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"rolf-mayer"

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Mein Leben
Mein Leben
von Marcel Reich-Ranicki
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 25,00

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Leben für und ein Leben durch die Literatur, 10. März 2003
Rezension bezieht sich auf: Mein Leben (Gebundene Ausgabe)
Marcel Reich-Ranicki ist durch das im ZDF ausgestrahlte "Literarische Quartett" zu einer der schillerndsten Erscheinungen in der Medienwelt avanciert. Man kennt ihn als einen lauten, nicht selten polemischen, sicherlich stets auch humorvollen Diskutanten, der - und dies ist seine höchste Maxime - sein Publikum zu jeder Zeit unterhält. Natürlich ist dies nur eine Facette dieses Kritikers, dessen Leben schon vor dem Jahr 1988, dem Jahr, in dem das erste "Literarische Quartett" gesendet wurde, ganz und gar der Literatur gewidmet ist. Zahlreiche Publikationen, vor allem über Heinrich Heine, sind in die Forschungsliteratur eingegangen, wenngleich die Germanisten gerne auf Distanz zu Reich-Ranicki gehen. Mit seiner Autobiographie "Mein Leben" stellt sich Marcel Reich-Ranicki dem Leser von einer neuen Seite vor, man begegnet einem zumeist ruhigen, reflektierenden, alle Zwischentöne der Sprache souverän beherrschenden Menschen, einem Schriftsteller eben, der nicht immer auf das nächste Bonmot aus ist, sich nicht ständig in einem Wortgefecht zu beweisen hat. Dass dabei die bekannte gedankliche Schärfe seiner Argumentation nicht verloren geht, ist eine weitere Stärke des Buches. Was erfahren wir nun aber über das Leben des Marcel Reich-Ranicki? Es wird uns vor allem eine Leidens- und zugleich eine Liebesgeschichte vorgeführt, beide Stränge sind nicht voneinander zu trennen. Wir begreifen zudem, dass dem heimatlosen Reich-Ranicki nur die Zuflucht zur Literatur blieb, um am Leben zu bleiben. Im Jahre 1920 in Polen geboren, siedelt er noch in seiner Jugend nach Berlin über. Doch das Land der Dichter und Denker, das Land der Kultur, erweist sich schon bald als ein Land der Barbarei. Und so führt ihn die Deportation der Juden durch die Nationalsozialisten im Jahre 1938 nach Polen zurück, letztendlich in das Warschauer Ghetto. Ergreifend und erschreckend zugleich ist die Schilderung des alltäglichen Lebens im Ghetto, in dem auch die Liebesgeschichte um Marcel und Teofila Reich-Ranicki ihren Anfang nimmt. Schockierend ist vor allem anderen die Willkür des Wachpersonals, das vor keiner Erniedrigung der Juden Halt macht. Leben und Tod liegen in ihrer Hand, und doch entwickelt sich - und dies vor dem Hintergrund einer ständig drohenden Deportation in eines der Vernichtungslager - ein phasenweise geregeltes Leben - ein Leben in permanenter Angst freilich. Intellektuelle gründen literarische Zirkel, Musiker schließen sich zu kleinen und größeren Orchestern zusammen, es wird ein reger Tauschhandel mit der polnischen Bevölkerung betrieben - mit und ohne Wissen der Wachmannschaften.
Enttäuschen wird Reich-Ranicki mit seiner Autobiographie allenfalls all diejenigen Zeitgenossen, die den großen und sicherlich nicht bequemen Kritiker nun gerne selbst in den Mühlen der Kritik untergehen sehen wollen. Aber vielleicht gibt es davon weniger, als Reich-Ranicki dem Leser manchmal glauben machen möchte. Einziges Manko des Werkes scheint zu sein, dass eine gewisse Selbstinszenierung mitschwingt, derjenige Leser, der nach Eitelkeit und Eigenlob sucht, wird reichlich bedient. Schließlich ist, und dies kann kaum verwundern, doch ein gewisser Bruch zwischen den ersten drei und den beiden folgenden Abschnitten zu konstatieren. Die Einfühlsamkeit, mit der der Überlebenskampf im Dritten Reich geschildert wird, das Phänomen des Zufalls als einzige konstante Größe spürbar wird, diese Einfühlsamkeit geht im zweiten Teil oftmals verloren. Die gewährten Einblicke in das deutsche Verlagswesen wirken dagegen manchmal etwas banal, eben allen existentialistischen Momenten enthoben. Natürlich fasziniert den Leser, wie viele bedeutende Dichterbekanntschaften der Kritiker Reich-Ranicki knüpfen durfte: aber die Portraits von Anna Seghers, Heinrich Böll, Günter Grass, Walter Jens oder Siegfried Lenz, sie alle bleiben doch etwas blass vor dem geschilderten Hintergrund, sind aufgrund der angestrebten Fülle in sich zu skizzenhaft. Selbst der Einblick in das Innenleben der Gruppe 47 hat nicht die Plastizität, mit der die Jahre der Jugend geschildert werden.
Sicher ist aber, wer die Autobiographie "Mein Leben" von Marcel Reich-Ranicki gelesen hat, der wird den Beginn des "Literarischen Quartettes" in Zukunft anders verfolgen. Die ersten Takte des Allegro molto aus Beethovens Quartett opus 59, Nr. 3, in C-Dur führen Reich-Ranicki unwillkürlich in die dunkelste Zeit seines Lebens zurück. Ein Streicherorchester im Warschauer Ghetto spielte dieses Quartett des öfteren und besonders einprägsam, alle Musiker des Orchesters und die meisten der Zuhörer sind der Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten zum Opfer gefallen. Der Mensch Reich-Ranicki gedenkt ihrer in diesen Sekunden.


Im Westen nichts Neues: Roman. Ohne Materialien
Im Westen nichts Neues: Roman. Ohne Materialien
von E.M. Remarque
  Taschenbuch

45 von 48 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die verlorene Generation, 10. März 2003
Die Schonungslosigkeit, mit der Erich Maria Remarque die Schrecken des Ersten Weltkrieges aufzeigt, ist schockierend - aber gerade die Schrecken dieses Krieges verlangen nach einer solch schonungslosen Darstellung.Dadurch, dass Remarque seinen Roman in der Ich-Perspektive verfasst, wird der Leser zum unfreiwilligen Zeugen der Geschehnisse. Er liegt geradezu neben dem Protagonisten Paul Bäumer im Schützengraben, im Lazarett, geht mit ihm auf Patrouille, wird mit ihm zum Angriff aufgefordert, durchläuft mit oder gleich diesem einen Prozess des Leidens und der Verrohung. Über allem Grauen, einem alptraumartigen Grauen ohne Hoffnung, steht die nüchterne Erkenntnis, dass in dieser apokalyptischen Welt des Kampfes nur der Zufall über Leben und Tod entscheidet. Dies führt zum einen zu einer radikalen Ich-Erfahrung, die eine Begegnung mit dem Du fast unmöglich macht, zum anderen zur Entmenschlichung, zur Reduktion des Menschseins auf elementare Bedürfnisse, animalische Verhaltensmuster. Wenn Peter Bäumer einem gegnerischen Soldaten, der zufällig in dem gleichen Graben Schutz sucht wie er selbst, ein Messer in den Körper stößt, mehr aus Angst als aus irgendeinem anderen Beweggrund, dessen Sterben sodann über Stunden verfolgt, ohne einer Handlung fähig zu sein, dann ahnt der Leser nicht ohne Erschrecken über sein eigenes Ich, dass ihm hier auch sein mögliches Verhalten in der gleichen Situation vor Augen geführt wird, dass in extremen Momenten die Situation die Handlung bestimmen kann und nicht - wie erhofft - die Gesinnung.
Eine andere Dimension des Werkes, die sich zumeist in Rückblenden eröffnet, entlarvt die hohle Kriegseuphorie der Erzieher, die Konventionen militärischen Gebärderns in Friedenszeiten und den blinden Nationalstolz. Zudem wird der kalte Glaube an ein militärisches Kalkül, das kein Individuum denken darf, radikal zertrümmert. Transparent wird schließlich, warum gerade die Generation der um 1890 Geborenen nie wieder Fuß fassen kann. Sie gehen als Adressaten des propagandistischen Räderwerkes gänzlich unvorbereitet in den Krieg, haben zudem als Jugendliche keinen Halt in der Welt, in die sie sich zurücksehnen - eine Welt, die die wenigen Rückkehrenden dann aufgrund ihres völligen Unverständnisses weiterleiden lässt. Das Lesen des Romans wird vor allem durch die unerhörte Spannung bestimmt, die sich aus Identifikation und Mitfühlen auf der einen Seite sowie Abscheu und Verachtung auf der anderen Seite ergibt. Bei aller Drastik und Brutalität regiert doch Nähe; die Distanz, nach der man sich manchmal geradezu sehnt, sie fehlt - und gerade dies ist die Stärke des Werkes. Denjenigen Kritikern, die Remarque vorwerfen, die Soldaten würden in der Rolle des Opfers präsentiert, Verantwortung an eine andere, letztendliche undefinierbare Instanz abgeschoben, ist die Frage zu stellen, ob nicht gerade diese fast noch unmündigen Wesen, die gerade der Schulbank entwachsen sind und sich im Feld, das ihnen als der Ort der Ehre angepriesen wurde, wiederfinden, ein Recht auf eine solche Darstellung haben. Die Kritik, die dem Werk durchaus immanent ist, zielt in eine andere Richtung. Eindrucksvoll wird vorgeführt, dass die Entscheidung über Krieg und Frieden nicht oder aber zumindest nicht allein vom Soldaten im Schützengraben gefällt wird. Diejenigen, die alle Schuld auf den Soldaten schieben, der den Finger am Abzug hat, fliehen vor der eigenen Verantwortung.


Lenz: Erzählung (insel taschenbuch)
Lenz: Erzählung (insel taschenbuch)
von Georg Büchner
  Taschenbuch

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Anschauliche Pathogenese oder Der Beginn der Moderne, 10. März 2003
Georg Büchner zeigt in seiner fragmentarisch überlieferten Novelle "Lenz" den Ausbruch einer Krankheit - dies aber nicht in dokumentarischer Form, sondern anhand der poetisch gestalteten Wanderung seines Protagonisten Lenz durch die winterlich geprägte Landschaft der Vogesen. Der Leser wird Zeuge einer bedrückenden Pathogenese. Als Quelle dient Büchner ein Bericht des Pfarrers Oberlin, in der dieser den Aufenthalt des Sturm-und-Drang-Dichters J.M.R. Lenz im elsässischen Waldersbach im Januar des Jahres 1778 detailliert beschreibt. Büchner verdichtet die Ereignisse und eröffnet somit eine ganz eigene Welt. Mit jedem Schritt des Protagonisten Lenz dringt der Leser tiefer in dessen Seele ein - wir durchwandern eine Seelenlandschaft, eine Welt, wie sie von einer gefährdeten Natur wahrgenommen wird. Alles lebt, der hypersensible Wanderer spürt jede Regung der Natur, besser gesagt, er sieht seine Schwingungen in der Natur. Die Stille wird zum unerträglichen Lärm, alles ist träg, schwer, feucht und plump - und jede Beschreibung der Natur ist zugleich eine Beschreibung der Befindlichkeit Lenzens. In sogenannten Naturparallelismen evoziert der Dichter neben der greifbaren Welt einer unbehaglichen Gebirgslandschaft auch die innere Welt seines Wanderers. Und der Leser ahnt, dass hinter diesem Menschen "der Wahnsinn auf Rossen" herjagt. Die Episoden, die Büchner zumeist nur andeutet, sind oft eindringlicher als diejenigen eines Romanciers. Die Versuche der Selbstzerstörung, hinter denen der Versuch der Auflösung einer als unerträglich empfundenen Individuation steht, die Suizidversuche, der Versuch einer Totenheilung - all dies lässt den Leser dicht an die Seele dieser armseligen Kreatur rücken. Und schließlich ist die Frage der Theodizee in der Literatur kaum eindringlicher gestellt worden. Ein Werk, in das Büchner sein medizinisches Wissen eingebracht hat, zudem seine poetologischen Überzeugungen, vor allem aber eine unvergessliche Seelenwanderung und ein Werk, das den Beginn der Moderne markiert: und dies sowohl aufgrund seiner gedanklichen Tiefe als auch aufgrund seiner sprachlichen Dichte.


King Lear / König Lear [Zweisprachig]
King Lear / König Lear [Zweisprachig]
von Raimund Borgmeier
  Taschenbuch
Preis: EUR 6,80

9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Tragödie des Alters und des Alterns, 13. Januar 2003
Die Tragödie "King Lear" von William Shakespeare umfasst gleich zwei Tragödien: zum einen die Tragödie des starrsinnigen Lear, der seine treue Tochter Cordelia selbst verbannt und an den Folgen seiner Tat zerbricht, zum anderen die Tragödie des getäuschten Gloster, der von seinem unehelichen Sohn Edmund dazu gebracht wird, seinen treuen Sohn Edgar zu verstoßen. Die zweite Tragödie ist - einschließlich aller Elemente der wohl kalkulierten Intrige - mit derjenigen des alten Moor in Schillers "Die Räuber" zu vergleichen, der bekanntlich zur Marionette des hinterlistigen Franz wird. Die beiden Handlungsstränge sind, auch wenn sie weitestgehend parallel geführt werden, in einigen Passagen miteinander verknüpft. Die Tragödie des König Lear wird - auch wenn er letztendlich die Rolle des Opfers einnimmt, dem der Zuschauer mit Mitleid begegnen muss - von diesem selbst verursacht. Anlass für all sein kommendes Elend ist die eitle Aufforderung an seine Töchter, ein Loblied auf ihn, den mächtigen - wenngleich greisen - König und Vater, zu singen. Diejenige, die am schönsten "singt", man könnte auch sagen, die am aufdringlichsten schmeichelt, soll bei der anstehenden Aufteilung des Reiches bevorteilt werden. Am Anfang der Tragödie steht also ein höchst willkürlich eingeforderter Liebesbeweis, freilich ein Liebesbeweis des Wortes, nicht aber einer der Tat. Die Einsicht Lears in sein falsches Handeln, die ihm in lichten Momenten durchaus möglich wird, hat keine heilbringende Wirkung mehr. Zu spät entwickelt Lear die Fähigkeit des Mitempfindens, der Reue und der Umkehr. Seine Schuld am Los der Cordelia lässt ihn zerbrechen. Das Stück endet - vielleicht ohne ein gesundes Maß an poetischer Gerechtigkeit - in der Radikalität der meisten Tragödien Shakespears. Da Gutes und Böses unvermittelt nebeneinander stehen, ja sogar verwandt sind, kann nicht das eine isoliert siegen, das andere untergehen. In dieser Einsicht und in der Übersteigerung der menschlichen Abgründe, die aufgezeigt werden, liegt die Modernität des Stückes.


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