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Rezensionen verfasst von
Gregor Brand (Kiel, Germany)
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Hochbegabte Jugendliche und ihre Peer-Beziehungen
Hochbegabte Jugendliche und ihre Peer-Beziehungen
von Oxana L Kovaltchouk
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Lesenswerte Dissertation zur Thematik, 15. Mai 2013
Bei dem Buch der Psychologin Oxana Kovaltchouk handelt es sich um eine Dissertation, die auf eine Anregung des Sozialpsychologen Prof. W. Sekun zurückging und später von Prof. Heller betreut wurde. Man sollte sich vom wissenschaftlichen Charakter der Arbeit nicht abschrecken lassen: Kovaltchouks Doktorarbeit ist nicht nur gut lesbar, sondern enthält auch viele Ausführungen zur Hochbegabtenthematik, die über das begrenzte Titelthema hinaus von großem Interesse sind.
Die erfreuliche Klarheit der Darstellung beginnt schon mit dem Anfangskapitel „Hochbegabung". Der Meinungsstand zur „Definition von Hochbegabung" und die verschiedenen Modelle und Konzepte werden nur selten auf so kurzem Raum derart übersichtlich dargestellt. Das Gleiche gilt auch für die Übersicht über die beiden grundlegend divergierenden Modellperspektiven zur Hochbegabung: Hat Hochbegabung im Sinne der „Disharmoniehypothese" eine starke Affinität zu psychischen und physischen Störungen? Seit jeher gibt es bekanntlich eine Tendenz, die Hochbegabten vorzugsweise als problematische, mit psychischen, sozialen und physischen Handicaps geschlagene Naturen zu sehen („Genie und Wahnsinn"). Demgegenüber weist Kovaltchouk im Sinn der „Harmoniehypothese" zu Recht darauf hin, dass empirische Untersuchungen überwiegend ein ganz anderes Bild zeigen. Hochbegabte sind allgemein, was physische und psychische Gesundheit sowie soziale Stellung angeht, besser ausgestattet als durchschnittlich oder gar unterdurchschnittlich Begabte. Kovaltchouk referiert zahlreiche Forschungsarbeiten, die ein zwar nicht immer einheitliches, aber insgesamt doch klar in diese Richtung weisendes Bild zeigen. Gerade für diejenigen Leser, die zu wissen glauben, dass die Schwierigkeiten mancher hochintelligenter Kinder typische Folge von deren Hochbegabung sind, müssen die zahlreichen aufgeführten Studien, die solche Kausalitäten in Frage stellen, einen überraschenden Erkenntnisgewinn bringen.
Zum Selbstkonzept hochbegabter Kinder stellt die Autorin zutreffend fest, dass hochbegabte Kinder überwiegend ein positives und durch Selbstvertrauen gekennzeichnetes Selbstkonzept haben. Bemerkenswerterweise gilt das nicht nur hinsichtlich ihrer schulischen Leistungsfähigkeit, sondern auch allgemein. Was Verhaltensauffälligkeiten betrifft, so findet man jedenfalls bei hochbegabten Kindern, die nicht über den Kontakt ihrer Eltern mit Beratungsstellen identifiziert wurden, generell keine größeren Verhaltensstörungen als bei durchschnittlich begabten. Was die Ausführungen zu geschlechtsspezifischen Unterschieden angeht, so bezieht sich Kovaltchouk leider hauptsächlich auf nichtempirische Arbeiten mit beträchtlichem spekulativem Charakter. Nach ihrer Beobachtung haben hochbegabte Mädchen weniger interpersonale Schwierigkeiten als hochbegabte Jungen und eine größere Beziehungszufriedenheit. Kovaltchouk konnte also nicht bestätigen, dass es sich bei hochbegabten Mädchen um eine „Risikogruppe" handelt.
Was die eigene empirische Erhebung von O. Kovaltchuk zur Quantität und Qualität der Peer-Beziehungen angeht, so beruht sie auf der Untersuchung einer weissrussischen Hochbegabtengruppe. Ausgangspunkt für die Zusammenstellung einer Vorauswahl von 320 Jugendlichen waren dabei Lehrernominierungen, exzellente Schulnoten und außerschulische Aktivitäten (z. B. Wettbewerbe). Die Lehrkräfte wurden auf mögliche Fehlerquellen ihrer Einschätzung aufmerksam gemacht, insbesondere auf die Gefahr der Vernachlässigung „unbequemer" intelligenter Schüler mit schlechteren Schulleistungen. Die endgültige Aufnahme in die Hochbegabtengruppe erfolgte dann aufgrund testdiagnostischer Ergebnisse. Dabei waren für die Aufnahme in die endgültige Hochbegabtengruppe folgende Kriterien entscheidend, die zu einer Differenzierung in vier Untergruppen führten. Die Gesamtgruppe hatte einen Durchschnitts-IQ von 122, 7 im Gegensatz zu 102, 2 einer Vergleichsgruppe von durchschnittlich Begabten.
Auch wenn die Vorauswahl durch Lehrkräfte nicht die optimale methodische Vorgehensweise ist, so zeigen die ermittelten IQ-Ergebnisse, dass eine oft geäußerte pauschale Kritik an Lehrereinschätzungen überzogen ist. Die Lehrkräfte haben nachweislich viele ihrer hochbegabten Schüler und Schülerinnen als solche erkannt. Sie haben auch etliche hochkreative Kinder nominiert, obwohl Lehrern oft eine ablehnende Einstellung gerade gegenüber solchen Schülern unterstellt wird. Bei der eingehenden psychologischen Untersuchung dieser Begabungsgruppen zeigte sich nun, dass die Unterschiede zwischen Hoch- und „Normal"-Begabten weit geringer sind als oft angenommen wird. Mehr als zwei Drittel der hochbegabten Jugendlichen sind mit ihren sozialen Beziehungen zufrieden. Auch bezüglich weiterer Fragestellungen zeigt sich bei Kovaltchuk das gleiche Bild wie in anderen neueren Untersuchungen: Bei den weitaus meisten Hochbegabten kann von einer Problemgruppe keine Rede sein; allerdings gibt es eine Minderheit von hochbegabten Kindern, die mit denjenigen persönlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, die von vielen „betroffenen" Eltern für allgemein hochbegabungstypisch gehalten werden. Diesen Kindern muss selbstverständlich auch dann große pädagogische Aufmerksamkeit und Hilfe zukommen, wenn erkannt wird, dass ihre Probleme nicht nur Folge ihrer hohen Begabung sind.
Fazit: Für alle an tieferer Beschäftigung mit dem Thema Hochbegabung Interessierten lohnt sich die Lektüre dieser Arbeit; die Kernthesen des Buches sind keineswegs überholt.


Kann Nichts sein? Parmenides Entdeckung der Metaphysik
Kann Nichts sein? Parmenides Entdeckung der Metaphysik
Wird angeboten von Audible GmbH

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sehr erfreuliche Produktion über Parmenides, 12. Mai 2013
Um 500 v. Chr. wurde in der kurz zuvor von eingewanderten Griechen gegründeten Stadt Elea an der Westküste Unteritaliens einer der wichtigsten europäischen Philosophen überhaupt geboren: Parmenides (gestorben ca. 445 v. Chr.). Trotz der kaum zu überschätzenden Bedeutung dieses Denkers ist sein Name außerhalb des Kreises der philosophisch und historisch besonders Kundigen leider kaum bekannt. Um so erfreulicher ist es, dass der Hörbuchverlag auditorium maximum ein Werk produziert hat, das sich auf 2 CDs 155 Minuten lang mit Leben und Werk dieses Vorsokratikers befasst. Der Verlag stellt damit Parmenides in seinem Programm auf eine Stufe unter anderem mit Aristoteles, Kant, Nietzsche und Wittgenstein – und genau unter diesen ungleich bekannteren Spitzendenkern ist Parmenides seiner denkerischen Substanz wegen auch richtig aufgehoben.

Verfasser des Hörbuches ist der italienische Philosoph Giuseppe Scuto (geb. 1968), der durch seine vorangegangene Dissertation über Parmenides als Parmenides-Kenner ausgewiesen ist. Scuto beginnt die Hörbuch-Vorlesung mit einer Einordnung des Eleaten sowohl in dessen historisches Umfeld als auch mit eindringlichen Hinweisen auf dessen eminente philosophiegeschichtliche Bedeutung. Obwohl die biographische Überlieferung über Parmenides spärlich ist, weiß man doch, dass er aus dem gleichen wagemutigen Kolonialgriechentum hervorgegangen ist, dem auch die anderen großen vorsokratischen Denker entstammten. Diese vorwiegend an der ionischen Küste lebenden Persönlichkeiten wie Thales aus Milet oder Heraklit aus Ephesos legten, worauf Scuto zu Recht hinweist, den Grundstein für das klassisch-griechische Denken, das in den folgenden Jahrhunderten und Jahrtausenden welthistorische Bedeutung gewann. Mit der griechischen Ausbreitung im Mittelmeerraum gelangte die vermutlich zur Oberschicht gehörende Familie des Parmenides nach Unteritalien. Parmenides selbst scheint in seiner Vaterstadt eine hoch angesehene Persönlichkeit gewesen zu sein und sich sowohl als Politiker wie auch als Arzt beträchtliche Verdienste um seine Heimat erworben zu haben – ein Umstand, der allein schon alle gelegentlichen Versuche, ihn als weltfremden Theoretiker abzustempeln, unberechtigt erscheinen lässt.

Von seinem vermutlich umfangreichen Gesamtwerk ist nur eine einzige Schrift bekannt, die ihm aber zum bis heute anhaltenden Ruhm verholfen hat: Ein Lehrgedicht, dem später der Titel „Über die Natur“ gegeben wurde. Dieses eigenartige und bis heute faszinierende Gedicht, von dem nur 18 Fragmente mit insgesamt lediglich 153 griechischen Versen erhalten sind, ist der zentrale Text, mit dem sich Giuseppe Scuto umfassend befasst. Er erläutert verständlich, klar und unprätentiös den kulturellen und - aus seiner Sicht vor allem auch bedeutsamen - religiösen Hintergrund dieses Textes und stellt die Bedeutung des Gedichtes dar, wobei er wichtige dazu vertretene unterschiedliche Lehrmeinungen übersichtlich kurz referiert. Der gesamte Inhalt des religiös-philosophischen Lehrgedichts ist auf der CD in deutscher Übersetzung zu hören, dazu sämtliche weiteren Parmenides zugesprochenen Fragmente, sodass der Hörer einen vollständigen Überblick über das quantitativ zwar außerordentlich schmale, qualitativ aber um so grandiosere Werk des hellenischen Meisterdenkers erhält.

Hauptinhalt von Scutos Parmenides-Vortrag ist die eingehende und sorgfältige Darstellung von dessen philosophischen Auffassungen. Die entscheidende Bedeutung des Griechen besteht darin, den Begriff des „Seienden“ in die europäische Philosophie eingeführt und damit die abendländische Metaphysik begründet zu haben. Wie in der Buchdruckkunst gerade schon die frühen Drucke besonders meisterhaft waren, so befindet sich auch das Niveau der parmenidischen Metaphysik und seiner ontologischen Diskussion der Begriffe des Seienden und des Nichtseienden auf höchstem Niveau. Parmenides geht es um den Nachweis, dass nur Seiendes gedacht werden kann und Nichtseiendes weder gedacht werden kann noch sein kann. "Nichts" kann demnach nicht sein. Die ausführlichen Passagen, in denen Scuto die komplexen Gedankengänge des ersten abendländischen Metaphysikers wiedergibt, sind entsprechend ihrem Gegenstand zwar ausgesprochen abstrakt, aber keineswegs unverständlich. Nur wer einen Widerwillen gegen eine metaphysisch-ontologische Begrifflichkeit hat, in der immer wieder von „Seiendem“, Nichtseiendem“, von „Sein“ und „Nichtsein“ und ihren Zusammenhängen die Rede ist, der wird sich von diesen Ausführungen abwenden. Aber für solche Zuhörer ist das Hörbuch sicherlich nicht gedacht. Scutos fein differenzierter Text, aber auch die hörbuch-technische Umsetzung verzichten erfreulicherweise auf jeden bloß ablenkend-unterhaltsamen, modischen Schnickschnack. Gleichwohl wird die sprachliche Darstellung auch dank einer Vielzahl von männlichen und weiblichen Sprechern nicht langweilig und die sparsame musikalische Umrahmung durch die nahezu meditative Klaviermusik John Bickertons trägt dazu bei, den anspruchsvollen Inhalt angemessen und aufmerksam zugleich aufzunehmen. Es gelingt auf diese Weise, die wesentlichen Gedanken des Parmenides von der Identität von Denken und Sein und der Unmöglichkeit des Nichtseins so überzeugend darzustellen, wie man dies bei einer derartigen Hörbuchvorlesung nur leisten kann.

Das Lehrgedicht des Parmenides enthält aber nicht nur – in seinem ersten Teil – jene Gedanken über den Zusammenhang von Denken und Sein, die ihn vor allem berühmt machten, sondern in der zweiten Hälfte auch naturphilosophische, kosmogonische Überlegungen. Scuto tritt bei seiner Darstellung dieses Teils denjenigen Parmenides-Interpreten zur Seite, die darin keinen Widerspruch zu seinen metaphysischen Überzeugungen erkennen. Parmenides leugnet keineswegs die mit den Sinnen wahrnehmbare Wirklichkeit und findet sie auch nicht des Erforschens unwürdig, aber er sieht in ihr keine Wirklichkeit ersten Ranges. Die Welt mit ihrem Werden und Vergehen ist zwar wirklich, aber dahinter gibt es eine wahrere Wirklichkeit, die sich dem Denken erschließt. Auch diese naturphilosophischen Betrachtungen werden von Scuto in vorbildlicher Weise übersichtlich in ihren unterschiedlichen Aspekten ausgeleuchtet.

Über die Darstellung des Inhalts der Philosophie hinaus präsentiert Scuto eine wohlstrukturierte Darstellung der frühen antiken Rezeptionsgeschichte des großen Eleaten. Parmenides' Wirkung auf zeitgenössische Philosophen wie auf die großen griechischen Denker der nachfolgenden Generationen war außerordentlich. Sowohl Naturphilosophen wie Empedokles, Anaxagoras oder die frühen Atomisten als auch die eleatische Philosophie des Parmenidesschülers Zenon oder die sophistische Dialektik und Sprachtheorie eines Gorgias von Leontinoi verdanken die Ausformung ihrer eigenen denkerischen Ansätze zu einem wesentlichen Teil der Auseinandersetzung mit den ontologischen und naturphilosophischen Konzeptionen des eleatischen Großdenkers. Dass Platon ihm mit seinem Dialog „Parmenides“ ein Denkmal gesetzt hat, spricht dabei ebenso für die Größe des Parmenides wie das platonische Eingeständnis, ihn nicht vollständig verstehen zu können.

Positiv hervorzuheben ist schließlich auch, dass Scuto der Frage nachgeht, ob die durch Parmenides erfolgte revolutionäre Begründung abendländischer Ontologie und Metaphysik gleichsam aus dem Nichts entstanden ist oder ob der italische Grieche nicht doch auf ältere philosophische Konzepte zurückgreifen konnte, die er dann originär weiter entwickelte. Scuto verweist in diesem Zusammenhang auf die philosophische Diskussion in Indien, die sich schon in den Jahrhunderten vor Parmenides mit ganz ähnlichen Gedankengängen beschäftigt hat. Auch wenn Scuto betont, dass der direkte Nachweis eines Einflusses indischer vedischer Philosophen auf Parmenides noch nicht gelungen ist, so ist ein solcher Zusammenhang doch durchaus wahrscheinlich. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hat etwa der badische Jurist und Universalgelehrte Josef Kohler auf verblüffende Übereinstimmungen zwischen indischer Vedanta-Philosophie und den ionischen Vorsokratikern, insbesondere Heraklit, hingewiesen. Ein Kontakt der oft weitgereisten und weltkundigen Vorsokratiker mit indischem – auch babylonisch-ägyptischem Gedankengut – ist nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich. Insofern bewegen sich Scutos in dieser Hinsicht vorsichtige Ausführungen auch hier zuverlässig auf einem alles andere als spekulativen Grund und verlassen zu keiner Zeit das wissenschaftlich Vertretbare.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass Giuseppe Scuto und dem Hörbuchverlag „auditorium maximum“ eine auditive Präsentation gelungen ist, die als gründliche und zur Weiterbeschäftigung anregende Einführung in Leben und Denken des Parmenides nichts zu wünschen übrig lässt.


Kann "Nichts" sein? Parmenides'Entdeckung der Metaphysik
Kann "Nichts" sein? Parmenides'Entdeckung der Metaphysik
von Giuseppe Scuto
  Audio CD

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ausgezeichneter Vortrag über Parmenides, 12. Mai 2013
Um 500 v. Chr. wurde in der kurz zuvor von eingewanderten Griechen gegründeten Stadt Elea an der Westküste Unteritaliens einer der wichtigsten europäischen Philosophen überhaupt geboren: Parmenides (gestorben ca. 445 v. Chr.). Trotz der kaum zu überschätzenden Bedeutung dieses Denkers ist sein Name außerhalb des Kreises der philosophisch und historisch besonders Kundigen leider kaum bekannt. Um so erfreulicher ist es, dass der Hörbuchverlag auditorium maximum ein Werk produziert hat, das sich auf 2 CDs 155 Minuten lang mit Leben und Werk dieses Vorsokratikers befasst. Der Verlag stellt damit Parmenides in seinem Programm auf eine Stufe unter anderem mit Aristoteles, Kant, Nietzsche und Wittgenstein – und genau unter diesen ungleich bekannteren Spitzendenkern ist Parmenides seiner denkerischen Substanz wegen auch richtig aufgehoben.

Verfasser des Hörbuches ist der italienische Philosoph Giuseppe Scuto (geb. 1968), der durch seine vorangegangene Dissertation über Parmenides als Parmenides-Kenner ausgewiesen ist. Scuto beginnt die Hörbuch-Vorlesung mit einer Einordnung des Eleaten sowohl in dessen historisches Umfeld als auch mit eindringlichen Hinweisen auf dessen eminente philosophiegeschichtliche Bedeutung. Obwohl die biographische Überlieferung über Parmenides spärlich ist, weiß man doch, dass er aus dem gleichen wagemutigen Kolonialgriechentum hervorgegangen ist, dem auch die anderen großen vorsokratischen Denker entstammten. Diese vorwiegend an der ionischen Küste lebenden Persönlichkeiten wie Thales aus Milet oder Heraklit aus Ephesos legten, worauf Scuto zu Recht hinweist, den Grundstein für das klassisch-griechische Denken, das in den folgenden Jahrhunderten und Jahrtausenden welthistorische Bedeutung gewann. Mit der griechischen Ausbreitung im Mittelmeerraum gelangte die vermutlich zur Oberschicht gehörende Familie des Parmenides nach Unteritalien. Parmenides selbst scheint in seiner Vaterstadt eine hoch angesehene Persönlichkeit gewesen zu sein und sich sowohl als Politiker wie auch als Arzt beträchtliche Verdienste um seine Heimat erworben zu haben – ein Umstand, der allein schon alle gelegentlichen Versuche, ihn als weltfremden Theoretiker abzustempeln, unberechtigt erscheinen lässt.

Von seinem vermutlich umfangreichen Gesamtwerk ist nur eine einzige Schrift bekannt, die ihm aber zum bis heute anhaltenden Ruhm verholfen hat: Ein Lehrgedicht, dem später der Titel „Über die Natur“ gegeben wurde. Dieses eigenartige und bis heute faszinierende Gedicht, von dem nur 18 Fragmente mit insgesamt lediglich 153 griechischen Versen erhalten sind, ist der zentrale Text, mit dem sich Giuseppe Scuto umfassend befasst. Er erläutert verständlich, klar und unprätentiös den kulturellen und - aus seiner Sicht vor allem auch bedeutsamen - religiösen Hintergrund dieses Textes und stellt die Bedeutung des Gedichtes dar, wobei er wichtige dazu vertretene unterschiedliche Lehrmeinungen übersichtlich kurz referiert. Der gesamte Inhalt des religiös-philosophischen Lehrgedichts ist auf der CD in deutscher Übersetzung zu hören, dazu sämtliche weiteren Parmenides zugesprochenen Fragmente, sodass der Hörer einen vollständigen Überblick über das quantitativ zwar außerordentlich schmale, qualitativ aber um so grandiosere Werk des hellenischen Meisterdenkers erhält.

Hauptinhalt von Scutos Parmenides-Vortrag ist die eingehende und sorgfältige Darstellung von dessen philosophischen Auffassungen. Die entscheidende Bedeutung des Griechen besteht darin, den Begriff des „Seienden“ in die europäische Philosophie eingeführt und damit die abendländische Metaphysik begründet zu haben. Wie in der Buchdruckkunst gerade schon die frühen Drucke besonders meisterhaft waren, so befindet sich auch das Niveau der parmenidischen Metaphysik und seiner ontologischen Diskussion der Begriffe des Seienden und des Nichtseienden auf höchstem Niveau. Parmenides geht es um den Nachweis, dass nur Seiendes gedacht werden kann und Nichtseiendes weder gedacht werden kann noch sein kann. "Nichts" kann demnach nicht sein. Die ausführlichen Passagen, in denen Scuto die komplexen Gedankengänge des ersten abendländischen Metaphysikers wiedergibt, sind entsprechend ihrem Gegenstand zwar ausgesprochen abstrakt, aber keineswegs unverständlich. Nur wer einen Widerwillen gegen eine metaphysisch-ontologische Begrifflichkeit hat, in der immer wieder von „Seiendem“, Nichtseiendem“, von „Sein“ und „Nichtsein“ und ihren Zusammenhängen die Rede ist, der wird sich von diesen Ausführungen abwenden. Aber für solche Zuhörer ist das Hörbuch sicherlich nicht gedacht. Scutos fein differenzierter Text, aber auch die hörbuch-technische Umsetzung verzichten erfreulicherweise auf jeden bloß ablenkend-unterhaltsamen, modischen Schnickschnack. Gleichwohl wird die sprachliche Darstellung auch dank einer Vielzahl von männlichen und weiblichen Sprechern nicht langweilig und die sparsame musikalische Umrahmung durch die nahezu meditative Klaviermusik John Bickertons trägt dazu bei, den anspruchsvollen Inhalt angemessen und aufmerksam zugleich aufzunehmen. Es gelingt auf diese Weise, die wesentlichen Gedanken des Parmenides von der Identität von Denken und Sein und der Unmöglichkeit des Nichtseins so überzeugend darzustellen, wie man dies bei einer derartigen Hörbuchvorlesung nur leisten kann.

Das Lehrgedicht des Parmenides enthält aber nicht nur – in seinem ersten Teil – jene Gedanken über den Zusammenhang von Denken und Sein, die ihn vor allem berühmt machten, sondern in der zweiten Hälfte auch naturphilosophische, kosmogonische Überlegungen. Scuto tritt bei seiner Darstellung dieses Teils denjenigen Parmenides-Interpreten zur Seite, die darin keinen Widerspruch zu seinen metaphysischen Überzeugungen erkennen. Parmenides leugnet keineswegs die mit den Sinnen wahrnehmbare Wirklichkeit und findet sie auch nicht des Erforschens unwürdig, aber er sieht in ihr keine Wirklichkeit ersten Ranges. Die Welt mit ihrem Werden und Vergehen ist zwar wirklich, aber dahinter gibt es eine wahrere Wirklichkeit, die sich dem Denken erschließt. Auch diese naturphilosophischen Betrachtungen werden von Scuto in vorbildlicher Weise übersichtlich in ihren unterschiedlichen Aspekten ausgeleuchtet.

Über die Darstellung des Inhalts der Philosophie hinaus präsentiert Scuto eine wohlstrukturierte Darstellung der frühen antiken Rezeptionsgeschichte des großen Eleaten. Parmenides' Wirkung auf zeitgenössische Philosophen wie auf die großen griechischen Denker der nachfolgenden Generationen war außerordentlich. Sowohl Naturphilosophen wie Empedokles, Anaxagoras oder die frühen Atomisten als auch die eleatische Philosophie des Parmenidesschülers Zenon oder die sophistische Dialektik und Sprachtheorie eines Gorgias von Leontinoi verdanken die Ausformung ihrer eigenen denkerischen Ansätze zu einem wesentlichen Teil der Auseinandersetzung mit den ontologischen und naturphilosophischen Konzeptionen des eleatischen Großdenkers. Dass Platon ihm mit seinem Dialog „Parmenides“ ein Denkmal gesetzt hat, spricht dabei ebenso für die Größe des Parmenides wie das platonische Eingeständnis, ihn nicht vollständig verstehen zu können.

Positiv hervorzuheben ist schließlich auch, dass Scuto der Frage nachgeht, ob die durch Parmenides erfolgte revolutionäre Begründung abendländischer Ontologie und Metaphysik gleichsam aus dem Nichts entstanden ist oder ob der italische Grieche nicht doch auf ältere philosophische Konzepte zurückgreifen konnte, die er dann originär weiter entwickelte. Scuto verweist in diesem Zusammenhang auf die philosophische Diskussion in Indien, die sich schon in den Jahrhunderten vor Parmenides mit ganz ähnlichen Gedankengängen beschäftigt hat. Auch wenn Scuto betont, dass der direkte Nachweis eines Einflusses indischer vedischer Philosophen auf Parmenides noch nicht gelungen ist, so ist ein solcher Zusammenhang doch durchaus wahrscheinlich. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hat etwa der badische Jurist und Universalgelehrte Josef Kohler auf verblüffende Übereinstimmungen zwischen indischer Vedanta-Philosophie und den ionischen Vorsokratikern, insbesondere Heraklit, hingewiesen. Ein Kontakt der oft weitgereisten und weltkundigen Vorsokratiker mit indischem – auch babylonisch-ägyptischem Gedankengut – ist nicht nur möglich, sondern wahrscheinlich. Insofern bewegen sich Scutos in dieser Hinsicht vorsichtige Ausführungen auch hier zuverlässig auf einem alles andere als spekulativen Grund und verlassen zu keiner Zeit das wissenschaftlich Vertretbare.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass Giuseppe Scuto und dem Hörbuchverlag „auditorium maximum“ eine auditive Präsentation gelungen ist, die als gründliche und zur Weiterbeschäftigung anregende Einführung in Leben und Denken des Parmenides nichts zu wünschen übrig lässt.


Helmut Schmidt: Die Biographie
Helmut Schmidt: Die Biographie
von Hans-Joachim Noack
  Gebundene Ausgabe

20 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Nichts Neues über Schmidt, 9. Oktober 2008
Der von der Amazon-Redaktion beschriebene erste Eindruck ist der richtige: ein mageres Buch. Für den politisch Interessierten, der sich mit der Geschichte der Bundesrepublik recht gut auskennt, bietet die Biographie nichts Neues. Er wird das Buch als eine Zusammenfassung dessen ansehen, was oft schon in den Medien über Helmut Schmidt zu erfahren war. Was man sich dagegen eigentlich von einer Biographie erhofft - den Blick hinter die Kulissen und unter die Oberfläche - liefert Noack nicht. Insofern muss man das Buch, das sich allzu großtuerisch "Die Biographie" nennt, leider als oberflächlich bezeichnen.

Nützlich ist das Werk dagegen für die mit der deutschen Nachkriegspolitik wenig vertrauten Leser. Wer von Helmut Schmidt noch nicht viel gehört hat, findet hier eine gute Einführung in sein Leben. Allerdings sollte er dieser Schmidt-Biographie dann bald Politiker-Biographien anderer Parteien folgen lassen, da Noack über Schmidt mit wenig kritischer Distanz schreibt.


Begegnung mit dem Judentum
Begegnung mit dem Judentum
von Reinhold Bohlen
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 15,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Aspekte jüdischer Religion und Geschichte, 27. Juli 2008
Das von Prof. Bohlen, dem Rektor der Theologischen Fakultät Trier
und Direktor des Emil-Frank-Instituts an der Universität Trier und an der Theologischen Fakultät Trier, herausgegebene kleine Werk befasst sich in den sieben Beiträgen seiner Autoren teils mit speziell jüdischen, teils mit christlich-jüdischen Themen. Rabbiner Walter Homolka, sicher einer der wichtigsten Vertreter des heutigen Progressiven Judentums, widmet seinen biographisch orientierten Beitrag der jüdisch-liberalen Theologie des berühmtesten deutschen Reformrabbiners Leo Baeck (1873 - 1956). Der Historiker Uri Kaufmann untersucht "Die Bedeutung der mittelalterlichen spanischen Juden für die Entwicklung der jüdischen Tradition" - ein kurzer, aber nützlicher Überblick über Historie und Leistungen des sephardischen Judentums. Der dritte jüdische Autor, der Thionviller Rabbiner Gérald Rosenfeld, betont die herausragende Bedeutung der Tora und des Torastudiums in der jüdischen Geschichte. Er vertritt die Ansicht, dass nur die Tora das Judentum vor der historischen Auslöschung bewahrt habe. Wegen dieser existenziellen Bedeutung müsse sie auch in der religiösen Erziehung im Mittelpunkt stehen. Dabei komme der beständigen Wiederholung eine zentrale Rolle zu. Die übrigen Autoren - die Theologieprofessoren Andreas Heinz und Walter A. Euler, der Historiker Alfred Haverkamp sowie Dr. Marianne Bühler - kommen alle von der Uni Trier. Den wohl interessantesten Aufsatz steuert dabei Prof. Heinz bei, der kenntnisreich und unvoreingenommen der Frage nachgeht: "Antijudaismus in der römischen Liturgie"? Für die vorkonziliare röm. Liturgie wird dies von ihm eindeutig bejaht, für die erneuerte röm. Liturgie verneint. Allerdings ist der Beitrag vor den neueren Diskussionen um Papst Benedikt XVI. geschrieben worden, so dass sich seine Aussage nur auf die Botschaft des Konzils selbst bezieht.

Insgesamt ein lesenswertes Buch, bei dem nicht zuletzt auch die Kurzbiographien der Autoren interessante Auskünfte enthalten. Was dem Inhalt noch gut getan hätte, wäre ein Beitrag, der sich mit der religiösen Vielfalt des Judentums befasst. Gerade über die unterschiedlichen Richtungen dieser faszinierend vielgestaltigen Weltreligion ist allgemein zu wenig bekannt.


Ferdinand Tönnies: Friese und Weltbürger
Ferdinand Tönnies: Friese und Weltbürger
von Uwe Carstens
  Gebundene Ausgabe

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine großartige Biografie über Ferdinand Tönnies, 24. Februar 2007
Dr. Uwe Carstens, Geschäftsführer der Ferdinand-Tönnies-Gesellschaft und exzellenter Kenner von Leben und Werk des schleswig-holsteinischen Soziologen, hat eine ausgezeichnete Biografie über seinen Eiderstedter Landsmann Ferdinand Tönnies vorgelegt. Das Buch besticht durch eine Überfülle von detaillierten sachlichen - also nicht lokalpatriotisch unkritischen - Informationen über Tönnies, die es ermöglichen, dessen Lebensweg und Werdegang exakt nachzuverfolgen. Dabei erscheint dieser Reichtum an Informationen an keiner Stelle des Buches ermüdend und langweilig, wozu sicherlich auch die ungewöhnlich zahlreichen Illustrationen beitragen: Nahezu auf jeder Seite ist ein Foto oder sonstiges Dokument zu finden, das die Lektüre des schön gestalteten Buches auflockert und zu einer faszinierenden Dokumentation schleswig-holsteinischen und deutschen Geisteslebens Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts macht. Die Kombination von kenntnisreichstem Text (samt Anmerkungen und Bibliografie) mit der Präsentation umfangreichsten Bildmaterials macht diese Biographie zu einer sehr lesenswerten Gelehrtenbiographie, die ich in ihrer Art nur als vorbildlich bezeichnen kann. Mit "in ihrer Art" meine ich: Das Werk über Tönnies gehört zu denjenigen Intellektuellenbiographien, die nicht in erster Linie das Denken des Porträtierten darstellen, sondern dessen äußeren Lebensgang dokumentieren. Ich halte es aber für sicher, dass man bei der Betrachtung des tönniesschen soziologischen Werkes von dem Wissen um den biographisch-zeitgeschichtlichen Hintergrund bedeutend profitiert. Dass ein solch exzellentes Werk quasi im Selbstverlag erschienen ist, zeigt einmal mehr, dass es - auch wenn dies ein älterer Kritiker wie Reich-Ranicki und manche jüngeren Kollegen von ihm vielleicht noch nicht recht wahrgenommen haben - schon längst überholt ist, bei der Frage nach der Bedeutung eines Buches erst einmal zu schauen, ob es in einem bekannten Verlag publiziert wurde. Wer sich von derartigen Äußerlichkeiten von Kauf und Lektüre eines Werkes wie dieser Tönnies-Biographie abhalten ließe, würde nur sich selbst bestrafen.


Goethe - ein letztes Universalgenie?
Goethe - ein letztes Universalgenie?
von Hg. von Sebastian Donat und Hendrik Birus
  Sondereinband
Preis: EUR 14,00

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Goethe - Bilder und Informationen über ein Universalgenie, 15. Februar 2007
Das äußerlich - nach Umschlag, Papier, Druckbild, Aufbau und Illustrationen - wirklich schön gestaltete und auch deshalb erfreulich und angenehm anzuschauende Buch von Sebastian Donat und Hendrik Birus bietet einen konzentrierten, kurzen Überblick über die ungewöhnlich zahlreichen Tätigkeitsfelder von Goethe, der aufgrund seiner panoramischen Begabung und Interessen den Ehrentitel eines Universalgenies gewiss zu Recht trägt. Das Fragezeichen im Titel des Buches ist insoweit überflüssig, es sei denn, man bezieht es auf das Adjektiv "letztes". Zu dieser Frage, ob und warum Goethe gerade ein "letztes" Universalgenie gewesen sein soll, haben die Autoren leider nichts geschrieben. Ob Goethes Universalität sich allerdings wirklich erst beim "reifen" Goethe gezeigt hat - die Autoren lassen offen, ab wann diese "Reife" anzusetzen ist - erscheint mir zweifelhaft; wahrscheinlich sollte man präziser unterscheiden zwischen dem, was schon - noch weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit - in der Persönlichkeit vorhanden ist und dem, was sich schließlich auch nach außen offenbart. Trotz dieser geringfügigen Einschränkungen handelt es sich bei dem Band, der Begleitband einer gleichnamigen Ausstellung war, auf jeden Fall um eines der schöneren und besseren Goethebücher.


Trier im 18. Jahrhundert. 1700-1794
Trier im 18. Jahrhundert. 1700-1794
von Emil Zenz
  Broschiert

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Trier im letzten feudalistischen Jahrhundert, 29. November 2006
Dr. Emil Zenz, den großen Trier-Historiker und weitblickenden Kulturpolitker seiner Heimatstadt Trier, lernte ich persönlich leider erst wenige Monate vor seinem Tod kennen. Dabei stellte sich für mich heraus, dass wir nicht nur gemeinsame Vorfahren (Zenz/Zens aus der Eifel) hatten, sondern dass man sich mit Dr. Zenz auch sehr gut über Themen unterhalten konnte, die weit über diejenigen hinausgingen, die in seiner sehr umfangreichen Bibliographie Widerhall finden. Dr. Zenz schenkte mir wenige Wochen vor seinem - zumindest für mich überraschenden - Tod ein Exemplar seines Buches über "Trier im 18. Jahrhundert", das einen umfassenden Überblick über nahezu alle Facetten der Trierer Geschichte in jenem ereignisreichen letzten Jahrhundert des Kurfürstentums Trier liefert. In einer wundervoll klaren Sprache stellt Zenz nicht nur die allgemeine politisch-historische Entwicklung in Trier dar, sondern befasst sich mit den zahlreichen Aspekten des künstlerischen, intellektuellen, sozialen und ökonomischen Lebens in Trier. Besonders faszinierend ist bei ihm die Verbindung von detaillierten Informationen, etwa über Kleidung, Nahrung und alltägliches Leben, mit der übersichtlichen Einordnung der Trierer Geschichte in die allgemeine Geschichte des Jahrhunderts von Rokoko und Aufklärung. Es zeigt sich, dass die Trierer mit ihrem Reichtum - Böswillige könnten auch sagen: Überfluss - an Kirchen und Klerikern alles andere als frömmlerisch-prüde waren. Dabei idealisiert Zenz die Trierer keineswegs, sondern zitiert auch kritische Urteile, etwa das von Lauckhardt (1792): "Die Trierer sind abscheulich abergläubig, rennen in die Messen und fürchten sich schrecklich vor Gespenstern, Kobolden und Hexen." Oder die - in gleichem Sinn auch von Goethe formulierte Beobachtung - "Des Trevirois boiront toujours". Die trierische Gespensterangst könnte geradezu ein neues Licht auf die bekannte Formulierung des berühmtesten Trierers - Karl Marx - werfen, der im Kommunistischen Manifest formulierte: "Ein Gespenst geht um in Europa ..."

In einem besonderen Kapitel seines Buches befasst sich Zenz mit der Trierer Judengemeinde im 18. Jahrhundert. 20 Juden sind zwischen 1700 und 1785 zum Christentum übergetreten, und ihre zahlreichen Nachkommen haben ihre Spuren in der Trierer Bevölkerung hinterlassen, die im 18. Jahrhundert durchweg eine nur kleinstädtische Größenordnung hatte (meist weniger als 10 000 Einwohner). Alles in allem: ein wichtiges Buch zur Geschichte einer der faszinierendsten deutschen Städte.


Schöpferische Momente des europäischen Judentums in der frühen Neuzeit
Schöpferische Momente des europäischen Judentums in der frühen Neuzeit
von Michael Graetz
  Taschenbuch
Preis: EUR 21,00

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Aschkenasische Intellektualität zwischen Mittelalter und Neuzeit, 7. November 2006
Das von M. Graetz, Professor an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, herausgegebene Buch enthält 18 beachtenswerte deutsch – und englischsprachige Aufsätze hochkarätiger Gelehrter zu einer Vielzahl sehr unterschiedlicher Themen der europäisch-jüdischen Geistesgeschichte. Das Buch ist lobens- und anschaffenswert, auch wenn man den Titel kritisieren muss: In dem Band geht es nahezu ausschließlich um die kulturellen Erfahrungen des aschkenasischen Judentums, so dass die Rede vom „europäischen Judentum“ insofern zu kurz greift. Dazu kommt, dass die schöpferischen Momente des europäischen Judentums natürlich weit über das hinausgehen, was in dem Band auf einigen hundert Seiten angesprochen werden konnte. Von diesen Einschränkungen abgesehen, ist es faszinierend zu lesen, in welcher Weise sich jüdische Intelligenz und Intellektualität zwischen Mittelalter und Neuzeit in Europa entfaltet haben. Dass gleich bei mehreren Beiträgen das thematische Schwergewicht bei der Prager Judenschaft liegt und immer wieder Bezug genommen wird auf deren intellektuell herausragendsten Vertreter, die legendenumwobene und doch historische Gestalt des Maharal (1511 – 1609), wird der enormen Strahlkraft des Prager Judentums, die auch schon vor dem 20. Jahrhundert bestand, gerecht. Weitere lesenswerte Beiträge widmen sich den geistigen Aktivitäten in urbanen Zentren jüdischen Lebens wie Frankfurt, Amsterdam und Krakau. Insgesamt ein wichtiges Buch, das dazu beitragen kann, das allzu weit verbreitete Vorurteil, als seien Juden vor dem 19. Jahrhundert in Europa nur als mehr oder minder erfolgreiche Händler in Erscheinung getreten, zu korrigieren.


Gustav Frenssen in seiner Zeit: Massenliteratur zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus
Gustav Frenssen in seiner Zeit: Massenliteratur zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus
von Kay Dohnke
  Taschenbuch

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5.0 von 5 Sternen Grundlagenwerk zu Gustav Frenssen, 5. November 2006
Der Dithmarscher Dichter und Denker Gustav Frenssen war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer der erfolgreichsten und bekanntesten deutschen Schriftsteller, dessen Bekanntheit und Ansehen aber nach 1945 nahezu ins Bodenlose abstürzten. Dies hing entscheidend mit seiner Parteinahme für das Dritte Reich zusammen, die er im hohen Alter vollzog. Das überaus informative Buch "Gustav Frenssen in seiner Zeit" belegt mit kenntnisreichen Aufsätzen und umfangreichen Literaturverzeichnissen, dass Frenssens Zeit nicht nur die Jahre von 1933 bis 1945 umfasste, sondern dass er noch entschieden stärker in der wilhelmischen Zeit und in der Weimarer Republik als Autor präsent war. Es zeigt die Vielschichtigkeit des Holsteiners, der persönlich und literarisch komplexe Wandlungen vollzog: zum Beispiel vom evangelischen Pastor und erfolgreichen Prediger zum Verkünder eines germanisch orientierten Heidentums, vom vorurteilsfreien Bewunderer jüdischer Größe (So bezeichnete er etwa Rathenau als den "vornehmsten Kopf in Europa") zum aggressiven Antisemiten während seiner letzten Lebensjahre im Zweiten Weltkrieg.

Das von Stein und Dohnke herausgegebene Buch wird - bei einer vollkommen berechtigten kritischen Grundhaltung - der meist verkannten Komplexität Frenssens durchaus gerecht und ist durch seine Analysen und Datenfülle ein unverzichtbares Standardwerk über diesen Schriftsteller.


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