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Rezensionen verfasst von
Felix Richter
(TOP 100 REZENSENT)    (REAL NAME)   

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Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944: Zweisprachige Ausgabe (Englisch/Deutsch)
Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944: Zweisprachige Ausgabe (Englisch/Deutsch)
von The Bodleian Library
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 8,00

44 von 51 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Germany for Dummies, 12. August 2014
Es ist ein rührendes Zeitzeugnis im Brusttaschenformat, das jetzt endlich übersetzt und in einer zweisprachigen Ausgabe vorgelegt wurde. Auf knapp über 60 Seiten wird der britische Soldat über die terra incognita aufgeklärt, die er demnächst betreten wird, in einer kuriosen, hochverdichteten Mischung aus Geschichtsbuch, Reiseführer und Knigge. Im Schnelldurchlauf werden deutsche Geschichte und deutscher Charakter erklärt, und das gar nicht mal so verkehrt, wenn man bedenkt, wie wenig Differenzierung die Schmächtigkeit dieses Büchleins gestattete. Der Umgang mit ehemaligen Angehörigen einer Herrenrasse sollte nach dem Studium dieses Leitfadens eigentlich kein Problem mehr gewesen sein; es wird aber nachdrücklich davor gewarnt, dass mancher, mit dem man zu tun bekommen wird, das mit der Ehemaligkeit etwas anders sehen könnte.

Natürlich liest sich vieles aus heutiger Sicht hochkomisch, nicht zuletzt die Warnungen vor den Gefahren der Fraternisierung, Warnungen, die dann ja auch nicht allzu lange vorgehalten hatten. Der deutschen Küche - so der gemeine Soldat trotz Fraternisierungsverbot damit in Berührung kommen sollte - wird eine durchaus anerkennende Seite gewidmet, die allerdings endet mit der niederschmetternden Feststellung "Die Deutschen wissen nicht, wie man Tee zubereitet", ein Hinweis, der vielleicht zu mehr Distanz zwischen Besetzern und Besetzten geführt hat als die furchterregenden Zahlen zur Durchseuchung des weiblichen Volkskörpers mit Geschlechtskrankheiten.

Die Auswahl an hilfreichen Redewendungen samt Aussprachetipps, die der englische Teil zusätzlich enthält, macht ebenfalls eine Menge Spaß: "Shtayen dee boyma disht in deezem vahlt?" wird vermutlich nicht so regelmäßig zum Einsatz gekommen sein wie "shprisht yaymant english?". Ja, das deutsche "ch" - schwerer zu besiegen als die Wehrmacht...

Unterm Strich bleibt festzuhalten, dass wohl selten auf so wenigen Seiten das Verhältnis zwischen den Nationen so pragmatisch festgehalten wurde wie hier in diesem Büchlein - einem eindrucksvollen Dokument der Zeitgeschichte, das sicher nicht als solches geplant war. Und wer Englisch kann und wissen will, welche Tipps denjenigen britischen Soldaten mit auf den Weg gegeben wurden, die das Glück hatten, in Frankreich stationiert zu werden, dem seien die korrespondierenden "Instructions for British Servicemen in France" ans Herz gelegt (Rezension siehe dort).


Die Abwicklung: Eine innere Geschichte des neuen Amerika
Die Abwicklung: Eine innere Geschichte des neuen Amerika
von George Packer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

12 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Land der allzu Freien, 28. Juli 2014
George Packer erzählt von einer Nation im Umbruch. In nüchternen, unaufgeregten Sätzen beschreibt er den Wandel einer Solidargemeinschaft zu einer Gesellschaft, in der jeder auf sich selbst gestellt ist. Er beschreibt, was es bedeutet, wenn das Geld nicht mehr in Firmen verdient wird, die tatsächlich Werte erzeugen, indem sie etwas produzieren, sondern in Banken, Anwaltskanzleien und anderen "Dienstleistern", deren Gewinne stets gleichzusetzen sind mit den Verlusten anderer - nicht selten ihrer eigenen Kunden und Geschäftspartner. Und er beschreibt, was es bedeutet, wenn der Begriff der Freiheit missbraucht wird für eine Politik der reinen Verweigerung, in der es stets um die Macht und nie um die Sache geht.

Das Schöne an Packers Analyse ist die Abwesenheit jeglicher Polemik. Er lässt die Tatsachen für sich sprechen, und die Tatsachen sind in diesem Fall die Schicksale von Menschen, die diesen Umbruch durchlebt haben. Und es sind beileibe nicht nur Opfer - viele haben (ich bitte diese inzwischen furchtbar abgenutzte Formulierung zu entschuldigen) den Wandel als Chance genutzt, oder haben es zumindest versucht. Aber das hat schließlich auch dazu beigetragen, dass die Vermögensverteilung immer grotesker auseinanderklafft.

Interessanterweise macht Packer diesen Umbruch aber auch an Industrien fest, denen man nicht unbedingt nachweint: Dem Tabakanbau, der Stahlindustrie mit ihrer katastrophalen Umweltverschmutzung, oder den Autozulieferern mit ihren beinahe ausbeuterischen Arbeitsbedingungen. So überlässt er es dem Leser, zu seinen eigenen Schlussfolgerungen zu gelangen, auch wenn unterm Strich nicht zu verkennen ist, auf wessen Seite er steht.

Das zeigen auch die kurzen Biographien von großen Movern und Shakern, die Packer immer wieder einstreut und in denen wir einige interessante Blicke hinter die Fassaden tun dürfen: Newt Gingrich, Colin Powell, Sam Walton, Oprah Winfrey oder Jay Z, um nur einige zu nennen, bekommen alle ihre Portion Fett weg, der eine mehr, der andere weniger, meistens aber mehr.

"Die Abwicklung" ist eine äußerst bemerkenswerte Bestandsaufnahme der amerikanischen Gesellschaft, die den Leser ständigen Wechselbädern zwischen Resignation und Hoffnung unterzieht. Inwieweit wir damit auch einen Blick in die Zukunft Europas tun, möchte ich aber lieber dahingestellt sein lassen. Allein die Tatsache, dass diesseits des Atlantiks der Solidargedanke spürbar lebendiger ist, lässt mich nämlich ein wenig hoffen.


The Unwinding: An Inner History of the New America
The Unwinding: An Inner History of the New America
von George Packer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 15,95

11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Land of the way too free, 28. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
George Packer erzählt von einer Nation im Umbruch. In nüchternen, unaufgeregten Sätzen beschreibt er den Wandel einer Solidargemeinschaft zu einer Gesellschaft, in der jeder auf sich selbst gestellt ist. Er beschreibt, was es bedeutet, wenn das Geld nicht mehr in Firmen verdient wird, die tatsächlich Werte erzeugen, indem sie etwas produzieren, sondern in Banken, Anwaltskanzleien und anderen "Dienstleistern", deren Gewinne stets gleichzusetzen sind mit den Verlusten anderer - nicht selten ihrer eigenen Kunden und Geschäftspartner. Und er beschreibt, was es bedeutet, wenn der Begriff der Freiheit missbraucht wird für eine Politik der reinen Verweigerung, in der es stets um die Macht und nie um die Sache geht.

Das Schöne an Packers Analyse ist die Abwesenheit jeglicher Polemik. Er lässt die Tatsachen für sich sprechen, und die Tatsachen sind in diesem Fall die Schicksale von Menschen, die diesen Umbruch durchlebt haben. Und es sind beileibe nicht nur Opfer - viele haben (ich bitte diese inzwischen furchtbar abgenutzte Formulierung zu entschuldigen) den Wandel als Chance genutzt, oder haben es zumindest versucht. Aber das hat schließlich auch dazu beigetragen, dass die Vermögensverteilung immer grotesker auseinanderklafft.

Interessanterweise macht Packer diesen Umbruch aber auch an Industrien fest, denen man nicht unbedingt nachweint: Dem Tabakanbau, der Stahlindustrie mit ihrer katastrophalen Umweltverschmutzung, oder den Autozulieferern mit ihren beinahe ausbeuterischen Arbeitsbedingungen. So überlässt er es dem Leser, zu seinen eigenen Schlussfolgerungen zu gelangen, auch wenn unterm Strich nicht zu verkennen ist, auf wessen Seite er steht.

Das zeigen auch die kurzen Biographien von großen Movern und Shakern, die Packer immer wieder einstreut und in denen wir einige interessante Blicke hinter die Fassaden tun dürfen: Newt Gingrich, Colin Powell, Sam Walton, Oprah Winfrey oder Jay Z, um nur einige zu nennen, bekommen alle ihre Portion Fett weg, der eine mehr, der andere weniger, meistens aber mehr.

"The Unwinding" ist eine äußerst bemerkenswerte Bestandsaufnahme der amerikanischen Gesellschaft, die den Leser ständigen Wechselbädern zwischen Resignation und Hoffnung unterzieht. Inwieweit wir damit auch einen Blick in die Zukunft Europas tun, möchte ich aber lieber dahingestellt sein lassen. Allein die Tatsache, dass diesseits des Atlantiks der Solidargedanke spürbar lebendiger ist, lässt mich nämlich ein wenig hoffen.


Ein Hemd des 20. Jahrhunderts: Roman
Ein Hemd des 20. Jahrhunderts: Roman
von Yann Martel
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

4.0 von 5 Sternen Ein literarischer Zirkelschluss..., 22. Juli 2014
...und zwar mit starker autobiographischer Note, das ist dieses Buch, das seine eigene Entstehung thematisiert und das sich auf ungewöhnliche Weise den Schrecken des Holocausts nähert.

Henri, Yann Martels Alter Ego, hat fünf Jahre nach einem Welterfolg (nicht namentlich genannt, aber unschwer zu erahnen: "Schiffbruch mit Tiger") zwei Bücher in einem geschrieben, die beide den Holocaust zum Thema haben: einen Roman und einen literaturkritischen Essay, die so zusammengebunden sein sollen, dass das Buch von der Vorder- und Rückseite aus zu lesen ist und sich die Teile in der Mitte treffen.

Er erleidet dann aber das Trauma seines Berufslebens, als ihm Thema und vor allem Konzept im Rahmen eines Abendessens von der geballten Macht seiner Verleger, eines Buchhändlers und eines Historikers vernichtend um die Ohren geschlagen werden. Er hängt die Schriftstellerei an den Nagel, zieht in eine europäische Metropole und widmet sich seinen Hobbys, seinem Hund Erasmus und der Beantwortung der nach wie vor eintrudelnden Fanpost der Leser seines Erfolgsromans. Deren einer bittet ihn um Hilfe bei einem eigenen Werk, und der Zufall will es, dass dieser, ein alter Tierpräparator, in der selben Stadt wohnt und seine Werkstatt im Rahmen eines Gassigangs mit Erasmus gut zu erreichen ist. Bei diesem Werk handelt es sich um ein allegorisches Stück mit zwei animalischen Protagonisten, Beatrice und Vergil, Eselin die eine, Brüllaffe der andere, und der Ort der Handlung, den die beiden mehr oder weniger ziellos durchwandern, ist, man lese und staune, ein gestreiftes Hemd im KZ-Design. Hm.

Es ist unschwer zu erraten, dass des Präparators Theaterstück die eine Hälfte von Yann Martels erstem Anlauf zum "Hemd des 20. Jahrhunderts" ist. Überdauert hat es in Form von Auszügen, die Henry bei seinen Besuchen in der Werkstatt nach und nach präsentiert werden, und die erahnen lassen, dass der Präparator bzw. sein Schöpfer ihren Beckett tief verinnerlicht haben. Und was ganz unschuldig damit beginnt, dass Vergil seiner Beatrice das Birnenhafte einer Birne so schön beschreibt, dass einem das Wasser im Munde zusammenläuft, entwickelt sich in einer Weise, die dem Leser am Ende das nackte Grauen unter die Haut treibt, und das ohne große Vorwarnung.

Yann Martel wollte den Beweis antreten, dass man sich dem Holocaust auch anders als wissenschaftlich oder biographisch nähern kann. Das ist ihm durchaus gelungen, und dem Leser werden Beatrice und Vergil als Vertreter der sechs Millionen unschuldigen Opfer noch lange im Gedächtnis bleiben. Allerdings bleibt die Figur des Tierpräparators ausgesprochen rätselhaft - man ahnt allenfalls, wo sie herkommt und was sie antreibt, kann es aber doch nicht festmachen, und dadurch bleibt der eigentliche "Schöpfer" der tierischen Hauptdarsteller zu vage. Auch das titelgebende Hemd als Ort der Handlung hat es nicht unbedingt erleichtert, vor dem inneren Auge dieses Lesers ein dem Thema angemessenes "Bühnenbild" entstehen zu lassen. Trotzdem muss man dankbar sein, dass Yann Martel sich, im Gegensatz zu Henry, von der niederschmetternden Reaktion auf seinen Entwurf nicht hat entmutigen lassen.


Beatrice and Virgil
Beatrice and Virgil
von Yann Martel
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,10

4.0 von 5 Sternen Ein literarischer Zirkelschluss..., 22. Juli 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Beatrice and Virgil (Taschenbuch)
...und zwar mit starker autobiographischer Note, das ist dieses Buch, das seine eigene Entstehung thematisiert und das sich auf ungewöhnliche Weise den Schrecken des Holocausts nähert.

Henri, Yann Martels Alter Ego, hat fünf Jahre nach einem Welterfolg (nicht namentlich genannt, aber unschwer zu erahnen: "Life of Pi") zwei Bücher in einem geschrieben, die beide den Holocaust zum Thema haben: einen Roman und einen literaturkritischen Essay, die so zusammengebunden sein sollen, dass das Buch von der Vorder- und Rückseite aus zu lesen ist und sich die Teile in der Mitte treffen.

Er erleidet dann aber das Trauma seines Berufslebens, als ihm Thema und vor allem Konzept im Rahmen eines Abendessens von der geballten Macht seiner Verleger, eines Buchhändlers und eines Historikers vernichtend um die Ohren geschlagen werden. Er hängt die Schriftstellerei an den Nagel, zieht in eine europäische Metropole und widmet sich seinen Hobbys, seinem Hund Erasmus und der Beantwortung der nach wie vor eintrudelnden Fanpost der Leser seines Erfolgsromans. Deren einer bittet ihn um Hilfe bei einem eigenen Werk, und der Zufall will es, dass dieser, ein alter Tierpräparator, in der selben Stadt wohnt und seine Werkstatt im Rahmen eines Gassigangs mit Erasmus gut zu erreichen ist. Bei diesem Werk handelt es sich um ein allegorisches Stück mit zwei animalischen Protagonisten, Beatrice und Virgil, Eselin die eine, Brüllaffe der andere, und der Ort der Handlung, den die beiden mehr oder weniger ziellos durchwandern, ist, man lese und staune, ein gestreiftes Hemd im KZ-Design. Hm.

Es ist unschwer zu erraten, dass des Präparators Theaterstück die eine Hälfte von Yann Martels erstem Anlauf zu "Beatrice and Virgil" ist. Überdauert hat es in Form von Auszügen, die Henry bei seinen Besuchen in der Werkstatt nach und nach präsentiert werden, und die erahnen lassen, dass der Präparator bzw. sein Schöpfer ihren Beckett tief verinnerlicht haben. Und was ganz unschuldig damit beginnt, dass Virgil seiner Beatrice das Birnenhafte einer Birne so schön beschreibt, dass einem das Wasser im Munde zusammenläuft, entwickelt sich in einer Weise, die dem Leser am Ende das nackte Grauen unter die Haut treibt, und das ohne große Vorwarnung.

Yann Martel wollte den Beweis antreten, dass man sich dem Holocaust auch anders als wissenschaftlich oder biographisch nähern kann. Das ist ihm durchaus gelungen, und dem Leser werden Beatrice und Virgil als Vertreter der sechs Millionen unschuldigen Opfer noch lange im Gedächtnis bleiben. Allerdings bleibt die Figur des Tierpräparators ausgesprochen rätselhaft - man ahnt allenfalls, wo sie herkommt und was sie antreibt, kann es aber doch nicht festmachen, und dadurch bleibt der eigentliche "Schöpfer" der tierischen Hauptdarsteller zu vage. Auch das Hemd als Ort der Handlung hat es nicht unbedingt erleichtert, vor dem inneren Auge dieses Lesers ein dem Thema angemessenes "Bühnenbild" entstehen zu lassen. Trotzdem muss man dankbar sein, dass Yann Martel sich, im Gegensatz zu Henry, von der niederschmetternden Reaktion auf seinen Entwurf nicht hat entmutigen lassen.


Cassandras Zorn: Roman
Cassandras Zorn: Roman
von Joanna Kavenna
  Broschiert
Preis: EUR 14,90

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Von Donnerbalken und Donnerbüchsen, 30. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Cassandras Zorn: Roman (Broschiert)
Der Lake District ist eine wunderschöne Gegend im hohen Nordosten Englands, mit einer pittoresken Landschaft voller grandioser Häuser. Grandioser Häuser, die leider leerstehen. Ihre Besitzer, die Reichen und Superreichen aus Londons Finanzwelt, die sich hier einen schönen, wertstabilen Zweitwohnsitz zugelegt haben, haben nämlich gar keine Zeit, sich hier aufzuhalten. Vielleicht haben sie auch gar keine Lust aufs nordenglische Landleben. Jedenfalls hat manches Haus seinen Besitzer seit Jahren nicht mehr gesehen.

Hierhin hat es die (namenlose) Erzählerin verschlagen. Nachdem ihr Mann sie aus den üblichen Gründen verlassen hat und ihr Kleinstadtidyll zerbröselt ist, fällt ihr eine Anzeige in die Hände: Eine Witwe sucht weibliche Unterstützung für ihre Farm und ihre Pläne. Und auf geht's zu Cassandra White, Besitzerin der White Farm und radikale Unabhängigkeitsfanatikerin, und die Namenlose lernt das Leben von einer ganz neuen Seite kennen, nämlich ohne überflüssigen Luxus wie Strom, fließendes Wasser oder gar Zentralheizung, und das alles im nordenglischen Herbst. Das Plumpsklo wird zu ihrer Nemesis.

Vor diesem kalten, schmuddeligen, von Joanna Kavenna genüsslich und ohne Scheu vor fäkalspaßigen und anderen Redundanzen ausgeleuchteten Hintergrund entfaltet sich die eigentliche Story: Die Umwidmung der Zweithäuser der Reichen zu Domizilen für die Armen und Alten des Tals, ausgeheckt von Cassandra als Mastermind und umgesetzt von der Namenlosen als widerstrebendes, aber dann doch immer ausführendes Organ - Cervantes' berühmtes Duo lässt grüßen. Dass das alles nicht gut gehen wird, erfährt man bereits im ersten Kapitel (eigentlich sogar schon beim Betrachten des Einbands): Am Schluss wird alles in Flammen aufgehen. Wie es dazu kommt, das macht das eigentliche Vergnügen aus, und da ist es dann auch völlig wurscht, dass der Plot löchrig wie ein Schweizer Käse ist und das Ende ein wenig verpufft. Des Lesers Vorstellungen von Gut und Böse ordnen sich bereitwillig Cassandras Weltbild unter, selbst wenn dieses nicht nur von einem ausgeprägten Gerechtigkeitsempfinden, sondern auch von der einen oder anderen lustigen Verschwörungstheorie geprägt ist.

Hier hat sich jemand mal so richtig Luft gemacht: Joanna Kavenna kennt den Lake District seit ihrer Kindheit, und die Art und Weise, wie dort die reichen Bänker die lokale Bevölkerung marginalisieren, hat sie schon immer mit Zorn erfüllt. Anders als bei ihrer Heldin hat dies allerdings "nur" in einer wunderbar überzogenen Satire geendet.


Come to the Edge
Come to the Edge
Preis: EUR 3,86

5.0 von 5 Sternen Von Donnerbalken und Donnerbüchsen, 30. Juni 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Come to the Edge (Kindle Edition)
Der Lake District ist eine wunderschöne Gegend im hohen Nordosten Englands, mit einer pittoresken Landschaft voller grandioser Häuser. Grandioser Häuser, die leider leerstehen. Ihre Besitzer, die Reichen und Superreichen aus Londons Finanzwelt, die sich hier einen schönen, wertstabilen Zweitwohnsitz zugelegt haben, haben nämlich gar keine Zeit, sich hier aufzuhalten. Vielleicht haben sie auch gar keine Lust aufs nordenglische Landleben. Jedenfalls hat manches Haus seinen Besitzer seit Jahren nicht mehr gesehen.

Hierhin hat es die (namenlose) Erzählerin verschlagen. Nachdem ihr Mann sie aus den üblichen Gründen verlassen hat und ihr Kleinstadtidyll zerbröselt ist, fällt ihr eine Anzeige in die Hände: Eine Witwe sucht weibliche Unterstützung für ihre Farm und ihre Pläne. Und auf geht's zu Cassandra White, Besitzerin der White Farm und radikale Unabhängigkeitsfanatikerin, und die Namenlose lernt das Leben von einer ganz neuen Seite kennen, nämlich ohne überflüssigen Luxus wie Strom, fließendes Wasser oder gar Zentralheizung, und das alles im nordenglischen Herbst. Das Plumpsklo wird zu ihrer Nemesis.

Vor diesem kalten, schmuddeligen, von Joanna Kavenna genüsslich und ohne Scheu vor fäkalspaßigen und anderen Redundanzen ausgeleuchteten Hintergrund entfaltet sich die eigentliche Story: Die Umwidmung der Zweithäuser der Reichen zu Domizilen für die Armen und Alten des Tals, ausgeheckt von Cassandra als Mastermind und umgesetzt von der Namenlosen als widerstrebendes, aber dann doch immer ausführendes Organ - Cervantes' berühmtes Duo lässt grüßen. Dass das alles nicht gut gehen wird, erfährt man bereits im ersten Kapitel (eigentlich sogar schon beim Betrachten des Einbands): Am Schluss wird alles in Flammen aufgehen. Wie es dazu kommt, das macht das eigentliche Vergnügen aus, und da ist es dann auch völlig wurscht, dass der Plot löchrig wie ein Schweizer Käse ist und das Ende ein wenig verpufft. Des Lesers Vorstellungen von Gut und Böse ordnen sich bereitwillig Cassandras Weltbild unter, selbst wenn dieses nicht nur von einem ausgeprägten Gerechtigkeitsempfinden, sondern auch von der einen oder anderen lustigen Verschwörungstheorie geprägt ist.

Hier hat sich jemand mal so richtig Luft gemacht: Joanna Kavenna kennt den Lake District seit ihrer Kindheit, und die Art und Weise, wie dort die reichen Bänker die lokale Bevölkerung marginalisieren, hat sie schon immer mit Zorn erfüllt. Anders als bei ihrer Heldin hat dies allerdings "nur" in einer wunderbar überzogenen Satire geendet.


Das Buch der Königin: Historischer Roman
Das Buch der Königin: Historischer Roman
von Sabine Weigand
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen En Licht in der Finsternis des Mittelalters, 25. Juni 2014
Konstanze von Sizilien, Ehefrau und Mutter der Stauferkaiser Heinrich VI. und Friedrich II., hat schon zu Lebzeiten die Phantasie ihrer Mitmenschen beflügelt. Als sie heiratete, war sie immerhin 31, und als sie schließlich einen Thronfolger gebar, schon 40 Jahre alt. Beides war für damalige Verhältnisse so ungewöhnlich, dass man erst spekulierte, dass sie schlichtweg zu hässlich war, um einen Mann zu finden, und dann, dass die langersehnte Schwangerschaft nur vorgetäuscht sei. Um dieses Gerücht ein für alle mal aus der Welt zu schaffen, brachte sie ihren Sohn in einem Zelt auf dem Marktplatz von Jesi zur Welt, unter den Augen der "ehrbaren Matronen" der Stadt.

Sabine Weigand hat ein farbenprächtiges Bild dieser außergewöhnlichen Frau und ihrer Zeit gemalt. Die politischen Ränkespiele und die Grausamkeit, mit der die Staufer regiert haben, bilden den düsteren Hintergrund für Konstanzes Kultiviertheit und Großherzigkeit, mit denen sie ein wenig Licht in die mittelalterliche Finsternis brachte. Je höher eine Frau damals stand, desto weniger selbstbestimmt konnte sie leben, und eine eigene Agenda zur Rettung ihres Königreichs Sizilien war das Letzte, was man ihr zubilligte. Die zwar fiktiven, aber sicher nicht wirklichkeitsfremden Einblicke in ihr Eheleben zeugen von außerordentlichen Nehmerqualitäten, die sie ihren Zielen zuliebe entwickelt hatte.

Aus den zahlreichen Quellen über diese außergewöhnliche Frau, die Sabine Weigand genutzt hat, ragt ein prächtiges Buch heraus, das eigentlich Heinrich VI. gewidmet ist, dessen erste (und umfangreichere) Teile aber fast ausschließlich Konstanzes Leben und Wirken zum Thema haben, und die offenbar von anderer Hand stammen: Um die Entstehung dieses Kunstwerkes rankt sich ein fiktiver Erzählstrang, und die Geschichte von Gottfried dem Schreiber, seiner Schwester und dem Mann ihres Herzens ist fast noch spannender als die Konstanzes. So ist "Das Buch der Königen" eine fesselnder historischer Abenteuerroman mit romantischen Einsprengseln, geschrieben von einer Frau über eine Frau, aber beileibe nicht nur für Frauen.


The Accidental Apprentice
The Accidental Apprentice
von Vikas Swarup
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,20

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Sapna und die Sieben Plagen, 24. Juni 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Accidental Apprentice (Taschenbuch)
Vikas Swarup ist der hierzulande kaum bekannte Autor von "Q & A", der Romanvorlage zum Oscar-gekrönten Slumdog Millionaire (die deutsche Übersetzung trägt den unsäglichen Titel "Rupien, Rupien!"). Dass er eine Schwäche für Underdogs hat, hat nun auch mit "The Accidental Apprentice" bewiesen.

Der Roman beginnt als ein modernes indisches Märchen. Sapna Sinha, Verkäuferin in einem Elektrogeschäft, wird im Tempel von einem alten Mann angesprochen, der ihr ein verrücktes Angebot macht: Er offeriert ihr den Posten der Vorstandsvorsitzenden seiner ABC Group of Companies, Indiens größter Firma (die Analogien zur Firma Reliance der Brüder Ambani werden im weiteren Verlauf noch deutlicher). Einzige Bedingung: Sie muss sieben Prüfungen bestehen, in denen sie die charakterliche Eignung für diese Position unter Beweis stellt. Worin diese Prüfungen bestehen, verrät er ihr nicht; er behauptet sogar, sie selber nicht zu kennen. 200 000 Rupien (ca. 2500 Euro) soll sie auf die Hand bekommen, wenn sie sich darauf einlässt, eine Menge Geld für eine kleine Verkäuferin.

Sapna findet das alles aber wenig vertrauenerweckend und lehnt das Angebot vehement ab. Kurze Zeit später gerät ihre Familie aber plötzlich in Geldnot, und sie sieht keinen anderen Ausweg als zuzusagen. Und dann muss Sapna zeigen, was in ihr steckt.

Sie wird mit sämtlichen Übeln konfrontiert, die dieses riesige Land plagen: Zwangsehen, Korruption, Kinderarbeit, Organhandel, Massenvergewaltigungen, Säureattentate, selbst die dunklen Seiten des Showbusiness werden mehr oder weniger schematisch abgearbeitet - eigentlich ein Schnellkurs über die gesellschaftlichen Probleme Indiens. Dass sich Sapna immer wieder zur Zufriedenheit ihres mysteriösen Mentors schlägt, ist vorauszusehen, und im Grunde ist alles ein entsetzlicher, klischeehafter Kitsch: Die Gutmenschelei geht an einer Stelle sogar so weit, dass Sapna auf wilder Flucht vor der Polizei (auch das darf verraten werden, denn das Buch beginnt damit, dass alles ein böses Ende nimmt) dem Neubau eines Einkaufszentrums gegenüber steht und da doch tatsächlich den Kopf frei hat, das allmähliche Verschwinden der Grünen Lunge New Delhis zu beklagen (S. 386). Nichts gegen wahre Heldinnen, aber das ist schon sehr grenzwertig. Ein buchgewordener erhobener Zeigefinger.

Ich muss aber auch zugeben, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Es ist schnell und spannend geschrieben (wobei sich die Klischees der Handlung ein wenig zu oft in einer etwas abgenutzten Metaphorik widerspiegeln), es gibt jede Menge Überraschungen und Gänsehautmomente, und ich könnte mir gut vorstellen, dass am Drehbuch für den nächsten Hollywood-Blockbuster schon gearbeitet wird. Auf der anderen Seite ist die Story einfach zu absurd, auch wenn sich mancher Zufall später nicht als solcher erweist, und allein die Vorstellung, eine Mittzwanzigerin mit gerade mal College-Ausbildung zur Chefin eines Großunternehmens machen zu wollen, passt, wie gesagt, in ein Märchen, aber stellt die Handlung doch auf sehr wackelige Füße. Da mögen Sapnas Soft Skills noch so ausgeprägt sein.


Meine Mitgefangenen
Meine Mitgefangenen
von Michail Chodorkowski
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,99

20 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Geschichten aus dem Gulag, 15. Juni 2014
Rezension bezieht sich auf: Meine Mitgefangenen (Gebundene Ausgabe)
Mancher Luxus, in dem man lebt, ist einem häufig nicht bewusst. Dazu gehört zum Beispiel ein unabhängig funktionierendes Rechtssystem, und es ist kein Fehler, wenn uns verwöhnten Mitteleuropäern das hin und wieder klar gemacht wird. Die Lektüre von Michail Chodorkowskis Büchlein ist so eine Gelegenheit.

Er hat eine absurde, für russische Verhältnisse aber nicht untypische Karriere hingelegt. Drei Jahre nach seinem Universitätsabschluss 1986 ist er bereits Chef einer der ersten Privatbanken Russlands (wie er das geschafft hat, lässt der ansonsten recht ausführliche Lebenslauf im Anhang leider offen), wird, noch nicht einmal dreißig Jahre alt, Berater Jelzins, und nach einigen raffinierten Deals in kurzer Zeit einer der reichsten Männer Russlands.

So schnell, wie es aufwärts ging, geht es aber auch wieder abwärts: Einer der sichersten Wege, in Russland ins Gefängnis zu kommen, ist, etwas zu besitzen, was jemand anderes gerne hätte, vor allem dann, wenn man sich erdreistet, einen bestimmten lupenreinen Demokraten gegen den Strich zu bürsten. Zehn Jahre, von 2003 bis 2013, verbringt er in verschiedenen Lagern.

Wie fundiert die Anklage ist, die ihn dorthin gebracht hat, sei dahingestellt - das ist auch nicht das Thema des Buches. Hier geht es um die Menschen, denen er dort begegnet ist, und um ihre Geschichten. Da, wie er sagt, in Russland jeder ins Gefängnis geraten kann (und etwa jeder 10. tut es im Laufe seines Lebens auch), hat man es hier mit einem recht repräsentativen Querschnitt durch die Gesellschaft zu tun. Es gibt den, der für ein paar Rubel oder Zigaretten seinen Kameraden ans Messer liefert, aber auch den, der der Versuchung widersteht und damit seine Gesundheit aufs Spiel setzt. Kein Grund ist zu absurd, um verhaftet zu werden, und willfährige Zeugen und Richter finden sich immer. Jede Geschichte ist eine Anklage; die Frage, auf welcher Seite des Gesetzes sich die größeren Verbrecher befinden, ist mehr als berechtigt.

Und jede Geschichte schließt mit einer Botschaft. Mit der Zeit beginnen sich diese allerdings zu ähneln, und etwas weniger Breite, dafür mehr Tiefe wäre für meinen Geschmack besser gewesen. Überhaupt darf man nicht erwarten, dass hier ein neuer Solschenizyn geboren wurde, dafür sind der Stil zu hölzern und die Figuren zu blass (da hilft es auch nichts, wenn jedes Kapitel mit einem Namen überschrieben ist, zumal dieser, darauf wird man jedes Mal aufs Neue hingewiesen, ja geändert wurde). Die großkalibrigen "Wirtschaftskriminellen" mit ähnlicher Vita wie Chodorkowski treten nicht auf, sondern es sind die kleinen Rädchen und Sandkörnchen im russischen Justizgetriebe, an denen er das durch und durch verrottete System beschreibt. Ein System, das vor allem dem Zweck dient, Macht und Wohlstand einiger Weniger zu mehren. Gerade jetzt ist es Zeit, daran mal wieder zu erinnern.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 18, 2014 10:14 AM MEST


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