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Rezensionen verfasst von
Felix Richter
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Alte Zeiten, raue Sitten: Underdogs aus Bayerns Geschichte
Alte Zeiten, raue Sitten: Underdogs aus Bayerns Geschichte
von Christoph Bachmann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Huren, Hexen und Hausierer, 22. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
...sind nur drei der vielen gesellschaftlichen Randgruppen vergangener Zeiten, zu deren prekären Schicksalen in "Alte Zeiten, raue Sitten" zahlreiche Fundstücke aus bayrischen Archiven auf Hochglanzpapier präsentiert werden. Der Titel trifft es auf den Punkt: Man ist damals wirklich herzlos mit denen umgesprungen, die aus irgendwelchen Gründen nicht ins System passten, und wenn es nur ein etwas anrüchiger Beruf war. Von "christlichen Werten" war trotz der bestimmenden Rolle, die die Kirche in diesen dunklen Zeiten spielte, wenig zu spüren.

Angelehnt an die zahlreichen schönen, wenn auch für den Nichtfachmann meist nicht entzifferbaren Faksimiles beleuchten die Autoren sachlich und trotzdem anschaulich die Lebensbedingungen der Betroffenen, das Umfeld, in dem sie sich durchschlagen mussten, die gesellschaftliche Enge und das Rechtssystem, dem sie unterworfen waren, samt der oft fürchterlichen Strafen, die über sie verhängt wurden: Wenn man heute behauptet, man fühle sich wie gerädert, dann ist einem vermutlich nicht bewusst, was hinter diesem Ausdruck steckt - geköpft zu werden war sicher erheblich angenehmer.

Geschichtsschreibung beschränkt sich ja sonst meist auf die Geschichte der Mächtigen - hier gehört den Ohnmächtigen die Bühne.


Schmerz: Eine Biografie
Schmerz: Eine Biografie
von Sytze van der Zee
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Geschichte des Leidens, Geschichten der Leidenden, 17. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Schmerz: Eine Biografie (Gebundene Ausgabe)
Schmerzpatienten trifft es wirklich hart: Sie stellen die Ärzte vor die größten Rätsel, sind entsprechend unbeliebt, und haben selten Aussichten auf nachhaltige Linderung oder gar Heilung, ganz abgesehen von den Schmerzen, die sie per definitionem erleiden.

Sytze van der Zee hat das Thema von allen möglichen (und unmöglichen, s.u.) Seiten beleuchtet. Selbst betroffen als Sohn einer Schmerzpatientin und als zeitweiser Besitzer eines Magengeschwürs, war ihm bewusst geworden, dass das Thema Schmerz in der medizinischen Praxis nicht die Aufmerksamkeit erhält, die dem oft entsetzlichen Leiden der Patienten angemessen wäre. Das gab den Anstoß zu diesem Buch.

"Schmerz" ist ganz offensichtlich und nicht zu seinem Nachteil das Werk eines Journalisten und nicht eines Wissenschaftlers: Um den Leser nicht über Gebühr zu langweilen, werden die wissenschaftlichen, manchmal recht trockenen Ausführungen zur Entstehung, Auswirkung und Behandlung diverser Schmerzformen immer wieder "aufgelockert" durch Selbstzeugnisse von Patienten, von denen jedes einzelne Nichtbetroffene nachdrücklich daran erinnert, wie gut es ihnen eigentlich geht. (Überraschenderweise scheint es das fürchterlichste Schicksal zu sein, wenn man überhaupt kein Schmerzempfinden hat: Dieser Gendefekt, der sich zunächst einmal paradiesisch anhört, ist von Anfang an das nackte Grauen - sobald die Zähne kommen, beißt sich das Kleinkind Zunge und Mundhöhle zu Brei.)

Van der Zee führt zahlreiche, grundverschiedene Behandlungsansätze auf, und unterm Strich scheint zu bleiben, dass selten etwas wirklich hilft, Medikamente nicht, ins Hirn eingepflanzte Elektroden nicht, das Durchtrennen von Nerven nicht, und Quacksalberei jeglicher Couleur schon gar nicht, und dass ein Patient bereits von Glück reden kann, wenn er auf einen sachkundigen und verständnisvollen Arzt trifft. Es sieht aber tatsächlich so aus, als würden die Chancen dazu in den letzten Jahren besser, seit nämlich Schmerzpatienten zunehmend ernster genommen werden.

Ein bisschen abseits der Medizin und für Schmerzpatienten vermutlich etwas makaber zu lesen sind die Kapitel zu BDSM, dessen Praktiken van der Zee mit erkennbarem Vergnügen beschreibt, und zwar weit über das eigentliche Thema Schmerz hinaus. So erfährt der unbedarfte Leser schließlich auch etwas über die hierarchischen Strukturen in der Sadomasoszene oder wie der Pferdeschweif hinten am Ponygirl angeklemmt wird (nein, tut nicht weh, stopft nur etwas, und es empfiehlt sich, vorher keine Hülsenfrüchte zu essen). Honi soit qui mal y pense.

Das Buch ist eine gelungene Zusammenfassung des heutigen Wissensstandes bzw. besser Nichtwissensstandes zu Ursachen und Behandlung von Schmerzen. Ich bezweifle, dass es Betroffenen zu einer optimistischeren Sicht auf ihre Situation verhilft, aber dazu gibt wohl auch (noch) keine Veranlassung. Ermutigend sind allenfalls, hoffe ich, die Beispiele von Menschen, die gelernt haben, mit ihrer scheinbar unerträglichen Situation umzugehen und zu leben.


Da Vincis Vermächtnis oder Wie Leonardo die Welt neu erfand
Da Vincis Vermächtnis oder Wie Leonardo die Welt neu erfand
von Stefan Klein
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

4.0 von 5 Sternen Der Erste und Letzte seiner Art, 14. Mai 2014
Was müssen das für aufregende Zeiten gewesen zu sein, als die Natur noch voller Rätsel war (sie ist es immer noch, aber eigentlich nur noch in Bereichen, die mit normalem Menschenverstand nicht mehr erfassbar sind), als manche Fragen den Fragesteller noch in Lebensgefahr brachten und Wissen mit Glauben verwechselt wurde, und als ein wissens- und tatendurstiges Genie wie Leonardo da Vinci noch Bahnbrechendes leisten konnte, bei einfach allem, womit er sich beschäftigte.

Stefan Kleins Leonardo-Biographie zeigt uns den Urvater des Lateralen Denkens, den ersten, der Zusammenhänge entdeckte und nutzte, wo niemand vor ihm sie gesehen hatte, und der als erster durchschaut hatte, dass die Wirklichkeit nicht immer das ist, als das wir sie wahrnehmen. Geboren als unehelicher Sohn eines Notars und einer Bauerntochter, ohne akademische Bildung, wurde er schließlich zu einem der wenigen Universalgenies, die diesen Namen wirklich verdienen, vielleicht sogar zum einzigen.

Das Buch ist nach Leonardos Arbeitsgebieten gegliedert: Man erfährt, wie sich sein Verständnis der menschlichen Sehweise in seinen Gemälden niedergeschlagen hat, wie er der Strömung des Wassers "auf den Grund" gegangen ist, zum Beispiel um bedienbare Schleusen zu bauen, wie er, der Pazifist, seinen machtlüsternen Herren bombastische Kriegsmaschinen teils versprochen, teils gebaut hat, wie er als Anatom die Ungnade der Kirche riskiert hat, und wie er Zeit seines Lebens seinem Traum vom Fliegen verfolgt hat.

Immer wieder sucht Stefan Klein den Menschen, der hinter diesem gewaltigen Lebenswerk steht, und was ihn bewegte und antrieb. Genau das macht das Buch so spannend zu lesen. Auch hat sich Klein so seine Gedanken gemacht, warum es im heutigen Bildungs- und Forschungssystem keinen wie Leonardo mehr geben kann (von den im ersten Absatz erwähnten Randbedingungen einmal abgesehen).

Im Anhang wird Leonardos Leben und Arbeiten noch in aller Kürze chronologisiert und mit wichtigen Weltereignissen korreliert.

Auf der Negativseite ist zu vermerken, dass das Buch nicht sehr sorgfältig lektoriert wurde. Leser Sinai hat bereits auf etliche ärgerliche Fehler hingewiesen, vor allem die falsche Zuordnung zahlreicher Illustrationen. Ähnliches gilt für die Fußnote 5 auf S. 130, die eigentlich zur Ziffer 7 auf der nächsten Seite gehört, oder, auf der eher kuriosen Seite (305), die Erwähnung des Ikea-Vierkantschlüssels (der sicher so lange das Reich der Fabel bewohnen wird, wie Ikea keine Heizkörper zur Selbstmontage im Sortiment hat). Mehr als einen Stern möchte ich, anders als der gestrenge Sinai, dafür aber nicht abziehen.


Instructions for British Servicemen in France, 1944 (Instructions for Servicemen S.)
Instructions for British Servicemen in France, 1944 (Instructions for Servicemen S.)
von Bodleian Library
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 6,73

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen France for Dummies, 6. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wer die "Instructions for British Servicemen in Germany" gelesen hat (Rezension siehe dort), den könnte auch das korrespondierende Büchlein für diejenigen britischen Soldaten interessieren, die dazu abkommandiert waren, die Deutschen aus Frankreich zu vertreiben.

Auch hier werden geschichtliche Grundkenntnisse und grundsätzliche Verhaltensregeln vermittelt, naturgemäß aber in einem sehr anderen Tenor. Schließlich betritt die Zielgruppe dieser Instructions das Territorium einer befreundeten, jedenfalls alliierten Nation. Dass die Dinge so einfach aber nicht lagen, erkennt man daran, dass mit erheblichem Aufwand und Fingerspitzengefühl auf die Tatsache eingegangen wird, dass das Verhältnis zwischen den Verbündeten vielleicht doch nicht ganz ungetrübt war. Auch wenn man seit Waterloo miteinander keinen Krieg mehr geführt hatte, waren britische und französische Truppen doch an verschiedenen Schauplätzen aneinandergeraten, und vor allem das Ende des "Sitzkriegs" 1939/40 hatte auf beiden Seiten das Gefühl erzeugt, vom jeweils anderen im Stich gelassen worden zu sein. Auf etwaige Sensibilitäten aus diesen Konflikten wird ausführlich hingewiesen, und es wird dringend davon abgeraten, sich mit Einheimischen auf politische Diskussionen irgendwelcher Art einzulassen.

Auf der heiteren Seite ist zum Beispiel die Befürchtung der Autoren zu erkennen, dass die jungen Soldaten vom ungewohnten Wein mehr zu sich nehmen könnten als ihnen gut tun würde. Damit sich niemand falsche Hoffnungen auf exzessive Besäufnisse macht, wird dezent darauf hingewiesen, dass die Deutschen den Franzosen den Wein ohnehin entweder weggetrunken oder zu Treibstoff aufdestilliert haben. Also bitte Finger weg.

Unterm Strich bleibt festzuhalten, dass wohl selten auf so wenigen Seiten das Verhältnis zwischen den Nationen so pragmatisch festgehalten wurde wie hier in diesen beiden Büchlein - zwei eindrucksvollen Dokumente der Zeitgeschichte, die sicher nicht als solche geplant waren.


Instructions for British Servicemen in Germany, 1944 (Instructions for Servicemen)
Instructions for British Servicemen in Germany, 1944 (Instructions for Servicemen)
von Bodleian Library
  Bibliothekseinband
Preis: EUR 5,96

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Germany for Dummies, 6. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Es ist ein beeindruckendes und rührendes Zeitzeugnis im Brusttaschenformat. Auf knapp über 60 Seiten wird der britische Soldat über die terra incognita aufgeklärt, die er demnächst betreten wird, in einer kuriosen, hochverdichteten Mischung aus Geschichtsbuch, Reiseführer und Knigge. Im Schnelldurchlauf werden deutsche Geschichte und deutscher Charakter erklärt, und das gar nicht mal so verkehrt, wenn man bedenkt, wie wenig Differenzierung die Schmächtigkeit dieses Büchleins gestattete. Der Umgang mit ehemaligen Angehörigen einer Herrenrasse sollte nach dem Studium der Instructions eigentlich kein Problem mehr gewesen sein; es wird aber nachdrücklich davor gewarnt, dass mancher, mit dem man zu tun bekommen wird, das mit der Ehemaligkeit etwas anders sehen könnte.

Natürlich liest sich vieles aus heutiger Sicht hochkomisch, nicht zuletzt die Warnungen vor den Gefahren von Fraternisierung, Warnungen, die dann ja auch nicht allzu lange vorgehalten hatten. Der deutschen Küche - so der gemeine Soldat trotz Fraternisierungsverbot damit in Berührung kommen sollte - wird eine durchaus anerkennende Seite gewidmet, die allerdings endet mit dem Satz "Germans don't know how to make tea", ein Hinweis, der vielleicht zu mehr Distanz zwischen Besetzern und Besetzten geführt hat als die furchterregenden Zahlen zur Durchseuchung des weiblichen Volkskörpers mit Geschlechtskrankheiten.

Die Auswahl an hilfreichen Redewendungen samt Aussprachetipps macht ebenfalls eine Menge Spaß: "Shtayen dee boyma disht in deezem vahlt?" wird vermutlich nicht so oft zu Anwendung gekommen sein wie "shprisht yaymant english?". Ja, das deutsche "ch" - schwerer zu besiegen als die Wehrmacht...

Unterm Strich bleibt festzuhalten, dass wohl selten auf so wenigen Seiten das Verhältnis zwischen den Nationen so pragmatisch festgehalten wurde wie hier in diesem Büchlein - einem eindrucksvollen Dokument der Zeitgeschichte, das sicher nicht als solches geplant war. Und wer wissen will, welche Tipps denjenigen britischen Soldaten mit auf den Weg gegeben wurden, die das Glück hatten, in Frankreich stationiert zu werden, dem seien die korrespondierenden "Instructions for British Servicemen in France" ans Herz gelegt (Rezension siehe dort).


Shroud
Shroud
von John Banville
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,76

5.0 von 5 Sternen Alter Egomane, 4. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Shroud (Taschenbuch)
Axel Vander, berühmter Literaturwissenschaftler, berüchtigter Kritiker und egomanischer Kotzbrocken, ist nicht der Mann, der er zu sein vorgibt: Um seinerzeit aus dem besetzten Antwerpen zu entkommen, war der junge Jude in die Identität seines verstorbenen Freundes geschlüpft. In dieser fühlte er sich dann bald so heimisch, dass er sie Zeit seines Lebens nicht mehr ablegte.

Fast ein halbes Jahrhundert später droht der Schleier (shroud #1) dieses Geheimnisses zu reißen: Cass Cleave, eine junge Irin, die sich den berühmten Mann zum Forschungsobjekt erkoren hat, schreibt ihm einen Brief, dass sie in Antwerpen auf desavouierende Details seiner Vergangenheit gestoßen sei, allerdings ohne zu verraten, worauf genau. Das bringt Vander so aus der Fassung, dass er sich aus Kalifornien nach Turin aufmacht, um dort die mysteriöse Briefschreiberin zu treffen und die Angelegenheit, auf welche Art auch immer, ins Reine zu bringen. (Das berühmte Grabtuch (shroud #2) spielt später auch eine gewisse Rolle).

Es ist ein Roman, in dem die Handlung erst zum Ende hin Dynamik entwickelt. Man sollte auch darauf gefasst sein, dass vieles nur angedeutet wird; vor allem die Beweggründe und Verhaltensweisen der psychisch kranken Cass bleiben weitestgehend unerklärt, obwohl die Geschichte teilweise aus ihrem Blickwinkel erzählt wird (wenn man in ihrem besonderen Fall überhaupt von nur einem Blickwinkel sprechen kann). Was den Axel Vander umtreibt, erfahren wir dafür umso genauer - hier hat Banville einen beinahe unheimlichen Misanthropen geschaffen, dem wir alle unappetitlichen Flüche des Alterns gönnen, mit denen er belegt wird, und der uns mit seinen monomanen Eskapaden immer wieder überrascht (und dass er damit meist durchkommt). All dies beschreibt Banville in seiner für ihn typischen, enorm bildhaften, schönen und anspruchsvollen Weise, die selbst Muttersprachler gelegentlich zum Lexikon greifen lässt.

"Shroud" ist der mittlere dreier Romane um Axel Vander, Cass Cleave und ihren Vater Alex, der in "Eclipse" und "Ancient Light" die Hauptrolle übernimmt. Ich hatte die Trilogie hinten begonnen, wusste also, wie dramatisch "Shroud" enden würde. Das hat dem Genuss aber keinen Abbruch getan.


Outlaws: Roman
Outlaws: Roman
von Javier Cercas
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

5.0 von 5 Sternen Trio Infernal, 27. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Outlaws: Roman (Gebundene Ausgabe)
Spanien, Sommer 1978. Drei Jahre nach Franco versucht das Land, sich neu zu erfinden. Die ungewohnten Freiheiten bekommen nicht jedem, und so wird Zarco die zweifelhafte Ehre zuteil, eine der ersten kriminellen Jugendbanden anzuführen, die Gerona und Umgebung unsicher machen: Der Grundstein einer Karriere, die ihn schließlich zum bekanntesten Kriminellen des Landes befördert - über den Mythos Zarco werden am Ende Filme gedreht und Bücher geschrieben.

Und niemand weiß mehr über Zarco als Ignacio, der mit sechzehn Jahren eher zufällig in seine Bande geraten ist. Als Junge aus "gutem Hause" passt er eigentlich überhaupt nicht dazu, aber irgendwie bleibt ihm keine Wahl: Sein alter Freundeskreis mobbt ihn seit einiger Zeit in die Verzweiflung, mit seiner Familie kann er nicht reden, und Zarcos gefährlich schöne Kumpanin Tere übt eine unwiderstehliche Faszination auf ihn aus. So findet er für einen Sommer eine neue Heimat, bis dieser Rausch von Alkohol, Drogen und vor allem Adrenalin ein jähes Ende findet.

All das erleben wir in einer Rückschau 30 Jahre später. Ein neuer Zarco-Roman ist auf dem Weg, der mit all den Mythen und Unwahrheiten über den großen Gangster aufräumen soll. Dies geschieht auch mit Ignacios Hilfe, der inzwischen trotz allem eine erfolgreiche Karriere als Anwalt gemacht hat, den aber seine Vergangenheit mit Macht wieder eingeholt hatte. "Outlaws" ist die Niederschrift der Gespräche, die der Autor dieses Romans mit Ignacio (und zwei anderen Zeugen der Geschehnisse) geführt hat, um authentisches Material zu sammeln, Gespräche über die Mysterien der ersten und nicht nur der ersten Liebe, die erbarmungslose Banalität des Verbrechens und den Wert eines Lebens, über Schuld und Sühne und darüber, wie das Unglück des einen mit dem Glück des anderen zusammenhängt - Gespräche, in denen sich endlich auch das Beziehungsgeflecht zwischen Tere, Zarco und Ignacio Stück für Stück und so gut es geht entwirrt. Mich hat es bis zur letzten Seite gefesselt.


Americanah: Roman
Americanah: Roman
von Chimamanda Ngozi Adichie
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

16 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Hohes Ziel, fast erreicht, 18. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Americanah: Roman (Gebundene Ausgabe)
"Americanah" ist die Geschichte der Nigerianerin Ifemelu, die ihrem durch Korruption und Streiks gelähmten Heimatland mit Hilfe eines Stipendiums in Richtung USA entflieht, dort unter größten Schwierigkeiten Fuß fasst, schließlich als Bloggerin zu Ansehen und Wohlstand kommt und fünfzehn Jahre später in ihre Heimat zurückkehrt.

"Americanah" ist die Geschichte eines jungen Mädchens, das den Geliebten und Seelenverwandten ihres Lebens zurücklässt, den Kontakt zu ihm abreißen lässt, ohne sich innerlich von ihm lösen zu können, und ihn als seelischen Ballast durch ihre späteren Beziehungen schleppt.

"Americanah" ist eine bissige, stellenweise regelrecht verächtliche Kritik an der nigerianischen Gesellschaft, bei der es der Autorin gar nicht so sehr darum geht, dass in dem Land nichts funktioniert, weil die Herrschenden ausschließlich in die eigenen Tasche wirtschaften, sondern eher um das merkwürdige, von beinahe unterwürfiger Verehrung für alles Britische geprägte Verhältnis zur ehemaligen Kolonialmacht und die zwiespältige Sicht auf Amerika, das eigentliche Land der Träume, das man gleichzeitig für seine "Kulturlosigkeit" aber ein wenig verachten möchte.

"Americanah" ist eine Studie über die Rolle der Frau in so unterschiedlichen Gesellschaften wie denen Nigerias und der USA, über verschiedene Formen von Abhängigkeiten, und über die Zähmung widerspenstiger Haare, ein Kampf, den man eigentlich nur gewinnen kann, indem man ihn aufgibt - so spielt dann auch die Rahmenhandlung während einer vielstündige Sitzung in einem afrikanischen Frisiersalon in New Jersey.

Vor allen Dingen aber, und das ist das eigentliche Anliegen dieses Buches, ist "Americanah" eine intelligente Analyse der amerikanischen Gesellschaft, aus dem Blickwinkel einer nicht-amerikanischen Schwarzen, die in vielfältiger Weise zeigt, dass Sklaverei und Rassentrennung zwar der Vergangenheit angehören, ihre Nachwirkungen in Form von latentem bis offenem Rassismus auf der einen, überkompensierender politischer Korrektheit oder sonstigen Fettnäpfchen auf der anderen Seite aber noch lange nicht.

Und hier hat sich Chimamanda Adichie dann so viel vorgenommen, dass der Roman etwas aus den Fugen gerät. Damit sie alles unterbringen kann, was sie zum Thema zu sagen hat, und das ist ohne Zweifel eine Menge, entwickelt sich der Roman streckenweise zu einer ziemlich konstruiert erscheinende Abfolge von Situationen, in denen eine kaum noch überschaubare Anzahl von Personen (manchmal mehr Karikaturen als Personen) nur für einen kurzen Moment auf der Bildfläche erscheint, um das Stichwort zu geben für den nächsten, zugegebenermaßen brillanten Einblick in die Verhältnisse zwischen den Bevölkerungsgruppen, meist noch verdichtet in zitierte Passagen aus Ifemelus Blog. So aufschlussreich das alles ist, so wirkt es doch ein wenig synthetisch und hat letztlich zur Folge, dass sich die Lebens- und Liebesgeschichte dieser schon wegen ihrer etwas abrasiven und nicht immer nachvollziehbaren Art spannenden, wenn auch nicht immer sympathischen Persönlichkeit nicht so elegant entwickelt, wie man es ihr wünschen würde. Deswegen gibt's auch nicht die volle Punktzahl.


Ich wollte leben wie die Götter: Was in Deutschland aus meinen afrikanischen Träumen wurde
Ich wollte leben wie die Götter: Was in Deutschland aus meinen afrikanischen Träumen wurde
von Ibraimo Alberto
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kämpferherz, 8. April 2014
Mosambik Ende der 60er: Noch ist es portugiesische Kolonie, ein großer Teil der einheimischen Bevölkerung lebt in unterschiedlichen Ausformungen der Sklaverei. Die Götter, das sind die weißen Herren, die in Steinhäusern wohnen, die nicht zu arbeiten brauchen, die sich stets höchst gemächlich fortbewegen und niemals rennen müssen, und die immer genug zu essen haben. Das ist der verrückte Traum des kleinen Ibraimo: So möchte er eines Tages auch leben!

"Ich wollte leben wie die Götter" erzählt von einer für uns verwöhnte Mitteleuropäer unvorstellbar harten Kindheit in einem vom Bürgerkrieg zerrütteten Land, vom Schulweg durch den lebensgefährlichen Dschungel, aber auch von einem Kämpferherzen, das ihm immer wieder auf die Beine hilft und ihn schließlich einen großen Schritt in Richtung Traumerfüllung machen lässt: Ein Studium in der DDR. Dass das mit dem Studium nicht so gemeint war, stellt sich zwar unmittelbar nach der Ankunft heraus, aber selbst dadurch lässt sich Ibraimo nicht unterkriegen: Auch an der Fließbandarbeit im Fleischereikombinat findet er schließlich Gefallen - man ist ja nicht verwöhnt. Ibraimo ist eben ein Macher, das merkt man auch im Betrieb sehr schnell. Auch außerhalb der Arbeit beweist er ein großes Organisationstalent, indem er eine exilmosambikanische Fußballmannschaft aufstellt und managt.

Ein weiteres Talent ist noch ausgeprägter: Ibraimo macht sich als zäher Amateurboxer einen Namen und eine sehr respektable Karriere. Diese seine eigentliche Leidenschaft hilft ihm zunächst auch aus manchen Bredouillen, wenn er sich in zunehmendem Maße den Attacken von Rechtsradikalen ausgesetzt sieht, einer in der DDR offiziell nichtexistenten Spezies. Nach der Wende wird die Lage nicht besser, im Gegenteil, und zwölf Jahre später wirft Ibraimo Alberto unter einigem medialen und lokalpolitischen Aufruhr das Handtuch - so kann man es auch als Rausgemobbter zum Nestbeschmutzer bringen.

Es ist eine Geschichte von Optimismus, Durchhaltevermögen, Mut und großer Menschlichkeit, von einer Menge Glück im Unglück - da scheinen die Geister der Vorfahren, die Ibraimo Alberto sein Leben lang begleiten, immer wieder einzugreifen - und von den Grenzen, die auch er irgendwann erreicht. Dass er bei aller Bescheidenheit stolz auf seine Lebensgeschichte ist, ist mehr als verständlich; dafür, dass das ab und zu etwas sehr deutlich rüberkommt, zeichnet wohl in erster Linie Coautor Daniel Bachmann verantwortlich. Ein ausgesprochen lesenswertes Buch, gerade auch für die Generation, die die Zeit vor der Wende nur vom Hörensagen oder aus dem Geschichtsunterricht kennt. Und natürlich für die Schwedter Glatzenszene, aber hier darf man sich wohl keine Hoffnungen machen.


Der Körper meines Lebens: Roman
Der Körper meines Lebens: Roman
von Daniel Pennac
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mit Leib und Seele, 8. April 2014
"12 Jahre, 11 Monate, 18 Tage - Montag, 28. September 1936:
Ich werde keine Angst mehr haben, ich werde keine Angst mehr haben, ich werde keine Angst mehr haben, ich werde keine Angst mehr haben, nie mehr."

Die Liste seiner Ängste ist nämlich arg lang, und ganz oben steht die Angst vor Mama. Die ist also auch keine Hilfe, im Gegenteil. Und Papa ist schon tot. Er muss sich also selber retten, und er nimmt sich vor, seinen Ängsten endlich die Stirn zu bieten. Dazu kann es natürlich nichts schaden, den bemitleidenswerten Körper etwas Substanz aufzutrainieren, und er beschließt, die Fortschritte minutiös zu protokollieren. Vorne steht der erste Eintrag, der mutige Vorsatz, mit dem alles beginnt.

Mit den Muskeln klappt eigentlich ganz gut, mit den Ängsten schon weniger - sie werden ihn bis ins hohe Alter verfolgen. Er entwickelt sich zu einem extrem genauen Beobachter seiner selbst in all seinen körperlichen Befindlichkeiten. Oh ja, Erörterungen zahlreicher Körperfunktionen mit besonderem Fokus auf die dabei zutage tretenden flüssigen und weniger flüssigen Sekretionen sind eine tragende Säule dieses Buchs, und trotzdem muss man sich nie für Autor oder Protagonist fremdschämen - es ist kaum zu fassen. Das soll allerdings auch nicht heißen, dass hier ausschließlich auf hohem Niveau geschweinigelt wird, im Gegenteil. Denn repräsentiert in den Aktionen und Reaktionen seines Körpers (häufig auch in ihrem Ausbleiben) entfaltet sich vor unseren staunenden Augen das Leben und das Beziehungsgeflecht eines Mannes, der auch seine Mitmenschen im Wesentlichen über ihre Körperlichkeit wahrnimmt, so jedenfalls vertraut er es seinem "Journal d'un corps" an. Mutter (zumindest die Frau, die ihn geboren hat), Vater (in Rückblenden), Dodo (Überraschung!), Violette (sein erstes Ein und Alles), Mona (sein zweites und letztes Ein und Alles), Kinder, Enkel, Urenkel, sie und viele andere tragen zu einem ereignisreichen, erfüllten (und nach wie vor auch angsterfüllten) Leben bei, und was er darüber festhält, bietet dem deutschen Leser noch den zusätzlichen Reiz, dass französische Familien in vielerlei Hinsicht anders funktionieren.

Und wenn er sich erklärtermaßen zum Ziel gesetzt hat, alle tagebuchtypischen, emotionalen Ergüsse aus diesem Journal herauszuhalten, gelingt ihm das dankenswerterweise und vom ersten Tag an so gar nicht. Der Körper ist das Spiegelbild der Seele, und gerade die Angst macht sich körperlich besonders unangenehm bemerkbar (wir Männer wissen, wo einen zum Beispiel die Höhenangst kneift!). Und so geht es erst aufwärts, dann allmählich, mit kurzen, wenn auch deutlichen Gegenbewegungen, wieder abwärts, bis er mit 87 Jahren und 19 Tagen am Freitag, 29. Oktober 2010 notiert: "Jetzt, mein kleiner Dodo, gehts ans Sterben. Keine Angst, ich zeige dir, wie es geht." So schließt sich der Kreis, und endlich hat er sein Lebensziel erreicht: Keine Angst. Nicht einmal vor dem Tod.


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