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Rezensionen verfasst von
Wortwerkstatt (Würzburg)

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Die wundersamen Irrfahrten des William Lithgow
Die wundersamen Irrfahrten des William Lithgow
von Roger Willemsen
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,00

12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Schneidergeselle mit abgeschnittenen Ohren, 25. November 2009
William Lithgow war schottischer Schneiderjunge, Weltreisender und Reiseschriftsteller. Er soll angeblich 58.000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt haben. Als er im Jahr 1603 als 21Jähriger unter einem Fenster seine Liebste besang wie einst Romeo seine Julia, schnitten ihm die Brüder der Angebeteten beide Ohren ab. William beschließt daraufhin, in den Orient aufzubrechen, um den Verlust der Ohren unter einem Turban verstecken zu können. Seine Wanderungen führten ihn quer durch Europa, Arabien, Ägypten und Abessinien. Sein Reisetagebuch ist in England erstmals im Jahr 1632 erschienen, wurde dann verschiedentlich neu aufgelegt und erscheint nun zum ersten Mal in deutscher Sprache. Als Herausgeber dieses eigensinnigen und kuriosen Reiseberichts konnte Roger Willemsen gewonnen werden, der ein sehr informatives und kurzweiliges Geleitwort verfasste, das auch ein Portrait des William Lithgows beinhaltet.

William Lithgow besaß zweifelsohne eine scharfe Beobachtungsgabe, neigte aber gerne zu Pauschalurteilen und leicht galliger Misanthropie, was aber wiederum die unfreiwillige Komik dieses Buches ausmacht. Zur damaligen Zeit war das Reisen natürlich strapaziös und entbehrungsreich und William Lithgow musste so manche Demütigungen und Gewalttätigkeiten bis hin zur Folter der spanischen Inquisition ertragen. Doch war er ein Stehaufmännchen, trotzte allen Widrigkeiten und kehrte von seinen drei Reisen stets lebendig, wenn auch lädiert zurück. Lithgow nimmt kein Blatt vor dem Mund und seine kultiviert gepflegten Vorurteile, bösen Vorahnungen, drakonischen und polemischen Ansichten sind manchmal penetrant, aber eben auch erfrischend gewitzt und makaber. Er ist ein Querulant und ewiger Besserwisser, doch auch dankbare, versöhnende und lobende Worte finden sich an mancher Stelle. Natürlich nicht zu viel, denn Hohn und Häme kehrten stets zurück, egal ob Katholiken oder Türken, Italiener oder Griechen, ihr Fett bekommen sie alle ab. Die wundersamen Irrfahrten des negativen Odysseus" sind eine erheiternde und ungewöhnliche Leseerfahrung und vermitteln ein Bild der Welt des 17. Jahrhunderts, die ein schrulliger Schotte bereist, lamentierend und doch interessiert.


Millennium: Die Geburt Europas aus dem Mittelalter
Millennium: Die Geburt Europas aus dem Mittelalter
von Tom Holland
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,95

7 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Spannende und lesbare Geschichtsschreibung, 11. November 2009
An zwei markanten Aspekten macht Tom Holland in seinem populärwissenschaftlichen Geschichtsepos Millenium" die Geburt Europas und den Beginn des Hochmittelalters fest, Zum einem ist es die zur ersten Jahrtausendwende erwartete Apokalypse, als das Christentum von allen Himmelsrichtungen eingekesselt schien und unerbittliche Feinde, heidnische Raufbolde, Räuberhäuptlinge und der blutrünstige Antichrist einzufallen drohten Und zum anderen der legendäre Gang nach Canossa im Jahre 1077, als Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor sich einen historischen Showdown lieferten. Das Christentum überwand jedoch die lähmenden Ängste vor dem Ende der Welt und die Expansionslüste der Herrschenden gingen mit den abgesegneten" Kreuzzügen der Christianisierung einher. Denn Religion war in erster Linie ein beliebtes politisches Machtinstrument und damit schritt das zweite Jahrtausend voran mit Kriegen, Intrigen, Schlachten und Überfällen. So findet der Leser hier fast alles an wichtigen Ereignissen und Persönlichkeiten wieder: die fränkischen und sächsischen Könige, Kaiser, die Päpste, die Wikinger und Normannen und viele mehr. Das Spektrum der Ereignisse reicht von Vinland, der wikingischen Entdeckung in Amerika über die Ausbreitung des russischen Reiches, vom christlichen Byzanz und dem islamischen Andalusien bis hin zum englischen Königreich.

Tom Holland schreibt flüssig, spannend und gut verständlich vom Beginn des Milleniums, den Grundfesten des europäischen Abendlandes" und deren Verbreitung.
Millenium" ist außerordentlich gut recherchiert und durch entsprechende Literaturangaben, Verweise und Zitate belegt. Natürlich hat der Autor, der kein ausgewiesener Mediävist ist, keinen Anspruch auf ein Geschichtswerk der Superlative, das lückenlos alle wichtigen Komponenten beinhaltet, sondern er erlaubt sich auch mal die Leerstellen der Geschichtsschreibung, welche die Überlieferungen offen gelassen hatten, mit fiktionalen Mitteln zu füllen. Und genau darin steckt die Stärke und wahre Leidenschaft des Autors. Mit viel Ironie und Sinn für die psychischen Abgründe seiner ausgewählten Persönlichkeiten (Fürsten, Bischöfe, Päpste und Könige) erzählt er informativ und spannend von deren Machthunger, ihrer Gier nach Ruhm und verdichtet die Geschichten um die geschilderten Charaktere anschaulich und kurzweilig zu einem hochinteressanten und gut lesbaren Geschichtsepos. Natürlich werden manche Fachleute und Experten die Nase rümpfen, doch für solche ist dieses Buch auch nicht gedacht. Tom Holland versteht es, Geschichte und Geschichten spannend zu erzählen. Er mag keine neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse präsentieren, aber wer so wie ich im Geschichtsunterricht nicht richtig aufgepasst hat, dem kann ich keinen besseren Einstieg in diese Thematik empfehlen. So eine lebendige, faszinierende und spannende Geschichtsschreibung, die auch noch von der ersten bis zur letzten Seite Lesegenuss verschafft, findet man nicht alle Tage.


Fruit
Fruit
Preis: EUR 14,62

1 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Innovativ, eklektisch und originär aber..., 9. November 2009
Rezension bezieht sich auf: Fruit (Audio CD)
Ich gebe, vom musikalischen Standpunkt aus gesehen, allen Mitrezensenten recht, aber die Gesangsstimme ist, so leid es mir bei dieser hervorragenden Musik tut, einfach nicht anzuhören. Das Stimmchen, welches auch noch fiepsig, quitschig und kokett daherkommt macht für mich jeden Song unanhörbar. Klar dies ist rein subjektiv, aber dennoch muss man vor dieser Stimme, die keine ist, warnen...echt ärgerlich!!!!


Überm Rauschen: Roman
Überm Rauschen: Roman
von Norbert Scheuer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Fischen ist Täuschung, 1. Oktober 2009
Rezension bezieht sich auf: Überm Rauschen: Roman (Gebundene Ausgabe)
Leo, Mittvierziger, kehrt nach Jahren der Abwesenheit zurück an die Stätte seiner Kindheit. Er sucht den elterlichen Gasthof auf, der an einem Fluss gelegen ist. Seine Mutter liegt mittlerweile an Demenz erkrankt im Wohnheim, sein Vater ist längst tot und sein sonderbarer Bruder Hermann sitzt seit Tagen eingeschlossen im eigenem Zimmer und will mit niemand sprechen. Hermann war früher ein begabter Junge und wie der Vater ein leidenschaftlicher Angler. Auch Leo begibt sich an den Fluss, doch seine Versuche Hermann zum Reden zu bringen scheitern kläglich: Im Fluss stehend, warte ich auf Erinnerungen und den großen Fisch Ichthys, der anbeißt." So beginnt der Strudel der Erinnerungen lebendig zu werden: Gegenwart und Vergangenheit fließen ineinander, wie die Figuren und Erlebnisse, die in den Reflexionen des Ich-Erzählers Leo auftauchen und verschwinden. Er erinnert sich beispielsweise an die Aussage seines Vaters, die er erst jetzt zu verstehen scheint, dass Fischen ja nichts anderes sei als die Kunst des Täuschens; dies gelte für das Leben, die Liebe und eben besonders für das Fischen. Oder wie der Vater von diesem mythischen Fisch berichtete, den er einst beim Fischen gesehen zu haben glaubte, groß wie ein ausgewachsener Mensch, alt wie Methusalem und auf seinen moosbewachsten Schuppen seien alle Fische dieser Welt abgebildet. Wie Hermann als Außenseiter der bürgerlichen Enge dieses Ortes zu entfliehen versuchte, zur See fuhr und schließlich wieder im elterlichen Gasthof landete, von dem aus er jahrelang seinem Bruder Leo merkwürdig besprochene Kassetten schickte, die mit solchen Aufschriften wie Nymphen, Libellen oder Geruch des Wassers versehen waren. Leo verwahrte diese meist ungehört in einem Karton, während Hermann auf der Jagd nach dem Urfisch Ichthys" wohl langsam aber sicher seinen Verstand verlor.

Norbert Scheuer erzählt sehr eindringlich und psychologisch dicht vom Leben der Familie am Fluss. In einer ruhigen, fließenden und poetischen Sprache schreibt er von der dörflichen Enge, der Armut und der Sehnsucht nach Liebe und Glück. Und das Glück ist da, im Rauschen, in der wehmütigen Kraft des Erzählens. Der Autor zeigt gekonnt, wie die magischen Momente des Lebens aus der Vergangenheit immer auch in der Gegenwart eine wesentliche Rolle spielen und wie der Mensch den Sinn des Daseins in der Wahrnehmung der Natur erkennen kann, in der sich Trauer und Schönheit wieder finden.

Überm Rauschen" ist verdientermaßen für den Deutschen Buchpreis 2009 nominiert und wird hoffentlich ein großes Echo in den Medien finden.


Veckatimest
Veckatimest
Preis: EUR 14,70

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die beste Platte des Jahres 2009, 25. September 2009
Rezension bezieht sich auf: Veckatimest (Audio CD)
Zugegeben brauchte auch ich mehrfaches Hören bis es zündete, wobei man eigentlich beim ersten Mal die unfassbare Tiefe dieser Songs erahnen kann, und nun schwirren diese Songs im Unterbewußtsein herum als wären dort schon immer die Grizzly Bears zu Gange. Eigentümliche Instrumentierung, Songs die unfassbare Wege gehen, orchestrale Stimmungen, gänsehautähnlicher Gesang...endlich mal wieder eine Scheibe, bei der man sich zwingen muss, sie nicht andauernd aufzulegen. Neben Animal Collectives "Merrywheather..." wohl die besten Scheiben dieses Jahres!!! Und vor allem an alle Grizzly Bear Liebhaber hört euch die Department of Eagles, ein genialer Splitter der Grizzly Bears, an...eine echte Offenbarung ist die "Ear Park" neben "Veckatimest" die eigenartigsten Scheiben...Songs die erst nebulös und rätselhaft daherkommen und nach einiger Zeit klar und deutlich hervortreten!!!
Vergesst Fleet Foxes, Múm etc...


Ich verfluche den Fluss der Zeit: Roman
Ich verfluche den Fluss der Zeit: Roman
von Per Petterson
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,99

26 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Zeit ist ein Maler, 3. September 2009
Der 37jährige Arvid Jansen hat in seinem bisherigen Leben noch niemals wirklich Fuß fassen können. Seit seiner Kindheit fühlt er sich nirgendwo richtig zugehörig. In seiner Familie war er stets der Außenseiter und so war es nur eine Frage der Zeit bis, er in den 70er und 80er Jahren der kommunistischen Partei beitrat. Als er im November1989, einer Zeit der Umbrüche in Europa, von der schweren Krebserkrankung seiner Mutter erfährt, reist er ihr in das dänische Sommerhaus nach. Es bleibt zwar zwischen Mutter und Sohn weiterhin vieles unausgesprochen, doch ihre gemeinsame Leidenschaft für Bücher und Filme führt zu einer zarten, wenn auch verspäteten Annäherung.

Per Petterson erzählt in kunstvollen Rückblenden und Zeitsprüngen vom Leben der Familie. Es sind die kleinen Erlebnisse", die durch diesen schweren Schicksalsschlag wieder zum Leben erweckt werden. Und so erinnert sich Arvid beispielsweise an eine Gedichtzeile von Mao Tsetung, einen Splitter seiner kämpferischen Vergangenheit: Ich verfluche den Fluss der Zeit." Gerade diese schlichten Vorgänge, die Mutter und Sohn gemeinsam im Domizil in Dänemark erleben, machen das Buch so ergreifend. Petterson schreibt in einer stillen und poetischen Sprache von der Vergänglichkeit, dem Fluss der Zeit, der Melancholie und der tiefen Einsicht zweier wortkarger Menschen. Souverän, assoziativ und detailliert erzählt er von den wahren magischen Momenten des Lebens, den kurzen luziden Augenblicken des Glücks und den schweren, bewegenden Zeiten und Geheimnissen der menschlichen Existenz. Bereits nach den ersten Zeilen kann man sich diesem Buch nicht mehr entziehen und spürt sofort, dass hier ein Autor wirklich etwas zu sagen hat und die Tiefen des Lebens auslotet. Hier herrscht kein popkultureller Plapperzwang, keine chronische Infantilität und keine oberflächlichen Verblendungen. Hier wird ein Bild des menschlichen Lebens entworfen, denn die Zeit ist ein Maler und auch die Bilder des Lebens verblassen im Fluss der Zeit.


Nicht so schlimm
Nicht so schlimm
von Nicolas Fargues
  Gebundene Ausgabe

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein neues Rollenverständnis muss her!, 27. August 2009
Rezension bezieht sich auf: Nicht so schlimm (Gebundene Ausgabe)
Nicolas Fargues greift in seinem dritten Roman Nicht so schlimm" ein aktuelles und drängendes Thema auf. Es ist eine schonungslose Ehegeschichte, eine Art Rosenkrieg", wie er so noch nicht beschrieben wurde. Der Protagonist des Romans, ein Mittdreißiger, wird von seiner Frau betrogen, aus Rache für seine Affäre, die aber nur aus einem Kuss bestand. Denn mehr traute er sich nicht, konnte aber vor schlechtem Gewissen und Selbstanklage nicht an sich halten und erzählte alles seiner Frau. Doch Alexandrine, seine Frau, macht ihm nun das Leben zur Hölle: Sie prügelt ihn blutig, er bettelt wenig später reumütig, dass sie ihm verzeihen möge. Doch Alexandrine lässt ihn kalt abblitzen und ignoriert ihn fortan. Er ist am Boden zerstört. So beschließt er seine Eltern in Italien zu besuchen, natürlich nicht ohne seine Frau um Mitfahrt zu bitten. Sie will aber nicht. Er reist alleine und stürzt sich diesmal in eine leidenschaftliche Affäre mit allem drum und dran. Alice gibt ihm all die Gefühle wieder, die er längst vergessen glaubte. Beide erleben eine fantastische Zeit zusammen. Als er wieder nach Hause fährt, gesteht er es sofort seiner Frau, die ihn darauf erneut erniedrigt. Aus Angst vor der Trennung und den damit einhergehenden Konsequenzen verrät er seine große Liebe zu Alice, doch die beiden können nicht voneinander lassen und das Gefühlschaos nimmt seinen Lauf. Das ist oft sehr amüsant zu lesen, doch bleibt einem, angesichts der Erniedrigungen, die er über sich ergehen lässt, das Lachen im Halse stecken. Ungeschönt, leidenschaftlich und sehr einfühlsam schildert Nicolas Fargues das bewegende Leben seines Protagonisten und deckt dabei das Dilemma und die Krise vieler heutiger Männer auf. Männer, die ihre Männlichkeit ausleben wollen, sie aber nicht mehr genießen können, aus Verunsicherung oder aus Angst, als Macho abgestempelt zu werden. Denn die Veränderungen der Männer sind im Vergleich zur Emanzipation der Frauen eigentlich nur ein Reflex gewesen, um von der Entwicklung nicht abgehängt zu werden. Somit ist die Anpassungs-
strategie der Männer gescheitert, weil sie sich nicht wirklich verändert haben. Der Mann hat es nicht verstanden sich vom althergebrachten Rollen-
verständnis mit denen die Männlichkeit Jahrhunderte lang verbunden war, zu trennen und dabei die spezifische Männlichkeit, die von Frauen gefordert und begehrt wird, zu entwickeln. Somit gibt es sehr viele Irritationen in modernen Beziehungen, die Nicholas Fargues in diesem Buch bewegend beschreibt. Es sind Männer, die zwar in Partnerschaften leben, es aber verlernt haben, wirkliche und männliche Verantwortung zu übernehmen, die in einer Form der unerwachsenen Männlichkeit verharren und darunter leiden, ohne wirklich einen Ausweg zu finden. Männer die lieb und nett sind, aber nicht mehr leidenschaftlich sein können bzw. wollen. Männer ohne Eigenschaften.
Denn wollen sie anerkannt werden und politisch korrekt sein, müssen sie genau die Alleskönner sein, die die Frauen in den letzten Jahrzehnten zu Recht nicht mehr sein wollten. Nur wenn Männer anfangen darüber zu reden, dies wahrzunehmen durch Reflexion, Selbsterkenntnis und Veränderung, werden sie zu einer gleichberechtigten Beziehung mit einer Frau fähig sein. Bleibt nur zu hoffen dass dieses Buch des Shootingstars aus Frankreich einen erheblichen Wiedererkennungs- und Identifizierungsprozess in Gang setzt, an deren Ende ein Gespräch mit einem anderen Mann oder auch einer Frau stehen könnte; über das, was Männern nachgewiesenermaßen am schwersten fällt: Ein Gespräch über Gefühle.


Ein gerader Rauch
Ein gerader Rauch
von Denis Johnson
  Gebundene Ausgabe

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Weltliteratur!, 21. August 2009
Rezension bezieht sich auf: Ein gerader Rauch (Gebundene Ausgabe)
Ein gerader Rauch" beginnt am Abend der Ermordung von J.F. Kennedy. In zwei Hauptgeschichten, die parallel verlaufen, wird zum einen von Colonel Sands erzählt, der in dem Kriegsgebiet Vietnam eine Abteilung aufbaut, deren erklärtes Ziel es ist, den Feind psychologisch zu unterwandern und durch gezielte Desinformation zu zermürben. Zugleich wird das Schicksal eines Brüderpaares geschildert, von denen der eine Bruder in der Heimat als krimineller Säufer endet, während der andere als brutale Kampfmaschine im Dschungel Vietnams wütet und mordet. In diesem vielschichtigen Elaborat existiert aber noch eine unglaubliche Fülle von Geschichten, Menschen und Schauplätzen wie Arizona, Manila, Kuala Lumpur, der Dschungel und die Bordelle Vietnams. Hier landen Menschen, die in den Krieg getrieben werden: ohne Vorbereitung, ohne zu wissen, was sie dort alles an Elend und Schrecken erwartet. Die Unschuld die sie einst besaßen, verlieren sie in dem Krieg, aus dem keiner schadlos herauskommt - wenn überhaupt lebend. Keiner wird sich jemals wieder im zivilisierten Leben zu Hause fühlen.

Denis Johnson beweist mit seinem neuen Roman Ein gerader Rauch", dass er zu den wichtigsten Autoren der amerikanischen Gegenwartsliteratur gehört. Es ist nicht leicht, sich in diesem Roman zurechtzufinden, die wechselnden Perspektiven und chronologischen Sprünge verlangen dem Leser viel ab, sind aber notwendig, um das Wesen des Krieges zu charakterisieren. Man muss sich als Leser förmlich den Weg durch das undurchdringliche Dickicht des Dschungels frei schlagen. Dieses komplexe Beziehungsgeflecht, die nicht wirklich nachvollziehbare konstruierte erzählerische Ordnung und das Verschmelzen von biblischen als auch literarischen und symbolischen Verweisen sind Programm und verleihen dem wuchtigen Text eine wilde, halluzinogene Wirkung. Hier wird vom abseitigen Amerika erzählt, von Außenseitern und Einzelgängern, Gestrandeten und Freaks. Denis Johnson führt uns den menschlichen Niedergang seiner Protagonisten erbarmungslos vor Augen und zeigt schonungslos, wie der Krieg den Menschen für immer verändert. Der Autor war selbst Kriegsberichterstatter im Irak-Krieg und daher wirkt dieses Plädoyer gegen Krieg und Gewalt so absolut überzeugend. Trotz seines Umfangs von knapp 900 Seiten ist keine Zeile zu viel und dieses weise und ergreifende Buch ist spannend, mitreißend und
bewegend, wie ein Faustschlag in die Magengrube. Beim Lesen muss man immer an Joseph Conrads Herz der Finsternis" und an die Antikriegsfilme Apokalypse Now" oder Die durch die Hölle gehen" denken. Ein gerader Rauch" ist eine gewaltige Metapher für den Irrsinn des Krieges, für den Verlust der Menschlichkeit und das daraus entstehende traumatische Verlorensein. Dennoch schwebt über diesem Buch, das voller Traurigkeit, voller Rätselhaftigkeit, voller Mythen und Symbolik von der unfassbaren Brutalität erzählt, zu der Menschen fähig sein können, eine unzerstörbare Hoffnung. Eine Hoffnung auf Erlösung, Frieden und Sinn.


Träume von Flüssen und Meeren
Träume von Flüssen und Meeren
von Tim Parks
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

4 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schmöker mit Anspruch!, 21. August 2009
Als John James vom Tod seines Vaters im fernen Indien erfährt, macht er sich sofort auf den Weg zum Londoner Flughafen, um zur Beerdigung nach Delhi zu reisen. Sein Vater Albert James war ein berühmter Anthropologe, dessen Theorien nicht immer unumstritten waren und der seit Jahren in Indien lebte. Er starb an Prostata- krebs. John versucht im Trubel Delhis Erklärungen zu finden; Erklärungen über das seltsame und gefühlskalte Verhalten der Mutter Helen, die den Tod Alberts nicht wirklich an sich ranlässt. Als er nach London zurückkehrt, erreicht ihn ein verspäteter und unvollendeter Brief seines Vaters. Obendrein beginnt Johns Freundin, eine angehende Schauspielerin in London eine Affäre mit einem japanischen Regisseur und so flieht John erneut nach Delhi. Diesmal lässt er sich in einem billigen Hotel nieder, um mehr über das Leben seines Vaters zu erfahren: Warum schrieb sein Vater ihm kurz vor seinen Tod diesen mysteriösen Brief, in dem er über seine immer wiederkehrenden Träume von Flüssen und Meeren erzählt? Warum war die dreißigjährige Ehe zwischen Helen und Albert gar nicht so glücklich wie sie nach außen schien? Und warum lässt sich seine Mutter, eben erst verwitwet, mit einem Journalisten ein, der eine Biografie über den Vater Albert James schreiben will? Somit entsteht auf der Suche nach dem Leben eines Mannes, der viel mehr verkörperte, als alle Beteiligten zu wissen glaubten, ein Sog, dem man sich als Leser nicht entziehen kann. Plötzlich findet man sich in der Gluthitze Indiens, in dem Gefühlschaos, der Orientierungslosigkeit und den brodelnden Beziehungen aller Mitwirkenden wieder. John aber kann Indien immer weniger abgewinnen, für ihn ist Indien ein Land des Schmutzes und des Todes.

Auch wenn der Titel Idylle suggeriert und das Buch sich wie ein langsamer Fluss ausbreitet, wird einem im Verlauf der einzelnen Handlungsstränge deutlich, dass es hier um die Geheimnisse des Lebens geht und die wahren Beweggründe der Menschen, die dahinter stehen. Schicht für Schicht legt der Autor alles offen, die neuralgischen Punkte" im Beziehungsgeflecht der Figuren werden immer deutlicher und der Text wird immer rasanter.

Tim Parks zeigt meisterhaft, dass sich die Gewissheiten des Lebens und der Liebe von einem Moment auf den nächsten in Luft auflösen können, im Nichts verschwinden können. Dabei vermeidet er bewusst alle Klischees um Indien und die so häufig verwendete Indienkulissenexotik. Träume von Flüssen und Meeren" ist ein gradlinig erzählter und dennoch fulminanter Roman, der einem ein fesselndes und bewegendes Leseerlebnis bereitet. Am Ende ist man sich als Leser ziemlich sicher, dass dieses Buch seine Zeit überdauern und in die Literaturgeschichte eingehen wird.


Mirrored
Mirrored
Preis: EUR 17,79

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Fürwahr echter verschachtelter Prog-Rock, 13. Mai 2009
Rezension bezieht sich auf: Mirrored (Audio CD)
Ich gebe allen Rezensenten recht. Ein echtes Brett. Ausgetüftelte Gitarren, übereinandergeschichtete Fragmente. Progressive Soundeskapaden und innovatives Drums. Aber das Gesangsproblem ist doch sehr eigenartig gelöst. Merkwürdige gesampelte Falsettstimme, die zwar fugenhaft zusammengefügt ist, aber zu technoid und konstruiert daherkommt und teilweise einfach schrecklich dünn wirkt. Leider erschöpfen sich die kompositorischen Fähigkeiten, die Strukturen und Aufbau der Songs spätestens nach dem sechsten Stück und wiederholen sich etwas oft. Wie gesagt echt genial, aber eben mit Abstrichen!!!


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