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Rezensionen verfasst von
Martin Bender (Heidelberg)
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Lockruf des Westens. Modernes Indien
Lockruf des Westens. Modernes Indien
von Pankaj Mishra
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,00

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen ... leider arg plakativ, 3. November 2011
Was für ein wunderbares Thema! Essays über das moderne Indien, die Verlockungen des Westens ... - ich hatte mir etwas nach Art von V. S. Naipauls Indienbüchern erwartet und bin enttäuscht. Lesen Sie, warum:

Bei "Lockruf des Westens" handelt sich um eine Auswahl von Artikeln, die der indische Journalist und Romancier Pankaj Mishra zuvor bereits in Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht hatte. Als Sammelband "Temptations of the West" waren diese Artikel in englischer Sprache 2007 erschienen. Untertitel: "How to Be Modern in India, Pakistan, Tibet, and Beyond". Der Verlag Berenberg hat sich für die deutsche Ausgabe auf Indien beschränkt; das Buch enthält vier journalistische Arbeiten Mishras über dieses Land. Den Ausdruck "Essay" verdient leider nur der erste und kürzeste der Beiträge, überschrieben mit "Benares - Lesen lernen". Hier baut Mishra auf eine These, die er als Hauptzutat auch in seinem 2001 erschienenen Roman "The Romantics" verwertete, nämlich eine Art antikapitalistische Deutung von Flauberts 1869 erschienener "L'Éducation sentimentale". Deren passiver Held Frédéric Moreau stehe für Nachdenken, wahres Empfinden, und eine rechtschaffene Distanz zum Trubel einer Welt, deren Streben nach billigem Glück, schnellem Geld, sattem Wohlstand und schaler Unterhaltung den redlichen Grübler und Dulder nur lähmt und zum Untergang verdammt. Nun wird man allerdings einwenden, dass ein solcher Hut auf viele Köpfe passt, sich also der Kontrast zwischen schmutzstarrender Armut des Subkontinents und seinen korrupten indischen Provinzpolikern mit ihren Jeeps und Handys genauso mühelos unter so ein Schwarz-Weiß-Schema subsumieren lässt wie jeder andere Konflikt auf der großen weiten Welt auch. Trotzdem eine sympatische Idee - und im knappen autobiographischen Gewand eines Berichts des jungen Pankaj Mishra aus seiner Studienzeit im Benares Ende der 80er Jahre durchaus lesenswert.

Die übrigen drei Beiträge in dem Band fallen allerdings demgegenüber ab. Störend fällt zunächst auf, dass mit der Länge der Artikel nicht ihr Gewicht wächst, sondern die Wiederholungen zunehmen. So ist die Zahl der schon erwähnten Provinzpolitiker mit Handy im Jeep Legion. Eine individuelle Charakterzeichnung der von Mishra mit wegwerfender Geste Porträtierten sucht man dagegen vergebens. Nun, vielleicht ist deren Farblosigkeit gerade ihr Kennzeichen. Das muss einem der Autor dann aber nicht Seiten über Seiten unter die Nase reiben. Weiter ist ärgerlich ein gewisser Hang des Verfassers zum Plakativen unter Verzicht aufs Analytische. Denn auch dem Leser, der nicht selbst Indienkenner ist, wird unmittelbar einleuchten, dass jeder Anständige den bösen Wahlfälscher und den bösen Auftragskiller verdammen muss - und den superbösen Provinzpolitiker, der im Jeep über Handy die Wahlfälschung den Auftragsmord befielt, erst recht. "Jo mei", würde der Bayer sagen; das wär ja alles recht und schön, bekäme man wenigstens schmissigen Popjournalismus serviert, bei dessen Lektüre man mit der Zunge schnalzt: "Wow! Schneidend formuliert; was soll's also, wenn die Begründung fehlt." Aber so ... - Was mir aber wirklich sauer aufstößt, sind die Passagen, die - ich möchte es holzschnittartig, ja eigentlich schon falsch formulieren - "mit Indien nichts zu tun haben". Damit meine ich nicht, dass diese vier Artikel nicht in und von Indien handeln und von einem Journalisten geschrieben sind, der aus Indien kommt und in Indien lebte in der Zeit, aus der er berichtet. Ich meine damit solche Passagen, die im bloß äußeren Gewande des "Indischen" von jedermann stammen könnten, der im Internet zu recherchieren in der Lage ist, und bei denen Mishra die Tatsache, dass er Inder ist und ein konkretes Indien zum Anlass seines Schreibens nahm, nicht in einen literarischen Text überführt. Ein Beispiel: Mishra hält sich im nordindischen Allahabad auf, der Heimat von Premier Nehru (+ 1964), dessen Residenz er besucht. Das ist der äußere Aufhänger für eine seitenlange Darstellung der Geschichte der Nehru-Gandhi-Dynastie, bei der ein besonderer Schwerpunkt auf der Rolle von Nehrus Tochter Indira Gandhi liegt. Soweit darin Lexikonwissen ausgebreitet wird, kann man das informativer bei Wikipedia nachschlagen; die seinerzeit an Mishras Buddha-Buch "An End to Suffering" (2004) laut gewordene Kritik, die Kentnnisse wirkten "angelesen", gilt auch hier. Unsachlich und nicht etwa originell wird das Ganze dadurch, dass Mishra in seinem langweiligen Eifer meint, seine Parade von Fakten mit Beleidigungen der von ihm dargestellten politischen Akteure würzen zu müssen; speziell gegen Indira Gandhi scheint er einen regelrechten Hass zu hegen.


Die Grande Beune
Die Grande Beune
von Pierre Michon
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 12,90

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ich denke oft an Piroschka, 14. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Die Grande Beune (Gebundene Ausgabe)
"Die Grande Beune" ist ein Kurzroman von Pierre Michon, einem zeitgenössischen Schriftsteller, der seine Geschichte 1961 in der Dordogne angesiedelt hat. Der dorthin in ein Dorf am Fluss Grande Beune abgeordnete Junglehrer (und Ich-Erzähler) verzehrt sich in unerfülltem, ihr gegenüber kaum angedeuteten Verlangen nach der örtlichen Tabakverkäuferin. Sie und ein einheimischer Jungbauer auf einem nahen Gehöft unterhalten eine Liaison mit wohl sado-masochistischer Note. Zu ihm geht sie zu Fuß über Feldwege und kehrt stolz mit Striemen und Bissmalen ihrer Züchtigung nach Hause zurück. Außer beim Kauf von Zigaretten kommt es auch auf offener Flur zu regelmäßigen Blickbegegnungen zwischen dem Schullehrer und der Schönen, zu er er entflammt ist; so weiß er seine Spaziergänge durch die als düster und klamm geschilderte Landschaft so zu arrangieren, dass sich ihre Wege wie zufällig kreuzen.

Eigentlich hat der Pädagoge ja eine moderne Freundin aus der Großstadt, eine Studentin mit Namen Mado, die ihn in ihrem Renault Dauphine dann und wann in dem abgelegenen Nest besuchen kommt. Mit ihr pflegt er sozusagen eine medizinisch und sozial vernünftige Sexualität. Die Rückbank ihres PKW wird regelmäßig zur Stätte, da sie ihren Trieb stillen. Doch geschieht derart Gymnastisches nicht, weil es ihnen einen Extrakitzel verschaffte, sondern wohl eher aus Raumnot, denn die Pension, in der unser Lehrer unterkam, ist eine Räuberhöhle am Abhang zur Grande Beune mit wortkargen Trinkern und Flussfischern an rohen Holztischen: In seinem Zimmerchen überm Gastraum dieses "Wirtshauses im Spessart" kann er nur schwerlich die Moderne, die Aufklärung, die Zivilisation, ja Liberté, Egalité, Fraternité in Gestalt seiner studentischen Freundin Mado installieren. Ich glaube, nicht von ungefähr erzählt Michon eine Geschichte gerade aus dem Jahr 1961; diese Jahreszahl assoziiert jeder in Frankreich sofort mit dem Höhepunkt des (im Roman mit keiner Silbe erwähnten) Algerienkrieges, als in der nordafrikanischen Kolonie die Werte der Grande Nation geradezu tobend hochgehalten werden sollten und just darum in rasender Gewalt kollabierten. So sieht sie also aus, Eure Moderne!

Den Gegenpol, der sich dazu in diesem Roman formt, ist ersichtlich das "Archaische". In der Dordogne, der Gegend, wo unserer Geschichte handelt, finden sich bekanntlich altsteinzeitliche Höhlen wie etwa in Lascaux, in denen atemberaubend schöne Felszeichnungen aus dem Paläolithikum Zeugnis geben vom Leben der Menschen aus einer Zeit bis zu 20.000 Jahre vor der unseren. Eine dieser Stätten bildet in dem Buch von Michon den Schauplatz der Schlüsselszene: Hier lässt der Jungbauer und Lover der Tabakverkäuferin dem Lehrer und dessen schicker Freundin eine Führung nach Art des Fremdenverkehrs durch eines dieser Höhlengewölbe zuteil werden, in das man von der Scheune seines Gehöfts aus einsteigt.

Mit solchen Kontrasten - hier die üppige Yvonne mit ihren Striemen, dort die Studentin im Renault - arbeitet aber auch die Trivialkunst, etwa in dem rührenden Film "Ich denke oft an Piroschka" (1955), wo der Herr Student auf ländlichem Ungarnurlaub den derben Lockungen des patenten Puszta-Mädels erliegt, das mit nackten schmutzigen Füßen die Gänse hütet. Seine gebildete und aseptische Braut indessen, die feine Greta aus dem fernen Berlin, würde ganze provinzielle Bahnhofsstation Hódmezövásárhelykutasipuszta und seine Bewohner nicht einmal mit spitzen Fingern anfassen wollen.

Statt Welten derart aufeinanderprallen zu lassen, die unvereinbar erscheinen, wäre es mir lieber gewesen, Michon hätte die These illustriert, wie wenig uns von den Steinzeitjägern und -künstlern aus Altamira, Lascaux oder Cosquer trennt und wie ihre Welt und unsere heutige in jedem von uns unsichtbar ineinander verwoben sind. Das nämlich ist, wenn ich recht sehe, Thema des ebenfalls in der Dordogne angesiedelten, mit Anspielungen auf die dortige frühgeschichtliche Höhlen- und quasi "Unterwelt" unseres Bewusstseins gedrehten Films "Der Schlachter" von Claude Chabrol aus dem Jahr 1970. Dort erleben wir die die wunderbare Stéphane Audran in der Rolle einer Intellektuellen in Freundschaft und Liebe zu dem im Indochinakrieg traumatisierten Dorfmetzger und bestialischen Frauenmörder Paupaul. Chabrol sagt: Das Archaische ist in uns. Michon aber scheint sagen zu wollen: Das Archaische ist das Fremde, das Große Andere, in brennender Sehnsucht Unerreichte - und das glaube ich nicht.


Inferno / Gespenstersonate (Fischer Klassik)
Inferno / Gespenstersonate (Fischer Klassik)
von August Strindberg
  Taschenbuch

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Stinkende "Kot-Hölle" und anderer okkulter Blödsinn ("Inferno") - dann aber mit "Gespenstersonate" ein Klassiker der Moderne, 1. April 2011
Dieses Buch enthält zwei Texte Strindbergs, die Prosaarbeit "Inferno" (mit einer Art szenischem "Vorspiel auf dem Theater") und das Drama "Gespenstersonate". Der 1912 gestorbene Schwede hielt sich, nicht frei von caesarischer Attitüde, für einen Dichter, dessen Werk alle Zeiten überdauern werde; von seinem norwegischen Zeitgenossen Ibsen (gest. 1906) ist dagegen überliefert, dass er mit einer gewissen Demut glaubte, seine Dramen seien rein zeitgebunden und deshalb in einigen Jahrzehnten von der gesellschaftlichen Wirklichkeit überholt.

Eine ketzerische Frage: Ist es nicht eher umgekehrt?

Liest man Strindbergs "Roman" - will sagen: autobiographischen Bericht - mit Namen "Inferno", so fragt man sich, was den Fischer-Verlag geritten hat, ausgerechnet diesen obskuren Text für eine preiswerte Klassiker-Ausgabe auszugraben. Dass Ibsen, wie die Spielpläne der Theater zeigen, mit Recht entgegen seiner eigenen Prognose immer noch aktuell ist, wird jedem einleuchten. Was dagegen am Strindberg'schen "Inferno" für den heutigen Leser noch lesens- und bewahrenswert sein soll, erschließt sich wohl nur dem hartgesottensten Freund der Skandinavistik im allgemeinen oder dem, der sich mit einem gehörigen Schuss Masochismus vertieft mit Leben und Werk Strindbergs befassen will. Denn um es offen zu sagen: Dieses "Inferno" ist schlicht und einfach ein ganz großer Schmarrn! Worum geht es in diesem Buch? Um es mit einem Satz zusammenzufassen: Der Icherzähler, der wie sein Verfasser August Strindberg heißt, erleidet den Schmerz der Erkentnnis. Doch täte man dem Werk zu viel Ehre an, wenn man glauben wollte, darin eine Art faustisches Streben widergespiegelt zu finden. Es ist leider - bestenfalls! - alles nur grotesk: Der Icherzähler stellt in einer Pariser Pension alchimistische Experimente an und gewinnt Gold. Er wird aber von "den Mächten" verfolgt, die ihn mit dem Gestank von Fäkalien teuflische Qualen bereiten. Das ist die "Kot-Hölle". Der Meister muss in seine Heimat Schweden fliehen, wo er von "den Mächten" mit Stromstößen traktiert wird. Weiter geht's nach Österreich, wo sich Strindberg bei seiner Schwiegermutter aufhält. Dort geht das langweilige Lamento weiter; so ein Verfolgungswahn ist halt arm an Varianten. Der Fortschritt besteht höchstens darin, dass der Autor nach jeder neuen Attacke der "Mächte" bekennt, diese nun endlich durchschaut zu haben, um die vorherigen Erkenntnisse zu verwerfen. Und so fort. Der bis zur Knochentrockenheit humorlose Autor bringt es trotzdem fertig, diesen okkulten Blödsinn in die Tradition Dantes und des Infernos aus der Göttlichen Kömodie stellen zu wollen und mit diesbezüglichen Anspielungen nicht zu geizen. Leider ein Zeugnis unfreiwilliger Komik. Am Schluss des "Inferno" erbaut uns der Autor noch mit Literaturhinweisen auf Werke zum Thema Schwarze Magie, Geheimlehre und Alchimie, um den "wissenschaftlichen" Anspruch seiner autobiografischen Abhandlung zu unterstreichen.

In der hier besprochenen Ausgabe bringt Fischer die Übersetzung des "Inferno" von 1898 aus der Feder von - ja! - Christian Morgenstern. Der betrübliche Stoff wird auf diese Weise in einem herrlichen Deutsch dargeboten, und das ist der einzige Trost.

***

Kommen wir nun zum zweiten Text dieses Bandes, zum Drama "Gespenstersonate". Dieses 1907 entstandene Theaterstück arbeitet zwar auch, wenn man so will, mit "Okkultem", denn es treten ein nicht für jedermann sichtbares totes Milchmädchen und eine sprechende Mumie auf, die viel Vernünftiges, mitunter aber auch Papageiengekrächze von sich gibt. Doch sorgten solche Zutaten in Strindbergs "Intimem Theater" in Stockholm damals für eine bühnenwirksame Überwindung des Realismus. Für seinen esoterischen Spleen hat der späte Strindberg schon bei seinen Zeitgenossen Kopfschütteln geerntet. In der "Gespenstersonate" sind diese Neigungen aber vollständig in Literatur überführt. Solange der Dichter spricht: 'Mein Wahn steht über den Gesetz der Welt', rührt er sein Publikum zu Tränen; zum Gähnen aber, sobald er "beweisen" will (siehe "Inferno"), dass dieser Wahn das Gesetz s e i. Die "Gespenstersonate" ist daher mit Recht ein Klassiker, denn der Autor bindet die übernatürlichen Elemente stimmig ein in die szenische Demontage des bürgerlichen Selbstbetrugs, in ein Spiel von Sein und Schein in 3 Akten, an dessen Ende nicht nur die Fassaden fallen und "der Herr Oberst" und "der Herr Direktor Hummel" nackt dastehen, sondern im "Hyazinthenzimmer" auch eine Art ätherischer Gegegenentwurf entsteht. Den könnte man vielleicht mit dem Goethewort zusammenfassen: "Wer ewig strebend sich bemüht, den können wir erlösen." Dass es sich hierbei um ein "blutleeres" Unterfangen handeln könnte, räumt Strindberg ein: Adele, dem jungen Mädchen, deren Hoffnungen ersticken, setzt der Autor die vampirhafte Köchin entgegen, die die Kraftbrühe selbst trinkt und der Herrschaft nur nährstoffarme, totgekochte Speisen vorsetzt.

Die "Gespenstersonate" hat Mathilde Mann (gest. 1925) übersetzt, eine Verwandte der berühmten Lübecker Familie. Diese Übersetzung orientiert sich stark am schwedischen Original, sie ist - auf Kosten der Lesbarkeit - fast wörtlich. Das muss man mögen. Ein Beispiel:

Am Ende des 2. Akts sagt Direktor Hummel:

Hör hur klockan knäpper, som dödsuret i väggen!
Hör ni hvad hon säger? "Ti-den! Ti-den!"
När hon slår, om en liten stund, då är er tid ute,
då får ni gå, men icke förr. Men hon hyttar först, innan hon slår!
Hör! nu varnar hon: "Klockan kan slå."
Jag också kan slå...

Frau Mann übersetzt hier wirklich Wort für Wort:

Hört, wie die Uhr tickt, wie die Totenuhr in der Wand!
Hört ihr, was sie sagt? "Die Zeit! Die Zeit!"
Wenn sie nach einer kleinen Weile schlägt, da ist eure Zeit um,
da müsst ihr gehen, aber nicht früher. Sie sagt aber an, bevor sie schlägt!
- Hört! Jetzt warnt sie: "Die Uhr kann schlagen."
Auch ich kann schlagen.

Das ist nicht jedermanns Sache. In der Übersetzung von Gerlach (Reclam-Ausgabe) klingt dieselbe Stelle viel flüssiger:

Hört ihr das Ticken der Uhr? Sie tickt wie die Totenuhr in der Wand. Hört Ihr auch, was sie sagt? "Die-Zeit-vergeht! Die-Zeit-vergeht!" Wenn sie schlägt, in einer kleinen Weile, dann ist eure Zeit um, dann müsst ihr gehen, aber nicht eher. Doch sie droht erst, bevor sie schlägt. - Da, hört doch nur, jetzt warnt sie: "Die Uhr kann schlagen." - Und ich, ich kann auch schlagen!

***

Es handelt sich hier um einen Band der Taschenbuchreihe "Fischer Klassik". Diese Reihe zeichnet es aus, dass die Bücher einen informativen Anhang enthalten. So werden im vorliegenden Fall die Texte des Strindberg'schen "Inferno" und seiner "Gespenstersonate" ergänzt um einen fünfseitigen Abriss von Leben und Werk des Autors sowie um die Einträge aus Kindlers Neuem Literaturlexikon. Man findet folglich mit abgedruckt - sehr lesenswert - eine knappe Zusammenfassung und Deutung der beiden Werke. Kritisch anzumerken ist allerdings, dass der aktuelle "Kindler" die sog. "Kammerspiele" Strindbergs (Gewitterluft, Die Brandstätte, Gespenstersonate, Der Pelikan, Fröhliche Weihnacht!) in einem Artikel zusammenfasst und eben dieser Artikel im Anhang des Fischer-Taschenbuchs wiedergegeben wird. In der Vorauflage von 1988 hatte der "Kindler" noch einen eigenen, ausführlichen Lexikoneintrag speziell zur "Gespenstersonate". Diesen in den Anhang zu stellen, wäre hilfreicher gewesen.


Eichmann war von empörender Dummheit: Gespräche und Briefe
Eichmann war von empörender Dummheit: Gespräche und Briefe
von Hannah Arendt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,95

21 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wichtiges Buch - man sollte aber "Eichmann in Jerusalem" gelesen haben, auf das es sich bezieht, 24. März 2011
Das hier besprochene "Eichmann war von empörender Dummheit" ist sozusagen das "Buch zum Buch", nämlich zu der im selben Verlag (Piper) erschienenen Studie "Eichmann in Jerusalem" (dt. 1964) von Hannah Arendt. Es schmälerte den Rang dieser wichtigen Neuerscheinung nicht, wenn man darauf deutlicher hinwiese. Denn die Lektüre der Briefe, des Gesprächs (es ist entgegen dem Plural im Untertitel "Gespräche und Briefe" nur eines) und der andernorts schon veröffentlichen, hier nun wiederabgedruckte Texte und Rezensionen zu "Eichmann in Jerusalem" bringt naturgemäß demjenigen Leser mehr, der den ständig in Bezug genommenen "Eichmann in Jerusalem" schon kennt. Wer sich für den Eichmannprozess und die zum geflügelten Wort gewordene "Banalität des Bösen" näher interessiert, dem sei daher empfohlen, zuvor "Eichmann in Jerusalem" und dazu vielleicht auch die ihm ebenbürtige Reportage "Strafsache 40/61" zu lesen, letztere verfasst von keinem geringeren als Harry Mulisch.

Wir haben es bei "Eichmann war von empörender Dummheit" also mit Sekundärliteratur zu tun. Im Rahmen ihrer dienenden Funktion mag man - soll man's wirklich in der Sprache der Zeitungsschlagzeilen sagen? - tatsächlich von einer "Sensation" sprechen: Das Buch enthält ja einen Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Joachim Fest, den man jetzt erst entdeckt hat. Aber offen gestanden: Viel geschrieben haben die beiden einander nicht, und so beeinhaltet der Band denn auch noch ein Radiointerview und Beiträge aus der Hannah-Arendt-Debatte, ein langes Vorwort der Herausgeber und einen umfangreichen Fußnotenapparat. Ich persönlich halte den Fußnotenapparat für übertrieben ausführlich, denn wer sich ein solches Buch kauft, sollte eigentlich wissen, was die Nürnberger Prozesse waren. Statt dessen bleiben die feuilletonistisch eingefärbten "Rechtsausführungen" in dem mitabgedruckten Essay von Reinhart Baumgart (Verwechslung des Strafgesetzbuchs mit dem Bürgerlichen Gesetzbuch, Datierung des BGB auf 1871 [es ist von 1900]) völlig unkommentiert; auch ist den fußnotverliebten Herausgebern nicht aufgefallen, dass es 1964 den von ihnen obstinat SWR genannten Runksender, als das Arendt-Fest-Interview ausgestrahlt wurde, noch gar nicht gab.

Frau Arendt und Herr Fest bedienen sich in ihren Briefen und beim Radiointerview einer präzisen, Frau Arendt zugleich einer undiplomatisch deutlichen Sprache. Im Vergleich zur wohltuenden Diktion dieser beiden Denker fällt das Vorwort der Herausgeber leider stark ab.


Sämtliche Märchen
Sämtliche Märchen
von Hans Ch Andersen
  Gebundene Ausgabe

31 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Preiswert, schön illustriert, gut übersetzt - und sämtliche Märchen enthaltend, 21. März 2010
Rezension bezieht sich auf: Sämtliche Märchen (Gebundene Ausgabe)
Zu Hans Christian Andersen, der ja auch Romane geschrieben hat, sagte einmal ein Zeitgenosse: "Ihre Romane haben Sie berühmt gemacht, Ihre Märchen aber werden Sie unsterblich machen." Als ich das las, kamen mir die Tränen. Der arme Häuslersohn aus Odense auf Fünen, der 1819 mit 14 Jahren mit etwas mehr als nichts in der Tasche nach Kopenhagen kam, ist heute der berühmteste Däne auf der ganzen Welt. Und nicht weil er Schlachten geschlagen hat, sondern weil er die Herzen (und Hirne!) der Menschen mit seinen Märchen eroberte. An sein Geburtshaus in einem damals ärmlichen Odenser Viertel (die Encyclopaedia Britannica schreibt prosaisch "Andersen was born in a slum") ist heute ein liebevoll und intelligent eingerichtetes Museum angeschlossen, wo Sie Besucher aus aller Herren Länder antreffen. Und wenn Sie in der dänischen Hauptstadt dem schönen Assistens-Friedhof im Stadtteil Nørrebro einen Besuch abstatten, so werden Sie auf Andersens Grab stets frische Blumen finden. Mancher kommt von weit her und erweist hier dem Dichter seine Referenz. Ich gestehe es: auch ich bin ein großer Verehrer des Dänen. Als ich einmal auf dem Kopenhagener Rathausplatz stand, - eine imposante Anlage ist das, wie es sich für eine Weltstadt gehört, auf den stattlichen Häusern brennen bunte Leuchtreklamen und der mehrspurige Verkehr braust unablässig vorbei, - da ging mir in all dem Trubel das Herz auf, als ich das Straßenschild las: denn die größte und wichtigste Straße in der Hauptstadt ist nicht nach einem König oder Feldherrn, sondern nach Hans Christian Andersen benannt, und besonders freute es mich, dass er, anders als viele andere einsame Geniale, von seinem Ruhm noch zu Lebzeiten kosten konnte.

Nun, und eben das verdankt er und verdanken wir seinen Märchen. Es liegt in ihnen Witz, Weisheit und ein Zauber, der - was der kluge Verfasser wusste und bekanntermaßen auch aussprach - nicht nur die kleinen Leser und Zuhörer in ihren Bann zieht. Es handelt sich im wahrsten Sinne des Wortes um Weltliteratur: Zeit und Raum werden vor ihr gleichgültig. Ein Phänomen wie das von des Kaisers neuen Kleidern, den verstörenden Reiz einer bittersüßen Liebe, wie er die Kleine Meerfrau (wir Deutschen haben eine Meer"jung"frau daraus gemacht) überströmt, den Ausstieg aus der Kausalität der sogenannten Vernünftigen, für die es auf dem Entenhof nur Enten gibt, bis aus dem hässlichsten der Küken ein Schwan wird --- solche Erfahrungen sind keine, die auf das Dänemark des Goldenen Zeitalters beschränkt wären. Sie sind universell, und Andersen schuf die universellen Bilder dafür.

Die hier besprochene Ausgabe ist vollständig. Sie enthält alle Märchen Andersens in zwei Teilen mit jeweils neuer Seitenzählung in einem Band. Die Übersetzung aus dem Dänischen ist von Thyra Dohrenburg; ich habe das eine und andere Märchen von Andersen auch schon in Übersetzungen von anderer Hand gelesen und auf CD gehört; nach meinem persönlichen Urteil ist die Übertragung von Frau Dohrenburg aber die beste. Die Atmosphäre des 19. Jahrhunderts, in der die Texte entstanden, kommt meines Erachtens authentisch beim Leser an; Modernismen und gefällige Verdünnung des Leseflusses fehlen. Eher müsste man sagen, dass Eltern, die ihre Kinder an Andersens Märchen heranführen, ihnen manchen in dieser Ausgabe bewahrten altertümlichen Ausdruck erläutern müssen. Es stimmt natürlich, dass alles arg klein gedruckt ist. Aber das Buch ist sehr preiswert. Und eins kommt noch dazu: zu vielen Märchen sind in diesem Buch kleine Schwarz-weiß-Zeichnungen von Pedersen und Frølich abgedruckt. Nun haben ja etliche bekannte und weniger bekannte Künstler sich schon an der Illustration von Andersens Märchen versucht, bis hin zu Günter Grass. Die schlichten Zeichnungen von Pedersen und Frølich gefallen mir aber sehr gut. Sie sind liebevoll gemacht und stehen im rechten Verhältnis zum Text, indem sie ihm nämlich dienen.


Das zerbrechliche Leben: Roman
Das zerbrechliche Leben: Roman
von Robert Asbacka
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

14 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Orgelbauer, 21. März 2010
Ein Häuschen in den Schären vor bonbonfarbenem Himmel... - solche süßlichen Bilder zieren bei uns die Schutzumschläge von Büchern, sobald deren Verfasser Nordeuropäer sind. Fehlt nur noch das Elchkalb. Aber lassen Sie sich nicht täuschen, verehrte Amazon-Kunden! Der aus Finnland stammende Autor Robert Åsbacka kommt ohne sentimentalen Zungenschlag aus.

Åsbacka gehört in Finnland der schwedischen Minderheit an. Er schreibt Schwedisch. Seinem vierten Roman, dem ersten, der ins Deutsche übersetzt wurde, hat der Hanser-Verlag den eigenartigen Titel "Das zerbrechliche Leben" gegeben. Das ist ähnlich ärgerlich wie das Cover. Denn so ein Betroffenheitsjargon passt nicht zu dem Buch. Im Original heißt das Werk "Orgelbyggaren". Das bedeutet: "Der Orgelbauer". Ein Orgelbauer, wenngleich ein eigenartiger, ist nämlich die Hauptfigur des Buchs, der in der Region Österbotten in einem finnischen Provinzstädtchen lebende bald 80-jährige Rentner Thomasson. Thomasson hat 1994 seine Frau verloren: sie kam beim Untergang der "Estonia" ums Leben. Dieser Verlust bestimmt seit vielen Jahren den Alltag des Alten. Die Verstorbene war von Beruf Organistin. Der Witwer Thomasson wird zu Beginn des Romans als Anhänger Dietrich Buxtehudes vorgestellt. Es ist eine seltsam platonische Liebe zur Musik dieses Barockorganisten und -komponisten, denn Thomasson besitzt keinen CD-Spieler. In seiner Wohnung in einem Mehrfamilienhaus baut er im Gedenken an seine Frau die örtliche historische Kirchenorgel maßstabsgetreu in einer Wohnzimmerecke nach. Spielen kann er sie allerdings nicht... - Der Gang der Handlung wird hier nicht verraten, schauen wir uns lieber das Strukturprinzip des Romans an: Åsbacka entführt seinen Protagonisten aus dem sicheren Gehäuse, das die Abstraktheit des Verlusts und die Platonik der Leidenschaften für Thomasson bedeutet, nach draußen, buchstäblich ins Freie: dem Rentner widerfahren dort nun konkrete Verletzungen, die vom Autor geschickt komponiert, von Kapitel zu Kapitel sich an Buxtehudes Vertonung der sieben Wunden Christi orientieren, bis Thomasson schließlich, von einem Auto angefahren, im Krankenhaus sozusagen auf einer "höheren Reflexionsebene" ankommt. Bitte sagen Sie jetzt nicht: Ist das noch realisitisch? Selbstverständlich nicht. Das macht aber gerade das produktiv verstörende Potential des Buchs aus. Gleichzeitig damit, wie der konkrete Schmerz (des Körperlichen) heranrückt gegen die Trutzburg, in der Thomasson sich im abstrakten Schmerz (der Trauer, des Geistigen) eingerichtet hatte, wächst ihm eine neue Umwelt aus Menschen zu. Er lernt ein Kind, seine Hausnachbarn und vormals Fremde kennen. Er, der Alte, reift noch im Alter am Du. Und einen CD-Spieler hat er irgendwann auch.

Eine Bemerkung noch zu den Nebenfiguren. Eine Art Gegenspieler zu dem häuslichen Thomasson ist Berg, ein Pensionär mit Rollator, der den ganzen Tag auf der Straße Passanten in Gespräche über Bush und Putin - man könnte auch sagen: über Gott und die Welt - verstrickt; Berg bekommt aber auch ab und zu Rollen am Städtischen Theater, wo er seiner Alltagsredseligkeit zum Trotz gerade für seine Textunsicherheit bekannt ist: die Zwangspausen, der er zu Kunstpausen zu stilisieren weiß, gelten als sein Markenzeichen. Verglichen mit diesem grandios-bizarren Herrn Berg - er erinnerte mich an den komischen Nachbarn mit der Halskrause in den Kommissar-Beck-Verfilmungen mit Peter Haber - wirken leider die Frauengestalten in Robert Åsbackas Roman ein wenig farblos. Jetzt, da ich's hinschreibe, denke ich aber: Nein, so ist's gerade recht, das Weibliche steht in diesem Buch für das Gesunde, Kreative, Mütterliche, Lebendige, Helfende - und dafür brauchte Åsbacka keine verschrobenen Figuren.


Israel: Ein Staat sucht sich selbst
Israel: Ein Staat sucht sich selbst
von Igal Avidan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen In der Kürze liegt die Würze, 2. August 2009
Dass es das noch gibt! Eine faktengesättigte, auf solider Recherche beruhende Übersicht über Israel und den Nahostkonflikt, eine flüssig lesbare, abwechslungsreiche Darstellung und Analyse, gut und ausgewogen begründet - und das alles auf wenigen Seiten! Mit einem Wort: ein großer Wurf!


1967: Israels zweite Geburt
1967: Israels zweite Geburt
von Tom Segev
  Broschiert
Preis: EUR 16,95

4 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Weniger wäre mehr gewesen, 2. August 2009
Rezension bezieht sich auf: 1967: Israels zweite Geburt (Broschiert)
Segev sammelt Fakten. Mit Deutung und Analyse hält er sich zurück. Er lässt die Dokumente sprechen. Auf diese Weise bleiben sogar charismatische Akteure wie Itzhak Rabin, Moshe Dayan und Ministerpräsident Eschkol farblos. Wir sehen sie nur im Spiegel von Aktenvermerken, Dossiers und Zeitungsartikeln, über deren Inhalt Segev unermüdlich Seiten über Seiten referiert. Der große historische Wurf ist dieses Buch daher nicht, eher der Ausdruck eines fast schon grotesken Glaubens an "Authentizität". Verblüfft habe ich allerdings den von Segev in den Archiven des Generalstabs, des Mossad usw. erschlossenen Quellen entnommen, dass die Führung Isreals schon vor den Ereignissen des Juni 1967 mit erschreckender Klarsicht all die Probleme vorhersah, die wir noch heute, mehr als vierzig Jahre später, mit dem Begriff "Nahostkonflik" verbinden.

Dass "1967 - Israels zweite Geburt" die vermutlich umfangreichste Darstellung des 6-Tage-Krieges ist, verwundert nicht. Denn eine Überfülle von Zahlen und Fakten, Geschichten und Geschichtchen macht das Buch dick. Auf so mancher Seite ist allerdings der Zusammenhang mit dem Thema nur noch in homöopathischer Dosis vorhanden. Das gilt insbesondere für die überbreite Darstellung des Alltagslebens im Jahr 1967. Der Gedanke ist gut: Segev will zeigen, über welche Gesellschaft der Krieg hereinbrach - oder eben nicht wirklich "hereinbrach", denn der Verfasser belegt an Hand vieler Beispiele aus der großen und kleinen Politik, dass die Auseinandersetzung schon lange "in der Luft lag". Doch setzt der Verfasser seine Idee schlecht um. Das Philosophieren über Automarken des Jahres 1967 oder den "Bühnenhit der Saison" hätte seinen Reiz, wenn dadurch ein farbiges Bild der späten Sixties entstünde. Doch Segev ertrinkt im Detail. So zitiert er gar einen Briefwechsel, aus dem sich ergibt, dass sich ein junges Ehepaar "einen schönen Teppich kaufen" will, um in dem bald 80-seitigen (!) Fußnotenapparat nachzuweisen, er gebe hier "dem Autor anonym übergebene Schriften" wieder.

Fazit: weniger wäre mehr gewesen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 24, 2014 7:30 AM CET


Ich verfluche den Fluss der Zeit: Roman
Ich verfluche den Fluss der Zeit: Roman
von Per Petterson
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,11

10 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein nordischer Mutter-Roman - und viel mehr!, 28. Juli 2009
Arvid war in den 70er und 80er Jahren norwegischer Kommunist. Der Titel des Romans "Ich verfluche den Fluss der Zeit" ist eine Zeile aus einem Gedicht von Mao Tsetung, den Arvid verehrt. Das Buch spielt in Oslo und in Dänemark, genauer im Norden Jütlands und auf der Insel Læsø. Die Mutter Arvids ist nämlich Dänin. Die erzählte Zeit erstreckt sich von den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts bis zum November 1989. Über Jahrzehnte pendelt die Mutter zwischen Fabrikarbeit sowie Familienleben in Norwegen und bescheidenen Ferienaufenthalten in Dänemark, aber letztlich ist sie nirgends zu Hause. Mutter und Sohn sind wortkarg. Sie
machen nicht viel Aufhebens um sich und ihre "Beziehung". Die Handlung setzt ein, als bei der Mutter Ende 1989 Magenkrebs diagnostiziert wird. Gleichzeitig ereignet sich der Zusammenbruch des Kommunismus; in Berlin fällt die Mauer. So brechen auf einen Schlag zwei Konstanten in Arvids Leben weg.

War "Im Kielwasser" Pettersons Vater-Roman, so liegt mit "Ich verfluche den Fluss der Zeit" jetzt ein Mutter-Roman vor. Die Ich-Erzähler beider Bücher heißen Arvid. Das könnte zur Annahme verleiten, mit den zwei Werken zusammen habe man sozusagen ein Kompendium über "Arvids Eltern". Aber die Familiengeschichte der Figuren unterscheidet sich - dem doppelten Arvid zum Trotz - in vielen Details. Gemeinsam ist den Büchern Pettersons Erzählen. Denn literarisch gesehen ist ein Roman über das Verhältnis eines erwachsenen Mannes zu einem Elternteil eine brenzlige Sache. Wie schnell erliegen schwächere Autoren der Gefahr, psychologische Floskeln aufzuhäufen! Eine Mutter hat jeder. Was könnte man da schwadronieren! Per Petterson aber hält's mit Rilke. Der "alte Fluch der Dichter, die sich beklagen, wo sie sagen sollten, die immer urteiln über ihr Gefühl statt es zu bilden" - dieser Fluch trifft Petterson nicht:

Petterson porträtiert seine Charaktere nicht so sehr durch das, was sie denken oder fühlen. Mit vielen Rückblicken positioniert er sie vielmehr in von ungewöhnlichen Details gesättigten "Räumen", in nordischen Landschaften, in der Schokoladenfabrik, an Orten des Konsums wie der Kneipe oder Schiffscafeteria, so, wie ein Schachspieler seine Figuren positioniert. Dieses Verfahren ist für einen Roman, dessen Verfasser sich für einen Ich-Erzähler entscheidet, besonders bemerkenswert, weil man auf den ersten Blick meinen müsste, einprägsame, quasi "objektive" Bilder ließen sich so nicht erzeugen. Das Gegenteil ist der Fall. Staunend liest und sieht man, wie sich aus schlichten Vorgängen, in denen etwa der Sohn und die kranke Mutter einsilbig Calvados trinken oder in denen Arvid vor dem dänischen Ferienhaus einen Baum fällt, tief beeindruckende Szenen entwickeln. Per Petterson - ein Meister!


Der weiße Tiger: Roman
Der weiße Tiger: Roman
von Aravind Adiga
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen ... wieder nur so'n Ethno-Kram?, 15. Mai 2009
Rezension bezieht sich auf: Der weiße Tiger: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ja, das spielt in Indien. Ja, hier stehen uns schon wieder die Verheerungen an Haupt und Gliedern der seit Dekaden postkolonialen und neuerdings rasend schnell computerisiert gewordenen Gesellschaft des Subkontinents vor Augen. Ja, hier malt einer ein dickes Fragezeichen hinter den Kapitalismus. Ja, hier setzt wieder mal einer den wohlfeilen Kontrapunkt gegen Bollywood und romantische Curry-Düfte.

Also wieder nur so'n Ethno-Kram? Weit gefehlt! Ich glaube, Sartre war es, der gesagt hat, der Roman müsse ein Totum sein. So'n "Totum" haben wir hier. Das alte und das neue Indien, Herren und Diener, Gott und Götter.... Young Mister Aravind Adiga liefert uns im Gewande des Exotischen seiner zynischen Geschichte vom Outcast, der aus dem Elend der Zuckerbäcker-Kaste zum Chauffeur, Mörder und Unternehmer aufsteigt, nicht weniger als ein Meisterwerk. Da schreibt ein ganz Großer, der uns mit spitzer Feder und scheinbar mit leichter Hand im Buch vom "Weißen Tiger" die ganze menschliche Kommödie - oder Tragödie? - vorführt, und das in einer frechen, süffig lesbaren Story. Merci beaucoup, Monsieur!


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