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Beiträge von Thomas Liehr
Top-Rezensenten Rang: 1.130
Hilfreiche Bewertungen: 6040

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Rezensionen verfasst von
Thomas Liehr (Berlin)
(REAL NAME)   

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Abschied von Atocha
Abschied von Atocha
von Ben Lerner
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

5.0 von 5 Sternen Tiefgehende Kunsterfahrung, 17. Mai 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Abschied von Atocha (Taschenbuch)
Der junge Dichter Adam Gordon darf für ein Jahr in Madrid leben. Er hat ein Stipendium bekommen und setzt nun dort sein "Projekt" um, eine mehrstufige und -phasige Struktur, die er recht willkürlich diesem Jahr gegeben hat. Was in welcher Phase genau passiert oder was das Ziel des Projekts sein soll, bleibt weitgehend offen - es hat mit Drogenkonsum zu tun, aber auch mit sozialer Interaktion. Und mit der Wahrnehmung von Kunst, mit ihrer Intention und (möglichen) Bedeutung.

Gordon hält sich, wie übrigens viele Künstler, für einen Scharlatan. Seine Dichtung besteht aus eher zufällig zusammengesetzten Wortübertragungen, absichtlichen Fehlübersetzungen und vergleichbaren Elementen. Weniger ungenau ist er, wenn es um den Umgang mit anderen Menschen geht: Er ist ein äußerst genauer Beobachter, steuert sich vor allem selbst in so gut wie jeder Situation, sogar wenn er unter Strom ist, also ein paar Pillen eingeworfen oder Gras geraucht hat. Mimik und Gesten sind einstudiert und werden dosiert eingesetzt, allerdings nicht immer erfolgreich. Gordon liebt die Unschärfe seiner mangelhaften, über die Zeit aber - leider - besser werdenden Spanischkenntnisse, und den damit einhergehenden, riesigen Interpretationsraum, den er sich und anderen eröffnet. Äußerst amüsant sind die Passagen, in denen er spanischen Freunden zuhört und darüber spekuliert, was sie möglicherweise erzählen; seine Reaktionen demgegenüber sind vorgefertigt und sollen ihn möglichst lässig, entspannt, mal distanziert, mal teilnahmsvoll erscheinen lassen. Interpretation ist das übergreifende Thema des Romans - Interpretation nicht nur bezogen auf den Umgang, sondern auf die Wahrnehmung von Kunst. Die Geschichte beginnt damit, dass Gordon täglich in ein Museum geht und ein Gemälde anstarrt. Er will das Phänomen der "tiefgehenden Kunsterfahrung" untersuchen, das er für ein Gerücht hält, weil er nicht glaubt, dass Kunst eine solche kathartische Wirkung haben kann. Letztlich glaubt Gordon nicht wirklich an Kunst, muss aber - nicht immer erstaunt - feststellen, dass so gut wie alles, was er als Dichter fabriziert, begeistert zur Kenntnis genommen wird.

Er begegnet zwei Frauen, in die er sich möglicherweise verliebt, deren Nähe er jedenfalls sucht, aber er kann es nicht lassen, ständig zu analysieren und eben zu interpretieren. Kaum nötig, zu erwähnen, dass er oft danebenliegt, aber letztlich spielt das keine große Rolle. Oder doch, weil die Beliebigkeit der Interpretation und das Spiel mit dieser Ebene im Vordergrund der Erzählung steht. Das wird umso deutlicher, als im letzten Drittel des Stipendiatsjahres die Terroranschläge unter anderem auf den Madrider Bahnhof Atocha (2004) stattfinden, woraufhin sich alles - zwischenmenschliche Interaktion, aber auch die Wahrnehmung von Kunst - nur noch auf diese Ereignisse zu beziehen scheint: Der Kontext gibt die Sichtweise vor. Das scheint mir letztlich die Botschaft dieses Romans zu sein, aber auch hier wäre ich nicht sicher. Ben Lerner beantwortet seine eigenen Fragen nicht.

"Abschied von Atocha" liest sich einfach wunderbar leicht, obwohl Sprache und Satzbau zuweilen ziemlich kompliziert sind, aber man erfasst die Bedeutung und die Melodie der Situationen auch, ohne jedes Fremdwort zu verstehen und dem Namedropping in aller Tiefe folgen zu können. Das Buch wurde als "Schelmenroman" bezeichnet, was möglicherweise stimmt, aber in erster Linie kommt es mir wie die Erzählung von einem Typen vor, der sich einfach jede Menge Gedanken macht - Gedanken, die man sich durchaus machen sollte. Nicht alles davon ist zielführend, manches sogar kontraproduktiv, aber der Weg, auf dem man Adam Gordon begleitet, ist ein Heidenspaß.


Philips 55PUS8700 139 cm ( (55 Zoll Display),LCD-Fernseher )
Philips 55PUS8700 139 cm ( (55 Zoll Display),LCD-Fernseher )
Wird angeboten von TECHNIK TRADE
Preis: EUR 1.659,64

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Tolles Design, LED-Panel mit Fehlern, schlechte Bedienung, 9. Mai 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Vorweg: Ich habe das Gerät zurückgegeben; der Kaufpreis wurde auch sofort erstattet.

Der erste Eindruck war eigentlich sehr gut - wie so oft bei Philips stimmte vor allem das Design. Leider war das, was sich unter der hübschen Haube verbarg, dann nicht mehr ganz so prickelnd.

Nach der relativ problemlosen Inbetriebnahme und dem Anschluss aller Zusatzgeräte hatte ich sofort das Gefühl, dass am Bild etwas nicht in Ordnung war. Bei hellen Hintergründen blieben alle vier Ecken des LED-Panels schattiert, erreichten also nicht die nötige Farbhelligkeit. Parallel zum linken und zum rechten Rand zeigten sich außerdem senkrechte Graustreifen, die ebenfalls bei hellen Bildern sogar deutlich zu sehen waren. Der Effekt trat mit allen Quellen auf und blieb auch bei direkt eingespeisten 4K-Bildern (Rechner, Fire TV/2) bestehen. Nach einiger Recherche habe ich herausgefunden, dass auch andere Käufer dieses Problem beklagten. Es handelt sich also um ein offenbar bauartbedingtes Problem.

Weitere Rückgabegründe wären die Bestückung mit "android tv" und die entsprechend ausgestattete, recht klobige und beidseitig mit Tasten bestückte Fernbedienung gewesen. Das zentrale Bedienkreuz ist zugleich ein Touch-Panel, aber es mag sich nicht so recht entscheiden, welche Funktionalität es bevorzugt. Es war, um es kurz auszudrücken, nicht immer leicht, auch die Funktion auszulösen, nach der man verlangt hatte. Der Fernseher benötigte unterschiedlich lange Zeiten, um auf Befehle zu reagieren, und schon in der kurzen Zeit, in der ich ihn hatte, musste ich fünf-, sechsmal den Stecker ziehen, um ihn via Systemneustart dazu zu bringen, überhaupt wieder meinen Befehlen zu folgen. Vorher blieb das Gerät stoisch an einer externen Quelle hängen, verweigerte die Anzeige der Senderübersicht und ähnliches. Immerhin war der Senderwechsel auch zu Kanälen, die erst via CI+-Adapter zu entschlüsseln waren, vergleichsweise flink.

Fazit: Tolles Design, leider bauartbedingte Farbfehler, haarsträubende Bedienung.


Straße der Wunder
Straße der Wunder
von John Irving
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,00

13 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Sadomaso für Esoteriker, 4. Mai 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Straße der Wunder (Gebundene Ausgabe)
Die Frage, ob dieser Roman ein Meisterwerk ist oder doch eher das Gegenteil davon, kommt mir in erster Linie wie eine rein rhetorische Frage vor. Ein Meisterwerk stammt von jemandem, der sein Fach meisterlich beherrscht. Fraglos kann John Irving das, was er während der vergangenen Jahrzehnte praktiziert hat, auf seine ganz persönliche Weise sehr gut, er ist also quasi ein Meister des irvingschen Schreibens, aber mit diesem Buch stellt sich einmal mehr die Frage, was darunter eigentlich zu verstehen ist.

"Straße der Wunder" erzählt von Juan Diego Guerrero, einem begabten Kind, das auf einer Müllkippe in Mexiko aufwächst. Seine Mutter ist eine Prostituierte, die außerdem als Putzfrau in einem Jesuitenkloster arbeitet, und Juan Diegos Schwester Lupe kann Gedanken lesen, aber sie spricht eine eigentümliche Sprache, die nur der Bruder versteht und also ständig dolmetschen muss. Wer der Vater der Kinder ist, weiß nicht einmal Esperanza, die Mutter, ganz genau, aber die Kinder leben bei einem Mann namens Riviera, der auch "el jefe" genannt wird, weil er der Müllkippendeponiechef ist, was auch immer das bedeutet, und möglicherweise ist dieser Riviera ja der Erzeuger. Juan Diego bringt sich mit Büchern, die er auf der Deponie vor dem Verbrennen rettet, das Lesen, das Schreiben und sogar die englische Sprache bei. Eines Tages wird er versehentlich vom mutmaßlichen Vater überfahren, wobei Juan Diego der rechte Fuß zerquetscht und für immer entstellt wird. Der "Müllkippenleser", wie Irving das Kind unermüdlich nennt, wird zum hinkenden Krüppel.

In einer Gegenwartshandlung ist Juan Diego in den Fünfzigern und arrivierter Schriftsteller. Er bereist die Philippinen, um ein Versprechen aus seiner Kindheit einzulösen. Diese Odyssee enthält einige seltsame Begegnungen, aber meistens schläft der herzkranke Schriftsteller, weil ihn Betablocker in die Knie zwingen. In den Schlafphasen träumt er von seiner Kindheit, wovon das Buch wiederum erzählt - "Straße der Wunder" verflechtet die geträumte Vergangenheit und eine Gegenwart, die nicht weniger mystisch und indirekt daherkommt; irgendwann ist nicht mehr auszumachen, was davon im Kontext der Geschichte stimmt, imaginiert oder Grenzerfahrung ist.

Das Buch ist mit Motiven nachgerade geflutet. Zwar gibt es keine Bären und niemand betreibt das Ringen, dafür spielen einige Episoden im Zirkus, Löwen beanspruchen eine große Rolle, und wieder einmal ist die Hauptfigur ein Schriftsteller, der sich viele ironische Gedanken über Lesererwartungen und memoirisches Schreiben macht. Es gibt einige Querverweise auf "Die wilde Geschichte vom Wassertrinker", Irvings zweiten Roman (1989), wobei an solchen Stellen letztlich keine Rolle spielt, ob Irving mit direkt autobiografischen Elementen Täuschungsmanöver konstruiert oder einfach die Lust verloren hat, sich etwas auszudenken. In der Hauptsache jedoch scheint es um die titelgebenden Wunder zu gehen, um jenen Bereich zwischen Esoterik und Wissenschaft, der noch keiner Seite zugeschlagen wurde, und die katholische Kirche mit ihren eigenartigen Regeln bekommt ordentlich ihr Fett weg, während deren Protagonisten - in erster Linie Jesuiten - sehr nett dargestellt werden. Die Figurenschar in diesem Roman ist umfangreich, manch eine Person taucht unvermittelt auf, gewinnt aber sofort zentrale Bedeutung, etwa die Transvestitin Flor, in die sich ein nach Mexiko migrierter Jesuit verliebt, um gemeinsam mit ihr den später schwesterlosen Juan Diego unter ihre Fittiche zu nehmen.

Es gibt im Roman ein einziges Kapitel - Titel "Fünfter Aufzug, dritte Szene" - von ungefähr vierzig insgesamt, das mich überzeugt, gerührt und für ein Weilchen mit dem Rest versöhnt hat. Darin erzählt Irving vom späteren Leben des Helden in Iowa City, noch im jugendlichen Alter und mit der AIDS-Erkrankung der Pflegeeltern konfrontiert. Diese Kapitel verfügt über eine enorme erzählerische Dichte, reduziert in wohltuender Weise die ständigen Wiederholungen, in Klammern gesetzten Anmerkungen und in großer Menge verwendeten Kursiven, diese, mit Verlaub, Zumutung, die der Roman insgesamt ist. Denn das ist er leider. Der Autor hat versucht, Bedeutung durch eine Vielzahl von Andeutungen zu suggerieren, wirft dem Leser quasi eine ungeheure Menge von Indizien vor die Füße, auf dass sich dieser seine eigene, wirre Theorie zusammenbasteln mag. Anders gesagt: Ich hatte auch nach Beendigung dieser fast 800 sehr, sehr langweiligen Seiten nicht die geringste Ahnung davon, worum es auf ihnen ging. Am Unangenehmsten war dabei dieses Gefühl, einer äußerst lustlosen Abschiedsrede zu lauschen, einer vorweggenommenen Traueransprache, deren Redner sich nicht die Mühe gemacht hat, aus den Anmerkungen der Hinterbliebenen jene auszufiltern, die interessant sein könnten und in ihrer Gesamtheit etwas aussagen.

An dieser Stelle könnte die übliche Liste der Iriving-Romane folgen, die den Rezensenten begeistert haben, ergänzt um jene, bei denen das nicht der Fall war, um dieses vergurkte Buch zwischen den anderen einzuordnen. Tatsächlich steht "Straße der Wunder" in deutlichem Zusammenhang zum vorigen Werk, nicht zuletzt, weil es die meisten Elemente daraus repetiert - vom Wunderkind über den Zirkus, Abtreibungsfragen, Kriegserlebnisse, Neu England, die Schriftstellerei u.v.a.m. Auf der anderen Seite steht die maßlose Übertreibung esoterischer Aspekte, unscharfer Ereignisse, vermeintlich origineller Figuren und Illusionen in der Illusion in keinem Zusammenhang mit der erzählerischen Substanz, die es vorher gab. "Straße der Wunder" handelt, um es auf den Punkt zu bringen, von nichts: Dem Leser bleibt überlassen, was er mit dieser Flut von Zufällen, eigenartigen Personen, Geistererscheinungen, Sexgeschichten, bedeutungsschwangeren Andeutungen und bis zum Erbrechen wiederholten irvingschen Eigenartigkeiten anfängt. Im Fall des Rezensenten war die Entscheidung einfach. Dieses Buch ist, von einem einzigen Kapitel abgesehen, nicht lesenswert, aber ein Meisterwerk ist es durchaus: Eine meisterliche Veralberung der Leser.


Das zerstörte Leben des Wes Trench: Roman
Das zerstörte Leben des Wes Trench: Roman
von Tom Cooper
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

5.0 von 5 Sternen Wie T. C. Boyle zu seinen besten Zeiten, 5. April 2016
Nachdem der Hurrikan Katrina im Jahr 2005 die Südstaaten der USA verwüstet hat, ist im "Bayou", dem sumpfigen, inselreichen Mündungsdelta des Mississippi, ohnehin nichts mehr wie vorher, doch fünf Jahre später folgte der Blowout der Ölplattform "Deepwater Horizon" und gab der Region den Rest. Der inzwischen volljährige Wes Trench hatte durch den Sturm die Mutter verloren, weshalb die Fangfahrten mit dem Vater, der - wie so viele in der Gegend - Shrimpfischer ist, unter enormer Belastung stehen, denn die Mutter wollte vor dem Sturm flüchten, während der Vater darauf beharrte, im Örtchen Jeanette zu bleiben. Außerdem gehen die Fangmengen zurück - und keiner will mehr die möglicherweise verseuchten Shrimps aus dem Delta essen. Aus der Belastung wird schließlich die Trennung: Wes Trench heuert beim einarmigen, medikamentensüchtigen Lindquist an, der zwar auch Shrimps fängt, in der Hauptsache aber auf der Suche nach dem legendären Schatz des Freibeuters Jean Laffite ist. Doch Lindquist kommt bei seinen Touren mit dem Metalldetektor jener Insel zu nahe, auf der die aggressiven Zwillingsbrüder Reginald und Victor Toup ihre Marihuanaplantage betreiben.
Ergänzt wird das Romanpersonal um einen unsympathischen Menschen namens Grimes, der selbst aus der Gegend stammt, diese jedoch hasst - und nun im Namen von BP versuchen muss, den Fischern niedrige Abfindungen aufzuschwatzen, damit sie von einer Klage absehen. Und außerdem sind da noch zwei Abenteurer namens Hanson und Cosgrove, die sich im Rahmen einer Strafmaßnahme kennenlernen, Wind von der Haschinsel der Toup-Brüder bekommen und sich auf die Suche nach ihr machen.
Wir befinden uns im Sommer des Jahres 2011.

Der Roman mit dem etwas unglücklichen und inhaltlich auch nicht ganz stimmigen deutschen Titel beginnt damit, dass dem behinderten Lindquist die teure Armprothese gestohlen wird. Relativ gemächlich, aber umso eindringlicher entwickelt sich ein Beziehungsgeflecht, das atmosphärisch ungeheuer dicht ist, und das von der Hitze, Feuchtigkeit, Lebendigkeit und Bedrohlichkeit der Region zusammengehalten wird. Es ist heiß und anstrengend, alle schwitzen fortwährend, ständig krabbeln ihnen irgendwelche Viecher über den Weg - von den omnipräsenten Moskitos über handgroße Spinnen bis zum Zwei-Meter-Alligator -, und dennoch ist diese eigenartige Gegend ihr Lebensinhalt, das Fundament ihres Seins, geliebt und gehasst zugleich, denn so fragil wie das ölpestbedrohte Biotop sind auch die menschlichen Abhängigkeiten. Während sich die Titelfigur Wes Trench sicher ist, das eigene Leben auch dort zu verbringen, verbringen zu wollen, träumen die meisten anderen Figuren davon, so schnell wie möglich wegzukommen. Ob das mittelbare Ziel darin besteht, den legendären Schatz, die Cannabis-Plantage oder den Fang des Lebens zu finden, oder einfach nur, möglichst rasch alle Fischer auf der Abfindungsliste abzuhaken, spielt dabei letztlich keine Rolle. Die wachsende Lebensfeindlichkeit kriecht aus jeder und in jede Ritze. Und schließlich in das Gehirn des Lesers.

"Das zerstörte Leben des Wes Trench" erinnert nach dem - wie erwähnt etwas gemächlichen - Einstieg an T. C. Boyle zu seinen besten Zeiten. Lakonisch, ungeheuer rasant, eindringlich, sehr spannend, mit einem exzellenten sprachlichen Timing und mit einem guten Gefühl für Dramaturgie konstruiert Tom Cooper die Handlungsstränge, die diese Mischung aus Umweltroman, Regionalkrimi (im sehr weiten Sinn), Milieustudie, Underdog-Saga und Entwicklungsgeschichte in einen recht fulminanten Showdown münden lassen, der wohltuenderweise nicht alle Fragen beantwortet. Die größte Stärke dieses äußerst lesenswerten Romans besteht jedoch in der plastischen Vermittlung der umgebenden Situation. Großartig!


Sörensen hat Angst
Sörensen hat Angst
von Sven Stricker
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Alter Falter!, 17. März 2016
Rezension bezieht sich auf: Sörensen hat Angst (Taschenbuch)
Ich weiß, die Wendung "alter Falter" ist irre uncool - niemand, der etwas auf sich hält, sollte sie noch verwenden. Aber das waren tatsächlich die ersten Worte, die mir in den Sinn kamen, als ich nach 427 Seiten die Lektüre von "Sörensen hat Angst" beendet hatte: Alter Falter, was für ein Buch!

Kriminalkommissar Sörensen, dessen Vornamen man nicht erfährt, leidet unter einer generalisierten Angststörung. Freundin und Kind haben ihn verlassen, er hat eine Therapie absolviert und steht unter entsprechender Medikation. Und er glaubt, nein, er hofft, sich besser in den Griff zu bekommen, wenn er die laute, anstrengende Großstadt Hamburg verlässt und in die Provinz umzieht. Das Wechselangebot eines Kollegen aus einem Nest namens "Katenbüll" kommt da genau richtig. Im ruhigen Nichts irgendwo an der Nordseeküste, denkt Sörensen, kann er wieder zu sich finden und die Angst bewältigen, wenigstens ausblenden. Allerdings ist dieses Nichts alles andere als ruhig und beschaulich - und kaum ist der neue Kommissar im verregneten, septembergrauen Katenbüll angekommen, wird auch schon die erste Leiche gefunden. Bürgermeister Hinrichs ist im eigenen Pferdestall durch drei Pistolenkugeln getötet worden. Und damit fängt es erst an.

Also - eigentlich fängt es ganz anders an. Man begleitet Sörensen auf seinem Weg in die Provinz, lauscht seinen Gedanken, und einem Gespräch mit dem jungen Ole, der als Anhalter einsteigt und das gleiche Ziel hat. Das ist recht amüsant, aber nie unsubtil, und man gewöhnt sich schnell an diese Figur, die einem sofort sympathisch ist - ein Gefühl, das sich bis zum Ende unaufhörlich verstärkt. Die Erwartungshaltung lässt sich an dieser Stelle noch wie folgt zusammenfassen: Aha, das wird ein schlau-lustiger Regionalkrimi. So eine Mischung aus Karen Duves "Regenroman" und einem der ersten Klüpfel/Kobr-Dinger ("Milchgeld"), nur in viel besser. Weil es, wie schnell zu bemerken ist, äußerst stilsicher und im perfekten Duktus verfasst wurde - und wenn es um Dialoge geht, kann man vor Sven Stricker nur den Hut ziehen. Es macht einfach Spaß. Doch das Lachen bleibt einem sprichwörtlich bald im Halse stecken. Wie dem toten Bürgermeister Hinrichs der Zettel mit dem ominösen Bibelzitat. Hatte ich das schon erwähnt?

Während der kommenden drei Tage erweist sich die Provinzidylle als reine (und, vorsichtig gesagt, nicht besonders hübsche) Kulisse, hinter der die Hölle lauert. Zusammen mit einer hübschen und klugen Kollegin namens Jennifer Holstenbeck und dem schlurfigen Praktikanten Malte Schuster sieht sich der angstgestörte Kriminalist mit Strukturen konfrontiert, die sich hinter brutalster Großstadtkriminalität nicht verstecken müssen: Watch out, Bronx - here comes Katenbüll!

Ständig die eigene Angst und die vorhersehbaren Attacken im Nacken, stapft Sörensen, der ein bisschen George Clooney ähnelt, durch den omnipräsenten Matsch, begegnet dem eigenartigen, überlässigen Pfarrer Mielke, dem halbseidenen Fleischfabrikanten Schäffler, der nassforsch-dummdreisten Zweiten Stellvertretenden Bürgermeisterin Frauke Dietz, der "Käse-Käthe" und vielen anderen, die allesamt schwerste Päckchen zu tragen haben und keineswegs irgendein ländliches Ideal leben - ganz im Gegenteil. Mit jeder Begegnung verstärkt sich zudem die Erkenntnis, dass das Experiment scheitern wird, aber erstaunlicherweise ist es die hohe Schlagzahl an Ereignissen, die die Störung deckelt. Je stärker Sörensen unter Druck gerät, umso besser funktioniert er. Okay, so richtig in volle Fahrt gerät er nie, weil er eben Sörensen ist, ein nachdenklicher, guter Beobachter, ein Feingeist und Menschenfreund, und nicht der Haudrauf-Typ, der die ohnehin flache Landschaft hemdsärmelig plättet. Und genau das zeichnet ihn und dieses bemerkenswerte Buch auch aus: Es ist ein Figurenroman, eine Geschichte, in der die Menschen, ihre Schicksale und Eigenarten im Vordergrund stehen - und der Fall, den es zu lösen gilt, dient als verbindendes Element, wenn auch als sehr wuchtiges. Da ist dann auch verzeihlich, dass man zuweilen denkt, es müsse doch ein wenig rasanter vorangehen, andererseits vergisst man gelegentlich, dass es ganze drei Tage sind, von denen Stricker da erzählt. Schon nach wenigen Seiten kommt es einem vor, als hätte man selbst mindestens einen langen, trüben Herbst in Katenbüll verbracht. Die feuchtkalte Tristesse schleicht sich in alle Poren und Synapsen. Und dennoch schwingt immer ein gerüttelt Maß an optimistischer Fröhlichkeit mit - das ist hohe Kunst, es auf diese Weise hinzukriegen.

"Sörensen hat Angst" ist ein feines, nachdenkliches, äußerst sympathisches Buch. Es ist eigentlich kein Kriminalroman und erst recht keine besonders komische Geschichte, sondern, wie der Titel sagt, die Erzählung von jemandem, der Angst hat - und dort, wo er eigentlich Ablenkung sucht, auf genau dieses Gefühl trifft. Denn Katenbüll, dieses stereotype, langweilige Kaff am Koog, das steht für alles, was unser Zusammensein erschwert, und ganz vorne auf dieser Liste findet sich eben: Angst. Eine Angst, der man unbedingt entgegentreten muss. Mindestens so, wie Sörensen das macht.

Bitte schnellstmöglich mehr davon, Herr Stricker! Danke.


Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen: Roman
Onno Viets und das Schiff der baumelnden Seelen: Roman
von Frank Schulz
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

2.0 von 5 Sternen Sünd ji noch all dor? - Eher nicht., 17. März 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Sechs Jahre nach den Erlebnissen mit dem "Irren vom Kiez" leidet Onno Viets immer noch unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Auch Edda, die Jugendliebe, mit der der gutherzige, stoische, liebenswürdige Onno eine vermeintlich ewige Beziehung pflegt, ist inzwischen spürbar auf Distanz gegangen. Da kommt es gerade recht, als der verrückte, alte Vetter Donald auftaucht und Onno als "Leibwächter" anheuert, um eine Woche gemeinsam auf dem Mittelmeer herumzuschippern, auf der "Flipper IV", weil Vetter Donald dort eine junge, hübsche Frau stalken will, die im Entertainment-Ensemble tätig ist und von der Donald glaubt, sie erwäge eine Beziehung mit ihm. Dass das völlig absurd ist, weil der Vetter wie eine im Keller vergessene Kartoffel aussieht und in etwa so freundlich wie ein albanischer Auftragskiller ist, steht zwar von Anfang an fest, aber der Weg ist das Ziel. Nur sind Ziel und Start bei einer Kreuzfahrt oft dasselbe - und der Weg führt lediglich im Kreis. Was dramaturgisch recht gut zusammenfasst, was in diesem Ungetüm von einem Roman passiert. Nämlich so gut wie nichts.

Frank Schulz bedankt sich im Nachwort bei "AIDA cruises", weil die Firma ihn auf eine Kreuzfahrt mit der "AIDAvita" eingeladen hatte. Eine kurze Suche fördert zutage, dass sich Schulz bei seinen Schiffsbeschreibungen an das Original gehalten hat - wenn er von der "Anytime Bar" und dem "Time Tunnel" und ähnlichem erzählt, dann meint er seine persönlichen Erlebnisse und eben jenes Schiff. Vermutlich wurde er als Autor für Lesungen auf dem Pott eingeladen - und kam dabei auf die Idee, das Setting für Onno Viets zu verwursten. Das ist, um es kurz zu sagen, gründlich misslungen.

Sechs Tage lang muss man miterleben, wie der misanthropische Vetter und der hinterhertrottende Leibwächter, der all das irgendwie mag, von der Kabine zum Frühstück und auf das Pooldeck oder in irgendeine Bar schlingern, die "Fratzen" (Donald) beobachten und am nächsten Morgen wieder von vorne anfangen. Sie saufen, sie rauchen auf dem Kabinenbalkon, sie schwatzen, meistens über alte Zeiten oder die anderen Gäste, selten mit ihnen. Donald lästert, Onno verhält sich defensiv-wohlwollend. Die Betrachtung des Mikrokosmos' schleift sich spätestens am zweiten Tag; da ist nichts unerwartet oder überraschend, nicht einmal originell, aber Schulz wiederholt es dennoch, zitiert gar die faden Witze, mit denen die Shows im Amphitheater eingeleitet werden, und dann geht's wieder in den "Time Tunnel" oder die "Anytime Bar" oder so. Hin und wieder gönnt sich Onno einen Landgang, während Donald seine Angebetete umkreist wie ein vergessener Satellit die Erde im Orbit. Was man lernt: Kreuzfahrten sind irgendwie doof, aber gut organisiert, das Essen schmeckt - und man trifft viele durchschnittliche Menschen, denen völlig egal ist, dass so ein Topf auf hundert Kilometer so viel Diesel verbraucht wie alle PKW der Republik zusammengenommen. O-kay. Für diese Erkenntnis bräuchte man aber keinen handlungsfreien Roman. Anders gesagt: Schulz hätte auch sein persönliches Reisetagebuch veröffentlichen können. Oder eine zynische Reportage, wie dereinst David Foster Wallace mit seinem kongenialen "Schrecklich amüsant - aber in Zukunft bitte ohne mich".

Die eigentliche Geschichte ist eine ganz andere, nämlich die von jener Liebe zwischen Edda und Onno. Da kriselt es, und zwar ganz erheblich, aber das wird leider auf den letzten paar Seiten abgehakt. Der Weg dorthin ist schwierig, meistens ziemlich langweilig und unterm Strich völlig überflüssig (weil: Kreis), ergänzt außerdem um viele unnötige Wiederholungen, die die Vorgeschichte erzählen, die aber längst bekannt ist, nämlich aus dem - guten - "Onno Viets und der Irre vom Kiez".
Aber Schulz ist Schulz und nicht irgendwer. Sprachliche Kapriolen, herrlich schräge Bilder und treffende Neologismen gibt es auch in diesem Buch, manch ein Satz taugte selbst für anspruchsvollere Aphorismensammlungen, und einiges ist tatsächlich urkomisch - aber ausgerechnet die Einschübe vom "Kasper Spackennacken" aus Vetter Donalds gleichnamigem Puppenprogramm sind es beispielsweise leider nicht. Die Betrachtungen der Kreuzfahrttouristen haben einen großen und für Schulz ungewöhnlichen Fremdschamfaktor, auch und vor allem, weil sich der Autor hinter dem ollen Vetter Donald versteckt - und den auf Leute eintreten lässt, die sowieso metaphorisch am Boden liegen. Zwischen den Zeilen wird angedeutet, dass da noch eine weitere Geschichte um Onno Viets zu erzählen ist, und es steht zu hoffen, dass Schulz dann wieder zu alter Form zurückfindet - und darauf verzichtet, etwas, das sowieso lächerlich ist, als Nährboden für lahme Anekdotenabhakerei zu verwenden. Mehr ist dieser unoriginelle Reisebericht nicht. Die dramaturgische Klammer, nämlich die Liebesgeschichte, gewinnt oder verliert nichts durch diese ermüdenden sechs Tage an Bord.
Und deshalb lautet die Antwort auf die wiederkehrende Frage "Sünd ji noch all dor?" (Seid Ihr noch alle da?), mit der die Kasper-Spackennacken-Einschübe eingeleitet werden, tendentiell auch: Ja, schon, weil da Schulz schreibt. Aber auch nur deshalb. Obwohl es schmerzt, den Beweis dafür in den Händen zu halten, dass auch großartige Autoren zuweilen ganz schön tief ins Bordklo greifen können. Wie hier geschehen.


22:04
22:04
von Ben Lerner
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Alles wird so sein, wie es jetzt ist, nur ein klein wenig anders, 22. Februar 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: 22:04 (Gebundene Ausgabe)
Die Mammutaufgabe, mit der Doc Emmett Brown und Marty McFly konfrontiert sind, als sie im ersten "Zurück in die Zukunft"-Film (1985, Regie: Robert Zemeckis) versuchen, die 1,1 Gigawatt Leistung zu generieren, die die Zeitmaschine benötigt, um Marty aus dem Jahr 1955 zurück ins Jahr 1985 zu transportieren, besteht darin, genau jenen Moment abzupassen, in dem der Blitz in die Rathausuhr von Hill Valley einschlägt - den Marty nur deshalb kennt, weil ihm kurz vor der Zeitreise ein Flugblatt mit dem Titel "Rettet die Rathausuhr" zugesteckt wurde. Über eine wilde Kabelkonstruktion und eine Art Stromabnehmer am De Lorean wird, wenn alles passt, um exakt 22:04 Uhr ("11:04 P.M." im Original) der Blitz in den Flux-Kompensator umgeleitet - und die Maschine antreiben. Wir alle wissen, dass das geklappt hat, und als Marty in seine Zukunft zurückkehrte, war alles so wie vorher - nur ein klein wenig anders.

Jener Zeitpunkt, der bei einer Studiotour durch die Kulissen von "Universal" immer noch abzulesen ist, hat Ben Lerners zweitem Roman den Titel gegeben. Diese popkulturelle und vergleichsweise massentaugliche Referenz täuscht allerdings eine Leichtigkeit vor, die bestenfalls zwischen den Zeilen entsteht. "22:04" ist ein komplexes, kompliziertes, nicht immer leicht zu lesendes Buch, wobei die Flut von Andeutungen, philosophischen Analysen, kultur- und sozialpolitischen Anmerkungen, metaphysischen Gedankengängen und zeitgeschichtlichen Betrachtungen das bisschen Handlung manchmal völlig verdrängt.

Der ich-erzählende Autor, dessen Vorname Ben nach meiner Zählung nur einmal erwähnt wird, hat seinen ersten Roman in einem kleinen Verlag veröffentlicht - und ist über Nacht zum Liebling der Kritiker geworden. Folgerichtig wird ihm eine absurde Summe als Vorschuss für das nächste Buch angeboten, das nach der aktuellen Idee von einem mäßig bekannten Schriftsteller erzählen soll, der Briefwechsel mit deutlich bekannteren Berufskollegen fälscht, um quasi vorwegnehmend das eigene Erbe aufzuwerten. Aber der Autor kommt, als es dann tatsächlich ans Schreiben geht, schnell wieder von dieser Idee ab. Im Ergebnis verfasst er das Buch, das man nunmehr lesen kann, also die Erzählung davon, wie ein Schriftsteller seinen Erstling veröffentlicht hat und sich anschließend in jener vakuumesken Situation findet, die entsteht, wenn die Füße beim Sprung in der Luft sind: Man ist abgehoben, aber noch nicht gelandet, weiß also nicht, wie die Sache ausgehen wird. Beim Start der "Challenger"-Raumfähre (1986), der übrigens auch im Roman thematisiert wird, kam es in diesem Augenblick zur Katastrophe.
Der Autor ist New Yorker, leidet vermutlich unter dem Marfan-Syndrom, einer seltenen Bindegewebserkrankung, die dazu führen könnte, dass seine Aorta platzt, und erlebt die Absurditäten, die diese Stadt zu bieten hat, als Selbstverständlichkeiten. Eine der dramaturgischen Klammern des Romans bilden zwei Unwetter, die die Großstadt in den Ausnahmezustand versetzen, obwohl eigentlich jeder weiß, dass wieder einmal nichts Katastrophales geschehen wird. Ungeachtet dessen deckt man sich mit Überlebensrationen und Taschenlampen ein, kauft die Supermärkte leer und bildet ritualisierte Notgemeinschaften; der Autor verkriecht sich bei seiner guten Freundin Alex, die übrigens versucht, ihn als Samenspender zu akquirieren, weil sie ein Kind, aber - vielleicht - keine Beziehung will. Während er über diese Frage und viele andere nachdenkt, schaut er sich via Beamer, der das Bild an die Zimmerwand projiziert, "Zurück in die Zukunft" an - ohne Ton, um den Wetterberichten lauschen zu können. Später erleben wir ihn, wie er durch die Stadt spaziert, mit der Literaturagentin in einem Nobelrestaurant zu Tode massierte Babyoktopusse speist, und ein vierwöchiges Residenzstipendium in der Provinz im amerikanischen Südwesten absolviert. Eine sehr bemerkenswerte Teilgeschichte handelt von seiner Arbeit in einer Art Lebensmittelkooperative, der besser betuchte New Yorker angehören, um sich mit Obst und Gemüse zu versorgen, das etwas weniger giftig als das Zeug aus dem Supermarkt ist. Im Gegensatz dazu steht eine Drogenepisode während der Stipendiatszeit, die wie aus der Zeit gerissen daherkommt und ein wenig an Hunter S. Thompson erinnert.

Zeit als Phänomen und erlebter Um- oder Zustand spielt ohnehin eine große Rolle im Buch. In nicht immer nachvollziehbarer, meistens aber sehr spannender Weise setzt sich Lerner mit dieser Thematik auseinander; der Titel dieser Rezension ist ein Zitat, das mehrfach wiederholt wird. Die Hauptfigur hadert mit diesem Phänomen, mit Ursache und Wirkung, vor allem aber der eigenen Rolle darin. Hin und wieder meint er, Zeit anfassen zu können, die Orte in ihrer zeitlichen Veränderung spüren zu können. Hinter all dem steht, wie auch hinter der ursprünglichen Idee für den Folgeroman, die Frage danach, was am Ende bleibt - und ob es sich um ein Ende handelt. Ob die temporale Linearität des Denkens von Vorteil ist oder ein Hindernis darstellt. Was all das, schlicht gesagt, bedeutet.

Manchmal musste ich während der Lektüre zum Fremdwörterbuch greifen (bzw. zu dessen aktuellem Analogon, der Siri-Suche via iPhone). Einige Sätze lesen sich wie Auszüge aus wissenschaftlichen Essays, dann wieder erzählt Lerner verblüffend leicht und nachgerade entspannt, verbindet die stark fragmentarischen Episoden zu einer Quasi-Einheit, ohne aber daraus je eine Geschichte im klassischen Sinn zu konstruieren. "22:04" ist oft spielerisch, und nicht selten verspürte ich beim Lesen leichten Neid darüber, dass man Lerner einfach hat machen lassen, was in der Buchbranche nicht eben üblich ist, es sei denn, man heißt Siri Hustvedt (mit der es übrigens tatsächlich Gemeinsamkeiten gibt). Die 320 Seiten waren jedenfalls überraschend schnell vorbei, überwiegend bedauerlicherweise. Das Nachdenken darüber ist allerdings noch nicht beendet: Alles ist wie vorher, aber ein klein wenig anders.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 24, 2016 9:50 AM CET


Wann wird es endlich wieder so wie es nie war: Roman (Alle Toten fliegen hoch, Band 2)
Wann wird es endlich wieder so wie es nie war: Roman (Alle Toten fliegen hoch, Band 2)
von Joachim Meyerhoff
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Nett, 3. Februar 2016
Eigentlich ist das Etikettenschwindel: Da steht zwar "Roman" auf dem Cover, doch zwischen den Buchdeckeln verbirgt sich eine deutlich autobiografische Erzählung, die ziemlich episodisch daherkommt. Sie erzählt von Meyerhoffs Kindheit und Jugend in der kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtung "Hesterberg" in Schleswig, wobei er dort kein Insasse oder Patient war, sondern auf dem Gelände wohnte, weil der Vater, Hermann Meyerhoff, die Einrichtung leitete - ein Ensemble aus mehreren Häusern auf einem gewaltigen Grundstück, zu Hochzeiten von über tausend Menschen bewohnt.

Im Fokus der Erzählung liegen - selbstverständlich - das originelle Umfeld, die Beziehung zum sehr eigenwilligen Vater und, damit verbunden, die Familiengeschichte der Meyerhoffs. Der kleine Joachim, der seine Geschwister nur als den " mittleren" und den "älteren" Bruder bezeichnet, leidet allerdings selbst auch an irgendeiner Störung, die ihm - im letzten Drittel des Buchs - einen kurzen Aufenthalt in einer der hauseigenen Stationen verschafft.

Hiervon abgesehen handelt es sich zuvorderst um eine Vater-Sohn-Geschichte. Der gelehrte und im Wortsinn äußerst wissbegierige, bücherverschlingende Vater, der allerdings handwerklich und motorisch eine Null ist, wird vom Sohn verehrt und geliebt, aber jene Form von Nähe, die in "normaleren" Familien vorkommt, entwickelt sich nicht. Das veranschaulichen die in lockerem Zusammenhang stehenden und auch locker erzählten Episoden, die oft etwas sehr Anekdotisches haben, zuweilen aber ein wenig in die Beliebigkeit abdriften. Dramatik oder dramaturgische Entwicklungen fehlen weitgehend - Meyerhoff erzählt eben von seiner Kindheit, überspringt dann einen längeren Auslandsaufenthalt, weil er den bereits belletristisch verarbeitet hat, lässt ein paar weitere Jahre aus - und endet mit dem Abschied vom Vater, der schließlich einem Krebsleiden erliegt.

Meyerhoff erzählt anschaulich, skizziert schöne Bilder, findet die richtige Sprache, zeichnet die Figuren plastisch (nach) und demonstriert durchaus auch einen Sinn für Dramatik, aber unterm Strich ist während dieser Jahre, die das Buch wiedergibt, einfach nicht sonderlich viel passiert. Der Hund ist gestorben, der Ministerpräsident kam zu Besuch, es gab einen Schneesturm und Vater Meyerhof versuchte sich erfolglos darin, Segler zu werden. Das - und einige mehr - sind hübsche, zuweilen auch sehr traurige kleine Geschichten, die natürlich vor allem die innerfamiliäre Entwicklung zeigen, eingesponnen in Begegnungen mit den bemerkenswerten Bewohnern der Einrichtung. Doch es bleibt eben alles sehr anekdotisch, und in Konfliktmomenten, von denen es ein paar gibt, meidet der Autor tiefergehende Betrachtungen, vermutlich nicht zuletzt, um sein ja reales Personal zu schonen. So erfährt man recht viel darüber, was die Familienmitglieder alles tun und sagen, während der regendurchnässte Ministerpräsident unter der Dusche steht und seine Bodyguards im Keller Tischtennis spielen, aber als es um den Unfalltod des Bruders oder die Seitensprünge des Vaters geht, verknappt sich das drastisch. Dabei hat etwa die Stoltenberg-Episode inhaltlich kaum eine Bedeutung. Und dieses Ungleichgewicht, dieser Verzicht im Persönlichen, verleiht dem Buch etwas ziemlich Oberflächliches.

Trotzdem macht es Spaß, die Geschichte(n) zu lesen, vom originellen Miteinander in der Einrichtung zu erfahren, und wenn es um die Selbstreflexion des Erzählers geht, gibt es auch so etwas wie Tiefgang. Bleibt ein sympathisches, gut geschriebenes, unterhaltsames, nostalgisches Buch, dem aber leider eine entscheidende Komponente zu fehlen scheint. Also: Nett.


Die gleißende Welt
Die gleißende Welt
von Siri Hustvedt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

5.0 von 5 Sternen Lesen ist Arbeit, 13. Januar 2016
Rezension bezieht sich auf: Die gleißende Welt (Gebundene Ausgabe)
Siri Hustvedts vorige Romane waren bereits eher anspruchsvollere Lektüre, also nicht einfach so nebenher wegzulesen, doch mit ihrem jüngsten Werk hat die amerikanische Autorin diese Messlatte abermals nach oben justiert. "Die gleißende Welt" gibt sich als Biografie der bildenden Künstlerin Harriet Burden, als Anthologie zusammengesetzt aus Interviews, Tagebuchauszügen, Presseschnipseln und Stellungnahmen ehemaliger Wegbegleiter. Die einzelnen Elemente sind - auf übrigens vortreffliche Weise - im Duktus der jeweiligen Person oder Institution verfasst. Wenn die knietief im Esosumpf verwurzelte Ex-Assistentin Sweet Autumn Pinkney erzählt, liest sich der Text entsprechend, und wenn der Lyriker Bruno Kleinfeld zu Wort kommt, mit dem Harriet Burden liiert war, sieht man den dicken, gemütlichen, ambitionierten und genau beobachtenden Schriftsteller fast vor sich.

So vielschichtig wie die Figurenschar und ihre sprachlichen Eigenarten sind die Themen des Romans, der sich in der Hauptsache jedoch mit Emanzipation und Misogynie befasst. Harriet Burden war Künstlerin, die nie als solche respektiert wurde, was sich weiter verschlimmerte, als sie die Ehefrau des renommierten und vermögenden Kunsthändlers Felix Lord wurde, denn fortan wurde sie nur noch als dessen Gattin wahrgenommen, die eben auch irgendwie Kunst macht - begütert, belächelt und kaum beachtet. Deshalb ersinnt sie ein dreistufiges Projekt mit dem Titel "Maskierungen", kongeniale Installationen, die sie jeweils von männlichen Strohmännern anbieten lässt: Dem jungen, manipulierbaren und etwas wirren Anton Tish, dem befreundeten, dunkelhäutigen und homosexuellen Phineas Q. Eldrig und schließlich dem arrivierten und irritierenden Schönling "Rune" Larsen. Die Objekte werden begeistert aufgenommen und zuletzt sogar gefeiert, doch als Rune die Maskierung entlarven soll, verweigert er dies und behauptet stoisch, selbst der Schöpfer gewesen zu sein: "Darunter" wird als seine beste Arbeit bisher gehandelt.

Neben Fragen der Chancenähnlichkeit vor dem Hintergrund der Geschlechtszugehörigkeit - jedoch längst nicht nur dieser - steht die menschliche Wahrnehmung im Fokus der Erzählung, wobei diese Fragestellungen natürlich einhergehen. Wie verändert sich die Wahrnehmung abhängig davon, was wir über die Person wissen, die wir oder von der wir etwas wahrnehmen? Wie funktionieren unsere Kategorisierungen, welche Ursachen haben sie, wie kann man diese himmelschreiend ungerechte, vorurteilsbeladene Subjektivität brechen? Siri Hustvedt fährt hierfür ein gewaltiges Arsenal auf, zitiert aus ihrem beeindruckenden Wissensschatz, konstruiert Verbindungen, diskutiert philosophische Ansätze und vieles mehr. Vor allem die Notizen und Tagebücher aus dem Nachlass der fiktiven Künstlerin sind mit Fußnoten, rätselhaften Andeutungen, Anmerkungen zu Kunst- und Literaturgeschichte, Philosophie, Psychologie und Kybernetik gespickt, wobei deren Dichte und Intensität die Lesegeschwindigkeit eines durchschnittlich gebildeten Menschen durchaus empfindlich beeinflussen dürften. Bei mir war es jedenfalls so: Der letzte Roman, für den ich ähnlich lange gebraucht habe, war David Foster Wallaces "Unendlicher Spaß".

Und trotzdem ist dieses Buch ungeheuer spannend, natürlich - sonst stünde nicht "Siri Hustvedt" auf dem Umschlag - mehr als einfach nur klug, äußerst originell und ... wie soll man sagen? Wichtig. Man kann Ungerechtigkeiten auf einer Skala einordnen, die bei "lebensbedrohlich" beginnt und bei "eher den Komfort anbetreffend" endet, aber das ist einerseits immer aufs äußerste ungerecht und missachtet andererseits auf grobe Weise die Einzelschicksale. Eine reale, aber leider immer noch unrealistische Gleichberechtigung wäre nicht dann etabliert, wenn jeder Mensch beweisen könnte oder sogar müsste, dass er zu allem in der Lage ist, sondern erst dann, wenn jeder Mensch die Chance hat, sein eigenes Leben so zu gestalten, wie er das selbst will - ohne Relativierung vor dem Hintergrund seiner Geschlechterzugehörigkeit, Hautfarbe, Schuhgröße oder Ernährungspräferenz, wobei sich mit diesen - ja allesamt willkürlichen - Kategorisierungen eine vielhundertseitige Liste füllen ließe.

"Die gleißende Welt" erzählt also mehr als die Lebensgeschichte einer Künstlerin, es handelt sich um eine Bestandsaufnahme, ergänzt um eine historische Betrachtung und so etwas wie eine Vision. Und neben der Wahrnehmung durch andere geht es selbstverständlich auch um die Selbstwahrnehmung, die nicht weniger stark beeinflusst ist. An dieser Stelle scheint die Motivation der Autorin besonders deutlich zu werden, was sich aber, um beim Wortstamm zu bleiben, um eine Deutung handelt.

Ein großartiges Buch, viel besser als die letzten beiden Romane von Siri Hustvedt.


Auf kurze Distanz
Auf kurze Distanz
von Holger Karsten Schmidt
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Cool, 30. November 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Auf kurze Distanz (Taschenbuch)
Normalerweise lese ich keine Krimis. Okay, das klingt ein bisschen wie: "Gestern bin ich beim Zappen total aus Versehen auf RTLplusminusSATzwei hängen geblieben. Hammer, was die Katzenberger da wieder für einen Unsinn gebabbelt hat." Tatsächlich lese ich zuweilen Krimis, jedenfalls im weitesten Sinn. Etwa die von Wolf Haas oder Heinrich Steinfest. Weil sie originell und unkonventionell sind (und, im Idealfall, auch noch amüsant), weil es um die Menschen geht, um Entwicklungen und Grenzsituationen, weil die Kriminalfälle in den Hintergrund treten - und das, was die Situation mit den Leuten anstellt, im Vordergrund steht. Das mag ich auch an Fernsehkrimis. Wenn sie dann noch spannend sind - umso besser.
"Kriminaldauerdienst" war ein exzellentes Beispiel. Ähnliches, aber kaum Vergleichbares bieten einige "Tatort"-Folgen, etwa die mit Axel Milberg. Oder jene aus Stuttgart - ein Team, das sich übrigens Holger Karsten Schmidt ausgedacht hat. Wie auch die hinreißenden "Finn Zehender"-Krimis mit dem großartigen Hinnerk Schönemann in der Titelrolle. Und "Mörder auf Amrum", ebenfalls mit Schönemann, wofür es unter anderen den wohlverdienten Grimme-Preis gab.

Klaus Burck ist notorischer Einzelgänger - und genervt vom Schreibtischjob als Kriminalhauptkommissar im Ressort für Wirtschaftsdelikte. Deshalb hatte er sich schon vor einer Weile als verdeckter Ermittler beim LKA beworben, ist aber abgelehnt worden. Als er nun vom Schreibtisch weg verhaftet wird, angeblich wegen der Unterschlagung von Beweisen, stellt sich heraus, dass seine Bewerbung verspätet akzeptiert wurde und mit der Verhaftung die Tarnexistenz beginnt. Er soll einen anderen VE unterstützen, der sich einer serbischen Familie angenähert hat, die im norddeutschen Raum das Wettgeschäft kontrolliert. Doch der Kollege stirbt, vermeintlich brutal hingerichtet, weil er entlarvt wurde, und Burck muss direkt ins kalte Wasser springen.

Holger Karsten Schmidt erzählt unprätentiös, präzise, unter Verzicht auf jedwede Larmoyanz und sehr rasant davon, wie sich der sprichwörtlich einsame Wolf Klaus Burck immer weiter in den inneren Kreis der Familie Goric vorarbeitet - und dabei leider auch Sympathien entwickelt. Dies umso mehr, da das Verbrechen, um das es vordergründig geht, eigentlich keines ist: Sportwetten sind legal, und ihre Manipulation ist es verblüffenderweise auch. Diejenigen, die sich strafbar machen, sind die unmittelbar Beteiligten, also die Schiedsrichter, die falsche Elfmeter pfeifen, oder die Tischtennisspieler, die absichtlich verlieren: Sie betrügen, aber die Bestechung ist keine Straftat. Weshalb sie auch massenweise ausgeübt wird; im Roman stellt Burcks VE-Führer Dudeck irgendwann lakonisch fest, dass es nur in der Formel 1 keine Manipulation gibt, weil da die Gehälter zu hoch sind. Bei allen anderen Sportarten haben die Kriminellen ihre Finger im Spiel, und wenn es darum geht, die Claims abzustecken, werden sie auch handfest. Ziel der Ermittlungen wäre also, den Clanchef beispielsweise eines Mordes zu überführen. Doch dafür muss dieser erst einmal davon überzeugt werden, dass Klaus Burck vertrauenswürdig ist.

"Auf kurze Distanz" ist, wenn man so will, geradeaus erzählt, und deshalb umso atemloser und spannender. Zwar droht jederzeit die Gefahr, dass der verdeckte Ermittler als solcher erkannt und drakonisch bestraft wird, aber die eigentlichen Fallstricke lauern anderswo: Klaus Burcks direkter Kontakt, ein Neffe des Wettpaten namens Luka, ist einfach ein sehr netter Typ, dessen hochschwangere Frau Nadja eine hinreißende Person. Irgendwann vermischen sich Tarnexistenz und bürgerliche Realität, Burck entwickelt Zuneigung und bringt sich selbst in Schwierigkeiten. Parallel entwickelt sich ein blutiger Kleinkrieg zwischen den Serben und einer türkischen Bande, die das Revier für sich beansprucht. Und dann tritt auch noch die italienische Mafia auf den Plan ...

Schmidts Schreibe merkt man an, dass der Mann sonst überwiegend Drehbücher verfasst, und diese Beobachtung hat angenehme Konsequenzen. Schnörkellos und dicht an den Figuren, handlungsorientiert und ohne küchenpsychologischen Schnickschnack. Das Geschehen und die Figuren, mehr gibt es nicht, und das reicht auch. Ein lässiger, hochinteressanter und äußerst spannender Roman, der einem zwar die Lust am Profisport verleidet, aber jene auf die Krimis aus Holger Karsten Schmidts Feder steigert. Cool!


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