wahrscheinlich das Relevanteste, das man aus Nonsense machen kann!


Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau: Roman
Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau: Roman
von Dimitri Verhulst
  Broschiert
Preis: EUR 12,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Satirische Verzweiflung zwischen Pest und Cholera, 1. Juni 2014
»Ich musste einen Moment lang nicht aufgepasst haben – unversehens war ich alt und verbraucht.« Désiré ist ein Mann, der das Kämpfen aufgegeben hat: Resigniert ergibt er sich den Launen seiner Frau, die sich alle Mühe macht, sein Leben in eine Qual zu verwandeln. Er hält es aus, bis er vierundsiebzig ist, dann beginnt eine verrückte Idee in ihm zu reifen: Er entflieht dem biederen Kleinstadtleben, der Klatsch-Nachbarschaft und seinem Hausmonster – er beschließt, dement zu werden.
Nach und nach legt er sich alle Symptome zu, »vergisst«, beim Einkaufen zu bezahlen und den Wohnwagen mit den den Urlaub zu nehmen, irgendwann auch alles andere. Dabei wählt er eine zweite Hölle, nur um der ersten zu entfliehen. Er erfährt Geheimnisse seiner Kinder, aber er kann sich ihnen nicht zu erkennen geben. Es dauert lange, bis man ihn endlich in ein Heim abschiebt. Seine Frau ist kurz vor dem Nervenzusammenbruch, nun glaubt er seine Freiheit gefunden.
»Unnötig zu sagen, dass die Art unseres Wiedersehens und meine Bemerkung sie zutiefst kränkten, nicht zuletzt deshalb, weil sie gar nicht Camilla hieß, sondern Moniek. Moniek van Diest. Schöner Name. Macht sich gut auf dem Grabstein.«
Verhulst schreibt zackig und ohne Schmuck, seine Sprache ist schwarz und zynisch, kennt weder Scham noch Respekt. Die Kapitelüberschriften verpackt er in einem makaberen Ratespiel, und auch sonst spürt man in den Seiten dieses Buches, das hier kein Unterschied zwischen ernsthafter und Unterhaltungsliteratur besteht. Das Thema kann dem Leser flau im Magen liegen, zieht Désiré auch noch so sehr darüber her. Die verlorene Bushaltestelle, die in den Pflegeheimen Einzug fand, die Sedativa, der Verlust des Lebenswillens. Lange ist unklar, ob Désiré wirklich einen guten Tausch gemacht hat – aber dann entdeckt er auch bei anderen Insassen seltsame Verhaltensweisen... Eine Satire, unter der wieder die »armen Irren« leiden, aber deren Humor man sich kaum entziehen kann.


Honig
Honig
von Ian McEwan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,90

5.0 von 5 Sternen Im Netz der Lügen und Verstrickungen, 1. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Honig (Gebundene Ausgabe)
Serena, gleichermaßen attraktiv und intelligent, studiert um 1970 Mathematik in Cambridge. Aber ihre eigentliche Leidenschaft gilt der Literatur: In ihrem Zimmer stapelt sie Bücher jeder Richtung, ihr Lesetempo ist außergewöhnlich; sie schreibt eine Kommunismus-kritische Kolumne zur zeitgenössischen Literatur.
Sie beginnt eine Affäre, die ihr eine Stelle beim MI5 verschafft: In einem verwahrlosten Keller tippt sie Akten ab. Irgendwann interessieren sich ihre Vorgesetzten für ihre Leidenschaft und wählen Serena für einen Spezialauftrag aus: Getarnt als Vertreterin einer Stiftung soll sie einen aufstrebenden Schriftsteller gewinnen, den der MI5 für politische Zwecke einsetzen will. Von diesem Moment an spielt sie ein gefährliches Spiel – nicht als gejagte Agentin, aber als getarnte Spionin in den Armen ihrer wahren Liebe, die nie etwas über sie erfahren darf.
Ian McEwan – bekannt durch »Abbitte« und prämiert für »Amsterdam« – spinnt ein Netz aus seidenen Fäden, die Emotionen zu Beziehungen und Intrigen verstricken, garniert mit literarischen Episoden, Zitaten, Kritiken, Autoren, Briefen und ganzen Kurzgeschichten seines brillanten Dichters. Stilistisch malerisch und konkret, beschreibt er jedes Detail voller Faszination, doch lässt den Leser alle Gefühle seiner Protagonisten selbst miterleben. Serena stolziert auf dünnen Eis, getrieben von der Lawine ihrer Emotionen, direkt auf einen Abgrund zu, den McEwan unerwartet zu einem raffinierten Gipfel türmt. Ein Agenten-Thriller, der James Bond vielleicht gelangweilt hätte, aber uns aus unserem alltäglichen Tunneldenken reißt und entführt in die Untergründe des Kalten Kriegs – auf literarische Weise betrachtet!


Gott oder Zufall?: Was wir wissen, was wir glauben
Gott oder Zufall?: Was wir wissen, was wir glauben
von R. J. Berry
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,00

4.0 von 5 Sternen Neue Antworten auf alte Fragen, 1. Juni 2014
»Wir können Gott als Schöpfer aller Dinge verehren, während wir gleichzeitig die Methode erforschen, die er möglicherweise bei seiner Schöpfungsarbeit eingesetzt hat.« Der Biologe R. J. Berry unternimmt mit »Gott oder Zufall?« den Versuch von Wissenschaftlern, Religion, Wissenschaft und Philosophie in Beziehung zu setzen und die Naturwissenschaft mit Gott zu verbinden. Die Autoren verstehen die Religion als Ergänzung zur Wissenschaft – über ihre Grenzen hinaus – und präsentieren die Schöpfung als vereinbar mit dem Urknall oder der Evolution. Dabei sind sie kritisch gegenüber strengen Darwinisten aber auch religiösen Pauschalaussagen, die Gott als beweisbar und greifbar sehen, und beziehen sie sich auch auf das Bild des »göttlichen Uhrmachers« oder die Suche nach außerirdischer Intelligenz.
Das Sachbuch versteht sich als Nachschlagewerk: Die einzelnen Kapitel können in beliebiger Reihenfolge gelesen werden; Zitate, Definitionen, Exkurse und Anekdoten untermauern den Text. Die Artikel bestechen durch klare Wortwahl und einen Stil, der gleichermaßen rhetorisch raffiniert und abwechslungsreich daherkommt – ohne umständliche Schachtelsätze, Gott sei Dank! Der umfangreiche Überblick belädt die Ausführungen mit Fachbegriffen, deren Erklärungen sie nicht immer von ihrem theoretischen Niveau herunter holen können.
Der interessierte Leser lernt verschiedene Positionen und Auffassungen von Religion kennen, die sich in ihrem Verständnis von Gott unterscheiden: Von der wörtlichen Interpretation der heiligen Schrift bis hin zum völlig Agnostischen – streng genommen sind alle Extreme unhaltbar. Der Fokus wandert von den Entwicklungen der wissenschaftlichen Welt und des gesellschaftlichen Verständnisses davon hin zu aktuellen ethischen Problemstellungen: Biokraftstoffe, Nanotechnologie und Genexperimente werden mit christlicher Moral analysiert.
Ein umfassendes Werk mit klarer Position, etwas für Querdenker und Skeptiker, auch wenn es wohl keinen überzeugten Atheisten umstimmen kann. »Gott oder Zufall?« bietet neue Denkanstöße für alte Streitfragen, denn: »Es ist ebenso ein philosophischer wie ein theologischer Irrtum, zu meinen, dass Lücken in wissenschaftlichen Erklärungen mit »Gott« aufgefüllt werden könnten, genauso wie das Gegenteil, dass vollständige wissenschaftliche Erklärungen Gott »ersetzen« könnten.«


Tanz. Die Muttersprache des Menschen
Tanz. Die Muttersprache des Menschen
von Dorion Weickmann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

4.0 von 5 Sternen Das Innere nach außen gekehrt, 1. Juni 2014
Fehlendes Wissen in Literatur und Musik machen einen Kulturbanausen – aber vom Tanzen braucht heute keiner mehr Ahnung zu haben! Dabei galten Tanzkenntnisse bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein als Voraussetzung für gesellschaftlichen Aufstieg. Doch geht heute einer Gemeinde das Geld aus, fällt der Tanz als erstes Weg.

Dorion Weickmann ist überzeugt: Dem Tanz mangelt es nicht an Reichweite, aber an Reputation! Diese Tatsache nimmt sie zum Anlass, Interessierten und Unwissenden die Hintergründe der Bewegungskunst darzustellen. Dabei vertieft sie das Thema in all seinen Aspekten und liefert einen Abriss seiner Geschichte von den urzeitlichen Anfängen in kultischer Bedeutung und Tanzdarstellungen in eiszeitlichen Höhlen, bis hin zur bunten Multimediawelt, wo uns Tanz im täglichen Leben begegnet: Im Kino, in der Werbung und auf der Straße.

Der kommunikative Aspekt, den der Titel erwarten lässt, beschränkt sich auf die Erwähnung der Pantomime, die Darstellung von Charakteren und Tätigkeiten durch körperlichem Ausdruck. Der Vorhang fällt schließlich mit einem Blick auf die neuronalen Vorgänge: Den Tanz im Kopf, und die Verknüpfung von Motorik und Sprach-Arealen.

Die Befreiuung des Geistes, das nach außen Tragen des Innenlebens, wird im Rampenlicht des Buchs kontrastreich beleuchtet, doch auch die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe der Tanzgeschichte werden in einer klaren Gliederung thematisiert. Die Epochen drücken der »Ursprache« ihren eigenen Stempel auf: Von der christlichen Leibfeindlichkeit und »Verteufelung« des Körperlichen, über die systematische Entsinnlichung und Schablonisierung der Tänze im Mittelalter, bis hin zum Ruf und Beruf des Tänzers unserer heutigen Welt.

Unter den Wegbereitern der Moderne begleitet der Leser den skandalösen »Faun« von Vaslav Nijinsky ebenso wie Gret Paluccas Lehrerin Mary Wigman, oder die Größen Pina Bausch, Merce Cunningham und William Forsythe. Die Lektüre lohnt sich für Tanzfreunde, die sich für die Hintergründe interessieren oder für historisch Begeisterte, die sich mit Kulten, Kulturen und Gesellschaften befassen.

Nach Dorion Weickmann ist der Tanz die zugänglichste aller Künste – sie spricht alle Sinne zugleich an und jedermann verfügt bereits über das Instrument und das Handwerkszeug. Tanz ist also eine Sprache, die von jedem erlernt werden kann!


Kurzer Bericht von der Unermesslichkeit der Welt
Kurzer Bericht von der Unermesslichkeit der Welt
von Sylvain Tesson
  Broschiert
Preis: EUR 20,00

5.0 von 5 Sternen Zwischen Steppe und Sternenhimmel, 1. Juni 2014
Nach Tesson ist der Yeti ist das letzte freie Wesen unseres Planeten, denn er lebt angenehmer »in der Finsternis der Vorzeiten als im Angesicht der Menschen«. Der selbsternannte Vagabund beginnt sein Reisetagebuch mit einer Reflexion zum Verfall der Gesellschaft, zur Hektik, zur Entfernung von der Natur. Dabei ist er kurzweilig in seiner anfänglichen Oberflächlichkeit: Tesson wechselt die Themen wie die Landschaften, die er durchstreift. Die Zivilisationsflucht ist sein Rezept, sein Balsam die Entschleunigung. Er durchmisst die Welt zu Fuß, aber auch mit dem Motorrad, dem Fahrrad oder zu Pferde; so entschlüpft er der schnellen Zeit und hält ihrem Verstreichen die zurückgelegte Strecke entgegen.

Von Sibirien bis nach Indien, über den gefrorenen Baikalsee und durch die Wüste Gobi begleiten den Wanderer nur Wildnis und seine eigenen Gedanken. Der preisgekrönte Reiseschriftsteller formuliert kritische und philosophische Betrachtungen zum Humanismus und die traurigen Erfahrungen, die den Wanderer von den Pfaden der Menschen abbrachten. In bildgewaltiger Sprache schwärmt der Franzose vom Glück, seine Hängematte in eine Baumkrone zu spannen; er beschreibt die Schlaflosigkeit im Angesicht des Sternenhimmels und die unglaubliche Ehrfurcht, in freier Natur Goethe, Hesse und Hugo zu rezitieren – je nach Gelände und Wetterlage!

Mit der »Unermesslichkeit der Welt« erfährt der Leser die Einfachheit, die die Seele erlangt, wenn sie vergisst, dass sie in einem Körper wohnt. Das Entdeckerfieber ist nicht nur ansteckend, sondern schafft auch Ordnung im Geist, wenn er alle Kraft auf die nötigsten Bedürfnisse konzentriert. Und glaubt man, alles gesehen zu haben, widmet sich ein Kapitel ausschließlich dem Erklimmen von Kirchtürmen... Verblüffend, unterhaltsam und dabei nachdenklich: Dieses Buch ist wie eine kleine Reise, es lässt das Materielle vergessen, den Körper verstummen und das Herz lauschen. Es fehlt die Illustration durch Poesie, Fotografien oder Zeichnungen zum vollkommenen Werk. Bleibt nur, Tessons Gedanken in der lyrischen Landschaft selbst zu lesen. Ein Loblied auf den Wanderer!


Die Theatergräfin
Die Theatergräfin
von Ralf Günther
  Taschenbuch

4.0 von 5 Sternen »Denn nie gab es ein so herbes Los...«, 30. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Theatergräfin (Taschenbuch)
»Konnte es sein, dass unter orientalischem Tuch Freiheit und Unbekümmertheit wohnten und nicht die Scham, wie in Europa?« Nicht nur im Deutschland des 19. Jahrhunderts war dieser Gedanke für eine Frau revolutionär, auch heute fühlen die Leserinnen mit Ralf Günthers Protagonistin. Ida Gräfin von Hahn will völlig frei und unabhängig sein und lässt sich dabei von der orientalischen Lebensweise inspirieren.

Durch den Tod ihres Gatten glaubt sich die Gräfin ungebunden, lässt Hof und Sohn zurück und flieht vor der Langeweile, der Häuslichkeit, der Verantwortung. Sie stürzt sich ins Abenteuer, bereist den Orient; über Istanbul durch das Osmanische Reich bis nach Ägypten geht es im Boot oder auf dem schaukelnden Kamel. Ihre Reise ist dabei mehr als die Suche nach Stoffen für neue Werke der Salon-Schriftstellerin, sie ist wie eine Reise zu ihr selbst, auf der sie sich von allem befreit, was ihre Entfaltung hemmt, auch von ihrem mittlerweile nur noch leidenschaftslos Geliebten.

Ihr Bruder, der Graf, ist auf Brautschau, das heimische Schloss steht fast leer, nur Idas Sohn Wolf wandelt durch die Hallen, ganz verloren an seine Theaterleidenschaft. Eines Tages taucht die Straßenschauspielerin Marie mit ihrem Kumpan auf; schnell ist der Entschluss gefasst, den naiven Grafensohn auszunehmen. Doch auf Schloss Altenhoff gibt es nichts mehr zu holen und Marie ändert ihren Plan. In einer Hoffnung auf ein besseres Leben klammert sie sich an den Grafensohn, wird seine Muse, seine »Julia«. Nächtelang rezitieren sie Shakespeares Verse, planen eine Aufführung im hofeigenen Theater, doch dann kommt alles anders.

Die beiden Handlungsstränge – Idas Reise und Maries Schicksal auf Altenhoff – laufen lange nebeneinander her, ohne dass direkte Verbindungen erkennbar sind. Man wartet auf das große Finale, die Begegnung der beiden Frauen und die Eskalation der Probleme der verarmten Grafenfamilie.

Doch zum Schluss hin wird es immer melancholischer, die Protagonisten stehen nicht mehr vor neuen Problemen, die Entwicklung der Charaktere stagniert. Die Auflösung des Höhepunkts wirkt unbefriedigend, das Schicksal aller Figuren ist tragisch. Theatralik wird hier niemand vermissen, obwohl doch alle Charaktere ganz menschlich sind, jeder hat mit seinen eigenen kleinen Problemen zu kämpfen.

Der Stil des Autors ist deskriptiv, vor dem Inneren Auge entstehen Bilder der Reise, der exotischen Orte und Figuren. Vielleicht könnte die Sprache noch dynamischer und emotionaler sein, um so mehr Nähe zum Leser aufzubauen – denn an Gefühlen mangelt es nicht!

Optisch ist das Buchs recht ansprechend, aber kaum aussagekräftig. Ein Bezug zum Theater oder zum Orient hätte die Präsentation des Werks sicher besser abgerundet.

Leider gibt die Geschichte wenig Einblick in Idas literarische Welt, die Begegnungen mit dem Dichter Ringelnatz beispielsweise erscheinen amüsant und machen neugierig auf ihre Werke. Bleibt nur, eine vertiefte Recherche zu unternehmen, vielleicht mit dem dazugehörigen Bildband... und diesen kleinen Einblick in ihr Leben, Schaffen (und Reisen) zu genießen. Etwas für Entdecker und Dramatiker: »Denn niemals gab es ein so herbes Los als Julias und ihres Romeos!«


Weltenend: Zeitenwende 1
Weltenend: Zeitenwende 1
von Mark Chadbourn
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

3.0 von 5 Sternen Mächtig schicksalsträchtig, 20. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Weltenend: Zeitenwende 1 (Broschiert)
Eine melancholische Stimmung umgibt England während der Zeitenwende. Dem Zeitalter der Technik steht das Ende bevor: Autos fahren nicht mehr, die Stromversorgung bricht zusammen, die Menschen meiden die Straßen und durch Risse zu einer parallelen Welt drängt sich eine düstere Bedrohung. Die alten keltischen Götter Túatha Dé Danann suchen nach den »Brüdern und Schwestern der Drachen«, die ihnen im Kampf gegen grausame Fomorii helfen sollen.

Church, ein Archäologe, der genauso gut Architekt sein könnte, versinkt gerade in Vorwürfen und Selbstmitleid, als er eines Nachts Ruth begegnet – und mit ihr zusammen in Ohnmacht fällt. Ein Mord, den die beiden beobachtet haben, vereint das ungleiche Gespann, das fortan auf der Suche nach Wahrheit ist. Jeder dazukommende Charakter scheint unglaublicher und überspitzter zu sein. Doch ihre »Besonderheit« soll die »Brüder und Schwestern der Drachen« ausmachen. Gemeinsam begeben sie sich auf die gefährliche Suche nach rätselhaften Artefakten, die die Welt wieder ins Gleichgewicht bringen können. Die Wilde Jagd, der Schwarze Schuck, ein Drache und ein fieser Plagegeist verwandeln ihr Leben in eine Hölle; niemand weiß, wem sie noch trauen können.
Die Protagonisten bezeichnen sich selbst an einer Stelle als »von inneren Widersprüchen zerrissene Nervenbündel«, tatsächlich fehlt es ihnen lange an Tiefe und emotionaler Nähe zum Leser. Ebenso mühselig schiebt Chadbourn seine Story an; die erste Hälfte des Buches könnte kurzweiliger und zielführender sein -wahrscheinlich eine Frage des Geschmacks.

Stilistisch ist das Buch nur mittelmäßig: Ungelenke Passiv- und Infinitivkonstruktionen und umständliche Satzeinschübe, sowie zahlreiche Wortwiederholungen nehmen der bildhaften Sprache Kraft und Dynamik. Der erste Teil des Buches ist voller Satzfehler: Der Leser stolpert über mysteriöse plötzliche Szenenwechsel ohne Absätze oder scheinbare Überschriften, die nicht als solche erkennbar sind.
Die äußerliche Gestaltung wirkt ansprechend und ist nicht unpassend, weckt jedoch völlig falsche Erwartungen. Es handelt sich hier um einen Urban Fantasy-Roman, der von der Auflösung der Grenzen zu einer parallelen Mythen-Welt berichtet und von einer Hand voll Auserwählten, die vor urzeitlichen Dämonen, finsteren Hunden und grausamen Reitern fliehen. Für Fans düsterer Mystik bleiben kaum Wünsche offen, Glaubhaftigkeit darf man hier nicht suchen. Ein Buch zum Abtauchen in eine völlig schräge keltische Welt.


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