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Rezensionen verfasst von
Andrin K. (Germany)

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GLAZUNOV: Raymonda. Live from the Teatro alla Scala
GLAZUNOV: Raymonda. Live from the Teatro alla Scala
DVD ~ Olesia Novikova
Preis: EUR 21,85

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ballett-Historismus, 3. Juni 2012
Im Bereich der Musik gibt es seit mehreren Jahrzehnten die Historische Aufführungspraxis, deren Vertreter das Ziel verfolgen, die so genannte Alte Musik des 17./18. Jahrhunderts von späteren Aufführungstraditionen zu befreien. Ähnliches läßt sich seit etwa 20 Jahren auch in der Ballettwelt beobachten - allerdings geht es hier um das Ballettrepertoire des 19. Jahrhunderts - denn spätere Generationen haben die urprünglichen Werke meist sehr stark verändert, um sie dem jeweiligen Zeitgeschmack anzupassen.
Da der Tanz eine flüchtige Kunstform ist und außerdem noch das Problem der Notation hinzukommt, unterscheiden sich Aufführungen desselben Werkes weltweit auch hinsichtlich des choreographischen Textes.
Sergej Vikharev, der Petipas "Raymonda" von 1898 auf dieser DVD der Mailänder Scala wiederbelebt hat, ist ein Spezialist im Bereich Rekonstruktion von Balletten der Petipa-Ära. Er hat bereits die Originalfassungen von "Dornröschen", "Coppélia" und "La Bayadère" zu rekonstruieren versucht, und auch diese "Raymonda" basiert auf alten Aufzeichnungen, die man in mehrjähriger Arbeit in Archiven aufgestöbert hat.
Diese betreffen die Kostüme und das Bühnenbild, vor allem aber natürlich die Choreographie. Man erkennt sofort die höfische Herkunft der Kunstform Ballett: Bühnenbild und Kostüme sind aufwendige Schaustücke mit sorgfältig arrangierten Tableaus. Die Tutus sind, anders als heute üblich, knielang, und die Kostüme der Männer würden die heute übliche Virtuosität wohl ziemlich behindern (Friedemann Vogels Kostüm im dritten Akt halte ich für ein kleines Zugeständnis). Das Ballett spiegelt die Faszination des späten 19. Jahrunderts mit dem Mittelalter einerseits und dem Orient andererseits wider, denn die realtiv dünne Handlung spielt zur Zeit der Kreuzzüge.
Das Gewicht liegt hier recht deutlich auf der Pantomime und auf Tanznummern, die wie Divertissements in die Handlung eingefügt sind. Alles erweckt den Eindruck der imperialen russischen Repräsentationskunst, man fühlt geradezu den Zar in der Mittelloge, wozu auch die von Wagner beeinflusste Musik Aleksandr Glazunovs beiträgt.
Raymonda selbst tanzt sechs Solovariationen, die alle einen anderen Aspekt ihrer höchst präzisen Technik vorstellen und Olesia Novikovas schöne Petersburger Körpersprache betonen (sie kommt vom Mariinsky-Ballett, wo "Raymonda" uraufgeführt wurde).
Anders als in späteren Bearbeitungen tanzen die Männer hier vergleichsweise wenig. Jean de Brienne beschränkt sich hauptsächlich auf Partneraufgaben im pas de deux und hat nur eine anspruchsvolle Variation im dritten Akt, auch Abderahman, der Sarazene, tanzt kein Solo, wodurch sich diese Rekonstruktion deutlich von Rudolf Nureyevs Pariser Fassung unterscheidet.
Natürlich entscheidet sich die Titelheldin am Ende für den "Richtigen" und bestätigt damit ihre aristokratische Position und die Erwartungen ihres ursprünglich ebensolchen Publikums.


Giselle
Giselle
DVD ~ Swetlana Lunkina
Preis: EUR 27,61

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Version von Yuri Grigorovich, 18. Mai 2012
Rezension bezieht sich auf: Giselle (DVD)
Das ist die neuste DVD dieses Balletts, die Produktion des Bolschoi-Theaters ist aber natürlich nicht neu, sondern stammt aus den 80er Jahren (Grigorovich nach Perrot/Coralli/Petipa). Der größte Unterschied zu den meisten westlichen Fassungen besteht in der Reduzierung der Pantomime und der dramatischen Aktion zu Gunsten des reinen Tanzes, die man auch in anderen russischen Ballettklassikern findet, deren noch heute gespielte Produktionen zu Zeiten der Sowjetunion entstanden sind (Schwanensee!).
Hier gibt es zum Beispiel nicht die Pantomime von Giselles Mutter Berthe, in der diese den Dorfbewohnern die schaurige Geschichte der Wilis erzählt, womit auch die entsprechende Musik gekürzt ist. Das verschiebt das Gleichgewicht des ersten Aktes meines Erachtens etwas, da die Vorahnung der Stimmung des zweiten Aktes hier fehlt.
Da "Giselle" zu den Schlachtrössern des Ballettrepertoires gehört und das Bolschoi diese Version inzwischen wohl hunderte Male getanzt hat, kann man davon ausgehen, dass sie den Tänzern der Hauptrollen schon seit ihrer Kindheit bekannt ist und das Corps de Ballet ebenfalls sehr viel Routine hat. So jedenfalls wirkt die Vorstellung auf mich; alles ist sehr präzise, das Timing zwischen Giselle und Albrecht am Anfang stimmt fast schon zu genau und wirkt dadurch etwas kalkuliert. Es fehlt ein wenig der spontane Ausdruck, man hat manchmal eher den Eindruck, einer Zeremonie zuzuschauen.
Die Tänzer: Svetlana Lunkina als Giselle ist im ersten Akt nicht so niedlich wie etwa Alina Cojocaru vom Royal Ballet, sie wirkt moderner, was aber im zweiten Akt meiner Meinung nach etwas auf Kosten des ätherischen Eindrucks geht. Sie büßt hier ein wenig an Wirkung ein, zumal sie auch nicht sehr viel Kontakt zu Albrecht herstellt. Dieser wird von Dmitri Gudanov getanzt und als typischer Ballettprinz vorgestellt, soll also kein zynischer Charakter sein, der Giselle auf herzlose Weise verführt und es von Anfang an nicht ernst meinte, sondern ist ein eher sanfter und ehrlicher Charakter, passend zum danseur noble-deportment des Herrn Gudanov.
Besonders gut fand ich auch Chinara Alizade im Pas de deux des paysans, sie tanzt musikalisch und expansiv.
Insgesamt hat mir die unlängst erschienene "Giselle"-DVD des Dutch National Ballet etwas besser gefallen, die Aufführung wirkte frischer, was wohl auch daran liegt, dass diese niederländische Produktion ganz neu ist.


Adolphe Adam - Giselle
Adolphe Adam - Giselle
DVD ~ Anna Tsygankova
Preis: EUR 22,99

15 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Neue klassische Produktion, 28. August 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Adolphe Adam - Giselle (DVD)
Die auf dieser DVD veröffentlichte Giselle-Aufführung des Dutch National Ballet fand im Februar 2009 statt, als die Produktion von Rachel Beaujean und Riccardo Bustamante ganz neu war (bedenkt man, dass solche Produktionen oft für Jahrzehnte im Repertoire bleiben, ist sie immer noch ganz neu).
Ich werde in dieser Rezension einfach auflisten, was diese Giselle meiner Meinung nach von anderen Versionen abhebt:
1) Weil man sie als erstes bemerkt: die Designs. Bühnenbild und Kostüme (Toer van Schayk) sind traditionell historisierend in ihrer Darstellung eines Winzerdorfs am Rhein, aber besonders schön und malerisch gemacht, vor allem der Bühnenhintergrund - der subtile Einsatz von Farben und Licht erinnert an Gemälde des 19. Jahrhunderts. Die Bühne in Amsterdam ist sehr groß, so dass alles gut zur Geltung kommt und nichts vollgestellt wirkt. Atmosphärisch besonders gelungen finde ich den zweiten Akt, vor allem die Szenen mit Myrtha (Igone de Jongh) und dem Corps de Ballet.
2) Die zusätzliche Choreographie. Das Ballett basiert auf Petipa/Coralli/Perrot, aber im ersten Akt gibt es unter anderem einen Pas de Quatre und ein neues Solo für Albrecht, dessen Musik glaube ich aus einem anderen Ballett von Adolphe Adam entnommen wurde, Le Diable à Quatre.
3) Hilarion (Jan Zerer). Er ist hier ein junger Mann, etwa in Giselles Alter, dem man glaubt, dass er in Giselle verliebt ist. (In manchen anderen Produktionen wird er als mittelalt und ein bisschen ungeschlacht dargestellt, um den Unterschied zu Albrecht zu betonen.) In dieser Produktion erinnert Hilarion an ländliche Figuren wie den jungen Müller in Schuberts "Die Schöne Müllerin" oder an die romantischen Charaktere Joseph Eichendorffs. Die Szene im zweiten Akt, wenn die Wilis ihn zwingen, sich zu Tode zu tanzen, gefällt mir am besten von allen, die ich bisher gesehen habe.
Die Kamera-Regie für die DVD ist sehr effektiv, es gibt nicht zu viele Schnitte und Nahaufnahmen, so dass man bei den Szenen mit Corps de Ballet alles gut überschauen kann. Besonders eindrucksvoll ist der erste Auftritt der Wilis: sie bilden einen Kreis um Myrtha und die Kamera ist wohl oben im Zuschauerraum positioniert, was die Szene sehr gut zur Geltung kommen lässt.
Die DVD hat ein ausführliches Extra mit Interviews der Tänzer der Hauptrollen Anna Tsygankova (Giselle), Albrecht (Jozef Varga), Myrtha und Hilarion. Es ist interessant, ihre Meinungen zu den Charakteren zu hören. Jozef Varga betont zum Beispiel, wie Albrecht als Aristokrat niemals gearbeitet hat und deshalb eigentlich fremd in Giselles Dorf ist. Mein einziger kleiner Kritikpunkt ist, dass ich gern mehr über die neu choreographierten Teile und die Fassungs-Thematik erfahren hätte - warum es zum Beispiel in manchen Produktionen im ersten Akt einen Pas de Deux (Paris) oder Pas de Six (Royal Ballet) gibt und hier einen Pas de Quatre und wie es in der Uraufführung war, wie die Zusammenstellung der Musik dafür vorgenommen wird usw. - eben weil ich diese Fassung so überzeugend finde.


Tschaikowsky, Peter - Schwanensee
Tschaikowsky, Peter - Schwanensee
DVD ~ Polina Semionova
Preis: EUR 37,07

24 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Trockengelegt, 3. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Tschaikowsky, Peter - Schwanensee (DVD)
Die Vielfalt der internationalen Schwanenseenlandschaft breitet sich mit dieser Veröffentlichung weiter aus und kann eine modernere Version gut vertragen, um damit die Verankerung des Balletts im Repertoire zu bestätigen.
Modern heißt im Falle des Züricher Schwanensees nicht, dass das Vokabular des klassischen Balletts aufgegeben worden wäre oder die Handlung wie in der Version von John Neumeier neu erzählt wurde. Der Züricher Schwanensee ist modern vor allem wegen des Bühnenbildes und der fast abstrakten Darstellungsart. Auch die musikalische Fassung, die Auswahl und Abfolge von Tchaikovskys Musik, ist nicht ganz konventionell (aber den ultimativ korrekten klassischen Schwanensee gibt es sowieso nicht).
Heinz Spoerlis Produktion wirkt auf mich ein bisschen defensiv. Anscheinend gibt es in Zürich (nicht nur da) die Ansicht, dass klassisches Ballett verstaubt und museal ist und irgendwie nicht politisch korrekt. (Schwäne und Tutus und Prinzen, wie reaktionär, und dann diese alberne Ich-Tarzan-du-Jane-Pantomime, das versteht doch heute keiner mehr.) Es sieht so aus, als wolle der Züricher Schwanensee das Ballett gegen solche Ansichten verteidigen, und man tut dies, indem man möglichst viele der potenziell peinlichen Elemente eliminiert. Das Resultat wirkt auf mich etwas trocken, die Tänzer wie Körper im Kostüm, Behauptungen, nicht Charaktere. Die Compagnie hat nach meinem Eindruck auch nicht viel Erfahrung mit dem Repertoire des 19. Jahrhunderts (im Spielplan dieser Saison sind hauptsächlich Choreographien von Spoerli neben Arbeiten von Kylián und van Manen, außerdem Raymonda).
Polina Semionova, die aus Berlin gastiert, tanzt eine elegische Odette/Odile, mit wunderbar fließenden, plastischen Bewegungen, die den ganzen Körper mitnehmen. Gut gefallen hat mir auch Siegfrieds (Stanislav Jermakov) Szene zu Beginn des dritten Aktes.
Wir sehen ein minimalistisch modernes Bühnendesign (d.h. Einheitsbühnenbild in Form von meist lichtlosen Wänden oder alternativ blaues Licht für den zweiten und vierten Akt), die Kostüme der Hofgesellschaft dagegen sind vage historisierend.
Das Ende der Schwanensee-Geschichte ist hier schön gelöst: Odette verschwindet in einem Vorhang aus "Wasser", Siegfried folgt ihr. Das ist subtiler und poetischer, als sie in den imaginären See springen oder eine kitschige Pose im Bühnenhintergrund einnehmen zu lassen, um zu demonstrieren, dass sie im Tod vereint sind.
Im Orchestergraben sitzt das sehr gute Orchester des Züricher Opernhauses, das für meinen Geschmack aber manchmal etwas zu langsam und geradlinig spielt (Leitung: Vladimir Fedoseyev).
Alles in allem finde ich, dass diese DVD vielleicht nicht jemandes erster Schwanensee sein sollte. Die Choreographie ist zwar klassisch, aber deutlich mehr Spoerli als Petipa, und der Gesamteindruck ist schon ziemlich neoklassisch-abstrakt. Andererseits mag das Zuschauern gefallen, die wirklich dachten, dass Ballett albernes anachronistisches Getue ist. Die kühle E l e g a n z der Produktion und die vielen neu gedachten und choreographierten Anteile des Balletts sind bewundernswert, aber die k ü h l e Eleganz und die dramatische Zurückhaltung haben mich nicht völlig überzeugt.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 11, 2013 12:43 PM MEST


Paris Opera Ballet - La Bayadère
Paris Opera Ballet - La Bayadère
DVD ~ Elisabeth Platel
Preis: EUR 17,99

11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Rudolf Nureyevs letzte Arbeit, 19. Juli 2010
Rezension bezieht sich auf: Paris Opera Ballet - La Bayadère (DVD)
Das ist meiner Meinung nach die beste auf DVD verfügbare Aufführung von La Bayadère und auch eine der besten Ballett-DVDs überhaupt.
Rudolf Nureyev stellte diese Produktion kurz vor seinem Tod 1993 fertig, als er Direktor des Balletts der Pariser Oper war. Ungefähr ein Jahr später wurde eine Aufführung mit der Originalbesetzung mitgeschnitten, die hier auf DVD vorliegt.
Nureyev wollte für Paris eine Bayadère-Fassung schaffen, die strukturell und stilistisch möglichst nahe an der ursprünglichen Version von Marius Petipa war. Dafür brachte er Ninel Kurgapkina nach Paris, mit der er schon als junger Tänzer mit dem Kirov aufgetreten war. Allerdings choreographierte er ausführlichere Soli für Solor, dessen Part in der Uraufführungsversion hauptsächlich aus Pantomime und Pas de deux bestand. Außerdem endet Nureyevs Bayadère mit dem dritten Akt, dem so genannten Schattenakt (die Produktion von Natalia Makarova für das Royal Ballet beinhaltet einen rekonstruierten vierten Akt mit der Zerstörung des Tempels) - Gründe hierfür mögen seine fortgeschrittene Krankheit oder auch die Kosten gewesen sein, denn Nureyev hatte nach Angaben des Bühnenbildners Ezio Frigerio die Idee, ein Erdbeben auf der Szene zu simulieren. Kosten wurden ansonsten aber nicht gescheut: Bühnenbild und Kostüme sind opulent.
Die Solotänzer Isabelle Guérin, Elisabeth Platel und Laurent Hilaire waren damals gefeierte Étoiles des Balletts der Pariser Oper. Gefeiert wegen seiner Homogenität und Präzision ist auch das Pariser Corps de Ballet: der Auftritt der 32 Schatten zu Beginn des dritten Akts ist eine der schwierigsten Szenen überhaupt für das Corps de Ballet. Wenn er so gut gelingt wie hier, ist der Effekt hypnotisierend. Die Tänzerinnen wurden alle an der Schule des Pariser Opernballetts ausgebildet und die Homogenität beim arabesque penchée sorgt dafür, dass sie wirklich aussehen wie 32 weiße Schatten von Nikiya.


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