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Bio-Observer

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Die Weltverschwörer: Was Sie eigentlich alles nie erfahren sollten
Die Weltverschwörer: Was Sie eigentlich alles nie erfahren sollten
von Helmut Reinalter
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Alles immer nur Einbildung ?, 20. April 2013
Reinalters Buch ist zunächst einmal eine Falle für all jene, die ihren nächsten Verschwörungskick suchen. Der Titel suggeriert Lektüre a la van Helsing und Co., aber Reinalter will die Lust an der Verschwörungstheorie nicht bedienen, sondern ihr wissenschaftlich zu Leibe rücken. Zwar spricht er einige historische, aber auch aktuelle Verschwörungstheorien konkret an, aber es geht im dabei in keinem Falle um eine Abwägung der pro- oder kontra-Argumente. Er vermeidet peinlich die naheliegende Erklärung, dass dunkle Vermutungen aus dem Umstand entstehen, dass man eben immer nur einen kleinen Teil der Realität wahrnimmt und sich den Rest – insbesondere auch Kausalzusammenhänge - irgendwie zusammenreimen muß (siehe Platons Höhlengleichnis). Das tun einfache Menschen genauso wie Politiker, Börsenspekulanten oder Militärs – wenn auch auf anderem Niveau. Die Annahme, dass hinter so manchem Ereignis Personen mit eigennützigen bis brutal rücksichtslosen Motiven stehen, ist keinesfalls immer unvernünftig, wenngleich auch nicht immer zutreffend.
Eine für meinen Geschmack sinnvolle Herangehensweise an das Phänomen von vermuteten Verschwörungen beinhaltete den Versuch,ein System zu entwerfen, mithilfe dessen die Wahrscheinlichkeit der Stichhaltigkeit einer solchen Vermutung ermittelt werden kann. Ein solches Buch könnte Beispiele anführen, wie tatsächlich Verschwörungstheorien durch rationale Argumente entkräftet oder vielleicht auch erhärtet wurden. Es war aber gar nie die Absicht des Verfassers ein solches Buch zu schreiben. Reinalter genügte es, wortreich gegen alle zu Felde zu ziehen, die hinter dem einen oder anderen Ereignis Kräfte vermuten, die sich nicht zu erkennen geben.
Konkret geht es ihm vor allem darum, alle die hinter so mancher Revolution und hinter dem Wirken von Kommunismus und Sozialismus oder gar hinter dem Freimaurertum verschwörerische Aspekte sehen als reaktionäre Hohlköpfe erscheinen zu lassen, die einfach geistig und moralisch nicht in der Lage sind, seinen Vorstellungen von fortschrittlichem Denken zu folgen. Diese Vorstellungen treten spätestens im Kapitel über die französische Revolution klar zu Tage. Über fünf Seiten ergötzt er sich an all den wunderbaren Proklamationen von Freiheit, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit. Er vergisst aber leider zu erwähnen, dass während Robespierre und Co. Ihre schönen Reden hielten, auf ihr Geheiss Ströme von Blut flossen und der ganze Schrecken dem Großverbrecher Napoleon den Weg bereitete, der mit falschem Pathos ganz Europa ins Elend stürzte. Im Gegenteil, der Autor versucht alle jene als muffige Reaktionäre und klerikale Kleingeister darzustellen, welche hinter den Erben der französischen Revolution, notabene hinter sozialistischer Internationale und Kommintern mehr als blosse Klubs zum Briefmarkentauschen sahen. Laut Reinalter gedeihen Verschwörungsvermutungen vor allem im rechten Lager und zielen völlig zu Unrecht auf Freimaurer und andere Speerspitzen der aufgeklärten Vernunft. Er geht hierbei aber soweit, dass er seinem Anliegen einen Bärendienst erweist und so mancher Leser mit Schiller sagen wird: „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“.
So schreibt er auf Seite 132: „Das rechtsextreme Weltbild weist verschiedene ideologische Elemente auf: „eine Ideologie der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern, zwischen Ethnien und zwischen Nationen als zentrales Kernstück; …“ Wenn man diesen Spiess umdreht, dann erscheinen plötzlich erstaunliche viele Denkgebäude als rechtsextrem, denn so gut wie alle Religionen sehen eine Ungleichheit der Geschlechter und so manche Nation (=Staat) betrachtet sich als anderen überlegen, weil demokratischer oder weil obendrein noch „Gods own country“. Wenn – rein hypothetisch freilich – ein solches Land die Hälfte der weltweiten Rüstungsausgaben verbucht, 300 Militärstützpunkte ausserhalb seines Staatsgebietes betreibt, und sich offenbar das Recht nimmt zu jeder Zeit an jedem beliebigen Ort der Welt militärisch aktiv zu werden, dann ist nicht so ganz klar, ob wirklich alle Verschwörungstheoretiker (Stichwort auf S. 142: Iraner) immer falsch liegen. Kurioserweise kann es sich der Autor dann auch nicht verkneifen, eine Reihe von Ungereimtheiten der offiziellen 9/11 Erzählung anzuführen. Damit stösst er ins Horn genau jener, gegen die er ansonsten das ganze Buch hinweg zu Felde zieht. „Also was jetzt, Herr Professor?“ – möchte man fragen.
Deutlich klingt seine Abneigung gegenüber der religiös motivierten Ablehnung aufklärerisch-freimaurerischer Gedanken durch. Sorgsam beschränkt er diese Ablehnung natürlich auf die christliche Religion, jedoch müsste er – der Ethiker und Rationalist reinsten Wassers – so ehrlich sein zuzugeben, dass alle bei uns relevanten Religionen hier im gleichen Boot sitzen. Aber, Du meine Güte, dann würde ja der Herr Professor selbst im Boot mit genau jenen rechten Verschwörungstheoretikern sitzen, die es an den Pranger zu stellen gilt.
Egal, die Studenten, pardon Student_innen in seinen Seminaren werden diese Bruchstellen in seiner aufgeklärten Logik schon nicht bemerken. Dennoch, man kann das Büchlein durchaus mit Interesse lesen. Vielen wird es aber dann so gehen, wie Galileo, der – angeblich – nach dem Prozess sagte: „Und sie dreht sich doch“.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 26, 2013 6:50 AM MEST


Der heilige Deix
Der heilige Deix
von Manfred Deix
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,95

3 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Selektiver Heldenmut, 1. April 2013
Rezension bezieht sich auf: Der heilige Deix (Gebundene Ausgabe)
Na, so ein Held aber auch, der Deix - hat keine Angst vor der FPÖ (wie Rezensent Döring weiß) und vor der katholischen Kirche mit ihrer furchterregenden Schweizergarde sowieso nicht. Ohne Deix wüssten wir gar nicht, was Priester unter der Soutane haben. Da kann man sich ja schon freuen auf seine mindestens ebenso mutigen Enthüllungen über die Zustände in staatlichen Kinderheimen (Wilhelminenberg!), über die fröhliche Christenverfolgung in fast allen muslimischen Staaten und über die lustige Scharia. Ein schmales Bändchen über Ehrenmorde in Mitteleuropa könnte sich recht gut verkaufen. Löckchen an den Schläfen sind vielleicht auch ein lustiges Motiv. Mit diesem Sujet wurde doch seinerzeit schon viel Humor verbreitet. Selektives Lächerlichmachen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen ist höchst problematisch. Haben sich Julius Streichers Zeichner auch auf die Freiheit der Kunst berufen?
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 3, 2013 12:23 PM MEST


Transatlantische Wechselwirkungen.: Der Elitenwechsel in Deutschland nach 1945.
Transatlantische Wechselwirkungen.: Der Elitenwechsel in Deutschland nach 1945.
von Stefan Scheil
  Broschiert
Preis: EUR 28,00

15 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Aufbruch in den Westen, 3. Juli 2012
Dieses Buch hat sich die beiden ersten sinnleeren Rezensionen wirklich nicht verdient. Obwohl, es ist in der Tat ein schlechtes Buch für drei möglicherweise grosse Gruppen von Lesern: Zuerst für all jene, die die Welt nur in Schwarz oder Weiß sehen wollen ' egal in welcher Zuschreibung; weiters für jene, die sich das Korsett der politischen Korrektheit gerne allzu eng schnallen und manche Fakten lieber gar nicht sehen oder bis zur Unkenntlichkeit überschminkt haben wollen. Letzlich ist es auch kein Buch für jene, die leichte Kost bevorzugen á la '12 Tricks für ein besseres WeissderGeierwas'. Man muss bei vielen Sätzen nachdenken und das Springen zwischen Text und Fußnoten verlangt Ausdauer, denn Scheil hat sich - nicht zum ersten mal - wirklich Mühe gemacht, Quellen ans Licht zu fördern, die oft sehr im Verborgenen liegen. Er kann damit höchst interessante Zusammenhänge über die Entwicklung des Geisteslebens der Nachkriegszeit aufzeigen. Höchst aufregend ist es zu erfahren, dass viele der Dinge, die an Schulen und Hochschulen geschahen ' notabene in den Bereichen Soziologie und Politikwissenschaften ' keinesfalls zufällige Entwicklungen und in wesentlicher Weise nicht autochtonen Ursprungs waren. Scheil zeigt mit beachtlicher intellektueller Schärfe die inneren Widersprüche einer Erziehung zu demokratischer Gesinnung durch einen letztendlich in dieser Schnelligkeit und Konsequenz durch die westlichen Allierten in die Wege geleiteten Prozeß. Er verzichtet dabei auf Polemik und Wertung dieses Geschehens. Somit kann jedermann dieses Buch mit grossem Gewinn lesen, die Eine mit Genugtuung über das ja offenbar erfolgreiche Vorgehen zur 'Demokratisierung' Deutschlands und seine Einbindung in die westliche Staatengemeinschaft, der Andere mit leichtem Groll über den Versuch der kulturellen Bevormundung eines Landes, dessen verworrene Geschichte ja auch lange Phasen hatte, die seine Fähigkeit zu einer gesunden staatlichen Entwicklung aufzeigen.


Kommandant in Auschwitz: Autobiographische Aufzeichnungen des Rudolf Höß
Kommandant in Auschwitz: Autobiographische Aufzeichnungen des Rudolf Höß
von Martin Broszat
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Beeinflusst ?, 8. November 2011
Eines der wichtigsten Bücher über dieses grauenhafte und trotz aller Befassung unbegreifliche Verbrechen - wie von den anderen Rezensenten schon ausreichend dargelegt. Ich fand leider keine Begründung zwischen der Diskrepanz der von Höß angegeben Opferzahl und jenen, welche von der Lagerleitung heute dem Besucher gezeigt werden (die übrigens etwa 1990 von 4 auf 1.5 Millionen gesenkt wurde). Vielleicht erklärt sich der Unterschied daraus, dass Höß in polnischer Gefangenschaft, also quasi in stalinscher, Gefangenschaft war und er die Memoiren nich völlig unbeeinflusst verfasst hat. Egal, das ändert ja nichts am Leid der Opfer.


Stalins Vernichtungskrieg 1941-1945: Planung, Ausführung und Dokumentation
Stalins Vernichtungskrieg 1941-1945: Planung, Ausführung und Dokumentation
von Joachim Hoffmann
  Gebundene Ausgabe

6 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Auch diese Seite sehen !, 5. November 2011
Ein enorm wichtiges Buch, das eine neue Auflage verdienen würde. Die Fülle an Material, die Hoffmann hier zum Beweis der hasserfüllten Brutalität des stalinistischen Systems sammelt ist überwältigend. Die Bestialität gegenüber Soldaten wie auch Zivilisten ist erschütternd. Die UDSSR hatte übrigens der Genfer Konvention und der Haager Landkriegsordnung nicht zugestimmt.
Jenen kritischen Rezensenten, die das Buch als rechtsradikalen Unsinn abtun, kann man mit Fug und Recht "Verhöhnung der Opfer" vorwerfen. Freilich ist es auch ein "gefährliches" Buch, da sich dem Leser natürlich der Gedanke aufdrängt, dass "Barbarossa" so unbegründet nicht gewesen sein könnte - zumal gemessen an den lächerlichen Vorwänden, welche die USA bemühen um andere Länder zu bombardieren.
Noch gefährlicher ist der Verdacht, dass so manches, was heute unser nationales Gewissen drückt, der Feder stalinistischer Hasspropagandisten entstammen könnte.
Leider ist das Buch aber in weiten Teilen eine etwas ermüdende Materialsammlung und kein flüssig lesbares Werk, deshalb nur gute 4 Punkte.
Kommentar Kommentare (10) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 26, 2013 6:59 AM MEST


Die zweite Erschaffung der Welt: Wie die moderne Naturwissenschaft entstand
Die zweite Erschaffung der Welt: Wie die moderne Naturwissenschaft entstand
von Floris Cohen
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,90

4 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Athen versus Alexandria, 15. September 2011
Der Autor des Buches "Die zweite Erschaffung der Welt" versucht nicht bloß, den verworrenen Gang der Erkenntnis der Natur von den alten Griechen bis zu den Klassikern der modernen Physik zu erzählen. Das hätten ja auch schon so einige andere Bücher getan. Cohen wagt sich daran, dem Unterfangen eine Struktur zu geben, indem er die verschiedenen Denker in Denkschulen - ausgehend von Athen und Alexandria - einteilt. Ein interessanter Versuch, der nur leider allzu bemüht dem Geschehen aufgedrängt wird. Diese etwas künstliche Einteilung behindert den Lesefluss. Leider opfert der Autor diesem Unterfangen auch viel von der Sorgfalt, die notwendig gewesen wäre, um die Gedanken selbst dem Leser näher zu bringen. Man erfährt viel Interessantes über Kopernikus, Galilei und Kepler und andere, aber ich bezweifle, ob Leser, die nicht ohnehin schon gut Bescheid wissen, nach der Lektüre die jeweiligen Erkenntnisse dieser Forscher wirklich begriffen haben. Ein Buch für Fortgeschrittene, die ihr Wissen über die Entstehung von Wissen einmal durch eine etwas andere Brille sehen wollen.


Die Eskalation des Zweiten Weltkriegs von 1940 bis zum Unternehmen Barbarossa 1941.
Die Eskalation des Zweiten Weltkriegs von 1940 bis zum Unternehmen Barbarossa 1941.
von Stefan Scheil
  Broschiert
Preis: EUR 38,00

20 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen 2. Auflage mit etwas anderem Titel !, 31. August 2011
Dieses Buch ist die zweite und etwas veränderte Auflage des Buches "1940/41 - Die Eskalation des Zweiten Weltkriegs" für das an anderer Stelle bereits zahlreiche, der Natur der Sache entsprechend stark unterschiedliche Rezensionen zu lesen sind. Daher nur soviel: Keine leichte Kost ! Erstens, weil in wissenschaftlichem Stil mit zahlreichen Quellenverweisen geschrieben; Zweitens, weil es dem braven deutschen Bürger den Schädel rauchen lässt. Sollte es wirklich möglich sein, dass ein ganzes Land (oder eigentlich 2) 55 Jahre lang belogen wurden und nach wie vor belogen werden ? Scheil stapelt Dokument um Argument auf, um genau das zu belegen. Spannender als jeder Krimi.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 18, 2012 3:03 PM MEST


Von Alkohol bis Zucker: 12 Substanzen, die die Welt veränderten
Von Alkohol bis Zucker: 12 Substanzen, die die Welt veränderten
von Christian Mähr
  Broschiert
Preis: EUR 16,95

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Christian Mähr, der deutschsprachige Bill Bryson !, 1. August 2011
Wissenschaft so locker und unterhaltsam, aber niemals billig und anbiedernd zu vermitteln, gelingt im Deutschen nur allzu selten. Mähr hat es mit diesem Buch geschafft. Die ungeheure Bedeutung von Chemie für unser Leben ist Chemikern ja bekannt. Dieses Buch bringt diesen Umstand auch Laien näher. Die vielen überraschenden Details machen die Lektüre für alle zum Gewinn und Genuss.


Stalins Krieg
Stalins Krieg
von Ernst Topitsch
  Broschiert

11 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unterwerfung oder Angriff, 26. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Stalins Krieg (Broschiert)
Es gibt zu diesem Themenkreis Bücher wie Sand am Meer. Die meisten sind von renommierten Historikern (ich verkneife mir die Gänsefüsschen) verfasst und so wie bei Kershaw oder Knopp ist bei diesen alles klar: Hitler war abgrundtief böse und die Deutschen folgten ihm unverständlicherweise zum Teil begeistert ins moralische und physische Verderben. Für mich als Nachgeborenen und Sohn eines WKII Überlebenden war das die längste Zeit Stand des Wissens. Seit einigen Jahren gibt es Bücher von Autoren (Musial, Schultze-Rhonhof, Maser, Suworow und wohl einigen anderen, die ich wegen meiner Ignoranz um Nachsicht bitte), in denen die Dinge auch aus anderen Blickwinkeln beleuchtet werden. Ein frühes, aber doch ganz besonders interessantes Beispiel dafür ist dieses Werk von Ernst Topitsch. Der Autor war Kriegsteilnehmer, angesehener österreichischer Philosoph und - darüber lässt er keinen Zweifel - kein Anhänger Hitlers. Umso gewichtiger sind seine Gedanken über die geschichtlichen Vorgänge der Weltkriegszeit.
Topitsch rollt die Ereignisse aus dem Blickwinkel Stalins auf und attestiert ihm, jene Idee der bolschewistischen Weltrevolution konsequent fortgesetzt haben zu wollen, die ja schon Lenins erklärtes Ziel war. Aus diesem Blickwinkel kommentiert er die enorme Aufrüstung der Sowjetunion, die Stationierung der Truppen an vordersten Grenzlinie, den Hitler-Stalin Pakt und die daraus resultierende Teilung Polens (die das zuerst einmarschierende Deutschland in den Augen des ohnehin schon feindseligen Westens endgültig zum teuflischen Aggressor machte) und auch den Molotow-Besuch in Berlin im Winter 1940/41.
Seine These lautet, dass Stalin ganz bewusst eine Situation schuf, welche Hitlerdeutschland nur die Möglichkeit zur Unterwerfung oder zum Angriff liess. Dann hätte Russland mit allem Recht der Welt zurückschlagen und seine Verteidigung auch auf das Territorium des Gegners tragen können. Ja, nach der Niederwerfung Frankreichs im Jahr 1940 wäre eigentlich ganz Westeuropa ungeschützt auf dem Präsentierteller gelegen. Stalin hätte sich nur ein klein wenig verschätzt, was die relative Kampfstärke der deutschen und der russischen Armee anlangte. Aber, ein paar Millionen Tote später und somit wohl um Einiges an eigenen Opfern mehr als geplant, ging der Plan ja doch auf und zumindest halb Europa genoss für einige Jahrzehnte den realen Sozialismus.
Ein Übergreifen der bolschewistischen Aggression auf ganz Europa hätte demnach die deutsche Wehrmacht vereitelt. Um Topitsch selbst zu Wort kommen zu lassen. "Es ist daher leicht zu ermessen, in welche Situation die großen Demokratien angesichts einer siegreichen sowjetischen Westoffensive in den Jahren 1941 und 1942 geraten wären. So wird man wohl daran erinnern dürfen, daß - bei aller unbedingten Verurteilung der von Hitler befohlenen oder in seinem Namen begangenen Verbrechen - Europa dem Opfergang des deutschen Soldaten auch einiges verdankt."
Für mich als ideologisches Neutrum macht dieser Erklärungsversuch sehr viel mehr Sinn als all jene Modelle, die nur auf das pathologische Wesen Hitlers oder den grundlegend autoritären, faschistischen oder wie auch immer verabscheuungswürdigen Charakter der Deutschen abstellen. Fazit: Ein völlig zu Unrecht ein etwas vergessenes Buch eine brillianten Autors, das es verdiente wieder hervorgekramt zu werden.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 30, 2013 10:09 PM CET


Stalin, Roosevelt
Stalin, Roosevelt
von Alan Posener
  Gebundene Ausgabe

1 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kurz und bündig, aber hochinteressant, 5. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Stalin, Roosevelt (Gebundene Ausgabe)
Alan Posener hat hier ein handliches, kleines Buch geschrieben, dass m.E. auch heute noch sehr viel mehr Beachtung verdiente, als es das Fehlen einer Beschreibung und anderer Rezensionen vermuten lassen. Es ist der angenehme, wenn auch leider seltene Fall, dass eine hochkomplexe Materie äusserst umfassend und aus verschiedenen Blickwinkeln behandelt wird. Der Leser ersäuft aber nicht, wie bei Historikerplatzhirschen (z.B. Ian Kershaw) in tausenden Details, sondern hat nach 160 Seiten ein ziemlich klares Bild von den beiden Titelhelden. Natürlich kommt Roosevelt sehr viel besser weg als Stalin, der von Posener nicht mit Samthandschuhen vorgeführt wird. Das ist nennenswert, da der Autor sich der linken bzw. 68-er Szene zuordnet. Dem Buch merkt man das aber nicht an. Vielleicht ist es gerade dieses Nicht-Einordenbare des Buches, das es zum Vergessenwerden verdammt. Niemand, der sich eine klare, plakative Aussage über Schuld oder Glorie von irgendjemandem erhofft, wird mit diesem Buch ganz glücklich. Am ehesten noch Anti-Kommunisten. Revisionisten werden ein paar Brocken finden, da Posener völlig unerschrocken 1.) haarscharf an die Präventivkriegs-These heranmanövriert, soll heissen: Stalins Absicht zum militärischen Angriff auf Deutschland recht deutlich anspricht und 2.) Roosevelts unbedingte Absicht die kriegsunwilligen Staaten auf einen Krieg gegen Deutschland einzupeitschen und dafür (zwecks Wiederwahl) schon mal eine geharnischte Wahllüge in Kauf zu nehmen, gegen die Bush's "read my lips" ein Scherzerl war. Jedenfalls fand ich in dem kleinen Bändchen überraschend viel Neues. Der Stil ist fesselnd und die Betrachtungen sind oft durchaus tiefschürfend.
Einziger Formfehler: Es gibt keine Quellenangaben. Somit kann man das Buch nicht als wissenschaftliches Werk bezeichnen. Aber, lieber ein ausgewogenes Buch ohne Quellen als ein scheinbar "wissenschaftliches", in Wahrheit aber völlig tendenzielles Opus.


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