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Rezensionen verfasst von
Felix Richter
(TOP 100 REZENSENT)    (REAL NAME)   

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Am Beispiel der Gabel: Eine Geschichte der Koch- und Esswerkzeuge
Am Beispiel der Gabel: Eine Geschichte der Koch- und Esswerkzeuge
von Bee Wilson
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 25,00

10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Literarisches Gabelfrühstück, oder warum wir dankbar sein sollten, dass der Kühlschrank erst vor kurzem erfunden wurde, 6. Januar 2015
Ich weiß gar nicht mehr, wie ich auf "Am Beispiel der Gabel" gestoßen bin. Wahrscheinlich in einer der vielen Bücherlisten, mit denen die Tagespresse des jeweiligen Vertrauens einen vor Weihnachten auf den neuesten Stand des Schenkens- und Lesenswerten bringen möchte. Bestellt habe ich es (im Original) jedenfalls gleichzeitig mit Michael Pollans zwei Jahre später erschienenem "Cooked", allerdings mit längst nicht so hohen Erwartungen: Hier der berühmte Ernährungsphilosoph, dessen Bücher sogar verfilmt werden, dort die eher weniger bekannte britische Journalistin (Autorin unter anderem eines Artikels im New Statesman über Hitlers Ernährungsgewohnheiten, betitelt "Mein Diat", in schwer bemühter Anlehnung an dieses Herren berühmtestes Werk. Englische Druckerzeugnisse und das liebe Deutsch - ein Kapitel für sich).

Im Unterschied zu Pollan geht es Bee Wilson nicht so sehr um das Ergebnis, sondern darum, wie und mit welchen Hilfsmitteln es entsteht. Der Mensch steht im Vordergrund, ob Hausfrau, Koch oder Küchenhilfe, und wie die Gerätschaften, die ihm im Laufe der Menschheitsgeschichte zur Verfügung standen, ihm das Leben erleichtert haben (oder auch nicht: Wenn Arbeit wenig oder nichts kostet, dann spielt es auch keine große Rolle, wenn sich Ehefrauen oder sonstige Küchensklaven die Knochen ruinieren, in manchen Teilen der Welt ja heute noch).

"Am Beispiel der Gabel" ist eine nicht sehr systematische, aber vielleicht gerade deshalb so abwechslungsreiche Abhandlung darüber, wie sich unsere Gewohnheiten im Laufe der Jahrtausende verändert haben. Es findet sich eine Menge Amüsantes (als es noch keine Küchen- oder Eieruhren gab, wurden Zeitangaben in Kochbüchern gerne über die Dauer bestimmter Gebete gemacht) und Nachdenkenswertes (wenn man schon immer mit Kälte hätte konservieren können, gäbe es vielleicht weder Käse noch Sauerkraut, weder Salami noch Räucherfisch - eine wirklich traurige Vorstellung). Und hätten Sie zum Beispiel gewusst, dass es gute Gründe gibt anzunehmen, dass der Überbiss, der unser Gebiss von dem anderer Primaten unterscheidet, in Europa vielleicht erst ein paar Jahrhunderte alt ist, nämlich so alt wie die Gabel? So hat sie es dann auch verdient, dem Buch seinen Titel gegeben zu haben, sonst spielt sie eigentlich eine eher untergeordnete Rolle.

Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass es, abgesehen von ein paar ganz wenigen Ausflügen nach Asien oder Kontinentaleuropa, fast ausschließlich um die Kulturgeschichte britischer Koch- und Essgewohnheiten geht. Amerikanisches nimmt zwar auch relativ breiten Raum ein, aber eher im Zusammenhang mit manchmal mehr, manchmal weniger nachhaltigen technischen Innovationen (die dann aber konterkariert werden durch die anachronistische Sitte, alles und jedes in "cups" zu messen...).

Ganz sicher ist "Am Beispiel der Gabel" kein tiefschürfendes Fachbuch, das höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, es ist auch nicht ganz frei von sachlichen Fehlern, aber als literarisches Gabelfrühstück habe ich es mit einigem Vergnügen gelesen und auf jeden Fall eine ganze Menge mitgenommen. Die oben gegebenen Beispiele mögen das illustrieren.


Consider the Fork: A History of How We Cook and Eat
Consider the Fork: A History of How We Cook and Eat
von Bee Wilson
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 27,24

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Literarisches Gabelfrühstück, oder warum wir dankbar sein sollten, dass der Kühlschrank erst vor kurzem erfunden wurde, 6. Januar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ich weiß gar nicht mehr, wie ich auf "Consider the Fork" gestoßen bin. Wahrscheinlich in einer der vielen Bücherlisten, mit denen die Tagespresse des jeweiligen Vertrauens einen vor Weihnachten auf den neuesten Stand des Schenkens- und Lesenswerten bringen möchte. Bestellt habe ich es jedenfalls gleichzeitig mit Michael Pollans zwei Jahre später erschienenem "Cooked", allerdings mit längst nicht so hohen Erwartungen: Hier der berühmte Ernährungsphilosoph, dessen Bücher sogar verfilmt werden, dort die eher weniger bekannte britische Journalistin (Autorin unter anderem eines Artikels im New Statesman über Hitlers Ernährungsgewohnheiten, betitelt "Mein Diat", in schwer bemühter Anlehnung an dieses Herren berühmtestes Werk. Englische Druckerzeugnisse und das liebe Deutsch - ein Kapitel für sich).

Im Unterschied zu Pollan geht es Bee Wilson nicht so sehr um das Ergebnis, sondern darum, wie und mit welchen Hilfsmitteln es entsteht. Der Mensch steht im Vordergrund, ob Hausfrau, Koch oder Küchenhilfe, und wie die Gerätschaften, die ihm im Laufe der Menschheitsgeschichte zur Verfügung standen, ihm das Leben erleichtert haben (oder auch nicht: Wenn Arbeit wenig oder nichts kostet, dann spielt es auch keine große Rolle, wenn sich Ehefrauen oder sonstige Küchensklaven die Knochen ruinieren, in manchen Teilen der Welt ja heute noch).

"Consider the Fork" ist eine nicht sehr systematische, aber vielleicht gerade deshalb so abwechslungsreiche Abhandlung darüber, wie sich unsere Gewohnheiten im Laufe der Jahrtausende verändert haben. Es findet sich eine Menge Amüsantes (als es noch keine Küchen- oder Eieruhren gab, wurden Zeitangaben in Kochbüchern gerne über die Dauer bestimmter Gebete gemacht) und Nachdenkenswertes (wenn man schon immer mit Kälte hätte konservieren können, gäbe es vielleicht weder Käse noch Sauerkraut, weder Salami noch Räucherfisch - eine wirklich traurige Vorstellung). Und hätten Sie zum Beispiel gewusst, dass es gute Gründe gibt anzunehmen, dass der Überbiss, der unser Gebiss von dem anderer Primaten unterscheidet, in Europa vielleicht erst ein paar Jahrhunderte alt ist, nämlich so alt wie die Gabel? So hat sie es dann auch verdient, dem Buch seinen Titel gegeben zu haben, sonst spielt sie eigentlich eine eher untergeordnete Rolle.

Deutsche Leser sollten sich darüber im Klaren sein, dass das "We" im Untertitel, abgesehen von ein paar ganz wenigen Ausflügen nach Asien oder Kontinentaleuropa, sich fast ausschließlich auf die Kulturgeschichte britischer Koch- und Essgewohnheiten bezieht. Amerikanisches nimmt zwar auch relativ breiten Raum ein, aber eher im Zusammenhang mit manchmal mehr, manchmal weniger nachhaltigen technischen Innovationen (die dann aber konterkariert werden durch die anachronistische Sitte, alles und jedes in "cups" zu messen...).

Noch ein Wort zu den Illustrationen von Annabel Lee: Nicht nur dass sie alle seltsam unbeholfen aussehen, sie wurden auch kaum jemals dort in den Text eingefügt, wo sie hingehören. Zum Teil sind sie auch schlichtweg irreführend, z. B. an der Stelle, wo es um den "Spork" geht, einen Löffel mit Gabelschlitzen: Abgebildet ist etwas ganz anderes, nämlich ein Essgerät mit Löffel und Gabel an beiden Enden. So wundert es mich dann nicht, dass man in der deutschen Ausgabe auf die Abbildungen gleich ganz verzichtet hat.

Ganz sicher ist "Consider the Fork" kein tiefschürfendes Fachbuch, das höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, es ist auch nicht ganz frei von sachlichen Fehlern, aber als literarisches Gabelfrühstück habe ich es mit einigem Vergnügen gelesen und auf jeden Fall eine ganze Menge mitgenommen. Die oben gegebenen Beispiele mögen das illustrieren.


Your Fathers, Where Are They? And the Prophets, Do They Live Forever?
Your Fathers, Where Are They? And the Prophets, Do They Live Forever?
von Dave Eggers
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 15,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Astronautennahrung in Dialogform, 2. Januar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Dave Eggers hat einen gewagten Roman geschrieben. Gewagt nicht wegen seines Inhalts oder seiner Aussagen - mit kontroversen populären Themen befasst er sich schließlich gerne und routiniert - sondern wegen seiner Struktur: "Your Fathers..." ist ausschließlich als Dialog geschrieben. Das ist nicht jedermanns Sache, und entsprechend zurückhaltend scheint die Aufnahme bisher auch zu sein.

So schält es sich auch erst sehr allmählich heraus, worum es eigentlich geht. Ich möchte nicht zu viel verraten - Eggers wartet durchaus mit einigen Überraschungen auf - aber was etwas rätselhaft damit beginnt, dass ein Mann auf einer verlassenen Militärbasis an einen Pfeiler angekettet aufwacht, mit seinem Entführer neben sich, entwickelt sich zu einem clever choreographierten Frage- und Antwortspiel, in dem Thomas, der Entführer, herauszufinden versucht, wieso sein Leben so komplett verpfuscht ist und wer dafür verantwortlich war, entweder persönlich oder als Vertreter eines Systems, das den Menschen ihre Zukunft raubt und viel zu schnell diejenigen opfert, die aus welchen Gründen auch immer im Abseits stehen.

Die kompakte, von allem Ballast befreite Dialogform erlaubt es Eggers, auf relativ wenigen Seiten eine Vielzahl von Miseren anzusprechen, angefangen von Thomas eigener, trauriger Jugend mit einer unfähigen, aber vor Selbstgerechtigkeit strotzenden Mutter, über die Frage, warum für Kriege stets ausreichend Geld vorhanden ist, wenn es ansonsten an allen Ecken und Enden klemmt, bis hin zur exzessiven Gewalt, zu der Amerikas Polizei auch dann mit Vorliebe greift, wenn Deeskalation das wesentlich geeignetere Mittel wäre - und das ist längst nicht alles. Es ist interessant zu sehen, wie Eggers dem Ankläger Thomas stets das bessere argumentative Ende an die Hand gibt, ihn gleichzeitig aber als Persönlichkeit Stück für Stück demontiert - es wird ja relativ bald klar, dass nicht viel in Ordnung sein kann mit jemandem, der Entführungen für den richtigen Weg hält, um den offenen Fragen seines Lebens und seines Landes auf den Grund zu gehen.

Insgesamt hat man aber das Gefühl, dass Eggers in seinem kurzen Roman über ein krankes Land ein paar Probleme zu viel stemmen wollte. Er wirkt streckenweise sehr synthetisch, hochverdichtet, wie ein wild zusammenkomponiertes Menü aus verschiedenen Tuben Astronautennahrung. Und die ganze Zeit fragt man sich, wie es Eggers gelingen wird, die bizarre Situation aufzulösen, die er sich da ausgedacht hat, und es wird auch tatsächlich noch richtig spannend, um dann aber doch ziemlich unspektakulär zu verpuffen. Da hätte Thomas' Feldzug ein angemesseneres Finale verdient.


Der Tag des Opritschniks: Roman
Der Tag des Opritschniks: Roman
von Vladimir Sorokin
  Taschenbuch

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kein Job wie jeder andere, 31. Dezember 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Tag des Opritschniks: Roman (Taschenbuch)
Einst ritten die Opritschniki übers russische Land und verbreiteten im Dienste Iwans des Schrecklichen Furcht und Schrecken. Vladimir Sorokin hat sie wieder auferstehen lassen, in einem apokalyptischen Russland des Jahres 2027.

Wir begleiten einen führenden Opritschnik durch seinen abwechslungsreichen Arbeitstag, wie er mit seinem gepanzerten Dienstwagen durch Moskau brettert, geschmückt, ganz so wie die alten Opritschniki, mit abgehacktem Hundekopf und Besen. Missliebige Subjekte werden aufgeknüpft, ihre Frauen geschändet und ihre Reichtümer unter die treuen Staatsdiener verteilt. Und zwischendurch wird immer wieder zünftig gefeiert, dass die alten Römer vor Neid erschauert wären. Alles im Namen von Mütterchen Russland, Väterchen Gossudar (dem neuen, allmächtigen Zaren), und der kaum minder mächtigen, allgegenwärtigen Kirche. Da bleibt kein Auge trocken, es fließt reichlich staatsfeindliches Blut, und zarter besaitete Leser seien auch davor gewarnt, dass "Staatsorgane" der ganz besonderen Art wiederholt und mit aller Härte eingesetzt werden.

Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut. Und die allerschlimmsten sind die Mächtigen, die sich zu schamlosen Karikaturen ihrer selbst stilisiert haben. "Der Tag des Opritschnik" ist eine einzige, böse Karikatur eines Staates, der sich von innen her auffrisst, der alles an Schrecknissen wiederbelebt hat, womit seine lange, schlimme Geschichte aufzuwarten hat, notdürftig behängt mit den Feigenblättern der Tradition. Wir können darüber lachen, aber die Subjekte all dieser Zaren, die dieses Riesenreich seit jeher beutelten und ausbeuteten, eher weniger, es sei denn, sie verfügen über ein gehöriges Maß an Galgenhumor.

Und wenn wir tatsächlich meinen, wir hätten es besser - in Sorokins 2027 gibt es Europa, wie wir es kennen, nicht mehr. Der Gashahn ist zu.


The Bone Clocks
The Bone Clocks
von David Mitchell
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,95

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Multiperspektivischer Entwicklungsroman und Fantasy-Spektakel in einem, 30. Dezember 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Bone Clocks (Taschenbuch)
Was hat dieser Mann nur für eine Fantasie! Wieder ein Roman mit sechs eigenständigen, großartig konzipierten Plots - 'wieder' bezieht sich auf "Cloud Atlas", den einzigen anderen Roman Mitchells, denn ich bisher gelesen habe - die hier aber wesentlich stärker verknüpft sind als dort. Das verbindende Element ist die Lebensgeschichte von Holly Sykes, zu Beginn und zum Schluss erzählt aus ihrem eigenen Blickwinkel, und dazwischen aus dem der Männer, die sie geliebt haben - ein Leben, das in eine unerfreuliche, gar nicht so weit entfernte Zukunft führt, in der es kein Öl, keine Ordnung und keine Perspektive mehr gibt. Auch das kennen wir schon von "Cloud Atlas", allerdings längst nicht so beklemmend plausibel skizziert wie hier.

So weit, so realistisch. Die kleine Holly hört zwar manchmal Stimmen, aber das ordnet man eher einer frühen Schizophrenie zu, von der sie sogar zunächst geheilt werden kann. Allerdings, hier irrt der Leser. David Mitchell nimmt sich nämlich die ziemlich dreiste Freiheit, seine eigentlich im Alltäglichen angesiedelte(n) Geschichte(n) mit einem Fantasy-Subplot zu unterfüttern, der sich gewaschen hat. Dieser schält sich in den ersten vier Kapiteln allmählich heraus, und Mitchell gelingt es sogar, das Übernatürliche so harmonisch mit dem Natürlichen verschmelzen zu lassen, dass sich auch ein nicht so Fantasy-erprobter Leser bereitwillig mitnehmen lässt, schon deshalb, weil auch der diesseitige Teil der Geschichten fesselnd genug ist, nicht nur dank der gelungenen Charakterzeichnungen der Haupt- und Nebenfiguren, sondern auch mit all dem, was Mitchell zum Zustand der Welt und ihrer Bewohner zu sagen hat, wie etwa zum alliierten Engagement im Irak oder zur Qualität ausgeprägter religiöser Überzeugungen.

Das vorletzte Kapitel fällt dann aber gewaltig aus dem Rahmen. Man spürt förmlich Mitchells Bedürfnis, sämtlichen Rätseln aus den ersten vier Kapiteln so ausführlich auf den Grund zu gehen, dass auch der Letzte kapiert, was metaphysische Sache ist, und beim abschließenden Showdown zwischen Gut und Böse lässt er die schriftstellerischen Höllenhunde so bildstark von der Leine, dass einem späteren Filmemacher kaum noch Spielraum bleibt, selbst kreativ zu werden, selbst wenn er etwa aus Neuseeland kommt.

Da war ich dann beinahe erleichtert, dass am Schluss wieder diejenigen bösen Geister die Regie übernehmen, die die Menschheit selbst gerufen hat, und die sind ja in einer ausgesprochen diesseitigen Welt angesiedelt. Aber das erwähnte ich ja schon.

"The Bone Clocks" ist ein lesenswertes und bereicherndes Buch, dem ich ohne zu zögern fünf Sterne geben würde, wenn es nicht zwischendurch als esoterische Supernova explodiert wäre, die das Gesamtbild ein wenig angesengt hat. Trotzdem freue ich mich jetzt auf die beiden Romane, die Mitchell zwischen "Cloud Atlas" und "The Bone Clocks" geschrieben hat.


Kochen: Eine Naturgeschichte der Transformation
Kochen: Eine Naturgeschichte der Transformation
von Michael Pollan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Elementares Kochen, 23. Dezember 2014
Zu der überschaubaren Anzahl von Fähigkeiten, die den Menschen vom Tier unterscheidet, gehört, dass er seine Nahrung dergestalt modifiziert, dass sie besser schmeckt und vor allem leichter verdaulich ist. Die verschiedenen Formen der Zubereitung lassen sich in vier Methoden unterteilen, die zu sehr unterschiedlichen Zeiten in der Menschheitsgeschichte aufgetaucht sind: Das direkte Rösten über dem Feuer, Kochen mit Wasser, Backen und Fermentieren. Vier Prozesse, die Pollan mit einem leichten Augenzwinkern den vier Elementen des klassischen Altertums zuordnet: Feuer, Wasser, Luft und Erde. Dadurch erhält das Buch seine Struktur und Pollan allerlei Gelegenheiten zu philosophischen Exkursen.

Pollan hat nicht nur das Gespräch gesucht mit namhaften Experten für die jeweilige Methode, die jeder für sich darum kämpfen, ihre Kunst auf ihr ursprüngliches Wesen zurückzuführen, sondern probiert auch alles zu Hause aus: Gart ganze Schweine, optimiert seine Fleischtöpfe, backt Brot, braut Bier und macht sein eigenes Sauerkraut - Slow Food in Perfektion. Ein Entwicklungsprozess, der sich über Jahre hingezogen hat und in dem seine Liebe zur Kocherei immer stärker wurde, je tiefer er in die Materie eindrang.

Ausführlich erläutert Pollan die Prozesse und ihre kulturgeschichtliche Relevanz, wirft neues Licht auf scheinbar banale Vorgänge, geht auf angeborene und anerzogene Geschmäcker ein, beklagt, wie schon im Omnivorendilemma, wie weit wir uns von den Ursprüngen unserer Nahrung entfernt haben und was das für katastrophale Auswirkungen auf unsere Gesundheit hat (und die der Tiere, die wir essen), wundert sich mit Recht, warum wir wesentlich mehr Zeit mit dem Betrachten von TV-Kochshows verbringen als mit Kochen, bricht zahlreiche Lanzen für die Mikroorganismen, die uns beim Erzeugen und Verdauen unserer Nahrung assistieren und plädiert nicht ohne Humor für einen entspannteren, sprich weniger sterilen Umgang mit denselben.

Das Garen von ganzen Frühlingszwiebeln in reichlich Wasser wird übrigens im ganzen Buch kein einziges Mal thematisiert. Wie ausgerechnet das zu der Ehre gekommen ist, den Buchdeckel zu zieren, ist mir ein Rätsel. (Beim Original finden sich Rigatoni statt der Frühlingszwiebeln, das kommt dem Thema auch nicht näher.)


Cooked: A Natural History of Transformation
Cooked: A Natural History of Transformation
von Michael Pollan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,34

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Elementares Kochen, 23. Dezember 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Zu der überschaubaren Anzahl von Fähigkeiten, die den Menschen vom Tier unterscheidet, gehört, dass er seine Nahrung dergestalt modifiziert, dass sie besser schmeckt und vor allem leichter verdaulich ist. Die verschiedenen Formen der Zubereitung lassen sich in vier Methoden unterteilen, die zu sehr unterschiedlichen Zeiten in der Menschheitsgeschichte aufgetaucht sind: Das direkte Rösten über dem Feuer, Kochen mit Wasser, Backen und Fermentieren. Vier Prozesse, die Pollan mit einem leichten Augenzwinkern den vier Elementen des klassischen Altertums zuordnet: Feuer, Wasser, Luft und Erde. Dadurch erhält das Buch seine Struktur und Pollan allerlei Gelegenheiten zu philosophischen Exkursen.

Pollan hat nicht nur das Gespräch gesucht mit namhaften Experten für die jeweilige Methode, die jeder für sich darum kämpfen, ihre Kunst auf ihr ursprüngliches Wesen zurückzuführen, sondern probiert auch alles zu Hause aus: Gart ganze Schweine, optimiert seine Fleischtöpfe, backt Brot, braut Bier und macht sein eigenes Sauerkraut - Slow Food in Perfektion. Ein Entwicklungsprozess, der sich über Jahre hingezogen hat und in dem seine Liebe zur Kocherei immer stärker wurde, je tiefer er in die Materie eindrang.

Ausführlich erläutert Pollan die Prozesse und ihre kulturgeschichtliche Relevanz, wirft neues Licht auf scheinbar banale Vorgänge, geht auf angeborene und anerzogene Geschmäcker ein, beklagt, wie schon im Omnivorendilemma, wie weit wir uns von den Ursprüngen unserer Nahrung entfernt haben und was das für katastrophale Auswirkungen auf unsere Gesundheit hat (und die der Tiere, die wir essen), wundert sich mit Recht, warum wir wesentlich mehr Zeit mit dem Betrachten von TV-Kochshows verbringen als mit Kochen, bricht zahlreiche Lanzen für die Mikroorganismen, die uns beim Erzeugen und Verdauen unserer Nahrung assistieren und plädiert nicht ohne Humor für einen entspannteren, sprich weniger sterilen Umgang mit denselben.

Das Garen von Rigatoni in Wasser wird übrigens im ganzen Buch kein einziges Mal thematisiert. Wie ausgerechnet das zu der Ehre gekommen ist, den Buchdeckel zu zieren, ist mir ein Rätsel.


Mountains of the Moon
Mountains of the Moon
von I J Kay
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eine lohnende Herausforderung, 15. Dezember 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Mountains of the Moon (Taschenbuch)
Die kleine Lulu wird von ihrer Mutter nur dann zur Kenntnis genommen, wenn die von ihrem x-ten Mann mal wieder fast totgeprügelt wird. Ansonsten ist sie Dienstmagd, Kindermädchen und vor allem Sündenbock dafür, dass Mamas Karriere als Sängerin nicht stattgefunden hat. Zum ihrem Glück kann sich die Kleine in eine afrikanische Phantasiewelt flüchten, inspiriert durch ein Buch, das ihr ihr liebevoller Großvater geschenkt hat.

Eine Kindheit, die aber auch den Vorteil hat, dass sie einen auf alle denkbaren Härten des Lebens vorbereitet. Denn schließlich geht der Roman damit los, dass Lulu nach zehn Jahren Knast im bürgerlichen Leben Fuß zu fassen versucht, und das nicht zum ersten Mal und auch nicht sonderlich erfolgreich.

I. J. Kay (interessantes Pseudonym übrigens) macht es ihren Lesern wahrlich nicht leicht. Das fängt damit an, dass Lulu ihre grammatikalisch höchst eigenwillige, möglicherweise afrikanisch inspirierte Sprache nur sehr zögernd ablegt, was es einem aber auch erleichtert, die erbarmungslos verschachtelten Zeitebenen auseinander zu halten. Noch verwirrender ist, dass sich Lulus Traumwelt immer wieder mit Erlebtem vermischt. Auch gibt es ein Überangebot an manchmal mehr, manchmal weniger wichtigen Personen, da hilft auch die am Anfang stehende Besetzungsliste nicht so richtig weiter. Lulus zahlreiche, durch Heim- und Knastlaufbahn bedingte Namenswechsel tragen das ihrige zur Verwirrung bei.

So muss man sich schon ganz schön konzentrieren, um bei dem sich sehr langsam zusammenfügenden Lebenspuzzle nicht die Übersicht zu verlieren, denn vieles, was man erfährt, ist zunächst überhaupt nicht einzuordnen. Erst sehr spät findet (fast) alles seinen Platz, und dann wird es auch noch einmal ausgesprochen rasant. Da hat mir das Buch wieder richtig gut gefallen, zumal auch noch eine Menge Überraschungen auf den schwer atmend in den Seilen hängenden Leser warten, alle nichts für zarte Seelen.

Bei aller Kritik an den Hürden, die IJK für ihre Leser aufgebaut hat - Lulus Geschichte über eine gestohlene Kindheit, über Eltern, die nie Eltern hätten sein dürfen, über zerstörerische und notwendige Gewalt, über kleine und große Fluchten, geplatzte und erfüllte Träume ist es allemal wert, dass man sich der Herausforderung stellt, zähneknirschend oder nicht. Lulu hat's ja auch nicht leicht gehabt.


Levels of Life
Levels of Life
von Julian Barnes
  Gebundene Ausgabe

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Essay über die Gefahren der Liebe und der Ballonfliegerei, 3. Dezember 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Levels of Life (Gebundene Ausgabe)
"Levels of Life" ist ein Triptychon über die Liebe. Auch wenn man's nicht gleich merkt, denn Julian Barnes' Einstieg führt in die abenteuerliche und skurrile Welt der Ballonflugpioniere, jener risikofreudigen Männer und Frauen, die versuchten, was niemand vor ihnen je versucht hatte, die in atemberaubende Höhen aufstiegen und so die Welt mit neuen Augen sehen durften, und die dafür manchmal, Ikarus gleich, einen hohen Preis bezahlten. Die Symbolik erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Von zweien dieser "Balloonatics" handelt auch das zweite Bild, vom todesmutigen Colonel Barnaby, der der unvergleichlichen Sarah Bernhard verfällt und dabei ebenfalls der Sonne zu nahe kommt.

Und dann kommt ein heftiger Schnitt, ein Ende mit Schrecken, das auch Julian Barnes' eigener Liebesgeschichte zuteilwurde, als seine Frau nach fast 30jähriger Ehe an einem Hirntumor starb, kaum mehr als einen Monat nach der Diagnose, ähnlich den Ballonfahrern, die, als ihr Ballon in Flammen aufging, aus höchster Höhe zur Erde stürzten. Er fragt nach dem Sinn des Lebens, das er ohne seine - ich benutze diesen abgenutzt-heiteren Ausdruck, weil er es eben doch trifft - bessere Hälfte weiterleben muss. Er geht, fast ein bisschen zu heftig, ins Gericht mit all den Menschen, die ihm und seiner Frau nahestanden, und die sich trotzdem in seinen Schmerz nicht hineinfühlen können, und ihren gut gemeinten, aber mitunter bodenlos dummen Versuchen, ihm Trost zuzusprechen. Selbstmord wird erwogen und, aus einem sehr bedenkenswerten Grund, wieder verworfen. Es ist eine verzweifelte, wunderschöne posthume Liebeserklärung, vielleicht sogar eine Art Lebenshilfe zum Umgang mit Verlust und mit denen, die Verlust erleiden mussten.
Kommentar Kommentare (7) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 24, 2014 1:50 PM CET


Geerbtes Schicksal: Der Weg beginnt in Sibirien
Geerbtes Schicksal: Der Weg beginnt in Sibirien

5.0 von 5 Sternen Du hast keine Chance - also nutze sie!, 1. Dezember 2014
Es gibt Bücher, bei denen es einen glücklichen Zufall braucht, dass man auf sie stößt. In diesem Fall war das ein goldiger kleiner Enkel, dessen anderer Großvater Alexander Eva heißt, und dann hat es trotzdem noch eine ganze Weile gedauert, bis ich schließlich herausfand, dass mein musikalischer Gegenschwieger auch ein großartiger Erzähler ist.

"Geerbtes Schicksal" ist ein Buch, das das eigene Leben in eine andere Perspektive rückt. Wer wie ich das Glück hatte, in einem freien Land aufzuwachsen und niemals hungern oder frieren zu müssen, dem fehlt in der Regel das Gespür dafür, wie gut es ihm Zeit seines Lebens gegangen ist. Deswegen ist es so wichtig, dass Menschen wie Alexander Eva ihr Leben aufschreiben.

Wenn Achternbuschs Satz "Du hast keine Chance - aber nutze sie" auch ganz woanders hinzielte: Hier passt er richtig. Aus dem kleinen, bitterarmen Jungen, den es mit seiner Mutter nach Sibirien verschlagen hatte, konnte wirklich nichts werden. Doch der Zufall will es, dass der Dreizehnjährige einmal in die Tuba eines Nachbarn hineinblasen darf. Man merkt sehr schnell, was für ein begabtes und, wenigstens was die Musik betrifft, fleißiges Kerlchen er ist, und das öffnet ihm, trotz aller Hemmnisse und Anfeindungen, denen er als Russlanddeutscher ausgesetzt ist, schließlich das Tor zu einer wahrlich illustren Karriere. Ein Glück, dass er - wie so oft! - nicht auf die Mutter gehört hatte und Tischler geworden war, wie es sich für einen anständigen Russlanddeutschen eigentlich gehört hätte.

Gerade weil er die deutsche Sprache erst so spät (wieder)erlernt und das Schreiben nie als Beruf betrieben hat, geht das Buch so unter die Haut. Er folgt zwar der Chronologie seines Lebens, aber wenn sich ein Anlass bietet, und der bietet sich oft, dann schweift er in kleine Anekdoten und Reminiszenzen ab, mal leidet man mit ihm, mal teilt man seine kleinen und großen Freuden, und man kommt beim Lesen aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Ein Buch, das man noch lange im Kopf mit sich herumträgt, nachdem man es längst zugeklappt hat.


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