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Rezensionen verfasst von
Felix Richter
(TOP 500 REZENSENT)    (REAL NAME)   

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The Lowland
The Lowland
von Jhumpa Lahiri
  Taschenbuch
Preis: EUR 15,13

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Bruderliebe, 30. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Lowland (Taschenbuch)
Ein Geständnis vorneweg: "The Lowland" ist das erste Buch von Jhumpa Lahiri, das ich gelesen habe. Deshalb kann ich nicht in den Chor derer einstimmen, die (vor allem auf amazon.com) beklagen, dass es bei weitem nicht die Qualität ihrer früheren Werke erreicht, vor allem nicht des ersten, inzwischen verfilmten Romans "The Namesake".

Die Geschichte führt uns vom Kalkutta der Zeit kurz nach der Unabhängigkeit Indiens bis ins heutige Rhode Island. Zwei Brüder, der ältere, vernünftigere, etwas langweilige Subhash und der jüngere, wilde, charismatische Udayan sind unzertrennlich. Erst mit dem Eintritt ins College beginnen sich ihre Wege zu trennen; Subhash geht schließlich als Student in die USA, Udayan bleibt in Kalkutta und schließt sich einer maoistischen Untergrundbewegung an. (Wer sich in indischer Geschichte nicht so gut auskennt, wird ein wenig über Folgen der Spaltung des Landes 1947 erfahren und eine ganze Menge über die Naxalitenbewegung, die in den 60er Jahren als Bauernaufstand begann und bis heute mit blutigen Terrorakten die Staatsmacht bekämpft, die wiederum mit exzessiver Polizeigewalt dagegen hält.)

Und es ist die Geschichte von Gauri, der hochbegabten, unkonventionellen Philosophiestudentin, die von Udayan und seinen Überzeugungen fasziniert ist. Dass die beiden Freigeister heimlich heiraten, verletzt seine traditionsbewussten Eltern zutiefst, was das Zusammenleben unter einem Dach nicht leichter macht. Und dann steht eines Tages die Polizei vor der Tür...

Der Roman entwickelt sich als schmerzhaft dramatische Familiensaga, die ihre Spannung vor allem aus den Beziehungen zwischen den Akteuren erzeugt: Tradition gegen Moderne, Schuld und ihre Verarbeitung, Menschen, die ihre Rollen in der Gesellschaft nicht akzeptieren, und der unterschiedliche Umgang mit Verantwortung. Jhumpa Lahiri erzählt in lakonischen, beinahe gleichgültig klingenden Sätzen aus wechselnden Perspektiven der Protagonisten. Der Roman ist weitgehend chronologisch aufgebaut, mit gelegentlichen Rückblenden, die manche seltsamen Verhaltensweisen der Akteure erklären. Das gilt vor allem für Gauri, die aber trotzdem ziemlich undurchschaubar bleibt und mit der der Leser sich am wenigsten identifizieren kann.

Stellenweise wirkt der Roman merkwürdig unfertig, und das sogar an Schlüsselmomenten der Geschichte. Man muss ja gar nicht gut finden, was die Protagonisten so treiben, aber nachvollziehen möchte man es schon können, und das fällt einem manchmal sehr schwer (s.u. - Vorsicht SPOILER!*). So kann ich mir durchaus vorstellen, dass "The Namesake" tatsächlich besser ist, und habe es schon mal auf die Liste gesetzt.
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*) ***SPOILER*** Das gilt z. B. für die Stelle, wo Bela die Wahrheit über ihren Vater erfährt, das Haus verlässt, endgültig, wie es scheint, und dann ein paar Tage später fröhlich zurückkehrt, als wäre nichts gewesen. Auch Gauris kurzer lesbischer Episode fehlt jeglicher Bezug zur Geschichte, wie überhaupt Gauri als Figur meist fremd bleibt, nicht nur wegen der Kälte gegenüber ihrer Tochter. In Subhash und Bela kann man sich wesentlich besser hineindenken (bis auf die gerade erwähnte Szene). Und es ist positiv zu vermerken, dass Jhumpa Lahiri dem Roman ein rührseliges Ende erspart hat, bei dem sich alle verbliebenen Beteiligten um den Hals fallen.


Worüber müssen wir nachdenken?: Was die führenden Köpfe unserer Zeit umtreibt
Worüber müssen wir nachdenken?: Was die führenden Köpfe unserer Zeit umtreibt
von John Brockman
  Taschenbuch
Preis: EUR 13,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Düstere Aussichten, 25. Oktober 2014
Wörtlich übersetzt heißt der neue Edge-Band etwas prägnanter: "Worüber sollten wir uns Sorgen machen?". Und worüber nicht - um beides geht es in John Brockmans neuem Sammelband.

Mit den Sorgen ist es so eine Sache: Macht man sich zu viele, traut man sich nicht mehr aus dem Haus und verhungert, macht man sich zu wenige, rennt man über die Straße, ohne zu gucken, und wird überfahren. Die Evolution hat in Millionen von Jahren für ein überlebensfähiges Gleichgewicht zwischen diesen beiden Extremen gesorgt.

Irgendwas muss aber trotzdem schiefgelaufen sein - anders ist nicht zu erklären, dass die Menschheit gerade mit großer Begeisterung dabei ist, sich selbst überwiegend sorgenfrei den Garaus zu machen. Offenbar sind die Sorgen, die den Einzelnen geholfen haben, zu überleben und sich erfolgreich fortzupflanzen, nicht gleichbedeutend mit denen, die der Gemeinschaft nützen, jedenfalls nicht mehr, seit wir begonnen haben, die Erde erbarmungslos auszuschlachten und damit den gar nicht mehr so dicken Ast abzusägen, auf dem wir sitzen.

Das ist es, was die Mehrzahl der klugen Köpfe in der Edge-Community bewegt. Dass der Stellenwert der Naturwissenschaften in der Gesellschaft in keiner Weise der Bedeutung entspricht, die diese für die Lösung unserer entscheidenden Probleme haben, dass die Kluft zwischen den Wissenden und den Unwissenden immer größer wird, und dass die Unwissenden viel zu viel zu sagen haben. Damit ist nicht nur die Schwarm"intelligenz" des Internets gemeint, sondern auch, dass unsere Entscheider vor allem deshalb in ihre Position gelangt sind, weil sie stabile Ellenbogen haben, täglich höchstens vier Stunden Schlaf brauchen und gut vom Teleprompter ablesen können. Da darf man mancherorts auch antreten, die Welt zu retten, wenn man die Ansicht vertritt, sie sei erst 6000 Jahre alt.

Man muss sich durch die gut 150 Kapitel des Buchs streckenweise ganz schön durchbeißen. Vieles wiederholt sich, und das nicht nur einmal, und nicht alle Autoren haben sich um Verständlichkeit bemüht, wie es unter anglophonen Wissenschaftlern eigentlich gute Sitte ist. Es findet sich auch mancher Unfug: Da beklagt zum Beispiel jemand, dass nicht genug Geld in Forschungen gesteckt wird, die unser Leben drastisch verlängern sollen (natürlich bei bester Gesundheit!), als sähe die absehbare Entwicklung der Alterspyramide nicht schon furchterregend genug aus, vor allem wenn es nach Erreichen des Maximums von gut 9 Milliarden Menschen (ca. 2050) flott wieder abwärts gehen wird, worauf ein anderer Kollege mit Recht hinweist. Überhaupt ist festzustellen, dass sehr viele Koryphäen nur ihren eigenes, schmales Arbeitsfeld im Blick haben und damit der Fragestellung nur unzureichend gerecht werden. Ein Drittel weniger wäre vermutlich mehr gewesen - ein Gefühl, das ich nach dem Vorgängerband "Wie funktioniert die Welt?" nicht in diesem Ausmaß hatte.


What Should We Be Worried About?: Real Scenarios That Keep Scientists Up at Night
What Should We Be Worried About?: Real Scenarios That Keep Scientists Up at Night
von John Brockman
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Düstere Aussichten, 25. Oktober 2014
Mit den Sorgen ist es so eine Sache: Macht man sich zu viele, traut man sich nicht mehr aus dem Haus und verhungert, macht man sich zu wenige, rennt man über die Straße, ohne zu gucken, und wird überfahren. Die Evolution hat in Millionen von Jahren für ein überlebensfähiges Gleichgewicht zwischen diesen beiden Extremen gesorgt.

Irgendwas muss aber trotzdem schiefgelaufen sein - anders ist nicht zu erklären, dass die Menschheit gerade mit großer Begeisterung dabei ist, sich selbst überwiegend sorgenfrei den Garaus zu machen. Offenbar sind die Sorgen, die den Einzelnen geholfen haben, zu überleben und sich erfolgreich fortzupflanzen, nicht gleichbedeutend mit denen, die der Gemeinschaft nützen, jedenfalls nicht mehr, seit wir begonnen haben, die Erde erbarmungslos auszuschlachten und damit den gar nicht mehr so dicken Ast abzusägen, auf dem wir sitzen.

Das ist es, was die Mehrzahl der klugen Köpfe in der Edge-Community bewegt. Dass der Stellenwert der Naturwissenschaften in der Gesellschaft in keiner Weise der Bedeutung entspricht, die diese für die Lösung unserer entscheidenden Probleme haben, dass die Kluft zwischen den Wissenden und den Unwissenden immer größer wird, und dass die Unwissenden viel zu viel zu sagen haben. Damit ist nicht nur die Schwarm"intelligenz" des Internets gemeint, sondern auch, dass unsere Entscheider vor allem deshalb in ihre Position gelangt sind, weil sie stabile Ellenbogen haben, täglich höchstens vier Stunden Schlaf brauchen und gut vom Teleprompter ablesen können. Da darf man mancherorts auch antreten, die Welt zu retten, wenn man die Ansicht vertritt, sie sei erst 6000 Jahre alt.

Man muss sich durch die gut 150 Kapitel des Buchs streckenweise ganz schön durchbeißen. Vieles wiederholt sich, und das nicht nur einmal, und nicht alle Autoren haben sich um Verständlichkeit bemüht, wie es unter anglophonen Wissenschaftlern eigentlich gute Sitte ist. Es findet sich auch mancher Unfug: Da beklagt zum Beispiel jemand, dass nicht genug Geld in Forschungen gesteckt wird, die unser Leben drastisch verlängern sollen (natürlich bei bester Gesundheit!), als sähe die absehbare Entwicklung der Alterspyramide nicht schon furchterregend genug aus, vor allem wenn es nach Erreichen des Maximums von gut 9 Milliarden Menschen (ca. 2050) flott wieder abwärts gehen wird, worauf ein anderer Kollege mit Recht hinweist. Überhaupt ist festzustellen, dass sehr viele Koryphäen nur ihren eigenes, schmales Arbeitsfeld im Blick haben und damit der Fragestellung nur unzureichend gerecht werden. Ein Drittel weniger wäre vermutlich mehr gewesen - ein Gefühl, dass ich nach dem Vorgängerband "This Explains Everything" nicht in diesem Ausmaß hatte.


Southern Reach Trilogy 3. Acceptance: A Novel
Southern Reach Trilogy 3. Acceptance: A Novel
von Jeff VanderMeer
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,40

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Hier steh' ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor, 16. Oktober 2014
Da hatte ich doch tatsächlich gehofft, dass "Acceptance" im Großen und Ganzen beantworten würde, was "Annihilation" und "Authority", die Teile 1 und 2 der "Southern Reach Trilogy", offen gelassen haben. Wie und warum Area X entstanden ist, wer oder was dahinter steckt, und was es für Folgen für die Menschheit hat. Und nun? Keinen Schimmer habe ich, und stehe auch noch vor der schwierigen Aufgabe, das zu erklären, ohne zu viel über das Buch zu verraten. (Ich setze in dieser Rezension aber voraus, dass Sie die beiden ersten Teile kennen, nicht so sehr wegen etwaiger Spoiler, sondern einfach wegen der Verständlichkeit.)

Im Gegensatz zu "Annihilation" und "Authority" ist "Acceptance" aus wechselnden Perspektiven erzählt: Denen von Control, der Biologin, der Direktorin und des Leuchtturmwärters. Und so geht es und her zwischen den letzten Wochen vor der "Entstehung" von Area X, der Zeit zwischen den beiden letzten Expeditionen dorthin und den Tagen nach dem Ende von "Authority", als der Southern Reach in Auflösung begriffen war und Control die Biologin endlich gefunden hatte.

Nach und nach sortieren sich vor den Augen des Lesers die unerklärlichen Ereignisse. Zusammen mit den Protagonisten darf auch fleißig spekuliert werden, man bleibt aber stets in deren Erklärungsnotständen gefangen, was immer unbefriedigender wird, je mehr sich der Roman dem Ende zuneigt: VanderMeer beschreibt elegant und großartig, aber er erklärt nicht. Man kann sich an den Bildern berauschen (und ich bin sicher, dass der Film, dessen Rechte ja schon vor Erscheinen des ersten Bandes vergeben waren, ein gewaltiges Spektakel werden wird), man kann die Metamorphosen bestaunen, die Area X, bei denen auslöst, die sich hineinwagen, und man kann versuchen, die beinahe Lost-artigen Zeitschleifen der Handlungsstränge einzuordnen, aber es bleibt alles ein riesengroßes Rätsel.

Das ist einerseits gemein, dem Leser nicht mehr zu verraten als seinen Protagonisten, andererseits auch vernünftig, weil höchst realistisch: Der Mensch ist eben nur in der Lage, in bestimmten, in seinem Gehirn fest verdrahteten Kategorien zu denken, und Area X steht außerhalb dieser Kategorien. Es kann also keine für uns verständliche Erklärung geben, und man darf vermuten, dass auch VanderMeer keine hat. Andererseits lässt er durchblicken, dass die Entstehung von Area X durch menschliche Aktivitäten getriggert wurde, und da hätte ich mir nun wirklich etwas mehr als ein paar hingeworfene Andeutungen zur Rolle von Central, Lowry, Controls Mutter oder der seltsamen Sience- und Séance-Brigade gewünscht. Denn das hätte vermutlich sogar ich verstanden. Aber vielleicht wartet der Film ja noch mit ein paar Erkenntnissen auf.

"Acceptance" hat mich übrigens in der Auffassung bestärkt, dass es wesentlich besser gewesen wäre, die drei Bände nicht im Abstand von jeweils drei Monaten, sondern als geschlossenen Roman herauszubringen. Und das nicht nur, um den Geldbeutel der Leser zu schonen (für die deutsche Papierausgabe wird man am Ende 55 Euro hinlegen müssen; wer Englisch kann, kommt etwas billiger weg, aber so fühlt sich der "pulp" auch an), sondern weil keiner der drei Teile solide auf eigenen Füßen steht und weil es auch das Verständnis sicher nicht erleichtert, wenn man die Trilogie über ein halbes Jahr verteilt.


Authority: A Novel (The Southern Reach Trilogy)
Authority: A Novel (The Southern Reach Trilogy)
Preis: EUR 8,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das Ende ist nah, 12. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Jeff VanderMeer macht es einem nicht leicht. Atemlose Action ist nicht so sein Ding. Wer von seiner Southern-Reach-Endzeittrilogie spektakuläre Gemetzel zwischen schwerstbewaffneten SWAT-Teams, fiesen Aliens und/oder ekligen Untoten erwartet, wird herb enttäuscht werden. Das hat man schon an einigen Reaktionen auf "Annihilation/Auslöschung" sehen können (Teil 1 der Trilogie, den ich hier als gelesen unterstelle). VanderMeer arbeitet dezenter, langsamer, stilvoller, aber deshalb nicht weniger effizient.

John Rodriguez, genannt Control, ist der ahnungslose neue Direktor des Southern Reach. Seine Vorgängerin ist auf der letzten Expedition in die Area X verschollen, und ihre Assistentin, die wohl selbst ein wenig auf die Nachfolge spekuliert hatte, macht ihm nach Kräften das Leben schwer. Dass er diesen Job nur seiner einflussreichen Mutter zu verdanken hat, macht die Sache nicht besser (eine Konstellation der Art, wie sie wohl jeder mal in seinem Berufsleben kennengelernt hat, in welcher Rolle auch immer).

So wird "Authority" also über weite Strecken von den Machtverhältnissen und der Büro-Mikropolitik innerhalb des Southern Reach dominiert, und erst als Control allmählich den Geheimnissen der Area X, ihrer Bewacher und der Bewacher ihrer Bewacher auf die Spur kommt, schleicht sich allmählich das Mysteriös-Morbide ein, das an "Annihilation" so fasziniert hat. Das Buch kommt langsam, aber es kommt, und am Schluss ziemlich gewaltig.

"Annihilation" ließ eine Menge Fragen offen. Manche davon werden in "Authority" beantwortet, andere nicht, im Gegenteil. Was "Area X" ausgelöst hat und was es mit uns anstellen wird, hat sich Jeff VanderMeer für den letzten Teil "Acceptance" aufgehoben*). Auch wenn der Titel beinahe versöhnlich klingt, ahnt man doch nichts Gutes - sollte alles gut gehen, werden Sie bald dazu von mir hören.
___________________________________

*) Zu früh gefreut:
http://www.amazon.de/gp/cdp/member-reviews/A2SA5NQV56E1G/ref=cm_pdp_rev_title_1?ie=UTF8&sort_by=MostRecentReview#R178396I34ONDO


Die juristische Unschärfe einer Ehe: Roman
Die juristische Unschärfe einer Ehe: Roman
von Olga Grjasnowa
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lieben und lieben lassen zwischen Berlin und Baku, 9. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Der Roman beginnt in der Mitte: In einer dreckigen Gefängniszelle in Baku. Leyla, verhaftet wegen illegaler Autorennen mit russischen Schrottautos, erträgt die Misshandlungen ihrer Wärter mit erstaunlicher Zähigkeit.

Das ist Kapitel 0, gewissermaßen der Angelpunkt, auf dem die Waage des Romans balanciert: Auf der einen Seite die Kapitel -29 bis -1, wo in kurzen Schnappschüssen die Vorgeschichten erzählt werden, von Leyla und Altay, den beiden Aserbaidschanern, sie Balletttänzerin, er Psychiater, beide homosexuell, die in ihrer Heimat in offener Ehe vergeblich Schutz vor der Homophobie ihres Landes gesucht hatten und die es schließlich nach Berlin verschlagen hat, in die Stadt, der man nachsagt, dass jeder dort so leben kann, wie es ihm gefällt. Und von Jonoun, der amerikanisch-israelischen Künstlerin und heimatlosen Drifterin, die in Berlin versucht, Fuß zu fassen, die in der Kneipe, in der sie kellnert, Leyla begegnet und kurze Zeit später bei den beiden einzieht. Ein amour fou, dem alle drei nicht gewachsen sind und der Leyla letztlich in der Bakuer Gefängniszelle landen lässt.

Auf der anderen Seite dann die Kapitel 1 bis 29, in denen wir die aus dem Gefängnis freigekaufte Leyla erleben, wie sie in atemlosen Tempo und mit Jonoun im Schlepptau ihren gesamtkaukasischen Ursprüngen Reverenz erweist, während Altay sich in die Bakuer Szene der Mächtigen, Reichen und Schönen stürzt.

"Die juristische Unschärfe einer Ehe" ist ein intensiver und etwas verstörender Blick auf die Subkulturen Berlins und Bakus, auf das hektische Bemühen, die gähnenden Leerstellen des Lebens zu stopfen und die eigenen Grenzen auszuloten (gerne auch mit chemischer Unterstützung), ein Blick auf etwas andere Familien und auf Beziehungen im Stresstest.

Es handelt aber auch davon, wie man sich in dem Vakuum einrichten kann, in das die Satellitenstaaten der UdSSR vor einem Vierteljahrhundert implodiert sind, wo viele fast nichts und wenige fast alles haben. Und es handelt natürlich von der brutalen Schule des Balletts, die den Umgang mit Schmerzen auf ein neues Niveau hebt und deshalb keine schlechte Vorbereitung auf eine Woche in den Händen von Bakuer Gefängniswärtern ist.

Ein rasant geschriebenes, ungewöhnliches Buch.


The Children Act
The Children Act
von Ian McEwan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,24

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wie man offene Türen sehr elegant einrennt, 6. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Children Act (Gebundene Ausgabe)
Fiona Maye, hoch angesehene Familienrichterin am Londoner High Court, ist es gewohnt, routiniert und kompetent Entscheidungen über das Leben anderer zu treffen. Ihr begegnen wir in einem Moment, wo ihr eigenes Leben auseinanderzufallen droht: Der Ehemann hat ihr gerade eröffnet, dass er eine Geliebte hat. Wie sie versucht, trotz dieser empfindlichen Ablenkung den Anforderungen ihres anspruchsvollen Berufes zu genügen, schildert Ian McEwan sehr treffend und eindrucksvoll - wer selbst einmal unter solchen Umständen funktionieren musste, weiß, wie extrem belastend das ist.

Am Gericht wartet eine Reihe von paradigmatischen Fällen auf sie: Der orthodoxe Jude, der es nicht erträgt, dass Frau und Töchter aus der Kinder-Küche-Synagoge-Rolle ausbrechen wollen, die der Glaube ihnen zugedacht hat; der muslimische Vater, der seine Tochter nach Marokko entführt, um sie dem Zugriff von englischer Ehefrau und englischer Jurisdiktion zu entziehen; die Katholiken, die das fünfte Gebot so ernst nehmen, dass sie ihre siamesischen Zwillinge lieber gemeinsam sterben lassen als den einen, den todkranken, zu opfern, um den anderen, den lebensfähigen, zu retten; und schließlich die Zeugen Jehovas, die es nicht zulassen wollen, dass ihr siebzehnjähriger, leukämiekranker Sohn Adam die lebensrettende Bluttransfusion erhält, ein Wunsch, den auch der Junge nachdrücklich und glaubhaft vertritt.

Mit diesen Beispielen ist eine ganze Menge von dem abgedeckt, was in den abrahamitischen Religionen dem Kindeswohl, wie wir es heute verstehen, entgegensteht. Und so konstruiert-systematisch, wie diese Fälle nacheinander abarbeitet werden, so wenig Neues kann Ian McEwan zu den weitestgehend ausdiskutierten Thematiken beisteuern. Sämtliche Türen, die er einrennt, stehen im Grunde sperrangelweit offen, und man muss nicht einmal Atheist sein, um all diese Denkweisen als menschenfeindlich zu betrachten.

Auch wenn sich Adams zu Herzen gehende Geschichte in einer Weise entwickelt, dass sie Fiona und ihr Berufsethos ins Wanken bringt (das übrigens ausgesprochen vorhersehbar), bleibt die Botschaft des Romans insgesamt eben doch ziemlich simpel und holzschnittartig. Und so würde man das Buch unbefriedigt zur Seite legen, wenn da nicht Ian McEwans meisterliche Prosa wäre, mit der er selbst der Sprache der Juristen eine gewisse Schönheit verleiht, allein schon wegen der Ausgewogenheit und Logik, mit der Fiona ihr Verdikte fällt, und die das Ganze zu einem großen Lesegenuss macht. So bietet "The Children Act" also nichts eigentlich Neues, aber das auf unnachahmliche Art und Weise.

P. S. Ich kann mir mal wieder nicht erklären, was das zweifellos stilvolle Titelbild mit dem eigentlichen Inhalt des Buches zu tun hat.


Im Zoo: Roman
Im Zoo: Roman
von Howard Jacobson
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das Ende des Buchs, wie wir es kennen, 4. Oktober 2014
Rezension bezieht sich auf: Im Zoo: Roman (Gebundene Ausgabe)
Was tut ein Schriftsteller, wenn bei ihm gar nichts läuft? Er schreibt eine Generalabrechnung mit allen, die ihm das Leben vergällen: Den Verlegern, die nur noch Strandbücher für Young Adults herausbringen, den Agenten, die sich vor ihren Klienten verstecken, und den Leserinnen, die bei Lesungen wegen vermeintlich Frauen- und Kinderfeindlichem handgreiflich werden. Mittendrin ein frustrierter Schriftsteller, dem gerade nichts Rechtes einfallen will und der sich von aller Welt im Stich gelassen fühlt.

Das ist Howard Jacobson. "Die Finkler-Frage" ist fertig, vom späteren Booker Prize ist noch keine Rede, und keine Sau interessiert sich für das, was er als nächstes zu schreiben gedenkt. Da erscheint ihm zum Glück ein Alter Ego namens Guy Ableman, dem es so ebenso lausig geht wie seinem Schöpfer, der allerdings mit der hinreißenden, rotmähnigen Vanessa in einer für den Leser nur schwer durchschaubaren Hassliebesehe verbunden ist, und der diese Frau vor allem deshalb erduldet, weil er eigentlich auf ihre noch viel hinreißendere und noch wilder bemähnte Mutter Poppy scharf ist. Ok, irgendwie liebt er seine Vanessa schon, aber es scheint die Liebe eines getretenen Hundes zu seiner Herrin zu sein. (Die Metapher stammt von mir und hat nichts zu tun mit dem komplett sinnfreien Titelbild*).) Vanessa bebrütet übrigens auch einen Roman, kommt aber über den ersten Satz nicht hinaus. Schuld ist natürlich Guy mit seiner despirierenden Präsenz.

Die Handlung des Romans, so sie denn als solche zu bezeichnen ist, kreist im Wesentlichen darum, wie Guy versucht, 1. die ständigen Herabwürdigungen seiner Frau mit einem Rest an Selbstachtung zu ertragen, 2. endlich das Alphaaffenmännchen**) in sich rauszulassen und seiner luxuriös gereiften Schwiegermutter an die reizvolle Wäsche zu gehen, 3. aus dieser bedauernswerten Existenz eine Romanidee zu destillieren und 4. diese seinem unwilligen Agenten und seinem noch unwilligeren Verlag anzudienen. Anhand dieser vier Motive breitet Howard Jacobson die Tragödie des Schriftstellers und den endgültigen Niedergang der Literatur ins Reich der Vampire, Zauberlehrlinge und Fesselspiele aus, begleitet vom Tod des gedruckten Buches und seiner Auferstehung als handytaugliche 30-Sekunden-Leseapp.

Das erstreckt sich über fast 400 Seiten, und so sollte man als Leser nicht erwarten, ständig aufs Neue überrascht zu werden, wenn Guy von einem Schicksalstiefschlag in den nächsten taumelt. Jacobsons gut geschärfte Feder hilft einem aber über manche Länge und manche Wiederholung hinweg, und auch schmerzhafte Running Gags können durchaus Unterhaltungswert haben. Selbst Vanessa hört man gerne immer wieder zu, man möchte nur nicht mit ihr verheiratet sein (aber, Hand aufs Herz, mit Guy auch nicht unbedingt). Übrigens, auch wir, die wir fleißig Rezensionen schreiben auf einer bekannten Internetplattform, die einst als Buchversand das Licht der Geschäftswelt erblickte und mittlerweile zum größten Gemischtwarenladen der Welt herangereift ist, auch wir bekommen unser Fett weg.

Ein bisschen misanthropisch und ein bisschen misogyn reitet Howard Jacobson gegen eine Karikatur des modernen Literaturbetriebs an, wo Technik Vorrang vor Inhalt hat und Lesen doch bitte nicht anspruchsvoller als Fernsehgucken sein soll. Allerdings ist "Im Zoo" selbst ein Beispiel dafür, dass das Kind vielleicht über den Brunnenrand schielt, aber zum Glück noch nicht hineingefallen ist.
______________________________

*) Wenn mir jemand die Bedeutung des gekrönten Hundes erklären kann, kriegt er von mir einen Hilfreich-Klick.

**) Dieses Affen wegen heißt das Buch "Im Zoo"; Hunde spielen wie gesagt keine Rolle.


Zoo Time
Zoo Time
von Howard Jacobson
  Taschenbuch

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das Ende des Buchs, wie wir es kennen, 4. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Zoo Time (Taschenbuch)
Was tut ein Schriftsteller, wenn bei ihm gar nichts läuft? Er schreibt eine Generalabrechnung mit allen, die ihm das Leben vergällen: Den Verlegern, die nur noch Strandbücher für Young Adults herausbringen, den Agenten, die sich vor ihren Klienten verstecken, und den Leserinnen, die bei Lesungen wegen vermeintlich Frauen- und Kinderfeindlichem handgreiflich werden. Mittendrin ein frustrierter Schriftsteller, dem gerade nichts Rechtes einfallen will und der sich von aller Welt im Stich gelassen fühlt.

Das ist Howard Jacobson. "The Finkler Question" ist fertig, vom späteren Booker Prize ist noch keine Rede, und keine Sau interessiert sich für das, was er als nächstes zu schreiben gedenkt. Da erscheint ihm zum Glück sein Alter Ego namens Guy Ableman, dem es so ebenso lausig geht wie seinem Schöpfer, der allerdings mit der hinreißenden, rotmähnigen Vanessa in einer für den Leser nur schwer durchschaubaren Hassliebesehe verbunden ist, und der diese Frau vor allem deshalb erduldet, weil er eigentlich auf ihre noch viel hinreißendere und noch wilder bemähnte Mutter Poppy scharf ist. Ok, irgendwie liebt er seine Vanessa schon, aber es scheint die Liebe eines getretenen Hundes zu seiner Herrin zu sein. Vanessa bebrütet übrigens auch einen Roman, kommt aber über den ersten Satz nicht hinaus. Schuld ist natürlich Guy mit seiner despirierenden Präsenz.

Die Handlung des Romans, so sie denn als solche zu bezeichnen ist, kreist im Wesentlichen darum, wie Guy versucht, 1. die ständigen Herabwürdigungen seiner Frau mit einem Rest an Selbstachtung zu ertragen, 2. endlich das Alphaaffenmännchen in sich rauszulassen und seiner luxuriös gereiften Schwiegermutter an die reizvolle Wäsche zu gehen, 3. aus dieser bedauernswerten Existenz eine Romanidee zu destillieren und 4. diese seinem unwilligen Agenten und seinem noch unwilligeren Verlag anzudienen. Anhand dieser vier Motive breitet Howard Jacobson die Tragödie des Schriftstellers und den endgültigen Niedergang der Literatur ins Reich der Vampire, Zauberlehrlinge und Fesselspiele aus, begleitet vom Tod des gedruckten Buches und seiner Auferstehung als handytaugliche 30-Sekunden-Leseapp.

Das erstreckt sich über fast 400 Seiten, und so sollte man als Leser nicht erwarten, ständig aufs Neue überrascht zu werden, wenn Guy von einem Schicksalstiefschlag in den nächsten taumelt. Jacobsons gut geschärfte Feder hilft einem aber über manche Länge und manche Wiederholung hinweg, und auch schmerzhafte Running Gags können durchaus Unterhaltungswert haben. Selbst Vanessa hört man gerne immer wieder zu, man möchte nur nicht mit ihr verheiratet sein (aber, Hand aufs Herz, mit Guy auch nicht unbedingt). Übrigens, auch wir, die wir fleißig Rezensionen schreiben auf einer bekannten Internetplattform, die einst als Buchversand das Licht der Geschäftswelt erblickte und mittlerweile zum größten Gemischtwarenladen der Welt herangereift ist, auch wir bekommen unser Fett weg.

Ein bisschen misanthropisch und ein bisschen misogyn reitet Howard Jacobson gegen eine Karikatur des modernen Literaturbetriebs an, wo Technik Vorrang vor Inhalt hat und Lesen doch bitte nicht anspruchsvoller als Fernsehgucken sein möge. Allerdings ist "Zoo Time" selbst ein Beispiel dafür, dass das Kind vielleicht über den Brunnenrand schielt, aber zum Glück noch nicht hineingefallen ist.

P. S. Dass ich unmittelbar nacheinander zwei Bücher gelesen habe, die die drei sprichwörtlichen Affen auf dem Cover haben ("Warum die Sache schiefgeht" ist das andere), ist tatsächlich ein erstaunlicher Zufall. Hier allerdings passt der Seh-nix-hör-nix-sag-nix-Aspekt eigentlich nicht - Jacobsons testosterongeplagtes Affenmännchen hat seine Hände, wenn überhaupt, woanders, der Schlawiner.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 8, 2014 2:58 PM MEST


Warum die Sache schiefgeht: Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen
Warum die Sache schiefgeht: Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen
von Karen Duve
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 12,00

82 von 113 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Menschheit als Systemfehler, 28. September 2014
Karen Duve hat so recht: Es wird böse enden mit uns. Und trotzdem werde ich weiterhin mein Steak auf den Grill legen und einmal im Jahr um den halben Erdball jetten, um Urlaub zu machen. So viel Ehrlichkeit muss sein. Denn es hilft ja sowieso nichts.

Es hilft nichts, weil die Strukturen, in denen wir leben, es nicht erlauben. Weil in einer Demokratie (geheiligt sei ihr Name!) keine Entscheidungen getroffen werden können, die künftigen Generationen nützen und uns zum Verzicht zwingen (Steak und Jetlag, s.o.). Aber wer will schon lauter Diktaturen? (Und wo wird richtig vorbildlich und generationenverträglich konsumiert? In Nordkorea, höhö. Tusch!)

Es hilft nichts, weil Unternehmen ebenfalls keine Entscheidungen treffen können, die die Zukunft der Welt retten und den Gewinn schmälern. Aktionäre wollen Dividenden sehen, keine grünen Plaketten. (Das gilt auch für Staatsunternehmen, s. vorigen Abschnitt.)

Es hilft vor allem nichts, weil unser Führungspersonal in der Regel nur deshalb auf seine jeweilige Position gelangt ist, weil es eben nicht sozial und zukunftsorientiert ist, sondern egozentrisch und brutal. Sonst wäre es irgendwo im Middle Management steckengeblieben. Karen Duve führt dies wunderbar aus, und es schadet auch gar nicht, dass sie ein wenig überspitzt (ich zumindest hatte das Gefühl, während meiner aktiven Zeit den einen oder anderen nicht psychopathischen Chef gehabt zu haben, auch relativ weit über mir, aber nun ja, wer weiß das schon genau). Und da würde auch eine sofort umzusetzende, flächendeckende Frauenquote nichts ändern. Frauen sind zwar die besseren Menschen, aber alles würde sich bald wieder schön und bestimmungsgemäß zurechtrütteln: Wegen der weiterhin frei herumlaufenden Alphatierchen mit den stahlbewehrten Ellenbogen und den kräftigen Beißerchen würde eine Weltherrschaft der Guten langfristig keinen Bestand haben.

Und da es keine Frauenquote bei Aktionären oder eine Abschaffung des Männerwahlrechts geben wird, werden wir die Welt, wie wir sie kennen, an die Wand fahren, in 50 oder 75 oder 100 Jahren, jedenfalls in einer Zeit, wo man sich noch bestens an den Wahnwitz erinnern wird, mit dem wir uns gut 100 Jahre lang die Erde untertan gemacht hatten. Die berühmten 2 Grad können wir vergessen, und die Viren und Kokken dieser Welt evolutionieren ja auch immer mal wieder sehr erfolgversprechend. (Wenn denen nicht noch ein paar größenwahnsinnige Physiker zuvorkommen, die den Schwerpunkt der Erde ins CERN verlegen wollen. Aber das glaube ich jetzt doch nicht - das verbietet mir die Naturwissenschaftlerehre.)

Und trotzdem bin ich beeindruckt, ja fast ein wenig neidisch, wenn Leute wie Karen Duve oder ihr Bruder im Geiste Jonathan Safran Foer (der mir mit seinem gewaltigen "Tiere essen" einmal fast das Tiere Essen verleidet hätte) in der Lage sind, ihr Leben von Grund auf zu ändern. Wobei es bei denen tatsächlich noch Sinn ergibt, denn als Multiplikatoren können sie etwas bewirken, zumindest dass die schöne Zeit, in der wir Wohlstandsbürger leben, noch ein paar Jahre länger dauert. (Und die Tiere hätten auch was davon. Aber man sollte nicht außer acht lassen, dass jeder sein Leben im Rahmen seiner Möglichkeiten so gestaltet, dass er sich am besten fühlt, und so kann die Grenze zwischen Egoismus und Altruismus schon mal etwas unscharf werden.)

"Warum die Sache schiefgeht" ist ein böses und großartiges Buch. Karen Duves Logik ist unwiderstehlich, und die Ohrfeigen links wie rechts knallen genau so wie die Bonmots, die das Buch, trotz des schaurigen Themas, zu einem außerordentlichen Vergnügen machen, das leider viel zu schnell vorbei ist.

Aber helfen wird es eben doch nichts. Karen Duve hat sehr schön erklärt, warum. Und irgendwie ist das schon schade.
Kommentar Kommentare (18) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 22, 2014 11:25 AM CET


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