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Dr. Klier
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Schulden: Die ersten 5000 Jahre
Schulden: Die ersten 5000 Jahre
von David Graeber
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,95

16 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Typisch Anthropologe - Worte. Viele Worte. Viel zu viele Worte., 25. Juli 2012
Interessantes Buch, welches die konzeptuellen Probleme unserer Zeit mithilfe der historischen, soziologischen und anthropologischen Apparate zumindest effektiver als die so genannte Wirtschaftswissenschaft anzupacken, wenn nicht sogar zu lösen versucht.

Streckenweise habe ich die Fülle der - mir vorher unbekannten - überlieferten Fakten zum Thema 'Schulden' genossen. Als Kompendium diverser Studien stellt das Buch sicherlich einen Wert an sich dar.

Doch was soll das Ganze letztendlich?

Leider bleibt die zentrale Botschaft des Buches vage. Es werden mehrere Erklärungsstränge ineinander verwoben, bei größtmöglicher begrifflicher Verwirrung. Eine logisch zwingende Kausalität der vorgeschlagenen Lösung kann ich nicht erkennen.

Mit historisch zu Genüge komprommitierten und obendrein logisch kontroversen Begriffen wie 'Kommunismus', etc. wirft er bissl um sich, keine Anhung, warum? - Er könnte ja locker an diesen havarierten Schiffen der Sprachgeschichte vorbei segeln.

Mehr noch: er entwickelt dazu sogar ein eigenes linguistisches OP-Besteck...die Dynamik der Schuldverhältnisse quasi als unweigerlich stattfindende Energietransporte im humanen Wechselwirkungsnetz. Dann aber, anstatt konsequent in diesem eigens entwickelten Bild zu operieren, nimmt er auf einmal wieder Hammer&Sichel zur Hand...strange.

Naja, vielleicht zeigt sich darin der so genannte Anarchismus. Für mich enthält das Buch jedenfalls zu viel Firlefanz bei geringer Ausbeute belastbarer Aussagen.

PS: immerhin gut, dass er die unerträglich hochgestochenen Ansprüche der Wirtschafts"wissenschaft" bloßstellt. Ein Haufen Blödsinn, diese Pseudowissenschaft.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 5, 2012 12:52 PM CET


Die Wende - Wie die Renaissance begann
Die Wende - Wie die Renaissance begann
von Stephen Greenblatt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

40 von 50 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Grundgedanke: gut, Stil: eher seltsam, 25. Juni 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Zum Erwerb dieses Buches wurde ich durch die vielen veröffentlichten Kritiken angeregt, in denen mit Lob nicht gespart wurde - vor allem in angesehenen Zeitungen.

Nach der Lektüre bin ich etwas ernüchtert. Der Autor entwickelt zwar einige großangelegte Gedankenbögen, sein Stil ist aber, meiner Ansicht nach, ziemlich hölzern und von Stereotypen geprägt.

In seiner Absicht, die Welt seiner literarischen Hauptfigur, des Bücherjägers Poggio, zum Leben zu erwecken, scheitert er kläglich. Wohl auch deswegen, weil die Quellenlage zur Renaissance, objektiv gesehen, einfach zu schlecht ist, um das Wiederauferstehungswunder vollbrigen zu können.

Abgesehen davon, wage ich die höchst persönliche Einschätzung, dass der gute Herr Greenblatt eben kein begnadeter Schreiber ist, und deshalb auch kein fesselndes Buch vorlegen kann. Oder liegt es eventuell an der ungeschickten Übersetzung? Mein Interesse ist leider nicht stark genug, um auch das engliche Original zu erwerben, um direkt vergleichen zu können.

Der deutsche Text ist voller Redundanzen, seltsam verschachtelter Sätze, streckenweise enorm nervig zu lesen. Oft wirkt er so, als hätte der Autor seine Vorabnotizen einfach zusammengefügt, ohne sich die Mühe einer stilistischen Metallurgie zu machen, die aus diesen spröden und heterogenen Erzbrocken eine gelungene Legierung hätte enstehen lassen können.

Trotz des enttäuschenden Leseerlebnisses würde ich das Buch empfehlen, vor allem wegen der abschließenden Literaturliste - meines Erachtens wäre der Autor aber weit besser gefahren, wenn er eine knappe und würzige wissenschaftliche Studie zum Thema vorgelegt hätte, ohne die mitunter recht peinliche "literarische" Aufbereitung.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 15, 2013 10:35 PM MEST


Der Mann ohne Gesicht: Wladimir Putin. Eine Enthüllung
Der Mann ohne Gesicht: Wladimir Putin. Eine Enthüllung
von Masha Gessen
  Gebundene Ausgabe

21 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Beispiel für richtigen Journalismus, 6. März 2012
Während die hiesige "Presse" Unmengen an Papier und Druckertinte für so genannte
Ereignisse wie die Oskarverleihung und die Wetten-Dass-Nachfolge verschwendet,
setzte sich in Russland eine kompetente und intellektuell fähige Jouralistin hin und
verfasste dieses, in jeder Hinsicht lesenswertes, Buch.

Mit Ausnahme der - wohl in Eile vorgenommenen - Übersetzung, die ich als ziemlich uninspiriert bewerte (daher nur vier Sterne) ist das Buch nicht nur informativ und logisch aufgebaut, sondern auch Ausdruck eines überdurchschnittlichen journalistischen Gestaltungswillens.

Die Autorin ist hervorragend vernetzt, wobei sie die Unterstützung Beresowskis sowie jene einiger einflussreichen Westler offen und ehrlich nennt. Ich halte es übrigens für moralisch fehlgeleitet bis zynisch, an dieser Stelle Spekulationen über ihre persönliche Sicherheit anzustellen, wie manche/r Vorrezensent/in. Sie hat sich dafür entschieden, das Buch zu veröffentlichen. Ich fürchte, das muss genügen.

Das System der neuen russischen Führung wird anhand vieler Fallbeispiele erklärt, die Persönlichkeit Putins plausibel entschlüsselt. Sehr lesenswert.

Mitunter vielleicht etwas vorgriffig in der Interpretation. Beispiel: die Autorin nennt einige Situationen, in denen Putin mehr oder weniger wertvolle Gegenstände, die
ihm gezeigt wurden, einfach so an sich nimmt (vulgo: offen raubt), und deutet dieses Verhalten als zwanghaftes Verlangen nach Fremdbesitz. Zwar etwas anderes als schlichte Kleptomanie, aber immerhin ein vermeintlich abnormes Verhalten. Dies halte ich für sehr gewagt; falls Putin sich (formel sogar völlig zu Recht, denn er wurde ja dazu gewählt) für einen Herrscher in der Tradition der Zaren hält, dann ist dieses possesive Gebahren (Dinge, die ihm gefallen, einfach seinem Besitz einzuverleiben) nichts anderes als Ausdruck der von ihm ausgeübten absolutistischen Macht, demnach vollkommen logisch. Aus der Sicht einer Bürgerdemokratie mag dies abwegig erscheinen, aus seiner Perspektive das Natürlichste auf der Welt - ohne jede pathologische Komponente. H. Arendt paraphrasierend könnte man hier von der Banalität des Undemokratischen reden. Krank ist er sicherlich nicht, der Herr Putin. Nur eben kein Demokrat, aber damit muss der Westen leben (übrigens: ist der Westen noch demokratisch? Wer ist es eigentlich noch?).
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 25, 2012 7:21 PM MEST


Zyklen der Zeit: Eine neue ungewöhnliche Sicht des Universums
Zyklen der Zeit: Eine neue ungewöhnliche Sicht des Universums
von Roger Penrose
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

58 von 68 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Endlich: mathematisches Gerüst neuerer Theorien geduldig erklärt, 22. August 2011
Das recht schnell ins Deutsche übertragene (2010 erstaufgelegte) Buch des berühmten Mathematikers Penrose stellt meines Erachtens einen großen Gewinn dar für jede/n die/der es sich vornehmen mag, und zwar aus mindestens zwei Gründen:

1. Erstens mangelt es auf dem populärwissenschaftlichen Markt an Büchern, in denen die neueren physikalischen Theorien von ihrer Mathematik her "angepackt" und erklärt werden - vielleicht weil es für die Autoren einfacher ist, oder weil man den heutzutage weit verbreiteten Unsinn teilt, man würde die Leserschaft vergraulen, wenn man Formeln aufschreibt (dann wundert man sich darüber, dass Mathematik Vielen als schweres, letztlich entbehrliches Fach gilt. Aber lassen wir das an dieser Stelle).

Roger Penrose kann unmöglich der Trockenheit oder Schwerverständlichkeit bezichtigt werden, dafür surft er viel zu virtuos auf dem stürmischen Meer mathematischer Begriffe, und ich habe nach der Lektüre den Eindruck, dass er das Buch absichtlich pädagogisch aufbaut, eventuell um es der jungen Leserschaft leichter zu machen.

Er beschreibt das Theoriegebäude ausführlich, nimmt sich Zeit für suggestive Erklärungen. Anhand von Skizzen und Analogien wird die Mathematik so aufbereitet, dass sie "unter die Haut" geht; man bekommt quasi ein Gefühl für die Beschaffenheit und Funktionsweise der mathematischen Instrumente, denen sich die moderne Physik für die Naturbeschreibung bedient. Natürlich nicht so gut, als wenn man selber rechnen würde - immerhin wird somit zwischen dem Erdgeschoß des "puren Wissenschaftspopulismus" und dem Turmzimmer der "ernsten Wissenschaft" eine wohnliche Zwischenebene eingerichtet (bisschen wie Brian Greene oder R. P. Feynman, nur fordernder).

2. Ein solches Buch, auf Deutsch vorliegend, dient der Sprachpflege. Vor allem als Sprache des Wissens geht das Deutsche zurzeit am Stock, da es vom allgegenwärtigen Englisch verdrängt wird. Man kann natürlich argumentieren, an der geistigen Spitze der Gesellschaft ist nun mal Englisch vonnöten, um den Austausch mit den ausländischen Wissenschaftlern/innen zu erleichtern. Dies funktioniert aber nur, solange man konsequent und erfolgreich neue Begriffe eindeutscht, damit die Sprache nicht verarmt, wodurch diese, langsam aber sicher, unfruchtbar werden würde.

Sprachliche Verarmung/Verrohung tritt dann ein, wenn das aufkommende Wissen nicht in den Korpus der Gesellschaft eindringen kann, weil es eben nur sprachlich verkapselt vorliegt (ähnliche Situation: die Verwendung des Lateinischen im Mittelalter als einzige Wissenschaftssprache trug dazu bei, dass die überwältigende Mehrheit der Menschen vom Wissen praktisch ausgeschlossen war. Eine erfolgreiche Ausbildung und Pflege der europäischen Kultursprachen, so wie wir sie heute kennen, wurde erst durch die Übersetzungen der wichtigen Werke in die jeweilige Volkssprache ermöglicht, siehe Bibel, etc.). So gesehen war der damalige Nationalismus unter anderem auch kulturell bedingt, was uns heute vor ernsten Problemen stellt, zumindest was die unentbehrliche Wissensvermittlung anbetrifft.

Eine eindringliche Beschreibung der Sprachverarmung und deren Konsequenzen in historischer Perspektive bieten manche Stellen aus Otto Neugebauers Schriften zur Mathematikgeschichte (Ägypten, Babylon, usw).

Es ist also sehr zu begrüßen, wenn ein Übersetzer wie Thomas Filk seine Arbeit elegant und gewissenhaft erledigt, so wie im Falle des vorliegenden Buches, und sich nicht auf Anglizismen ausruht, sondern wirklich übersetzt.

Das Buch wird durch sehr lesenswerte Anmerkungen mit Literaturtipps + Index abgerundet.

Zum Schluss dieser Betrachtungen sei noch das gute Aussehen des Buches gelobt: ansprechende Optik, klare Graphiken und gute Bindung. Sorgfältig verarbeitet, liegt gut in der Hand und droht nicht beim ersten schiefen Blick auseinander zu fallen (obwohl dieser selten so ungerechtfertigt wäre wie hier).


Der heilige Schein: Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche
Der heilige Schein: Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche
von David Berger
  Gebundene Ausgabe

10 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Informativ, Fixierung auf Homosexuellen-Problematik eventuell ermüdend, 5. Februar 2011
Ein Spitzentheologe und ehemaliger Liebling der katholischen Konservativen wechselt die Fronten und wird zum Befürworter diverser (längst fälliger) Reformen - die Wandlung des Autors verspricht Spannung. Eben wegen seiner erweiterten Perspektive bietet er umfassendere Infos zum System als die üblichen, rein apologetischen, beziehungsweise rein kritischen Darstellungen, die es zum Thema gibt. Daher habe ich mir das Buch vorgenommen, obwohl die RKK nicht gerade mein Hauptthema ist.

Die Lektüre ist lohnend, denn Herr Berger ist ein intelligenter und gebildeter Autor, der seine Wandlung psychologisch begründet - ob all seine Ausführungen das innere Geschehen exakt wieder spiegeln, oder mitunter dem hehren Zweck verpflichtet sind, ist sein Geheimnis und sollte auch so bleiben. Schließlich soll seine Werdung vom Kirchesoldat zum Mensch der Moderne exemplarisch sein, beziehungsweise den Hintergrund offenbaren, und keine ausschöpfende psychologische Fallbeschreibung.

Sein Zweck ist indes klar und nachvollziehbar: zu zeigen, dass die RKK mittlerweile zu einem Mühlenstein am Fuß unserer Zivilisation geworden ist (so wie die ganzen Ostkirchen, übrigens).

Dank ihm erfährt man viele Interna aus einer globalen Firma, die von in ihren Ansichten verkalkten und menschenverachtenden Patriarchen gelenkt wird, ohne Hoffnung auf Modernisierung. Viele der offenbarten Namen (Personen und Organisationen aus dem Umfeld der RKK) dürften nur Eingeweihte wirklich interessieren, aber die Dinge, für die diese Namen stehen, sind von allgemeinem Interesse - man erfährt, was es so alles gibt. Eine Art RKK-Leaks, in Anlehnung an WikiLeaks.

FAZIT: gutes Buch, mutiger und beredter Autor. Mehr Theologen seiner Art bräuchte es.

Einige weiterführende Gedanken: etwas störend am Buch empfand ich die (in diesem Kontext wohl unvermeidliche) Fixierung auf die Homosexuellen-Problematik. Für Nichtschwule können die entsprechenden Ausführungen schon mal ermüdend wirken.

Es ist zwar ewig Schade, dass die Männer der RKK ihre Sexualität unterdrücken müssen, aber das Thema hat meines Erachtens Null theologische Relevanz, genau so wie der Zölibat (es betrifft obendrein einen relativ kleinen Segment der ganzen Gesellschaft.

Diese Dinge sind oberflächlich und unterliegen sowieso dem historischen Wandel. Theologisch ausgedrückt: ob Priester Sex haben oder heiraten dürfen, ist Gott piepegal. In der Geschichte der Kirche selber gab es ja bereits verschiedene Phasen: mal ja, mal nein, wen interessiert's? - um es mal provokant auszudrücken... In den Ost"kirchen" dürfen/müssen Priester heiraten (und zwar nur Frauen, Pech für die Homos...), und dennoch sind die Ostfirmen nicht minder verkalkt wie die RKK. Denn in all diesen so genannten "christlichen Kirchen" (in Wirklichkeit eher Sekten, Männerorden, etc.) haben die Frauen, also circa 50% der Menschheit, nichts zu melden. Womit wir beim Thema wären.

Das große Thema ist also der Zugang der Frauen zum Kirchenamt - dieser ist theologisch hochrelevant, im Gegensatz zum priesterlichen Sex. Die von der RKK erzwungene theologische Unmündigkeit der Frau (und zwar in krassem Gegensatz zur Deutschen Gesetzgebung - um nur das Beispiel Deutschlands zu nennen) wird noch schlimme Folgen haben, da sie die Idee der Moderne pervertiert.

Böse, aber wahr: wenn die Frauen das theologische Weltbild nicht mitgestalten dürfen, dann kann man sich das Gesülze über weibliche Führungspersonen glatt ersparen. Das religiöse Tabu (laut Bibel sind Frauen minderwertiger als Männer) lastet schwer auf der Idee der weiblichen Führungsfigur, und das wird sich nur dann ändern können, wenn wir eine wirkliche christliche (= Menschenliebende) Kirche hätten, in der Frauen und Männer gleichberechtigt das religiöse Amt ausüben, bzw. die theologischen Glaubenslehren mitbestimmen dürfen.

Obwohl D. Berger meist auch das Wort 'Frauen' nachschiebt, wenn es um die notwendigen Reformen geht, spürt man doch deutlich, dass es ihm (in diesem Kontext wohl völlig berechtigt) hauptsächlich um die homosexuellen Theologen geht.


Ist Gott ein Mathematiker?: Warum das Buch der Natur in der Sprache der Mathematik geschrieben ist
Ist Gott ein Mathematiker?: Warum das Buch der Natur in der Sprache der Mathematik geschrieben ist
von Mario Livio
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

25 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Charmantes, modernes, elegantes Buch - leider mit ungeschicktem Cover, 5. Februar 2011
Superbuch: die Lesezeit vergeht wie im Flug, ohne jede Langeweile. Der Astrophysiker Mario Livio zeigt seine Gelehrsamkeit auf humorvolle Weise, in hohem Maße der Verständlichkeit verpflichtet; verliert nie den roten Faden.

Anders als man aufgrund des Titels vermuten könnte, geht es hier nicht um pseudoreligiösen Unsinn, vielmehr werden die verschiedenen bisherigen Ansätze zur 'Erklärung der Welt' vorgestellt und diskutiert - vor allem der Grund, weshalb die, einst vorherrschenden, religiösen Erklärungen langsam aber sicher an Einfluss verloren haben (nämlich die Entwicklung der Mathematik als Sprache der wissenschaftlichen Naturbeschreibung).

Eine Fülle von Zitaten aus den erhabensten Werken der Wissenschaftsgeschichte laden dazu ein, die Lektüre zu vertiefen (reichhaltige Bibliographie vorhanden). Besonders erfreulich fand ich erstens die Vorliebe des Autors für Originalquellen (Galilei, Newton, Descartes, etc.), zweitens die Entwicklung ausführlicher Gedankengänge zu einem bestimmten Thema.

Dies führt dazu, dass ich dieses Buch als sehr geeignet für JUNGE Leser/innen halte (Erstlektüre vielleicht schon ab 12-13 Jahren möglich, wobei eine spätere Reiteration fast sicher zu einer Vertiefung führen würde - falls beim ersten Mal nicht alles verstanden wurde).

Denn man findet selten ein Buch zur Philosophie der Wissenschaft, welches derartig klar und verständlich daherkommt, bei vorzüglicher Informationsdichte. Die Übersetzung ist m.E. gelungen.

Maliziöserweise könnte man anmerken, dass ein Naturwissenschaftler wie Livio, geübt an sparsamen und präzisen Formulierungen, eben keinen blümerant machenden, imposanten Wortsalat produzieren mag (so wie man ihn andernorts häufig findet), sondern sein Thema fest im Griff hat.

Schade nur, dass auf dem Buchumschlag das Wort GOTT in Riesenlettern prangt, während der weit informativere Zusatz "warum das Buch der Natur in der Sprache der Mathematik geschrieben ist" sich klein und unauffällig drunter kauert. Es ist anzunehmen, dass dieser reißerische Zug (einem so hochwertigem Buch durchaus unwürdig) manchen potentiellen Interessenten vom Kauf abhält - leider.


Staatsfeind WikiLeaks: Wie eine Gruppe von Netzaktivisten die mächtigsten Nationen der Welt herausfordert  - Ein SPIEGEL-Buch
Staatsfeind WikiLeaks: Wie eine Gruppe von Netzaktivisten die mächtigsten Nationen der Welt herausfordert - Ein SPIEGEL-Buch
von Marcel Rosenbach
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

25 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Gelungene Kompilation bisheriger Infos, Manches wirklich neu., 4. Februar 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das Buch enthält die meisten schon vorher in diversen Zeitungs- und Internet-Beiträgen veröffentlichen Informationen zu WikiLeaks und J. Assange, wobei hier die Professionalität der zwei Journalisten dadurch zum Tragen kommt, dass sie sich um einen übergeordneten / logischen Kontext bemühen.

Es gibt also durchaus lesenswerte Betrachtungen zum großen Thema der Informationsfreiheit versus institutionelle Sicherheit (welche wiederum inhärent auf die Möglichkeit beruht, Informationen geheim zu halten oder vertraulich weiterzugeben, je nachdem). Auch der Stil ist, den Umständen entsprechend, als gut zu bezeichnen. Das Buch ist zwar sehr leicht zu lesen, aber nicht nervig-seicht.

Wirklich neu für mich war der Abschnitt zu Lamo (Verräter von B. Manning) und dessen Umfeld, den ich sehr lesenswert fand.

Auch hilfreich: eine Zusammenfassung der Depeschen zur Deutschen Politik wird geboten, was gut ist für die Leserschaft, die keine Zeit oder Lust hatte, das damalige diesbezügliche Spiegel-Heft zu lesen.

Einige Dinge fand ich weniger gut:

1. Eine ganze Reihe von Fragmenten scheinen dem Büchlein 'Julian Assange - Der Mann, der die Welt veränderte' von Karsten Görig und Kathrin Nord entnommen zu sein, und zwar (meines Eindrucks nach, habe jetzt nicht Zeile für Zeile verglichen...) ziemlich Eins zu Eins. Sicherlich: wenn man auf dieselben (wenigen) Quellen angewiesen ist, dann kann man keine große Originalität erreichen, copy/paste ist aber auch nicht der Hit.

2. Die Autoren scheinen an tiefere Gedanken von Assange kein großes Interesse zu haben (soweit solche überhaupt vorhanden). Denn: obwohl sie ihn mehrmals persönlich getroffen haben, und sogar lange Arbeitssitzungen mit ihm verbracht haben, zitieren sie durchweg belanglose und aus dem Kontext gerissene Statements des WikiLeaks-Mannes, ohne die Oberfläche zu durchbrechen. Über ihn schreiben sie meist anhand der bekannten Videos / Sendungen / Interviews, in denen ja manches bis zum Nicht-mehr-hören-können wiederholt wurde. Immerhin wirken sie bei der Beurteilung von Assange um Objektivität bemüht und halten sich eher zurück, was für sie spricht (im Gegensatz zu Seiner Erhabenen Journalistischen Papstheit B. Keller, der den Australier voller Abscheu als übel riechenden, dahergelaufenen Lump zu portraitieren geruht).

Vielleicht gab es schlicht nicht die Zeit dafür, aber es stellt sich schon die Frage, warum sie den J. Assange nicht mal ordentlich/tiefgehend interviewen konnten/wollten, anstatt lauter Puzzle-Teile zusammenzusetzen, um ein recht löchriges Bild zu erhalten. Es hätte nämlich die Sache runder gemacht.

Fazit: lesenswertes Buch, mit vielen Infos, vor allem wenn man in den letzten Monaten nicht die Zeit hatte, die WikiLeaks-Sache zu verfolgen.


Gesammelte Abhandlungen (AMS Chelsea Publishing)
Gesammelte Abhandlungen (AMS Chelsea Publishing)
von David Hilbert
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,31

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen David Hilbert: Der Stern von Königsberg - "Wir müssen wissen - wir werden wissen", 16. Dezember 2009
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Zu David Hilbert (1862-1943) gibt es bereits Einiges an Literatur, aber die 'Gesammelten Werke' bieten die Informationsquelle schlechthin - zumal Hilberts Rezeption sich (leider) weiterhin auf Fachpersonen beschränkt.

Der Sohn einer mathematisch interessierten (wohl auch entsprechend begabten) Mutter und eines Juristen war für das mathematisch-naturwissenschaftliche 19./20. Jahrhundert das, was C.F. Gauß (1777-1855) circa Hundert Jahre früher gewesen war: Leitstern am Himmel.

Die drei Bände dieser Ausgabe (Chelsea, 1981 - es gibt aber mehrere, zum Beispiel eine Springer-Ausgabe von 1970) bieten die Quintessenz eines Lebens: Mathematisches, Physikalisches, Philosophisches. Für Liebhaber der Mathematik unverzichtbar, für Naturwissenschaftler ungemein bildend und inspirierend, für Laien ein kostbarer Einblick in die Gedankenwelt eines der größten Naturphilosophen, die jemals gelebt haben.

Traurig und unbegreiflich, dass heutzutage Hilbert kaum als Philosoph bekannt ist, während die höchst entbehrlichen Erzeugnisse diverser geistiger Leichtgewichte und grimmiger Berufsnullen uns durch allen medialen Kanülen zwangsinjiziert werden. Andererseits: was hat die Mathematik unter den peinlichen "-Ismen" der Dekadenz auch verloren? - glücklicherweise nichts. Damit bleibt ihre Strahlkraft erhalten. Sie ist die Sprache aller echten Wissenschaft.


Die Zukunft der Physik: Probleme der String-Theorie und wie es weitergeht
Die Zukunft der Physik: Probleme der String-Theorie und wie es weitergeht
von Lee Smolin
  Gebundene Ausgabe

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Frei heraus - mutiger Physiker mit Sinn für die großen Zusammenhänge, 16. Dezember 2009
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Bei diesem Buch fällt mir zuerst "unbedingt lesenswert" ein, denn es ist
wirklich gut geschrieben, und behandelt Einiges mehr als das Übliche, was zum Populärwissenschaftlichen so gehört. Vorneweg also: eines der Besten, die mir
letztens untergekommen sind.

Der Autor hat Verve, Wissen und eine Offenheit, die plausibel macht, dass seine mitunter polemischen Betrachtungen nicht bloßes politisches Manöver sind, sondern Ausdruck der echten Sorge.

Zwei inhaltliche Stränge sind ineinander verwoben: 1) die Stringtheorie (was will diese, was bisher erreicht, was noch im Argen liegt, bzw. nicht machbar scheint, etc) und 2) die Missstände in der universitären Physik, die dem Autor besonders am Herzen liegen (der Hierarchisierungsmechanismus ist starr geworden, jungen Forschern werden Themen "nahegelegt", das System neigt somit zur Parthenogenese, unter den Personen der Wissenschaft menschelt es sehr, etc).

Eingangs wird ein historisches Panorama der modernen Physik geboten (Kap. 1: "die unvollendete Revolution" behandelt die ungelösten Fragen der Physik, mit Einblicken in die Gedankenwelt der großen Physiker), was vor allem LeserInnen entgegenkommt, die keine Zeit haben, sich durch Unmengen von Sekundärliteratur durchzuarbeiten.

Gut finde ich, dass Lee Smolin philosophische Implikationen zur Rolle der Wissenschaft als solche diskutiert, etwa die Thesen von Lakatos, Feyerabend und Kuhn, wobei er (erfahrener Theorieprofessor) - in angenehmem Kontrast zu vielen der heutigen philosophischen Plustertruthähne - wirklich Ahnung von der Physik hat.

Ein wenig enttäuschend ist seine Neigung, Dinge zu wiederholen - was sich aber glücklicherweise weniger auf die Physik-Aspekte bezieht, sondern eher auf die Seitenhiebe gegen die Zunft der Stringtheoretiker. Diese scheinen sich wohl selbst zur absoluten Elite hoch zu stilisieren, da sie ja am 'ultimativen Problem' arbeiten, was dazu führt, dass sonstige Gebiete der Theoretischen Physik materiell und geistig verarmen, bzw. dazu, dass sich der theoretische Horizont insgesamt einengt.

Ich habe den Eindruck, dass der Autor seine kritische Haltung gegenüber der Stringtheoretiker als heikel empfindet (warum auch immer) und sich daher ganz oft rechtfertigen zu müssen meint. Er unterstreicht ständig, dass er auch auf dem betreffenden Gebiet gearbeitet hat, dass er die Fakten kennt, etc, um glaubhaft zu machen, dass seine Kritik nicht bös' gemeint ist, sondern quasi einem mitfühlenden Herzen entströmt. Das nimmt man ihm aber sowieso ab (leidenschaftlich, wie er schreibt), also hätte er sich meines Erachtens weit weniger Sorgen machen müssen.

Fazit: ein ehrlicher Mahner vom Fach gibt einen Überblick der S-Theorie (oder ist diese doch keine? - Details werde ich hier aber nicht verraten, um das Lesevergnügen nicht zu trüben).


Winterreise
Winterreise

7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Bostridge at work: nuancenreich und präzise, 11. November 2009
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Winterreise (Audio CD)
Wie immer bei Ian Bostridge, höre ich auch aus dieser
Winterreise mehr Sein als Schein heraus.

Dick aufgetragene Verzweifelung ist seine Sache nicht.
Die Stimme ist unglaublich wandlungsfähig und präzise geführt - ich habe nicht
viele Sänger gehört, die ein relativ schmales Frequenzintervall
auf einen solch fabelhaften Gefühlsraum abbilden können.

Er steht echt hinter jeder Note und singt mit gefasster Emotion,
in etwa so, wie Vermeer gemalt hat.

Direkte Vergleiche mag ich an dieser Stelle nicht ziehen, nur soviel:
es drängt sich die Vermutung auf, dass das, was am natürlichen
Stimmmaterial fehlt, durch ein herausragendes Intellekt
kompensiert wird. Das Ergebnis ist glänzend.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 18, 2014 12:27 PM CET


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