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MMMichael

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Sand. Roman
Sand. Roman
von Wolfgang Herrndorf
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

118 von 138 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Spannende Kunst, 22. November 2011
Rezension bezieht sich auf: Sand. Roman (Gebundene Ausgabe)
Was für ein Buch. Ich bin begeistert.
Es ist gleichermaßen spannender Thriller und gute Literatur - so etwas ist mir in dieser Form noch nie begegnet.
Den typischen Thriller liest man hungrig weg, ohne auf die Sprache zu achten. Kleinere Fehler stören nicht, die überliest man, um schnell zu erfahren, wie es ausgeht. Bei ernsthafter Literatur freut man sich an schöner Sprache oder/und erfährt etwas Neues über sich selbst, für sich selbst.
Es ist selten, dass man etwas Spannendes liest, das auch Gehalt hat. Und das findet man bei "Sand".

Auf den ersten 100 Seiten werden Personen vorgestellt, man findet sich in teils verwirrenden Szenen wieder und hängt ein bisschen in der Luft. Macht aber nichts, denn Herrndorf beschreibt so plastisch und auf ungewöhnliche Weise tiefgründig, dass es ein Vergnügen ist.
Und dann geht's los.
Ein Mann erwacht irgendwo in Nordafrika auf einem Dachboden mit schmerzendem Schädel und ohne Erinnerung. Die Szene seines Erwachens ist typisch für das Buch: er sieht aus einem Fenster und wie auf in einem Theater, eingerahmt von Brettern wie Bühnenvorhänge, sieht er wie sich in der Ferne wild gestikulierend vier Männer streiten. Die wenigen Satzfetzen, die er versteht, sind alles, was er für seine Suche nach seiner Identität zur Verfügung hat. Eine Achterbahnfahrt beginnt. Feinde werden Freunde, Freunde werden Feinde. Erfolge, die er sich mühsam erkämpft, werden brutal zerstört. Hilflos stolpert er von einer Katastrophe in die nächste.
Das ganze ist unglaublich plastisch erzählt, man sieht die Personen nicht nur vor sich, man versteht sie. Manchmal hat es was slapstickartig Komisches, manchmal ist es weise, manchmal grotesk ... ach man kann es nicht wirklich beschreiben. Ein typischer Herrndorf und auch noch spannend.

Lest dieses Buch. Es lohnt sich wirklich.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 28, 2012 3:13 PM MEST


Die Geburt des radikalen Islamismus aus dem Hüftspeck des deutschen Schlagers: und andere west-östliche Denkwürdigkeiten
Die Geburt des radikalen Islamismus aus dem Hüftspeck des deutschen Schlagers: und andere west-östliche Denkwürdigkeiten
von Jürgen Kuttner
  Taschenbuch

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Blick in die Abgründe der Fernsehgeschichte, 19. August 2011
Jürgen Kuttner kennt man als Radiomoderator und von seinen Videoschnipselvorträgen. Er steht einer kleinen, feinen Fangemeinde vor, die ihn abgöttisch verehrt.
Ich muss gestehen, ich kenne noch keinen dieser berüchtigten Videoschnipselvorträge. Deshalb habe ich "Die Geburt des Radikalismus..." sofort gekauft, kaum dass ich es auf einem Wühltisch entdeckt hatte. Der seltsame Titel ist eigentlich nur das Lockmittel, mit dem Kuttner an Musikgeschichte und Tagespolitik interessierte Leute fangen will, gibt aber schon den Ton vor, in dem er über Absonderlichkeiten in alten und weniger alten Fernsehaufzeichnungen referiert, die er in Archiven aufgespürt hat.

Jedes Kapitel bearbeitet einen Videoschnipsel.
Da ist z.B. der alte Mann, der in den 60-er Jahren vor einer irritierten Mädchenklasse sitzt, diese sexuell aufklären soll und sehr plastisch vor den Männern da draußen warnt, die nur das Eine im Sinne haben und alle Tricks kennen. Ein Wolf im Schafspelz, der erscheint, als würde er im nächsten Augenblick die Kreide ausspucken und über die Lämmchen herfallen.
Oder die ahnungslose Bergarbeiterfamilie Härtel, an denen das junge DDR-Fernsehen das Phänomen "Fernsehapparat" erklären will.

Die Situationen, die da beschrieben werden sind durchweg grotesk und Steilvorlagen für Kuttners witzige, originell geistreiche Assoziationen. Ich habe trotzdem nur die Hälfte des Buches gelesen, weil es, wenn man die Videoschnipsel nicht kennt, wie Trockenschwimmen erscheint. Diese ganzen Fernsehausschnitte, die uns heute so irrwitzig erscheinen, muss man gesehen haben, dann erschließt sich ihre ganze Absurdität von selbst, und man ist dann sicher optimal vorbereitet auf Kuttners ausschweifende Diskurse. Hier im Buch muss er die Bilder erst beschreiben und das funktionierte bei mir nicht ideal. Es erschien mir überzogen, aus dem Zusammenhang gerissen, und ich konnte nicht alles nachvollziehen.

Immerhin will ich jetzt Jürgen Kuttner mal live erleben. Und dann lese ich vielleicht auch die zweite Hälfte des Buches.


Der Schaum der Tage
Der Schaum der Tage
von Boris Vian
  Gebundene Ausgabe

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Echt, weil überzogen., 18. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Der Schaum der Tage (Gebundene Ausgabe)
Ja, was ist das denn? Erst dachte ich, es wäre ein bizarres Märchen, dann fand ich mich mehr und mehr in einem surrealistischen Film wieder. Eine Wahnsinnsidee, so eine einfache Love-Story auf diese Weise überdreht zu erzählen. Man kommt sich vor, wie in einem Zustand zwischen Schlafen und Wachsein, wenn man ab und zu in Träume abgleitet und nachher Schwierigkeiten hat, zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden. So beschreibt Vian es ja in seiner Vorrede selbst: "...die Beweiskraft der folgenden Seiten beruht auf der Tatsache, dass die Geschichte vollkommen wahr ist, weil ich sie von Anfang bis Ende erfunden habe. Ihre Sichtbarmachung geschah im Wesentlichen dadurch, dass eine Realität bei Feuchtwarmer Atmosphäre auf eine unregelmäßig gewellte, Verzerrungen erzeugende Oberfläche projiziert wurde. Es wird sich zeigen, dass dies ein durchaus annehmbares Verfahren ist."

Ich stimme ihm zu.

Noch ein Zitat: "Dort, wo die Flüsse ins Meer münden, bilden sich Strömungen, die schwierig zu überwinden sind, und große, schaumige Strudel, in denen Treibgut herumwirbelt. Zwischen der Nacht draußen und dem Licht der Lampe fluteten die Erinnerungen aus dem Dunkel, prallten gegen die Helligkeit, tauchten unter und kamen wieder empor, zeigten ihre weißen Bäuche oder ihre silbern schillernden Rücken."

Seltsam das Ganze, aber trotzdem stimmig. Echt, weil überzogen.


Wir fliegen: Erzählungen
Wir fliegen: Erzählungen
von Peter Stamm
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einfach. Wortgewaltig., 18. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Wir fliegen: Erzählungen (Taschenbuch)
Kurzgeschichten irritieren mich. Sind sie gut, will ich mehr und muss mich statt dessen in einer neuen Geschichte zurechtfinden. Sind sie schlecht, bin ich verärgert. So oder so bleibt ein ungutes Gefuehl.

Bei den Erzaehlungen von Peter Stamm in "Wir Fliegen" ist das nicht anders, aber die sind so gut, dass ich nicht genug davon kriegen kann. In ihrer reduzierten Art sind sie unglaublich genau. Treffen mich; erzeugen Stimmungen.

Manche dieser Geschichten vermitteln eine benennbare Botschaft. Bei "In die Felder muss man gehen ..." wird ein Maler von einem Jungen gefragt, warum er eigentlich malt, und am Ende habe ich genau das erfahren. In "Der Brief" verliert eine Frau, etwa in ihren 60ern, ihren geliebten Mann und findet Jahre später Briefe seiner Geliebten. Ihr Leben scheint sich im Nachhinien zu verändern. Schonend und sorgfaeltig wird hier ein erkennender Prozess beschrieben.

Andere Geschichten sind einfach Ausschnitte aus den unterschiedlichsten Lebensläufen; Schlaglichter, die von den Gefühlen leben, die Peter Stamm auf seine so eigene Weise vermittelt. Jede einzelne dieser Erzaehlungen koennte Teil eines Romanes sein, den ich gerne lesen wuerde.

Peter Stamms Erzählweise ist einfach und doch wortgewaltig. Lakonisch. Irgendwie melancholisch. Man bleibt ernüchtert zurueck, manchmal traurig, manchmal hoffnungsvoll, immer irgendwie ... abgeklärt.

Eigentlich kann man kaum etwas Prägnantes zitieren, denn immer beschränkt sich Stamm auf das Wesentliche. Man muesste schon eine ganze Erzählung zitieren. Ich versuche es trotzdem. Hier etwas aus "In die Felder muss man gehen ...":

"Und plötzlich hattest du das unheimliche Gefuehl, dass die Landschaft nicht stimmte, dass sie nicht übereinstimmte mit der Wirklichkeit, die du geschaffen hattest. Später wirst du dieses Gefuehl immer wieder malen. Die junge Leserin. Sie unterbricht die Lektüre, schaut von ihrem Buch auf und erkennt die Welt nicht mehr. Du wirst das Staunen malen in ihren Augen. Ihr Lächeln ist dein Lächeln. Sie weiss, dass ihr nichts mehr etwas anhaben kann. Sie lebt in ihrer eigenen Welt ..."

Vielleicht mag ich doch Kurzgeschichten. Die von Peter Stamm lege ich Euch jedenfalls ans Herz.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 25, 2012 8:49 AM MEST


Heimweg: Roman
Heimweg: Roman
von Harald Martenstein
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Respekt vor den Absurditäten des Lebens, 18. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Heimweg: Roman (Gebundene Ausgabe)
Dieser Roman ist gleichzeitig Liebesgeschichte, Tragödie, Sittengemälde, Geschichtsbuch der Nachkriegszeit in Westdeutschland und Groteske.
Es kommen vor: der aus russischer Gefangenschaft heimkehrende Großvater des Erzählers, dessen liebestolle Frau, deren schizophrener Vater, dessen Großvater (eine Art bayrischer Robin Hood), eine Blindschleiche, Dutzende Wellensittiche, die Katze Puschel und jede Menge anderer interessanter Gestalten.
Das Gute daran: in sehr witzigen Episoden wird pointiert und kurzweilig das Bild einer abgedrehten Familie entworfen. Weniger gut: gerade in der ersten Hälfte will nicht so recht ein Roman daraus entstehen. Außerdem wirkte auf mich der ironische Unterton auf Dauer irgendwie überzogen.
Zum Ende hin, fand ich, wurde das Buch immer besser, denn die Ironie mäßigte sich, was besser zu den immer ernster werdenden Themen passt. Letztere hielten zu den trockenen Pointen (die es immer mal wieder gab) schließlich eine angemessene Balance. - Und eine elegante Wendung gibt es zum Schluss auch noch.
Ein Rezensent im Deutschlandradio hat über das Buch gesagt, es sei "Prosa gewordener Respekt vor den Absurditäten des Lebens". Das passt.

Es passiert mir nicht oft, dass ich beim Lesen lachen muss - hier war das oft der Fall. Die Handlung entwickelt sich auf kleine Höhepunkte zu. Das ist amüsant, zerhackt aber manchmal den Lesefluss. Man erkennt, meine ich, den Kolumnisten, der seine Gedanken klar strukturiert und seine Aussagen Punkt für Punkt abhandelt. Das ist in meinen Augen das einzige Manko ... mir fehlt etwas die Homogenität.

Trotzdem: ein gutes Buch. Ich werde definitiv noch weitere Romane von Harald Martenstein lesen.


Fan Man
Fan Man
von William Kotzwinkle
  Taschenbuch

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wo ist mein Ventilator?, 18. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Fan Man (Taschenbuch)
Der "Fan Man" hat mir meine U-Bahn-Fahrten verkürzt. Wahnsinn, dieses Buch. Mir kommt es vor, wie eine Mischung aus Bukowsky, T.C. Boyle, Otto Waalkes und der Dresdner Innenstadt zum Kriegsende.
Ausgewiesen ist es als Avantgarde-Roman. Avantgarde, das sind doch die Kämpfer in der ersten Reihe. Die, die mutig neue Wege beschreiten. Bei "Fan Man" denkt man eher an ein versprengtes Trüppchen. Zugekifft und mit einem Kompass, der nicht nach Norden zeigt.
So gesehen genau das richtige für eine Fahrt mit dem Berliner Nahverkehr.

Was für ein atemloser Ritt. Oder im Stile des Fan Mans Horse Badortie gesagt:

In meinem Kopf sieht's aus wie in Badorties Apartment, Mann. Spüre meine Beine nicht mehr. Hat mich vergiftet, dieser Badortie, Mann. Wo ist mein kleiner japanischer Ventilator? Habe ihn in der U-Bahn vergessen, Mann. Muss sofort hinterherjagen und ihn zurückholen. Andererseits Mann, s cheiß drauf. So geht's nun mal, Mann. Man macht auch Fehler. Ventilator ist nun auf dem Weg in die ewigen Jagdgründe. Entstehen und Vergehen, Mann. Kann mich eh grad nicht bewegen. Bin noch erstarrt vor Entsetzen, Mann. Muss Schreibtisch aufräumen. Vorher noch was Essen, Mann. In der Kantine gibt's Würstchen. Sehe totes Schwein vor mir, Mann. Große Augen sehen mich an, Mann. Schweineaugen groß wie Untertassen. Würg. Muss dringend telefonieren, Mann. Hab' da so'n Deal am Laufen.
Wo ist mein Ventilator?

Wenn der Fan Man nicht immer versuchen würde, 15-jährige Mädchen in sein Bett zu ziehen (wenn er denn mal ein Bett fände im Müll seines Apartments), könnte man fast mit ihm mitfühlen. Aber so ... na ja, es ist ein Blick in den Kopf eines Irren und als solcher sehr überzeugend.
Fast ein 5 Sterne - Buch.


Darwin: Das Abenteuer des Lebens
Darwin: Das Abenteuer des Lebens
von Jürgen Neffe
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lesen !, 18. August 2011
Der Autor folgt der Route der Beagle und reflektiert sehr klug nicht nur Darwins Theorie, sondern auch seine eigenen Reiseerlebnisse.
Da finden sich Orte wie Galapagos, Peru, Chile, Argentinien, Brasilien, Feuerland, Osterinsel, Tahiti, Neuseeland... - Jürgen Neffe ist Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalist und versteht es, schwierige Dinge in einfacher Sprache zu vermitteln. Darwins Tagebucheinträge und Neffes Reisebeschreibungen gehen ineinander über. Man erfährt Wichtiges über die Person Darwin, seine Gefährten und Widersacher, ebenso wie über seine Lehre - wie sich seine Theorie der Entstehung der Arten während seiner Weltreise entwickelt hat, wie sie im historischen Kontext und heutzutage zu bewerten ist.

Das Buch ist eigentlich eine Biographie aber in Form eines Reiseberichtes, oder besser zweier Reiseberichte, nämlich über die heutige Reise und die vor 200 Jahren.


Der Felsen des zweiten Todes: Roman
Der Felsen des zweiten Todes: Roman
von William Golding
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Außergewöhnlich !, 18. August 2011
Es geht um einen englischen Offizier der Marine im Zweiten Weltkrieg, der Schiffbruch erleidet, fast ertrinkt, völlig zerschlagen und entkräftet auf einem Felsen im Atlantik angespült wird und sich dort langsam wieder zusammensetzt, seine Gedanken ordnet, sein Überleben organisiert um schließlich den Kampf gegen den Wahnsinn aufzunehmen.
Und ganz zum Schluss, mit dem letzten Satz haut einem Golding noch eine 180-Grad-Wendung um die Ohren.
Golding schreibt so, dass sich die Grenzen zwischen Innerem und Äußerem vermischen. Manchmal wusste ich erst nach einigen Sätzen, wo ich mich gerade befinde: in der Gedankenwelt des Menschen oder außerhalb. Ich hatte manchmal Mühe mich zu konzentrieren, aber nach längerem Lesen stellte sich immer ein intensiver Lesefluss ein.
Goldings Stil ist außergewöhnlich. Ich wüsste nicht, womit ich den vergleichen könnte. Golding könnte auch beschreiben, wie ein Kind langsam jede Seite eines dicken Telefonbuches zerreißt, und es wäre spannend.
Hier zur Veranschaulichung ein längeres Zitat. So fängt das Buch an:

"Er kämpfte nach allen Seiten zugleich, Mittelpunkt eines sich windenden, um sich schlagenden Knotens, der sein eigener Körper war. Es gab kein Oben und kein Unten, nicht Licht noch Luft. Er spürte, wie sich sein Mund selbsttätig öffnete, hörte, wie das Wort im Schrei herausbrach:
'Hilfe!'
Als die Luft zusammen mit dem Schrei draußen war, drängte Wasser herein, ihren Platz einzunehmen - brennendes Wasser, hart in Kehle und Mund wie scharfe kantige Steine. Er krümmte seinen Körper dorthin, wo Luft gewesen war, aber nun war sie fort und an ihrer Stelle nichts als schwarzes, erstickendes Chaos. Sein Körper ließ der Panik freien Lauf, und sein Mund zwängte sich auf, bis die Kiefergelenke schmerzten. Wasser stieß hinein, hinab, gnadenlos. Luft kam mit herein für den Bruchteil einer Sekunde, so dass er sich der vermutlich rettenden Richtung entgegenkämpfte. Aber das Wasser forderte ihn zurück und drehte sich im Wirbel, so daß das Wissen um die Stelle, an der Luft sein musste, völlig ausgelöscht wurde. Turbinen kreischten in seinen Ohren, und grüne Funken entstoben dem Mittelpunkt gleich Leuchtspurgeschossen. Auch eine Kolbenmaschine dröhnte auf, die außer Kontrolle geraten war und das gesamte Universum erbeben machte. Dann lag einen Augenblick lang Luft wie eine Maske auf seinem Gesicht, und er biss hinein. Luft und Wasser mischten sich, rutschten hinab in seinen Körper gleich Kieselgeröll. Muskeln, Nerven und Blut, ringende Lungen, eine Maschine im Kopf, sie alle trafen sich zu episodenhaftem altem Zusammenspiel. Die Klumpen harten Wassers spülten im Schlund, die Lippen schlossen sich und öffneten sich wieder, die Zunge wölbte sich, das Hirn ließ eine Bahn aus Neonlicht aufflammen."
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 28, 2013 5:55 PM CET


High Fidelity
High Fidelity
von Nick Hornby
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Im Mittelteil genial, am Ende banal, 18. August 2011
Rezension bezieht sich auf: High Fidelity (Taschenbuch)
Jetzt habe ich es auch endlich gelesen.

Es wird ja angepriesen als DAS Buch zum Lebensgefühl der um das Jahr 1960 Geborenen. Sympathisch soll es ein, ein Buch über Popmusik und das männliche Paarungsverhalten schlechthin.

Es geht jedenfalls gut los. Im Plauderton erzählt der schrullige Rob von seinem Leben, seiner gerade in die Brüche gegangenen Beziehung, guter Musik, schlechter Musik, was man so hört, wenn man angesagt sein will und was um Gottes willen nicht. Ist hier jemand dabei, der Simply Red mag? Gnadenlos out ist der. Immer gewesen. Ganz klar.

Nach ein paar Seiten war ich enttäuscht, denn so Leute, die sich nur über ihren Musikgeschmak definieren kenne ich auch - ebenso wie Leute, die ihr Leben nicht in den Griff kriegen und dabei eine überhebliche Attitüde an den Tag legen... und sympathisch sind die nicht unbedingt. Dann allerdings gewinnt das Buch an Tiefe. Hornby kriegt das sehr gut hin, amüsant und locker im Plauderton einen Typen zu beschreiben, der sich in seinem Ego suhlt und nichts auf die Reihe kriegt. Man reibt sich an diesem Rob und weiß nicht so recht, wo man ihn hinstecken soll. Das hätte richtig gut werden können, wenn es nicht in einem Friede-Freude-Eierkuchen-Ende versackt wäre.

Es erinnert stark an Horby's "About A Boy". Davon kenne ich nur die Verfilmung. Die gefiel mir, und "High Fidelity" ist ja auch nicht übel; mehr werde ich von Nick Hornby aber nicht lesen.

Fazit: Im Mittelteil genial, am Ende banal.


84, Charing Cross Road: Eine Freundschaft in Briefen
84, Charing Cross Road: Eine Freundschaft in Briefen
von Helene Hanff
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,99

5.0 von 5 Sternen ... witzig, kurzweilig, intelligent, in jeder Hinsicht ECHT, 17. August 2011
In diesem leider viel zu dünnen Buch wird eine Auswahl an Briefen veröffentlicht, die zwischen 1950 und 1969 tatsächlich so geschrieben wurden. Es beginnt damit, dass die New Yorkerin Helene Hanff, eine mittelprächtig erfolgreiche, spitzzüngige Autorin von Theaterstücken, auf eine Anzeige eines Londoner Buchantiquariats antwortet und eine Buchrecherche in Auftrag gibt.
Sie gerät an einen britisch zugeknöpften Antiquar, setzt ihm unbekümmert zu und zwischen beiden entsteht eine Brieffreundschaft, die über fast zwei Jahrzehnte anhält.
Das Ganze ist witzig, kurzweilig, intelligent, in jeder Hinsicht ECHT und deswegen so anrührend. Am Ende, ich gesteh's, musste ich schlucken und zweimal tief durchatmen, um in der U-Bahn Haltung zu bewahren.


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