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Rezensionen verfasst von
Michael Angrick "Angrick" (Berlin)
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Die schwarzen Vögel
Die schwarzen Vögel
von Maarten't Hart
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die schwarzen Vögel, 22. Januar 2007
Rezension bezieht sich auf: Die schwarzen Vögel (Taschenbuch)
So heißt ein Roman von Maarten't Hart. Es gibt diese Romane, die man einfach liest, ohne Luft zu holen, weil man eingetaucht ist in eine Geschichte und nicht an die Oberfläche zurückkommen möchte, bevor nicht die letzte Seite umgeblättert worden ist. "Die schwarzen Vögel" ist so ein Roman: Thomas hat in der Woche, die Leonie bei ihrer Mutter verbringt, seine Bekanntschaft zu Jenny intensiviert. Er zieht mit ihr durch die Kneipen, er darf sie küssen, aber sie will nicht mit ihm ins Bett. Dann taucht die Polizei auf und sucht nach der verschwundenen Jenny. Thomas ist der letzte mit dem sie gesehen wurde. Jenny wird tot sein, Thomas ihr Mörder. Leonie glaubt das nicht. Sie glaubt nicht, daß eine Leiche von Ratten spurlos beseitigt werden kann, selbst wenn die Ratten mehrere Tage auf Diät gesetzt worden waren. Thomas ist Pharmakologe, Versuche mit Ratten gehören zu seinem Beruf. Thomas muß in Untersuchungshaft, weil es einen Kronzeugen gibt, der gesehen hat, wie Thomas Jenny in das Laborgebäude gezogen hat und allein, viele Stunden später, wieder heraus kam. Die Sachen von Jenny finden sich im Laborgebäude und Leonie erfährt viel über das Leben von Jenny, über ihre Ehe mit Thomas, die kinderlos bleiben wird; sie erfährt viel über das Leben, das doch mehr ist als der vorübergehende Aufenthalt eines Sonnenstrahls auf seinem Weg ins Weltall.

Was nun wirklich passiert ist, wird natürlich hier nicht verraten. Nur soviel, es ist ein spannendes Buch. Literarisch nicht auf dem allerhöchsten Niveau, aber so ungemein unterhaltend. Das ist sehr, sehr viel!


Der Mann ohne Eigenschaften I: Erstes und Zweites Buch
Der Mann ohne Eigenschaften I: Erstes und Zweites Buch
von Adolf Frisé
  Taschenbuch

86 von 96 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Roman ohne Eigenschaften, 19. Januar 2007
Vor mehr als 90 Jahren wurde ein Attentat auf den österreichischen Thronfolger verübt. Dieser Tag, der 28. Juni 1914, ist der endlich gefundene Grund für den nur wenige Wochen später gestarteten ersten Weltkrieg. Auf den Tag genau 90 Jahre später habe ich die Lektüre eines Romans, eines Romanfragments, ich scheue vor der Benutzung dieses Wortes angesichts der 1200 Seiten zurück, beendet. Na ja, es war der zweite Anlauf und die letzten knapp 200 Seiten habe ich sehr oberflächlich gelesen. Aber nun bin ich froh, daß ich diese Lektüre abgeschlossen habe, ich habe einen Roman ohne Eigenschaften gelesen.

"Der Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil hat ganz viele Eigenschaften. Er sucht nach dem Sinn des Lebens, er philosophiert sich durch die Welt des Jahres 1913, da beginnt der Roman. Er heißt Ulrich und ist ein liebenswürdiger Zyniker, ein Satiriker, ein Frauenliebhaber, ein kluger Kopf und ein Idealist. Er irrt durch die Welt, wird Sekretär der Parallelaktion, die man aus der Taufe hebt, um das im Jahre 1918 fällige 70zig jährige Thronjubiläum des Kaisers zu feiern und die Preußen auszubooten, die just im selben Jahre mit Sicherheit das läppische 30zig jährige Jubiläum ihres Monarchen zelebrieren werden.

Es wird in diesem Buch über alles philosophiert und es lebt davon, daß der Leser weiß, daß es nie zu den Feierlichkeiten kommen wird. Das Buch lebt von seinen wundervollen Metaphern, genauen Beobachtungen und grandiosen Menschenbeschreibungen. Es reiht einen klugen Gedanken an den anderen. Es ist so unendlich schwer, sich stets zu konzentrieren und schon nach wenigen Seiten Lektüre überfällt den Leser eine bleierne Müdigkeit, der man immer nachgeben sollte, um dann erfrischt die nächsten Seiten anzugehen.

Man hat diese ständigen Pausen bitter nötig, weil man sonst der Wucht der Gedanken kaum dauerhaft gewappnet sein dürfte.

Bestimmen wir unser Leben oder wird es bestimmt? Zitat: "Im Grunde wissen in den Jahren der Lebensmitte wenig Menschen mehr, wie sie eigentlich zu sich selbst gekommen sind, zu ihren Vergnügungen, ihrer Weltanschauung, ihrer Frau, ihrem Charakter, Beruf und ihren Erfolgen, aber sie haben das Gefühl, daß sich nun nicht mehr viel ändern kann. Es ließe sich sogar behaupten, daß sie betrogen worden seien, denn man kann nirgends einen zureichenden Grund dafür entdecken, daß alles gerade so kam, wie es gekommen ist; es hätte auch anders kommen können; die Ereignisse sind ja zum wenigsten von ihnen selbst ausgegangen, meistens hingen sie von allerhand Umständen ab, von der Laune, dem Leben, dem Tod ganz anderer Menschen, und sind gleichsam bloß im gegebenen Zeitpunkt auf sie zugeeilt. So lag in der Jugend das Leben noch wie ein unerschöpflicher Morgen vor ihnen, nach allen Seiten voll von Möglichkeit und Nichts, und schon am Mittag ist mit einemmal etwas da, das beanspruchen darf, nun ihr Leben zu sein, und das ist im ganzen doch so überraschend, wie wenn eines Tags plötzlich ein Mensch dasitzt, mit dem man zwanzig Jahre lang korrespondiert hat, ohne ihn zu kennen, und man hat ihn sich ganz anders vorgestellt. Noch viel sonderbarer aber ist es, daß die meisten Menschen das gar nicht bemerken; sie adoptieren den Mann, der zu ihnen gekommen ist, dessen Leben sich in sie eingelebt hat, seine Erlebnisse erscheinen ihnen jetzt als der Ausdruck ihrer Eigenschaften, und sein Schicksal ist ihr Verdienst oder Unglück."

Wenn man jetzt erst einmal eine Pause benötigt, kann ich das verstehen, weise aber pflichtschuldigst darauf hin, daß dies nur wenige Textzeilen waren, die ich hier wiedergegeben habe. Weiteres gefällig?

Der Staat wird nicht anders als Hotel verstanden, in dem man Anspruch auf höfliche Bedienung habe. In der Geschichte der Menschheit gäbe es kein freiwilliges zurück. Der Mann ohne Eigenschaften habe eine Eigenschaft: immer zu spötteln, statt sich dem Leben zu widmen. Sinn des frischen Gemüses ist es, Büchsengemüse zu werden. Die Schwere des Lebens, dieser heimlich auf uns lastende Mißmut, komme dadurch zustande, daß wir alle sterben müßten und daß alles so kurz und wahrscheinlich vergeblich sei. Und die vielleicht schönste Metapher dieses Romans: Gewisse Dinge müßten getan werden, um Mensch zu sein und nicht nur ein flaches Lesezeichen in den Bänden der Fachliteratur.

Ulrich hat eine Geliebte, die ihm auf die Nerven geht, eine Kusine, die zu vögeln er sich nicht traut, er übersieht das hübsche willfährige Kammermädchen und verweigert sich der Frau eines Freundes, die gern von ihm ein Kind bekommen möchte. Er wird mit seiner Schwester ein Verhältnis haben, aber dies alles, diese amouröse Seite des Romans ist nicht ausgeleuchtet, sondern geht unter im philosophischen Diskurs der an der Parallelaktion beteiligten Menschen. So treibt sich das Philosophieren durch den Roman wie ein Bohrer durch ein ganz dickes Eichenholzbrett.

Ich bin nicht reif für dieses Werk, wird man sagen, wenn man diese Zeilen gelesen hat. Ich stehe hier und kann nicht anders.


Geschichte eines Deutschen: Die Erinnerungen 1914 - 1933
Geschichte eines Deutschen: Die Erinnerungen 1914 - 1933
von Sebastian Haffner
  Taschenbuch

9 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Anmerkungen zu Haffner, 13. Januar 2007
Vor einigen Jahren war die Entdeckung der Erinnerungen des jungen Sebastian Haffner eine Sensation. Die Erinnerungen fanden sich in dessen Nachlaß und decken die Zeit von 1914 (da war Haffner gerade sieben Jahre alt) bis 1933. Er soll sie 1939 niedergeschrieben haben, als er bereits vor den Nazis geflüchtet war. Hellsichtig haben manche die Erinnerungen genannt. Nur weil der Mann - ich setze immer voraus, daß die Niederschrift zu Beginn des Jahres 1939 war - den Krieg voraussieht, nur weil er die häßliche Fratze der Nazis deutlicher zeichnet als andere. Weil er von Konzentrationslagern redet, deren Existenz viele Deutsche noch nach dem Krieg schlicht und ergreifend für eine schreckliche Verleumdung gehalten haben. Ansonsten legt er auch Zeugnis davon ab, wie durchaus berechnend er war, wie berechnend wahrscheinlich jedermann unter derartigen totalitären Bedingungen handeln wird. Er bleibt in Deutschland, um sein Studium abzuschließen, er taucht unter, um möglichst ungestört nicht ohne einen Studienabschluß das Land verlassen zu müssen. Von seiner jüdischen Freundin dieser Zeit ist nicht mehr die Rede, was wurde denn aus ihr? Er bleibt sehr vage, er tut so, als hätte er den Kampf mit Hitler aufgenommen. In Wahrheit hat er sich nicht einmal mit seinen Kommilitonen, die Nazis werden wirklich auseinandergesetzt. Er schlägt Schaum. Und 50 Jahre später sind Journalisten darauf hereingefallen und haben diese Erinnerungen zur Sensation" hochgeschrieben. Such is life.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 24, 2011 12:13 AM CET


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