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Rezensionen verfasst von
Felix Richter
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Der Jonas-Komplex: Roman
Der Jonas-Komplex: Roman
von Thomas Glavinic
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ich bin ein Starautor, holt mich hier raus!, 21. März 2016
Rezension bezieht sich auf: Der Jonas-Komplex: Roman (Gebundene Ausgabe)
Am Anfang dachte ich ja, au weia, 750 Seiten Saufen und Koksen, ob das wohl trägt? Und siehe da, es trägt tatsächlich, denn zum Glück geht es doch um einiges mehr, und der Kunde hat mit diesem dicken Buch eigentlich drei Romane zum Preis von einem erworben:

- Ein Jahr im Leben eines von allen anderen außer ihm selbst hochgeschätzten Schriftstellers, der aus lauter Horror vor der eigenen Großartigkeit ("Jonas-Komplex") durch ein metastabiles Gleichgewicht aus sich stetig steigernden Mengen Wein, Kokain und Benzodiazepinen laviert, dabei noch mit letzter Kraft sämtliche Frauen flachlegt, die sich näher als die sprichwörtliche Armlänge an ihn heranwagen, aber den wir doch liebhaben sollen, weil er sein Kind so liebhat (Autobiographie #1);

- ein Jahr im Leben eines dreizehnjährigen Schachgenies, das an der Dummheit der Welt verzweifelt und an der Untauglichkeit seiner Bezugspersonen, und das gefährlich innig mit Selbstmordgedanken flirtet anstatt mit dem Mädchen seiner Träume (Autobiographie #2);

- ein Jahr im Leben eines Herrn namens Jonas, der ein Riesenvermögen zweifelhafter Herkunft sein Eigen nennt, dazu eine leichte Psychose und eine traumschöne, wenn auch etwas anstrengende Freundin. Jonas treibt aus lauter Langeweile lebensgefährliches Zeugs und ist Glavinic-Kennern wohl nicht ganz unbekannt (keine Autobiographie, höchstens eine erträumte, und, wenn ich's richtig verstanden habe, wohl der Roman, den der Schriftsteller aus #1 im Verlauf dieses Jahres verfasst).

Diese drei Geschichten hat Glavinic zu einem wuchtigen Komplex verknotet, der den Leser bis zur letzten Seite nicht mehr in Ruhe lässt, und das, obwohl zwei der drei Figuren eigentlich ziemliche Nervtöter sind. Vor allem der Schriftsteller, der sich einerseits für all seine Sünden immer wieder bis aufs Blut geißelt, der sich andererseits aber doch für einen tollen Kerl hält, dessen Körper all diese fürchterlichen Missbräuche aushält, der mit den tollsten Leuten befreundet ist, die Wien zu bieten hat (alle anderem sind ihm eh wurscht), und dem die schönsten Frauen aus der Hand fressen. Es stellt sich aber immer drängender die Frage, was das wohl für Freunde sind, die so einem nicht beim Kragen nehmen und in der nächsten Entzugsklinik abliefern, wenn er es schon nicht selber schafft, dem Kind zuliebe, das ihm doch das einzig wirklich Wichtige auf der Welt ist.

Bei Jonas denkt man eher, wer keine Probleme hat, der macht sich welche. Das einzige, worum man ihn beneidet, mal abgesehen von der vielen Kohle und, bei entsprechendem Familienstand, der schönen Freundin, ist sein dienstbarer Anwalt, ein kaltschnäuziger Tokioter, mit dem er ständig fröhlich rumplänkelt. (Auch #1 hat einen lustigen Anwalt und Saufkumpan, der bei Google interessante Treffer liefert.)

Allein der kleine Schachspieler wächst einem ans Herz, mit seinem Bemühen, aus seinem verkorksten Schicksal - hier wird uns das Schlimmste wohl erspart - das Beste zu machen und ein guter Mensch zu werden. Ihm wünschte man etwas mehr Mut, als er meistens aufbringt, und auch, dass er später so toll schreiben kann wie er können wird, ohne sich dabei ständig das Hirn wegschießen zu müssen.

Unterm Strich ist es erstaunlich, dass jemand in einem Roman mit so untauglichen Helden so viel Lebensweises unterbringen kann. Zwar rennt Glavinic manchmal etwas offene Türen ein (über Pauschaltourismus ist zum Beispiel leicht lästern), und manchmal ergreift er ungewöhnliche Parteien (für die ach so verkannten Höllenengel muss man als Nutznießer ihres Geschäftsmodells wohl ein Herz haben), doch meistens passt es. Und schreiben kann er sowieso, dass man vor Ehrfurcht niederkniet. So möchte man nur hoffen, das jemand diesen in Romanform gegossenen Hilferuf erhört, denn wenn Glavinic so weitermacht wie beschrieben, dann nicht mehr lange. Und das wäre wirklich verdammt schade.

- Kostenloses Rezensionsexemplar -


Im Restaurant: Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne
Im Restaurant: Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne
von Christoph Ribbat
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Im Spannungsfeld zwischen McDonaldisierung und Michelinisierung: Das Restaurant als Spiegel der Gesellschaft, 18. März 2016
Köche und Kellner, Kritiker und Konsumenten, all die Menschen, die die Geschichte des Restaurants seit den ersten Anfängen im Paris des 18. Jahrhunderts geprägt haben, erweckt Christoph Ribbat in dieser chronologisch lose sortierten Anekdotensammlung zum Leben und führt als geviewter Storyteller, der er ist, den Leser behutsam in die vielschichtige gesellschaftliche Bedeutung seines Themas ein. Es ist eine Kulturgeschichte des Genusses und der Dienstleistung, in der er unter anderem das Restaurant als den Ort bewusst macht, in dem heute, ganz anders als in der Textil- oder Elektronikindustrie, Konsum und Ausbeutung unmittelbar aufeinanderprallen, nur notdürftig getrennt durch Schwingtür oder Durchreiche, und wo in einer vermeintlich postindustriellen Gesellschaft Millionen von Menschen mit harter Knochenarbeit nicht einmal genug zum Leben verdienen.

Dass Ribbat die ohnehin nicht übermäßig langen Anekdoten noch einmal in höchstens einseitige, mit kleinen Cliffhangern*) gewürzte Abschnitte portioniert und durchgemischt hat, ist ein etwas zweifelhaftes Stilmittel, das er selber zwar damit rechtfertigt, dass dadurch die Gegensätze seines Sujets noch stärker zum Ausdruck kommen, das ich aber eher als Affront gegen meine Aufmerksamkeitsspanne empfunden habe. Kurz gesagt, ich hätte die Anekdoten lieber am Stück gelesen.

Im letzten Kapitel fasst Ribbat dann die Rolle des Restaurants in der modernen Gesellschaft noch einmal zusammen. Hier muss sich der bis dahin mit eher leichter Kost verwöhnte Leser richtig konzentrieren; ich zum Beispiel kam nicht umhin, es heute Morgen noch einmal zu lesen, nachdem ich es gestern Abend doch etwas zu beschwingt angegangen war. So ist für jeden etwas dabei, für Foodies sowieso, aber auch für die, die mehr darüber wissen wollen, was alles hinter dem steckt, was sich auf dem Teller vor ihnen befindet.
_____________________________________________

*) aus denen manchmal die Luft gelassen wird, wenn man die Anmerkungen am Buchende nachschlägt.

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Dunkel, fast Nacht: Roman
Dunkel, fast Nacht: Roman
von Joanna Bator
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Kinder trifft es immer am schlimmsten, 16. März 2016
Rezension bezieht sich auf: Dunkel, fast Nacht: Roman (Gebundene Ausgabe)
Wenn eine Autorin sich nur durch einen Buchstabendreher von der Heldin ihres Romans unterscheidet und die Geschichte dazu noch in der Stadt ihrer Kindheit spielt, dann darf der Leser mit einem gewissen Recht vermuten, dass eine Menge Erlebtes in die Fiktion eingeflossen ist - auch wenn Joanna Bator am Schluss energisch beteuert, dass alle Personen ihrer Phantasie entsprungen sind. Und je länger der Roman dauert, desto mehr wünscht man sich tatsächlich, dass alles nur erfunden sein möge.

Alicja Tabor, eine Warschauer Journalistin, kehrt nach vielen Jahren in ihren Heimatort zurück, nach Walbrzych/Waldenburg in Schlesien, um Material für einen Artikel über drei Kinder zu sammeln, die dort vor einiger Zeit spurlos verschwunden sind. Und als wäre das, was sie mit ihrer sehr eigenen Form von investigativem Journalismus über das Schicksal dieser Kinder nach und nach herausfindet, nicht schon schrecklich genug, wird sie auch wieder mit der Tragödie ihrer eigenen Familie konfrontiert, die in den letzten Kriegstagen begann und mit dem Tod ihrer Schwester vor dreißig Jahren vorläufig endete. Die Gespenster der Vergangenheit sind erschreckend präsent und wollen einfach keine Ruhe geben, genauso wie all die Opfer der polnisch-deutschen (und polnisch-russischen) Geschichte, über denen sich auch sieben Jahrzehnte später nur wenig historisches Sediment abgelagert hat.

Joanna Bator hat das Entsetzliche nahtlos in ein groteskes Wimmelbild eingebettet: Die Stadt Walbrzych und ihre Bewohner. Hier ist ein nekrophil-blutrünstiger Katholizismus beheimatet, der allerlei Scharlatane leichtes Spiel mit den nach Wundern dürstenden Schäflein haben lässt. An den Rändern der Stadt geht ein abgestumpftes Prekariat in einer Vorhölle aus Armut, Suff und Missbrauch allmählich vor die Hunde. Beide verbindet eine herzliche Abneigung gegen alles Unpolnische, die sich nachts im Internet hemmungslos Bahn bricht. Allein ein paar alte Katzenweiblein sorgten schon immer dafür, dass dem Bösen und Dummen nicht gänzlich das Feld überlassen wird. Diese ganze menschliche Misere spießt Joanna Bator mit beißender Ironie auf, es ist eine furiose Nestbeschmutzung, die auf keine religiösen oder sonstigen Empfindlichkeiten Rücksicht nimmt, und deren Komik das Grauen ein wenig erträglicher macht. In der Haut der Walbrzycher möchte ich allerdings nicht stecken.

- Kostenloses Rezensionsexemplar -


Die Verteidigung des Paradieses: Roman
Die Verteidigung des Paradieses: Roman
von Thomas von Steinaecker
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nach der Katastrophe nach der Katastrophe, 13. März 2016
Irgendwann, vielleicht im 22. Jahrhundert. Die erste Katastrophe - die hausgemachte, deren Vorboten heute schon allenthalben sichtbar sind - ist lange vorbei: Europa ist eine Wüste, die Ozonschicht tut wohl auch nicht mehr, und die Menschen haben sich mitsamt ihren dienstbaren Robotern unter unsichtbaren Schilden verkrochen, die sie vor der tödlichen Strahlung aus dem All schützen und wo sie sich das Wetter so gestalten können, wie sie's brauchen.

Die zweite Katastrophe - eine nicht hausgemachte, deren Ursache erst in der zweiten Hälfte des Romans genannt wird und von der ich hier nur so viel verraten will, dass sie trotz ihrer unerfreulich hohen Eintrittswahrscheinlichkeit im Weltuntergangsdiskurs erstaunlich wenig thematisiert wird*) - hat vor elf Jahren dem fragwürdigen Idyll ein jähes Ende bereitet. Viele, wenn auch nicht alle Schilde sind zerstört, und eine kleine Gruppe von Survivors hat sich hoch in den deutschen Alpen in ein ehemaliges Resort verkrochen und ernährt sich mehr schlecht als recht von den Früchten ihrer Arbeit. Sie wissen kaum etwas von jenseits der Grenzen ihrer kleinen Welt, außer dass man dort nur wenigen Überlebenden begegnet, gefährlichen Banden und Mutanten**), und sie wissen auch nicht, wie weiträumig die Zerstörung überhaupt ist, ob Oberbayern, Deutschland, Europa oder gar die ganze Welt betroffen ist.

Einer von ihnen ist der fünfzehnjährige Heinz. Ihm ist die Aufgabe zugefallen, mit Papier und Bleistift eine Chronik der Gemeinschaft für eine eventuelle Nachwelt festzuhalten. Aus seiner Sicht und in seiner Sprache (einem foxy Mix aus Jugendsprache und strangen "Altwörtern", die aber immer nüchterner wird, je länger die Strapazen dauern) erleben wir nicht nur die Dynamik innerhalb dieser kleinen Gruppe und die verzweifelten Mittel, mit denen sie ums Überleben kämpft, vor allem später, wenn sie sich auf die Suche nach Hilfe macht, sondern er liefert uns auch die beklemmende Vision einer Welt, in der die Glücklichen sich hermetisch von den Unglücklichen abgeschottet haben, schon vor der zweiten Katastrophe, und danach erst recht. Die Analogie zur heutigen Situation Europas ist überwältigend, und dass sie seitenverkehrt ist, macht sie noch beschämender - auch wenn sie, wie von Steinaecker selber sagt und was ich fast nicht glauben kann, ursprünglich gar nicht beabsichtigt war.
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*) ***Spoiler*** Wer's jetzt schon genauer wissen will, kann sich über das Carrington-Ereignis informieren.

**) Angesichts von Steinaeckers Mutantendefinition muss ich den naturwissenschaftlichen Zeigefinger heben: Wenn man sich zu nahe an einem explodierten Kernkraftwerk befunden hat, dann wächst einem noch kein zweiter Kopf oder ähnliches. Die Missbildungen treten erst in der nächsten Generation auf.

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Das Kleid meiner Mutter: Roman
Das Kleid meiner Mutter: Roman
von Anna Katharina Hahn
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,95

7 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Großartiger Roman mit halboffenem Ende, 10. März 2016
Die junge Madrilenin Anita gehört zu der Generation junger Spanier, die vielleicht eine Ausbildung, aber keine Zukunft hat. Nur wenige ihrer Freunde haben einen Job, und wenn, dann einen lausigen, und alle leben zu Hause bei ihren Eltern, weil sie sich keine Wohnung leisten können. Ihren Bruder hat es nach Berlin verschlagen, von wo der promovierte Germanist Eltern und Schwester mit dem unterstützt, was er als Aushilfe auf dem Bau verdient.

Was sich für Anita anlässt wie ein langweiliges Wochenende zu Hause bei ihren kranken Eltern, entwickelt sich zu einer surrealen Reise in die Vergangenheit, nämlich von dem Augenblick an, wo sie Vater und Mutter tot im Bett findet und nicht etwa so Naheliegendes unternimmt wie einen Arzt zu rufen oder ihren Bruder zu informieren. Stattdessen schaut sie mal, wie ihr das Kleid ihrer Mutter steht, und das mit erstaunlichen Folgen, in deren Zuge sie mehr über das Leben ihrer Eltern erfährt als ihr lieb ist.

Auch wenn die Handlung angesichts solch eigentümlicher Verhaltensweisen auf etwas wackeligen Füßen steht, ist "Das Kleid meiner Mutter" eine ausgesprochen faszinierende Lektüre. Die ironisch-heitere Beschreibung des illusionslosen Bohème-Daseins spanischer Jugendlicher bildet den Rahmen für düstere Einblicke in den deutsch-spanischen Literaturbetrieb, dem beide Eltern auf sehr eigene Weise verbunden waren (dass eine Buchrezension einen der Angelpunkte des Romans darstellt, macht das Rezensieren noch ein wenig reizvoller!), und auch in einige der schlimmsten Momente deutscher Geschichte. Anna Katharina Hahn hat hier eine Menge gestemmt, und das mit Eleganz und Bravour.

Je weiter sich die Geschichte entwickelt, desto drängender wird aber die Frage, wie Anita wohl ihre sonderbare Reaktion auf den Tod ihrer Eltern und das, was danach passiert ist, ihrem Bruder und allen anderen erklären wird, allein da endet der Roman ein paar Seiten zu früh. Mich hätte das schon interessiert. An den fünf Sternen soll das aber nichts ändern, dafür hat mir das Buch einfach zu gut gefallen.

- Kostenloses Rezensionsexemplar -
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 18, 2016 11:31 AM MEST


Die Knochenuhren
Die Knochenuhren
von David Mitchell
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

24 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Multiperspektivischer Entwicklungsroman und Fantasy-Spektakel in einem, 9. März 2016
Rezension bezieht sich auf: Die Knochenuhren (Gebundene Ausgabe)
Was hat dieser Mann nur für eine Fantasie! Wieder ein Roman mit sechs eigenständigen, großartig konzipierten Plots - 'wieder' bezieht sich auf den "Wolkenatlas", den ich seinerzeit als ersten von Mitchells inzwischen sieben Romanen gelesen hatte -, die hier aber wesentlich stärker verknüpft sind als dort. Das verbindende Element ist die Lebensgeschichte von Holly Sykes, zu Beginn und zum Schluss erzählt aus ihrem eigenen Blickwinkel, und dazwischen aus dem der Männer, die sie geliebt haben - ein Leben, das in eine unerfreuliche, gar nicht so weit entfernte Zukunft führt, in der es kein Öl, keine Ordnung und keine Perspektive mehr gibt. Auch das kennen wir schon vom "Wolkenatlas", allerdings längst nicht so beklemmend plausibel skizziert wie hier.

So weit, so realistisch. Die kleine Holly hört zwar manchmal Stimmen, aber das ordnet man eher einer frühen Schizophrenie zu, von der sie sogar zunächst geheilt werden kann. Allerdings, hier irrt der Leser. David Mitchell nimmt sich nämlich die ziemlich dreiste Freiheit, seine eigentlich im Alltäglichen angesiedelte(n) Geschichte(n) mit einem Fantasy-Subplot zu unterfüttern, der sich gewaschen hat. Dieser schält sich in den ersten vier Kapiteln ganz allmählich heraus, und Mitchell gelingt es sogar, das Übernatürliche so harmonisch mit dem Natürlichen verschmelzen zu lassen, dass sich auch ein nicht so Fantasy-erprobter Leser bereitwillig mitnehmen lässt. Das schon deshalb, weil auch der diesseitige Teil der Geschichten fesselnd genug ist, nicht nur dank der gelungenen Charakterzeichnungen der Haupt- und Nebenfiguren, sondern auch mit all dem, was Mitchell zum Zustand der Welt und ihrer Bewohner zu sagen hat, wie etwa zum alliierten Engagement im Irak oder zur Qualität ausgeprägter religiöser Überzeugungen.

Das vorletzte Kapitel fällt dann aber gewaltig aus dem Rahmen. Man spürt förmlich Mitchells Bedürfnis, sämtlichen Rätseln aus den ersten vier Kapiteln so ausführlich auf den Grund zu gehen, dass auch der Letzte kapiert, was metaphysische Sache ist, und beim abschließenden Showdown zwischen Gut und Böse lässt er die schriftstellerischen Höllenhunde so bildstark von der Leine, dass einem späteren Filmemacher kaum noch Spielraum bleibt, selbst kreativ zu werden, selbst wenn er etwa aus Neuseeland kommt.

Da war ich dann beinahe erleichtert, dass am Schluss wieder diejenigen bösen Geister die Regie übernehmen, die die Menschheit selbst gerufen hat, und die sind ja in einer ausgesprochen diesseitigen Welt angesiedelt. Aber das erwähnte ich ja schon.

"Die Knochenuhren" ist ein lesenswertes und bereicherndes Buch, dem ich ohne zu zögern fünf Sterne geben würde, wenn es nicht zwischendurch als esoterische Supernova explodiert wäre, die das Gesamtbild ein wenig angesengt hat. Für alle Fantasyfreunde hat Mitchell inzwischen aber noch "Slade House" geschrieben, das den Mysterien um die Knochenuhren weiter auf den Grund geht, bisher allerdings nur auf Englisch.


Endgültig: Thriller
Endgültig: Thriller
von Andreas Pflüger
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Rasanter Thriller mit Winslow-Flair, 6. März 2016
Rezension bezieht sich auf: Endgültig: Thriller (Gebundene Ausgabe)
Andreas Pflüger sieht nicht ein bisschen nur so aus wie Don Winslow, sondern er schreibt auch so: schnell und packend, in kurzen, hingerotzten Sätzen, und seine Dialoge sind, bis auf wenige Ausnahmen, ausgesprochen lebensecht: Da zeigt sich der erfahrene Drehbuchautor.

Die Geschichte um Jenny Aaron, die nach einem missglückten Einsatz erblindete Superpolizistin, ist wirklich spannend. Dabei gefällt vor allem, dass Leser und Hauptperson immer auf gleichem Wissensstand sind: Aaron (dem Umgangston ihrer Abteilung entsprechend wird sie auch im Buch immer bei ihrem Nachnamen genannt) kann sich nämlich nur sehr schemenhaft an die Ereignisse erinnern, durch die sie ihr Augenlicht verlor, und so wie sie sich ihre Erinnerung allmählich wiedererkämpft, so entwickelt sich auch der Plot.

Einer scheint allerdings über alles Bescheid zu wissen und immer den entscheidenden Schritt voraus zu sein: Aarons Gegenspieler und Erzbösewicht Holm, der ihr den fatalen Kopfschuss gesetzt hatte. Hier hat sich Pflüger ein wahres Monster ausgedacht, das einen äußerst ausgeklügelten Plan verfolgt, um eine alte Rechnung mit Aaron zu begleichen. Und damit wären wir auch bei einem nicht ganz unwesentlichen Kritikpunkt: Die Figuren sind einfach zu überzeichnet, im Guten wie im Bösen. Das gilt vor allem für Aaron selbst, die auch noch als Blinde eine tödliche, nahezu perfekte Kampfmaschine ist, wenn auch eine mit Herz. Mit einer Kerbe im Tisch als Orientierung holt sie am Schießstand fast eine 10, und wie sie sich mit Hilfe ihres Gehörs in Hochgeschwindigkeit in fremden Terrain orientiert, grenzt ebenfalls ans Übersinnliche. Diese Heroisierung erinnert auffallend an ein eher schwächeres Buch Winslows, Satori, mit dem es interessanterweise auch den ganzen philosophischen Samurai-Unterbau teilt. Der nämlich leitet sowohl Aaron als auch Holm auf ihrem gefährlichen, mit Leichen gepflasterten Lebensweg, und ist auch für die eine oder andere Länge in diesem ansonsten rasanten Krimi verantwortlich.

Trotzdem ein richtig gut geschriebener Thriller, durch den man nicht nur einen guten Einblick in die Arbeitsweise polizeilicher Spezialeinheiten bekommt, sondern auch eine Ahnung, wie Blinde fühlen und ihr Handicap kompensieren - auch wenn die Blinden, denen man so auf der Straße begegnet, wohl schon mit einem Bruchteil von Aarons sensorischen Fähigkeiten recht zufrieden wären. Mir hat Pflüger eine lange Flugreise angenehm verkürzt.

- Kostenloses Rezensionsexemplar -


Die sieben guten Jahre: Mein Leben als Vater und Sohn
Die sieben guten Jahre: Mein Leben als Vater und Sohn
von Etgar Keret
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen 36 tragikomische Momentaufnahmen, 27. Februar 2016
Etgar Kerets Sieben Gute Jahre beginnen mit der Geburt seines Sohnes und enden mit dem Tod seines Vaters. Das ist der grobe Rahmen, den er seinen Memoiren - ein weiter Begriff! - gegeben hat.

Fast kishonesk geht es los: Die Beschreibung, wie der Kleine zur Welt kommt, während das Hospital mit mehreren Krankenwagenladungen von Attentatsopfern fertig werden muss, lässt bereits den Galgenhumor erkennen, der den Israelis hilft, mit der ständig präsenten Bedrohung umzugehen. Das zieht sich durch viele der 36 kurzen bis sehr kurzen Momentaufnahmen seines Lebens, als Vater, Sohn, Ehemann, Bruder, Freund, Autor, Vielflieger oder Fahrgast diverser eigenartiger Taxichauffeure.

Trotz des (selbst)ironischen, bisweilen leicht albernen Grundtons geht es immer wieder spürbar an die Substanz. Und das noch nicht einmal so sehr beim schrecklichen Zungenkrebstod seines Vaters - hier steht dessen unerschütterlicher Optimismus im Vordergrund -, sondern eher anlässlich seiner Lesereisen nach Deutschland und Polen, wo ein großer Teil seiner Familie ermordet wurde. Die Ignoranz und Taktlosigkeit derjenigen, deren Vorfahren dies zumindest nicht verhindert hatten, kann niederschmetternde Ausmaße annehmen, die anderer "Kenner" des Nahostproblems kaum weniger.

Auch der Familienmensch Etgar Keret ist immer wieder stärker gefordert als ihm lieb ist. Dem jungen Vater stellen sich ganz andere Fragen, als man das außerhalb Israels so kennt (wann haben Sie sich erstmals Gedanken gemacht, ob Ihr Sohn zur Bundeswehr gehen sollte?). Und wo, wenn nicht dort, passiert es einem Atheisten, dass die geliebte Schwester plötzlich orthodox wird und elf (11!) Kinder in die Welt setzt? Seiner Zuneigung zu ihr tut das keinen Abbruch, ein Spagat bleibt es doch. An solchen Stellen wird es manchmal ein wenig sentimental; über zu wenig gefühlsmäßiges Auf und Ab kann sich der Leser nicht beklagen. Auf jeden Fall macht es Lust, Kerets nichtautobiographische Kurzgeschichten kennenzulernen.


An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts: Roman
An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts: Roman
von Roland Schimmelpfennig
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Seiner Zeit voraus und vor allem für Berliner, 27. Februar 2016
Ein Wolf überquert eines kalten Morgens die zugefrorene Oder und macht sich auf den Weg nach Berlin. Entlang seiner Spur mäandern Menschen, die alle ihr Leben irgendwie verpfuscht haben, auf verschlungenen Wegen zusammen und auseinander und wieder zusammen usw. Eigentlich ein schönes Konzept, auch wenn gelegentlich das Reißbrett durchscheint, an dem der Autor des Buchs sein Buch (sic, s.u.) konzipiert und den Zufall zum eigentlichen Hauptfigur des Romans erhoben hat, neben dem Wolf natürlich. Der zeigt sich mal hier, mal da und ist sich seiner von den Medien gehypten Prominenz natürlich nicht bewusst.

Der Autor des Buchs beschreibt in kurzen, bildstarken Sequenzen eine fassbindersche Tristesse der Zukunftslosigkeit, die Prekariat und Establishment gleichermaßen kennzeichnet: Ein polnisches Pärchen, das sich in Berlin durchschlägt, zwei jugendliche Ausreißer, die es zu Hause nicht mehr ausgehalten haben, ihre Eltern, die sich auf die Suche machen, u. v. a. Manche führen Namen (Jacky, Charly, Tomasz, Agnieszka), manche nicht (das Mädchen, der Junge, der Vater des Jungen, die Mutter des Mädchens). Ein auffälliges Stilmittel, das ich nicht enträtseln konnte.

Der Autor des Buchs schreibt kurze, deutliche Sätze. Er schreibt mit einer fast zwanghaften Genauigkeit, die etwas Mechanisches an sich hat und exzessive Wiederholungen nicht scheut (S. 161): "Sie griff in dem Auto hinten nach dem Gewehr. Sie wollte das Gewehr aus dem Auto werfen, aber das Gewehr war zu lang, es verkeilte sich. Er griff mit der Hand beim Fahren auch nach dem Gewehr. Der Lauf des Gewehrs zeigte auf ihn. Sie hielt mit einer Hand das Gewehr mit der anderen öffnete sie die Tür des fahrenden Autos. Sie schrie und schrie und zog an dem Gewehr, und dann ging ein Schuss los." Roman oder Regieanweisung, das ist hier die Frage. Auch jeder Ort, jede Straße werden exakt und, wenn es sein muss, zum zehnten Mal benannt, als hätte der Autor des Buchs panische Angst vor Kontinuitätsfehlern. Dem Berliner Kopfkino mag das ja dienlich sein, aber sonst wirkt es eher unnötig.

Vielleicht kommt es ja eines gar nicht mehr so fernen Tages dazu, dass künstliche Intelligenzen Romane schreiben, wenn sie mit ein paar Schlüsselwörtern und Handlungsfäden gefüttert werden. So oder ähnlich könnte man sich das Resultat vorstellen, und dann war der Autor des Buchs seiner Zeit einfach voraus.

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In den Wäldern des menschlichen Herzens: Episodenroman
In den Wäldern des menschlichen Herzens: Episodenroman
von Antje Rávic Strubel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

16 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Verzichtbar, 25. Februar 2016
Seltsame Menschen tun seltsame Dinge, führen seltsame Gespräche oder schauen sich seltsam von Ferne an, und haben im Großen und Ganzen nichts anderes im Sinn, als sich gegenseitig bei jeder Gelegenheit unter die Wäsche zu greifen. Männer und Frauen, Frauen und Frauen, Frauen und Zwitter, zu zweit oder zu dritt, schöne Protagonisten an schönen Schauplätzen, transkontinental und transsexuell. In den Wäldern des menschlichen Herzens bzw. in dessen Mittelpunkt (Verlagsinformation) herrscht ein reges Kommen und Gehen.

Die Grundstimmung der Episoden ist Langeweile XXYL. Das Buch hat mich ganz selten gefesselt, ich habe es immer wieder weggelegt und geschaut, ob es nicht was Besseres zu tun gibt als der immer wieder neu durchgemischten Belegschaft bei Begehr, Werbung, Vollzug und Analyse zuzuschauen. Dadurch habe ich in diesem Reigen ganz schnell die Übersicht verloren, aber zum Zurückblättern hat das Interesse selten gereicht. Gelegentlich kommt etwas Spannung auf (in der Sauna, auf der Bootstour, im Zimmer des Langläufers), aber die scheint wie einem schlechten Horrorfilm entnommen, so abwegige Dinge passieren dort, und danach plätschert es auch gleich wieder weiter. In meinen Augen einzige Ausnahme war das Dilemma der Schriftstellerin, deren Geliebte ihr erstes Buch ins Englische übersetzt hat, deren amerikanischer Verleger es aber erst publizieren will, wenn es neu übersetzt wird. In deren Haut möchte man wirklich nicht stecken; alle anderen Häute waren mir ziemlich egal.

Allerdings trage ich an meiner Unzufriedenheit eine gewisse Teilschuld, denn der schwer metaphorische Titel hätte mich eigentlich warnen müssen. Auch der Lektorin müssen zwischenzeitlich die Augen zugefallen sein, sonst hätte sie nicht Klöpse wie Miniskus und Manhatten durchgewunken, oder so Geschwollenes wie "Du weißt doch, dass ein gewisser Abstand oder Bruch erst die Möglichkeitsbedingung für Gleichheit ist" (S. 173). Na dann.

Wikipedia weiß dazu dieses: "Als Episodenroman wird ein Roman bezeichnet, der für die Haupthandlung verzichtbare und leicht aus dem Zusammenhang lösbare Intrigen oder Episoden enthält." Nicht gut, wenn das auf fast alle zutrifft.

- Kostenloses Rezensionsexemplar -


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