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Raumzeitreisender (Solsbury Hill)
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Virtualisierung für Einsteiger
Virtualisierung für Einsteiger
von Matthew Portnoy
  Taschenbuch
Preis: EUR 29,95

3.0 von 5 Sternen Grundkonzepte der Virtualisierung verstehen, 25. Juli 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Virtualisierung für Einsteiger (Taschenbuch)
In der Informatik bedeutet Virtualisierung die Abstraktion einer physischen Komponente in ein logisches Software-Objekt. Für das Rechenzentrum bieten sich Einsparungen bei den Hardwarekosten, bei der Energie und bei der Administration der Systeme. Für den Anwender, dem eine virtuelle Maschine bereitgestellt wird, ist kein Unterschied erkennbar.

Autor Matthew Portnoy ist als IT-Experte bei VMware beschäftigt, insofern wundert es nicht, das sein Fokus auf Lösungen von VMware liegt. Neben VMware ESX erläutert Portnoy auch die Konzepte und die Entstehung der alternativen Lösungen Citrix Xen und MS Hyper-V.

Das Buch besteht aus 14 Kapiteln, in denen der Autor die Grundlagen der Virtualisierung auf verständliche Weise erläutert. Dabei lernen die Leser nicht nur, was Hypervisoren und virtuelle Maschinen sind, sondern auch wie diese eingerichtet, verwaltet und verfügbar gemacht werden.

Der Autor stellt zwar drei Lösungen für Virtualisierungen vor, beschreibt aber die Unterschiede nicht systematisch. Eine Systemauswahl ist auf dieser Basis nicht möglich. Hilfreich wäre zum Beispiel eine tabellarische Gegenüberstellung der Merkmale gewesen. Bei den beschriebenen Funktionen bzw. Methoden ist nicht immer klar, auf welche Systemlösung sie sich beziehen.

Für ein Buch, das einen generellen Überblick über das Thema geben will, sind zu viele spezielle Masken und Arbeitsanleitungen enthalten, für ein Buch, das einen speziellen Überblick geben will, sind die Beschreibungen zu allgemein gehalten. Insofern stellt sich die Frage nach der Zielgruppe.

Die Fragen am Ende der jeweiligen Kapitel sind hilfreich, da sie dazu führen inne zuhalten und den Stoff zu reflektieren. Dabei zielen sie nicht darauf ab, Wissen abzufragen, sondern darauf, das Verständnis zu fördern. Auch das Glossar ist übersichtlich und prägnant.

Das Buch werden eher diejenigen lesen, die einen Überblick über das Thema erhalten möchten und weniger diejenigen, die sich mit einer speziellen Virtualisierungslösung auseinandersetzen müssen. Erstere können auf die vielen Masken und Konfigurationsbeschreibungen verzichten, Zweitere werden auf ein spezielles Fachbuch zurückgreifen, welches genau ihre Lösung beschreibt.


Die Datenfresser: Wie Internetfirmen und Staat sich unsere persönlichen Daten einverleiben <br /> und wie wir die Kontrolle darüber zurückerlangen
Die Datenfresser: Wie Internetfirmen und Staat sich unsere persönlichen Daten einverleiben
und wie wir die Kontrolle darüber zurückerlangen
von Constanze Kurz
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Balanceakt zwischen Transparenz und Privatsphäre, 24. Juni 2015
"Sich der Bedeutung seiner Privatsphäre bewusst zu werden, darüber nachzudenken, wo die Grenzen sind, was man wirklich für sich behalten will, ist der erste Schritt zur digitalen Mündigkeit." (11)

Die Autoren Constanze Kurz und Frank Rieger, beides IT-Sicherheitsexperten, erläutern, was kostenlos im Internet bedeutet. Bezahlt wird nicht mit Euro, sondern mit Daten. Im Informationszeitalter haben Daten einen Wert, der in die Milliarden geht, wie an Verkäufen von IT-Unternehmen deutlich wird.

Mit dem Thema des Buches haben sich in den vergangenen Jahren zahlreiche Autoren beschäftigt. Gerald Reischl [1], Stephen Baker [2] und Dave Eggers [3] seien als Beispiele genannt. Im Kern geht es um den leichtfertigen Umgang mit persönlichen Daten und den Nutzungsmöglichkeiten dieser Daten auch gegen die Interessen der betroffenen Personen.

Das Buch gliedert sich in neun Kapitel, in denen die Autoren die Motivation der Datensammler beschreiben, Algorithmen und Auswertemöglichkeiten erläutern, das "digitale Gedächtnis" thematisieren und Überwachungsmethoden auf Basis biometrischer Daten vorstellen.

Smartphones i.V.m. WLAN-Netzen und GPS ermöglichen es, Bewegungsprofile von Personen zu erstellen. Mehrwerte entstehen durch die parallele Auswertung vieler Datenquellen. Bewegungsprofile i.V.m. Kontakten aus E-Mail-Diensten, sozialen Netzwerken, Blogs und Foren lassen den Bürger transparent werden.

Die Mechanismen beim Umgang mit Daten erläutern die Autoren anhand eines jungen Internetunternehmens. Selbst wenn der Datenschutz (zunächst) garantiert wird, ist diese Garantie nach einem Konkurs nichts mehr wert. Die Daten werden mit anderen Beständen verknüpft bzw. in einen größeren Datenbestand eingegliedert und vermarktet.

Die Abschaffung der Privatsphäre wird von denen gefordert, die einen Nutzen davon haben. Auffallend ist die Asymmetrie bei der Transparenz. Es sind nicht die IT-Firmen oder die Chefs der großen sozialen Netzwerke, die auf Geheimniskrämerei verzichten. Digitale Transparenz gilt nur für den Bürger.

Im letzten Kapitel zeigen die Autoren Wege auf, wie Bürger sich besser schützen können. Dieser wichtige Teil des Buches kommt zu kurz. Im heutigen digitalen Zeitalter sind Bücher erforderlich, die ihren Schwerpunkt beim praktischen Datenschutz setzen. Davon abgesehen sind die Ausführungen verständlich und hinsichtlich des von vielen unterschätzten Themas auch wichtig.

[1] Gerald Reischl: Die Google Falle, 2008
[2] Stephen Baker: Die Numerati, 2008
[3] Dave Eggers: Der Circle, 2014


Darwin heute: Evolution als Leitbild in den modernen Wissenschaften
Darwin heute: Evolution als Leitbild in den modernen Wissenschaften
von Martin Neukamm
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 49,95

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Nichts in der Biologie macht Sinn außer im Lichte der Evolution", 7. Juni 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
In "Darwin heute" steht das interdisziplinäre Konzept der Evolution im Fokus. Die Bioevolution deckt in diesem Sinne nur einen Teilbereich der Entwicklung neuer Systemeigenschaften ab. Evolution gilt heute als tragendes Element eines modernen Weltbildes und so benennt Gerhard Vollmer in seinem Beitrag eine Vielzahl wissenschaftlicher Bereiche, die unter dem Begriff Evolution subsumiert werden können. (19) Man kann sich fragen, ob der Begriff Evolution inflationär verwendet wird, da die Gesetzmäßigkeiten, soweit bekannt, jeweils unterschiedlich sind. Ein paar dieser Bereiche werden in dem Buch vorgestellt.

Carl Friedrich von Weizsäcker sprach 1946 in "Die Geschichte der Natur" hinsichtlich der Beschreibung des übergreifenden Geschehens nur von Geschichte und Entwicklung. Heute wird allgemein von Evolution gesprochen, gemeint sind letztlich Evolutionsphasen, wovon die Bioevolution eine darstellt. Gibt es eine allgemeine Evolutionstheorie, Prinzipien, die interdisziplinär gültig sind? Vollmer stellt kurz Theorien von Daniel Dennett, Enrico Coen, Gerhard Schurz und Peter Mersch vor, wobei ihm letztere am ehesten zusagt, da Mersch ein geeignetes Abstraktionsniveau für eine universelle Evolutionstheorie gefunden hat.

Josef M. Gassner und Harald Lesch stellen das aktuelle kosmologische Weltbild vor. Sie beschreiben den Urknall als empirisch gesicherte Tatsache, wenngleich es in den Belegen wesentliche Lücken gibt (Dunkle Materie, Dunkle Energie). Dennoch gilt der Urknall mangels erklärungsmächtigerer Alternativen als Standardmodell der Kosmologie. Die Autoren erläutern die kosmische Entwicklung vom Urknall bis zur Entstehung der Planeten. Deutlich wird, nicht nur der Kosmos evolviert, sondern auch das wissenschaftliche Weltbild. Veränderung ist das Normale und Leben ist ein Prozess, der sich dem Zerfall entgegenstellt.

Die Evolutionäre Entwicklungsbiologie, kurz Evo-Devo, untersucht, wie sich die Steuerung der Individualentwicklung der Lebewesen (Ontogenese) in der Evolution entwickelt hat. Martin Neukamm beschreibt, was Evo-Devo heute leistet. So konnte z.B. eine Forschergruppe um den Biologen Heinz Köhler nachweisen, dass sich die Körperform der Süßwasserschnecke Marisa cornuarietis künstlich umgestalten lässt, indem im richtigen Zeitfenster während der Embryonalentwicklung die Wachstumsrichtung des schalenbildenden Gewebes so umprogrammiert wird, dass die Schnecke kein Gehäuse bildet, sondern stattdessen einen inneren Kalkschild. Damit liegen Erklärungen vor für den evolutionären Gestaltwandel. (96) Auch Parallelentwicklungen im Zuge der Evolution (z.B. der Landgang der Wirbeltiere) lassen sich durch Evo-Devo erklären.

"Weshalb ist die mineralische Zusammensetzung von Blut und Meerwasser auffallend ähnlich?", ist eine der Fragen, denen Martin Neukamm und Peter M. Kaiser in ihrem Beitrag zur chemischen Evolution auf den Grund gehen. Eine plausible Erklärung bietet einzig die Evolution. Sie hat etwas zu tun mit der Entstehung vielzelliger Lebewesen und dem Milieu, in dem sie sich bewegt haben. Letztlich haben die Vielzeller das Meerwasser ihrer Umgebung in einem langen Entwicklungsprozess ins Zellinnere übernommen, um quasi gleiche Verhältnisse beizubehalten.

Eine relativ neues Wissenschaftsgebiet ist die Evolutionäre Bioinformatik. (126) Mittels computergestützter Modelle werden stammesgeschichtlich alte DNA- und Protein-Sequenzen rekonstruiert. Ziel ist es u.a., die Bedingungen in den früheren Ozeanen zu ermitteln, die aufgrund bisheriger Gesteinsanalysen kein einheitliches Bild abgeben. Damit schlägt die Evolutionäre Bioinformatik Brücken zwischen verschiedenen Wissenschaftsbereichen.

Ein weiteres Themengebiet ist die Evolutionäre Biotechnologie, mit der sich Peter Schuster in seinem Beitrag beschäftigt. Im Fokus stehen molekulare Modellsysteme, die experimentell realisiert und theoretisch analysiert werden können. Evolution ist ein designfähiger Prozess, je nach Sachlage sind rationales und evolutionäres Design möglich, mit jeweils unterschiedlichen Vorteilen.

Ressourcenknappheit führt zu Konflikten hinsichtlich der Investments in die drei Lebensbereiche Selbsterhalt, Wachstum und Reproduktion. Umwelteinflüsse beeinflussen die Entscheidungen und diese die Lebensverläufe. Charlotte Störmer und Eckart Voland beschäftigen sich mit der Theorie zur Evolution der Lebensgeschichte. Sie gehen u.a. der Frage nach, inwieweit Evolution bestimmte Formen des Sozialverhaltens begünstigt.

Auch die Frage nach dem Grund der Alterung von Organismen steht im Fokus ihrer Überlegungen. Auf der einen Seite gelingt es genetischen Programmen komplexe Organismen zu entwickeln, auf der anderen Seite nimmt die Reparaturleistung der Programme im Laufe der Zeit ab. Medawars hat darauf eine im Einklang mit der Evolution stehende Antwort gefunden, die sich mit der werbewirksamen Aussage "Kaufe jetzt, bezahle später" veranschaulichen lässt.

Andreas Beyer erläutert anhand des rückläufigen Kehlkopfnervs, der nicht den direkten Weg nimmt, sondern über einen Umweg vom Hirn zum Kehlkopf verläuft, wie Anpassung in der Evolution funktioniert. Da Evolution nicht teleologisch arbeitet und auch Zwischenformen funktional sein müssen, gibt es manch seltsames Konstrukt, welches andererseits als starker Beleg für Evolution verwendet werden kann. Ein Designer hätte das besser gemacht.

Im Fokus steht bei Beyer die Bedeutung der Evolutionstheorie für medizinische Fragestellungen. Wenngleich man nicht von einer evolutionären Medizin als eigenständigem Therapieansatz sprechen kann, haben Erkenntnisse aus der Evolutionsforschung längst Einzug gehalten in die Medizin. Dies gilt z.B. für die Behandlung von Infektionskrankheiten mit Antibiotika und für den Umgang mit HIV.

Die Frage nach dem Grund der Alterung stellt sich auch Beyer. Wir können nicht ewig leben und er erklärt, warum das so ist. Dagegen spricht schon aus prinzipieller Sicht der zweite Hauptsatz der Thermodynamik. Die Reparatureffizienz der Zellen erreicht keine 100 Prozent. "Solange sich Zellen teilen und solange dabei summarisch die Kopiergenauigkeiten größer sind als die Fehlerraten, solange wird der Verlust durch Absterben defekter Zellen kompensiert werden können." (209) Wachstum wirkt dem Verfall entgegen.

Ein übergreifendes Thema bearbeitet auch Bernulf Kanitscheider, wenn er eine Brücke schlägt zwischen Ethik und Naturalismus. Er macht deutlich, dass ein starres Festhalten an Regeln, welche angeblich transzendenten Ursprungs sind, vielfach ins Unheil geführt hat. "Wenn jede Seite weiß, dass auch die Grundaxiome des Handelns auf Ermessen und Postulierung zurückgehen, verflüchtigt sich die Entrüstung über die seltsamen Handlungsgrundsätze des Nachbarvolkes, und es dämpft sich moralische Empörung." (244) Werte sind keine autonomen Entitäten, sondern dienen dem Überleben. Der Mensch ist aus evolutionärer Sicht kein unbeschriebenes Blatt und Ethik ist zeitabhängig und situativ zu sehen. Damit schlägt der Autor Brücken zu einem naturalistischen Humanismus.

In "Darwin heute" liegt der Fokus laut Vorwort auf dem interdisziplinären Konzept der Evolution. Durch die Vielzahl der Autoren und Themen wird dieses Ziel auch erreicht. Das Buch ist anspruchsvoll. In einer Rezension können nur einige wenige Gedanken angerissen werden. Zu Wort kommen Experten ihrer Disziplinen, denen es auch gelingt, das Konzept der Evolution prägnant zum Ausdruck zu bringen. In den verschiedenen Beiträgen wird nicht nur deutlich, dass die Wissenschaft natürliche Erklärungen sucht, sondern auch, dass diese die plausibelsten Erklärungen sind. Ernst Mayr schreibt in "Die Entwicklung der biologischen Gedankenwelt", dass eine angemessene Analyse der verschiedenen Sorten sogenannter Evolution in unterschiedlichen Gebieten noch aussteht. (504) Ein paar Antworten sind in diesem Buch zu finden.


Die Macht des Guten: Der Dalai Lama und seine Vision für die Menschheit
Die Macht des Guten: Der Dalai Lama und seine Vision für die Menschheit
von Daniel Goleman
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Visionen eines Weltbürgers, 2. Juni 2015
Tenzin Gyatso, der Vierzehnte Dalai Lama, gilt als Wiedergeburt des Dreizehnten Dalai Lama, durchlief in seiner Kindheit eine Ausbildung als tibetischer Mönch und wurde im Alter von fünfzehn Jahren als geistiges und weltliches Oberhaupt Tibets ernannt. Nach dem Einmarsch der chinesischen Truppen floh er 1959 nach Indien. Seitdem versucht er aus dem Exil heraus die Situation seiner Landsleute in Tibet zu verbessern.

Daniel Goleman, Psychologe und Wissenschaftsjournalist, ist ein Freund des Dalai Lama und hat zu dessen 80. Geburtstag ein Buch geschrieben, in dem er die Visionen des Dalai Lama für die Menschheit vorstellt. Im Zuge der letzten 50 Jahre ist aus dem tibetischen Führer und Gelehrten ein Weltbürger mit zahlreichen Kontakten geworden.

"Es ist unrealistisch zu meinen, die Zukunft der Menschheit ließe sich mit Gebeten und guten Wünschen gestalten - wir müssen vielmehr aktiv werden und Hand anlegen." (7) Diese Meinung des Dalei Lama überrascht, aber zum Einen erweist er sich damit als undogmatischer Denker und zum Zweiten als handlungsorientierter Gestalter. Landesgrenzen sowie Grenzen religiöser oder kultureller Art spielen für ihn nur eine untergeordnete Rolle.

Das Buch ist in vier Abschnitte und zahlreiche Kapitel gegliedert. Im ersten Abschnitt erläutert Goleman, was der Dalai Lama für ein Mensch ist und welche historische Entwicklung ihn geprägt hat. Der Mensch wird anschaulich beschrieben, die Gründe für die chinesische Besetzung Tibets kommen zu kurz. Hier hätte ich mir tiefer gehende Hintergrundinformationen gewünscht.

Der zweite Abschnitt handelt von der Erforschung der Emotionen, von dem Spannungsverhältnis zwischen Gefühlen und Vernunft, von Selbstbeherrschung und Mitgefühl sowie von der wissenschaftlichen Erforschung der Emotionen. Auf diesen Gebieten ist Goleman als Psychologe ein Experte [1] und der Dalai Lama ein einzigartiges Studienobjekt. Für Mitgefühl gibt es gute Gründe und der Autor erklärt warum.

Der Dalai Lama pflegt Kontakte mit politischen Führern, mit sozialen Gruppen, mit Geschäftsleuten und mit Wissenschaftlern, wie im dritten Abschnitt beschrieben wird. Der Wissenschaft steht er sehr aufgeschlossen gegenüber und seit er den Friedensnobelpreis erhalten hat, interessiert sich die Welt auch für ihn. Er erkennt, wie auch schon Stefan Klein [2], dass die Zufriedenheit einer Gesellschaft umso höher liegt, je gleichmäßiger das Vermögen verteilt ist.

Der Dalai Lama denkt und plant langfristig, auch wenn er die Ergebnisse seiner Arbeit selbst nicht mehr erlebt. Er möchte einen Wandel in Richtung Humanismus. "Solange wir uns sagen, dass wir nichts tun können, bleibt alles, wie es ist ...." (245) Seine Methode ist der gewaltfreie Protest, ein Weg, der Geduld erfordert. "Wer die Welt ändern möchte, …, muss erst einmal in sich selbst etwas ändern." (251) Das ist die Quintessenz aus dem vierten Abschnitt.

Der Dalai Lama ist grenzenlos, fast schon naiv, optimistisch. Er glaubt an das Gute in der Welt, auch wenn die Rahmendaten in politischer, wirtschaftlicher und ökologischer Sicht düster sind. Goleman stellt den Dalai Lama so vor, einschließlich seiner Visionen, wie man ihn aus den Medien kennt. Insofern gibt es keine Überraschungen, eher vertiefende Einsichten. Es handelt sich um ein lesenswertes Buch über eine markante Persönlichkeit der Zeitgeschichte.

[1] Daniel Goleman: "Emotionale Intelligenz"
[2] Stefan Klein: "Die Glücksformel"


Gretchenfragen an den Naturalisten
Gretchenfragen an den Naturalisten
von Gerhard Vollmer
  Broschiert
Preis: EUR 5,00

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Naturalismus – prägnant erklärt, 22. Mai 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Geht es in in der Welt mit rechten Dingen zu? Der Naturalist vertritt die Auffassung, dass alles Existierende, egal ob materiell, geistig oder ethisch, aus der Natur heraus erklärbar ist. Damit lehnt er Supranaturalismus (Gott, Esoterik, Okkultismus etc.) ab.

Gerhard Vollmer, Physiker und Philosoph, behandelt in seinem Büchlein "Gretchenfragen an den Naturalisten" die Position des Naturalismus im Hinblick auf existenzielle Fragen der Wissenschaft, Philosophie und Gesellschaft.

Vollmer gelingt es das Thema auf nur 90 Seiten prägnant zum Ausdruck zu bringen. Bücher mit einer solchen Informationsdichte, zudem ohne Wiederholungen und Ausschmückungen, sind selten auf dem Büchermarkt zu finden.

Die Bandbreite reicht von Mathematik, Realismus, Naturwissenschaft und Kosmologie über philosophische Fragen wie dem Leib-Seele-Problem, Willensfreiheit, Religion, Moral bis zu Para- und Pseudowissenschaften.

Die Ausführungen überzeugen weitgehend, dennoch ein paar Anmerkungen:

Zur Frage, warum die Mathematik so gut zur Beschreibung unserer Welt taugt, schreibt Vollmer, dass wir Glück gehabt haben, es hätte ja auch anders sein können. (20) Diese Antwort klingt recht platt. Geist und Materie haben eine gemeinsame Entwicklung (Evolution) hinter sich. Muss man sich da wundern, dass auch gleiche Strukturen zugrunde liegen? Davon abgesehen, wäre ein Überleben in einer Welt, die keinen Gesetzmäßigkeiten folgt, kaum möglich und Gesetzmäßigkeiten sind immer mathematisch beschreibbar.

Den Zufall (34) hat Vollmer gut erklärt. Wer sich für dieses Thema interessiert findet in "Alles Zufall" von Stefan Klein eine umfassende Analyse, in der u.a. die Unterscheidung von Koinzidenz und Korrelation ausführlich behandelt wird.

Vollmer erläutert, dass unser Wissen vorläufig ist und warum es nicht sinnvoll ist, eine übernatürliche Instanz als Erklärung in Anspruch zu nehmen. (38/39) Das würde den wissenschaftlichen Fortschritt letztlich abwürgen.

Wie Leben entstanden ist, wissen wir nicht. Ist Leben außerhalb der Erde entstanden, wie John Gribbin in "Geschöpfe aus Sternenstaub" thematisiert? Vollmer würgt diese Diskussion ab, weil eine Erklärung außerhalb der Erde noch viel schwieriger zu finden ist. (53) Dadurch, dass es schwieriger ist, wird es aber nicht unwahrscheinlicher.

Im Zusammenhang mit dem Leib-Seele-Problem erläutert Vollmer den Unterschied zwischen Gründen und Ursachen. (58) Die Erklärung ist auch für ein kompaktes Buch recht dünn. Eine anschauliche Gegenüberstellung finden Leser in "Was ist der Mensch?" von Michael Pauen.

Bei aller Kritik an Religiosität. (68) Aus dem Blickwinkel der Evolution müssen damit Überlebensvorteile verknüpft gewesen sein, sonst wäre sie nicht so verbreitet. Allerdings hat Zweckmäßigkeit nichts mit Wahrheit zu tun.

Gegen die Parawissenschaften führt Vollmer einen Rundumschlag. (77) Es gibt manchmal Wirkungen für die die Ursache noch nebulös ist. Auch wenn vieles Humbug ist, können die Parawissenschaften auf Phänomene aufmerksam machen, die (noch) kein Gegenstand der Naturwissenschaften sind.

Wer wissen will, wie Naturalismus abgegrenzt wird, sollte das Buch lesen. Die Darstellung ist kompakt und schnörkellos. Der Naturalist geht von der Fehlbarkeit und Vorläufigkeit des Wissens aus und das ist auch gut so. Das Gegenteil wäre Dogmatismus.


Krankheitsursache empfindliches Genick
Krankheitsursache empfindliches Genick
von Heike Bueß-Kovács
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 12,95

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein anschaulicher Ratgeber zum Thema Gesundheit, 16. Mai 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die Autorin Heike Bueß-Kovács ist nicht nur Ärztin, sondern auch Medizinjournalistin. Sie versteht es, wie am Aufbau dieses Buches deutlich wird, Themen anschaulich zu vermitteln. Im Fokus stehen Krankheiten des Genicks und therapeutische Möglichkeiten zu deren Behandlung. Dabei greift sie nicht nur auf die Schulmedizin zurück, sondern erläutert auch Methoden der Physiotherapie und komplementäre Heilmethoden.

Die Ursachen für Nackenprobleme sind vielfältig. Neben Unfällen und Verletzungen ist der Einfluss der Zivilisation unverkennbar. Büroarbeit, Bewegungsmangel, Überlastung und falsche Körperhaltung tragen ihren Teil dazu bei, dass Schmerzen im Genick auftreten können. Die Autorin beschreibt, welche körperlichen Veränderungen im Zuge solcher Entwicklungen entstehen können.

In dem Buch werden Maßnahmen der modernen Medizin (Injektionstherapie, Neuromodulation u.a.m.), Methoden der Naturheilkunde, Physiotherapie und Osteopathie sowie asiatische Heilmethoden und Entspannungstechniken beschrieben. Die Autorin macht deutlich, in welchen Fällen eine Operation notwendig ist und wann alternative Methoden infrage kommen können.

Die Autorin gibt einen Überblick über die Nahrungsbausteine und äußert sich auch zu Fragen der Ernährung. Sie lässt, wie auch andere Autoren, keinen Zweifel daran, dass Süßwaren und süße Limonaden nicht zu empfehlen sind, äußert sich aber unkritisch zu Kohlenhydraten im Allgemeinen. Das steht im Widerspruch zu Aussagen von z.B. Wolfgang Lutz [1] oder Bruce Fife [2].

An dem Buch fällt positiv auf, dass sich Heike Bueß-Kovács dem Thema ganzheitlich nähert. Da darf neben Yoga auch der Hinweis auf die richtige Matratze nicht fehlen. Zu den Entspannungsübungen gehört auch die Achtsamkeits-Meditation, das Leben im Augenblick. (87) Damit steht sie im Einklang mit anderen Autoren zum Thema [3]. Das Buch ist verständlich und informativ und damit sozusagen für den Endverbraucher verfasst.

[1] Wolfgang Lutz: "Leben ohne Brot"
[2] Bruce Fife: "Gelenkschmerzen"
[3] Britta Hölzel und Christine Brähler: "Achtsamkeit"


Achtsamkeit mitten im Leben: Anwendungsgebiete und wissenschaftliche Perspektiven
Achtsamkeit mitten im Leben: Anwendungsgebiete und wissenschaftliche Perspektiven
von Britta Hölzel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Westliche Wissenschaft und östliche Philosophie, 13. Mai 2015
"Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass es uns allen aufgrund unseres Gehirns schwerfällt, in unserem körperlichen und emotionalen Erleben im Hier und Jetzt zu bleiben." (8/9) Dabei ist Achtsamkeit eine wesentliche Voraussetzung, um glücklich zu sein. Wem das gelingt, wird selbst mit chronischen Schmerzen besser fertig, wie Tim Gard und Britta Hölzel in ihrem Beitrag "Achtsamer Umgang mit Schmerz" (79) deutlich machen.

Das deckt sich mit Ausführungen von Harro Albrecht [1], der auch Achtsamkeitsübungen zur Linderung von Schmerzen vorschlägt. Während in Albrechts Buch der Schmerz im Fokus steht und Achtsamkeit ein Mittel zum Zweck ist, ist es bei Britta Hölzel und Christine Brähler eher die umgekehrte Perspektive. Sie thematisieren Achtsamkeit mit seinen zahlreichen Facetten, wobei die Behandlung von Schmerz einen Anwendungsfall darstellt.

Achtsamkeitsmeditation hat seinen Ursprung im Buddhismus. Seit die Hirnforschung festgestellt hat, dass Meditation zu messbaren Veränderungen im Gehirn führt, wird das Thema auch in der Wissenschaft ernst genommen und weiter untersucht. Auffallend ist, dass der Buddhismus nicht nur die Literatur beflügelt hat (siehe "Siddhartha" [2]), sondern auch die Wissenschaft herausfordert (siehe "Das Tao der Physik" [3]) und mit der Meditation vollends im Westen angekommen ist.

Das Buch besteht aus Beiträgen von 12 Autoren, in denen verschiedene Perspektiven beleuchtet werden. Im Fokus stehen die Ursprünge der Achtsamkeitsforschung, die Erkenntnisse der Hirnforschung, der Umgang mit körperlichen oder emotionalen Belastungen sowie die Vorteile einer achtsamen Lebenseinstellung beim Umgang mit anderen Menschen in Beruf und Alltag. Die Ausführungen sind strukturiert und verständlich.

Achtsamkeit hat immer einen Erfahrungsbezug und ist kein abstraktes Konzept. Sinnliches Erleben ist subjektiv und sprachlich nicht vermittelbar. (26) Spinnt man diese Gedanken weiter, so ergeben sich Parallelen zu David Hume und dem Begriff der Qualia. Schon Hume erkannte, dass wir uns keinen Begriff vom Geschmack einer Ananas bilden können, ohne diese tatsächlich gekostet zu haben. Neben dem Erfahrungsbezug geht es in dem Buch um die bewusste Kontrolle der Aufmerksamkeit. (34/35)

Können wir mitten im Leben aufwachen? Jedenfalls gibt es Erfahrungsberichte, die das nahe legen. Gisela Full beschäftigt sich mit dem Thema Erleuchtung. So genannte kosmische Bewusstseinserlebnisse wurden schon vor Jahrhunderten beschrieben [4], entziehen sich aber, da subjektiv, einer naturwissenschaftlichen Untersuchung. Hier gilt das, was an anderer Stelle über den Erfahrungsbezug gesagt wird. Ohne eigene Erfahrung kann man sich eine nicht-ichbezogene Wahrnehmung einfach nicht vorstellen. Wenn das Ich ein Konstrukt ist, wer nimmt dann wahr?

Das Buch fordert die Leser auf, sich mit Achtsamkeit zu beschäftigen und zwar nicht intellektuell, sondern durch praktische Erfahrung. Es klärt über Zusammenhänge und Abhängigkeiten auf, umsetzen muss es jeder für sich selbst, z.B. durch Meditation. Geradezu weise klingen die Ausführungen von Michaela Doepke zur säkularen Ethik. Sie verweist auf Michael von Brück, der sich für einen interreligiösen Dialog ausspricht und auf Thich Nhat Hanh, dem es hinsichtlich der Ethik egal ist, ob jemand an Gott glaubt. In die gleiche Richtung argumentiert der Dalai Lama. (314) "Religion ist Privatsache, Ethik betrifft die ganze Menschheit." (316)

Für meinen Geschmack hätte das Thema Hirnforschung ein höheres Gewicht haben können. Das ändert aber nichts daran, dass durch die Zusammenstellung vieler Autoren eine große thematische Bandbreite abgedeckt wird und auch eine Mischung hinsichtlich Wissenschaft, Erfahrungsberichten und Anleitungen zu Übungen erreicht wird.

[1] Harro Albrecht: "Schmerz ' Eine Befreiungsgeschichte"
[2] Hermann Hesse: "Siddhartha"
[3] Fritjof Capra: "Das Tao der Physik"
[4] Richard M. Bucke: "Kosmisches Bewusstsein"


Ausweitung der Kampfzone
Ausweitung der Kampfzone
von Michel Houellebecq
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Kampfzone Gesellschaft, 6. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: Ausweitung der Kampfzone (Taschenbuch)
Es handelt sich um den Debütroman von Michel Houellebecq aus dem Jahr 1994. Seitdem gilt Houellebecq als (begabter) Provokateur. Ihm gelingt es zweifelsohne, Atmosphäre zu schaffen. Das gesamte Werk ist aufgeladen mit negativer Energie.

Bereits das kurze erste Kapitel wirkt obszön, vulgär und dekadent. Der namenlose Ich-Erzähler, ein 30jähriger Informatiker, ist ein extremer Zyniker. Seine destruktiven Beschreibungen prägen den gesamten Roman. Zum Beispiel findet er in einem Geschäft einen Toten, ohne das irgendeine Dramatik entsteht (73), charakterisiert er Rouen als "grau, schmutzig, schlecht erhalten, ... von Lärm und Luftverschmutzung versaut" (75) und äußert sich herablassend zu einem Brautpaar, welches vor einer Kirche steht. (78)

Einen Erklärungsansatz liefert der Autor ein paar Seiten weiter. "Der Wirtschaftsliberalismus ist die erweiterte Kampfzone, das heißt, er gilt für alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. Ebenso bedeutet der sexuelle Liberalismus die Ausweitung der Kampfzone, ihre Ausdehnung auf alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen." (110)

Neoliberale Maßstäbe gelten nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch unmittelbar für die Menschen. Diese werden nach ihrem Marktwert beurteilt und damit zum Objekt. An dieser fundamentalistischen und letztlich unmenschlichen Betrachtungsweise scheitern nacheinander Arbeitskollege Tisserand und der Ich-Erzähler. Es gibt nur Sieger und Verlierer und wem die Natur übel mitspielt, hat eben Pech gehabt.

Auffallend und auch seltsam sind die zwischenzeitlichen Wechsel von der Ich-Perspektive auf eine Metaebene, die Ebene des Autors ("Die folgenden Seiten bilden einen Roman" (16), "Das fortschreitende Verlöschen zwischenmenschlicher Beziehungen bringt für den Roman allerdings einige Schwierigkeiten mit sich." (46)).

Houellebecq ist ein ungewöhnlicher Autor. Mir würde kein zweiter einfallen, der mit ihm vergleichbar ist. Wenn sein Ziel darin besteht, eine Welt zu konstruieren, in der der Mensch ausschließlich nach seinem Marktwert beurteilt wird, ist ihm das auch gelungen. Der Roman ist destruktiv bis zur Selbstzerstörung.


Der Circle: Roman
Der Circle: Roman
von Dave Eggers
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Die Büchse der Pandora, 2. Mai 2015
Rezension bezieht sich auf: Der Circle: Roman (Gebundene Ausgabe)
"Du sitzt mit drei Menschen an einem Tisch, die dich alle anschauen und versuchen, mit dir zu reden, und du starrst auf ein Display und suchst nach wildfremden Leuten in Dubai." (298)

Das sind Erfahrungen, die in der heutigen Zeit jeder macht. Internet, soziale Netzwerke, Blogs, Online-Chat, Twitter, Foren, E-Mails, Webcams und Onlinegeschäfte bestimmen den Alltag. Wie wäre es, wenn diese Dienste aller zusammengeführt werden, jeder eine eindeutige Identität erhält und die Anonymität aufgehoben wird? Mittels weltweit verteilter Kameras kann aufgrund der biometrischen Merkmale jeder Mensch jederzeit und überall ausfindig gemacht werden. Sämtliche Datenbanken stehen zur Verfügung.

Das ist eine Vision, die Dave Eggers in seinem Roman "Der Circle" beschreibt. Der Internetkonzern Circle vereinigt die wichtigsten Onlinedienste und ist mächtiger als jeder Staat. Protagonistin Mae bearbeitet Kundenanfragen beim Circle, für sie handelt es sich um einen Traumjob. Sie wird im Zuge ihrer beruflichen Entwicklung zur transparenten Persönlichkeit und damit zur Werbeikone des Konzerns.

Eggers macht in diesem Roman deutlich, was es heißt, die Privatsphäre aufzugeben. Protagonistin Mae, farblos und naiv, passt in diese Rolle. Ihr fehlt jegliche Distanz zu ihrer Tätigkeit und den Machenschaften des Konzerns. Dieser erinnert hinsichtlich seiner Arbeitsbedingungen und sozialen Aktivitäten stark an Google, so wie Gerald Reischl ihn in "Die Google Falle" beschreibt. Zu den (derzeitigen) Auswertemöglichkeiten können Leser sich in "Die Numerati" von Stephan Baker informieren.

Aber der Circle ist umfassender. Reischl und Baker beschreiben Facetten aus der Welt der Möglichkeiten, die in dem vorliegenden Roman perfektioniert werden. Leider ist die Realität nicht weit von diesem Überwachungsstaat entfernt. Nach Orwell und Huxley hat Eggers einen Zukunftsroman geschrieben, der im Hinblick darauf, was NSA und andere Geheimdienste heute treiben, in Teilbereichen bereits Realität ist. Erstaunlicherweise werden heute auch intime Daten von vielen Menschen freiwillig veröffentlicht.

Der Roman ist nicht so düster wie "1984" und besitzt auch nicht die Tiefe von "Schöne neue Welt". Er ist eher eintönig und vorhersehbar. Dennoch handelt es sich um ein wichtiges Thema, welches in die Medien gehört, denn die Büchse der Pandora ist geöffnet.


Catfish: Ein Bob Dylan Roman
Catfish: Ein Bob Dylan Roman
Preis: EUR 15,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Like A Rolling Stone, 29. April 2015
Rezension bezieht sich auf: Catfish: Ein Bob Dylan Roman (Kindle Edition)
Catfish ist ein Roman über Bob Dylan, bestehend aus realen und fiktionalen Anteilen. Autor Maik Brüggemeyer, Protagonist und Dylan-Kenner, stellt darin provokativ die Frage: "Was können wir von Bob Dylan lernen?" Nahe liegender ist die Frage: "Wer ist Bob Dylan?"

"Schon als pausbäckiger Mittelklassejunge hatte er sich als weitgereister Landstreicher inszeniert und die Weisheit eines Greisen in seine Stimme gelegt. Als man ihn als Protestsänger feierte, gab er den Beatnik und Hedonisten, als die Öffentlichkeit ihn als diesen erkannte, hatte er sich selbst bereits in Bibelstudien und das amerikanische Folkerbe versenkt. Er war immer einen Schritt voraus, und nur er kannte den Weg." (46)

Es ist nicht einfach Bob Dylan, einen der bedeutendsten Songwriter der Neuzeit, zu kategorisieren. In seinen Interviews ist er widersprüchlich, als Mensch bleibt er unscharf, verborgen hinter tiefgründigen Texten zu seiner Musik.

"Nein. Das klingt jetzt bescheuert, aber ich suche den, der er in seinen Songs ist und in seinen Inszenierungen - in Interviews und in den Geschichten, die man sich über ihn erzählt. Nenn es meinetwegen die Kunstfigur oder den Mythos." (61)

In diesem Sinne ist der Roman vergleichbar einem Spiegellabyrinth mit unterschiedlichen Projektionen. Ist Dylan eine Kunstfigur, die das Leben selbst als Kunstform ansieht?

Dylan steht für Wandlung, er erfindet sich ständig neu. "Er spielte diese Lieder nicht, er spielte mit Ihnen." (151) "Er spielt Hütchen mit unseren Köpfen. Na, unter welchem Hütchen liegt die Poesie? Wo versteckt sich die Bedeutung?" (180)

"Es gab keine Dylan'sche Ethik, kein politisches Programm, keine nachvollziehbare Haltung. Er hielt einem immer wieder den Spiegel vor, wenn man versuchte, ihn zu deuten, und so wurde man schließlich in seinen Bemühungen immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen." (208)

Das Buch ist eher für Leser geeignet, die Dylan kennen oder genauer gesagt, die glauben ihn zu kennen. Der Weg zu Dylan erfolgt über die Kunstfiguren im Buch und über seine Musik, die einfache und tief gehende Interpretationen zulässt. Wer ertmals von Dylan hört, sollte mit einer herkömmlichen Biografie beginnen. Catfish ist voller Anspielungen, die nur verstehen kann, wer sich mit Dylan beschäftigt hat.

"Ich habe keine Ahnung, wer er ist, und ich weiß nicht, was er tut. Aber es macht Spaß, ihm zuzusehen." (184)


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