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Leseprinzessin

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Panthertage: Mein Leben mit Epilepsie
Panthertage: Mein Leben mit Epilepsie
von Sarah Elise Bischof
  Broschiert
Preis: EUR 14,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mit Epilepsie leben, lieben und arbeiten, 10. Mai 2015
"Panthertage" sind untrennbar mit dem Leben von Sarah Elise Bischof und einem Leben mit Epilepsie verbunden: Es handelt sich um die Zeit nach einem epileptischen Anfall, um Tage, an denen sie körperlich erschöpft und ausgezehrt, psychisch beschämt und traurig neue Energie sammelt, um wieder mit neuer Kraft zurück in ihr Leben und in ihren Alltag zu finden.

In ihrem autobiographisch geprägten Roman lässt die Autorin den Leser gefühlvoll und nahe am "normalen" Leben einer jungen Frau mit der Sehnsucht nach verlässlichen Freundschaften, einer erfüllten Liebesbeziehung und beruflichem Erfolg sowie an ihren außergewöhnlichen Lebensumständen bedingt durch ihre Epilepsie - die Unberechenbarkeit, Folgen und Gefahren von epileptischen Anfällen, detaillierte Planung eines regelmäßigen Lebensrhythmus, Medikamenteneinnahme und -nebenwirkungen - teilhaben. Häufig mit persönlichen (Berühungs-)ängsten, Überforderung, gesellschaftlichen Vorurteilen und Unwissen konfrontiert, die immer noch hinsichtlich epileptischer Anfälle und Epilepsie existieren, begleitet der Leser die Protagonisten ins Krankenhaus, zu Behörden und zu Dates. Die Atmosphäre des Romans schwebt stets in positiver und ausgeglichener Weise zwischen Nachdenklichkeit, Melancholie und Traurigkeit sowie Lebendigkeit, Humor und Zukunftsgewandtheit, was zeigt, dass die Epilepsie zwar den Alltag und die Lebensentwürfe mitbestimmt, allerdings nicht dominiert.
Stilistisch finde ich den Roman angenehm zu lesen, die Metaphern sind sehr gewählt, berührend und nachklingend, der Lesefluss ist durch Vielfalt, Lebendigkeit und doch Strukturiertheit geprägt.

Die Diagnose Epilepsie tangiert so viele Lebensbereiche und erfordert eine strukturierte Alltags- und Lebensplanung, wobei Menschen mit Epilepsie die Offenheit und das Verständnis ihrer Mitmenschen in akuten Notsituationen, aber auch bezogen auf ihre individuelle Bedürfnisse im persönlichen und beruflichen Umfeld brauchen. Da es in unserer Gesellschaft leider immer noch an unbefangenen, klischeefreien Informationen mangelt, hoffe ich, dass dieser Roman wesentlich zur Aufklärung beiträgt, einen neuen Blickwinkel eröffnet und für eine größere positive Aufmerksamkeit und für eine individuellere Integration in unserer Gesellschaft wirbt. "Panthertage" ist ein Roman, dem ich viele offene und aufmerksame Leser wünsche.


Die Achse meiner Welt: Roman
Die Achse meiner Welt: Roman
von Dani Atkins
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

3.0 von 5 Sternen Traum oder Wirklichkeit?, 27. August 2014
Rezension bezieht sich auf: Die Achse meiner Welt: Roman (Taschenbuch)
Rachel hat alles, was sie sich wünscht: einen attraktiven Freund, interessante Freunde und die Zusage für ihren Wunschstudienplatz. Durch einen tragischen Unfall am Abend ihrer Schulabschlussfeier verliert sie alles - Freund, soziale Kontakte, Karriere und - was am schwersten wiegt - all ihre Hoffnung. Als sie Jahre später nach einem schweren Sturz im Krankenhaus erwacht, findet sie sich in einem Leben wieder, das sie sich immer erträumt hat. Doch welches ihrer Leben entspricht der Wirklichkeit und welches ist nur erträumt? Oder sind die Grenzen fließend?
Die Idee des Romans "Die Achse meiner Welt" ist sehr interessant und birgt Potential für tiefer gehende Handlungsstränge, doch leider kratzt die Geschichte immer nur an der Oberfläche, dreht sich durch häufige Wiederholungen im Kreis oder erzwingt mit Biegen und Brechen eine Lösung. Das "erste" Leben ist deprimierend und pessimistisch, ist fixiert auf das tragische Ereignis und wirkt erdrückend durch die Perspektivenlosigkeit. Diesem düsteren, in schwarz gehaltenen Leben wird ein zweites, in Pastelltönen beschriebenes Leben gegenübergestellt, das zwar zeitweise akzeptabel unterhält, aber dennoch die Grenze zu Kitsch für mich eindeutig zu häufig überschreitet. Die medizinischen Hintergrunddetails sind nicht gut recherchiert, sondern bilden nur eine bruchstückhafte Kulisse für einen scheinbar lückenlosen Handlungsablauf.
Insgesamt bietet Dani Atkins in ihrem Roman "Die Achse meiner Welt" eine viel versprechende Idee, allerdings mit einer enttäuschenden und oberflächlichen Umsetzung. Titelbild und Inhaltsbeschreibung wirken auf mich irreführend. Da mich der Roman abschnittsweise nicht nur genervt, sondern auch durchschnittlich unterhalten hat, vergebe ich drei Sterne.


Du sollst nicht schlafen: Thriller
Du sollst nicht schlafen: Thriller
von Charlotte Parsons
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

5.0 von 5 Sternen Vom Leben und Morden in einer schlaflosen Welt, 27. August 2014
Nicht nur der Fund einer Leiche in der Themse, Auftakt einer Mordserie an jungen Frauen, sorgt in London für Schlagzeilen, sondern auch die Entwicklung und gesellschaftliche Verbreitung eines neuartigen Medikaments, das das Schlafbedürfnis unterdrückt. Die Journalistin Cynthia Wills kann nicht die Euphorie teilen, mit der das Medikament kritiklos in allen gesellschaftlichen Belangen als Lifestyle-Produkt integriert wird. Und bald ahnt sie einen Zusammenhang zwischen der Antischlafpille und der Mordserie, was einerseits ihren journalistischen Spürsinn weckt, aber auch in Gefahr bringt.
Beide Handlungsstränge, aber insbesondere die Diskussion über Schlaf, seinen Nutzen und Nachteile sowie die gesellschaftlichen Veränderungen durch die Antischlafpille haben mich wirklich beeindruckt. Diese Idee finde ich nicht nur interessant und innovativ, sondern auch sehr überzeugend umgesetzt und durchdacht. Die Beschreibung der Protagonistin und ihres Denkens, Fühlens und Handelns ist sehr anschaulich und wirkt trotz der verfremdeten, dystopen Gesellschaft authentisch. Einzig das etwas offen gelassene Ende hat mich neugierig und fast ein bisschen ratlos zurück gelassen: zu gerne hätte ich noch mehr über die sozialen, politischen und individuellen Weiterentwicklungen erfahren.
Charlotte Parsons ist mit "Du sollst nicht schlafen" nicht nur ein solider Thriller gelungen, sondern sie entwirft zusätzlich eine durchdachte, neuartige und weitreichende Zukunftsvision. Spannung gepaart mit futuristischen Elementen und einem Hauch Gesellschaftskritik - das war für mich ein interessantes Lesevergnügen, das fünf Sterne und meine klare Leseempfehlung verdient.


Echo
Echo
von Jan Christophersen
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das Echo einer Freundschaft, 22. August 2014
Rezension bezieht sich auf: Echo (Gebundene Ausgabe)
"Er schlug eine Saite an, das Echo war zu hören, und gleich darauf spielte er sie erneut an, immer abwechselnd; das ergab einen Rhythmus, den er fortsetzen konnte. Dann änderte er bei jedem Anschlag die Tonhöhe, spielte abwechselnd tiefere, höhere Töne, die sich mit dem Echo vermischten." (S. 34) "Liebe Gesa, ich habe eine Entdeckung gemacht, die Dich wahrscheinlich nicht überraschen wird: Ich ertrage keine Schlüsse. Ich bin darin einfach nicht gut, weder im Großen noch im Kleinen. Anfangen ist immer leicht, Schlussmachen schwer. Vermutlich deshalb meine Begeisterung fürs Echo? Das Unvermeidliche noch etwas hinauszögern, indem man es verlängert und langsam ausklingen lässt ... ." (S. 228) Jan Christophersens Roman "Echo" handelt von der Freundschaft zwischen Gesa und Tom, zaghaft während einer Klassenfahrt an die polnische Ostsee im Sommer 1989 geknüpft, beständig über viele Jahre gepflegt und leichtsinnig in einem Moment der Unbedachtheit riskiert.
Gesa, "die Zuhausebleiberin" (S. 91), Mutter und Hausfrau, und Tom, "der Weggeher" (S. 91) und Musiker, haben ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Lebensvorstellungen, führen verschiedene Leben und dennoch verbindet sie eine Seelenverwandtschaft, eine Feinfühligkeit füreinander und ein Gespür für Musik. Doch obwohl ihre Seelen im Gleichklang zu schwingen scheinen, schleichen sich Dissonanzen in ihre Freundschaft ein, existiert neben einer intimen Vertrautheit eine Fassadenhaftigkeit und Geheimniskrämerei, werden wichtige Nuancen ihrer Freundschaft nie wirklich thematisiert, sondern das Leben des Anderen stets in idealisierter Weise wahrgenommen. Die Jahre vergehen, ihre Persönlichkeiten reifen, ihre Lebensumstände entwickeln sich weiter und nicht nur die Musik verändert sich, sondern auch ihre Freundschaft. Jan Christophersen trägt den Leser durch seinen Roman wie auf einer sanften Melodie eines Lieblingsliedes. Es liegt musikalische Kreativität in jeder seiner Zeilen, wobei Inhalt und Form des Romans eine harmonische Einheit eingehen. Postkarten, von Tom an Gesa aus allerwelt geschrieben, vermitteln prägnant und stimmig in die Handlung eingeflochten die Stimmung, die Lebensthemen, die Musik.
Der mare-Verlag hat wieder ein literarisches Kleinod in würdevollem Rahmen in hochwertiger gebundener Fassung und mit kunstvollem, aussagekräftigem Titelbild veröffentlicht. Der Roman "Echo" überzeugt durch seine besondere Erzählweise einer alltäglichen und doch einzigartigen Geschichte und er hinterlässt ein Echo in mir, das noch für lange Zeit nachklingen wird.


Suna: Roman
Suna: Roman
von Pia Ziefle
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Wurzeln unseres Lebens, 22. August 2014
Rezension bezieht sich auf: Suna: Roman (Taschenbuch)
Die Rezension bezieht sich auf die gebundene Ausgabe.

Die vergangenen Geschichten "sind in unserem Leben und entfalten ihre Wirkung, ob man sie nun betrachten will oder nicht." (S. 55)

In Luisas Familienidylle auf dem Land wird ein kleines Mädchen geboren, das nie zur Ruhe findet - "Sie kann keine Wurzeln schlagen", so lautet eine spirituell angehauchte Diagnose, die in den Ratschlag mündet: "Finden Sie Ihre" (S. 23). So begibt sich Luisa auf Spurensuche in ihre eigene Vergangenheit. Hineingeboren in eine unbeständige Beziehung einer slawischen Mutter und eines türkischen Vaters, beide als Gastarbeiter in Deutschland, zunächst untergebracht bei liebevollen, aber armen Pflegeeltern und schließlich aufgewachsen in einer deutschen Adoptivfamilie geprägt von Ordnung, Kriegstraumata und hohem Erwartungsdruck ahnt sie stets ihre Andersartigkeit, fühlt sie sich entwurzelt und heimatlos. In sieben Nächten erzählt die Ich-Erzählerin Luisa ihrer schlaflosen Tochter ihre gemeinsame Familiengeschichte, "die verschlungen und geheimnisvoll ist wie ein uralter, üppiger Garten" (S. 31) und lässt den Leser als heimlichen Beobachter dieses intimen Mutter-Tochter-Monologs teilhaben.
Pia Ziefle entwirft eine komplexe Familienkonstellation, wobei sie jedem bedeutenden Menschen in Luisas Stammbaum eine eigene Geschichte zugesteht. Gefärbt von Luisas Blick wird ersichtlich, wie Ereignisse Menschen und deren Lebenseinstellung verändern können, wie Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Charaktereigenschaften und Lebenserfahrungen Beziehungen und ganze Familien prägen und wie bestimmende Themen von Generation zu Generation weitergegeben werden. Mit einer erzählerischen Leichtigkeit erzählt sie nicht nur von schönen Augenblicken der Protagonisten, sondern thematisiert auch die Schrecken des zweiten Weltkrieges und deren seelischen Spuren, die Lebensumstände von Gastarbeitern und die Prüderie während ihrer Kindheit in des Sechzigern/Siebzigern. Auch wenn die Autorin auf hervorragende Weise durch die einzelnen Leben, Familien und Jahrzehnte führt, wäre ein Familienstammbaum wie in der Taschenbuchausgabe inzwischen ergänzt bei der Lektüre sehr hilfreich gewesen.
"Ich habe nach meinen Wurzeln gesucht, nach meinen und nach deinen, mein Kind, denn ohne Wurzeln kann das Herz nicht wachsen." (S. 300) So lernen wir als Leser nicht nur eine spannende Familiengeschichte kennen, sondern werden auch eingeladen, durch den Roman unseren eigenen Familiengeschichten nachzusinnen, die sich spürbar in unser Leben eingeflochten haben und dieses prägen.

"Suna" von Pia Ziefle ist ein vielschichtiger Roman über Herkunft, Familie und Liebe, der mich durch seine Tiefsinnigkeit, seinen Facettenreichtum und seinen existentiellen Charakter mit Fragen nach dem Wer, Warum, Woher und Wohin überzeugen konnte. Ich freue mich schon auf weitere Geschichten aus der Feder der Debütautorin Pia Ziefle.


Schwimmen in der Nacht: Roman
Schwimmen in der Nacht: Roman
von Jessica Keener
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

5.0 von 5 Sternen Vom Fallen, Schweben und Schwimmen in ein anderes Leben, 4. August 2014
"Meine Tante versuchte uns aufzulesen wie auf dem Boden verstreute Äpfel. Aber das war unmöglich. Die Bitterkeit des Lebens hatte alles zerstört, oder würde alles zerstören, wenn ich es zuließ." (S. 141)

"Ausgelöscht schwamm sie mit kräftigen Zügen durch ein anderes Universum und kämpfte sich an die Oberfläche. Das war das genaue Gegenteil von ihrem Leben auf der Erde". (S. 146)

In einem mittleren, vielleicht auch schon höheren Lebensalter erinnert sich die inzwischen erfolgreiche und im Leben "angekommene" Protagonistin Sarah Kunitz, angeregt durch einen flüchtigen, fast schon zufälligen Kontakt mit einem früheren Nachbarsjungen, an ihre Kindheit und Jugend in einer amerikanischen, wohl situierten, "gelegenheitsjüdischen" Familie. Die Kernfamilie, bestehend aus einem strengen, prinzipientreuen, belehrenden Vater, einer depressiven, von Medikamenten abhängigen und in ihrer Rolle nach außen hin funktionierenden, jedoch in ihrer mütterlichen Rolle überforderten Mutter, vier Kindern mit ganz unterschiedlichen Charakteren und Fluchtwegen aus der Realität sowie einer Vielzahl wechselnder Hausmädchen, ist geprägt von Ordnung, Bildung und Erfolg - Liebe und ehrliche Zuneigung finden nur wenig Raum im Familienleben. Die jedoch untergründig lodernden Spannungen spitzen sich zu, bis der ungeklärte Unfalltod der Mutter alle Familienmitglieder in ein großes Nichts zu reißen scheint und das Leben aller tiefgreifend verändert. Es wird deutlich, dass trotz der dysfunktionalen Beziehungsmuster eine gewisse Nähe zwischen den Familienmitgliedern vorhanden war und dass jeder seinen eigenen Weg gehen muss, um trotz des Verlustes überleben, leben und lieben zu können.

Die im Roman "Schwimmen in der Nacht" vermittelten Stimmungen wechseln rasch, wobei die Autorin Jessica Keener diese nüchtern, anschaulich und authentisch einfängt: z.B. die Strenge und Starre des gemeinsamen Familienessens, das Lähmende und Erdrückende ausgehend von der an Schmerzen leidenden, depressiven Mutter, die Beschwingtheit und Ausgelassenheit des Sommerfestes, das Verstörende und Zerstörerische des "Unfalls", um nur wenige Beispiele zu nennen. Sehr passend finde ich die von der Autorin gewählten Beschreibungen, die das Aussehen, die Mimik, die Gestik und das Agieren der Personen, den Duft oder die Stimmung einfangen. Der Schock des Unfalls und die geballte Trauer haben mich stark ergriffen. Ich finde es höchst anspruchsvoll, für ein so differenziertes und erschütterndes Gefühl wie Trauer die "richtigen" Worte zu finden, der Autorin ist dies meines Erachtens nicht nur sehr gut gelungen, sondern in dieser verdichteten unfassbaren Gefühlslage schwingt doch etwas Hoffnungsvolles mit. So beschreibt sie nach der Phase der akuten Trauer auch den Beginn eines Lebens nach der Verlusterfahrung, das für jeden Einzelnen sich anders gestaltet. Die Bedeutung von Musik nimmt im Laufe des Romans zu, wobei Jessica Keener musikalische Begriffe und Songs in ihre bildhafte und doch weiterhin nüchtern-kernige Sprache integriert. Der Roman selbst und seine Bezüge zu Musik und Literatur ergeben ein in sich stimmiges Bild.

Das schlichte, auf das Wesentliche reduzierte Titelbild, das dennoch so vieles gleichzeitig beinhaltet - schwimmen, schweben, fallen, sich treiben lassen, sich fallen lassen -, hat mich stark beeindruckt und wurde passend zum Titel und Roman gewählt.

Jessica Keener gelingt mit der Deskription einer Familie, einer Generation, einer bestimmten Zeit, der Darstellung der Charaktere, der dynamischen Konstellationen zwischen den Charakteren, der Gegenüberstellung von Sein und Schein, den feinen Stimmungswechseln sowie aufgrund des nüchternen Erzählstils, der dennoch so viel Emotionalität beinhaltet, und der sprachlichen Feinheiten ein außergewöhnlicher Roman. Diese Vielfältigkeit, Wandlungsfähigkeit und sprachliche Reife haben mich überzeugt.


Zwölf Leben: Roman
Zwölf Leben: Roman
von Ayana Mathis
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Entscheidende Momente einer Familie, 30. Juli 2014
Rezension bezieht sich auf: Zwölf Leben: Roman (Gebundene Ausgabe)
"Sie wahren Gefährten, die Mutter und die Kinder, und trieben, gleichermaßen verletzlich und sehnsuchtsvoll, durch die Tage."
In ihrem Roman "Zwölf Leben" erzählt Ayana Mathis nuancenreich und vielseitig einzelne bedeutsame Geschichten aus dem Leben von Hattie, einer schwarzen US-Amerikanerin, und ihrer Familie. Die Struktur des Romans ist außergewöhnlich: jedes einzelne Kapitel beleuchtet einen wesentlichen Augenblick aus dem Leben eines ihrer Kinder oder ihrer Enkelin. Ihre Kinder Philadelphia und Jubilee, Floyd, Six, Ella, Alice, Billups, Franklin, Bell, Cassie, Ruthie und ihre Enkelin Sala haben jede/r für sich genommen ihre Besonderheiten und Probleme, die auf sehr ergreifende Weise vermittelt werden. Jedes Kapitel ist in sich abgeschlossen, aber Puzzlestück für Puzzlestück, Jahr um Jahr, aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt erfahren wir als Leser mehr und mehr über Hattie, ihre Biografie, ihren Charakter und ihre Entwicklung sowie über das Familiengefüge. Aber - angesiedelt zwischen den Jahren 1925 und 1980 - thematisiert der Roman auch die sozialen Probleme der schwarzen US-amerikanischen Bevölkerung zur Zeit und nach der Great Migration. Stets schwingt so vieles zwischen den Zeilen mit: Liebe und Verletzung, Intimität und Gleichgültigkeit, Hoffnung und Trauer, körperliches und seelisches Leiden und ein familiärer Zusammenhalt, der meist brüchig und emotionsarm ist und doch in gewissen Momenten Stabilität und eine kleine Portion Wärme verspricht: "Vielleicht haben wir nur eine begrenzte Menge von Liebe zu vergeben. Wir kommen mit einer festen Portion Liebe auf die Welt, und wenn wir lieben und nicht wiedergeliebt werden, erschöpft sich die Liebe."
Ein kleiner Kritikpunkt betrifft die Gestaltung des Anhangs: der Familienstammbaum ist zwar eine kleine Hilfe, um den "roten Faden" der Geschichte zu behalten. Es wäre jedoch anschaulicher und dem Verständnis dienlich, die Geburtsjahre der Protagonisten oder zumindest das ungefähre Alter der Protagonisten zum Zeitpunkt der Geschichte in den Stammbaum zu integrieren.
Ayana Mathis erzählt von zwölf Leben - und jedes einzelne Kapitel überzeugt in dieser kurzen Momentaufnahme eines Lebens durch Authentizität, Lebensnähe und Individualität. Sprachlich und strukturell außergewöhnlich präsentiert bietet es zusammen mit den differenzierten Inhalten ein unvergessliches, bewegendes und tiefgreifendes Leseerlebnis - eine klare Leseempfehlung von mir!


Eva und die Apfelfrauen: Roman
Eva und die Apfelfrauen: Roman
von Tania Krätschmar
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Wohlige, weibliche, etwas uninspirierte Apfelatmosphäre, 16. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Eva und die Apfelfrauen: Roman (Taschenbuch)
"Sie hatte, obwohl sie aus der Stadt kam, Sinn für die Natur. Nicht, dass sie viel Ahnung hatte, aber es lag so etwas wie Andacht in ihrem Blick, wenn sie von Tieren und Pflanzen sprach, wenn sie im Garten werkelte oder die Blumen goss, wie sie es an den warmen Abenden immer tat. Nichts Religiöses, aber eben Respekt vor der Macht der Jahreszeiten, vor Erde und Sonne und Regen." (S. 159)

5 alleinstehende Berliner Freundinnen entscheiden sich bereits in der Mitte ihres Lebens eine senioren-gerechte Frauen-WG zu gründen, allerdings gestaltet sich die Suche nach dem passenden Haus in Berlin als äußerst schwierig. Von dieser Idee begeistert werden sie von einer Brandenburgerin als Erben für deren Landhaus eingesetzt - allerdings nur unter der Bedingung, dass sie einen Sommer lang zusammen auf dem Land leben und den dazugehörigen Apfelgarten bewirtschaften. Dies birgt durchaus viele Stolpersteine: wenn 5 selbstbewusste und jede auf ihre Weise "eigenbrödlerische" Weise mit ihren individuellen Lebens- und Weltvorstellungen im Alltag tagtäglich aufeinanderprallen und 5 Stadtmenschen plötzlich auf's Land ziehen, kann dies schnell im Chaos münden ... .

Der innovative und interessante Aspekt der Freundinnen-WG als neues zukunftsgerichtetetes Wohnkonzept hat mich begeistert, rückt aber für meinen Geschmack viel zu schnell zugunsten einer klischeehaften und gewöhnlichen Stadt-Land-Kontrastierung in den Hintergrund. Ich vermisse einen Spannungsbogen, die gebotenen "Aufreger" wirken auf mich zu künstlich und zu wenig ergreifend.
Habe ich die Einführung der 5 Frauen zunächst als sehr anschaulich und warmherzig erlebt, werden im Laufe der Geschichte jedoch die Charaktereigenschaften der fünf Freundinnen, aber auch die der anderen Charaktere oft monoton wiederholt, was den Figuren an Tiefe nimmt. Jede Freundin erfüllt schon fast ein Stereotyp und lässt der jeweiligen Figur innerhalb der vorgefertigten Grenzen nur wenig Spielraum. Die Schwarz-Weiß-Malerei der gebotenen Konflikte finde ich zu kontrastarm, manche Nuancen lassen schon fast etwas Diskriminierndes mitschwingen.
Was das "Apfelgefühl" angeht, hat mich der Roman eingehüllt in eine wohlige, duftende, fruchtige, vielseitige Apfelatmosphäre! Der Roman vermittelt hierbei ein richtiges Wohlgefühl, das mich an die Kirschatmosphäre des "Kirschsommers" erinnert: richtig schön, aber leider geht dies auch mit einem kleinen Identitätsverlust einher, da der Roman "altbewährte" Motive, und wenn sie auch noch so schön sind, in nur leicht veränderter Weise aufgreift. Ich fühle mich gut unterhalten, aber vermisse verstärkt die individuellen Besonderheiten.
Sehr gelungen und passend finde ich die Zitate zu Beginn des jeweiligen Kapitels als interessante Hinführung auf die daran anschließende Handlung, nur manchmal wirkt der Übergang Zitat-Kapitel etwas holprig.

 Insgesamt eine fruchtig-erfrischende Frühlings-Sommer-Lektüre, um die Seele im Apfelduft baumeln zu lassen, aber mir persönlich hat der Roman "Eva und die Apfelfrauen" von Tania Krätschmar zu wenig eigene Identität. Ich habe bereits von der Autorin "Die Wellentänzerin" mit großer Begeisterung gelesen und im Vergleich mit dieser Leseerfahrung  vermisse ich die facettenreiche, liebevolle und detaillierte Charakterausgestaltung, die besondere, kernige Handlung und den individuellen Stil.


Am Ende schmeißen wir mit Gold: Roman
Am Ende schmeißen wir mit Gold: Roman
von Fabian Hischmann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Peng! Selbstfindung als Jäger und Gejagter, 17. April 2014
"Peng! Wieder dieser Knall, näher jetzt als im Haus. Erschrocken ducke ich mich tiefer über das Lenkrad, spüre eine wahnwitzige Angst. Maria voll der Gnade, ich glaub ja nicht dran. Einen Gang höher schalten, ruhig atmen, überhaupt mal wieder Luft holen, die Sonnenbrille anlegen. Alles ist gut, murmle ich in mich hinein. Vor mir taucht eine Wiese auf, Sonnenlicht. Peng! Ich drifte nach rechts, fast gegen einen der letzten Baumstämme, kann gerade noch korrigieren und schramme so nur in die Brennnesseln auf dem Randstreifen. Da jagt wohl einer. Bis jetzt bin ich davongekommen." (S. 35)
Max, unglücklich in seiner neuen Rolle als Lehrer, zurückgezogen mit problematischen sozialen Kontakten und introvertiert mit besonderem Interesse für Tierfilme, hat stets das instinktive Gefühl, dass ein Peng!-Erlebnis sein ereignisloses Leben aus der Bahn werfen könnte. Als ein erschütterndes Ereignis eintrifft, beginnt er, sich gejagt fühlend und jagend in einem, eine Suche nach sich selbst, die ihn von Süddeutschland nach Kreta und nach New York treibt. Ob Max ankommen wird?
Wegen dem außergewöhnlichen nüchternen und doch etwas bissigen Stil, wegen der hochkonzentrierten sprachgewaltigen Beschreibungen, wegen der grob skizzierten Charaktere, die noch so vieles ungesagt und offen lassen, wegen der Stimmung, die Vergangenes anklingen lässt und Zukünftiges heraufbeschwört, wegen der mitschwingenden Peinlichkeit zieht mich der Roman einerseits in seinen Bann, andererseits lässt er mich auch häufig in seiner Direktheit, mit seinen vulgären, manchmal fast schon abstoßenden Beschreibungen und seinen Grenzübertritten zwischen Realität und Fantasie verstört zurück. Die wiederkehrende Metaphorik finde ich interessant und bedeutungsschwanger, wobei viel Spielraum zur Diskussion bleibt und insbesondere die Momente der Gewaltphantasien für mich eine Grenze überschreiten. Auch wenn der Protagonist ganz in seiner Selbstfindung und Emotionalität aufzugehen scheint, vermisse ich an vielen Stellen eine tiefergehende Emotionalität. Das Layout erfasst in außergewöhnlich ästhetischer und pointierter Art die Thematik des Romans, wobei mich diese Einheit zwischen Text und Verbildlichung beeindruckt hat.
"Am Ende schmeißen wir mit Gold" führt den Leser an seine persönliche Grenze - an die Grenze des "guten Geschmacks", an die Grenze zwischen Empathie und Antipathie, an die Grenze zwischen sprachlicher Neuartigkeit und übertriebener Provokation. Insgesamt konnte mich das Gesamtkonzept des Romans nicht überzeugen, dennoch war es für mich eine interessante, aufwühlende und teilweise verstörende Leseerfahrung.


Ehre
Ehre
von Elif Shafak
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Ehrensache, 14. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Ehre (Gebundene Ausgabe)
"Es gab immer zwei Seiten, und nur zwei. Gewinnen oder verlieren. Würde oder Schande. Und wer die falsche erwischte, konnte nicht auf Trost hoffen." (S. 30)

Die Zwillingsschwestern Pembe und Jamila wachsen in einer kinderreichen Familie in einem kurdischen Dorf auf, wobei "Ehre" mit einer alltäglichen und zugleich erschütternden Selbstverständlichkeit ihre Erziehung und ihr Leben prägt. Während Jamila als ledige Hebamme in ihrem Dorf Anerkennung findet, versucht Pembe in London zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Kindern im täglichen interkulturellen Balanceakt zwischen der westlichen und der orientalischen Lebenswelt Fuß zu fassen. Als Pembes Mann die Familie verlässt und Pembe zarte Liebesbande zu einem Mann knüpft, geraten alle in einen unaufhaltsamen Strudel ihrer eigenen Überzeugungen.

"Ehre" hat mich bereits nach wenigen Sätzen in seine Geschichte eingesogen: Das Thema "Ehre" wird durch die verschiedenen Perspektiven, von denen der Roman erzählt, sehr differenziert dargestellt. Die Familiengeschichte ist höchst tragisch, durch die Einzelschicksale wird aufgezeigt, wie sie miteinander verzahnt sind, wie sich die Biographien auf die nächsten Nachkommen auswirken bzw. wie sie diese und deren Lebensweg prägen. Die Charaktere werden auf so verblüffend unterschiedliche Weise eingefangen und agieren auf so menschliche und gefühlvolle Weise, dass es mich ergreift und nicht mehr loslässt. Ich bin verzaubert und zugleich erschreckt von dieser Welt der Ehre. Auch wenn sich am Ende die Handlungsstränge zusammenfügen, so bleiben doch feine Dissonanzen und offene Fragen zurück, die im Leser nachschwingen können. Die bildhafte Sprache ist ein großer Lesegenuss und liest sich sehr leicht, das "Kopfkino" wird sofort eingeschaltet und Emotionen werden sehr nah vermittelt. Den Schreibstil der Autorin finde ich sehr nuancenreich und gehaltvoll, viele Sätze erfüllen mich und wirken in mir nach.

Elif Shafak inszeniert in ihrem Roman "Ehre" mit einer ihresgleichen suchenden Glaubwürdigkeit, Tiefgründigkeit und Menschlichkeit, die nahe geht, ein wahres Wechselbad der Gefühle, ermöglicht einen facettenreichen und lehrreichen Einblick in das kulturelle Verständnis von Ehre und zeigt deren individuelle, aber auch gesellschaftliche Konsequenzen auf. In Verbindung mit ihrer sprachlichen Ausdruckskraft ist dieses Werk eine unvergessliche Leseerfahrung, die ich jedem mehr als empfehlen kann.


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