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Beiträge von Felix Richter
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Rezensionen verfasst von
Felix Richter
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   

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Um Mitternacht: Roman
Um Mitternacht: Roman
von Augusto Cruz
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Nette Idee, misslungene Umsetzung, 16. Juli 2015
Rezension bezieht sich auf: Um Mitternacht: Roman (Gebundene Ausgabe)
Eigentlich ist die Idee überhaupt nicht schlecht: Ein alter Sammler von Memorabilien aus der Frühzeit des Gruselfilms beauftragt einen pensionierten FBI-Agenten, nach einem verlorenen Stummfilm zu suchen, an dem ein tödlicher Fluch hängt. Die Suche führt von Hollywood ins finsterste Texas und von dort ins noch finsterere Mexiko, wo sie in einem verwunschenen Schloss im Regenwald ihren Höhepunkt erreicht. Dass der Sammler (Forrest J. Ackerman), der Film (London After Midnight / Um Mitternacht) und das Schloss (Las Pozas) mitsamt seinem Erbauer (Edward James) tatsächlich existiert haben, ist mir erst anlässlich der umfangreichen Danksagungen am Schluss aufgefallen; der Autor hatte also doch nicht so eine überbordende Fantasie, wie ich ursprünglich angenommen hatte, sondern nur gut recherchiert.

Zu Beginn bietet das Buch viele interessante Details aus der Frühzeit des filmischen Horrors und wie es auf den Filmsets dort so zuging. Den eigentlichen Reiz macht dann aber die Haupthandlung mit ihrem Indiana-Jones-Flair aus, auch wenn sie immer wieder mit einigen seltsamen Rohrkrepierern aufwartet: Zu oft werden Erwartungen geweckt (so muss Scott McKenzie, der Ex-Agent, mal Nachts durch einen unheimlichen Wald, wo seinerzeit auch das "Texas Chainsaw Massacre" gedreht wurde, und soll um Himmels Willen nicht anhalten), und dann passiert - nichts. Oder eine angekündigte Schreckensepisode wird einfach übersprungen - eine literarische Finte, die ein fades Gefühl hinterlässt. Auch die ziemlich dick aufgetragene, bedrohliche Heruntergekommenheit von Cruz' Heimatland Mexico steht in deutlichem Kontrast zu den Unbilden, die McKenzie daraus erwachsen.

Die Figur Scott McKenzie bleibt von Anfang bis zum Ende erstaunlich blass. Selbst der Versuch, ihm mit Hilfe seiner traumatischen Jugenderfahrungen etwas Leben und Motivation einzuhauchen, misslingt, denn da wird nichts weiterentwickelt, genauso wenig wie aus dem mysteriösen Verschwinden von Frau und Tochter, das vielleicht sogar eine interessante Nebenhandlung hätte beisteuern können. Interessanter jedenfalls als die seitenfüllenden Ausführungen zu J. Edgar Hoovers paranoidem Führungsstil, die wohl kaum noch jemanden überraschen können und die zu der Geschichte um die Jagd nach dem verschwundenen Film aber auch gar nichts beitragen.

Zum Schluss noch ein Wort zur Sprache. Der Übersetzer (und vielleicht auch der Autor, aber das weiß ich natürlich nicht) hat ein Faible für umständliche Schachtelsätze. Das allein ist als Stilmittel schon etwas fragwürdig, aber es ist ganz und gar unmöglich, wenn es auch die Dialoge beherrscht. So redet einfach kein Mensch. Die Dialoge sind merkwürdigerweise auch nicht in Anführungszeichen gesetzt, und weil auch noch häufig "sie" und "Sie" verwechselt werden, wird die Lektüre mitunter eine umständliche Angelegenheit. Auch die anderen, überdurchschnittlich zahlreichen sprachlichen Fehler und Stilblüten lassen vermuten, dass beim Lektorat ein kräftiger Rotstift angesetzt wurde. Alles in allem also längst nicht der große Erstlingswurf, den man auf Grund der feurigen Behauptungen auf dem Einband erwarten durfte, und wenn es wenigstens eine Hommage an des Kino sein soll (arte), dann darf Jackie Chan aber bitte nicht Charlie heißen (S. 250).

- Kostenloses Rezensionsexemplar -


Im Frühling sterben: Roman
Im Frühling sterben: Roman
von Ralf Rothmann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Schweigen der Väter, 12. Juli 2015
Wir befinden uns in Norddeutschland, kurz vor Kriegsende. Walter, der Vater des Erzählers, wird zusammen mit seinem Freund von der SS zwangsrekrutiert und nach notdürftiger Schulung an die südöstliche Front nach Ungarn transportiert. Der Krieg ist längst verloren, das NS-Regime verheizt in irrsinniger Konsequenz sein allerletztes Aufgebot, die Barbareien derjenigen, die ihren Ehrbegriff auf Revers und Gürtelschnalle zur Schau tragen, nehmen immer perversere Züge an, und wer Mitgefühl zeigt, hängt schnell am nächsten Ast.

In diesen letzten Kriegswochen erfährt Walter, was Menschen einander antun können, und auch er, der Unschuldige, lädt Schuld auf sich, die ihn nicht mehr loslassen wird. Das Ziel der beiden Siebzehnjährigen, zu überleben und es irgendwie zurück nach Hause und zur Freundin zu schaffen, wird er zwar erreichen, sonst gäbe es den Erzähler ja nicht, er bleibt sogar, zumindest äußerlich, unversehrt. Es folgt ein neuer Beginn in einer Heimat, die ihm fremd geworden ist und die von ihm nichts mehr zu wollen scheint.

Wie so viele andere wird er nie darüber sprechen, was er erlebt hat, mit niemandem, auch nicht der engsten Familie, und Ralf Rothmanns kleiner, eindringlicher Roman ist als nachträglicher Versuch zu lesen, dieses Vakuum zu füllen. Das ist in großartiger Weise gelungen, ohne ein Wort zu viel und mit einer Anschaulichkeit, die einem die Haare zu Berge stehen lässt, und die uns drastisch vor Augen führt, was es einmal bedeutet hat, Deutscher zu sein.

- Kostenloses Rezensionsexemplar -


Onno Viets und der Irre vom Kiez
Onno Viets und der Irre vom Kiez
von Frank Schulz
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das blutige Händchen, 10. Juli 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ein paar Bedenken hatte ich schon. Ein Buch, das so heißt und das einen lieb-trotteligen, als Detektiv dilettierenden Hartzer zum Helden hat, riecht verdächtig nach der Sorte Albernheit, die in Deutschland gerne für Humor gehalten wird, und von der dem Leser, so sei es beklagt, vor allem zu Beginn recht reichlich zugemutet wird. Termini wie der Göttergatte oder Späße wie über die Ohren, die man nur dazu hat, dass man die Brille dran befestigen kann, gehören für mich zum Inbegriff des Leseschreckens. Wie auch die ganzen total lustigen Namen und Spitznamen, die schon in der Personenliste das Zwergfell kitzeln.

Zum Glück dominiert der Flachwitz aber längst nicht in dem Maße, wie man zunächst annehmen möchte. Die Beschreibung von Aufstieg und Fall einer fragilen Freundschaft zwischen Wolf und Schaf nimmt bisweilen genialische Formen an. Schulz hat ein Händchen (sic!) für schönen Sprachwitz und kann mit viel noch nie Gelesenem oder Gehörtem aufwarten, aber übertreibt es dann manchmal auch und reibt alles dem Leser zu gründlich ein. In diese Richtung gehen auch die running gags, als die Onnos nonverbale, aber dennoch hörbare Kommunikation gerne durchgehen würde, öch, öch, nech. Also eher nech.

Die Story an sich ist schön absurd und trashig, und das Ende in all seiner Blutrünstigkeit (ich darf das hier sagen, denn das durften die rororo-Einbandtexter auch!) zwar überdreht, aber höchst klimaktisch, und so eine Figur wie der "irre Hüne" muss einem auch erst mal einfallen. Und selbst wenn Schulz sich das ganze Zeug mit dem Hemppler-Syndrom aus den Fingern gesogen und für seine Kiezzwecke aufpolstert hat (Google weiß darüber nämlich nichts), war's doch gut ausgedacht. Dass mir das Buch eine insgesamt 18-stündige Flugreise angenehm verkürzt hat, möchte ich ihm auch lobend anrechnen. Deshalb die vier.


S
S
von J. J. Abrams
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 27,95

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Brillante Idee, schöne Umsetzung, unspektakuläres Ende, 5. Juli 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: S (Gebundene Ausgabe)
Ich habe "S" eine Woche meines Lebens geopfert. So lange hat es gedauert, bis ich mich durch dieses rätselhafte Buch durchgekämpft habe. Jetzt frage ich mich, ob es das wirklich wert war.

Die Idee ist wirklich originell, ohne wenn und aber: Ein düsterer Roman aus dem Jahr 1949 (Ship of Theseus) eines geheimnisvollen Autors (V. M. Straka), in dem S., ein an unbekanntem Gestade gestrandeter, mit Gedächtnisverlust geschlagener Mann auf der Suche nach seiner Identität in eine (ebenfalls "S" genannte) Untergrundbewegung gerät, herausgegeben und reichlich befußnotet von seiner Übersetzerin (F. X. Caldeira), und vollgekritzelt von zwei bei ihrer Universität in Ungnade gefallenen Studenten, Eric und Jen, die ebenfalls dem mysteriösen Straka auf der Spur sind und sich auf den Seitenrändern des Buches Botschaften übermitteln, über einen Zeitraum von etwa einem Jahr und in mehreren, an den Schriftfarben zu unterscheidenden Durchläufen. Das Resultat ist eine bibliophile Rarität, allein schon wegen all der Paraphernalien, die die beiden lose zwischen die Seiten gesteckt haben - Briefe, Postkarten, Zeitungsauschnitte und vieles, vieles andere.

Der Leser kann dieses faksimilierte Gesamtkunstwerk aber nicht einfach so genießen, sondern muss sich an der Lösung diverser Rätsel versuchen: Wer verbarg sich hinter dem Pseudonym V. M. Straka? Was ist an den Gerüchten über seine Untergrundaktivitäten dran? Ist das Buch nichts anderes als eine verklausulierte Autobiographie? Und, last but not least, was hat es eigentlich mit dem Ärger auf sich, den Eric und Jen mit ihrer Alma Mater haben?

Und man darf sich nicht leicht entmutigen lassen. Wenn man das Buch so liest wie ich (Seite für Seite mit allen Randbemerkungen, und nicht erst den "Originalroman" samt Fußnoten und erst danach die Randnotizen in zeitlicher Reihenfolge), wird man ständig mit Informationsbröckchen beworfen, die man nicht versteht und die sich, wenn man sie nicht ohnehin gleich wieder vergisst, erst ganz allmählich zu einem ziemlich lückenhaften Bild der Geschehnisse um Straka einerseits und Jen bzw. Eric andererseits zusammensetzen, und das Buch endet auch ziemlich unspektakulär, auf sämtlichen Erzählebenen. Dass dabei viel zu vieles unklar bleibt, liegt aber nicht nur daran, dass man Wichtiges überlesen oder vergessen hat (ok, daran natürlich auch!), sondern dass der Autor tatsächlich so mutig war, eine Menge unbeantwortet zu lassen und z. B. erst jetzt, lange nach der Veröffentlichung des Buches, zusätzliche Informationen via Internet nachzuschieben. Man müsste sich wirklich auf diesen Kosmos einlassen und noch viel mehr als die ohnehin schon sehr aufwendige einmalige Lektüre investieren, um all den Rätseln um V. M. Straka auf die Spur zu kommen. So weit werde ich es allerdings nicht treiben.

Trotz all dieser Kritik gibt es dennoch vier Sterne: Die geniale Idee, die perfekte Gestaltung und die Tatsache, dass ich wegen meiner Bequemlichkeit und vielleicht auch wegen meiner suboptimalen Leseweise mit daran schuld bin, am Ende so ratlos dagestanden zu sein, muss man diesem außergewöhnlichen Buch zu Gute halten. Und, ja, die Woche war es wert.


The First Bad Man
The First Bad Man
von Miranda July
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 20,05

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Coming of Middle Age, 29. Juni 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The First Bad Man (Gebundene Ausgabe)
Dass Miranda July eine großartige Regisseurin ist, wusste ich schon länger. Über manche Szenen aus "Me and You and Everyone We Know" muss ich auch 10 Jahre später noch grinsen. Ob die Nachwirkungen von "The First Bad Man" ebenso lange anhalten werden, bleibt abzuwarten; ich tendiere eher dagegen.

Es ist genau das skurrile Buch, das man von Miranda July erwartet. Ihre Heldin, Cheryl Glickman, arbeitet für eine Firma, die Fitness- und Selbstverteidigungsvideos vertreibt. Sie ist ein zutiefst verunsichertes Seelchen, das sich im Großen und Ganzen damit abgefunden hat, im Leben stets den Kürzeren zu ziehen. Ihre Ängste manifestieren sich psychosomatisch in einem höchst lästigen Globus hystericus (muss man nicht kennen, kann man aber googeln), dessen Befindlichkeit sich eng an das Auf und Ab der Handlung anlehnt und der im Rahmen regelmäßiger Therapiesitzungen zum Erhalt der südkalifornischen Quacksalberzunft beiträgt.

Cheryl schwärmt seit Längerem für den erheblich älteren Phillip. Ihre delikaten Fantasien nehmen an Fahrt auf, als er ihre Gefühle zu erwidern erscheint. Das Schicksal hat mit Cheryl aber andere Pläne, indem es über sie hereinbricht; dies in Gestalt von Clee, der ungehobelten Tochter ihrer Chefs, die für einige Zeit bei ihr unterkommen soll. Das geht überhaupt nicht gut und sichert ihrer Therapeutin weitere Einkünfte.

Die elegante Ironie, mit der Miranda July ihre Protagonistin und das ganze Westküsten-Establishment beschreibt, schmiert dann plötzlich ab, als sich die Beziehung zwischen Cheryl und Clee in geradezu bizarrer Weise aufschaukelt. Und auch der angehimmelte Phillip offenbart abseitige Neigungen, deren Ausformulierung in Julys prüder Heimat das Amazon-Rating kräftig nach unten gezogen hat. Wenn der Leser das mal überstanden hat, gewinnt die Geschichte mit ungewollter Mutterschaft und sexueller Neuorientierung überraschend wieder an Substanz (zum Nachsehen der Leser, die das Buch zuvor wegen der gar hässlichen Obszönitäten zur Seite gelegt hatten). Selbst dann verspürt man aber immer wieder den Drang, Cheryl in den submissiven Hintern zu treten, aber nicht mehr ganz so heftig wie zu Beginn.

Eine vorwiegend männliche Leserschaft hatte Miranda July wohl nicht im Auge mit dieser Hymne an die Frau auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, ihres und überhaupt, doch sollten wir uns davon nicht abschrecken lassen. Im Gegenteil, manche Feministinnen werden wahrscheinlich sogar enttäuscht sein, wie ausgewogen Miranda July ihre Seitenhiebe platziert. Die Protagonisten sind bei all ihrer Durchgeknalltheit nachvollziehbar und lebendig, allerdings aus einem sozialen Biotop entnommen, das eher an Amerikas Westküste gedeiht. Ein verrücktes, schönes Buch.


Chaos: Ein Roman in neun Teilen
Chaos: Ein Roman in neun Teilen
von David Mitchell
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Große Overtüre, 26. Juni 2015
Rezension bezieht sich auf: Chaos: Ein Roman in neun Teilen (Taschenbuch)
Es ist ja nicht unbedingt üblich, das Erstlingswerk eines Autors als letztes zu lesen, aber bei David Mitchell hat das wirklich seinen besonderen Reiz: "Chaos" ist die Overtüre zu seinem Opus Magnum aus (bisher) sechs Romanen, in der man zahllose Motive und Figuren entdeckt, die er später wieder aufgreifen und weiterentwickeln wird. Hier nutzt er auch schon die Erzählweise des "Wolkenatlas", der ihn fünf Jahre später berühmt machen wird: Neun Geschichten (die letzte, wo sich die Erzählkatze kurz in den Schwanz beißt, habe ich nicht mitgezählt), verteilt über drei Erdteile, inhaltlich und stilistisch völlig eigenständig, die nur durch zufällige, überwiegend bedeutungslose, aber intelligent konstruierte Begegnungen der Protagonisten mehr oder weniger stark miteinander verbunden sind.

Man hat wirklich das Gefühl, dass sich Mitchell zu Beginn seiner Schriftstellerkarriere erst einmal hingesetzt hat, um das Grundgerüst all dessen zu konstruieren, was er überhaupt je zu schreiben gedachte. So taucht zum Beispiel das Seelenwanderungsmotiv aus dem Mongolei-Kapitel erst in den "Bone Clocks" wieder auf, seinem bislang letzten Roman, der noch nicht auf Deutsch erschienen ist. Man darf wirklich gespannt sein, mit welcher Ausblühung seiner unerschöpflichen Fantasie er uns als nächstes überraschen wird, vor allem welche Ausformungen seine Visionen der menschgemachten Apokalypse annehmen werden, je mehr wir uns derselben nähern - in den "Bone Clocks" sind sie schon auf beklemmende Weise überzeugend.


Ghostwritten
Ghostwritten
von David Mitchell
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Große Overtüre, 26. Juni 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Ghostwritten (Taschenbuch)
Es ist ja nicht unbedingt üblich, das Erstlingswerk eines Autors als letztes zu lesen, aber bei David Mitchell hat das wirklich seinen besonderen Reiz: "Ghostwritten" ist die Overtüre zu seinem Opus Magnum aus (bisher) sechs Romanen, in der man zahllose Motive und Figuren entdeckt, die er später wieder aufgreifen und weiterentwickeln wird. Hier nutzt er auch schon die Erzählweise des "Cloud Atlas", der ihn fünf Jahre später berühmt machen wird: Neun Geschichten (die letzte, wo sich die Erzählkatze kurz in den Schwanz beißt, habe ich nicht mitgezählt), verteilt über drei Erdteile, inhaltlich und stilistisch völlig eigenständig, die nur durch zufällige, überwiegend bedeutungslose, aber intelligent konstruierte Begegnungen der Protagonisten mehr oder weniger stark miteinander verbunden sind.

Man hat wirklich das Gefühl, dass sich Mitchell zu Beginn seiner Schriftstellerkarriere erst einmal hingesetzt hat, um das Grundgerüst all dessen zu konstruieren, was er überhaupt je zu schreiben gedachte. So taucht zum Beispiel das Seelenwanderungsmotiv aus dem Kapitel "Mongolia" erst in den "Bone Clocks" wieder auf, seinem bislang letzten Roman. Man darf wirklich gespannt sein, mit welcher Ausblühung seiner unerschöpflichen Fantasie er uns als nächstes überraschen wird, vor allem welche Ausformungen seine Visionen der menschgemachten Apokalypse annehmen werden, je mehr wir uns derselben nähern - in den "Bone Clocks" sind sie schon auf beklemmende Weise überzeugend.


Die Mittellosen: Roman
Die Mittellosen: Roman
von Szilárd Borbély
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Kindheit am Rande der Zivilisation, 23. Juni 2015
Rezension bezieht sich auf: Die Mittellosen: Roman (Gebundene Ausgabe)
Dreierlei hat wohl dazu beigetragen, dass Szilárd Borbély Anfang letzten Jahres seinem Leben ein Ende gesetzt hat: Die Depressionen, unter denen er fast sein ganzes Leben gelitten hatte, der anscheinend unaufhaltsame Rückfall seines Heimatlandes Ungarn in die Diktatur, und schließlich sein letzter, großer Roman "Die Mittellosen", für den er eine jahrelang fest verschlossene Pandorabüchse geöffnet und die ganze Last der verdrängten Erinnerungen an seine Kindheit im kleinen Dorf nahe der rumänischen Grenze vor uns ausschüttet hat.

Borbély schreibt so, wie er es als Kind einem Psychiater erzählt haben würde, unsortiert, in abgehackten, einfachen Sätzen, ohne Scheu vor Wiederholungen und den Empfindlichkeiten seiner Leser. Was er durch seine spätere Flucht in die Stadt hinter sich gelassen zu haben glaubte, sucht ihn als endloser Albtraum wieder heim, das ganze Grauen, das eine verwahrloste Kindheit in bäuerlicher, südosteuropäischer Armut zu bieten hat an Schmutz, Hunger und Gefühlskälte, und seine nicht immer erfolgreichen Versuche, sich die allgegenwärtige Rohheit zu eigen zu machen.

Und er beschreibt eindringlich, was Menschen denen antun können, die, warum auch immer, außerhalb der dörflichen "Gemeinschaft" stehen, mit oder ohne Rückendeckung von oben, sei es durch Pfeilkreuzler (während des Krieges) oder kommunistische Parteikader (nach dem Krieg). Dass es in Ungarn jetzt wieder in eine solche Richtung geht, konnte Borbély nicht verwinden, davon geben die Nachworte der beiden großartigen Übersetzerinnen Zeugnis. Es ist leider so, dass Gemeinschaften sich weniger durch das definieren, was sie miteinander gemeinsam haben, sondern durch das, was sie von anderen abgrenzt. Borbélys dörfliches Biotop am Rande der Zivilisation ist dafür ein bedrückendes Beispiel.

Was für ein großes Vermächtnis.

- Kostenloses Rezensionsexemplar -


Number 9 Dream
Number 9 Dream
von David Mitchell
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mission Impossible, 21. Juni 2015
Rezension bezieht sich auf: Number 9 Dream (Taschenbuch)
Seitdem ich von David Mitchell erstmals hörte, als "Cloud Atlas" verfilmt wurde, arbeite ich langsam und mit wachsender Begeisterung im Zickzack durch sein Werk. Jetzt also Number 9 Dream, die Geschichte des zwanzigjährigen Eiji Miyake, der aus der tiefsten Provinz Japans nach Tokyo kommt, um seinen Vater zu finden. Der hatte seine Mätresse kurz nach der Geburt von Zwillingen sitzen gelassen.

Mitchell macht es seinen Lesern wie meistens nicht leicht. Eijis Suche scheint manchmal in der Realität stattzufinden, manchmal in seiner stark von SciFi- und Videogame-Elementen geprägten Fantasie, sodass ich anfangs glaubte, das Ganze spielt irgendwann im 23. Jahrhundert. Als wäre die Mission allein nicht schon aussichtslos genug, gerät Eiji durch Zufall (falls es den bei Mitchell überhaupt gibt) auch noch mitten in einen Yakuza-Machtkampf, dessen Grausamkeiten genüsslich zelebriert werden. Gleichzeitig muss er schauen, wie er sich durch diverse Jobs finanziell über Wasser hält, und schließlich verliebt sich die Landpomeranze auch noch in eine höchst kultivierte Tokyoterin.

Während allein schon diese verwickelte Handlung, zusammen mit Rückblenden in Eijis traumatische Kindheit, in einer reichlich gewagten Genre-Mischung resultiert, traut Mitchell sich auch noch, den Roman mit portionsweise eingefügten Beigaben aufzufüttern, die mit Eijis Mission kaum etwas tun haben: Eine Fabel um einen "Goatwriter"*), auf deren Manuskript Eiji in einem seiner Unterschlupfe stößt, und das Tagebuch eines Soldaten auf einer Selbstmordmission zu Ende des zweiten Weltkriegs. Und das ausgerechnet immer dann, wenn Eijis Suche richtig dramatisch wird; meine Begeisterung über diese Prokrastination hielt sich in Grenzen. Besonders bei der Goatwriter-Allegorie hatte ich das Gefühl, dass Mitchell hier von früher was übrig hatte, das er endlich mal unterbringen wollte; vielleicht muss man aber auch "Ghostwritten" ("Chaos") gelesen haben, um den Zusammenhang besser zu verstehen.

Der Roman endet dann so abrupt und chaotisch, dass man eigentlich gehofft hätte, Mitchell würde die reichlich vorhandenen losen Enden in einem späteren Roman noch zusammenbinden. Doch obwohl er sich ja häufig einen Spaß daraus macht, Personen aus früheren Roman wiederzubeleben, wissen wir auch vierzehn Jahre später noch nicht, wie es mit Eiji weitergeht. Trotzdem habe ich diesen hochspannenden, kenntnisreichen Roman über das moderne Japan mit großer Begeisterung und mehr oder weniger am Stück verschlungen und kann ihn nur wärmstens weiterempfehlen. Ein bisschen Blut sollte man allerdings lesen können.
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*) Ich habe das Buch im Original gelesen und wüsste gar zu gerne, wie dieses Wortspiel ins Deutsche übertragen wurde.


Number 9 Dream. ( Number9dream)
Number 9 Dream. ( Number9dream)
von David Mitchell
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,10

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mission Impossible, 21. Juni 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Number 9 Dream. ( Number9dream) (Taschenbuch)
Seitdem ich von David Mitchell erstmals hörte, als "Cloud Atlas" verfilmt wurde, arbeite ich langsam und mit wachsender Begeisterung im Zickzack durch sein Werk. Jetzt also Number 9 Dream, die Geschichte des zwanzigjährigen Eiji Miyake, der aus der tiefsten Provinz Japans nach Tokyo kommt, um seinen Vater zu finden. Der hatte seine Mätresse kurz nach der Geburt von Zwillingen sitzen gelassen.

Mitchell macht es seinen Lesern wie meistens nicht leicht. Eijis Suche scheint manchmal in der Realität stattzufinden, manchmal in seiner stark von SciFi- und Videogame-Elementen geprägten Fantasie, sodass ich anfangs glaubte, das Ganze spielt irgendwann im 23. Jahrhundert. Als wäre die Mission allein nicht schon aussichtslos genug, gerät Eiji durch Zufall (falls es den bei Mitchell überhaupt gibt) auch noch mitten in einen Yakuza-Machtkampf, dessen Grausamkeiten genüsslich zelebriert werden. Gleichzeitig muss er schauen, wie er sich durch diverse Jobs finanziell über Wasser hält, und schließlich verliebt sich die Landpomeranze auch noch in eine höchst kultivierte Tokyoterin.

Während allein schon diese verwickelte Handlung, zusammen mit Rückblenden in Eijis traumatische Kindheit, in einer reichlich gewagten Genre-Mischung resultiert, traut Mitchell sich auch noch, den Roman mit portionsweise eingefügten Beigaben aufzufüttern, die mit Eijis Mission kaum etwas tun haben: Eine Fabel um einen "Goatwriter", auf deren Manuskript Eiji in einem seiner Unterschlupfe stößt, und das Tagebuch eines Soldaten auf einer Selbstmordmission zu Ende des zweiten Weltkriegs. Und das ausgerechnet immer dann, wenn Eijis Suche richtig dramatisch wird; meine Begeisterung über diese Prokrastination hielt sich in Grenzen. Besonders bei der Goatwriter-Allegorie hatte ich das Gefühl, dass Mitchell hier von früher was übrig hatte, das er endlich mal unterbringen wollte; vielleicht muss man aber auch "Ghostwritten" gelesen haben, um den Zusammenhang besser zu verstehen.

Der Roman endet dann so abrupt und chaotisch, dass man eigentlich gehofft hätte, Mitchell würde die reichlich vorhandenen losen Enden in einem späteren Roman noch zusammenbinden. Doch obwohl er sich ja häufig einen Spaß daraus macht, Personen aus früheren Roman wiederzubeleben, wissen wir auch vierzehn Jahre später noch nicht, wie es mit Eiji weitergeht. Trotzdem habe ich diesen hochspannenden, kenntnisreichen Roman über das moderne Japan mit großer Begeisterung und mehr oder weniger am Stück verschlungen und kann ihn nur wärmstens weiterempfehlen. Ein bisschen Blut sollte man allerdings lesen können.


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