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Amea

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Eine zweite Chance: Roman
Eine zweite Chance: Roman
Preis: EUR 15,99

2 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Leider Kitsch. Aber: feinsinnig gezeichnete Charaktere und ein Versuch metaphysischer Reflexion, 14. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Eine zweite Chance: Roman (Kindle Edition)
Das Thema des Romans „Eine zweite Chance“ ist en vogue: Midlife Crisis, Sinnsuche, Neubeginn mit über vierzig. Sowohl Frauen als auch Männer bewegt diese Thematik. Egal, ob eher häuslich-familiär oder weltgewandt und beruflich sehr erfolgreich. Ab circa vierzig Jahren erinnert einen der Körper daran, dass man nicht ewig leben wird, und zugleich dreht sich das Leben allmählich im Kreis.

In europäischen Industrienationen ist die berufliche oder gesellschaftliche Neuorientierung mit rund vierzig Jahren so gut wie unmöglich. Es sei denn, man macht sich mit irgendetwas Waghalsigem selbstständig und bricht ohne Rücksicht auf ökonomische Vernunft die Verwirklichung eines diffusen Traums übers Knie. Wie etwa ein Mini-Hotel in der schwedischen Einsamkeit aufmachen, was ohne passendes Konzept und ohne massive Investitionen nie und nimmer auch nur kostendeckend sein kann.

Warum Menschen plötzlich inneren Stimmen folgen, alle Vernunft über Bord werfen und auf eine neue Lebenskonstellation hoffen, ist so schwer zu erklären wie Quantenphysik. Die Thematisierung der Quantenphysik ist in diesem Roman ebenso wertvoll wie die feinsinnig, sehr gefühlvoll und letztlich auch menschlich warm erscheinende Zeichnung der Charaktere. Die herrlich entspannte Ruhe und Einsamkeit der schwedischen Wälder ist ideal zur Selbstfindung.

Trotz des sprachlich und erzählerisch zumeist durchaus hohen Niveaus möchte ich das Buch insgesamt als eher kitschig bezeichnen. Wer Rosamunde Pilcher mag, liegt mit dem Kauf richtig. Wer aber eine der Tiefgründigkeit der Charakterisierungen und der quantenphysikalischen Herleitungen von Weichenstellungen des Lebens entsprechende Gesamtkonstruktion der Figuren und Handlung erwartet hat, wird enttäuscht. Was als intellektuelles, vom weisen Verstehen des wirklichen Lebens gekennzeichnetes Erzählen beginnt, läuft dann schnell auf eine Prinzen-Story hinaus.

Der Wirklichkeit in intergalaktischem Ausmaß entrückt erscheint die männliche Hauptfigur: Sie hat den Manager-Job hingeworfen und sucht den Sinn. Sie begeht sogar einen Selbstmordversuch. Ja, das ist ein Thema, das viele bewegt. Sehr viele wüssten gerne, wie man der Mühle entkommt, wenn das Alter anklopft und einen an die Endlichkeit des Daseins erinnert. Wenn man vieles erreicht hat und plötzlich kein Ziel mehr hat. Wenn man etwas anderes machen möchte als das, was man schon im Schlaf kann. Wenn einen Geld und Besitz doch nur langweilen.

Viele träumen weiter und bleiben ökonomisch vernünftig. Wenige sind mutig, ziehen die Reißleine und schaffen es irgendwie, trotzdem durchzukommen. Oder sie nehmen ein Scheitern in Kauf, um einmal ihren Traum gelebt zu haben. Wenn sie sich dabei doch noch erfolgreich nennen dürfen, haben Sie erkannt, worin das Geheimnis liegt: Massiver materieller und sozialer Verzicht. Rückbesinnung auf ein einfaches, ärmliches, eher rurales Leben in Ruhe und mit viel Zeit für sich selbst.

Was aber passiert hier? Die Entscheidung der männlichen Hauptfigur, ihr sehr erfolgreiches Manager-Dasein an den Nagel zu hängen ist alles andere als mutig. Die Hauptfigur fährt Aston Martin (wie einst James Bond – und sonst wirklich niemand!), hat unverändert vier Angestellte, die nur sein Vermögen verwalten und gibt Millionen für den Kauf von Raritäten aus. Und schneit dann nichtmals quantenphysikalisch erklärbar herein in das halbfertige Landhotel seiner vom Ehemann verlassenen und fast mittellosen Besitzerin. Nach nur 24 Stunden kennt der vornehme, aber noch als armer Wicht getarnte Fremde fast ihre gesamte Lebensgeschichte und gibt bereits den Aushilfsmaler und Hilfskellner. Die pubertierende Tochter lässt mit der von ihr fix herbeigezauberten Atmosphäre vieler Teelichter fast schon die Hochzeitsglocken bimmeln. Der Froschkönig als Erlöser. Das ist leider Trivialliteratur, die man im Allgemeinen deutlich günstiger verkauft. Höchst bedauerlich, denn die Autorin kann es bestimmt anspruchvoller.


Gehwegschäden
Gehwegschäden
Preis: EUR 12,99

4.0 von 5 Sternen Brillant beobachtet, aber zu wenig differenziert. Sozialistische Träume?, 13. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Gehwegschäden (Kindle Edition)
Helmut Kuhn bzw. die Hauptfigur des Romans beobachtet und leidet. Wer das auch tut, sollte diesen Roman lesen, und er wird sich darin wiederfinden.
Die Hauptfigur empfindet sich als „geborenen Beobachter“. Einhergehend mit dem Glauben an das Wissen und die Bildung gab es wie für so viele Kinder der 60er, 70er und frühen 80er fast nur eine berufliche Lösung: Journalist.
Die Kinder der Wirtschaftswunder-Generation wurden zu kritischem und unabhängigen Denken erzogen. Umfassende Bildung galt als unumstrittener Garant für den sozialen Aufstieg. Die Wirtschaftswunder-Eltern, die zumeist noch unmittelbar notwendigen, aber eben einfachen Tätigkeiten nachgehen mussten (oder durften), konnten durch neue Dogmen wie Chancengleichheit, Umverteilung und freies Denken ihre Sprösslinge nunmehr wirklich gebildeten Lehrern anvertrauen, die Kritikfähigkeit, eigenständiges und (vor allem in den 70ern) konsumkritisches Denken förderten. Wer nicht zur trockenen Zahlen- und Technikwelt neigte und wem Paragrafen-Verwaltungsdasein zu dümmlich war, dem blieb nur eine Alternative: Hochschulkarriere oder Journalist.
Dann fiel aber der eiserne Vorhang, die Welt unterwarf sich nach den Schrecken der sozialistischen Diktaturen allerorten jubelnd dem Diktum der globalisierten Ökonomie. Somit merkte auch die protektionistisch gehütete Kuschel-Ecke Deutschland (die sich Jahrzehnte lang zu aberwitzigen Preisen nur den VW Käfer oder Telefunken-Plattenspieler verkaufte und kaum Innovationen hervorbrachte), dass Darwin unausrottbar überall lauert und es letztlich nur um Kaufen und Verkaufen geht. Mit Wissen und Analyse müssen sich hingegen leider nur Wenige abgeben – und wahrlich nicht die Horden von promovierten Arbeiterkindern, die nun promovierte Soziologen wurden.
Soweit, so nachvollziehbar. Und eigentlich noch kein Grund zum Leiden. Das eigentliche Problem ist, dass die westlichen Industriegesellschaften sich im globalen Wettbewerb selbst deindustrialisierten und somit die wichtigsten Arbeiten einfach nach Fernost delegierten. Die Angelsachsen nennen nun Finanz-Luftnummern einfach „Produkte“. Und im kontinentalen Europe beschäftigt man sich mit noch mehr Umverteilung, Abgabenflut, Welt-Rettung, mit dem Vergessen der eigenen Bürger und mit Bürokratie. Und man übernimmt von den Angelsachsen gerne das allumfassende Marketing des Nichts und den Kommunikations-Overkill des Trivialen. Im Zweifel wird man selbst Marke im modernen Darwinismus. Währenddessen wird ganz woanders (und zu aberwitzig niedrigen Preisen) das wirklich Benötigte hergestellt.
DAS ist das Problem der digitalen Bohème. Für all die zum unabhängigen und kreativen Denken animierten Menschen gibt es keine wertschöpfende und schon gar keine sinnvolle Tätigkeit mehr.
Wer nachdenkt, ist überflüssig. Anpassung und Seelen-Verkaufen – das ist die Grundlage des Geldverdienens. Das war aber schon immer so. Neu ist aber: Selbst wenn man sich als Geisteswissenschaftler anpasst, sich in 75-Stundenwochen ausbeutet und ein Corporate-Sklave wird, ist dies ist kein Garant mehr für ein dauerhaft adäquates Einkommen. Weil selbst die ach so mächtigen (und im Roman so undifferenziert verteufelten) Konzerne hierzulande immer weniger Sinnvolles herstellen und somit nichts mehr zahlen und bieten können.
Wir waren und in der westlichen Welt plötzlich zu fein für schmutzige Produktion des sinnvollen Teils unserer Industriegüter. Wie praktisch war da die internationale Arbeitsteilung. Nur: Längst haben wir die Herstellung von fast allem, was man heutzutage wirklich braucht, wegdelegiert. Uns bleibt nur noch, Finanzderivate, CO2-Zertifikate, abgedrehten Kunstquatsch, Coachings (herrlich, was für ein Blödsinn nicht nur in Berlin angeboten wird) und virales Marketing für Alcopops zu verkaufen. DAS ist das Problem, lieber Autor oder liebe Hauptfigur des Romans.
Der Roman neigt aber dazu, den Kapitalismus und die Industrie selbst als das Problem zu sehen. Latente sozialistische Gedanken werden einem angesichts des inzwischen wirklich unerträglichen Elends in Berlin aufgedrängt. Aber es ist nicht a priori verwerflich, Geisteswissenschaftler zu sein und dann etwa für einen Industriekonzern ganz angepasst dessen Interessen in der Öffentlichkeit zu artikulieren! Es kommt nur darauf an, was der Konzern für Produkte hat und inwiefern er zur allgemeinen Wertschöpfung im Lande beiträgt. Leider haben wir uns dafür entschieden, immer mehr gefährlichen Unfug und virtuellen Müll zu produzieren, der ganzen Welt helfen zu wollen und die eigenen Landsleute für unwichtig zu erklären. Und wer sich als Intellektueller damit beschäftigen muss, kann nur noch Alkoholiker werden – stimmt.
Und noch etwas: Berlin war und ist extrem. Genau so wie das im Roman angesprochene „Bussi-Positivdenken-Dikat“ München als scheinbares Gegenstück. Die Berliner Szene ist abgründig und oft von Drogen gekennzeichnet (die im Roman jeder zu nehmen scheint). Wegen der Armut? Oder ist die Armut eine Folge? Auch darüber muss nachgedacht werden. Auf jeden Fall sollte klar sein: Wer sich da hineinbegibt, wird darin untergehen. Im Roman erscheinen diese Abgründe jedoch als normal und eher harmlos. Zumindest aber sind alle irgendwie Opfer. Die anderen sind eher Spießer.
Als verarmter Intellektueller gäbe es eine Alternative: Rückzug. Gerade aus der gefährlichen Gesellschaft der Wettbüros und Swingerclubs. Und am besten auch aus Berlin. Ein Intellektueller wie die Hauptfigur hat da nichts zu suchen. Wenn sie sich zu Recht vor der Gesellschaft ekelt, sollte sie sich abwenden. Sie sollte natürlich nicht nach München ziehen, und auch nicht nach Altötting. Aber es gibt viele Orte, an denen man als zurückgezogener Intellektueller die nicht auszuhaltenden gesellschaftlichen Verhaltensweisen gar nicht bemerkt.
Der Roman ist beachtlich, absolut lesenswert und trotz seines assoziativen Wirrwars, seiner anstrengenden Sprache und seines deprimierenden Einblicks in hoffnungslose, durchaus auch selbst verschuldete (!) Abgründe und Abarten, trotz nervender „Ra-ra-ra-yab-ba!“-Rufe schwerst gestörter Schachboxer (die allerdings als Opfer erscheinen) und trotz der endlos eingeschobenen „So ist das!“ ein intellektuelles Vergnügen.
Aber leider klagt das Werk etwas undifferenziert und irgendwie PDS-gestrig an. Er geht davon aus, dass die Gemeinschaft die Lösung ist und nicht die Vereinzelung. Aber es ist doch gerade die Gemeinschaft, die Gesellschaft, die soviel Unsinn, Zwang und Druck erzeugt. Gerade auch im Sozialismus. Das passt nicht zusammen. Daher vier statt fünf Sterne.
Der leider einzige Counterpart ist die französische Freundin der Hauptfigur. Sie sagt völlig zu Recht „Das Problem ist eure Freiheit.“ Recht hat sie. Das Prekariat (ob alt oder neu) lehnt die Zwänge der Gesellschaft ab und meint, völlig frei, unabhängig, unverbindlich und ständig berauscht durchs Leben gehen zu können. Es merkt oftmals nicht, was für einen überflüssigen angeblichen Kunst-Unsinn es fabriziert, für den natürlich niemand zahlt. Genau daran scheitert das Prekariat. Und die Journalisten sind allesamt an der von ihnen selbst mit verantworteten Kostenlos-Kultur des Internets in die Nicht-Bezahlung gerutscht. Die digitale Bohème hält diese selbstmörderische Kosten-los-Webkultur auch noch für ein Mantra der freien Gesellschaft. Und ja: Die Hauptfigur hat in ihrer besten Zeit das verdiente Geld nicht für das zu erwartende Sinken der Lebenskurve zurückgelegt (sowas tun ja nur Spießer) und sitzt nun vor dem Nichts. Und klagt an.
Die Hauptfigur ist Individualist, Beobachter und gesellschaftskritisch. Aber sie trauert dem Gemeinsinn nach, von dem sie irgendwie Hilfe erwartet. Ihr ist nicht zu helfen. Der hier beschriebenen Berliner Gesellschaft auch nicht. Daher stimmt die Botschaft: Gehwegschäden-Schilder bedeuten: Wir haben aufgegeben. Fallt doch in die Schlaglöcher. Ihr seid ohnehin überflüssig. Ihr wolltet Euch weder die Hände mit wirklicher Arbeit schmutzig machen noch Teil einer bürgerlichen Ordnung werden. Nun wartet ihr auf die Hilfe letzterer. Wartet weiter. Und fallt in die Schlaglöcher. Oder: Nehmt Schaufeln und packt an. Und schaltet vorher Euren Laptop mit viralem Kunst-Marketing-Projekt-Porno-Quatsch ab. JETZT. Wehrt Euch durch Ignoranz. Bleibt mal sechs Monate lang offline. Und planiert Bürgersteige. SOFORT.


Das Meer in Gold und Grau: Roman
Das Meer in Gold und Grau: Roman
von Veronika Peters
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

4.0 von 5 Sternen Wundervoll atmosphärisch und voller Lebensweisheit, 25. Dezember 2013
Unverkennbar ähnelt das Thema des Romans der autobiografischen Aufarbeitung „Was in zwei Koffer passt – Klosterjahre“. Letztlich ist das kleine Ostsee-Hotel „Palau“ wie eine einsame Insel in einer anderen Welt. Gerade dort erfährt man aber Einiges über das Leben und über sich selbst.

Der Roman beschreibt die einsame, altmodisch-entrückte und stark melancholisch in die Jahre gekommene, aber gerade deswegen sehr erholsame schleswig-holsteinische Ostsee-Landschaft in wunderschöner, malerischer Weise. Wer diese einzigartig abwechslungsreiche Landschaft und auch das unbarmherzige Klima dort sehr gut kennt, weiß: „Ja, genau so ist es da!“

Die Charaktere wirken lebendig, kantig und sehr liebenswert. Ein überaus warmherziges Buch inmitten unserer schnellen, hektischen und selbstvergessenen Welt.

Trotz einer klaren Lese-Empfehlung vergebe ich nicht ganz die volle Punktzahl. Wer anspruchsvolle, tiefgründige und komplex konstruierte Lektüre schätzt, könnte leicht enttäuscht werden, da das Buch zuweilen über die Eindimensionalität einer schnell durchzulesenden Ferienlektüre kaum hinauskommt. Aber: Hinterher fühlt man sich nachdenklich, gerührt und zugleich sehr entspannt. Das zu erreichen, ist schon eine große Kunst.


Sickster
Sickster
von Thomas Melle
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Wie autobiografisch sind diese Erfahrungen?, 25. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Sickster (Gebundene Ausgabe)
„Sickster“ ist kein Lesevergnügen, sondern Arbeit. Man muss schrille expressionistische Synästhesien wie die eines Gottfried Benn oder eben eines Thomas Melle über hunderte von Seiten ertragen können, sonst ist dieses Werk nicht auszuhalten.

Das Thema ist ein sehr drängendes: Die moderne, völlig überdrehte Wirtschaftswelt bietet zumeist weder sinnvolle Produkte noch Sinn stiftende und erträgliche Arbeitsplätze.
Sowohl mit der Wirtschaftswelt (Unternehmenskommunikation, Marketing und auch Category Management) kenne ich mich trotz formal anderer Qualifikation bestens aus und habe trotz vieler vordergründig erfolgreicher Arbeitsjahre erlebt, wie schwer diese Welt des abstrusen Unfugs, der unfassbaren Lügen, der Massen-Manipulation, der Produkthysterie, des allgegenwärtigen Kommunikationshypes und des unfassbar hohen und spätestes jenseits der Vierzig nicht mehr erträglichen Arbeitsdrucks ist.

Was ich aber auch erlebt habe: Dass die Wenigsten darunter wirklich leiden. Es sind meist nur Charaktere wie Magnus, die diese inzwischen fast alle Lebensbereiche durchdringende Welt nicht ertragen, weil sie sie durchschauen. Es sind sensible, nachdenkliche und vor allem jenseits oberflächlichen Nachplapperns hohler Phrasen ganzheitlich gebildete und kritische Menschen, für die es in der durchökonomisierten Arbeitswelt mittlerweile kaum adäquate Einkommensoption gibt.
Mit meiner Beobachtung deckt es sich nicht, dass die völlig wahnsinnige und am Selbstzweck orientierte moderne Turbo-Wirtschaft ihre Mitarbeiter in den individuellen, pathologischen Wahnsinn treibt: Die allermeisten denken nicht im Geringsten und neigen daher auch nicht zu Betäubung mit Drogen etc. Die wenigsten werden deswegen wahnsinnig oder richtig alkoholkrank. Schon gar nicht die Vertriebler wie der in „Sickster“ dargestellte Kühnemund. Diese Typen halten durch, merken gar nichts – im Gegenteil: Sie halten die anderen für krank und weich. Die Sensiblen, Gebildeten hingegen kommen erst gar nicht in diese Welt oder verlassen sie schnell wieder und vegetieren als Berliner Medien-Bohemiens, während sie davon träumen, kritische und angesehene Journalisten, Wissenschaftler oder Künstler zu sein, von denen es indes kaum noch welche gibt, die wirklich unabhängig davon leben können.

Es stellte sich mir bei fast jedem Satz die drängende Frage, wie man ununterbrochen solche schizophrenen oder von Drogen gekennzeichneten Sinneswahrnehmungen beschreiben kann. Da springen einen Blumen an u.s.w. Zuerst empfand ich Bewunderung für diese sprachliche Fähigkeit, dann war es durchweg beängstigend. Der Roman enthält augenscheinlich autobiografische Verstrickungen. Allein die Handlungsorte Bonn und Berlin weisen darauf hin. Wurden entsprechende persönliche Erfahrungen verarbeitet? Dann wäre der sprachgewaltige Roman etwas entzaubert, und dem Verfasser gebührt vor allem eher Mitleid.

Handwerklich erscheint das Werk zuweilen nicht aufgeräumt. Ein auktoriales Element wie „Aber wir wollen nicht vorgreifen“ ist genauso deplatziert wie teilweise aufkommendes Räsonieren und Interpretieren eines Erzählers, der plötzlich und unpassend die Perspektive wechselt. Schade.

Insgesamt ein vor allem sprachlich sehr bemerkenswertes Werk, das ein viel zu wenig aufgegriffenes Thema auf ungewöhnliche, schreiende und zugleich Ekel erregende Weise angeht. Leider geht die vermutliche Botschaft in einer Frage unter: „Wer ist denn nun krank? Das Wirtschaftssystem, die hier aufgeführten Charaktere oder gar der Erzähler?“ Die Frage bleibt leider nur uneindeutig beantwortet. Dennoch empfehle ich den Roman wärmstens. Man sollte ihn aber unbedingt in nüchternem Zustand lesen, auch wenn es manchmal schwer fällt.


Vogelweide: Roman
Vogelweide: Roman
von Uwe Timm
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Etwas bemüht bildungsbürgerlich, aber klug und lesenswert, 25. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Vogelweide: Roman (Gebundene Ausgabe)
„Vogelweide“ ist ein facettenreicher, nachdenklicher und kritischer Roman. Imponiert haben mir auch die zahlreichen Randthemen, die Fülle von „eben mal erwähnten“ Nebenfiguren und das wohltuend inspirierende Bildungsniveau des Autors. So geht es nicht nur um das Begehren, sondern um viele Aspekte der heutigen Gesellschaft und Wirtschaft. Sehr beeindruckend und aussagekräftig fand ich die am Rande erzählte groteske Abstimmung deutscher Architekten mit chinesischen Bauherren. Ganz nebenbei werden hier die Absurditäten der globalisierten Wirtschaft beleuchtet und größenwahnsinnige Geschäfte mit aufstrebenden Diktaturen entzaubert.

Aus meiner Sicht weniger überzeugend: Die Charaktere bleiben recht profillos, ihre Beziehungen sind zu konstruiert und unwahrscheinlich. Obwohl fast alle Charaktere beruflich sehr, sehr große Räder drehen, haben sie offenbar Zeit genug, sich miteinander zu beschäftigen und kulturellen Interessen nachzugehen. Man merkt es dem Autor an, dass er niemals hinter die Kulissen der Wirtschaft geschaut hat. Solche feinfühligen, gebildeten und eher schöngeistigen Charaktere findet man garantiert nicht in diesen Lebenszusammenhängen.

Eschenbachs formale Qualifikation passt überdies nun wirklich nicht zu seiner IT-Firma. Ferner merkt man dem Autor den Alt-68er noch an: Er reitet am Rande auch etwas zu alte Themen. Niemand interessiert sich heute noch für Noelle-Neumann, deren manipulatives Wirken freilich zu hinterfragen war. Aber anscheinend hat Timm hier auf dominante Themen seiner eigenen Vita zurückgegriffen. Das heutige elektronische Partner-Matching als Aspekt des Sujets „Begehren“ hätte völlig ohne die „Norne“ thematisiert werden können, die hier wie aus einer anderen Zeit hereinbemüht wirkt. Nebenbei: Dass sie nur die „Norne“ genannt wird, wirkt gewollt bildungsbürgerlich und wie für eine Oberstufen-Klausur konstruiert.
Insgesamt ein sehr niveauvoller, reflektierender Roman, dessen Figuren und Handlung aber nebensächlich erscheinen: Es zählen das Nachdenken, das Analysieren und das Verstehen. Und das genügt vollkommen.


Das größere Glück. Roman
Das größere Glück. Roman
von Richard Powers
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

5.0 von 5 Sternen Dieser Roman ist ein MUSS!, 25. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Das größere Glück. Roman (Taschenbuch)
Ein Roman von heutzutage eher selten zu lesender, sehr tiefgründiger Weisheit. Der Autor hat eindeutig verstanden: Das Leben, die so genannte Gesellschaft, die Massenmedien und die sozialen Medien, die Anmaßungen der modernen, völlig metaphysikfreien Wissenschaft, die meint, alles komplett stofflich und möglichst monokausal erklären zu können.

Heute erwarten viele Leser angesichts der alles beherrschenden Krimi-„Kultur“ immer eine möglichst schnelle Handlung und viel Spannung. Kaum ein Leser scheint noch zu verstehen, was Spannung auf den Gang und die Botschaften der Story, nicht aber auf den Ausgang derselben bedeutet. Wohl auch deshalb hat der Autor am Rande noch eine kleine Liebesgeschichte herbeigezaubert. Dies erscheint mir überflüssig, aber auch nicht weiter störend.

Meines Erachtens sollte dieser Roman unbedingt zum unverzichtbaren Bildungskanon gehören. Ein MUSS!


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