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Persönliches Profil

Beiträge von Felix Richter
Top-Rezensenten Rang: 83
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Rezensionen verfasst von
Felix Richter
(TOP 100 REZENSENT)    (REAL NAME)   

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Kochen: Eine Naturgeschichte der Transformation
Kochen: Eine Naturgeschichte der Transformation
von Michael Pollan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Elementares Kochen, 23. Dezember 2014
Zu der überschaubaren Anzahl von Fähigkeiten, die den Menschen vom Tier unterscheidet, gehört, dass er seine Nahrung dergestalt modifiziert, dass sie besser schmeckt und vor allem leichter verdaulich ist. Die verschiedenen Formen der Zubereitung lassen sich in vier Methoden unterteilen, die zu sehr unterschiedlichen Zeiten in der Menschheitsgeschichte aufgetaucht sind: Das direkte Rösten über dem Feuer, Kochen mit Wasser, Backen und Fermentieren. Vier Prozesse, die Pollan mit einem leichten Augenzwinkern den vier Elementen des klassischen Altertums zuordnet: Feuer, Wasser, Luft und Erde. Dadurch erhält das Buch seine Struktur und Pollan allerlei Gelegenheiten zu philosophischen Exkursen.

Pollan hat nicht nur das Gespräch gesucht mit namhaften Experten für die jeweilige Methode, die jeder für sich darum kämpfen, ihre Kunst auf ihr ursprüngliches Wesen zurückzuführen, sondern probiert auch alles zu Hause aus: Gart ganze Schweine, optimiert seine Fleischtöpfe, backt Brot, braut Bier und macht sein eigenes Sauerkraut - Slow Food in Perfektion. Ein Entwicklungsprozess, der sich über Jahre hingezogen hat und in dem seine Liebe zur Kocherei immer stärker wurde, je tiefer er in die Materie eindrang.

Ausführlich erläutert Pollan die Prozesse und ihre kulturgeschichtliche Relevanz, wirft neues Licht auf scheinbar banale Vorgänge, geht auf angeborene und anerzogene Geschmäcker ein, beklagt, wie schon im Omnivorendilemma, wie weit wir uns von den Ursprüngen unserer Nahrung entfernt haben und was das für katastrophale Auswirkungen auf unsere Gesundheit hat (und die der Tiere, die wir essen), wundert sich mit Recht, warum wir wesentlich mehr Zeit mit dem Betrachten von TV-Kochshows verbringen als mit Kochen, bricht zahlreiche Lanzen für die Mikroorganismen, die uns beim Erzeugen und Verdauen unserer Nahrung assistieren und plädiert nicht ohne Humor für einen entspannteren, sprich weniger sterilen Umgang mit denselben.

Das Garen von ganzen Frühlingszwiebeln in reichlich Wasser wird übrigens im ganzen Buch kein einziges Mal thematisiert. Wie ausgerechnet das zu der Ehre gekommen ist, den Buchdeckel zu zieren, ist mir ein Rätsel. (Beim Original finden sich Rigatoni statt der Frühlingszwiebeln, das kommt dem Thema auch nicht näher.)


Cooked: A Natural History of Transformation
Cooked: A Natural History of Transformation
von Michael Pollan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,92

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Elementares Kochen, 23. Dezember 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Zu der überschaubaren Anzahl von Fähigkeiten, die den Menschen vom Tier unterscheidet, gehört, dass er seine Nahrung dergestalt modifiziert, dass sie besser schmeckt und vor allem leichter verdaulich ist. Die verschiedenen Formen der Zubereitung lassen sich in vier Methoden unterteilen, die zu sehr unterschiedlichen Zeiten in der Menschheitsgeschichte aufgetaucht sind: Das direkte Rösten über dem Feuer, Kochen mit Wasser, Backen und Fermentieren. Vier Prozesse, die Pollan mit einem leichten Augenzwinkern den vier Elementen des klassischen Altertums zuordnet: Feuer, Wasser, Luft und Erde. Dadurch erhält das Buch seine Struktur und Pollan allerlei Gelegenheiten zu philosophischen Exkursen.

Pollan hat nicht nur das Gespräch gesucht mit namhaften Experten für die jeweilige Methode, die jeder für sich darum kämpfen, ihre Kunst auf ihr ursprüngliches Wesen zurückzuführen, sondern probiert auch alles zu Hause aus: Gart ganze Schweine, optimiert seine Fleischtöpfe, backt Brot, braut Bier und macht sein eigenes Sauerkraut - Slow Food in Perfektion. Ein Entwicklungsprozess, der sich über Jahre hingezogen hat und in dem seine Liebe zur Kocherei immer stärker wurde, je tiefer er in die Materie eindrang.

Ausführlich erläutert Pollan die Prozesse und ihre kulturgeschichtliche Relevanz, wirft neues Licht auf scheinbar banale Vorgänge, geht auf angeborene und anerzogene Geschmäcker ein, beklagt, wie schon im Omnivorendilemma, wie weit wir uns von den Ursprüngen unserer Nahrung entfernt haben und was das für katastrophale Auswirkungen auf unsere Gesundheit hat (und die der Tiere, die wir essen), wundert sich mit Recht, warum wir wesentlich mehr Zeit mit dem Betrachten von TV-Kochshows verbringen als mit Kochen, bricht zahlreiche Lanzen für die Mikroorganismen, die uns beim Erzeugen und Verdauen unserer Nahrung assistieren und plädiert nicht ohne Humor für einen entspannteren, sprich weniger sterilen Umgang mit denselben.

Das Garen von Rigatoni in Wasser wird übrigens im ganzen Buch kein einziges Mal thematisiert. Wie ausgerechnet das zu der Ehre gekommen ist, den Buchdeckel zu zieren, ist mir ein Rätsel.


Mountains of the Moon
Mountains of the Moon
von I J Kay
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,90

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eine lohnende Herausforderung, 15. Dezember 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Mountains of the Moon (Taschenbuch)
Die kleine Lulu wird von ihrer Mutter nur dann zur Kenntnis genommen, wenn die von ihrem x-ten Mann mal wieder fast totgeprügelt wird. Ansonsten ist sie Dienstmagd, Kindermädchen und vor allem Sündenbock dafür, dass Mamas Karriere als Sängerin nicht stattgefunden hat. Zum ihrem Glück kann sich die Kleine in eine afrikanische Phantasiewelt flüchten, inspiriert durch ein Buch, das ihr ihr liebevoller Großvater geschenkt hat.

Eine Kindheit, die aber auch den Vorteil hat, dass sie einen auf alle denkbaren Härten des Lebens vorbereitet. Denn schließlich geht der Roman damit los, dass Lulu nach zehn Jahren Knast im bürgerlichen Leben Fuß zu fassen versucht, und das nicht zum ersten Mal und auch nicht sonderlich erfolgreich.

I. J. Kay (interessantes Pseudonym übrigens) macht es ihren Lesern wahrlich nicht leicht. Das fängt damit an, dass Lulu ihre grammatikalisch höchst eigenwillige, möglicherweise afrikanisch inspirierte Sprache nur sehr zögernd ablegt, was es einem aber auch erleichtert, die erbarmungslos verschachtelten Zeitebenen auseinander zu halten. Noch verwirrender ist, dass sich Lulus Traumwelt immer wieder mit Erlebtem vermischt. Auch gibt es ein Überangebot an manchmal mehr, manchmal weniger wichtigen Personen, da hilft auch die am Anfang stehende Besetzungsliste nicht so richtig weiter. Lulus zahlreiche, durch Heim- und Knastlaufbahn bedingte Namenswechsel tragen das ihrige zur Verwirrung bei.

So muss man sich schon ganz schön konzentrieren, um bei dem sich sehr langsam zusammenfügenden Lebenspuzzle nicht die Übersicht zu verlieren, denn vieles, was man erfährt, ist zunächst überhaupt nicht einzuordnen. Erst sehr spät findet (fast) alles seinen Platz, und dann wird es auch noch einmal ausgesprochen rasant. Da hat mir das Buch wieder richtig gut gefallen, zumal auch noch eine Menge Überraschungen auf den schwer atmend in den Seilen hängenden Leser warten, alle nichts für zarte Seelen.

Bei aller Kritik an den Hürden, die IJK für ihre Leser aufgebaut hat - Lulus Geschichte über eine gestohlene Kindheit, über Eltern, die nie Eltern hätten sein dürfen, über zerstörerische und notwendige Gewalt, über kleine und große Fluchten, geplatzte und erfüllte Träume ist es allemal wert, dass man sich der Herausforderung stellt, zähneknirschend oder nicht. Lulu hat's ja auch nicht leicht gehabt.


Levels of Life
Levels of Life
von Julian Barnes
  Gebundene Ausgabe

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Essay über die Gefahren der Liebe und der Ballonfliegerei, 3. Dezember 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Levels of Life (Gebundene Ausgabe)
"Levels of Life" ist ein Triptychon über die Liebe. Auch wenn man's nicht gleich merkt, denn Julian Barnes' Einstieg führt in die abenteuerliche und skurrile Welt der Ballonflugpioniere, jener risikofreudigen Männer und Frauen, die versuchten, was niemand vor ihnen je versucht hatte, die in atemberaubende Höhen aufstiegen und so die Welt mit neuen Augen sehen durften, und die dafür manchmal, Ikarus gleich, einen hohen Preis bezahlten. Die Symbolik erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Von zweien dieser "Balloonatics" handelt auch das zweite Bild, vom todesmutigen Colonel Barnaby, der der unvergleichlichen Sarah Bernhard verfällt und dabei ebenfalls der Sonne zu nahe kommt.

Und dann kommt ein heftiger Schnitt, ein Ende mit Schrecken, das auch Julian Barnes' eigener Liebesgeschichte zuteilwurde, als seine Frau nach fast 30jähriger Ehe an einem Hirntumor starb, kaum mehr als einen Monat nach der Diagnose, ähnlich den Ballonfahrern, die, als ihr Ballon in Flammen aufging, aus höchster Höhe zur Erde stürzten. Er fragt nach dem Sinn des Lebens, das er ohne seine - ich benutze diesen abgenutzt-heiteren Ausdruck, weil er es eben doch trifft - bessere Hälfte weiterleben muss. Er geht, fast ein bisschen zu heftig, ins Gericht mit all den Menschen, die ihm und seiner Frau nahestanden, und die sich trotzdem in seinen Schmerz nicht hineinfühlen können, und ihren gut gemeinten, aber mitunter bodenlos dummen Versuchen, ihm Trost zuzusprechen. Selbstmord wird erwogen und, aus einem sehr bedenkenswerten Grund, wieder verworfen. Es ist eine verzweifelte, wunderschöne posthume Liebeserklärung, vielleicht sogar eine Art Lebenshilfe zum Umgang mit Verlust und mit denen, die Verlust erleiden mussten.
Kommentar Kommentare (7) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 24, 2014 1:50 PM CET


Geerbtes Schicksal: Der Weg beginnt in Sibirien
Geerbtes Schicksal: Der Weg beginnt in Sibirien

5.0 von 5 Sternen Du hast keine Chance - also nutze sie!, 1. Dezember 2014
Es gibt Bücher, bei denen es einen glücklichen Zufall braucht, dass man auf sie stößt. In diesem Fall war das ein goldiger kleiner Enkel, dessen anderer Großvater Alexander Eva heißt, und dann hat es trotzdem noch eine ganze Weile gedauert, bis ich schließlich herausfand, dass mein musikalischer Gegenschwieger auch ein großartiger Erzähler ist.

"Geerbtes Schicksal" ist ein Buch, das das eigene Leben in eine andere Perspektive rückt. Wer wie ich das Glück hatte, in einem freien Land aufzuwachsen und niemals hungern oder frieren zu müssen, dem fehlt in der Regel das Gespür dafür, wie gut es ihm Zeit seines Lebens gegangen ist. Deswegen ist es so wichtig, dass Menschen wie Alexander Eva ihr Leben aufschreiben.

Wenn Achternbuschs Satz "Du hast keine Chance - aber nutze sie" auch ganz woanders hinzielte: Hier passt er richtig. Aus dem kleinen, bitterarmen Jungen, den es mit seiner Mutter nach Sibirien verschlagen hatte, konnte wirklich nichts werden. Doch der Zufall will es, dass der Dreizehnjährige einmal in die Tuba eines Nachbarn hineinblasen darf. Man merkt sehr schnell, was für ein begabtes und, wenigstens was die Musik betrifft, fleißiges Kerlchen er ist, und das öffnet ihm, trotz aller Hemmnisse und Anfeindungen, denen er als Russlanddeutscher ausgesetzt ist, schließlich das Tor zu einer wahrlich illustren Karriere. Ein Glück, dass er - wie so oft! - nicht auf die Mutter gehört hatte und Tischler geworden war, wie es sich für einen anständigen Russlanddeutschen eigentlich gehört hätte.

Gerade weil er die deutsche Sprache erst so spät (wieder)erlernt und das Schreiben nie als Beruf betrieben hat, geht das Buch so unter die Haut. Er folgt zwar der Chronologie seines Lebens, aber wenn sich ein Anlass bietet, und der bietet sich oft, dann schweift er in kleine Anekdoten und Reminiszenzen ab, mal leidet man mit ihm, mal teilt man seine kleinen und großen Freuden, und man kommt beim Lesen aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Ein Buch, das man noch lange im Kopf mit sich herumträgt, nachdem man es längst zugeklappt hat.


Schräges Licht: Erinnerungen ans Überleben und Leben (Sachbuch (allgemein))
Schräges Licht: Erinnerungen ans Überleben und Leben (Sachbuch (allgemein))
von Klaus Harpprecht
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,99

52 von 56 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Am Puls der Zeit, 27. November 2014
Ein glücklicher Mann, beschienen vom schrägen Licht der Abendsonne seines Lebens, der eine Menge zu erzählen hat, und der vor allem erzählen kann: Das ist Klaus Harpprecht, seiner zahlreichen Zeichen Journalist, Verlagsleiter und, in der wohl spannendsten Phase seines Berufslebens, der Redenschreiber Willy Brandts. Dank seines wechselvollen Berufswegs konnte er die bundesdeutsche Ursuppe nicht nur aus nächster Nähe und aus verschiedenen Blickwinkeln beobachten, sondern eben auch ein wenig drin rühren - ein bedeutendes Journalistenleben als makroskopische Manifestation der Heisenbergschen Unschärferelation.

Wir erleben einen klugen, kritischen, meinungsstarken Menschen und Menschenkenner, mit großem Talent, Beziehungen zu schaffen und am Leben zu halten - wer einmal sein Freund ist, der bleibt es für immer. So kann und möchte man alt werden.

Von denen, die nicht seine Freunde geworden sind, hat er sich nie, und jetzt im hohen Alter ohnehin nicht, seinen Schneid abkaufen lassen (nicht einmal vom SPD-Pitbull Wehner, das zeigt der scharfzüngige "Nachruf", den er noch zu dessen aktiven Zeiten für die "Zeit" geschrieben hatte - im Internet leicht zu finden). Auch die Lebenden - es sind ja nicht mehr viele - schont er nicht, wie etwa Helmut Schmidt, der "dank der Präsenz seiner Persönlichkeit im hohen Alter als der bedeutendste [Kanzler] gilt. Er selber weiß es besser." Eine Formulierung zum Niederknien.

Und dann das andere Motiv seines Lebens: Die Frauen. In der mit viel Glück überlebten Endphase des Krieges früh erwachsen geworden, lernt er schnell, nichts anbrennen zu lassen. (Wenn man schon hungern und frieren muss, liegt es nahe, jede Gelegenheit zu nutzen, sich gegenseitig zu wärmen.) Ein großzügiges Schicksal scheint es darüber hinaus zu fügen, dass die Frauen, denen er im Laufe seines Lebens begegnet, samt und sonders nicht nur klug, sondern auch bemerkenswert schön sind, und dass das nicht an vielleicht etwas weiter gefassten ästhetischen Maßstäben liegt, zeigen die Namen, denen man Gesichter zuordnen kann (s. a. weiter unten). So kommt er in den zwar mit allerlei Sittenparagraphen bewehrten, aber dennoch gar nicht so muffigen 50ern ordentlich auf seine Kosten, und die Umstellung vom schwäbischen Casanova zu dem seit über einem halben Jahrhundert restlos glücklich verheirateten Ehemann muss eine ziemlich Zäsur sein, trotz des großen Loses, das er gezogen hat.

Und diese Gesamtsituation führt uns dann auch zu einem Punkt, wo man mit leiser Kritik ansetzen muss: Das Buch ist eine Revue kluger, schöner und meist bedeutender Personen. Das zeigt einerseits, dass Harpprecht seine Mitmenschen, wenn immer es möglich ist (es ist nicht immer möglich), in einem überaus positiven Licht beschreibt, aber es ist ihm offenbar auch nicht unangenehm, dass so ein ansehnlicher Freundeskreis auf ihn selbst zurückscheint (obwohl das mit dem Titel sicher nichts zu tun hat). So kommen aus der Froschperspektive des Lesers gelegentlich Neidgefühle auf, die Harpprecht aber mit entwaffnendem Charme stets umgehend und elegant wieder auflöst.

Noch eine Kleinigkeit wäre zu erwähnen, die nicht ganz durchdacht erscheint: Die mangelnde Konsistenz, wie Personen eingeführt bzw. benannt gemacht werden. Eine ihm sehr wichtige und sehr enge Freundin zum Beispiel ist Gitta, und das Weglassen des Nachnamens ist offenbar der Diskretion geschuldet. 30 Seiten später heißt sie dann doch einmal Gitta Petersen, im Register auch. Die Abbildung des Fotos dieser schönen Frau zeigt schließlich ohnehin, dass Diskretion kein Motiv gewesen sein kann. Die Freundin und Hausärztin Marianne K., als Filmpartnerin von Clint Eastwood eigentlich unschwer zu identifizieren, wird erst im Register als Koch, Marianne vollständig benannt, ebenso die Stasispionin Susanne S., die hinten als Sievers, Susanne firmiert. Und die für die Entstehung dieses Buchs ganz wichtige Freundin Iris erhält auch erst im Register ihren Nachnamen (Berben). Schlau wird man daraus irgendwie nicht; schieben wir es einfach auf drohende Deadlines.

Schluss mit der Nörgelei auf höchstem Niveau. Denn "Schräges Licht" ist ein ausgesprochen unterhaltsam geschriebenes Geschichtsbuch über eine dramatische Zeit, ein kluges Zeugnis eines erfüllten, aufregenden Lebens, und ein reichhaltig besetztes Panoptikum vieler großer und mancher kleiner Leute, in deren Leben er oder die in seinem Leben eine entscheidende Rolle gespielt haben. Ich habe es jedenfalls außerordentlich genossen.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 11, 2014 3:36 PM CET


Der Namensvetter
Der Namensvetter
von Jhumpa Lahiri
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Von der Qual der Namenswahl und ihren Folgen, 25. November 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Namensvetter (Taschenbuch)
Gerade habe ich das Buch zugeklappt, und jetzt bin ich am Rätseln. Wer ist jetzt der Namensvetter? Gogol Ganguli, der Sohn bengalischer Einwanderer in die USA, der seinen Namen so sehr hasst, dass er sich eines Tages offiziell umbenennen lässt? Oder Nikolai Gogol, dessen Kurzgeschichten seinen Vater auf einer Zugfahrt durch's nächtliche Bengalen so fesseln, dass er nicht schläft, deshalb ein furchtbares Unglück überlebt, und N. Gogol dafür so dankbar ist, dass er seinen Sohn nach ihm benennt? Im Land der absurden Vornamen eigentlich ein moderates Schicksal, zumal Google noch lange nicht in Sicht war, aber Gogol G. sieht das anders, und von seinem Namensgeber will er schon mal gar nichts wissen.

Auch wenn das Namensproblem bis zum Schluss ein wiederkehrendes Motiv ist, spielt es zum Glück keine tragende Rolle. Vielmehr ist "Der Namensvetter" die kenntnisreiche und einfühlsame Beschreibung einer verpflanzten Familie, in der die Eltern versuchen, in der neuen Welt Fuß zu fassen, während die Kinder mit ihren bengalischen Wurzeln kaum etwas anzufangen wissen, im Gegenteil.

So entfremdet sich Gogol ziemlich schnell, nicht nur von seinen Eltern, sondern auch vom Leser, denn obwohl Jhumpa Lahiri ihm den Löwenanteil des Romans widmet (etwas anderes hätte bei dem Titel auch gewundert), weckt er, je länger er mit passiver Inertheit durch sein (Beziehungs-)Leben schlingert, immer weniger Anteilahme. Das Kind versteht man noch gut, den jungen Mann nicht mehr. Vielleicht liegt das auch an der etwas distanzierten Art, mit der Jhumpa Lahiri den Titelhelden anfasst. Ganz im Gegensatz übrigens zur Mutter Ashima, der Person, die eigentlich mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen hat, und der wir mit Respekt, großem Vergnügen und noch größerem Appetit zuschauen, wie sie ein bisschen Bengalen nach Boston verpflanzt und sich ihre eigene überschaubare Welt schafft. Das war für mich der interessanteste Teil, was mir dadurch etwas erleichtert wurde, dass mir Indien nicht ganz fremd ist, während den Lesern, die sich dort nicht so auskennen, ein Glossar für all die vielen indischen Ausdrücke sicher geholfen hätte. Das gilt auch für das englische Original, das ich gelesen hatte.

Jhumpa Lahiri kennt das Trauma der Emigration in unterschiedlichen Ausprägungen (ihre Eltern waren aus Indien nach England, sie von dort in die USA ausgewandert), das macht ihre Beschreibung von Fremdheit und Isolation und allmählichen Hereinwachsen in ein ganz anderes Leben so authentisch. Davon erzählt sie ausgesprochen abwechslungsreich, mal lakonisch und raumgreifend, mal ausführlich und bis ins kleinste Detail gehend, meist um dann den Leser plötzlich wieder kräftig aufzuschrecken. Dass daraus auch ein offenbar sehr sehenswerter Film*) geworden ist, kann man sich also gut vorstellen.
___________________

*) Eine kleine Geschichte am Rande: Als auf der IMDb über den "Namensvetter" nachlas, kam mir der etwas seltsame Name der Drehbuchautorin irgendwie bekannt vor - bis ich mich daran erinnerte, dass sie die Frau meines Bombayer Zahnarztes war, lange vor der Entstehung von Buch oder gar Film. Sachen gibt's.


The Namesake
The Namesake
von Jhumpa Lahiri
  Taschenbuch
Preis: EUR 6,42

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Von der Qual der Namenswahl und ihren Folgen, 25. November 2014
Rezension bezieht sich auf: The Namesake (Taschenbuch)
Gerade habe ich "The Namesake" zugeklappt, und jetzt bin ich am Rätseln. Wer ist jetzt der Namensvetter? Gogol Ganguli, der Sohn bengalischer Einwanderer in die USA, der seinen Namen so sehr hasst, dass er sich eines Tages offiziell umbenennen lässt? Oder Nikolai Gogol, dessen Kurzgeschichten seinen Vater auf einer Zugfahrt durch's nächtliche Bengalen so fesseln, dass er nicht schläft, deshalb ein furchtbares Unglück überlebt, und N. Gogol dafür so dankbar ist, dass er seinen Sohn nach ihm benennt? Im Land der absurden Vornamen eigentlich ein moderates Schicksal, zumal Google noch lange nicht in Sicht war, aber Gogol G. sieht das anders, und von seinem Namensgeber will er schon mal gar nichts wissen.

Auch wenn das Namensproblem bis zum Schluss ein wiederkehrendes Motiv ist, spielt es zum Glück keine tragende Rolle. Vielmehr ist "The Namesake" die kenntnisreiche und einfühlsame Beschreibung einer verpflanzten Familie, in der die Eltern versuchen, in der neuen Welt Fuß zu fassen, während die Kinder mit ihren bengalischen Wurzeln kaum etwas anzufangen wissen, im Gegenteil.

So entfremdet sich Gogol ziemlich schnell, nicht nur von seinen Eltern, sondern auch vom Leser, denn obwohl Jhumpa Lahiri ihm den Löwenanteil des Romans widmet (etwas anderes hätte bei dem Titel auch gewundert), weckt er, je länger er mit passiver Inertheit durch sein (Beziehungs-)Leben schlingert, immer weniger Anteilahme. Das Kind versteht man noch gut, den jungen Mann nicht mehr. Vielleicht liegt das auch an der etwas distanzierten Art, mit der Jhumpa Lahiri den Titelhelden anfasst. Ganz im Gegensatz übrigens zur Mutter Ashima, der Person, die eigentlich mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen hat, und der wir mit Respekt, großem Vergnügen und noch größerem Appetit zuschauen, wie sie ein bisschen Bengalen nach Boston verpflanzt und sich ihre eigene überschaubare Welt schafft. Das war für mich der interessanteste Teil, was mir dadurch etwas erleichtert wurde, dass mir Indien nicht ganz fremd ist, während den Lesern, die sich dort nicht so auskennen, ein Glossar für all die vielen indischen Ausdrücke sicher geholfen hätte.

Jhumpa Lahiri kennt das Trauma der Emigration in unterschiedlichen Ausprägungen (ihre Eltern waren aus Indien nach England, sie von dort in die USA ausgewandert), das macht ihre Beschreibung von Fremdheit und Isolation und allmählichen Hereinwachsen in ein ganz anderes Leben so authentisch. Davon erzählt sie ausgesprochen abwechslungsreich, mal lakonisch und raumgreifend, mal ausführlich und bis ins kleinste Detail gehend, meist um dann den Leser plötzlich wieder kräftig aufzuschrecken. Dass daraus auch ein offenbar sehr sehenswerter Film*) geworden ist, kann man sich also gut vorstellen.
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*) Eine kleine Geschichte am Rande: Als auf der IMDb über "The Namesake" nachlas, kam mir der etwas seltsame Name der Drehbuchautorin irgendwie bekannt vor - bis ich mich daran erinnerte, dass sie die Frau meines Bombayer Zahnarztes war, lange vor der Entstehung von Buch oder gar Film. Sachen gibt's.


Wir sind alle Kannibalen: Mit dem Essay »Der gemarterte Weihnachtsmann«
Wir sind alle Kannibalen: Mit dem Essay »Der gemarterte Weihnachtsmann«
von Claude Lévi-Strauss
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,95

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Jeder nennt das Barbarei, was bei ihm nicht gebräuchlich ist (Montaigne), 24. November 2014
Dieses Zitat ist der rote Faden, der sich durch Claude Levi-Strauss' vielseitiges Lebenswerk zieht, das des Soziologen, des Religionswissenschaftlers oder des Ethnologen. Es geht ihm stets um den Respekt vor anderen Kulturen, auch und vor allem den archaischen und vermeintlich primitiven. Für die exotischsten Bräuche und Mythen macht er Analogien in unseren "zivilisierten" Kulturen aus - der Titel deutet es bereits an: Auch wir verleiben uns schließlich Teile unserer Mitmenschen ein (auch wenn wir sie vorher nicht auf den Grill legen), und so muss wenigstens die Frage erlaubt sein, ob der Empfänger einer Spenderniere tatsächlich moralisch höherwertig ist als der Ureinwohner von Papua-Neuguinea, der die Innereien seiner verstorbenen Vorfahren verspeist. Konsequenterweise führt ihn das Thema Kannibalismus schließlich dazu, was künftige Generationen, die sich schon aus Gründen der Nahrungsverfügbarkeit viel stärker, wenn nicht gar ausschließlich vegetarisch ernähren werden müssen, von unserem heutigen, genussvoll zelebrierten Fleischverzehr halten werden.

Wenn die Verständnisbereitschaft des Lesers hier vielleicht schon strapaziert wird, dann mit Sicherheit bei der Diskussion über die weibliche Beschneidung. Die setzt Lévi-Strauss nämlich der männlichen gleich, zumindest im Hinblick auf die körperliche Unversehrtheit des Kindes. (Bei allem Respekt für fremde Riten - hier werden die Grenzen der Humanität in meinen Augen ähnlich weit überschritten, als wenn man den kleinen Mädchen bei Erreichen des sechsten Lebensjahrs routinemäßig die Augen ausstechen würde, um sie vor den Versuchungen der Welt zu schützen.) Auch der Versuch, Ähnlichkeiten in der hinter beiden Prozeduren stehenden Motivation festzumachen, ist in meinen Augen missglückt. Berufsbedingt scheint Lévi-Strauss der Würde des Brauchtums den Vorzug zu geben gegenüber der Unversehrbarkeit des Individuums; zumindest tat er das noch 1989, als er diesen Artikel schrieb.

Es sind aber, trotz des etwas reißerischen Buchtitels, längst nicht nur solche makabren Themen, die Levi-Strauss' Forschungsschwerpunkte ausmachen. Das Buch beginnt ja mit einem Essay aus dem Jahre 1951 über die kirchlicherseits schwer missbilligte Infiltration des europäischen Weihnachtsfests durch den amerikanischen Weihnachtsmann. Zu jener Zeit konnte man solche kulturellen Veränderungen tatsächlich noch analysieren, ohne auf kommerzielle Triebkräfte einzugehen (Halloween schien ihm damals ein im Aussterben begriffener angelsächsischer Brauch; es ist ja auch noch nicht so lange her, dass die kleinen Unholde zu Allerheiligen abends auch bei uns klingeln).

Des Weiteren erfahren wir, warum wir von uns weg schnitzen oder sägen, Japaner aber zu sich hin (das hat überraschend tiefenpsychologische Ursachen), oder was es kulturübergreifend mit dem Mythos des Echos auf sich hat (dies anhand von Nicolas Poussins Gemälde "Echo und Narziss). Unterschiedliche Familienstrukturen werden nebeneinander gestellt, und sogar der Tod von Prinzessin Diana kommt zu struktursoziologischen Ehren, nämlich im Bezug auf die (im Rückblick deutlich überschätzte) Bedeutung des Onkels mütterlicherseits für das Wohlergehen der kleinen Prinzen.

Manche Artikel lagen eher an der Peripherie meines naturwissenschaftlich geprägten Interesses, wie der des Utopiers Claude Lévi-Strauss über den Utopier Auguste Comte, und das vorletzte Kapitel schließlich blieb mir ein gänzliches Rätsel. Da half sogar zweimaliges Lesen nichts. Am Schluss gibt es noch einen richtigen Paukenschlag, nämlich mit dem Bild der Menschheit als Krebsgeschwür der Erde und anderen, räumlich und zeitlich wiederkehrenden Mustern und Verhaltensweisen - ein kaum optimistisch stimmendes Vermächtnis.

Einen Artikel scheint er jedoch mit großem Vergnügen geschrieben zu haben: Den zur weiblichen Fruchtbarkeit. Seit einer halben Million Jahren oder so ist den Menschinnen äußerlich ja nicht mehr anzumerken, wann sie empfängnisbereit sind. Zur Signifikanz dieses Evolutionsschrittes zitiert er genüsslich eine Reihe mehr oder weniger gewagter Theorien, unter anderem auch die, dass dumme Frauen dadurch einen evolutionären Vorteil erlangen, dass sie, weil sie den Zusammenhang zwischen Periode und Fruchtbarkeit entweder nicht durchschauen oder sich leichter verrechnen, Schwangerschaften nicht so leicht vermeiden können. (Die Veröffentlichung dieser These liegt vermutlich ein paar Jahre zurück.)

Auch wenn man sich also ab und zu ein wenig wundert, verhilft einem die Lektüre doch zu einem viel offeneren Blick auf das Andere, das bei näherem Hinsehen oft so anders gar nicht ist. Aber vieles von dem, was Claude Lévi-Strauss beschreibt, gehört leider längst der Kulturgeschichte an. Der Rest ist durch die unaufhaltsame Ausdehnung unserer globalen "Zivilisation" hochgradig gefährdet, und damit auch die exotische Fraktion der Ethnologie, die sich künftig verstärkt um die Weihnachtsmänner, Prinzenonkel und japanischen Schreiner dieser immer ärmer werden Welt wird kümmern müssen.


Nüchtern: Über das Trinken und das Glück
Nüchtern: Über das Trinken und das Glück
von Daniel Schreiber
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,90

16 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Auferstehung von den Halbtoten, 11. November 2014
Daniel Schreibers "Nüchtern" ist ein schonungsloser, offenherziger, leicht chaotischer, aber niemals peinlicher autobiographischer Essay über einen schweren Trinker, der vor drei Jahren mit etwas Glück die Kurve gekriegt hat und seitdem trocken*) ist. Das war seine Rettung - angesichts des von ihm beschriebenen Konsums (plus Kokain und all dem anderen, was man bei den Events der Medienszene und in den Bars und Clubs unserer Hauptstadt so angeboten bekommt) wäre es vermutlich nicht mehr lange weitergegangen. Dass er überhaupt noch in der Lage war, seinen Beruf auszuüben, grenzt an ein Wunder - oder auch nicht, wenn man sieht, wie Alkohol als omnipräsentes Schmiermittel auch sein Arbeitsleben bestimmt hat. Bei seiner anzunehmenden genetischen Disposition war die Wahl des Journalistensberufs vermutlich der erste Schritt in die Sucht, in ein berufliches Umfeld nämlich, wo man mit der Ablehnung eines Drinks anscheinend nichts anzufangen weiß.

Die erstaunliche Diskrepanz zwischen der grundsätzlich positiven Konnotation des Trinkens und der gesellschaftlichen Ächtung derjenigen, die ein medizinisches Problem damit haben, spielt in dem Buch eine große Rolle: Man wird zu etwas animiert, wofür man sich am Ende schämen darf. Und so spielt Scham eine beherrschende Rolle in Daniel Schreibers Trinkerkarriere: Scham über die regelmäßigen Abstürze, über die Unfähigkeit, eine Beziehung zu erhalten, über berufliche Aussetzer, aber seltsamerweise auch Scham, wenn er mal mehr als zwei Flaschen Wein im Laden gekauft hatte (eine Regung, die ich irgendwie nicht nachvollziehen kann - mir hat es noch nie etwas ausgemacht, wenn ich auf einer Tour ins Elsass oder in die Pfalz die Rückbank umklappen musste).

Schreiber deutet eigentlich nur an, wie dreckig es ihm während seiner Trinkerzeit ging (das braucht man einem Trinker wohl auch nicht zu erklären, s. dazu aber Peter Wawerzineks "Schluckspecht"), sondern konzentriert sich mehr auf das Glück, es geschafft zu haben, und vor allem was bzw. wer ihm dabei geholfen hat. Die Psychoanalytikerin, die ihn in seinen letzten Trinkerjahren therapeutisch "begleitet" hat, kann man wohl eher nicht dazu zählen. Ohne die Anonymen Alkoholiker allerdings, so kauzig er ihre Methoden teilweise auch findet, würde er es wohl nicht schaffen (im Präsens deshalb, weil der Prozess nach drei Jahren noch längst nicht abgeschlossen ist, wenn überhaupt je).

Schreiber bezieht sich in seinen Ausführungen häufig auf statistische Daten zum Alkoholkonsum und dessen Auswirkungen. Die waren leider wegen der etwas schwammigen Begriffsklärungen nicht immer nachzuvollziehen, vor allem nicht beim Vergleich des "relativen Schadens" für den Konsumenten (S. 71), bei dem Alkohol sogar Heroin noch deutlich übertrifft. Aber vielleicht gibt es ja tatsächlich den Genussjunkie, der sich nach Feierabend ein Spritzchen setzt, den Kindern eine Gutenachtgeschichte vorliest und am nächsten Morgen fröhlich zur Arbeit geht, nur vorstellen kann ich mir den nicht. (Überhaupt, die Zahlen: Die Anonymen Alkoholiker wurden "1935 von zwei Kette rauchenden und mit LSD experimentierenden Alkoholikern" gegründet. Erstmals synthetisiert wurde LSD 1938 von Albert Hofmann, der erst 1943 die halluzinogene Wirkung entdeckte. Vielleicht haben die beiden AA-Gründer doch nur gesoffen, das reicht ja auch.)

Aus dem Buch Schlüsse zur Einordnung des eigenen Trinkverhaltens zu ziehen, ist nicht ganz einfach. Das liegt zum einen in der Natur der Tatsache, dass jeder Konsument seine eigene, auch veranlagungsbedingte Gefahrenschwelle hat, zum anderen daran, dass Daniel Schreiber als Referenz in meinen Augen zu extrem ist, vor allem wegen des gleichzeitigen exzessiven Konsums anderer Rauschmittel. Ob man als filmrissloser Feierabendönophiler, weit diesseits des beschriebenen Szenarios, sein Trinkverhalten ändern muss, bleibt also offen. Dem gilt aber aber, glaube ich, auch nicht Schreibers konkrete Hilfestellung: Sein Beispiel zeigt, dass man wirklich sehr weit in den Alkoholstrudel geraten und sich trotzdem daraus befreien kann, jedenfalls mit dem entsprechenden Willen und der entsprechenden Unterstützung. Voraussetzung ist allerdings, dass man seine Situation hinterfragt und erkennt. Das ist der erste Schritt, ohne den geht überhaupt nichts, und den muss jeder tun, auch der sich sicher fühlende besagte Feierabendtrinker.
____________________

*) Schreiber nennt dies 'nüchtern'; ich kann mich mit dieser Definition nicht richtig anfreunden, da sie in meinen Augen eher einen momentanen, durch die Abwesenheit von Alkohol im Blut definierten Zustand beschreibt, den man auch als Trinker zeitweise erreichen kann. Vielleicht hat da aber auch in der Szene eine Bedeutungsverschiebung stattgefunden.


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