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Rezensionen verfasst von
Peter Paulus (Heidelberg)

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Four Seasons
Four Seasons

5.0 von 5 Sternen Die nach wie vor beste Einspielung!, 15. Februar 2009
Rezension bezieht sich auf: Four Seasons (Audio CD)
Die nach wie vor beste Einspielung!

Das berühmteste Werk von Antonio Vivaldi (1678 - 1741) "Die vier Jahreszeiten (italienisch: Le quattro stagioni)" wurde spätestens seit der berühmten Einspielung von Anne Sophie Mutter und Herbert von Karajan zusammen mit dem Wiener Symphonieorchester im Jahre 1984 (siehe: Die 4 Jahreszeiten) zu einem der am häufigsten eingespielten klassischen Musikwerken.

Vivaldis "Die vier Jahreszeiten" stammt aus dem Jahre 1725 und ist somit barocke Musik. Andererseits handelt es sich hier, um eigentlich vier einzelne Violinkonzerte, die jeweils ein bestimmtes außermusikalisches Thema behandeln: nämlich dass einer Jahreszeit.

Die interpretatorische Herausforderung liegt, neben seiner technischen Schwierigkeit (Tempo, Gefühl) vor allem darin, welchen Aspekt dieses Werkes man interpretatorisch in den Vordergrund stellen möchte: Entweder den Aspekt einer Programmusik, wie dies Karajan und Anne Sophie Mutter bei der bereits oben genannten Einspielung aus dem Jahre 1984 getan haben, oder aber etwa den barocken Charakter den Anne Sophie Mutter zusammen mit den Trondheim Soloists mit der Einspielung aus dem Jahre 1999 getan hat (siehe: Antonio Vivaldi, Giuseppe Tartini: Die Vier Jahreszeiten / Teufelstrillersonate).

Im Unterschied hierzu gelingt es der hier vorliegenden Einspielung von Jean-Pierre Wallez und dem Ensemble Orchestral de Paris (nicht zu verwechseln mit dem: "Orchestre de Paris") eine hervorragende Ballance zwischen Barock- und Programmusik zu finden.

Die Aufnahme stammt vom Februar 1980 und wurde mitten in Paris (unweit des Invaliden Doms) aufgenommen. Bei der Aufnahmetechnik handelt es sich um eine Analoge Aufnahme die lediglich digital überspielt wurde (AAD). Die Aufnahme ist für die damalige Zeit gut, kann aber hinsichtlich heutiger Digitalaufnahmen im Bezug auf die Dynamik nicht mehr mithalten. Eine neuerliche digitale "Abmischung" der Aufnahme wäre hilfreich.

Jean-Pierre Wallez spielt in dieser Aufnahme die Solo-Violine und dirigiert zugleich das Ensemble. Sein Spiel ist virtuos und temperamentvoll und vor allem technisch perfekt, aber (und das ist die große Stärke dieser Aufnahme) Solo-Violine und Orchester bleiben eine Einheit. Das Ritornell bzw. Refrain (wiederkehrendes Rondo) wird jeweils schnell aber nicht zu Schnell vorgetragen. Das gilt sowohl für die von Jean-Pierre Wallez gespielten Soloabschnitte als auch das vom Orchester wiederholende jeweilige orchestrierte Tuttithema.

Besonders deutlich wird dies bei dem: "Allegro non Molto" (Konzert g-Moll "Der Sommer"). Wie die Tempi Anweisung schon besagt: "Munter fröhlich, aber nicht zu viel!". Es ist zwar eine Anweisung für ein schnelles Spiel, aber bitte doch kein gehetztes Stakkato, wie dies die Trondheim Soloists in der zweiten Einspielung von Anne-Sophie Mutter (1999) spielen, oder noch schlimmer, wenn Karajan das gesamte 80 Mann Orchester der Wiener Philharmonie aufbrausen läßt. Es ist einfach zu viel!

Gerade zu brilliant ist auch das "Allegro non Molto" (Konzert f-Moll "Der Winter"). Mich hat überrascht dass die entsprechende Solopassage von Jean-Pierre Wallez derjenigen von Anne-Sophie Mutter aus der 1999er Einspielung ebenbürtig ist und das umgekehrt, der "harzige" Violinklang einer Anne Sophie Mutter, sich dem von Jean-Pierre Wallez ähnlich ist. Ein ganz klares Indiz dafür dass sich Anne-Sophie Mutter mehr dem barocken Charakter von Vivaldis Werk nähert, als dies in der 1984er Einspielung der Fall war.

Aber nicht nur die schnellen Passagen diese Aufnahme sind sehr gut, vor allem auch die langsamen tempi sind getragen, wirken aber nicht seziert wie die 1999er Einspielung von Anne-Sophie Mutter. Auch hier bleibt Orchester und Solist eine Einheit und kein Gegensatz.

Fazit:
Alles in allem halte ich die vorliegende Aufnahme von Jean-Pierre Wallez und dem Ensemble Orchestral de Paris, aus dem Jahre 1980, nach wie vor für die beste Einspielung von Vivaldi "Die vier Jahreszeiten", selbst unter Berücksichtigung der beiden berühmten Einspielungen von Anne-Sophie Mutter (1984, 1999), die zugegebenermaßen ebenfalls sehr gut sind.

Im Unterschied zu der Einspielung von Jean-Pierre Wallez haben aber diese nicht die Sicht auf den ordinären Charakter dieses Werkes, sondern sich zu sehr, - entweder auf den Aspekt der Programmusik (1984) legt, oder aber die Sicht eines Malers, der mit musikalischen Pinselstrich ein musikalisches Gemälde malt, wie dies die Intention von Anne-Sophie Mutter in ihren Solopassagen der Einspielung zusammen mit den Trondheim Soloists (1999) war. Das macht diese Einspielungen gewiss nicht schlecht, es liegt selbstverständlich in der künstlerischen Freiheit des Interpreten diese Musik für sich so zur Entfaltung zu bringen wir er es für richtig empfindet. Das ist ja gerade der Reiz an der klassischen Musik! Demgegenüber hat Jean-Pierre Wallez einfach nur eines getan: Er hat Vivaldis vier Violinkonzerte: "Die Vier Jahreszeiten" gespielt.
Merci beaucoup, monsieur Wallez!


Mehr Kapitalismus wagen: Wege zu einer gerechten Gesellschaft
Mehr Kapitalismus wagen: Wege zu einer gerechten Gesellschaft
von Friedrich Merz
  Gebundene Ausgabe

64 von 110 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!", 1. Februar 2009
"Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!"
Dieser Ausspruch von Michail Gorbatschow vom 6.Oktober 1989 trifft auch knapp zwanzig Jahre später für Friedrich Merz und sein pünktlich zum Beginn der Frankfurter Buchmesse (15.10.2008) erschienenes Buch: "Mehr Kapitalismus wagen: Wege zu einer gerechten Gesellschaft" zu.
Friedrich Merz legt in diesem Buch ein klares Bekenntnis ab für die: "Freiheit des Marktes", und von "mündigen Bürgern" für die der Kapitalismus gleichsam die demokratische Freiheit beinhaltet, Produkte und Dienstleistungen frei nach ihren Präferenzen kaufen (auswählen) zu können. Er schreibt von den "verantwortungsvollen Managern" die in einer globalen Weltwirtschaft verantwortungsvoll handeln, wenn sie Produktionsstandorte ins (billigere) Ausland verlagern und Arbeitsplätze in Deutschland abbauen, weil sie dadurch die noch vorhandenen Arbeitsplätze sichern helfen. Friedrich Merz schreibt von der gebotenen Pflicht zur "Zurückhaltung des Staates" der sich aus der Wirtschaft raushalten soll, weil er ohne hin keine Ahnung hat und mit seiner Einmischung lediglich die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft durch zu hohe Sozialleistungen, Steuersätze und gesetzliche Regularien vermindert. Das ganze gipfelt dann quasi in dem rezitierten Mantra:

"Der Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung!" und die: "Marktwirtschaft ist aus sich selbst heraus sozial!"

Desweiteren finden in diesem Buch auch die so oft gescholtenen "bösen Heuschrecken" ihre Gnade: "Hedgefonds korrigieren durch ihre Aktivitäten falsche Preisbildungen am Markt und tragen so zur Risikobegrenzung an den Finanzmärkten bei."

Beurteilung:
Dieses Buch erschien praktisch genau vier Wochen nach dem die damalige US-Investmentbank "Lehman Brothers Inc." den Insolvenzantrag stellen musste (15.09.2008). Was danach geschah ist bekannt: Das gesamte internationale Finanzsystem stand kurz vor dem Kollaps und die internationalen Notenbanken versuchen seit dem (vermutlich vergebens) mit zig Milliarden das System zu retten. Es lässt sich ohne Übertreibung feststellen: Dieses Buch erschien aus Sicht des Piper Verlags zur absoluten Unzeit.
In diesem Zusammenhang fällt mir ein sehr interessantes Buch aus meiner Studienzeit ein: "The Political Power of Economic Ideas: Keynesianism Across Nations" (Princeton 1989) von Peter Hall. Es handelt von der sich entfaltenden politischen Macht ökonomischer Theorien und der Wandlung ökonomischer Leitgedanken im historischen Verlauf. Im Jahre 1971 sagte der damalige US Präsident: Richard Nixon noch: "We are all Keynesians now" zehn Jahre später leitete aber sein ebenfalls republikanischer Nachfolger Ronald Reagan die politische Hinwendung zur "Angebotsökonomie" ein, deren geistige Väter die "Chicagoer Schule" darunter auch Milton Friedman waren. Unter dem Begriff "Angebotsökonomie" versteht man im Wesentlichen, das Unternehmen (Anbieter) auf der Grundlage ihrer Gewinn- bzw. Renditeerwartungen über Investitionen und damit auch über die Schaffung von Arbeitsplätzen entscheiden. Um dies zu erreichen sind im Wesentlichen folgende politische Maßnahmen notwendig: Bürokratieabbau, Senkung des Lohnniveaus, Verringerung der staatlichen Transfährleistungen, vereinfachtes Steuersystem (zum Beispiel Herrn Merz: "Bierdeckelsteuererklärung"), Sicherung des Wettbewerbs, sowie eine Orientierung der Geldmengenentwicklung am Wirtschaftspotenzial (lockere Geldpolitik der Notenbanken). Letztlich zielt alles was Friedrich Merz in diesem Buch schreibt genau auf die Fortführung dieser "Angebotsökonomie" ab (man bezeichnet es heute allerdings eher als "Neoliberalismus"). Aber genau diese wirtschaftspolitische Doktrin hat genau diese verheerende Wirtschaftskatastrophe verursacht in der sich die gesamte Welt heute befindet. Angebotsökonomie führt grundsätzlich immer zu einer "Verschuldungskrise". Alle Präsidenten seit Ronald Reagan haben diese Verschuldung in den USA stetig gesteigert und diese Verschuldung wurde im Laufe der letzten zwanzig Jahre über den gesamten Globus ausgeweitet. Das Buch von Friedrich Merz "Mehr Kapitalismus wagen..." kommt somit genau zu einer Zeitenwende in der jene ökonomischen Anschauungen wie sie Herr Merz vertritt sich als vollkommen diskreditiert offenbaren. Wie bereits gesagt: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!".
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 19, 2011 4:28 PM MEST


Sonaten und Partiten für Violine solo BWV 1001-1006
Sonaten und Partiten für Violine solo BWV 1001-1006

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Göttlich und unübertroffen!, 3. Januar 2009
Im Mai 1935 kommt ein 19 Jähriger junger Mann namens Yehudi Menuhin von San Francisco nach Paris gereist um dort die "Sonaten und Partiten" von Johann Sebastian Bach einzuspielen. Was dann geschieht ist ein Wunder! Dieser empfindsame junge Mann spielt diese extrem schwierigen zwei und dreistimmigen Sonaten und Partiten in einer Virtuosität, in einer Authentizität, und in einer jugendlichen Unbekümmertheit auf, als habe ihn der liebe Gott selbst auf die Stirn geküsst. Auch wenn die auf diesen beiden CDs wiedergegebenen ursprünglichen Schellack Schallplatten knistern und rauschen (Mono ist die Aufnahme sowieso). Der interpretatorische Gehalt dieser Aufnahme ist genial und nach fast 74 Jahren ihrer Entstehung bis zum heutigen Tag immer noch unübertroffen. Die Aufnahmen wurden von EMI aufwendig digital gefiltert und überarbeitet und weisen eine erstaunlich gute Dynamik und Transparenz auf, ohne den interpretatorischen Charakter der Aufnahme verfälscht zu haben.

Bei der auf dieser Aufnahme wiedergegebenen "Sonaten und Partiten" (BWV 1001 bis 1006) handelt es sich um mehrstimmige Sonaten bzw. Partiten für Violine solo. Der Begriff: "Partiten" ist hierbei gleich bedeutend mit "Suiten" und meint eine Sammlung von Tänzen. Der technische Schwierigkeitsgehalt dieser Kompositionen kann man getrost als "exorbitant" bezeichnen, weswegen sie ursprünglich nur zu Studienzwecke für angehende ambitionierte Violine Virtuosen bestimmt waren (ähnlich wie die "24 Cappricci Op.1" von Niccolò Paganini).

Besonders beachtlich ist die "Chaconne" oder italienisch: "Ciaccona" aus der Partita Nr. 2 d-Moll (BWV 1004). Der Satz beginnt erst, für eine Chaconne üblich, mit einer Akkord Sequenz die sich rhythmisch um die Basslinie bildet und sich dann für den Rest des Satzes mit einer Serie von Variationen des Themas steigert. Zwei Intervalle führen dann unter anderem zu einer dreistimmigen Sequenz des Themas. Die Verdreifachung dieser Akkord Sequenz im Mittelteil ist das hauptsächliche Merkmal dieser Chaconne. Diese Chaconne repräsentiert praktisch den gesamten Bereich des Violinspiels zu Bachs Zeiten und dieser Bereich war bereits zur damaligen Zeit gewaltig. Bei dieser Chaconne handelt es sich somit um eines der schwierigsten Musikstücke welches auf einer Violine zu spielen ist.

Yehudi Menuhin hat diese Kompositionen als erster Violinist komplett eingespielt. Diese hier vorliegende Aufnahme gilt bei Musikkritikern bis heute übereinstimmend als eine "Referenzaufnahme", weswegen der EMI besonderen Dank gebührt dieses musikalische Meisterwerk für die Nachwelt erhalten und wieder zugänglich gemacht zu haben.

Diese Aufnahme ist für einen ernsthaften Liebhaber von Violine Musik absolut empfehlenswert.


Toccata+Fuge Bwv 538/+
Toccata+Fuge Bwv 538/+
Wird angeboten von mario-mariani
Preis: EUR 39,98

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bach lebt!, 3. Oktober 2008
Rezension bezieht sich auf: Toccata+Fuge Bwv 538/+ (Audio CD)
Bach lebt!
Wer wissen möchte wie Johann Sebastian Bach Orgel spielen würde wenn er heute noch lebte, der sollte sich die "Passacaglia C-Moll BWV 582" gespielt von Karl Richter anhören.
Ich rate jedem diese Aufnahme zu kaufen, solange sie noch käuflich zu erwerben ist. Die Aufnahme stammt vom September 1978 und wurde an der "Großen Silbermann-Orgel im Dom zu Freiberg (Sachsen)" aufgenommen. Obwohl es sich (oder gerade vielleicht deshalb) um eine Koproduktion mit der "VEB Deutsche Schallplatten Berlin" (DDR) handelt, klingt die Aufnahme erstaunlich frisch und transparent. Die Aufnahme wurde liebevoll "Digital Remastered" (ADD).
Die Aufnahme erschien 1980 bei der Polydor International GmbH, Hamburg. Das Cover ist immer noch unverändert.
Karl Richter spielt auf dieser Aufnahme die "Toccata (Präludium) und Fuge D-Moll ("Dorische") BWV 538.", sehr leidenschaftlich, unverstaubt und kraftvoll.
Sehr empfehlenswert ist auch die "Partite diverse sopra: Sei gegrüßet, Jesu gütig BWV 768". Das langsame sich kontinuierlich steigende Thema dieses Chorals ist wunderschön. Das Orgelspiel erklingt ganz langsam und steigert sich allmählich in verschiedenen Variationsformen. Zwanzigmal hat Bach das Thema variiert um dann zum Schluss mit einer strengen Fuge zu enden. Das Stück hat eine zeitliche Länge von knapp 20 Minuten in denen man sich dem Himmel näher glaubt als dem Diesseits.
Der Hammer ist aber zweifellos die "Passacaglia C-Moll BWV 582". Karl Richter spielt nicht zu schnell, nicht zu langsam, er spielt fordernd und atemberaubend, einfach phänomenal, man glaubt Johann Sebastian Bach weile noch unter uns.
Eines noch zum Schluß. Karl Richter wird oftmals sein "Legato-Spiel" zum Vorwurf gemacht. Damit ist die gebundene Melodienfolge ohne akustische Unterbrechung gemeint. Der Vorwurf lautet, dass seine Spielweise der "historischen Aufführungspraxis" fern stünde. Ich rate bei solcher Kritik zur Vorsicht. Was gut gemeint als "historische Aufführungspraxis" daher kommt, klingt oftmals "staccatohaft" gequält. Entscheidend an der Qualität einer guten Interpretation ist die "Phrasierung" des Musikstücks (das heißt die musikalische Beziehung von Rhythmus, Lautstärke, Pausensetzung und Ausdruck - zum Beispiel der Anschlag), und diese "Phrasierung" gelingt Karl Richter in einer bis heute kaum noch zu überbietenden Qualität. Ich halte daher diese Aufnahme (als auch andere Orgel-Einspielungen) von Karl Richter für absolut empfehlenswert.


Glenn Gould Jubilee Edition: Three Keyboard Concertos, (Vol. 1)
Glenn Gould Jubilee Edition: Three Keyboard Concertos, (Vol. 1)
Preis: EUR 11,33

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Und sie dreht sich doch!, 26. Juli 2008
Und sie dreht sich doch!
Soll angeblich Galileo Galilei beim Verlassen des Inquisitionsgerichts gemurmelt haben, nachdem er dem kopernikanischen Weltbild öffentlich abgeschworen hatte. Wie auch immer!

Ich jedoch bleibe dabei! Diese Aufnahme ist nach wie die Beste Einspielung der Klavierkonzerte von Johann Sebastian Bach, selbst bei Berücksichtigung der Einspielung von Murray Perahia (Sony 2001). Glenn Gould spielte das Klavierkonzert Nr. 1 im April 1957 in New York zusammen mit dem Columbia Symphony Orchestra unter der Leitung von Leonard Bernstein ein. Die übrigen beiden Konzerte (Nr. 4 und 5) auf dieser CD wurden vom selben Orchester aber unter der Leitung von Vladimir Golschmann dirigiert.

Die Aufnahmen sind gänzlich alle in Mono, wurden aber von Sony liebevoll digital remasterd, so dass diese Aufnahmen eine hohe Dynamik, bei erstaunlich guter Transparenz aufweisen.

Legendär ist aber der erste Satz des Klavierkonzertes Nr. 1 in D-Moll BWV 1052 (Allegro). Er ist meiner Ansicht nach schlichtweg bis heute unübertroffen. Glenn Gould (zum Zeitpunkt dieser Aufnahme noch keine 25 Jahre jung) spielt enorm forsch ohne dass die Aufnahme jedoch dadurch gehetzt wirkt. Im Gegenteil. Das Tempo des Orchesters ist nicht schnell, was die Aufnahme dagegen so außergewöhnlich macht ist das streng rhythmische Spiel von Glenn Gould. Im zweiten Drittel dieses ersten Satzes gibt es eine Stelle, in der dieses Allegro wie "Swinging Jazz" wirkt. Das rhythmische Spiel von Gould offenbart einen "swingenden Bach" - das ist schlichtweg der Hammer!

So ganz anders im Vergleich dagegen die Aufnahme von "Academy Of St. Martin In The Fields" mit dem Pianisten Murray Perahia (Sony 2001). Diese Aufnahme ist sehr gut; keine Frage. Dennoch. Dieses Allegro des Klavierkonzertes Nr. 1 wirkt im Vergleich zu der Einspielung von Glenn Gould eher wie "musikalische Restaurationspolitik". An der gleichen von mir beschriebenen Stelle, wirkt die Einspielung von Murray Perahia extrem blass. Wie als konzeptuellen Gegenentwurf zu Glenn Gould nimmt er sich vollständig zurück, er versteckt sich förmlich hinter der Begleitung des Orchesters. Glenn Gould dagegen spielt sehr dominant, was vermutlich auch durch die klangliche Kompression der digitalen Überarbeitung verstärkt wird.
Sehr zu empfehlen ist noch das Klavierkonzert Nr. 5 auf dieser Aufnahme. Das Spiel von Gould ist meisterhaft. Er begnügt sich nicht damit, lediglich die barocke Struktur der Aufnahme wiederzugeben, sondern verleiht dieser Aufnahme die musikalische Komplexität und Tiefe, ohne jedoch dabei analytisch oder romantisch zu wirken. Wie bereits gesagt: Glenn Goulds streng rhythmisches Spiel offenbart eine Seite von Bachs Klavierkonzerten, wie sie weder davor noch danach wieder von einem anderen Pianisten je erreicht wurde.


Die Globalisierungsfalle: Der Angriff auf Demokratie und Wohlstand
Die Globalisierungsfalle: Der Angriff auf Demokratie und Wohlstand
von Hans-Peter Martin
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Reminiszenz an zwei Kassandra Rufer!, 6. Juni 2008
Das Buch: "Die Globalisierungsfalle: Der Angriff auf Demokratie und Wohlstand" von den Autoren: Hans-Peter Martin, Harald Schumann war 1996 das erste Buch welches ich über das Thema "Globalisierung" gelesen hatte. Deutschland hatte drei Jahre vorher die "Standortdiskussion" durchgemacht und diese beiden Autoren sollten mit diesem Buch eindrucksvoll jene unsägliche Entwicklung vorweg nehmen, die heute eingetreten ist. Der einzige Punkt in dem die beiden Autoren leider falsch lagen, ist die Tatsache, dass - so wissen wir heute - alles noch viel schlimmer kam als vorausgesagt.
Ob das Buch heute noch interessant ist weiß ich nicht. Aus der Retrospektive betrachtet muss man sich allerdings Fragen wie die politischen und wirtschaftlichen "Eliten" angesichts dessen so erbärmlich versagen konnten.
Phasen des Freihandels (so nannte man die Globalisierung in früheren Jahrhunderten) ist nichts Neues, sie gab es schon viel früher. Wer sich einmal die Mühe macht gezielt Literatur zur Wirtschaftsgeschichte zu studieren, wird aber feststellen, dass Freihandel früher oder später immer zu einer wirtschaftlichen Katastrophe führte. Sichtbares Zeichen einer solchen Katastrophe waren dann die spektakulären Börsenzusammenbrüche ("Börsencrash") in deren Folge das Pendel wieder zugunsten staatlichen Interventionismus umschlug.
Was mich am meisten daran entsetzt, ist dieses "institutionelle Vergessen" in einer Gesellschaft, die sechzig, siebzig Jahre später dazu führen, dass dieselben Fehler wieder gemacht werden.
Diese beiden Autoren haben, wenn auch aus einer ganz anderen Herangehensweise heraus dafür gesorgt, dass dieses Thema in der Öffentlichkeit thematisiert wurde. Dieses Buch ist daher vollkommen verdienter maßen zu einem "Bestseller" avanciert. Sehr gut ist es ohnehin!


Mozart: Klavierkonzerte 20, 21, 25, 27
Mozart: Klavierkonzerte 20, 21, 25, 27
Preis: EUR 11,98

29 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vom lieben Gott geküsst!, 23. März 2008
Ich weiß beim besten Willen nicht, was im September 1974 im Großen Saal des Wiener Musikvereins geschah, aber ich bin mir sicher das der liebe Gott alle Beteiligten geküsst haben muss, anders kann ich mir diese herausragende Aufnahme nicht erklären.

Der erste Satz des D Moll Klavierkonzertes Nr. 20 KV466 beginnt völlig ruhig, das Klavierspiel von Friedrich Gulda reiht sich nahtlos ein und sein Spiel ist ruhig, sehr präzise und mit dem typisch harten aber angenehm und präzis wirkenden Anschlag von Gulda versehen.

Das Mozart Klavierkonzert KV466 eines der wenigen das von Mozart in Moll gehalten ist. Es wirkt sehr mystisch und sehr von dieser Welt entrückt. Friedrich Gulda spielt zum Ende des ersten Satzes die Beethoven Kadenz, was dieser Aufnahme noch einen weiteren besonderen außergewöhnlichen Charakter gibt. Beethoven hat seinem Meister Mozart mit dieser Kadenz ohne Zweifel eine Referenz erwiesen. Sie ist geprägt von der Forschheit eines jungen Beethoven ohne jedoch den Charakter von Mozarts Musik zu verändern bzw. den Respekt vor Mozart zu unterminieren. Der zweite Satz lebt von dem Dialog zwischen der Querflöte und dem Spiel von Gulda. Der ganze zweite Satz steht und fällt mit der Qualität des Querflötenspiels in der Mitte des zweiten Satzes. Hier ist dieses Spiel famos gelungen.

Besonders hervorzuheben wäre noch der erste Satz des C Dur Klavierkonzertes Nr. 21 KV 467. Das Klavierspiel von Gulda perlt wie Champagner. Die Musik fließt förmlich dahin ohne dabei unpräzise oder beliebig zu wirken.

Für wahr! Die Einspielungen dieser vier Klavierkonzerte, sind wie die Kompositionen des Genies Mozart selbst, nicht von dieser Welt.


Allahs Sonne über dem Abendland: Unser arabisches Erbe
Allahs Sonne über dem Abendland: Unser arabisches Erbe
von Sigrid Hunke
  Taschenbuch

30 von 37 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein bemerkenswertes Buch!, 26. Dezember 2007
Das Buch von Sigrid Hunke "Allahs Sonne über dem Abendland, Unser arabisches Erbe, Stuttgart 1960" ist ein bemerkenswertes Buch. Es zeigt auf beeindruckende Weise, zu welcher enormen Blüte es die arabische Kultur gebracht hat und welchen immensen Nutzen wir hier in Europa daraus gezogen haben.

Dennoch kontrastiert der Inhalt dieses Buch gleichzeitig und auf unfreiwillige Weise die eigentliche Schwäche des Islam. Der Aufstieg der arabischen Kultur war geprägt von der wissbegierigen Aufnahme des hellenistischen Erbes, sowie den Errungenschaften der indischen und chinesischen Kultur die sie - und das war zu jener Zeit die größte Stärke des Islam - vorurteilsfrei und tolerant hinterfragt und zu einer nie dagewesenen Blüte weiterentwickelt haben. Frau Hunke beschreibt dies unter anderem sehr eindrucksvoll am Beispiel der Medizin, Mathematik oder der Astronomie.
Durch die damalige Mittlerfunktion der arabischen Welt, insbesondere durch seinen lebhaften Handel, konnte Europa zunächst sehr zögerlich, später im Rahmen der einhergehenden Säkularisierung jedoch zunehmend,- an dieses Wissen anknüpfen bzw. es weit übertrumpfen.

In dem Maße wie Europa seine religiöse Dogmatisierung im Laufe der Jahrhunderte abbaute, verfestigte sich dagegen dieses religiöse Dogma im Islam zusehends. Die Jünger Allahs haben zwar leidenschaftlich das vorhandene Wissen destilliert, ihre eigene Weltanschauung aber selbst nie in Frage gestellt, und zwar bis zum heutigen Tage nicht. Der kulturelle, wirtschaftliche, als auch politische Niedergang der arabischen Welt korreliert augenscheinlich mit diesem Unvermögen.

Das ist im Übrigen der größte Kritikpunkt an diesem Buch. Diese strukturelle Rigidität und Inelastizität der islamischen Kultur thematisiert Frau Hunke hingegen kaum. Allenfalls im Kontext des "Aufkommens von Schleier und Harem" in der arabischen Welt wird der schwindende öffentliche Einfluss der Frauen kritisch notiert.

Fairerweise muss man jedoch dem Buch zu Gute halten, dass dieses bereits im Jahre 1960 erschien und die dramatischen Auswirkungen des islamischen Fundamentalismus sich erst ab dieser Zeit zu entwickeln begannen.

Dennoch ist dieses Buch ein wichtiger Beitrag, die kulturelle Leistung der arabischen Welt ihres gebührenden Verdiensts nach zu würdigen.


Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie
Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie
von Robert Michels
  Gebundene Ausgabe

11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Von einem der die Demokratie nicht mochte!, 9. Dezember 2007
Robert Michels (1876 - 1936) war ein deutscher (später italienischer) Soziologe, der nicht sonderlich viel von Demokratie im Allgemeinen und von Parteiendemokratie im Besonderen hielt. Stattdessen mutierte er zu einem blühenden Anhänger des Faschismus und des italienischen Diktators Benito Mussolini. Dieser war es auch, der Robert Michels die langersehnte Professur besorgte, in dem er 1928 eigens für Michels den Lehrstuhl für "Nationalökonomie und Korporationswesen" in Perugia einrichten ließ. "Diese Professur war auf Betreiben von Mussolini eingerichtet worden, um dem faschistischen Regime auch akademische Resonanz zu verschaffen". (Vgl. Robert Michels; "Soziologie des Parteiwesens"; 4. Auflage 1989; "Einführung": XX).

Nun wäre eigentlich alles gesagt was ausreichte um Robert Michels und das hier vorliegende Hauptwerk vollends zu diskreditieren.
Jedoch, so leicht liegen die Dinge nicht! Das hier vorliegende Buch ist eine Studie über die Soziologie der damaligen deutschen Partei "SPD" zur Zeit des Kaiserreiches des Jahres 1911.

Dieses Buch analysiert zunächst die Strukturen einer "Demokratie" in einem aristokratischen Herrschaftssystem (Monarchie). Sowie die spezifischen Strukturen der dortigen Herrschaftsabsicherung der Adelsschicht, durch das Prinzip der Primogenitur des Herrschertitels. Weitere wichtige Aspekte der Herrschaftsabsicherung, so z. B. die Ausgestaltung verfassungsgebender Institutionen, sowie die enorme Bedeutung des Wahlrechts zur Herrschaftsabsicherung in einer Demokratie werden ausgiebig und genüsslich vom Autor auseinandergenommen ("...; das Wahlrecht sei im eminenten Sinne des Wortes ein Herrschaftsrecht". Vgl. Robert Michels; 4. Auflage 1989: 10).

Danach folgen Analysen über die charismatische Führerschaft. Das Verhältnis von Führung und Partei, Formalismus (Regelbindung) als Mittel der Absicherung der Parteioberen gegenüber der Masse der Parteimitglieder, usw.

Schlussendlich bildet dann Michels die Synthese aus allem und mündet in der berühmten Postulierung: "Die Demokratie und des ehernen Gesetz der Oligarchie"

Beurteilung:
Robert Michels Arbeit über die Soziologie des Parteiwesens ist schlichtweg nur brillant. Seine Herleitung und Verwendung historischer Quellen ist Lehrreich und wertvoll. Seine Argumentation ist leidenschaftlich, aber die argumentative Bewertung der Quellen an sich ist wertungsfrei. Seine Arbeit ist bis heute zeitlos und sogar aktueller den je, obwohl manche Erklärungsversuche, - so zum Beispiel die soziologische Herleitung der Kontrolle des kollektiven Parteiverhaltens - mittlerweile durch die Arbeiten von Mancur Olson ("Logik des kollektiven Handelns", 1965) erschöpfend erklärt wurden.

Der eigentliche Wert dieses Buches besteht nicht nur in der Darlegung wie die Parteikader unentwegt versuchen ihre eigene Subsistenz zu sichern (was wir ja schon immer geahnt haben), sondern wie sie dadurch sowohl den innerparteilichen Parteienwettbewerb, als auch den Wettbewerb der Parteien untereinander unterminieren. Gerade aber die angeblichen Innovationen welche durch den Parteienwettbewerb entstünden, wird von den Befürwortern einer Parteiendemokratie immer wieder gebetsmühlenartig als das innovative Moment eines solchen Systems hervorgehoben.

Ich kann es mir nicht verkneifen Robert Michels hierzu selbst zu zitieren, der es in seiner unnachahmlichen Weise bestens formulierte:

"In Staaten, die nach rein repräsentativer Methode regiert werden, trachtet die sogenannte konstitutionelle Opposition lediglich nach der circulation, d. h. nach der Ablösung in der Herrschaft, ohne definitive Vernichtung der Vorgängerin. Mit der gleichen einfachen, aber widerstandsfähigen Struktur versehen wie die Partei der augenblicklichen Majorität und, wie in England und Amerika, um ein klar formuliertes, aber rein praktisches und Forderungen für die engste Gegenwart enthaltenes Programm gescharrt (...). ... [um] die augenblickliche Regierungspartei zu verdrängen und, im übrigen alles beim alten lassend, sich an ihre Stelle zu setzen, mit anderen Worten eine Klique der herrschenden Klasse durch eine andere zu ersetzen, auf die später eventuell wieder die erste Klique folgen kann." (Vgl. Robert Michels, 4. Auflage 1989 (zuerst 1911): 353).

Fazit:
Ich kann dieses Buch jenen Lesern empfehlen die sich einerseits für historische Themen und Quellen interessieren. Und andererseits ein Faible für kritische Literatur über die sogenannte "Parteiendemokratie" haben. Anstelle die Bücher jener Autoren zu kaufen die heutzutage lediglich polemische Literatur über die sogenannte "Politikverdrossenheit" verkaufen (und damit gut Geld kassieren), rate ich zu diesem Buch, dar es bereits zu einer Zeit von jenen strukturellen Problemen der Parteiendemokratie handelte, als in Deutschland noch gar keine solche existierte. Prophetischer hätte selbst Kassandra nicht rufen können!


Wirtschaft und Gesellschaft: Grundriss der verstehenden Soziologie
Wirtschaft und Gesellschaft: Grundriss der verstehenden Soziologie
von Johannes Winckelmann
  Taschenbuch
Preis: EUR 39,00

22 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mehr Weihrauch bitte!, 8. Dezember 2007
Ich bin einer jener ehemaligen Studenten welche unter anderem auch die Arbeiten Max Webers studieren "musste" (bzw. durfte). Und ich gestehe ich habe Max Weber zu Beginn meines Studiums schlicht weg "gehasst". Es begann damit dass wir uns jene "Soziologische Grundbegriffe" (ein Taschenbuch UTB Verlag) im Grundstudium zu Gemüte führen mussten und ich (aber nicht nur ich) damit schlichtweg überfordert waren. Die geballte semantische Präzision seiner Definitionen waren des Guten zuviel für einen jungen Studenten. Dabei sind jene "Soziologische Grundbegriffe" nur jene knapp 40 Seiten auf die dann noch die weiteren ca. 850 Seiten seines Hauptwerkes folgen! Einige Jahre des Studiums später jedoch, (solange hatte ich einen großen Bogen um Weber gemacht), musste ich mich nun seiner Arbeit stellen, denn sie war im Studium prüfungsrelevant.
Waren es nun die Früchte meines Studiums, oder die vorangeschrittene Menschwerdung, auf alle Fälle empfand ich nun Max Webers Werk als eingängig und Genial.

Wie bereits gesagt: Die soziologischen Grundbegriffe, eine Sammlung quasi soziologischer Legaldefinitionen des Juristen Weber sind Inbegriff einer begrifflichen Präzision die ihres gleichen sucht. So zum Beispiel Max Webers berühmte Definition des Begriffes "Macht": "§16. Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht." (Vgl. Max Weber, 5. Auflage 1990 (zuerst 1921): 28).

Webers Hauptwerk gliedert sich zunächst aus den eher unbeutenden allgemeinen Ausführungen über die Methodologischen Grundbegriffe, danach den besagten "Soziologische Grundbegriffe" und weiterführende Kategorien des Wirtschaftens. Danach folgen Typologiestudien über Herrschaftsformen (sehr interessant, unbedingt lesen!).

Der Zweite Teil des Buches beschäftigt sich mit dem sozialen Beziehungsgeflecht wirtschaftlichen Handelns aus dem Blickwinkel der Gesellschaft, ethnischer als auch religiöser Beziehungen. Im letzteren fließt die Essenz seines berühmten Werkes "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" ein (meiner Ansicht nach seinem genialsten Werk neben diesem hier!).

Das zweite Halbband widmet sich ausgiebig der Herrschaftssoziologie.

Beurteilung:
Max Weber gilt im Allgemeinen als Begründer der "Soziologie" in Deutschland. Im Besonderen ist er auf alle Fälle der Begründer der "Religions-" als auch der "Herrschaftssoziologie". Sein entwickeltes Begriffsfundament dient bis Heute als Maßstab auch für andere Wissenschaftsdisziplinen (zum Beispiel der Politik-, oder der Wirtschaftswissenschaft).

Max Webers Verdienst darin besteht, durch stringente Begriffsentwicklung Soziales Handeln ursächlich in Ablauf und hinsichtlich seiner intendierten als auch nicht intendierten Wirkung Werturteilsfrei zu erklären; - was aus heutiger Sicht als innovative Leistung gar nicht hoch genug bewertet werden kann. Andererseits muss aus heutiger Sicht der mangelnde Beitrag von Max Weber zur Methodologischen Forschung angesehen werden. Dabei ist diese Kritik lediglich als verschenktes Potential Weberscher Arbeit zu sehen.

Max Weber wendet bei seiner Forschungsarbeit die Methode der "vergleichenden qualitativen Analyse" an. Und zwar in einer Art und Weise wie sie danach niemals wieder von einem Menschen im Wissenschaftsbetrieb angewendet wurde. Die Methode durch ausgiebiges vergleichendes Quellenstudium, sowie der als Analysewerkzeug dienenden Operationalisierungen der zuvor entwickelten Definitionen zu Parametern um damit zu Aussagen zu gelangen, ist eine hohe Kunst welche die wenigsten Wissenschafter beherrschen. Weniger talentierte Wissenschafter gleiten hierbei meist in die narrative Anreihung von Geschichten ab, meist noch Verbunden mit einer subjektiven Wertung.

Fazit:
Das hier vorliegende Werk sollte jeder studieren der sich ernsthaft mit Soziologie und daraus resultierenden Folgestudien beschäftigt (und zwar um diese zur Gänze zu verstehen). Max Weber hat grundlegende Prinzipien der Wirtschaft in seiner Wechselwirkung zu Staat (Herrschaft), Parteien, Religion, Ethik bis hin zur Sexualsoziologie als Gesetzmäßigkeit erklärend dargelegt.
Dieses Buch ist allen anderen, insbesondere jenen reduktionistischen Wissenschaftsansätzen überlegen, die heute leider in Mode gekommen sind. Insbesondere jener vollkommen fehlgeleiteten Theorie des "Rational Choice" mit ihrem unsäglichen Reduktionismus zu einfachen wie schwachsinnigen Modellannahmen die hieraus weiterentwickelt wurden (zum Beispiel jene "Spieltheorie" mit solchen unnützen Modellen wie: "Chicken game").
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