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Faulpelz

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Risen - [PC]
Risen - [PC]

374 von 389 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Für Gothic-Veteranen und RPGler ein Muss, 22. Oktober 2009
= Spaßfaktor:5.0 von 5 Sternen 
Rezension bezieht sich auf: Risen - [PC] (Computerspiel)
1. Meine Gothic-Vorgeschichte (wer will, kann gleich zum Risen-Test weiterscrollen):

Schon Gothic 1 hatte mich damals fasziniert; kein anderes Spiel hatte es bisher geschafft eine derart atmende, glaubwürdige Welt zu erschaffen, die noch dazu mit interessanten Quests, Personen und liebevollen Details gefüllt war.
Gothic 1 war rau, brutal, fremdartig und dennoch schön und gehört neben Klassikern wie Baldurs Gate 2 oder Planescape Torment ganz oben auf meine Nostalgie-Liste.

Gothic 2 und das Addon DNDR schafften es dann mühelos an die Qualität von Gothic 1 anzuknüpfen. Zwar wirkten Welt und Story nicht mehr so ungewöhnlich und faszinierend wie beim ersten Teil, dennoch wurde man sofort in das Spiel hineingesogen, Ermüdungserscheinungen oder Langeweile gab es für mich erst nach dem Abspann.
Beide Spiele erzeugten quasi nebenbei unglaubliche Atmosphäre und Abenteurerfeeling; und darüber hinaus eine emotionale Bindung die man bei Software eigentlich selten hat. Gefühle für die sich andere Spiele abrackern und die halbe Welt explodieren lassen...und es dennoch scheitern.
Gothic zu spielen war für mich immer wie nach Hause kommen..keine Realitätsflucht wie sie viele Leute bei World of Warcraft betreiben, sondern eine Möglichkeit abzuschalten und abzutauchen in eine tiefe, atmosphärische Welt.

Doch dann kam Gothic 3:
Nach anfänglicher Begeisterungen, merkte ich schnell das mit diesem Spiel etwas nicht stimmt. Es gab nicht nur Bugs, Abstürze und Grafikfehler an jeder Ecke, sondern die Welt war auch seltsam leer und unlogisch. Selbst starke Charaktere der Vorgängerspiele waren zu simplen Stichwortgebern reduziert und optisch stark abgeändert worden (aus dem vormals schwarzen Greis Vatras wurde in Gothic 3 etwa ein weißer Jüngling und Lares bekam eine Glatze).
Kampfsystem und Balancing stimmten hinten und vorne nicht, Quests waren pure Lieferservice-Aufgaben, Dialoge bestanden meist nur aus wenigen Sätzen und eine nennenswerte Story wurde auch nicht geboten.
Kurz: fast alles was Gothic 1 und 2 so besonders gemacht hatte, war in Gothic 3 nicht mehr da.
Das Spiel war ein hübsches aber weitgehend seelenloses Hack'n'Slay, die detailverliebten Welten waren einem großen, schönen aber langweiligen Kontinent gewichen.

Meine Begeisterung für Gothic war damit erloschen und Piranha Bytes als Entwickler für mich vorerst zu den Akten gelegt.

2. Risen:

Deswegen war mein Interesse nach der Ankündigung von Risen auch nicht allzu groß.
Nach und nach sickerten aber Details durch, die mich aufhorchen liesen; das Spiel solle wieder mehr an Gothic 1&2 angelehnt sein, in einer kleineren Welt spielen und wieder nach dem Kapitelsystem funktionieren.

Und tatsächlich: Risen ist wie Gothic 1&2! So sehr, das es manchmal fast schon weh tut.
Es gibt wieder schräge Charaktere, lange Dialoge, gruselige Wälder und düstere Kavernen, fallenbespickte Tempel, finstere Nächte und detailliert ausgearbeitete Städte und Lager.

2.1. Gameplay

Genau wie schon Gothic 1&2 übt auch Risen relativ schnell eine Sogwirkung aus und man taucht ab in eine tiefe, interessante Welt.
Das Spiel bietet dabei ein sehr gutes Kampfsystem, bei dem jeder Kampf zur Herausforderung gerät. Anders als bei vielen Konkurrenten, muss man bei Risen nicht nur auf sein Timing achten, auch Positionierung und Kampftaktik spielen eine Rolle. Jeder Gegner verfügt über unterschiedliche Kampfmechanismen und immer wieder wird man überrascht.
So tritt man manchmal gegen Gegner an deren Schläge man mühelos blocken kann, nur um beim nächsten Gegner das Schild aus der Hand geschlagen zu kommen und dann ohne Deckung dazustehen. Andere Feinde weichen fast jedem Schlag aus, wenden fiese Tricks wie Eiszauber oder Gasattacken an um unseren Block zu durchbrechen oder sind einfach derart gut gepanzert, dass man sie nur durch Angriffe auf verletztliche Stellen knacken kann....die gerne auch mal am Hinterleib des Wesens liegen.

Darüber hinaus lernt man mit jeder Stufe neue Waffenskills dazu; prügelt sich man Anfangs noch schwerfällig wie ein Steinzeitmensch, tänzelt man später elegant durch die Gegnerreihen und kann selbst harte Gegner allein durch Taktik besiegen.

Das Nahkampfsystem funktioniert also prächtig, auch der Fernkampf macht eine gute Figur (ist aber nicht so umfangreich ausgearbeitet wie der Nahkampf). Weniger gut hat mir das Magiesystem gefallen. Es gibt zwar viele originelle Zauber (Verwandlungen, Levitation, Illusionen oder der sympathische Skelettbegleiter "Fred"), dennoch fehlt es im Bereich der Kampfzauber deutlich an Umfang und Abwechslung. Außerdem werden einige Zauber viel zu schnell viel zu stark: später bombt man Feindgruppen einfach nur noch weg, während man Anfangs pausenlos mit Manamangel zu kämpfen hat.

An den Quests habe ich wenig auszusetzen; sie erzählen oft kleine, nette Geschichten und bieten immer wieder Überraschungen. Gothic-Veteranen schmunzeln aber über den Schwierigkeitsgrad, denn insgesamt gibt es selten wirklich herausfordernde Quests. Schwierig sind nur die Aufgaben, bei denen man mit stärkeren Gegnern konfrontiert wird...besonders innerhalb der Stadt und des Banditenlagers wird man hingegen kaum gefordert, auch wenn es durchaus viele gute Ideen gibt.

Ein Questbeispiel:

Der Händler Konrad ist ein cholerischer Schnösel. Gleich bei der ersten Begegnung mit dem Helden beschimpft er diesen, er hält ihn für einen Bettler oder Langfinger.

Man erfährt dass Konrad dem Bandit Weasel ist er schon lange ein Dorn im Auge ist, denn Konrad weigert sich Schutzgeld für sein Handelshaus zu zahlen...schließlich hat die Inquisition nun das sagen in der Stadt und die Banditen haben keinen Grund mehr, noch Gelder einzutreiben.
Dennoch ist Weasel scharf auf Konrads Gold und bittet nun den Helden einen Weg zu finden, Konrad eins auszuwischen.
Von der Bäuerin Tilda, die in ihrer Not für den despotischen Konrad arbeitet (was wiederum zu zwei seperaten Quests führt), erfährt man, dass Konrad ein besonders herzliches Verhältnis zu einer Kuh namens Bertha pflegt....diese befindet sich in der Stallungen der Inquisition im Norden der Stadt.

Nun hat der Spieler die Wahl den kantigen Weasel zu verpfeifen oder Konrad eine unschöne Überraschung in seinem Bett zu hinterlassen. Für letzteres muss man allerdings erst mehrere Wachen überwinden oder ablenken, eine wehrlose Kuh ermorden und nachts über die Dächer im gut gesicherten Haus des Großhändlers einsteigen, während nur wenige Meter entfernt die Inquisition patroulliert. Atmosphärisch.

Die Quest um Konrad ist dabei nur eine unter vielen, alles in allem ist man gerade in der Hafenstadt mindestens 8 Stunden nur mit Nebenquests beschäftigt, von denen viele wirklich originell sind. Leider gilt dies nur für das erste von vier Kapiteln, denn danach dreht sich fast alles nur noch um die eher langweilige Hauptquest, die leider aus vielen Hol- und Bring-Aufgaben besteht.

Dennoch gibt es weiterhin immer wieder interessante Quests; etwa eine Schnitzeljagd quer über die ganze Insel, bei der man zusammen mit der Piratentochter Patty nach ihrem Vater forscht, die Lüftung der Legende des sogenannten Gyrgers, eines Fabelwesens, von dem niemand weiss ob es existiert oder der Rettung eines entführten Druiden, den man nur mittels Spürhund finden kann. Etc. Etc.

Das Spiel steckt also wieder voller toller Ideen, auch die Welt ist schön gelungen und wieder sehr gefährlich geraten (wer zu neugierig und unvorsichtig ist, wird sehr schnell sterben).

Grafisch ist das Spiel größtenteils traumhaft; besonders die Lichtstimmungen sind fabelhaft gelungen.

2.2. Kritikpunkte

Doch neben viel Licht gibt es leider auch Schatten.

Wie bereits erwähnt ist die Hauptquest größtenteils eher langweilig ausgefallen. Darüber hinaus ist auch die Story nun wirklich nicht originell, sowohl Gothic 1 als auch Gothic 2 haben hier eindeutig Pate gestanden...quasi alles was in Risen thematisiert wird, kennt man schon aus früheren Spielen.

Ab dem dritten Kapitel kriecht man überwiegend durch Dungeons, welche leider überraschend schnell eintönig werden, da man immer wieder den selben Gegnern und gleichen Fallen begegnet. Hier wäre mehr Kreativität nötig gewesen.

Darüber hinaus erfährt man nur wenig über die Welt von Risen; es gibt kaum Hintergrund, nur der Großinquisitor Mendoza hat hier einiges zu berichten.
Hier und da erfährt man mal Namen von weit entfernten Städten oder schnappt Details über die Lage am Festland, fernab der Insel Faranga auf. Alles in allem bleibt Risen in dieser Beziehung aber hinter den ersten beiden Gothics zurück und wird von Konkurrenten wie The Witcher, Mass Effect oder Baldurs Gate 2 gnadenlos abgehängt.

Die Welt von Risen ist überwiegend die, in der man sich im Spiel bewegt. Von Geschichte, Kultur, Religion und politischen Verhältnissen erfährt man nur Bruchstücke. Schade.

Darüber hinaus wirkt die Figurendarstellung des Spiels veraltet. Viele NPC-Gesichter wiederholen sich ständig, darüber hinaus gibt es (abgesehen von den Lippenbewegungen) keinerlei Gesichtsanimationen und die Gestik wirkt oft übertrieben und holzpuppenartig. Hier hat man auf dem PC schon viel besseres gesehen und den ansonsten sehr guten, zotigen und oft wirklich urkomischen Dialogen geht so leider doch einiges verloren.
Grade in der (häufig eingesetzten) Nahaufnahme merkt man, dass für Risen 2 hier noch deutlicher Aufholbedarf besteht.

Insgesamt fehlt es auch etwas an echten Bindungen zu den NPCs. Gab es in der Gothicserie noch immer wieder kehrende Charaktere und Ratgeber wie Diego, Gorn, Milten, Lester, Lee, Lares und Xardas, reduziert sich dieser Faktor in Risen nur auf wenige Charaktere, von denen höchstens die clevere Patty oder der Oger Dork wirklich im Gedächtnis bleiben.
Es fehlt zwar nicht an markanten Figuren, jedoch sehr an emotionaler Bindung zu diesen. Anders als in Gothic 1 und 2 ist der Held von Risen nicht in ein soziales Netz eingebunden...er wirkt mehr wie ein Besucher, der mal eben die Probleme auf der Insel wieder richtet und immer einen trocken-sarkastischen Spruch auf den Lippen hat.

Das ganze nimmt zwar nie die Ausmaße des eher anonymen Gothic 3s an, dennoch fühlte ich mich der Welt von Risen weniger verbunden als noch Khorinis oder dem Minental...selbst die Tode wichtiger Figuren berührten mich kaum.

3. Fazit:

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Risen ist ein klasse Spiel.
Es läuft stabil und bugfrei, sieht gut aus und macht viel Spaß. Es motiviert zumindest in den ersten beiden Dritteln zu jedem Zeitpunkt und entblößt auch nur wenige Schwächen. Sammler werden an jeder Ecke fündig, selbst auf entlegenen Berggipfeln stößt man auf Schätze oder sogar versteckte NPCs!

Musikalisch ist das Spiel ein Ohrenschmaus, auch Geräuschkulisse und Dialogvertonung sind erstklassig. In Sachen Steuerung, Balancing und Kampfsystem ist ebenfalls fast alles in Butter, nur das Magiesystem hätte mehr Umfang und Liebe verdient gehabt.

Dennoch gibt es von mir nur 4 von 5 Sternen. Wieso? Weil noch extrem viel Potential nach oben besteht!
Piranha Bytes hat mit Risen bewiesen, dass sie noch immer liebevollere, detailreichere Welten erstellen können als die komplette Konkurrenz. Aber sie haben auch bewiesen, dass sie sich storymäßig seit Gothic 1 nicht mehr steigern konnten...und es scheinbar nicht mal versuchen wollen!

Für Gothic-Fans ist das Spiel so gut wie Pflicht, ebenso sollten Liebhaber guter, fesselnder Rollenspiele oder Action-Adventures zugreifen. Personen, die mehr Wert auf strikte Storyführung oder tiefsinnige Geschichten legen, sind allerdings aderswo besser beraten.

Ich hatte viel Spaß mit dem Titel, hoffe auf einen Nachfolger, der die wenigen Kritikpunkte verbessert und bin insgesamt sehr zufrieden, dass das Gothic-Prinzip immer noch aufgeht.

Risen ist kein Meisterwerk geworden, aber ein spannendes, niveauvolles Spiel, das das Genre bereichert und die alten Fans zufriedenstellen kann.
Kommentar Kommentare (15) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 19, 2012 2:52 PM CET


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