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Rezensionen verfasst von
Boris Theobald "www.RockTimes.de" (St. Wendel)
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Keep The Flame Alive
Keep The Flame Alive

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zeitloser Melodic Rock vom Allerfeinsten!, 27. November 2009
Rezension bezieht sich auf: Keep The Flame Alive (Audio CD)
Ein guter Wein wird mit der Zeit nur noch besser. Ein Fußball-Trainer dagegen hat nach ein paar Jahren meistens fertig und muss gehen. Aber es gibt auch großartige Dinge, die sind und bleiben einfach so gut, wie sind, klassischer Rock der 80er Jahre, zum Beispiel - zeitloser Melodic Rock, wie er von Nine-T-Nine praktiziert wird. Bislang blieb die Musik der Band vor allem regionalen Kennern und absoluten Genre-Spezialisten vorbehalten. Doch es sollte nicht zu spät sein, das zu ändern - diese Band verdient Anerkennung!

Nine-T-Nine wurden bereits im Jahre des Herrn 19-'Nine-T-Nine' gegründet und haben nun passend zum zehnjährigen Jubiläum das Album "Keep The Flame Alive" am Start. Das ist insofern bemerkenswert, als dass wir es mit dem ersten Studioalbum der Band überhaupt zu tun haben. Zuvor gab es neben der Veröffentlichung eines Tracks auf dem US-Sampler "Classic Rock - Unchained" (2008) das Album "Nine-T-Nine Live 2004", aufgenommen im Bremer Meisenfrei. Schon bei diesem Konzert-Mitschnitt beschränkte man sich ausschließlich auf Eigenkompositionen. Coversongs braucht es nicht - zu stark ist das eigene Songwriting, zu gut die Ideen, und das, obwohl man stilistisch ziemlich innovationsfrei unterwegs ist. Dass es dafür per se keinen Punktabzug geben muss, beweist dieses Album mit jungen, mittelalten und gut gereiften Songs, die in den vergangenen zehn Jahren entstanden sind.

Der Opener "Caught In A Trap" lockt den Hörer gleich buchstäblich in eine 'Falle' und lässt ihn nicht mehr los. Markante Staccato-Keyboards erinnern an die Allererste von Bon Jovi; dazu kommt eine melodisch ausgereifte und rhythmisch gekonnt 'angespitzte' Hookline, die aus der Schatztruhe vergessener Toto-Songideen der Spät-70er und Früh-80er stammen könnte. Die Kombination macht süchtig, ohne Zweifel...

Wunderbar zeitlos geht es weiter - als ob es niemals Grunge gegeben hätte; als ob die Blütezeit dieser herrlich emotionalen Musik ewig gedauert hätte und nie enden würde. Mit Tempo nach vorn drängende Rocker sind Teil des Repertoires, beispielsweise "Sunshine" oder "Not Easy", das mit pulsierenden Bässen, verzaubernden Glitzer-Keyboards und einem dynamischen Klavier-Drive in allerbester Journey-Manier mitreißt und überzeugt. Am anderen Ende der Skala stehen Balladen wie "Bringin' My Love" in atmosphärischer Steve Lukather-Machart, die akustische Liebeserklärung ans "Radio" oder "Bus Stop" und "Can You Feel All The Days" - beide klingen wie diese kraftvollen und zugleich butterweichen Schmachtfetzen von KuschelRock-CDs aus Zeiten, in denen diese Compilations noch voller traumhaft schöner Rockballaden von Bands wie Bad English oder Warrant waren.

Leidenschaftlich wie Foreigner klingt "The Way You Touched Me", mit leichtem Magnum-'Bombast' angehaucht das folgende "Light My Life" mit seinem Wechsel aus pushenden Heavy-Gitarren und balladenhaft schwebenden Piano-Breaks. Der mehrstimmige Gesang verleiht den Refrains eine intensive Atmosphäre - ganz und gar nicht Poser Rock-mäßig, sondern 'ernst' (ohne dass wir jetzt von 'E-Musik' sprechen würden...) und voller starker Emotionen, erinnert das an House Of Lords (besonders der eindringliche Mid Tempo-Song "Faith"). Die leidenschaftlichen Vocals von Sänger Sharky tun ihr Übriges dazu. Mit Corina Elvers steht eine Etat-mäßige Background-Sängerin im Line-up, die den Chören den letzten Feinschliff verleiht - ab und an hört man ihre Stimme auch deutlich und angenehm durchschimmern.

Mit "Sandy" haben Nine-T-Nine noch einen potenziellen 'Hit' in petto - ein straighter Power-Rocker, mit dem Survivor seinerzeit bestimmt in den Charts gelandet wären. Und dann gibt es noch den vom Instrumentalstück "The Escape" eingeleiteten Geheimfavoriten des Reviewers: "Shoreline" kommt mit einer zauberhaft wehmütigen Strophe im Country-Flair daher, die an Bon Jovis "Dead Or Alive" erinnert und überrascht dann mit Tempowechsel und Synthie-getriebenem Power-Chorus. Den ein oder anderen Schauer jagt's einem da schon über den Rücken. Und trotz der mehr als sechs Minuten Spielzeit wird das Stück kein bisschen langweilig.

Auch viele der anderen Songs sind für diese Stilrichtung 'lang' ausgefallen, bleiben aber spannend bis zum Schluss. Das liegt zum einen an der vielschichtigen Zusammensetzung der Stücke, die mit Breaks und Wechseln zwischen ruhig und druckvoll gespickt sind, statt monotone Endlos-Schleifen abzuspulen. Zum anderen ist es die positive Rollenverteilung zwischen dem Keyboard, das kontrolliert präsent statt kitschig und klebrig den Gesamtklang durch eigene Drives (und Soli) unterstützt und gar nicht versucht, den zwei Gitarren Konkurrenz zu machen. Die Instrumente ergänzen einander anstatt des anderen Konkurrent sein zu wollen. Es gibt hier keine Keyboard- oder Gitarrensongs - es gibt nur Nine-T-Nine; und das heißt ausnahmslos starke Nummern ohne Ausfall.

Diese CD lässt einen von der ersten bis zur letzten Sekunde nicht mehr los - wie viele Alben schaffen das schon in der immensen Flut an Neuerscheinungen im AOR-Sektor? Da muss man schon Rosinenpickerei betreiben, und kann sich glücklich schätzen, wenn man dabei in Form von Nine-T-Nine fündig wird. Es wird sicherlich auch Kritiker geben, die der Band ankreiden, in der Vergangenheit hängen geblieben zu sein. Aber es gibt nun mal solche, die mit der Zeit gehen und/oder den eigenen Sound neu erfinden - siehe Bands wie Tesla oder Europe - aber auch solche, die sich mit Leib und Seele einer Musikrichtung verschrieben haben, so wie sie ist. Beides kann mit Karacho in die Hose oder perfekt aufgehen.

Nine-T-Nine haben sich entschlossen, Bewährtes zu bewahren; und das gelingt ihnen sehr überzeugend. "Keep The Flame Alive" wird damit zu weit mehr als einem Albumtitel - es ist eine Mission.
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Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 28, 2009 10:39 AM CET


Defiance
Defiance
Preis: EUR 17,99

11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Düsterer Science Fiction-Trip im Metal-Gewand, 27. November 2009
Rezension bezieht sich auf: Defiance (Audio CD)
Bereit für einen düsteren, musikalischen Science Fiction-Trip?
Die Empfehlung: Lahannya. Ihr Konzeptalbum "Defiance" überzeugt mit einem bedrückend-spannenden Zukunfts-Szenario und natürlich der dazu passenden, schaurig-fesselnden Musik!

Lahannya hat sich vor allem durch die Mitarbeit an zahlreich Projekten im Gothic-/ Electro-/ Industrial-Bereich einen Namen gemacht - und natürlich, gerade bei deutschen Fans, durch viele Auftritte, zum Beispiel bei diversen Festivals oder auch als Tour-Support von ASP. Seit Jahren baut sich die Britin aber auch zunehmend etwas Eigenes auf, insbesondere seitdem sie eine enge musikalische Kooperation mit Lutz Demmler (Umbra et Imago) eingegangen ist. Mit dem hatte sie schon ihr erstes komplettes Album unter eigenem Namen, "Shotgun Reality", aufgenommen. "Defiance" heißt nun der Nachfolger, bei dem sich Demmler für Musik und Lahannya für die Texte verantwortlich zeichnet. Mit in der Band sind mit Belle (Killing Miranda, Nosferatu) und Christopher Milden (NFD) weitere in Genre-Kreisen bekannte Mitstreiter.

Auf "Defiance" zeichnet Lahannya ein verstörendes und beängstigendes Bild der nahen Zukunft in London: Terror und Verbrechen haben auf staatlicher Seite zu einer krassen Überreaktion geführt: einem überreglementierten Überwachungsstaat, der mit eiserner Hand durchgreift, um jegliche Spuren von Individualität und Freiheitsbestrebungen schon im Keim zu ersticken. Die es wagen, aus dem System auszubrechen, haben nur eine Chance im Untergrund... im wahrsten Sinne des Wortes - sie hausen in den Londoner U-Bahn-Schächten in einer Art Parallelwelt. Genau dort schlägt sich auch die Protagonistin durch, die als einstige Mitbegründerin der unmenschlichen Schreckensherrschaft zusätzlich gegen ihr eigenes Gewissen ankämpft. Die geopferte Freiheit als Preis für die (scheinbare) Sicherheit; ein Terror-Staat als Antwort auf den Terrorismus, so die beängstigende Vision auf "Defiance", eine Art mahnende Botschaft, mit Einflüssen von George Orwells "1984" und Aldous Huxleys "Brave New World".

Was den Musikstil angeht, so liest man auf den bandeigenen Seiten etwas von Industrial Rock, etwas von Gothic Metal oder auch »an unconventional marriage of alternative rock and darc electro«. Nun, das Interessante an der Musik Lahannyas ist, dass nichts davon so wirklich absolut zutrifft. Die Wirklichkeit ist dafür eine Kombination von alledem. Man könnte sagen, "Defiance" ist einfach dunkel gefärbter, straighter und riffbetonter Metal mit zahlreichen elektronischen Versatzstücken. Letztere sind ein integraler Bestandteil der Musik, sind aber auch nicht derart dominant, als dass der Audruck 'Electro' zur Stilbezeichnung herhalten müsste. Vielmehr klingen die zahlreichen Effekte und Synthesizer-Elemente einfach nur nach modernem Düster-Metal. Sie verstärken die Bannwirkung der ernsten, zum Teil wehmütigen bis unheimlichen Atmosphären, die sich emotional perfekt in das düstere Untergrund-Szenario der Story fügen - mal trostlos, mal bedrohlich.

Die dunklen Riffs auf "Defiance" sind sehr einfach gestrickt, peitschen die Stücke wie ein maschineller Taktgeber nach vorn. Die Drives scheinen zum Teils bewusst unterkühlt, mechanisch angelegt zu sein. Doch sie wirken dann nicht etwa monoton, sondern vielmehr hypnotisch, verströmen eine faszinierende Attraktivität, wozu auch das Gemenge aus Effekten und Synthesizer-Parts beiträgt. Diese drängen niemals in den Vordergrund, sondern füllen punktgenau jene Klangräume aus, die die von Breaks durchsetzten Gitarrenriffs übrig lassen. Die elektronischen Elemente verstärken eine unwirkliche, gespentische Sci Fi-Atmosphäre.

Lahannyas Musik erzeugt eine Art 'Heavy Trance'; und mit ihrer Stimme verleiht sie der akustischen Bannwirkung den letzten Feinschliff. Der Gesang wirkt so unterkühlt, so ernst wie der musikalische Untergrund. Er ist so direkt wie das Riffing, nicht hochtechnisiert und überkanditelt, dafür gerade in den Refrains oft mit Effekten versetzt. Die Gesangsmelodien entfalten ihre Bannwirkung auf unterschiedliche Art und Weise. Bei "Piece By Piece", das sich dank der Schlichtheit seiner Hookline wie kein anderer Song des Albums in die Gehörgänge einbrennt, ist der Gesang geradlinig und wie automatisiert an die computerisiert wirkende 'Mechanik' der Riffs gekoppelt.

Dagegen stehen Stücke wie das atmosphärische "Dying Inside" oder insbesondere "Burn", wo die Stimme weit ausholt und eine Art sehnsüchtigen Gegenpart zum schweren Grundton bildet. Besonders attraktiv wirkt Lahannyas Stimme auch immer wieder da, wo sie betont tief singt - in Tonlagen, wo wahrlich nicht viele Sängerinnen überzeugen können bzw. es gar nicht erst versuchen. Und dazu noch dieser leicht elegische Ausdruck, der bei der eigentlich starren und betont emotionsarmen Art durchschimmert... damit hat sich Lahannya wahrlich einen individuellen Charakter erarbeitet.

Höhepunkte auf "Defiance" sind sicherlich das besonders eindringliche "Brave New World" mit besonders schwergewichtigen Gitarren, und "Open Your Eyes" als eine Art Power-Ballade mit sehr sehnsüchtigen Atmosphären, veredelt durch fragile Klavierklänge.

Abgerundet wird das Album durch seine anmutvolle Aufmachung, denn auch die Optik ist Teil des Gesamt-Kunstwerks. Das Artwork versetzt die Künstlerin szenisch an die Orte des Geschehens im Londoner Untergrund. Es präsentiert sich düster und geheimnisvoll und damit als gelungenes Pendant zur Musik, die sich nicht unbedingt durch ihre Innovations-, dafür aber um so mehr durch ihre Überzeugungskraft auszeichnet. "Defiance" entführt den Hörer eine gute Stunde lang in eine fesselnde Parallelwelt und verlangt schon jetzt nach einer Fortsetzung!
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3
3
Preis: EUR 15,32

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hartmann, die Dritte - gewohnt starker Stoff!, 22. November 2009
Rezension bezieht sich auf: 3 (Audio CD)
Im strikten Zwei-Jahres-Rhythmus kredenzt uns Oliver Hartmann immer neuen Melodic Rock-Stoff der Extraklasse - und wenn er so weiter macht, dann freue ich mich sehr auf die nächsten 25 Studioalben in den nächsten 50 Jahren! Denn auch Nummer "III" ist eine runde Sache geworden. Stilistisch knüpft der einstige At Vance-Sänger nahtlos an die beiden Vorgänger an, einerseits ohne sich zu wiederholen und andererseits ohne größere Experimente einzugehen - nur, dass das dritte Album vielleicht etwas mehr Effekte einsetzt, was den positiven Gesamteindruck abrundet.

Diese 'Effekte' lassen "III" an vielen Stellen etwas 'moderner' klingen als die Vorgänger - allerdings gibt es auch ein ausgeprägtes Gegenprogramm. So ist "From Outta Space" ausgesprochen Classic Rock-infiziert und erinnert dank ausgiebig eingesetzter, nostalgischer und leicht 'dreckiger' Gesangs-Effekte streckenweise an einen Mix aus Lenny Kravitz mit Beatles-Einflüssen. Dieser Eindruck ist aber nur eine Momentaufnahme - die atmosphärische Mid Tempo-Bridge bietet schon wieder krasses Kontrastprogramm.

Das ist typisch für Hartmann: Seine Songs plätschern nicht einfach so vor sich hin, sondern sind gespickt mit Ideen, entwickeln sich. Und weil diese Ideen klasse sind, und die Entwicklungen spannend, hat fast jedes der Stücke diese ganz gewissen Stellen, die hängen bleiben, auf die man sich freut, bei denen man Gänsehaut bekommt. Oder Bewegungsdrang, so zu erleben bei mitreißenden Positiv-Rockern wie "I Won't Get Fooled Again" (Nein, nix The Who...), "Right Here Right Now" (Mitsing-Garantie) und "Broken Down" (einfache, aber geniale Ohrwurm-Hookline). Sogar richtig tanzbar präsentiert sich das flotte und augenzwinkernde "Lost In Havanna", bei dem der 'Hardman' eine äußerst unliebsame Urlaubsbegegnung in einer kubanischen Bar besingt.

Herausragend sind aber Stücke wie "Don't Give Up Your Dream": Vom ausgezeichneten Akustik-Drive zu Beginn bis zu den explosiven, von Breaks durchsetzten Hard Rock-Riffs ist das Stück enorm facettenreich, lebendig und mit Überraschungseffekten ausgestattet - das Songwriting ist echt 'Hartmann'! Gleiches gilt für den nicht minder episch angehauchten, aber wesentlich atmosphärischeren Rausschmeißer "Forgotten Innocence" mit schmachtvollem, soulig eingefärbtem Refrain in Manier einer Lukather-Ballade.

Ansonsten gibt's mit "All I Can Say" und "Don't Tell Me It's Over" zwei herzerweichende Powerballaden der gehobenen Anti-08/15-Kategorie, ferner das leider zu sehr nach Mainstream-Rock-Halbballade klingende "Suddenly" (wie ein durchschnittlicher Bon Jovi-Track) - und natürlich "Brothers", ein Gesangsduett mit Tobias Sammet. Diese Verbindung existiert schon länger, schließlich war Hartmann Gast bei Avantasia und ging mit Sammets All-Star-Projekt 2008 auch auf Welt-Tournee. Interessanterweise ist "Brothers" keine Party-Nummer geworden, sondern eine emotionale Anti-Kriegs-Hymne.

Insgesamt bewegt sich Hartmann mit diesem Werk auf einem Level mit den Alben Out In The Cold (2005) und Home, ohne die beiden Vorgänger toppen zu können - die waren allerdings auch Sahne... Oliver Hartmann ist nicht nur ein hervorragender Rock-Sänger mit sehr individuellem, leicht angerautem Flair und unglaublichem Ambitus, sondern auch ein 1A-Songwriter. »All Songs Written And Arranged By Oliver Hartmann« - diese Musik ist authentisch und persönlich.

Dazu kommt ein stabiles Bandgefüge... eine 'echte' Band, keine virtuelle: Außer Drummer Dario Ciccioni (Genius, Twinspirits, Khymera), mit dem Hartmann aber auch schon lange Zeit viel verbindet, stammen alle Musiker aus dem Raum Frankfurt - Aschaffenburg - Würzburg. Irgendwie bilde ich mir ein, dass man der Musik das anhört, wenn die Musiker sich nicht nur alle paar Monate sehen, sondern auch mal zwischendurch zum Feierabend-Bierchen. Reine Einbildung, ich weiß...


A Tribute to The Lamb Lies Down On Broadway [UK-Import]
A Tribute to The Lamb Lies Down On Broadway [UK-Import]

49 von 53 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lamb 2.0, 29. November 2008
Es muss wohl ein masochistischer Psycho-Trip in einer Art von realitätsraubender Fieber-Fantasie sein, der einen auf die Idee bringt, "The Lamb Lies Down On Broadway" komplett am Stück neu einzuspielen. Sie haben es getan - Respekt! Es war die Idee von Producer und Studiobesitzer Mark Hornsby, das abgefahrene Genesis-Konzeptwerk neu zu interpretieren. Und diese Mammutaufgabe wurde zur Herzensangelenheit von Spock's Beard-Drummer/-Sänger Nick D'Virgilio, der nach eigener Aussage praktisch mit dem Genesis-Klassiker im Ohr aufgewachsen ist. Das erklärt vielleicht auch, wieso NDV so ein durchgeknallter Typ ist...

...denn das Original-Doppelalbum (bzw. -Vierfachalbum zu LP-Zeiten!) ist nun nicht gerade als leicht verdauliche Schonkost zu bezeichnen. Musikalisch hatten Genesis anno 1974 mit Klängen experimentiert, dass einem nur so die Ohren glühten. Und die Story von Peter Gabriel zieht einem förmlich die Schuhe aus. Anderthalb Stunden lang folgt man dem Protagonisten Rael, einem auf die schiefe Bahn geratenen, delirierenden, mutmaßlich von einer gespaltenen Persönlichkeit gebeutelten, halb-puertoricanischen Jugendlichen bei seinem surrealen Geistertrip mit Selbstfindung (oder Selbstauflösung?) durch eine von Wahnvorstellungen gezeichnete, imaginäre New Yorker Unterwelt voller unwirtlicher Parallel-Orte mit misanthropischen, halb-mythologischen grotesken Kreaturen.

Kapiert? Nein? Macht nix. Seit Jahren versuche ich selbst, dieses Konzeptalbum mit all seinen satirischen Seitenhieben auf Sex, Kommerz und was nicht noch alles komplett zu verstehen. Da heißt es: Stark bleiben, oder den Psychiater kommen lassen! Bei Nick D'Virgilio kommt wohl jede Hilfe zu spät. Das denke ich zumindest, wenn ich mir die Fotos im Booklet der Neuaufnahme anschaue. Das Line-up führt einen Typen auf, der für »Make-up and Hair« zuständig war - das sagt schon alles. Aber was muss sich Zeremonienmeister Gabriel damals alles auf einmal reingepfiffen haben, um diesen irren Trip auf Papier zu bringen? Ich will es gar nicht wissen, denn es ist bestimmt nicht zur Nachahmung empfohlen. Doch das Ergebnis ist einfach genial.

Und das ist auch das Tribute, 34 Jahre nachdem "The Lamb" zum Leben erwacht war! Auf seine Weise, versteht sich! Was erwarte ich eigentlich - das Original-Album steht ja schon im Regal, und 'besser' wird's nicht werden. Sobald etwas umgekrempelt wird, sehnt sich der intolerante Kritiker das Original herbei; und wenn's originalgetreu nachgespielt wird, grämt sich der gemeine Purist ob der verlustig gegangenen Magie einer unübertrefflichen Vorlage. Da lobe ich mir das, was Nick D'Virgilio und ein ganzer Haufen lokaler Musiktalente aus dem Raum Nashville, wo das böse Plagiat aufgenommen worden ist, in die Rillen gepresst haben.

Rewiring Genesis besticht durch den Spagat zwischen der hohen Kunst, etliche technisch und klanglich verdammt schwierige Passagen originalgetreu wiederzugeben und auf der anderen Seite mit viel Mut und eigener Handschrift das Magnum Opus der Gabriel-Ära mal so richtig durch den Fleischwolf zu drehen. Unglaublich, aber wahr: Es gibt keine Synthesizer auf dem gesamten Album! Statt ihrer nimmt sich eine muntere Truppe aus orchestralen Streichern und Bläsern der gesamten, großartigen Tony Banks-Parts an. Verrückt ist das, und verrückt klingt es auch!

Schon die zauberhafte Melodie des Openers "The Lamb Lies Down On Broadway" baut in der Neufassung seichten Bombast mit einem konzertierten Kammerorchester-Einsatz auf - markante Blechbläser-Akzente und ein nervöses Streicher-Crescendo, welches die treu im unverwechselbaren Original anmutenden Klavier-32tel ablöst. Wunderbar, wie D'Virgilio und Konsorten die betagten Melodien in zeitlosem Glanz erstrahlen lassen! Ein Unterton, der immer wieder zwischen Jazz und Klassik hin und her pendelt. Ein stark Synthesizer-geprägtes Original wie "Riding The Scree" wird zu einem Stück Big Band-Jazz mit virtuosem Klarinetten-Solo und brummeligem Posaunen-Groove. Und wer hätte mitten in "The Colony Of Slippermen" mit einem Akkordeon-Solo gerechnet?

Den Vogel schießen aber zwei Stücke von der ersten CD ab: "The Grand Parade Of Lifeless Packaging" wird statt eines seichten Militärmarsches von vokalen »Hmm, hmm «'s, »Boum, boum «'s und » Dab, da-daah «'s sowie einer Portion Bongos begleitet. Und beim völlig verrückten "Counting Out Time", dem Stück über Raels »first romantic encounter«, wie Peter Gabriel es nennt, ersetzt diese musikalisch hochbegabte Spaßvogel-Truppe die originalen Slapstick-Sounds durch einen quietschvergnügten Dixieland! Ja, richtig... genau nach der Textzeile »Honey get hip! It's time to unzip, to unzip zip, zip-a-zip, zip-a-zip. Whippee!« Und ein paar Takte vor der wunderhübschen Paraphrasierung eines misslungenen Geschlechtsaktes: »I got unexpected distress from my mistress«.

Hier und da haben D'Virgilio & Co. aber auch genügend 'Anstand', sich ans Original zu halten, so beispielsweise beim zärtlich-zauberhaften Vibe von "Carpet Crawlers". "Lilywhite Lilith" rockt, und wie! Auch das muss sein. Der Vorlage erstaunlich hörig war man bei "The Waiting Room", einem regelrechten Feuchtbiotop expressionistischer Klang-Querulanz. Es quietscht und fiepst und klirrt und donnert! Es muss eine Herausforderung gewesen sein, dieses Chaos zu rekonstruieren! In die Credits hat deshalb auch Jimmy Blankenship Einzug gehalten - für »Experiments with foreign sounds«. Die Stelle, an der die Band einsetzt - eine meiner rhythmischen Lieblingspassagen von Genesis überhaupt - ist eine tolle Gelegenheit für Nick D'Virgilio, sein Können zu beweisen. Findet er auch: »The way Phil Collins plays around the beat and then completely changes it towards the end is just great in my opinion, and I needed to be as close as possible to the original«, schreibt er auf seiner Internetseite.

Zu guter Letzt ist NDV durch die entsprechende Praxis bei Spock's Beard auch ein richtig guter Sänger geworden. Etliche im Original synthetisch verzerrte Gabriel-Passagen singt er klar und effektfrei; dadurch wirkt der Gesang sehr präsent und vordergründig. Und er macht seine Sache prima - zeigt, wie wandelbar seine Stimme ist. Eines von vielen Highlights ist die "Broadway Melody Of 1974", eine wahrlich wunderbare 'Melody', für die er expressiv und hoch singen und auch tief flüstern muss. Bei "The Lamia" bekommt er überraschenderweise weibliche Gesangs-Unterstützung von einer der Lamien!

Nach mehr als anderthalb Stunden "Lamb" bin ich begeistert und verblüfft - begeistert ob der musikalischen Klasse dieser Neuinterpretation und der unglaublichen Detailarbeit famoser Musiker, und verblüfft, wie ausdrucksstark die Trompeten, Bratschen und Klarinetten diese unsterblichen Melodien interpretieren. "The Lamb Lies Down On Broadway" - dieses Meisterwerk war 1974 revolutionär! Das Remake 34 Jahre später ist mutig, gewagt, großartig. Nicht einfach irgendein Cover. Sondern "Lamb 2.0"...

...und ein Anstoß für die 'Generation Spock's Beard', sich dieses Meisterwerks anzunehmen, wenn nicht schon geschehen. Für mich war es eine tolle Gelegenheit, nach langer Abstinenz wieder in das nun auch bewiesenermaßen zeitlose Meisterwerk einzutauchen, das komponiert wurde, lange Jahre bevor der Autor dieser Zeilen überhaupt das Licht der Musikwelt erblickt hat. Belohnt werde ich immer wieder durch einige der coolsten Reime der Rockgeschichte. Meine Lieblingsstelle ist und bleibt Raels drohende Kastration in "A Visit To The Doctor": "Doktor Dyper, reformed sniper - he'll whip off your windscreenwiper". Und irgendwann hab' ich auch raus, was das Lamm auf dem Broadway zu suchen hat...
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 9, 2011 1:17 PM MEST


Mirror of Souls
Mirror of Souls
Preis: EUR 14,93

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Routinierter Power-/Melodic-Metal mit epischem Titelsong, 29. November 2008
Rezension bezieht sich auf: Mirror of Souls (Audio CD)
Theocracy wurden von Sänger und Gitarrist Matt Smith in Georgia/USA als Ein-Mann-Kapelle gegründet. 2003 erschien das Debütalbum, auf dem alles Instrumentale und Vokale von ihm stammte. Kurz danach verstärkte er sich mit Gitarrist Jon Hinds und Drummer Shawn Benson. Was die amerikanischen 'Theokraten' uns vorsetzen, ist ein betont melodischer Mix aus Speed und Power Metal mit Häppchen von Prog. Auffällig ist zunächst dank der beiden ersten Stücke "A Tower Of Ashes" und "On Eagles' Wings" sowie Track Nummer fünf, "Absolution Day", eine straighte Gangart mit episch angehauchtem Speed-Metal, irgendwo auf der Schnittstelle zwischen Helloween, Angra und Stratovarius. Technisch über alle Zweifel erhaben entwickelt sich hier die ein oder andere Hymne zum gefälligen Ohrwurm. Was meine Erwartungshaltung aber schmälert: Ausgerechnet die Begrüßung durch die allerersten Stücke fällt doch recht austauschbar aus - dabei sollte eine junge Band, die noch was zu beweisen hat, den Hörer besser gleich vom Hocker reißen...

Nun gut, übel ist das alles auch wieder nicht, und außerdem ziemlich gut produziert - und so bleibt man dem Werk gewogen, bis an dritter Stelle mit dem Zehnminüter "Laying The Demon To Rest" endlich die Post abgeht! Ein gesunder Hauch von kompositorischer Anarchie und ein sehr düsteres Riffing - das hat was von Beyond Twilight! Ein dynamischer Longtrack zwischen knisternd spannenden und wild einherdreschenden Passagen, minutenlangen Instrumentalstrecken und einem getragenen, hymnenhaften Refrain, in dem sich eine große Stärke der Band offenbart: ein markanter, hoher, von richtig guten Stimmen vorgetragener Chorgesang mit einem Hauch von Circus Maximus. Ein großer Pluspunkt ist auch, dass der Song (endlich) reichlich in Sachen Tempo variiert.

Und wenn wir schon mal beim Geschwindigkeitswechsel sind... auch im Mid-Tempo klingen Theocracy ganz stark: "The Writing In The Sand" ist eine von opulenten Chören veredelte Mid-Tempo-Nummer - eine Art Power Metal-Halbballade im Stile von Masterplan, Primal Fear. Und die Spielzeit von knapp sieben Minuten lässt sogar Raum für den ein oder anderen abwechslungsreichen B-Part, wie auch die 7:39 Minuten von "Martyr", dem true-metallischsten Stück der Platte. Ja, da funkelt es recht stählern - mal geradeaus (und dennoch ansprechend variationsreich), mal in epischen Kanon-Chören.

Wo bei manch anderer Platte Feierabend ist, da kommt bei "Mirror Of Souls" erst der gleichnamige, 23 Minuten lange Höhepunkt. Mit dem Titeltrack offenbart die Band ihr ganzes Potenzial. Ruhige Akustikgitarren zu Beginn künden davon, dass da etwas Großes kommt - und so ist es. Ziemlich bald schrauben sich Tempo, Spannung und Härtegrad steil nach oben - es entwickelt sich ein spannendes Puzzle aus zahlreichen schwermetallischen Versatzstücken und einigen unerwarteten Kehrtwenden in der Spannungskurve und auf dem Tachometer. Im Ohr bleiben vor allem die mittlerweile erwartungsgemäß anmutvollen, majestätischen Chormelodien. "Mirror Of Souls" ist ein epischer Metal-Longtrack, ohne sonderlich 'proggig' zu sein - er geht eher in die Richtung breit angelegter Maiden-Epen wie "Dance Of Death" oder der Hälfte aller Songs auf "A Matter Of Life And Death".

Also: Die Jungs von Theocracy 'entschädigen' mit ihrem Mix aus Power-, Melodic- und Speed Metal zunehmend für den Anfang des Albums, der nun auch wirklich nicht schlecht ist, aber kaum erahnen lässt, was da noch alles folgt. Und noch ein Schmankerl gibt's mit der Ballade "Bethlehem". Hier wird die Geburt Jesu Christi besungen - der direkteste von zahlreichen christlichen Bezügen in den Lyrics des Albums. Ganz schön stark, dieses "Bethlehem", das ganz zauberhaft mit zwei Akustikgitarren beginnt und in einem wunderschönen, am Ende hochmodulierten Power-Chorus aufgeht - ein Hard&Heavy-Weihnachtslied!


Est
Est
Preis: EUR 16,90

4.0 von 5 Sternen Öfter mal was Neues: Prog Rock auf Französisch!, 16. November 2008
Rezension bezieht sich auf: Est (Audio CD)
"Chantez-vous français?" Ja, bei Direction wird tatsächlich französisch gesungen - und es kommt nicht gerade oft vor, dass eine französischsprachige Prog Rock-Band international vertrieben wird! Dabei galt Französisch doch einst als äußerst chic. In der heutigen Zeit ist eher Englisch 'in' - pardon, en vogue. Die Band (bzw. le groupe) Direction jedoch hält an ihrer Muttersprache fest und fungiert somit als Botschafter nicht nur des gepflegten Prog Rocks, sondern auch der französischen Sprache.

Ganz so 'französisch' sind Direction dann aber doch nicht: Nicht die 'Grande Nation' ist ihre Heimat, sondern die kanadische Provinz Québec. Nun könnte man Kanada gut und gerne als 'Grande Nation' des Prog Rock bezeichnen, denn immerhin sind dort auch Rush zu Hause, ohne die Direction ganz bestimmt nicht so klingen würden, wie sie es auf ihrem vierten Studioalbum "Est" tun.

Kreativer Kopf der Band ist Marco Paradis, Jahrgang 1962. Er schreibt die Songs und spielt die Gitarren. Diese erinnern mich immer wieder an Alex Lifeson. Die Art und Weise, mit dynamischen Arpeggien zugleich Drive, Melodie und Harmonie in die Musik zu bringen, lassen ab und zu Rush-Einflüsse aufblitzen. Zudem klingt die verzerrte E-Gitarre nach frühen bis 'mittelalten' Rush, zum Beispiel des öfteren nach "Permanent Waves".

Auffällig sind auch die positiv hervorstechenden, sehr präsenten Basslines - ähnlich wie bei Rush ist der Bass hier nicht nur ein Begleitinstrument, sondern quasi der Herzschlag der Band. Das gilt freilich auch für viele andere klassische Prog-Acts, die ebenso für den Stil der Band Pate gestanden haben dürften, so zum Beispiel Genesis für "Memoire Privée" mit seinen Orgel-Hooklines, die so ganz und gar nicht nach Rush klingen, oder Yes für das Dur-lastige "La Fuite".

Die Texte der Songs tangieren ständig Themen vom Aufbruch ins Unerforschte, vom Wagnis, ins Unbekannte vorzudringen, von Veränderung - sei es nun im geografischen oder im übertragenen Sinne. Eine Rolle spielen aber auch - siehe die Darstellung auf dem Cover, im Kreis rund um den Kompass gezeichnet - die bösen Geister, auf die man dabei stoßen kann. Es geht um das Ausbrechen aus der Gleichförmigkeit einer Gesellschaft, um das Durchbrechen festgezurrter Denkstrukturen. "Touriste Urbain" ("Stadt-Tourist"), "Naufragé" ("schiffbrüchig") und "La Fuite" ("die Flucht") gehen in ihrer Aussage teilweise in Richtung von Rushs "Subdivisions"; "Capsule" betrachtet die Erde dann gleich aus Sicht des Weltalls.

Vom Tod und dem, was von uns danach übrig bleibt, handeln "Mémoire Privée" und das bezeichnenderweise letzte Lied der Platte über das Ende der Reise, "Dernière Issue". Herzstück des Albums ist aber das lange, mehrteilige "Soldat". Geschrieben aus der Sicht eines Soldaten handelt es von Ängsten und Überzeugungen, Tod und Glaube, von der Bürde seiner Erlebnisse. "Soldat" überzeugt mit einem durchdachten Aufbau, von militärischen Trommeln über langgestreckte Clean-Gitarren-Parts, dramatische Verdichtungen mit Tempo- und Stimmungswechseln bis hin zu einem nachdenklichen Schlussteil, nur von Klavier begleitet.

Trotz oftmals nachdenklicher bis schwer verdaulicher Lyrics klingen Direction mit "Est" insgesamt gar nicht so melancholisch, wie man es vermuten würde. Schuld daran sind die sehr lebendigen Melodien, die wiederum etwas von Rush haben, präsentiert von Serge Tremblay mit solidem, wenn auch nicht in besonderem Maße beeindruckendem Gesang. Und genau so verhält es sich irgendwie mit der ganzen Scheibe - "Est" ist etwas für Liebhaber klassischer Prog Rock-Klänge: etwas angestaubt, aber authentisch - gutklassig, aber nicht herausragend. Und doch: Pas mal, messieurs, pas du tout!


Break the Spell
Break the Spell
Preis: EUR 11,64

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Malmsteen lässt grüßen, 31. Oktober 2008
Rezension bezieht sich auf: Break the Spell (Audio CD)
Name: Jayce Landberg.
Nationalität: schwedisch.
Besonderes Merkmal: Weiß, was er will...

... und um das zu erkennen, braucht es nicht mal die Musik - der Blick aufs Plattencover reicht schon. Ein Mann, ein Ausfallschritt, eine Gitarre - und Flammen! Man ziehe bitte zum direkten Vergleich das Cover von Yngwie Malmsteens Album "Fire & Ice" heran. Da wird klar: Herr Landberg schickt sich an, den Malmsteen-Cover-look-alike-Contest zu gewinnen. Okay, an die Frisur muss noch Mal der Profi mit dem Lockenwickler ran... aber ansonsten: Hut ab!

Das Cover wirkt unfreiwillig komisch... oder handelt es sich um einen ganz und gar beabsichtigten Gag? Wer weiß... auf jeden Fall steckt hier drin, was die Optik verspricht. Der musikalische Inhalt eröffnet Kapitel zwei des Malmsteen-Wettbewerbs. Landberg, Jahrgang 1977, hat sich auf "Break The Spell" ganz und gar dem Stile des schwedischen Gitarrenmeisters aus genau jener "Fire & Ice"-Zeit von 1992 verschrieben. Nicht nur das: er hat auch Yngwies damaligen Sänger Göran Edman für sich gewonnen!

Nicht nur Edmans wunderbarer, glasklarer Gesang lässt mich immer wieder an "Fire & Ice" denken. Auch der Klang der Scheibe ist eine einzige Reminiszenz an glorreiche Zeiten für dauergewellte Gitarrenhelden in viel zu engen Hosen. Der von reichlich Hall unterlegte Gesang, der Sound der Gitarren und die teils kitschigen Keyboards - das alles macht die Zeitreise 16 Jahre in die Vergangenheit perfekt.

Auch als Songwriter ist Jayce Landberg nicht auf den Kopf gefallen. Von rockenden Antreibern wie "Break The Spell" oder "Land Of The Dark" über herzergreifende Powerballaden wie "Left On A Dream" bis hin zum stark Barock-lastigen Instrumentalstück "Kusamura" reicht die Bandbreite. Stark sind auch die magischen Vibes der wunderbar melodischen Mid-Tempo-Nummer "Burning Bridges", auch wenn die zwischenzeitlich in den Vordergrund rückenden Backing Vocals ein bisschen nach Schlümpfen auf Ecstasy klingen.

Was aus Landbergs Feder kommt, klingt authentisch, ohne dass all zu viel Ideenklau praktiziert wird - allerdings derart authentisch, dass er sich den direkten Vergleich gefallen lassen muss. Und gegen Klassiker lässt sich nun mal schwer anstinken. Das Level auf "Break The Spell" ist durchweg gut, doch es fehlt der ersehnte Hammer-Song - der Grund, die Scheibe gleich nach dem ersten Durchlauf nochmal rotieren zu lassen. "Left On A Dream" ist nicht übel, aber nun mal kein "I'm My Own Enemy" - "Kusamura" ist ein ordentliches Instrumental, aber nicht von der Dynamik eines "Leviathan".

Tja, und der Chef selbst ist natürlich alles andere als ein Durchschnitts-Klampfer - aber auch kein Yngwie Malmsteen. Auf "Break The Spell" wird amtlich gefrickelt, aber eher auf Ansage und nicht mit der Eingebung eines Yngwie Malmsteen zu seinen besten Zeiten. Außerdem fehlt dem Album im direkten Vergleich mit "Fire & Ice" ein kongenialer Keyboard-Virtuose à la Mats Olausson - ein gewisser Charlie Arvstrand kommt da nicht im Entferntesten ran.

"Break The Spell" wirkt von daher nicht gerade wie ein jahrelang verschollenes Album, sondern höchstens wie eine frisch aufpolierte B-Seiten-Sammlung Malmsteens. Aber immerhin! Angehörige der Zielgruppe sollten dem Ganzen unbedingt mal ein Ohr leihen.


Tales From Serpentia
Tales From Serpentia
Preis: EUR 18,62

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das nächste packende Prog-Konzeptwerk von T-Eve, 20. Oktober 2008
Rezension bezieht sich auf: Tales From Serpentia (Audio CD)
Progressive Metal, made in Germany - das verspricht Qualität! Vor allem, wenn eine Band aus dem Reigen zahlloser Dream Theater-Trittbrettfahrer ausbricht und mithilft, ein ganzes Genre zu beleben, modernisieren und nach vorn zu treiben - wie Tomorrow's Eve! Die haben sich spätestens mit Mirror Of Creation 2 - Genesis II an die nationale wie internationale Speerspitze des Progressive Metal herangearbeitet.

Dieses Monster-Album würde kaum zu toppen sein, das war klar. Und doch können sich die Saarländer, die zwischendurch im Anhang von Circle II Circle professionelle Tourluft geschnuppert haben, mit "Tales From Serpentia" ganz weit oben etablieren und lassen Fans von Gruppen wie Circus Maximus, Mind's Eye, Andromeda oder Vanden Plas praktisch keine andere Wahl als auch Tomorrow's Eve in den erlauchten Kreis ihrer Favoriten aufzunehmen.

Doch die Band klingt auch auf ihrem vierten Studioalbum wieder sehr eigen. Der Klang von Tomorrow's Eve ist geprägt von hartem und düsteren Riffing, von packenden, nahezu hypnotisierenden Atmosphären, einem enorm druckvollen wie technisch hochklassigen rhythmischen Unterbau. Gibt's schon alles, das mag wohl sein. Doch ihre individuelle Stärke ist die Kombination all dessen, was Prog Metal mit einem gehobenen Schwermetallanteil so hörenswert macht...

Einzigartig ist der Zusammenklang von Keyboard- und Gitarre. Die feiern hier ein kreatives Fest aus kleinen und großen, genial ineinander verflochtenen Melodien, wechseln sich im Vordergrund und der Begleiterrolle ab, spielen parallel, und das zuweilen in halsbrecherischer Präzision, kreieren gemeinsam spannungsgeladene Harmonien und rhythmisch komplexe und dennoch geradlinig nach vorn preschende Drives.

Und auch im Songwriting macht den Jungs kaum einer was vor. Meist im Sechs-Minuten-Bereich bewegen sich die detailverliebten Stücke, die voller Überraschungen stecken und gleichzeitig sehr direkt ins Ohr gehen. Straight und heavy und doch sehr technisch und 'verproggt' im Stile von Symphony X oder Evergrey kommen die Strophen daher, oder mit knisternd spannenden Clean-Gitarren-Arpeggien im Stile von Queensryche. Die Energie entlädt sich zwischendurch in atmosphärischen, schwebenden Refrains.

Tomorrow's Eve arbeiten ganz exzellent mit Gegensätzen: Urgewaltige Riff-Ungetüme verwandeln sich binnen Sekunden in anmutvoll schwebende Gänsehautnummern und umgekehrt. Der rote Faden geht dabei nicht verloren; kurze und lange Spannungsbögen greifen nahtlos ineinander. Längere werden unter anderem bei "Remember" gespannt, das inklusive Klavierparts an eine Savatage-Powerballade erinnert. Noch epischer kommt das schon beinahe musicalhaft-theatralische "The Tower" daher, in dem die Band in sieben Minuten verschiedenster Tempi, Rhythmen, Stimmungen und Atmosphären ein wahres Prog Metal-Feuerwerk abfackelt. Klingt all zu komplex, geht aber mit fabelhafter Bannwirkung direkt ins Hirn!

Nicht unschuldig daran sind die durchweg außergewöhnlich weit schweifenden Melodien. Sänger Martin LeMar, der übrigens unlängst auch bei den Ultra-Proggern Mekong Delta eingestiegen ist, setzt die Melodien emotional und kraftvoll in Szene. Sein Charisma ist als eines der wichtigsten Markenzeichen der Band - ein lebender Kopierschutz!

Wie könnte es anders sein: "Takes From Serpentia" ist ein Konzeptalbum, und - wie man es als Prog-Head liebt - nicht all zu einfach gestrickt. Im Grunde geht es um einen Protagonisten, der sein halbes Leben als Junkie dahingesiecht ist. Der Name der fiktiven Droge, die er sich mit seiner Freundin teilt: Serpentia. Er kommt davon los, sie nicht - die Beziehung platzt mit einem Riesenkrach. Die Vergangenheit holt den Protagonisten ein, als ihm eines Tages beim Aufräumen lose Blätter in die Hand fallen - es sind Geschichten, die er damals unter Drogen, ermuntert von seiner Freundin, geschrieben hat.

Die Tracks 2 bis 10 stellen diese Kurzgeschichten da. Sie stehen jede für sich - und doch erkennt der Schreiber in seinen düsteren Geschichten und ihren subtilen Botschaften stets Warnungen an sich selbst. Das Intro "Nightfall" und das knapp 20-minütige Finale "Muse" spannen einen Rahmen - die 'wahre' Story um die beiden, jenseits der Kurzgeschichten. Am Ende trifft der Protagonist wieder mit seiner Ex zusammen. Wie es ausgeht, wird hier aber nicht verraten. Nur so viel: Das hier ist keine Liebesgeschichte...

Spannend, wie die Fäden in "Muse" zusammenlaufen - nachzuvollziehen anhand der von Schauspielern eingesprochenen Sprech-Parts, die wiederum offenbaren, wie die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen... ein intelligentes Psycho-Puzzle über menschliche Abgründe und Unzulänglichkeiten, dessen Spannungskurve genial von der Musik unterstützt wird! Von daher ist "Tales Of Serpentia" wahre Kunst - ein Album, in das man ganz tief eintaucht.


Live in Germany
Live in Germany

10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen JLT live - ein lebendes Denkmal des Melodic Rock in bestechender Bühnen-Form!, 16. Oktober 2008
Rezension bezieht sich auf: Live in Germany (Audio CD)
Joe Lynn Turner ist ein lebendes Denkmal des herrlich unmodernen Melodic Hard Rocks. Mit Rainbow und Ritchie Blackmore war er Anfang bis Mitte der 80er stilprägend für ein ganzes Genre und seither immer schwer beschäftigt. Sei es mit Yngwie Malmsteen, dem Hughes/Turner-Project, Brazen Abbot (um nur ein paar Bands und Projekte zu nennen) oder mit zahlreichen Soloalben - und stets blieb er stiltreu. Mit Mitte 50 gibt's nun nochmal eine Premiere: Das allererste Livealbum als Solokünstler, aufgenommen beim United Forces of Rock-Festival im Oktober 2007 in der Ludwigsburger Rockfabrik.

Und dass es auch hierbei traditionell zugeht, weiß man schon nach ein paar Sekunden - denn die Band spielt gleich mal das Thema von "Somewhere Over The Rainbow". So folgen dann auch alleine neun Songs der drei Alben, die Turner mit Rainbow gemacht hat. Darunter sind sowohl Purple-lastige Up-Tempo-Kracher wie DEATH ALLEY DRIVER und CAN'T HAPPEN HERE als auch cool groovende, nicht minder Hammond-gefärbte Heavy Rocker im Mid-Tempo wie JEALOUS LOVER oder optimistische AOR-Perlen wie POWER.

Neben dem Rainbow-Stoff präsentiert Turner drei Stücke seiner jüngsten Soloalben "The Usual Suspects" und "Second Hand Life". POWER OF LOVE, YOUR LOVE IS LIFE und BLOOD RED SKY rocken gewaltig und bestechen durch Seelen-reinigende Melodien. Kurzum: Ob alt oder neu, die Songs sind allesamt erste Sahne. Und auch der Klang der Band ist traditionell und authentisch - neoklassische Blackmore-Hooklines und Hammond-Orgeleien ohne Ende!

Keyboarder Michael Sorrentino, der durchaus auch mal den Sound wechselt, und Gitarrist Karl Cochran (spielte auch auf Turners Solo-Album "Second Hand Life") sind technisch über alle Zweifel erhaben und bieten originalgetreue Frickeleien. Joe Lynn Turner ist gut bei Stimme und singt charismatisch durch die Höhen von damals und heute. Wenn man sich im Vergleich z.B. die Leningrader Malmsteen-Livescheibe anhört, hat sich Turners Stimme durchaus verändert - aber nicht verschlechtert, was wir ja von den sehr überzeugenden letzten Solowerken wissen. Die Klangfarbe ist anders geworden, ähnlich wie beim Kollegen Steve Walsh. Turner klingt heute wärmer und etwas rauer.

Es ist früher wie heute eine Wonne, dieser so präsenten Stimme zu lauschen. Dass der Gesang dabei so im Vordergrund steht, macht CAN'T LET YOU GO zu einem der Höhepunkte dieser CD, neben dem explosiven Mitsinger I SURRENDER - einst der kommerziell erfolgreichste Song Rainbows und immer noch ein Highlight.

Turners einziges Deep Purple-Album "Slaves And Masters" sparen er und Konsorten aus, spielen dafür aber BURN. Hier gibt die ganze Band einschließlich screamendem Frontmann nochmal alles! Insgesamt ein klasse CD-Mitschnitt, auf dem sogar Großartigkeiten des Konzerts wie "Highway Star" keinen Platz mehr fanden. "Live In Germany" ist leidenschaftlich zelebrierte musikalische Zeitlosigkeit. Und rockt ungemein!
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 25, 2014 4:20 PM MEST


Bobby Kimball Sings Toto Classics
Bobby Kimball Sings Toto Classics
Preis: EUR 9,26

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Bloß das Re-Release einer mittelprächtigen Scheibe von 1990..., 11. Oktober 2008
Rezension bezieht sich auf: Bobby Kimball Sings Toto Classics (Audio CD)
Doch dieses 2008er-Release aus dem Laden Rokarola Records ist eine ziemliche Frechheit. Es handelt sich um eine Aufnahme von 1990, mal eben unter neuem Namen aufgelegt! Bobbys zeitgenössisches Konterfei auf dem Cover führt also vorsätzlich in die Irre. Und es ist kein gewöhnliches Rockalbum, sondern eine Orchesterfassung der Toto-Klassiker, eingespielt in Frankfurt mit dem Radio Sinfonie Orchester des Hessischen Rundfunks. Das wäre doch eine Bemerkung im Titel des Albums oder ein Vermerk auf dem Cover wert gewesen... Unter dem Namen "Classic Toto Hits" gab es das Album schon einmal, und da wurde reiner Wein eingeschenkt.

Und der (mangelhaft deklarierte) Inhalt? Mit einem 75 Mann starken Orchester peppt Kimball die Toto-Stücke auf. Eine komplette Rockband gibt's trotzdem gratis dazu. Schade nur, dass neben den weniger verzichtbaren Drums und Bässen auch verzerrte Gitarren eine ziemlich große Rolle spielen. Im Wesentlichen werden erst einmal die Noten von Toto nachgespielt. Das Orchester dazu ist zwar nicht das schlechteste! Doch wie nah bei Toto oder wie weit weg von Toto denn das Orchester agieren soll, dafür konnte man sich nicht so recht entscheiden. Das Orchester spielt viel zu oft einfach nur mit, anstatt echte Akzente zu setzen. Okay, bei "Hold The Line", "Isolation" und vor allem "Holyanna" übernehmen Bläser und Streicher die ein oder andere Keyboard- und Gitarren-Melodie. Aber selten durchgängig, ganz zu schweigen davon, dass bei einigen der Songs trotzdem die Gitarre im Hintergrund noch mitspielt. Ja warum denn? Viel zu oft übernimmt das Orchester nur die Keyboard-Anteile der Originale. Bei "I'll Be Over You" und "Anna" konnte man es leider nicht lassen und hat dennoch nicht auf ein paar Kitsch-Keyboards verzichtet. Als ob es nicht schon verstörend genug wäre, hier eine andere Stimme als die von Luke zu hören, wird jede Chance auf einen gewinnbringenden Orchesteranteil verspielt. Mehr Mut, konsequenteres Umarrangieren und mehr Orchester hätten nicht nur hier gut getan. Wenn schon, denn schon! Natürlich bleiben ein paar Lichtblicke, beispielsweise die forcierenden Crescendo-Streicherteppiche bei "Out Of Love" und vor allem die frische Version der Instrumental-Hymne "Child's Anthem", deren Mix aus Verspieltheit und markanter Rhythmik perfekt zur Orchester-Umsetzung passt. Ansonsten verliert sich der musikalische Zugewinn in ein paar verzierenden Flöten hier, einigen Trompetchen da. Schade, dass dieses Album nix Ganzes und nix Halbes ist. Auch die beiden Bonustracks "One Day At A Time" und "Cool Change", die nicht von Toto stammen, können trotz ansprechender Einsätze einer Duett-Sängerin und eines Gospelchores als seichte Schmalzballaden den Reiz der Gesamtveranstaltung nicht erhöhen. Und so ist unterm Strich trotz einiger freilich sehr guter Gesangsleistungen Kimballs ausgerechnet das Instrumentalstück "Child's Anthem" der Höhepunkt. Und das auf der Solo-CD eines Sängers...


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