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Rezensionen verfasst von
Oliver Herzig
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Spiegelgrund: Leben in NS-Erziehungsanstalten
Spiegelgrund: Leben in NS-Erziehungsanstalten
von Johann Gross
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Ein wichtiger Beitrag zur NS-Geschichte, 13. November 2014
Johann Gross hatte wirklich keinen leichten Start in’s Leben. 1930 in Wien in ärmlichen Verhältnissen geboren, die Mutter bald nach der Geburt abgängig, der Vater Analphabet und Alkoholiker, meist arbeitslos, wurde er schon bald von der Fürsorge bei diversen Pflegefamilien untergebracht. Bei diesen verbrachte er, wie er selbst sagt, die schönsten Jahre seiner Kindheit.

Doch das kindliche Glück dauerte nicht lange: der Vater, der inzwischen wieder in einer Beziehung lebte, holte den Sohn, inzwischen im Schulalter, zu sich, wohl auch, um mit seinen Kindern größeren Nutzen aus der „Volkswohlfahrt“ des inzwischen in Österreich etablierten NS-Staates zu ziehen. Der Sohn fügte sich vorerst, wurde Pimpf – und verwendete den Inhalt einer Sammelbüchse des Winterhilfswerks, um zu seiner geliebten Pflegemutter zurück zu kehren.

Dieser „Frevel am Volksvermögen“ genügte, um den 10jährigen in die Mühlen der NS-Bürokratie zu treiben. Zuerst landete Gross im Waisenhaus in Mödling. Schläge, Demütigungen und schlechte Verpflegung waren dort an der Tagesordnung. Aber Johann Gross war ein unbeugsamer Geist: immer wieder versuchte er die Flucht aus dem Heim, die ihm auch immer wieder gelang. Als auch immer härtere Behandlung bei dem Knaben den Freiheitsdrang nicht brechen konnte, wurde er auf den „Spiegelgrund“ (heute Sozialmedizinisches Zentrum Baumgartner Höhe) überstellt.

Dort gesellte sich den Schlägen, den Demütigungen und dem schlechten Essen auch medizinische Folter. Der ärztliche Leiter der Anstalt, Dr. Heinrich Gross, verabreichte bedenkenlos an die Jugendlichen sog. „Speibspritzen“ (Injektionen, die heftige Brechanfälle auslösten), „Schwefelkuren“ (Injektionen, die heftige Schmerzen in den Beinen bewirkten) und Elektroschocks. Dass Johann Gross sich in gefährlicher Nähe zum staatlichen Euthanasieprogramm befand, dessen Leiter sein ärztlicher Namensvetter war, konnte ihm nicht bewusst sein. Sehr wohl wurde er aber mit dem Anblick toter Kinder konfrontiert, die auf Wagen vom Gelände transportiert wurden.

Gross überstand auch diese Torturen, floh mehrmals, wurde aber immer wieder gefasst, bis er, auch begünstigt durch den Zusammenbruch des Regimes, eine Maler- und Anstreicherlehre absolvierte und seine Heimlaufbahn unter etwas menschlicheren Bedingungen in Eggenburg beenden konnte.

Das Buch ist klar und schnörkellos geschrieben, es wirkt wie niedergeschriebene „oral history“. Hier war kein Ghostwriter am Werk, sondern Gross berichtet ohne Übertreibung, aber auch ohne Beschönigung aus dem Alltag in einem unmenschlichen System. Ein Vorwort von Christine Nöstlinger und interessantes Nachwort von Wolfgang Neugebauer runden den Band ab. In diesem Nachwort zeichnet Neugebauer auch das Faktum nach, dass es die Überlebenden dieses Systems nach dem Krieg sehr schwer hatten, in der Gesellschaft Fuß zu fassen, wohingegen die Proponenten, wie der erwähnte Dr. Gross, ihre Karrieren beinahe bruchlos fortsetzen konnten.

Fazit: Ein wichtiger Beitrag zu einem bis dato nur wenig beleuchteten Aspekt der NS-Zeit in Österreich.


1980: Roman
1980: Roman
von David Peace
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das Delirium geht weiter, 5. Juni 2007
Rezension bezieht sich auf: 1980: Roman (Gebundene Ausgabe)
David Peace setzt in "1980" sein Red Riding Quartet und damit seine Chronik der Jahre rund um den Yorkshire Ripper fort. An der Welt, die er zeichnet, hat sich nichts geändert: sie ist immer noch schwarz, zynisch, hoffnungslos, und die in ihr gefangenen Menschen sind großteils deformierte Charaktere, denen Konzepte wie "Wahrheit" oder "Das Gute" fremd sind.

Dieses Buch konzentriert sich auf die eigentliche Jagd nach dem Yorkshire Ripper, die allerdings immer wieder überlagert wird von gleichzeitig geschehenen, damit aber nicht im ursächlichen Zusammenhang stehenden Morden. Handlungsfäden aus den ersten beiden Bänden werden weitergeführt, was den Einstieg für Leser, die diese nicht gelesen haben, fast unmöglich macht. Eine deutliche Neuerung gibt es: eine der Hauptpersonen ist im Kontext dieses Bestiariums direkt als Lichtgestalt zu bezeichnen ...

Stilistisch ist das Buch noch dichter geworden, jedem Kapitel ist ein verstörender Prolog im "stream of consciousness"-Stil eines W. Burroughs vorangestellt.

Fazit: immer noch das Schwärzeste, das das Hard Boiled-Genre hervorgebracht hat, aber als Einstieg ungeeignet.


1977
1977
von David Peace
  Taschenbuch

7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Krimis können weh tun, 22. Mai 2007
Rezension bezieht sich auf: 1977 (Taschenbuch)
Und dieses Buch tut weh. Wem der Sinn nach der Wiederherstellung des Status quo steht und meint, dass in einem Krimi am Ende die Bösen bestraft werden müssen - Finger weg! Bei Peace sind selbst die positiven Figuren deformierte Charaktere, das Gute muss man mit dem Mikroskop suchen und Glück ist in seiner Welt die nächste Zigarette, das Bier mit Schuss im nächsten Pub und die schnelle Nummer in einer dreckigen Absteige.

Ellroy trifft Selby ... das ist Lichtjahre entfernt von den systemstabilisierenden Krimis der Cosy-Fraktion. Peace ist subversiv bis zum Extrem und verwehrt dem Leser die einfachen Antworten. Kein "Whodunnit?", sondern ein böser, zynischer Blick in die Fratze einer Gesellschaft, die sich selbst aufgegeben hat.

Vom Stil hat er sich hier weiter vom Übervater Ellroy emanzipiert, was dem Buch gut bekommt.

Fazit: Wahrscheinlich das Härteste, was es derzeit im Noir-Bereich gibt - verstörend, lange nachwirkend und Lust auf den nächsten Teil machend.


1974: Roman
1974: Roman
von David Peace
  Taschenbuch

8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Antithese zu Cosy Crime, 22. Mai 2007
Rezension bezieht sich auf: 1974: Roman (Taschenbuch)
Wer Krimis der Marke Christie, Wallander oder Leon mag, braucht bei David Peace gar nicht rein schauen. Denn sein Bild der Wirklichkeit unterscheidet sich grundlegend von dem der Vertreter der "cosies". Hier ist es nicht das Verbrechen, das plötzlich in den Status quo einbricht, für Unruhe sorgt, aber am Ende wieder aus der heilen Welt verdrängt wird. David Peaces Welt ist schwarz, es gibt keine Helden, keine Fackel der Vernunft, kein Mitleid - nur Personen mit charakterlichen Deformationen unterschiedlicher Ausprägung und Intensität - aber krank, böse, brutal sind sie alle.
Wie James Ellroy vor ihm (den Peace hier auch ausgiebig zitiert, manchmal imitiert), interessiert sich der Autor nicht für Szenarien, in denen eine Identifikationsfigur dem Leser die Möglichkeit gibt, sich in ein naives "Es wird schon alles gut ausgehen" zu flüchten. Hier geht gar nix gut aus, und wie in der Wirklichkeit gibt es auch keine alles erklärende Lösung im Kaminzimmer, sondern nur die beunruhigende Unübersichtlichkeit des Lebens, von der dunklen Seite gesehen.
Geschrieben ist das in einer schnellen, brutalen, an Four-Letter-Words reichen Sprache, die in der deutschen Übersetzung nicht wirklich funktioniert - wer irgendwie die Möglichkeit hat, sollte auf die Originalfassung zurückgreifen.
Am Ende steht der Leser mit einem seltsamen Gefühl da: erschöpft von diesem fiebrigen Albtraum; mit dem Bedürfnis, duschen zu gehen, um den Morast der niedrigsten menschlichen Instinkte abzuwaschen; vielleicht auch mit dem Bedürfnis, jetzt mal was Positives zu lesen ... aber auch mit dem Verlangen, bald wieder in diesen Abgrund zu blicken (z.B. in 1977, Peaces nächstem Buch).
Fazit: Wer seine Krimis ordentlich und sauber will, ist hier falsch. Wer mit unangenehmen Wahrheiten über die conditio humana umgehen kann, sollte mal reinschauen.


Neon Bible (Ltd.Deluxe Edt.)
Neon Bible (Ltd.Deluxe Edt.)
Preis: EUR 23,99

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Pure Schönheit, 13. März 2007
Rezension bezieht sich auf: Neon Bible (Ltd.Deluxe Edt.) (Audio CD)
"Funeral" war 2004 der Überraschungserfolg der Indieszene und katapultierte Arcade Fire binnen kürzester Zeit aus der Obskurität in die Bekanntheit. Gemeinsame Auftritte mit David Byrne,Daavid Bowie und U2 zeugen vom Status, den die Band innerhalb kürzester Zeit erreicht hat. Und dass die England-Daten der aktuellen Tour noch vor Veröffentlichung der neuden CD innerhalb von Minuten ausverkauft waren - Tickets wurden auf eBay um mehrere Hundert Pfund gehandelt - spricht ebenfalls eine deutliche Sprache. Stellt sich nur die Frage: kann die Band die mit "Funeral" gemachten Versprechen einlösen und wird "Neon Bible" dem Hype gerecht?

Die Antwort auf beide Fragen ist eindeutig ja. War "Funeral" bei aller Brillianz noch in manchen Facetten uneinheitlich und etwas zaghaft, so präsentiert sich "Neon Bible" wie aus einem Guss. Geblieben sind die großen Melodien zwischen Verzweiflung und Euphorie, die kryptischen Texte, die zur freien Assoziation einladen, weiters die herzzereissenden Stimmen von Win Butler und Regine Chassagne, die ausgefuchsten Arrangements und die Verwendung von überraschenden Instrumentierungen. Dazu gekommen ist eine gehörige Portion Selbstbewußtsein und eine Produktion, die den anspruchsvollen Kompositionen endlich gerecht wird, sowie ein lässiges Flirten mit dem Mainstream.

Die CD stellt ein Gesamtwerk dar, aus dem nur einige Tracks herausgehoben werden sollen:

"Black Mirror" erröffnet den Songzyklus und fasst Arcades FireŽs Weltsicht, eine Art verzweifelt-optimistisches "Hope against hope", gut zusammen. "Keep the Car Running" wäre als erste Singleauskopplung wohl logischer gewesen - zugänglicher und tanzbarer sind AF selten. Nach dem ruhigen "Neon Bible" folgt die orgel-getriebene Hymne "Intervention", die wohl das passende Gegenstück zu "Wake up" von "Funeral" darstellt. Bei "(Antichrist Television Blues)" schimmert dann ein gewisser Springsteen-Touch durch (AF haben sein "Dancing in the Dark" live bereits mehrmals gecovert). "No Cars Go" ist ein Remake von der EP und kommt hier endlich in einer diesem großartigen Ohrwurm würdigen Produktion daher. "My Body is a cage" beschließt den Reigen, wieder mit der Kirchenorgel und einer grandios-intensiven Gesangsleistung von Win Butler.

Der wunderschönen Musik entspricht in der Deluxe-Edition ein geradezu absurd schönes Packaging: die Kartonfaltschachtel mit aufgeklebtem Hologramm enthällt zwei künstlerische "Daumenkinos", das schön gemachte Booklet und die CD in einer schönen Kunststoffhülle (die allerdings, wie ich befürchte, bald kaputt gehen wird).

Fazit: Wer auf der Suche nach unkonventioneller, intensiver Musik ist, kann hier nur zugreifen. Arcade Fire werden noch ganz, ganz groß.


Neon Bible
Neon Bible
Preis: EUR 6,99

17 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein eingelöstes Versprechen, 13. März 2007
Rezension bezieht sich auf: Neon Bible (Audio CD)
"Funeral" war 2004 der Überraschungserfolg der Indieszene und katapultierte Arcade Fire binnen kürzester Zeit aus der Obskurität in die Bekanntheit. Gemeinsame Auftritte mit David Byrne,Daavid Bowie und U2 zeugen vom Status, den die Band innerhalb kürzester Zeit erreicht hat. Und dass die England-Daten der aktuellen Tour noch vor Veröffentlichung der neuden CD innerhalb von Minuten ausverkauft waren - Tickets wurden auf eBay um mehrere Hundert Pfund gehandelt - spricht ebenfalls eine deutliche Sprache. Stellt sich nur die Frage: kann die Band die mit "Funeral" gemachten Versprechen einlösen und wird "Neon Bible" dem Hype gerecht?

Die Antwort auf beide Fragen ist eindeutig ja. War "Funeral" bei aller Brillianz noch in manchen Facetten uneinheitlich und etwas zaghaft, so präsentiert sich "Neon Bible" wie aus einem Guss. Geblieben sind die großen Melodien zwischen Verzweiflung und Euphorie, die kryptischen Texte, die zur freien Assoziation einladen, weiters die herzzereissenden Stimmen von Win Butler und Regine Chassagne, die ausgefuchsten Arrangements und die Verwendung von überraschenden Instrumentierungen. Dazu gekommen ist eine gehörige Portion Selbstbewußtsein und eine Produktion, die den anspruchsvollen Kompositionen endlich gerecht wird, sowie ein lässiges Flirten mit dem Mainstream.

Die CD stellt ein Gesamtwerk dar, aus dem nur einige Tracks herausgehoben werden sollen:

"Black Mirror" erröffnet den Songzyklus und fasst Arcades FireŽs Weltsicht, eine Art verzweifelt-optimistisches "Hope against hope", gut zusammen. "Keep the Car Running" wäre als erste Singleauskopplung wohl logischer gewesen - zugänglicher und tanzbarer sind AF selten. Nach dem ruhigen "Neon Bible" folgt die orgel-getriebene Hymne "Intervention", die wohl das passende Gegenstück zu "Wake up" von "Funeral" darstellt. Bei "(Antichrist Television Blues)" schimmert dann ein gewisser Springsteen-Touch durch (AF haben sein "Dancing in the Dark" live bereits mehrmals gecovert). "No Cars Go" ist ein Remake von der EP und kommt hier endlich in einer diesem großartigen Ohrwurm würdigen Produktion daher. "My Body is a cage" beschließt den Reigen, wieder mit der Kirchenorgel und einer grandios-intensiven Gesangsleistung von Win Butler.

Fazit: Wer auf der Suche nach unkonventioneller, intensiver Musik ist, kann hier nur zugreifen. Arcade Fire werden noch ganz, ganz groß.


Ein weites Feld: Roman
Ein weites Feld: Roman
von Günter Grass
  Taschenbuch

19 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Nur für Spezialisten!, 13. März 2007
Rezension bezieht sich auf: Ein weites Feld: Roman (Taschenbuch)
Die Literatur-Szene hatte sehnsüchtig darauf gewartet, wie der Großschriftsteller Grass auf die Wende reagieren würde - und war entsetzt. Reich-Ranicki verriss das Buch gnadenlos, auch die übrigen Pressestimmen waren überwiegend negativ. Warum wohl?

An Grass Skepsis der Wiedervereiingung gegenüber, die in diesem Buch fast auf jeder Seite thematisiert wird, kann es nicht gelegen haben: die war aus seinen Wortmeldungen, Aufsätzen und Reden hinlänglich bekannt. Vielleicht lag es doch eher an der fast hermetisch anmutenden Herangehensweise an das Thema, das die lesende Öffentlichkeit verstört hat.

Hauptperson des Romans ist der Ost-Berliner Bürobote Theo Wuttke, ob seiner Fontane-Obsession Fonty genannt. Sein Leben spiegelt in allen Facetten das Leben von Theodor Fontane wieder, von den Namen und Charakteristika der Kinder an bis zu den sonstigen Beziehungen. Fonty wird meist begleitet von Hoftaller, seinem "Tagundnachtschatten", dem ewigen Spitzel, seinerseits wiederum eine Leihgabe aus Hans Joachim Schädlichs Roman "Tallhover". Diese beiden Zentralfiguren erleben nun im "Weiten Feld" den Mauerfall, die Wiedervereinigung und die "Abwicklung" des DDR-Vermögens durch die Treuhand. Dabei spiegelt Grass die Geschehnisse von 89 und der folgenden Jahre immer wieder an der Biografie Fontanes, stellt Bezüge zur Geschichte Preussens her und lässt ein Panoptikum an Figuren auftreten, die alle in Bezug zu Fontanes Leben und Werk stehen.

Und hier fangen für mich als Leser die Probleme an. Denn ohne eine gründliche Kenntnis von Fontanes Leben und seiner Bücher ist "Ein weites Feld" kaum verständlich und löst über weite Strecken Verwirrung und auch Langeweile aus. Grass geht hier den umgekehrten Weg mancher früheren oder auch späteren Werke. Brachte einem "Der Butt" z.B. die Geschichte der Kaschuben näher oder beleuchtete "Im Krebsgang" den Untergang der "Gustloff", verbanden also das literarische mit dem historischen Erzählen, so setzt hier Grass bei seinen Lesern eine Kenntnis Fontanes voraus, die die wenigsten mitbringen werden. (Auch ich bin nur mit den biograpfischen Eckdaten und "Effi Briest" vertraut, die ich als sehr sperrige Lektüre in Erinnerung habe).

Was die Lektüre auch für den Fontane-Laien geniessbar macht, sind die immer wieder auftauchenden Zeugnisse von Grass erzählerischer Brillianz, als Beispiel seien hier die beiden Hochzeitskapitel ungefähr in der Mitte des Buches genannt. In diesen Stellen ist wieder all das spürbar, was ihn zum wohl größten deutschsprachigen Erzähler des 20. Jahrhunderts macht.

Ansonsten leider: unfassbar toll recherchierte, aber am Leser oft vorbeigehende Brillianz um der Brillianz willen.

Fazit: Der Wende-Roman von Günter Grass entpuppt sich als mühsame Lektüre, die wohl nur von Fontane-Spezialisten genossen werden kann.


Gods of War
Gods of War

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ach ja, Manowar ..., 5. März 2007
Rezension bezieht sich auf: Gods of War (Audio CD)
Es ist wohl müßig darauf hinzuweisen, dass auch das neue Album von Manowar wieder polarisieren wird. Den einen wird ihr überdrehter, over-the-top Metal wieder einfach zu viel sein (sozusagen "Too true to be good"), die anderen werden sich wieder in den epischen, blutrünstigen Schlachtgesängen suhlen dass es nur so eine Art hat. Aber der Reihe nach ...

Das Cover kommt wie immer kitschig als Frank Frazetta-Klon daher, diesmal mit ein bissl Sexismus garniert (Hey Männer! Die Mädels sind aber arg klein! Außerdem: haben Manowar eigentlich schon mal festgestellt, dass die tatsächliche Physis ihres Gitarren-Hänflings Karl Logan so gar nicht mit den Cover-Paintings zusammenpasst?) Das Booklet ist origineller- und nervigerweise in Runen abgefasst ... nun, Manowar-Texte waren vom intellektuellen Anspruch her eh immer überschaubar, daher stört das nicht allzu sehr.

Musikalisch fängts pseudo-orchestral an (klingt leider eher nach Synths und Samples) ... und das bleibts dann auch für ein Zeitl. Bis die Herren Manowar wirklich zum arbeiten anfangen, sind dann schon mal 10 Minuten um. Dann gehts Manowar-typisch mit "King of Kings" so richtig los. Aber nicht lange, das Orchester-aus-der-Dose hat die nächste Stunde über immer wieder was zu tun ...

Was auffällt: die großen, packenden Melodien wollen Herrn DeMaio leider nicht mehr einfallen. King of Kings, Army of the Dead und The Blood of Odin sind zwar durchaus gelungene Metal-Hymnen, an frühere Großtaten reichen sie aber leider nicht heran. Dafür wird mit Sprechpassagen á la Rhapsody sehr verschwenderisch umgegangen - leider ist da aber auch die Peinlichkeit nicht sehr weit entfernt, weils manchmal an Kasperl und Pezi in Metalland erinnert (Glory Majesty Unity!).

Was das Album dann doch noch rausreisst: Eric Adams Stimme. Und Hymn of the Immortal Warriors.

Fazit: Als Einstieg ins ManowarŽsche Musikschaffen eher nicht geeignet, weils besser Alben von ihnen gibt. Liegt in ihrem Katalog deutlich hinter Battle Hymns, Sign of the Hammer oder Kings of Metal, aber vor Fighting the World.


Jonathan Strange & Mr. Norrell: Roman
Jonathan Strange & Mr. Norrell: Roman
von Susanna Clarke
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,90

9 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Grandioses Konzept, Schwächen in der Umsetzung, 28. Februar 2007
Das Konzept dieses Buches klingt einfach grandios: auf einer alternativen Erde war Magie real, bis sie aus unerklärlichen Gründen im 16. Jahrhundert verschwand. Im England des frühen 19. Jahrhunderts, zur Zeit der napoleonischen Kriege, erscheinen in England plötzlich wieder zwei Magier, mit unterschiedlichen Konzeptionen und Zugängen zu dieser verloren geglaubten Kunst.

Diese phantastische Geschichte vor einem historisch realistischen Hintergrund der Zeit, im Stil angelehnt an Dickens und Austen, mit in der englischen TB-Ausgabe immerhin 1000 Seiten, der wunderbare Neil Gaiman hat das Buch auch gelobt ... was kann da chon schiefgehen? Das klingt nach so einem richtigen Winterbuch - während es draussen stürmt und schneit, behaglich mit einer Tasse Tee auf dem Sofa sitzen und LESEN. Jugenderinnerungen an die erste Begegnung mit dem Herrn der Ringe und ähnlichen Büchern werden wach.

Leider erfüllt das Buch die solcherart geweckten Erwartungen nicht. Dafür gibt es zwei Hauptgründe: der erste ist der Umstand, dass es die Autorin nicht schafft, dem Leser die Figuren des Buchs nahezubringen und Sympathien für sie zu wecken. Ich beklage nicht das Fehlen eines strahlenden Helden; ich beklage das Fehlen von Figuren, deren Schicksal dem Leser in irgendeiner Weise am Herzen liegt. Man bleibt seltsam distanziert von diesen Figuren und dem entsprechend gleichgültig ist einem auch deren Tun und Handeln.

Der zweite Grund ist der Umfang. Das Buch ist eindeutig um ca. 1/3 zu lang. Bei allem Verständnis für die Intention der Autorin, sich an den oft gewundenen, ausufernden Erzählstils des 19. Jahrhunderts anzupassen: für den Umfang hat sie zu wenig Handlung. Und da ihre Personen (siehe oben) nicht sehr sympathisch sind, ist der Leser auch nicht sehr an deren Innenleben interessiert. Ich muss es leider sagen: weder bei Dickens noch bei Austen habe ich mich gelangweilt. Bei Clarke schon.

Schade eigentlich, denn Clarke kann durchaus erzählen, manche Passagen sind sehr elegant und oft schimmert ein subtiler Witz durch. Aber man hat den Eindruck, dass ihr immer wieder die eigene Ambition in den Weg kommt und dafür sorgt, dass sie noch eine Anmerkung anbringen muss, obwohl eigentlich schon alles gesagt war ...

Fazit: Für das Buch braucht man Zeit und den festen Willen, es fertig zu lesen. Ich gebe zu: Bei mir gings ab der Hälfte ums Prinzip. Ob das jedermanns Sache ist, sei dahingestellt ...


Fragile Things
Fragile Things
von Neil Gaiman
  Taschenbuch

23 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen On top of his game ..., 24. Oktober 2006
Rezension bezieht sich auf: Fragile Things (Taschenbuch)
Neil Gaiman beweist mit seiner neuen Kurzgeschichtensammlung, dass er dem Hype um seine Person gerecht wird: er ist wirklich ein außergewöhlicher Schriftsteller mit überbordender Phantasie und einem beinahe untrüglichem Stilgefühl.

Es fällt schwer, aus dieser Schatztruhe einzelne Glanzstücke hervorzuheben, aber ein paar, besonders gediegene Preziosen sollen trotzdem ein bisschen näher bleuchtet werden.

"A Study in Emerald" ist ein postmodernes Kabinettstück in der Art von Alan Moores "League of Extraordinary Gentlemen". Gaiman lässt darin die rationale Welt Arthur Conan Doyles auf die irrational-verstörende Welt von H.P. Lovecraft treffen, mit erstaunlichen Ergebnissen.

"October in the Chair" ist eine Geschichte-in-der-Geschichte (ein von Gaiman bevorzugtes Genre), die zur Meditation über Sein und Vergehen, Leben und Tod wird.

"Forbidden Brides of the Faceless Slaves in the Secret House of the Night of Dread Desire" ist eine liebevolle Parodie auf die englische Gothic-Literatur und gleichzeitig eine Reflexion über Realität und Phantasie.

"Bitter Ground" ist der wohl enigmatischste Text der Sammlung und hinterlässt einen verstörten, nachdenklichen Leser.

"Keepsakes and Treasures" und "The Monarch of the Glen" spielen im "American Gods"-Universum. Beide Storys stehen in Gaimans Tradition des Spiels mit Mythologien. "Goliath" hingegen ist im "Matrix"-Universum angesiedelt und lässt den Wunsch aufkommen, dass doch Gaiman den 2. und 3. Teil der Matrix-Trilogie geschrieben hätte ...

Geschrieben ist das alles in Gaimans typischer kühler, eleganter Prosa. Die eingestreuten Prosa-Gedichte sind nicht so mein Fall, aber wie Gaiman im Vorwohrt anmerkt, die gibt's ja eh gratis dazu, das Buch wäre ohne sie auch nicht billiger ... (Und "The Day the saucers came" schafft es, gleichzeitig witzig und melancholisch zu sein!)

Fazit: Häppchenweise lesen, dann hat man mehr davon, auch wenn die Versuchung groß ist, dieses schöne, tiefe Buch in einem Rutsch zu verschlingen.


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