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Rezensionen verfasst von
Felix Richter
(TOP 100 REZENSENT)    (REAL NAME)   

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Der unsichtbare Apfel: Roman
Der unsichtbare Apfel: Roman
von Robert Gwisdek
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 12,99

28 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Im Kopf von Igor K., 12. März 2014
Mal wieder ein Buch, bei dem man nicht weiß, wie man anfangen soll, wenn man etwas darüber sagen will. Es fängt so harmlos an: Ein Junge, Igor, fasziniert von Zahlen und geometrischen Formen, von Dingen, die man sammeln und einordnen kann, irgendwie autistisch, natürlich nicht schulkompatibel, möchte alles verstehen und verzweifelt daran, dass sich die unendliche Welt sich ihm nicht erklären will. Dann lernt er Alma kennen und findet zum ersten mal jemanden, der ihm zuhört, wenn auch vielleicht nicht versteht, bis ihn eine Tragödie, bei der er Alma verliert, wieder aus der gerade gefundenen Bahn wirft, und er der Realität vollends abhanden kommt.

So weit, so rational. Dann lässt Igor das Verlangen, mehr über sich selbst zu entdecken, einen Selbstversuch wagen: 100 Tage allein in einem abgedunkelten, schalldichten Raum. Nach kurzer Zeit machen sich seine Gedanken selbstständig, er begibt sich auf eine surreale Reise in sich selbst, in eine kafkaeske Traumwelt voller rätselhafter Symbolik, in der Zahlen initiativ werden und man mit geometrischen Formen kommunizieren kann, in der Kreise leben und von bösen Dreiecken in Schach gehalten werden, in der sich auch die Zeit um sich selbst dreht und Igor am Ende Igor begegnet.

"Der unsichtbare Apfel" ist ein Buch über Schuld, Opfer und Vergebung, und über den Wahnsinn, der vielleicht in jedem von uns steckt, wenn unsere Phantasie von der Leine gelassen wird und wir uns einmal trauen, tief genug zu graben. Ein verrückter, rätselhafter, großartiger, zutiefst menschlicher Roman.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 9, 2014 11:15 AM MEST


Schwätzen und Schlachten: Roman
Schwätzen und Schlachten: Roman
von Verena Roßbacher
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schade, dass der Titel "Quasikristalle" schon vergeben war, 11. März 2014
Die, nennen wir es einfach mal so, Handlung des Romans ist schnell umrissen: Alles dreht sich um drei Freunde in Berlin, den Literaturdauerstudenten und chronisch unbeweibten Sydow, den Exilösterreicher Stanjic, und Glaser, der irgendwas mit Kunst und Neuen Medien macht. Und natürlich um den einzig wahren Fixpunkt ihres Lebens: Sydows Oma, in deren Café Tante den Dreien die nötige feste Nahrung stets zur Verfügung steht, und die die etwas orientierungslosen jungen Männer stets und vergeblich bedrängt, mit sich und ihrem Leben etwas Vernünftiges anzufangen, das über gelegentliches gemeinsames Musizieren und endlose Diskurse hinausgeht.

Da kommt plötzlich Unruhe in die allseitige Beschaulichkeit: Sydow und Stanjic entdecken bei Glaser ein blutrünstiges Manuskript, bekommen düstere Ahnungen über bevorstehendes Unheil und mögliche Schlachtopfer und machen sich mit allem Schwung, dessen sie mächtig sind, ans Investigieren. In Glasers Wohnung entdecken sie merkwürdige Dinge, auf der Straße begegnen ihnen merkwürdige Menschen, längst vergangene Erlebnisse bekommen neue Konnotationen und es herrscht überhaupt eine großartige Verwirrung.

Als hätte Verena Rossbacher es ihrer Landsfrau und Kollegin Eva Menasse mal zeigen wollen, was man mit Quasikristallen tatsächlich alles anstellen kann: Sie lässt mysteriöse Mosaiksteinchen frei im Raum schweben, nichts passt so recht zusammen, und selbst dass wir Leser von der ersten Zeile an wissen, dass am Ende einer umgebracht wird, ist erst mal keine große Hilfe, im Gegenteil. Und wenn das Buch nicht eine Rahmenhandlung hätte, in der Frau Rossbacher mit Olaf, ihrem Lektor, herumplänkelt, wenn er mal wieder versucht, in die Romangenese ordnend einzugreifen, dann wüssten wir Leser oft gar nicht, worauf wir unser Augenmerk richten sollen.

Das alles, so sinnlos es zunächst erscheinen mag, ist ein richtig großer Lesespaß. Witzig und leichtfüßig sprießt und wuchert es, driftet und mäandert, explodiert und versandet, dass es eine wahre Pracht und Freude ist. Kein Seitentrieb ist zu klein, dass er nicht zu einem werthaltigen Diskurs über entwurzelte Österreicher, das Mit- und Gegeneinander der Geschlechter, Plätzchenbacken oder aperiodisches Fliesenlegen ausarten könnte, wohinter der geheimnisvolle Erzählstrang immer wieder gerne verschwindet.

90% des Romans gehen auf diese Weise dahin, aber dann scheint's Lektor Olaf zu bunt geworden zu sein: Du kriegst jetzt noch 30 Seiten und dann ist Schluss! So oder ähnlich mag gesprochen haben, man ahnt es nur. Und so erzählen ganz schnell die, die's wissen, denen, die's nicht wissen, wie alles gekommen ist und wie sich das quasikristalline Mosaik zusammenfügt, und fertig ist des Rätsels Lösung (die hier natürlich nicht verraten wird, nur insoweit, als es tatsächlich und wider mein Erwarten eine gibt). Das geht natürlich etwas auf Kosten der beschwingten Raffinesse, mit der uns Verena Rossbacher bis dahin so gut unterhalten hatte.

Und noch ein Wort zu Olaf dem Lektor, der seine Sache nicht nur wegen dieses plötzlichen Romanaborts, sagen wir mal so, nicht richtig gut gemacht hat: Dass er Frau Rossbacher nämlich das haarsträubende und völlig mysteriöse Stilmittel hat durchgehen lassen, Hauptsätze ohne Zahl mit "weil" einzuleiten, und das nicht nur in wörtlicher Rede schlampig daherschwätzender junger Menschen, sondern ständig und immer und überall, ist äußerst betrüblich, weil das ist eine schwere Versündigung am Ethos seines Berufsstands. Und zweitens hätte er ihr auch schon mal sagen können, wenn's ihr selber noch nicht aufgefallen ist, dass Berliner nicht so Sachen wie "innert Sekunden" und "herinnen" sagen (an passenderer Stelle fand ich die vielen Austriazismen aber höchst charmant). Und schließlich liegen die Thermopylen nicht am Golf von Manila. Der Rest sind lässliche Sünden.

Vielleicht ist "Schwätzen und Schlachten" nicht zwingend der große "Gesellschaftsroman unserer Zeit", wie der Verlag mutig behauptet, dazu ist die Gesellschaft unserer drei Freunde und ihrer mehr oder weniger lose affiliierten Mitstreiter ein zu kleiner Ausschnitt aus derselben, aber mir hat es trotzdem einen Heidenspaß gemacht. Außerdem weiß ich jetzt, dass man bei Kunst- und Neue Medienschaffenden immer auf Überraschungen gefasst sein sollte.


Schluckspecht: Roman
Schluckspecht: Roman
von Peter Wawerzinek
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einmal in die Unterwelt und zurück, 9. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Schluckspecht: Roman (Gebundene Ausgabe)
Peter Wawerzinek lässt uns ein zweites Mal in Innerstes blicken: "Rabenliebe" war der Aufschrei eines vernachlässigten, an seinem schlimmen Schicksal unschuldigen Kindes und eine Abrechnung mit den Menschen, die ihm sein Leben zerstört haben; "Schluckspecht" ist das Dokument einer höllischen Fahrt in den Alkoholismus und wieder heraus. Wie jemand als Jugendlicher damit beginnt, sich systematisch zu vernichten, begünstigt durch die Umstände - Tante Luci, die Ziehmutter, brennt schwarz, die Eltern des besten Freundes haben eine Mosterei - und durch das eigentlich gut gemeinte, weil freiheitsfördernde Wegsehen derjenigen, die hätten merken müssen, in welcher Gefahr er sich befindet. Erst später versteht man, wie es dazu kommen konnte.

Peter Wawerzinek erspart uns nichts, lässt keine Erniedrigung aus. Fröhliche Trinkerei endet regelmäßig in der Bewusstlosigkeit, in ekelerregendem Zustand wacht er dann auf, ohne zu wissen, wie er dort gelandet ist, wo er sich bzw. man ihn findet. Tante Luci versucht ihm immer wieder zu helfen, indem sie ihm Jobs und Unterkünfte vermittelt, aber nichts hält auf Dauer. Bis sie ihn eines Tages, nach einer geschätzt 25-jährigen Säuferkarriere, am Kragen packt und ihn in eine ausgesprochen unkonventionelle Heilanstalt verfrachtet.

Hier baut man auf ziemlich langfristige Therapien, was wohl nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass gelegentliche Rückfälle bewusst ins Programm eingebaut sind - etwas, wovon man üblicherweise annimmt, dass es danach mit dem Entzug wieder von vorne losgeht. So erklärt sich die lange Schaffenspause des Autors, in der er dann aber auch die Kraft für "Rabenliebe" und später "Schluckspecht" sammelt. Und es gelingt ihm tatsächlich, vom selbstmörderischen Säufer zum maßvollen Trinker zu werden.

Wawerzineks Sprache ist eher rau und sperrig als schön und elegant. Er assoziiert, spielt mit Wörtern, schafft sich seine eigene Etymologie, reizt die grammatikalischen Konventionen so weit aus, dass man manche Sätze erneut liest, um dann doch festzustellen, dass sie eigentlich korrekt zu Ende geführt worden sind. "Schluckspecht" hat vielleicht nicht die emotionale Wucht von "Rabenliebe" - man reserviert sein Mitgefühl halt eher für ein vernachlässigtes Kind als für einen Alkoholiker - aber es ist ein eindrucksvolles Zeugnis aus allererster Hand, wie schmerzhaft einer fallen kann und doch wieder aufstehen.


Breaking News
Breaking News
Preis: EUR 21,99

32 von 46 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ordentliches Infotainment, 7. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Breaking News (Kindle Edition)
Tom Hagen ist eine arme Sau. Seine Karriere als krisengestählter Sensationsreporter für ein namhaftes Hamburger Magazin erleidet einen bösen Bruch, als in Afghanistan eine Geiselbefreiung durch sein Zutun in einer Katastrophe endet. Drei Jahre später erleben wir ihn, wie er, schwer traumatisiert und inzwischen für eine kleine Online-Newsklitsche unterwegs, im libyschen Kugelhagel sein Leben riskiert, um das Ende der Ära Gaddafi mediengerecht mitzuverfolgen. Auch das misslingt, sehr zum Leidwesen von Toms Leber, die für diesen weiteren Flop schwer büßen muss.

Und wahrscheinlich hätte er sich dann zu Tode gesoffen, wenn er nicht von einem alten Freund und Kollegen einen Tipp bekommen hätte: Zwei CDs mit heiklen Informationen über Aktivitäten des israelischen Geheimdienstes stehen zum Verkauf. Ob er nicht...? Na klar! Und so gelangen wir endlich, nachdem bereits ein Drittel des Romans um ist, an den eigentlichen Ort des Geschehens: Israel.

Moment - Frank Schätzing hat nicht ein Drittel des Romans dafür aufgewendet, die desolate Verfassung seines Protagonisten zu erläutern: Er hat es auch für einen ersten Schnellkurs in israelischer Geschichte genutzt, anhand der Erlebnisse der fiktiven Familie Kahn und vor allem unter besonderer Verwendung der Biografie Ariel Scharons. Und so lesen wir hier (von den beiden "Prologen", die kaum zur Story beitragen, mal abgesehen) eigentlich zwei Romane: Einmal einen Agententhriller, in dem es weniger um Breaking News als um die Machenschaften von Terroristen und Geheimdiensten geht, und in dem der psychisch stark beschädigte Tom Hagen doch noch Gelegenheit bekommt, nicht nur Geschichten, sondern tatsächlich Geschichte zu schreiben. Und zweitens einen in meinen Augen ziemlich gelungenen Versuch, die komplexen Zusammenhänge des Nahostkonflikts in einer übersichtlichen Form darzustellen, insbesondere die jüdische Besiedlung der Palästinensergebiete; Nahostexperten sind hier möglicherweise unterfordert. Schätzing hat sich erkennbar bemüht, die Ursachenanalyse möglichst neutral zu betreiben, was er sich allerdings dadurch nicht leichter macht, dass er eigentlich nur das Leiden der Juden personalisiert, während das der Palästinenser weitgehend anonym bleibt.

Was bleibt als Fazit? Wenn man fast 1000 Seiten innerhalb weniger Tage freiwillig wegliest, kann das Buch eigentlich so schlecht nicht gewesen sein, selbst wenn Charakterentwicklung und sprachlicher Feinschliff vielleicht nicht unbedingt büchnerpreiswürdig sind. Der Spannungsbogen der Hagen-, später Hagen-Kahn- bzw. Hagen-Kahn-Scharon-Story bleibt erhalten, auch während der historischen, politischen und religiösen Ausflüge. Und es gibt wirklich starke Stellen; dazu zähle ich zum Beispiel die Beschreibung der Massaker von Sabra und Schatila (Erinnerungen an "Waltz with Bashir" wurden wach), aber auch manche nahezu filmfertigen (Zufall?) Actionsequenzen. Selbst wenn mir schon vorher der Gedanke nicht ganz fremd war, dass religiöser Fanatismus, gleich welcher Richtung, dem friedlichen Miteinander sehr abträglich sein kann, bin ich schon bedeutend schlechter unterhalten worden.


Auf dass uns vergeben werde: Roman
Auf dass uns vergeben werde: Roman
von A.M. Homes
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

12 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Du sollst nicht begehren deines Bruders Weib..., 6. März 2014
…auch dann nicht, wenn dein Bruder ein zu Gewaltausbrüchen neigendes, Schürzen jagendes Monster ist.

Hätte Harold Silver sich an dieses Gebot gehalten, dann wäre ihm (und dem Bruder) einiges erspart geblieben. Da er sich aber, als der Bruder wegen merkwürdigen Verhaltens nach einem Verkehrsunfall mit Todesfolge erst man in der Psychiatrie landet (und Harolds Frau zufällig gerade auf Dienstreise ist), etwas zu fürsorglich um seine attraktive Schwägerin kümmert, setzt er eine Ereigniskette in Gang, die Murphy's Law in jeder Hinsicht genügt, ihn seiner bürgerlichen Existenz beraubt, die ihm dann aber im Gegenzug das Sorgerecht für Georges zwei Kinder beschert.

Während wir dabei zusehen, wie Harold als moderner Hiob durch das im Land der Freien bekanntlich etwas lose geknüpfte soziale Netz rauscht, ist man stets aufs Neue dankbar, auf der sicheren Seite des Atlantiks zu leben: Rechtsprechung, Gesundheitssystem, Strafvollzug, Bildungswesen unterliegen alle den realsatirischen Gesetzen des freien Marktes, und uns erfasst beim Lesen wohliges Schaudern. Letzteres gilt auch für die irgendwie rührende Hassliebe, die der Historiker Harold für sein Spezialgebiet Richard M. Nixon empfindet, und die sich als roter Faden durch den Roman zieht.

Harold kommt es dann sehr gelegen, dass er mit der Verantwortung für Georges Kinder auch Zugriff auf die üppigen Bankkonten seines Bruders bekommt. Nicht zuletzt deshalb gelingt es ihm, sein Leben umzukrempeln und sich selbst als (Gut-)Menschen neu zu entdecken. Auch hier nimmt der geniale Aberwitz kein Ende, allerdings muss man der Autorin ankreiden, am Schluss die Linie verloren und den Schmalz etwas zu dick aufgestrichen zu haben. Deswegen das Sternchen Abzug.
Kommentar Kommentare (18) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 1, 2014 10:00 AM MEST


Frauen am Rande des Strandes: Ein Scout-Davis-Roman
Frauen am Rande des Strandes: Ein Scout-Davis-Roman
von Maggie Groff
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mit Hirn, Herz und Hormonen, 6. März 2014
Lassen Sie sich von Titel und Einband nicht täuschen. Es ist weder ein Arztroman noch eine Ferienromanze, obwohl einem dieser Eindruck regelrecht aufgedrängt wird, und es ist mir mal wieder ein Rätsel, warum deutsche Verlage ihre Leser so gerne in die Irre führen.

Mad Men, Bad Girls heißt Maggie Groffs Roman im Original, und das trifft es schon bedeutend besser. Die taffe und mit einem erfreulichen Schuss Selbstironie ausgestattete Journalistin Scout (!) Davis wird von einem Bekannten auf die Spur der Sekte "Strahlende Wiederkehr der Erleuchteten Seelen" gebracht, in der ein ältlicher Guru namens Heitere Wolke, Mystischer Meister vom Mars vorwiegend weibliche Jünger zu allerlei Missetaten anstiftet und dabei, wie nicht anders zu erwarten, sexuell nicht zu kurz kommt.

Obwohl diese Nachforschungen eigentlich volle Hinwendung erfordern, kann die routinierte Multitaskerin Scout gleichzeitig noch 1) an einer Schule für reiche Mädchen einen Mobbingfall aufklären, 2) als Strickguerilla des nachts Stadtverschönerung betreiben und 3), last but not least, das Objekt ihrer Begierde umgarnen, den schönen Polizisten Rafe, der bei Frauen jeden Alters Kernschmelzen auslöst und dessen eingehend beschriebenen Vorzüge Leserinnen ihre eigenen Lebenspartner wahrscheinlich mit anderen, kritischeren Augen sehen lassen, für ein paar Tage wenigstens.

Die Handlung entwickelt sich ziemlich gemächlich, und dem männlichen Leser wird mehr als einmal bewusst, dass das Buch eigentlich nicht für ihn geschrieben ist: way too much information vor allem zu Kleidung, Frisur, Make-up und tagesaktueller Duftnote. Macht aber nichts - die Story nimmt schließlich Fahrt auf und wird am Ende richtig aufregend. Das Thema Mobbing ist Maggie Groff nach meinem Geschmack besser gelungen als die Sektiererei, bei der sowohl der esoterische Quark als die Niederträchtigkeiten der Heiteren Wolke einer Persiflage sehr, sehr nahe kommen, allein schon wegen dieser bescheuerten Namen. Der erotische Aspekt des Romans... ach, das sollen lieber die Rezensentinnen beurteilen. Ich jedenfalls habe das Ganze als guilty pleasure empfunden, dem ich gerne anderthalb Urlaubstage gewidmet habe.


Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft
Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft
von Volker Weidermann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,99

28 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Über die Freundschaft (und die Kunst, sich gerade noch rechtzeitig zu Tode zu trinken), 6. März 2014
Sie sind schon ein seltsames Paar, die zwei Freunde, die unterschiedlicher nicht sein könnten, der erfolgsverwöhnte, kontrollierte Stefan Zweig und der stets am Rande des Bankrotts entlang lavierende Alkoholiker Joseph Roth, radikaler Pazifist der eine, "begnadeter Hasser" der andere. Zweig, dem Verpflichtungen gegenüber anderen Menschen eigentlich ein Greuel sind, ist die Aufgabe zugefallen, seinen Freund vor sich selbst zu schützen, was im Wesentlichen heißt, ihn von der Flasche fern- und zum Schreiben anzuhalten, ein nahezu aussichtsloses Unterfangen, zumindest was das Trinken angeht (er wird einige Monate vor Kriegsbeginn daran zugrunde gehen).

Zweig hat Roth nach Ostende eingeladen, wo er den Sommer 1936 verbringt. Hier hat sich eine kleine Gruppe von deutschsprachigen Schriftstellern zusammengefunden, denen der Nationalsozialismus die Heimat geraubt hat; Egon Erwin Kisch, Arthur Koestler, Irmgard Keun, Hermann Kesten und Ernst Toller gehören dazu. Während Deutschland und die Welt unaufhaltsam auf die Katastrophe zusteuern, haben sie hier eine kleine Idylle gefunden, die meisten von ihnen zum letzten Mal, in der sie diskutieren, schreiben, hoffen und, allen voran die frischverliebten Roth und Keun, trinken können.

Liebevoll und mit großem Detailwissen beschreibt Volker Weidermann die komplizierte Freundschaft zwischen den Stefan Zweig und Joseph Roth. Mit einfachen, knappen Worten zeichnet er ein atmosphärisch dichtes Bild zweier Menschen, die sich trotz der immer deutlicher werdenden Aussichtslosigkeit ihrer Situation Charakterstärke, Motivation und Kreativität bewahren können, und ihres kleinen, aber feinen und bei all den Widrigkeiten erstaunlich lebensfrohen Freundeskreises.


Questions of Taste: The Philosophy of Wine
Questions of Taste: The Philosophy of Wine
von Barry C. Smith
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 15,41

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Im Reich der Sinne, 21. Februar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Über Geschmack lässt sich nicht streiten, aber sehr schön philosophieren. Zehn Weinkenner und -liebhaber, die meisten davon gestandene Philosophen, widmen sich der Frage, was eigentlich den Genuss des Weintrinkens ausmacht. Gibt es objektive Kriterien, die die Qualität eines Weins definieren, die wissenschaftlich belegbar sind und die jedem zugänglich sind, der sich um die entsprechenden Kenntnisse bemüht hat, oder läuft es doch nur auf die Frage hinaus: Gut ist, was mir schmeckt? Erhöht ein tieferes Verständnis für die komplexen sensorischen und kognitiven Zusammenhänge überhaupt den Genuss? Haben Weinexperten höher entwickelte Sinne, und wenn ja, was nützen deren mitunter sehr blumige Einschätzungen dann dem Durchschnittstrinker, zumal wenn dieser seinen Wein ja meist nicht im "künstlichen" Rahmen von Weinproben zu sich nimmt? Wie wirken sich andere Einflüsse auf das Geschmackerlebnis auf, angefangen mit dem, was man gerade isst, bis hin zum Blick aufs (Preis)etikett? Ist der Genuss von Wein vergleichbar mit der Rezeption eines Kunstwerks? Solche und ähnliche "Geschmacksfragen" werden mehr in den Raum gestellt gestellt als endgültig beantwortet, und man muss feststellen, dass so eminente Köpfe wie diese hier durchaus unterschiedliche Meinungen vertreten.

"Questions of Taste" ist ziemlich spröde und über weite Strecken sehr trocken zu lesen, zumindest für die Sorte Leser, die sich dem Thema eher aus der Wein- als aus der Philosophierichtung nähert. Davon kann man sich aber im letzten Kapitel erholen, einem Interview mit dem legendären kalifornischen Winzer Paul Draper, der entschieden gegen die Durchindustrialisierung und Vereinheitlichung der Weinproduktion Stellung bezieht und dem man anmerkt, wie sehr er seinen Beruf und seine Weine liebt.

Hier und da hätte ich mir ein besseres Lektorat gewünscht, wie beim Abschnitt zu Wein und Chemie, wo die Autorin mal eben Atom- mit Molekulargewichten und theoretische mit organischer Chemie verwechselt, oder den sauren Bereich bei pH-Werten >7 ansiedelt. Das aber nur nebenbei. In jedem Fall bietet "Questions of Taste" eine Menge Denkanstöße, nicht nur für hedonistische Amateurtrinker, sondern auch, wie ich vermute, für die beneidenswerten Menschen, die Wein zu ihrem Beruf gemacht haben. Man weiß zwar immer noch nicht genau, ob das Geschmackserlebnis jetzt subjektiven oder objektiven Kriterien genügt, ist aber auf jeden Fall gerüstet, dieser und ähnlichen Fragen bei der nächsten Flasche mit ganz neuer Kompetenz auf den Grund zu gehen, wie ich nämlich jetzt gleich.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 1, 2014 10:36 PM CET


1491: New Revelations of the Americas Before Columbus
1491: New Revelations of the Americas Before Columbus
von Charles C. Mann
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Im Westen viel Neues, 17. Februar 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Amerika vor Kolumbus - Ein Forschungsgebiet, das in den letzten Jahren kräftig aufgemischt wurde. Vor allen zu drei Themenkomplexen hat sich die Mehrheitsmeinung der Forscher deutlich verschoben:

1. Die erste Besiedlung Amerikas liegt viel länger zurück und die entstandenen Gesellschaften sowohl in Nord- als auch in Südamerika waren schon vor Jahrtausenden viel weiter entwickelt als gemeinhin angenommen.

2. die Bevölkerungsdichte war erheblich größer und stand der in europäischen und asiatischen Zivilisationszentren in keiner Weise nach;

3. die Uramerikaner haben ihre Umwelt ganz erheblich mitgestaltet; der vorkolumbianische edle Wilde in unberührter Natur ist ein schöner, aber leider unzutreffender Mythos.

Auch wenn neue Funde und Techniken, hier vor allem die Radiokarbonmethode, einiges Licht in das Halbdunkel der Historie gebracht haben, werden dennoch alle diese Fragen bis heute kontrovers und emotional diskutiert, wobei Empfindlichkeiten der Forscher ebenso eine Rolle spielen wie Empfindlichkeiten der Beforschten. Zum Beispiel die Größe der Völker, die damals von den eingeschleppten Seuchen Europas nahezu ausgelöscht wurden: Je nach angenommener Mortalitätsrate liegt man schnell mal 100% auseinander, und als Nachkomme von Einwanderern fühlt man sich natürlich besser, wenn man überzeugt ist, dass die Vorfahren einen nahezu unbewohnten Kontinent besiedelt haben.

Charles C. Mann versucht stets, sämtliche Seiten zu Wort kommen zu lassen, und scheut sich auch nicht, offene Fragen als solche stehen zu lassen. So fühlt man sich als Leser mitten in der Diskussion, mit anderen Worten auf den Stand der Wissenschaft; zu diesem Eindruck trägt auch bei, dass Mann das Buch fünf Jahre nach dem Erscheinen 2006 noch einmal gründlich überarbeitet hat.

Für mich waren einige faszinierende Neuigkeiten dabei - ich hätte zum Beispiel nicht gedacht, dass, als die Sumerer die ersten Städte der "alten" (!) Welt gründeten, an der peruanischen Küste Vergleichbares geschah. "1491" ist voll von solchen Überraschungen, die zumindest meine Vorstellungen vom präkolumbianischen Amerika ziemlich über den Haufen geworfen haben.

Erstaunlicherweise ist das Buch noch nicht auf Deutsch erschienen, im Gegensatz zu Manns 2012 erschienenen Komplemetärwerk "1493" (Kolumbus' Erbe), in dem er die dramatischen globalen Veränderungen beschreibt, die die Entdeckung Amerikas ausgelöst hat.

Wenn es im Übrigen etwas zu bemängeln gibt, dann ist es zum einen die äußerst mäßige Wiedergabequalität der Fotos (von denen ich mir auch einige mehr gewünscht hätte, jedenfalls wenn sie besser und nicht nur schwarz-weiß gewesen wären), zum anderen, dass das Taschenbuch am Ende der Lektüre in mehrere Teile zerfallen war. Da hat der Buchbinder wohl am Leim gespart. An den fünf Sternen soll das aber nichts ändern.


Raketenmänner
Raketenmänner
von Frank Goosen
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,99

7 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fliegen lernen, 16. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Raketenmänner (Gebundene Ausgabe)
Was für eine Versammlung hat Frank Goosen da zusammengebracht! Kamerke will aus Rache seine Frau betrügen, kriegt es aber nicht richtig auf die Reihe. Kobusch lässt seinen Doktor an die Prostata, obwohl er weiß, dass der was mit seiner Frau hat. Frohnberg kann nicht mit Leuten und muss trotzdem den Chef machen, träumt vom Haus am Meer und verkriecht sich ersatzweise erst mal ins heimische Baumhaus. Der junge Wenzel haut das Geld seines Großvaters für einen todgeweihten Vinylladen auf den Kopf. Ritter, dessen Job am seidenen Faden hängt, ist von dem Mädchen fasziniert, das ihm ein gefälschtes U-Bahnticket verkauft und ihn damit in Teufels Küche gebracht hat. Der schwerkranke Rockpianist Wolff findet musikalisch und menschlich zu seinen Anfängen zurück, bevor er sein Schicksal in die eigenen Hände nimmt. Und, und, und.

Alles Verlierer, möchte man meinen, und doch selbstbestimmter und risikofreudiger als manch ein anderer, der konformistisch und erfolgreich den Radelhamster macht. Raketenmänner, die ihre eigene Umlaufbahn suchen, ohne einen sicheren Landeplatz zu kennen. Sechzehn Geschichten über Träume und Träumer, Freundschaft und Amour fou, Ausstiege und Einstiege, den Sinn des Lebens und die Verweigerung als letzte Rettung vor dröger Zukunft, über das Altern in mehr oder weniger Würde und den Zufall als schöpferisches Element. Alles ist lose miteinander verknüpft; Hauptfiguren der einen übernehmen Nebenrollen in anderen Geschichten. Nichts wird zu Ende erzählt, und der Leser ist gefordert, sich das Seinige zusammenzureimen, dazuzudenken, oder halt einfach offen zu lassen. Da schreibt jemand, der nicht nur was zu sagen hat, sondern auch weiß wie: Indem man genau beobachtet, mitfühlt und dem Volk aufs Maul schaut.


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